Und über mir das Meer

Ihren Flammen verwoben tropft die grüne Fee in das Grab. Da senkt man die Mutter hinab, durchs blaue Irrlicht und den Wermutseim, smaragd und Anis rinnt auf ihren Körper, den alten im schwarzen Gewand. Ihr zahnloser Mund, die weißen und die grauen Runzeln, diese spitzige Nase, die riecht den Gedanken, der nicht der ihre ist, der darf nicht sein. Das dürre Haar wie ungeschnittene Rosenbüsche im Winter und der zugekaufte Dutt, viel zu hell und zu jung abgeschnitten der rechtmäßigen Trägerin. Das hat sie gekauft, das fremde Haar, das junge Haar Gold – wenn das doch nur die blauen Flammen hinwegnähmen, dann wären Gesicht und Haupt eins in Alter und Dürre. Die aber lebt noch, die ist nicht tot, die Totengräber ziehen sie aus dem Grab hinauf an ihren knochigen Armen, darin fließt noch Blut. Die bedankt sich, drückt jenen ein paar Sous in die Hände. So also ist es im Grab, spricht sie und lächelt. Da unten beginnt das Jenseits mit dem satten Duft der Erde, so schwarz. Oh, hätte jemand Choräle gesungen, ich hätte mich eben schon auf halbem Wege zum Himmel gewähnt. Und hätte die Würmer verlacht, und wenn sie auch von meinem Kadaver zehrten, ich wär schon fast beim Herrn, da kann ich getrost zu Humus werden. Das wird mein erhabenes Grab, der Stein ist schon ausgesucht und bezahlt, die Erde ist fett von den Toten im Herrn. Und auf den Kirchhofsmauern Buchfinken, bunt und Amarante und Astrilden, die singen engelsgleich um die Kinder, die Armut und Diphtherie dem Leben stahlen und dort unter dem Holderbusch schlafen. An der Tuffsteinmauer aber hundert Raben, Sendboten des Dunklen, die krächzen hungrig um das Bein meines Sohnes zwischen Löwenzahn und Klee am Tuff verscharrt wie ein ungesalbtes Kind. Wollen das die Würmer haben, das vom Krebs zerfressene Bein, das Sünderbein, dem die schmerzende Belohnung ward fürs Wegrennen von der Mutter und die Sünden von Sodom… Will nur hoffen, daß Gott mich nicht spüren läßt, was der Sohn sündigte.

Eppich, Nessel, Indigo, Safran, Fenchel, Wermutöl: la verte – welche Bilder jenseits der wallenden Flammen wenn blau und gold der Alkohol verbrennt. Läßt mich meine Mutter nie in Ruhe? Spricht sie Nachrufe selbst meinem verscharrten Bein in dem brennenden Absinth? Schmerzt der Stumpf noch nicht genug, will sie dem im Grab noch mit ihren Litaneien, Novenen und Bußgesängen ihre fromme Milch aufspritzen aus ihren verschrumpelten Brüsten, Lappen, Muttereutern. Liebfrauenmilch aus dem Mutterleib, süß wie Honig, der klebt. Nimm die Titten weg, die du mir hinhälst, weil du meine Mutter bist. Ich werde nicht satt aus deinen Tutterln. Tutterlpflicht, Milchzwang dem Kind, damit die Mutter sich fühlt als Mutter. Die stillt das Kind, die stillt das Kind, die stillt das Kind, das soll doch endlich still sein und an den Warzen saugen, den braunen Mutternippeln, die machen das Kind erst zum Kind der Mutter. Drüse, Brustgekrös – Nimm diese Mutterlappen weg, wisch sie mir nicht mehr durchs Gesicht, ich will deine Milch nicht, sie schmeckt nach Erde und Grab. Es ist ein Ekel um die Muttermilch, lieber wäre mir eine Amme gewesen, die hätte auch ihre Pflicht getan, die aber um ehrliche Bezahlung, nicht um Kindesliebe. Die Mutter gibt die Milch, dafür muß das Kind sie lieben. Das widerliche Milchidyll in den Dörfern, vor dem Haus auf der Bank zwischen Stockrosen und Gladiolen: da reicht die Mutter dem Kind die Brust, Sanftmut des Säugens, das adelt sie, wenn sie dem Kind öffentlich die Brust gibt. Sein Leben lang soll sich das Kind bedanken für Milch gewordene Mutterliebe. Vor der Geburt und nach der Geburt zehrt das Kind vom Körper der Mutter wie Südseeinsulaner ihre Feinde verspeisen, das macht die Kannibalen stark. Mother ekelte sich selbst vor ihrer Milch, die hätte zu gern eine Amme gehabt. Doch der Sold des Offiziers reichte nicht aus dafür und der versiegte ganz als der Kasernenhofschwengel das Hasenpanier ergriff vor der Familie und sein Heil suchte in der Flucht und im Suff. So mußte sie selber die Muttermilch geben. Das war ihr Martyrium, wenn der Säugling, schon sinnlich, ihr die Nippel beschmatzte. Das war zu beichten, diese Sinnlichkeit des Kindes, das weckte, so klein noch, unkeusche Gedanken und wären Vaterunser nicht und Rosenkränze gewesen, wie hätte sie dem sinnlichen Säugling widerstanden. Erlösung kam mit dem Leid: Ödeme, Brustentzündung, Milchverhaltung – Quarkwickel und Ringelblumensalbe, die sollten den Eiter und den Schmerz aus dem Busen ziehen, den das Kind ihr hineingesaugt hatte. Erst die bedrohende Sinnlichkeit und dann – so klein und eben erst auf der Welt – macht es ihr auch noch Schmerzen. Sie tut doch alles für ihr Kind und was ist der Dank? Ich will doch nichts, nur gehorsame Kinder. So lautet auch das vierte Gebot, auf daß es Dir wohl ergehe im Mutterlande: wer seine Mutter nicht ehrt, der sei des Todes. Aber Gott ist tot und die Mütter leben.

Ist noch Zucker in der Dose aus Delft, her mit dem Klumpen. Der Löffel ist schon verklebt vom durchtränkten Kristall, leck ihn ab: ein rauhes Karamell der Zunge und dumpfer Fenchelgeschmack. Der kriecht in die Geschmackspapillen und betäubt dir die Schleimhaut im Munde. Ich würde jetzt so gerne sprechen, rufen, kreischen, jaulen, schreien, aber das Sprechen lahmt. Die grüne Fee legt dir den Fenchelfinger auf den Mund, sei stumm, sie kommt mit Bildern, die seltsame Bilderstürmerin, will heißen, die stürmt mit Bilden herbei, die flackern wie im Zoetrope: da springt ein Hund durch den Reifen des Mädchens, immer wieder hindurch, immer wieder hält sie den Reifen empor und der Hund springt und springt erneut und erneut immer den gleichen Sprung, immer das gleiche Mädchen mit fliegenden Zöpfen, im Röckchen und der nämliche Hund, der dämliche Hund, immer wieder durch den Reifen, immer wieder immer wieder immer wieder. Das endet nie. So war´s schon immer und das endet nie!

Ich kann jetzt nicht mehr durch den Reifen springen, das eine Bein fehlt, abgeschnitten überm Knie. Das Schneiden und das Sägen waren schärfer als der Schmerz zuvor im Gelenk. Das Chloroform war nutzlos, das ekelte mich wie die Milch der Mutter, das kotzte ich wieder aus wie in einer Schänke den Fusel. Ein wenig Nebel blieb mir, der reichte dem Arzt. Wie das Skalpell mir die Haut durchtrennte, das war nicht zu spüren, das ging so scharf und so glatt, eine Verwunderung bloß dieser rasche Schnitt durchs Gewebe, durch Haut und Muskelfasern und Sehnen, kaum was zu spüren, es rann das Blut zögerlich, bloß Kindertränen, rubin, aus dem abgebundenen Schenkel. Aber als die Säge durchs Fleisch drang und ihre Zacken den Knochen ritzten und ritzten und rakten und schnarrten – DAS ging durchs Gebein und durchs Mark.

Ist das Leben in den Knochen, innen in den Knochen? Aus welcher Leibeshöhle holte ich den Schrei? Wo schoß der herauf wie ein Sturm durch den Rachen? Der füllte den Raum, der mußte doch alles verdrängen in der Ordination, der ließ keinen Platz mehr für den Operateur, die Schwester und mich. Mein Schrei machte alles eng. Das war ich: ich prallte, ein Schrei, in den Raum, nichts blieb mir von mir übrig als dieser Schrei, nicht einmal Ohnmacht, die kam nicht gnädig über mich, keine sanfte Hand Schwarz. Mein Schrei war größer als ich und mein Schmerz war größer als ich – das wollen die Menschen nicht hören. Die Ärzte gewöhnen sich das Mitleiden ab, sonst könnten sie nicht schneiden ins faulige Fleisch, in zerfressene Knochen, ins Wuchergewebe. Festgeschnallt und den nutzlosen Rest Chloroform in Nase und Lunge – der kachelte meine Atemwege aus – konnte ich, ein angeschmiedeter Sklave, nur den Kopf anheben und sah alles: wie das Sägeblatt mir durch den Schenkel fuhr und seine Zacken, das Gebiß des Schmerzes, rausschaben hinterm Knie und sah den Blutfluß, gehemmt und abgebunden erst und dann den pulsenden Strahl Karmesin aus der Schlagader. Die wurde abgeklemmt und verödet. Und hörte das Bein auf den Tisch prallen, ein Gedumpf von Verlust. Und sah wie das Bein hinweggetragen wurde in einer dreckigen Sackleinwand. Und spürte gleich das Phantom wo mein Bein nicht mehr war. Mein Schrei füllte noch den Raum. Dann der Kauter, noch einmal ein Schrei: ein verwesendes Geklammer, Geschrei und Gestank von kohlendem Fleisch. Und keine Gnadenohnmacht.

Das war die zweite Saison in der Hölle, wo die Inkubusse, rabenhäuptig und mit Bärenklauen die Haut abziehn den armen Sündern und ihr Fleisch entbeinen und die Gebeine selbst zersägen, um daraus das Mark zu schlecken. So verfährt der teuflische Geliebte, der Buhlteufel mit seiner Sklavin, nachdem er ihr aufgehockt.

Aber das ist nicht neu, ist nicht neu. Die Sklaven und die Liebenden müssen immer das Mark hingeben, damit sie geliebt werden. Erst wenn das Mark verzehrt ist, ist kurze Ruh bis wieder neues Mark da ist, falls es neues Mark gibt.

Zwei Seiten einer Münze, nach vorn das Mark – und Avers: das Avers. Mit dem Hintern über Pauls Gesicht gewischt, die Backen ihm am Bart und über die schweißnasse Glatze. Ich war die Konkubine eines kahlköpfigen, hässlichen Poeten, die drückte ihm den vollen runden Arsch auf den gierigen Schlund. Ein Geschleck und Geleck unten in meiner Kimme und mit den Augen der Sphinx, die eigentlich alles weiß, doch nichts tut, hatte ich seinen weichen Körper im Blick, das war kein Soldatenkörper stramm und fest und aufgesetzt, das war ein Körper wie ein Schwamm voll Fett, dem saß ich auf, geritten, par force wie auf der Rennbahn und über die Hecken gesetzt im Galopp, vier Füße fliegen und das Tier mit den zwei Rücken und zwei Bäuchen und gemeinsamer Luftnot, oh, die ist geil, rast dahin. Das kann eine Mutter nicht denken, das muß noch obszöner werden und ungesättigter mit jedem Stoß mir ins Gekröse. Das wird ihre Schulbuchfibelphantasie nie ersinnen können, wo sie doch immer sinnt und spinnt und sich das rauhe spelzige Flachs ihrer Phantasie zu Wandbehängen webt, die wärmen sie im Winter, ihre Teppiche von Bayeux: die erzählen von Überfahrt und Schrecknis zur See und Tapferkeit und Mannestum und Mannesruhm und Sieg und Erlösung im Jenseits nach all den durchduldeten Leiden, denn Leiden muß man, das ist gottgefällig.

Die Mütter leiden immer, sonst wären sie keine Mütter, ihr Leiden tagen sie als eine Monstranz vor sich her, ein Gefäß ihrer Tränen aus der Scham und dem Schuldgefühl der Kinder kunstgeschmiedet. Und wären die Götter selbst tot, die Mütter würden leben, die trügen noch immer diese Monstranz ihrer Tränen. Die küssten den kalten Kristall im Strahlenkranz der Mütterlichkeit, darin die Tränen sich ein ums andere Jahr verflüssigen wie das Blut in der Phiole in Neapel.

Küsse wie das erst süße und dann bittere Karamell des Zuckers, der rinnt hinab durch die Löcher im Löffel ins Glas und milchig wie der Same eines Mannes, trüb und milchig, längst nicht mehr süß. Was kann man diesen süßen Lügenküssen der Mütter an bitteren ehrlichen Küssen entgegensetzen? Die Küsse auf Pauls Arschloch, die waren ehrlich, denn ein Loch aus dem die Scheiße quillt, kann ehrlicher nicht sein. Ein Schwarzbeerloch, in das ich meine Rute dränge und mit Rabenschreien spritze, das soll nicht fruchtbar sein. Diese Flut gehört nur mir und niemand sonst und soll nicht befruchten. Wohin ich mein Leben spritze, gehört nur mir. Ich will nicht lügen müssen, daß ich ein Kind liebte, das aus dem Schmutz der Sinnlichkeit geboren wurde. Das glauben die Mütter im Herrn, die sehnen sich danach so rein zu sein wie die Jungfrau, selbst schon ohne Sinnlichkeit empfangen und empfing durch das Ohr den unwirklichen Samen des heiligen Geistes. Da erstick ich doch am Gelächter, homerisch – diese Jungfrauseligkeit, die den Müttern die Liebe für ihre Kinder nimmt, denn Menschenkinder sind in Schmutz und Sinnlichkeit empfangen. Keine irdische Mutter, die im blauen Gewand leiblich zum Himmel aufführe. Kann sie nicht im azurnen Mantel und leiblich hinauf, so läßt sie sich demütig, glaubt sie, vor Gott hinabsenken ins Grab. Die Apotheose der Todessehnsucht, die muß Gott doch rühren. Die Mütter berauschen sich, indem sie sich erniedrigen bis zum Tod und singen ihre Litaneien:

Maria, Mutter mit dem Himmelssohn,

du schönstes Bild der Mütter und der Frauen,

sei unsere Mittlerin an Gottes Thron!

Wir flehn´ zu dir mit kindlichem Vertrauen:

Maria hilf, daß keins verloren geht,

für das ein Mutterherz in Sorge steht!

Behalten wollen die Mütter ihre Kinder, die lassen sie nicht aus, die Klammerfrauen, die Halseisenmütter, die Knebelmütter – die lassen ihre Kinder nicht aus, genau wie der Herr seine Geschöpfe nicht ausläßt, der läßt sie taufen und segnen und firmen, so daß sie ihm in Ewigkeit verfallen sind und will Anbetung, immerwährend und auf Knien krauchend im Staub, der erwartet Unterwerfungsgesänge. Sowas singt die grüne Fee nicht im dürren Mütteralt, nein, die singt wie Kastraten, Koloratur ohne Folgen und ohne Befriedigung. Da bleibt man durstig.

Verdammt, das Streichholz ist feucht und zündet den Würfel Zucker nicht überm Glas, wo ist das Sturmfeuerzeug, die Liebesgabe von dem Soldaten aus Charleville, ein Traum im Frühling, der lauerte mir auf, der hatte mich auf der Straße gesehen, den wüsten Schopf und das fadenscheinige Gewand, der wollte mich küssen, zog mich hinter einen Schober, gab mir aus Maine Calva und Zigaretten mit Rosenaroma aus Konstantinopel, die hatte er seinem Leutnant geklaut. Für Schnaps und Kippen griff er mir unters Hemd und zog mir den Hosenbund runter im Grün, wo der Bach sang, und wo er töricht Silberflecke in die Gräser hing. In der Glut des mittags und des Tales nahm er mich, ich war es, was er wollte, der wollte meinen Arsch, der wollte mich, und meinen Nacken bedeckte der mit Küssen, der namenlose Soldat. Der sackte zusammen, als ihm die Silberflecken in mich ausrannen und hatte kein Wort mehr für mich, kein Wort für meinen Schopf, kein Wort für meinen Nacken. Der fiel wortlos in die Kresse unter dem Himmel, die Füße in den Gladiolen und lächelte wie ein krankes Kind und blieb kalt. Ich hatte ein ewiges Loch in meinem Körper, zu dem war er nicht durchgestoßen und er, er hatte zwei rote Löcher in der rechten Hüfte. Zwei rote Löcher, preußische Geschütze im Leib, die drangen bis zum Mark in der Hüfte. Da mußte ich doch fort aus Charleville, denn ich konnte das beschreiben, die roten Löcher beschreiben und empfinden, das kapierte keiner in Charleville, das durfte keiner wissen. Was verstanden die von Sodom außer Untergang. Da ballte ich die Hand auf der Brust, denn ich sollte nicht beschreiben und sollte nicht empfinden, ich sollte nicht schreiben, ich sollte fleißig sein ohne Flausen im Kopf und Kaufmann werden. Ich sollte lesen das landwirtschaftliche Journal; Gebetbücher lesen und auswendiglernen, man muß nicht verstehen, was drinsteht, man muß nur die Lippen bewegen wie die Mütter in der Andacht die Lippen bewegen. Das muß einem leicht von den Lippen fließen, der Lippendienst, das Knien und sich Fügen muß einem leicht in den Körper fließen, der muß sich ducken und beugen.

Da ist ein Vater im Himmel, auch wenn dein Vater nicht da ist, davonlief; aber vielleicht lief der Vater im Himmel, wenn er je da war, vor langer Zeit schon davon und ließ seine Kinder im Stich, damit man ihnen in die Hüfte schießt, damit man ihnen die Beine amputiert und kauterisiert, damit sie sich in die Gräber hinabsenken lassen. Einen Vater hast du, mag der auch nicht sichtbar sein genauso wie dein leiblicher Vater. Der Vater im Himmel aber will alles von dir wissen, was du denkst, was du fühlst, was du tust, damit er dich richten kannst, damit du dich selbst zermürbst, bevor er dich richtet. Aber es kam kein leiblicher Vater, zuzuschlagen, als den Schwanz in der Hand zum ersten Mal diesen Rausch ich erfuhr wenn der Same hervorschießt. Und der Vater im Himmel sandte keinen Blitz und keinen Donner, der schlug mich nicht mit Blindheit und Rückenmarksschwindsucht – ich spritzte in die Laken meines Bettes und wußte, da ist kein Gott und der Vater ist weit. Es ist aber die Mutter da, die die Flecken sieht und waschen soll und den Sohn übersät von Flecken sieht, ihn verflucht für seine Sünden und verflucht für seine Gedichte. Gedichte sind wie der Samen, der durch den Schwanz schießt, gewaltig und mit Worten wortlos – das ist nicht zu beschreiben, Gedichte feiern das, was zwischen Hand und Schwanz geschieht, doch sie beschreiben´s nicht. Und beschreiben nicht, was zwischen Mund und Schwanz und Arsch und Schwanz geschieht, sie sind der Weinschaum, von einem hellen Spätsonnenstrahl umsäumt, ins hohe Glas gestürzt. Ein Nichts und doch alles: das will getrunken sein. Und Bier und Wein und Sonnenstrahlen, spät – und hohe klingende Gläser und all das andere, das mother schmutzig und undenkbar, einen Knabendreck nannte, das wollte die Mutter nicht. Die gab mir als Säugling ihre Brust, widerwillig, doch sie gab sie mir, gab mir zahnlosem Kind den Hirsebrei mit Wasser und Milch und an Sonntagen später Omeletten und einmal im Monat ein Huhn mit Perlzwiebeln und Pilzen, die fütterte mich und schickte mich oft ohne Abendessen ins Bett. Da sollte ich nachdenken, was ich ihr angetan hatte, wie falsch ich war, wie ohne Mutterliebe, will heißen ohne Liebe zur Mutter. Der war schon der Mann fortgelaufen, da konnte doch wenigstens der Sohn ihr zu Willen sein, den hatte sie doch gemacht, der kam aus ihrem Leib heraus, den hatte sie getragen unter ihrem Herzen und genährt mit ihrem Fleisch und Blut. Da war es nur gerecht, daß sie ihn mit Hunger strafte, wenn er sich benahm wie er wollte, als wäre er nicht ihr eigen Fleisch und Blut. Sonntags wurde ich gestopft, das war am Tag des Herrn und wochentags mußte ich fasten. So blieb ich dürr, es spannte nur Haut über den Knochen. Aber wenigstens diese Haut liebte Paul und küßte sie und prustete an meinem Arsch, dem schmalen, wie eine Mutter ihrem Kind den Hintern anprustet vor Vergnügen und Freude weil sie den Arsch ihres Kindes liebt und das Kind liebt sie dafür. So liebte ich Paul für das Prusten, das ich bis dahin nicht kannte. Der fütterte mich auch mit Coq au Vin und foie gras und seinem Schwanz. Das war anders als die trockene Brust, das war die Milch der trunkenen Denkungsart. Der salbte mich so wie einen Infanten! Salut Sire, le seul vrai roi de ce siécle!

Angst hatte der vor Küssen, zehn Jahre älter als ich und bald Vater, wie hatte der ohne Küsse gezeugt?! Der konnte Frauen nageln wenn er mußte, aber küssen konnte der nicht. Der hatte einen losen Mund, einen hohlen Mund, einen Mund, einen Schlund, ein Maulloch, das spie Gedichte aus und das war schwer zu küssen, diese schmalen Lippen, diese Ritze im Gesicht, bösartig, schartig, gemein. Ein Ziegenbart, ein Ziegengesicht, ein Ziegenkopf, ein Bock enthornt, dem blutete noch die Stirn von dem Draht mit dem man die Böcke enthornt, die Hörner reibt und reißt bis es qualmt. Der hatte aber noch sein Gemächt, der brauchte keine Hörner, der hatte noch die Nase mit der er roch, ob einer brünftig war. Und ich schick dem das Trunkene Schiff, das roch dem noch viel süßer als Kindern verbotene Äpfel. Das war dem Grantapfel, Quitte und Paradeiser, rot und gold und rot, die Farben fehlten im Paris der Commune. Ich sollte sie ihm bringen, keine Lilien mehr doch Gladiolen. Da kam ich über ihn wie ein Regen. Ich wußte Bescheid über Dürren, lange bevor ich das Wort kannte fürs Vertrocknete, Brüchige, Verdorrte. Kinder müssen immer regnen, die haben soviel Tränen. Junge Männer müssen immer regnen, die haben noch viel Samen.

Paul war keine Reede, kein Kai, noch nicht mal ein Steuermann – ich war Steuermann und Kapitän und Schiff, das segelte durch die Fluten der Grünen Fee, mit der machte er mich bekannt. Die kannte er, die küßte er auch nicht, aber verschlang sie. Fenchel, Wermut und Angelika, wer kann dem widerstehen. Ich konnte dem Bock nicht widerstehen. Dem Bock, der gierig auf Lämmer schielt. Agnus Dei, was wurde der am Ende fromm! Erst ich und dann der Heiland! Rosenkränze, Samenkränze, Vaterunser, Gottesmutter, alles die gleiche Mischpoke. Warum soll man an Gottesmütter glauben, und nicht an grüne Feen, an Gottessöhne so seltsam wie Einhörner, an die glaubt doch keiner, er wäre denn trunken! Erst umklammert er meinen Schwanz und dann das Kreuz. Wie erbärmlich. Und habe ich mich nicht erbarmt? Er war damals noch fast ein Kind, von mir will ich nicht reden. Mit seinen teuflischen Köstlichkeiten hat mich betört, mit seinem Mezzotintoworten malte er mir die Zwischenreiche seiner Seele, der häßliche Faun. Was floß dem nicht aus Mund und Augen: Paris und Poesie, die schrieben wir mit einer Hand.

Mußte ich nicht zu ihm kommen, die kleine Stadt, die niedrige Mutter, die leergelesene Bibliothek in Charleville, die Schule, in der ich nichts mehr lernen konnte, die mageren Kühe auf der Weide vor der Stadt, all den Mist in den Taubenschlägen und Ställen, das mußte ich doch verlassen, das Geschwätz der Mutter, die Blicke der Mutter, die dumm blickende menschliche Verantwortung! Was für ein Leben für zwei Monate, was für ein Leben. Aber besser nur zwei Monate, als dieses Leben nicht gehabt. Doch das denkt man im Rausch der ersten Empfindung, keine Verantwortung, nur das Leben leben mit den Unterleibern aufeinanderprallen und den Küssen, die sich verflüchtigen wenn man die Hörner auf des Freundes Stirn entdeckt, wenn man entdeckt, daß er schon andere Jungfrauen zugerichtet, zugeritten hat. Das ist genau derselbe Teufel! Was für ein Leben mit einem Teufel, der seinen Brotsack aufhält, in den man hineinschmeißen muß, Küsse und Sperma und Gedichte und den eigenen Atem und die ganze Zärtlichkeit, die ganze, bis keine mehr übrig bleibt. Bis man merkt, das wirkliche Leben ist immer anderswo, nicht im Himmel und nicht in der Hölle. Wir sind nicht in der Welt!

In den Kneipen weinte er Tränen den Huren, diesen Kühen des Elends. Und dann streiften seine Finger über meinen Leib, Jäger auf der Pirsch nach Vergessen. Der durfte jagen und schießen und jedes Mal träumte ich, jetzt dringt der in mich und ich in ihn. Aber er war schön wie eine Christbaumkugel, aufgeblasen, silbern, goldgetränkt und hohl! Der Spiegel Christbaumkugel: ein vollkommen leerer Palast. Ich sollte den meublieren, ich sollte den verzieren, ich sollte den beleben mit „Ich verstehe dich!“ Ich hab es versucht bei Gott, den ich verfluche, den ich verleugne, den es nicht gibt. Bei Gott, ich hab es getan, ich hab ihn verstanden und breitete mein Verständnis, eine wärmende Decke, über ihn, aber die war nie groß genug und warm genug. So wiederholte sich mein Elend.

Wir waren zwei liebende Kinder mit der Freiheit im Paradies der Trauer zu spazieren. Der hatte seine Mutter, ich hatte meine Mutter, die trugen beide keinen blauen Marienmantel. Ich kannte ihn doch genau, noch bevor ich ihn traf und dachte er wäre wie ich wenn ich ihn umarmte. Aber er war wie ich. Ich dachte, ich gewönne die Welt wenn ich ihn küßte. Während draußen in den Straßen kartätscht wurde und barrikadiert, schossen wir aufeinander von hinter unseren Barrikaden.

Ach Suff, du süße Mattigkeit, du langsamer Fluß Vergessen und Verderben, du leber- und hirnzersetzende Gnade, du Branntwein, Wermut und Liqueur, ich habe nicht genug gesoffen, das Thujon hat mir nicht den Verstand verätzt. Ich habe nicht gezittert, ich hab noch nicht das saure Aufstoßen gehabt von zuviel Magensäure, ich habe nicht genug an Katern gehabt und dumpfem Kotzgeschmack und Nebel, es hat nicht gereicht, mich vergessen zu machen. Ich bin noch nicht kaputt genug, ich lebe noch, das ist kein Triumph. Denn warum sollte ich leben? Ich soll nicht leben!

Die Mutter hockt in der Wanne, das Bad ist heiß, ihre Haut ist schon rot und sengend, sie kann es kaum noch ertragen. Sie quält sich heraus mit ihrem dicken Bauch, dem Lebenswanst und läuft durchs menschenleere Haus, niemand da, der ihr Gerenne sieht: die Treppen rauf, die Treppen runter. Das hat schon mal funktioniert, da ging ihr alles ab durch den Leibesschlitz, den Geburtsschlund. Das klebte am nächsten Morgen, verschleimt und verkrustet zwischen den Schenkeln. Jetzt sollte das wieder fort. Aber das war hartnäckig, das Manngebrunst im Leib, das wollte sich weiten und wachsen. Das brachte sie schier zur Verzweifelung. Da stand der Korb mit Wolle am Bett. Aber sie hatte Angst vor den hölzernen Stricknadeln. Die hatte Angst vor der Rachsucht des Herrn! Die Nadeln warf sie ins Feuer – und sechs Monate drauf kam das Kind. Was sollte sie mit dem Balg, zu dem der Herr sie verurteilt hatte?

Auch Paul war ein Kind der verbrannten Nadeln. Kinder der mit Scham verbrannter Nadeln, die dem Tod entwischt sind wegen der frommen Angst der Mütter, sehnen sich nach Zärtlichkeit, nach der Hand, die sie streichelt. Sie haben noch nicht den Mund, davon zu sprechen. Ihr ganzer Körper ist Sehnen. Die Sprache der Sehnsucht verstehen die Mütter nicht. Die drücken ihre Brust nur pflichtgemäß in das Mäulchen. Die Kinder sehnen sich danach, angeschmiegt zu werden, doch die werden nur gedrückt und gewickelt, stramm, bis sie die Beine nicht mehr rühren können. Wie sehnen sich die Beine, sich rühren zu können, zu strampeln, damit sie das Laufen lernen, das eigene Laufen lernen, weg, fort, hinüber, Schritt für Schritt im Trab erst, dann im Galopp. Was für eine Wonne, was für ein Triumph das Laufen lernen mit den eigenen Beinen. Wie sich im Laufen von hier nach da die Welt auftut und weitet. Aaah, das Gefalt und Gehügel ums Dorf, dahinter liegt die Ferne, Sfumato und das Neue, bergauf und bergab meine Beine, bringt mir die Welt durch eure Bewegung. Schritt für Schritt und Meile für Meile fort, welch ein Glück, Beine zu haben, die bringen mich in die Welt. Die Ardennen, die Eifel, den Schwarzwald und Stuttgart, die Alpen und Wien und Italien. Das Laufen, das ist die andere Berufung des Unterleibs. Hier in der Mitte das Ficken und da mit den Füßen, den Waden, den Schenkeln die Erfahrung von Weite und Welt. Wie schön sie ist die Welt, wie schön die Wälder sind wenn man das Geld nicht hat für Kutsch- und Bahnfahrt. Das sollte man nicht einmal schuldig bleiben das Billet für Pferde- und Dampfkraft, nein laufen und ergehen – so begegnet man der Welt.

Ah, du schöne Luft, ah, ihr schönen Berge und Hügel, ah, ihr Kinder am Dorfrand wie ihr euch über die Zäune hinaussehnt ins märchenhafte Anderswo. Ihr Menschen auf Reisen, auf Wanderschaft, man grüßt einander und teilt, was man im Brotbeutel mit sich trägt. Denn wer wandert, den hungert´s.

Was sind das für Beine gewesen, die ich hatte, die maßen die Welt aus, den Kilometer, die Meile, den Tagesmarsch bis zur Rast. Oben ist mein Kopf, mein Hirn und Herz, dazwischen mein Gemächt, das mächtige – aber gewaltiger sind meine Beine gewesen, die trugen mich, leichtfüßige Gesellen, durch die Welt. Im Straßenschotter hab ich meine Schuh zerschnitten von Charleville nach Paris. Eine Reise zu Fuß ist immer ein Grenzgang.

Das war doch eine Pleite als ich ohne Geld für Rückfahrtbillet und Logis zum ersten Male nach Paris mit der Eisenbahn fuhr. Da konnte ich nicht entschlüpfen, die setzten mich Bettler am Bahnhof fest. Für mein Heft Poesie gab´s kein Geld. Ich hätt es auch nie verscherbelt. Da hatte ich mich nicht auf meine Beine verlassen und mußte zurück nach Charleville und zu mother.

In meinen Beinen ist die Bewegung des Schicksals, fort, fort und davon – die haben mir immer zu neuen Zielen verholfen. Aber jetzt fehlt mir eines, abgeschnitten, abgesägt, abgehackt, das ruht längst vor mir in der Erde. Leb wohl mein Bein, leb wohl, mein Laufen, ich kann nur noch hinken und wer erhinkt wohl die Welt? Der Lahme nicht, der Hinkende nicht, der Amputierte nicht. Die Welt ist mir verwehrt. Und wenn ich noch soviel Absinth über den Stumpf schüttete, das rinnt nur ab und brächte nicht das Schwarze unterm Nagel an Vergessen. Da kotz ich doch den Absinth in hohem Bogen über den schäbigen Stumpf, den reibt man mir mit Melkfett und tröstenden Worten, aber der brennt und schmerzt wie die Füße der Seejungfrau, die ihre Stimme hingab, um Mensch zu sein und lieben zu dürfen. Aber die wurde nicht geliebt, die blieb stumm und ihre Füße traten bei jedem Schritt auf spitzige Dolche. Die mußte schweigen über ihre Liebe und wurde zu Schaum als sie ihre einsame Liebe nicht mehr ertrug. Die konnte nicht sprechen, geschweige denn schreien von ihrem Schmerz. Die war bloß ein Spielzeug dem Prinzen, der nahm eine andre und begriff nicht, wie die Einsamkeit schmerzt und das verborgene Wort. Der wunderte sich nicht einmal als das wogende Meer vor dem Bug seines Schiffes so ungewöhnlich schäumte. Das war die Seejungfrau, die löste sich auf im Schaum und verging, nachdem sie so viele Monate gelaufen war auf ihren Beinen, auf ihren Füßen, die hatte sie teuer erkauft von der Hexe im Meer für ihren Gesang, die machte zum Preis ihrer Stimme, den Fischschwanz zu Beinen und Füßen.

Man möchte singen, wenn man liebt, doch dieses Singen gibt man ohne Zögern dahin, für eine Ahnung nur, man würde zurück geliebt. Das Schreiben war ein Fischschwanz, ein schillernder Fischschwanz, der trieb die Seejungfrau voran durchs Meer. Das Schreiben treibt voran. Gedichte sind ein Muskelgewebe, das braucht Blut und Atem, doch wenn man in die Netze gerät, dann stockt der Atem, dann stockt das Blut.

Ich geriet ins Treibnetz, das fängt alles Lebendige im Meer und nichts entrinnt den feinen Maschen. Gedichte trieben mich nicht mehr voran. Zwanzig, so alt und ich kam nicht mehr voran. Lombardisches Lesen nicht und Ausreißen nicht, und Paris nicht und nicht die Barrikaden der Commune und nicht die Schwänze preußischer Soldaten und nicht mein Strichergekicher in den poetischen Salons, Merde. Und nicht die verlorenen Küsse von Paul und nicht die paar gedruckten Gedichte, die keiner begriff und nicht der Suff, und nicht der hingehaltene Arsch, um ein paar Franc zu verdienen, und nicht das blöde epater le bourgeois, nichts, nichts, nichts. Die Preußen riefen ihren Staat aus im Spiegelsaal zu Versailles und Paul soff sich um den Verstand und die barbrüstigen Weiber in den Gassen von Paris ließen das Kämpfen und begannen wieder zu stillen und in den Ardennen blieb der Matsch und blieben die dumpfigen Kühe und auf den Seiten von holzigem Papier blieb nichts als wüst und schlecht und recht Gereimtes und meine angeschossene Hand puckerte vor Eiter und Paul fickte ein paar Stricher in den Arsch und ging ins Gefängnis und wurde fromm wie ein Diakon und predigte fortan. Da blieb nichts mehr, nur laufen, laufen, laufen – mother!

Oh, du schönes Afrika am Rande der Wüste, am Ozean von Sand und Hitze. Da das Meer und da die Sahara, Salzwasser, Sanddünen, weit. Was sollte ich noch mit Gedichten, da war das Morgenland mit Glut und Kaffee, Arabien mit Hitze und Schweiß im dunstigen Kaftan, die Kasbahs verschachtelt aus weißem Kalk und Ziegeln, Gewächse aus Gestein, Gazagewebe und Schleier und Sklaven, den Schwarzen, den Äthiopiern, den Ägyptern stolz und hochgewachsen, die schlanken, zähen Körper, die Glut der braunen Augen. Diese Männer fern vom Christentum, die schönen, duftenden Heiden, andere Menschen einer lockenden Welt.

Hier wurde ich reich wie meine Mutter es erhoffte: kaufen und verkaufen, Besitz anhäufen, Kaffeesäcke und Pelze und Männer aus dem Sudan. Diese Hitze, die das Atmen beschwerte und müde machte und träge, da war die Luft schon wie Absinth. Aber ich war Absinth gewohnt und weniger träge als die Anderen. Afrika, Arabien, trocken-heiße Lüfte, Mattigkeit, Baumwollgewänder, fließend am Leib, die sogen den Schweiß auf, das Feuchte unter den Achseln und zwischen den Schenkeln. Da war man nur Körper und der Körper vergaß im Dösen der Mittagshitze all das allons enfants, den hohen Zweck und die Republik und die Gedichte und die Reime und war nur noch ein A und O und U, ein willenloses Lob der Vokale aus der unterworfenen Brust. Das war nicht zu beschreiben – und darum hoch Niépce, dem Vergessenen und Daguerre, seinem Betrüger. Alles Schöne ist gestohlen und den Ruhm erntet ein anderer.

Das Dreibein stellte ich auf in den Wogen des Abends, wenn die Sonne schräg stand und golden: also Photographie. Was für ein Kasten Genialität, eine camera obscura – ein Loch auf die Welt gerichtet und kopfüber taucht die ein und belichtet die Platte. Belichtet die Platte! Oh, du schönes Licht, du küßt das Silbernitrat, das ängstigt sich nicht vor deinen Küssen. Jede Belichtung ein Valentinstag – oh, du dunkle, atmende fremde Welt, im Moment, da ich den Verschluß für einen Augenblick öffne, wirst du gebannt auf das Glas und da bleibst du, da bleibst du, während das Leben zerrinnt. Wie berauschend Licht und Glas und Silber – das war einmal die Welt. Das spür ich im Gebein. Das bleibt, während mein Gebein zerfällt, die Liebe zerfällt und die Gedichte in Laute zerfallen.

Nichts kehrt zurück in deinen Mund, was du gesprochen hast, nichts kehrt zurück in dein Herz, was du geliebt hast. Nichts kehrt zurück, von dem, was du zwischen sechzehn und neunzehn gewesen. Das war das Beste, das war der Aufruhr, das war der gefickte Arsch und das Auftrumpfen, wenn dir eine Zeile gelang, die keinem andren gelang. Was für ein kindlicher Stolz, man nimmt vieles ernst, wenn man siebzehn ist, man nimmt vieles leicht, wenn man siebzehn ist. Die Abende sind schön, man strolcht durch Romane, man sucht sich Helden weil man selbst ein Held sein möchte. Man ist einen ganzen Sommer verliebt, einen ganzen, der ist einem so lang wenn man siebzehn ist. Und noch bevor man achtzehn wird ist die Liebe eine Wunde, eine Schwäre voller Eiter, die nicht heilt, ein Gekrust am amputierten Stumpf. Mit sechzehn hat man noch kaum Worte für die Liebe, die sucht man, damit die Zunge was zu tun hat, wenn sie nicht küßt. Mit siebzehn hat man sich die Worte zusammengelesen, zusammengeklaubt und schließlich erfunden. Ein Jongleur der Worte wird man in den sachten Sommerabenden, wie sie dahinfliegen, aufsteigen und in die Hände sinken, die werfen sie wieder hinauf wie ein Schamane seine Knöchelchen, aus denen er, kaum sind sie in den Sand gefallen, die Zukunft lesen will. Mit achtzehn weiß man, daß keine Zukunft ist im Sand, in den Knochen und in den Worten. Ausgesprochen sind sie vergänglich, die Worte, die taugen wie der Sand nur fürs Stundenglas, die Glastaille des Vergehens – und die Knöchelchen des Schamanen werden ausgesiebt, wenn man Sand braucht für das Stundenglas und dann in die Kloake geworfen. Während man fragt, liebst du mich, liebst du mich, man fleht um die Liebe, um ein Zeichen, eine Berührung, während man in den Gesichtern einen kleinen Augenblick der Zuneigung sucht, ein Sandkorn Lächeln, ein Nicken dubistrecht, dubistgelitten, bisthierzuhause, ein mütterliches Bett aus Armen, rinnt der Sand immer weiter und man bleibt an der kahlen einsamen Stelle, selbst wenn man fortläuft tausendmal und sehnt sich. Sehnen ist wie Hunger. Wer zuviel sehnt, verhungert. Wer fragen muß, liebst du mich, der ist längst verhungert. Man treibt nur noch, ein trunkenes Schiff, keine Treidler mehr und ein rostiger Anker. Manchmal aber, wenn keine Antwort kommt auf die Frage Liebst du mich? hat man sich nicht mehr im Griff, dreht man durch und verletzt den Antwortlosen voller Wut und Zorn. Das ist ein Weh, das im Moment, da man es spricht, den Mund schon versengt. Man darf dem Liebelosen nicht sagen, daß er liebelos ist, man muß immer hoffen wie ein Kind immer hofft, daß einmal die Mutter wieder lächelt und man in Gnade wieder aufgenommen ist, daß man wieder das Kind ist der Mutter. Man muß ins Weltall lauschen auf die Gnade der Mutter wie auf Gottes Gnade und Antwort – die könnte doch kommen, könnte doch kommen, darum kniet das Kind sein Leben lang vor der Mutter, vor seinem Gott und erfleht diese Gnade und hofft und hofft, das Gebet werde erhört: Liebst du mich? Es ist als würde die Zauberformelfrage selbst sich erfüllen. Solange man dies fragt, hofft man noch auf Antwort aus den stummen, den erstorbenen Mündern, aus den Mündern, die es nicht gibt.

Wenn aber du das Schweigen nicht mehr erträgst und wirst rauh und grob und verfluchst Gott, dann bist du auf ewig verdammt und lernst, daß es nur eine Jahreszeit gibt in der Hölle. Gott antwortet dir nur mit Grausamkeit und Gewalt, der kann nicht anders: der besäuft sich und randaliert, beschimpft seine eigene Mutter und greift zur Pistole und schießt dir die Nagelwunde durch die Hand. Die mußt du ihm vergeben, mußt ihm den Zorn vergeben, denn wer war es denn, der den Gott zornig machte? Deine Liebe stigmatisiert dich und wer will Menschen mit Schandmalen um sich haben?

Und ausgerechnet, daß Gott schweigt, macht ihn angeblich größer, das muß das Kind glauben von der Mutter, das glaubte Paul von seinem verschissenen Gott in der Höhe, dem Gott der sich delektiert an seiner Masturbationsphantasie, der Erbsünde, der du nicht entkommst. Du machst dich immer schuldig gegen den, der dich erschaffen hat, gegen die Frau, aus deren Leib du gekrochen bist, gegen den Geliebten, den du, unwürdig, batest um Liebe. Credo quia absurdum.

Weglaufen, weglaufen von diesem Sündenfall, durch halb Europa, durch Afrika und Arabien, immerzu fort, immerzu laufen, immerzu weg, weg von deiner Sündenschuld. Du würdest gerne treiben wie Ophelia, ertrunken und schön im Bach mit dem Blütenkranz ums Haupt, aber nicht einmal das darfst du, denn diese Todesschönheit ward erkauft durch Selbstabschaffung. Was nützt Ophelia die Schönheit im Tode wenn man sie schäbig vor den Mauern des Friedhofs verscharrt.

Wer fragen muß nach der Liebe, wem die Liebe nicht geschenkt wird, wer lernen muß, daß er nicht geliebt wird, wer heißes Bad und Holzstricknadeln überstanden hat und verlogenes Säugen überstanden hat, der mag ein Poet werden, aber einer, der am Ende die Sprache verliert. Dem rutschen Vokale und Diphthonge und Konsonanten aus dem verbitterten Mund, dann hat er nicht mehr das Kommando über die Sprache. Der mag werden ein Kaufmann und mit Spezereien und Rauchwerk handeln, mit Kaffee und Tabak, den Genüssen der Sinnlosigkeit – was ist sinnloser als das flüchtige Aroma von Arabica und das Kräuseln Rauch einer Sumatrazigarre in der Abendluft, Arabesken des Nichts wie die blau und goldenen Flammen der fee verte. Es sind Räusche, die nichts bedeuten, die nur Zeit ausfüllen zwischen erstem Wimpernschlag und dem letztem Wimpernschlag und der ungefundenen Liebe.

Man liegt auf dem Bett wie ein Opiumesser und träumt, das sei das Leben wenn man das Glück hatte, den Stricknadeln und dem Brühbad der Mütter zu entgehen. Ah, da meint man, man sei jemand, man habe das Leben im Griff und das Kommando über die Sprache und über den eigenen Körper und die beduselten Sinne. Fenchel, Wermut und Angelika, Opium und Chloroform, nicht einmal dies Morphium, der Traum vom Ruhm eines Provinzapothekers, betäuben einem das Leben wirklich. Denn das Bein schmerzt noch immer, obwohl es längst abgehackt wurde.

Dieses erbärmliche Häufchen an Phantasien von Poesie und Liebe und Handelserfolg das bin ich nicht, das war ein anderer. Ich bin im Schmerz ertrunken und über mir das Meer.

Erläuterungen

Arthur Rimbaud, geboren 1854 in Charleville, gestorben 1891 in Marseille, schrieb von seinem 15. bis zu seinem 20. Lebensjahr Gedichte, die den Hochbegabten heute als einen der großen französischen Lyriker ausweisen.

Sein Vater, ein Berufsoffizier, hatte Frau und Kinder verlassen; die harte, bigotte und ungebildete Mutter bekämpfte jede sensible und künstlerische Regung in ihrem Sohn. Seine Poesie und seine Homosexualität waren ihr ein Greuel. Rimbaud war zu begabt und intelligent, um sich anzupassen. Mehrfach riß er von zuhause aus, wanderte sogar zu Fuß durch die Frontlinien im deutsch-französischen Krieg 1870/71 nach Paris, machte schnell Bekanntschaft mit Dichterkreisen, in denen er auch Paul Verlaine kennenlernte. Der verließ für den zehn Jahre jüngeren seine Frau und die gerade geborene Tochter. Verlaine, bereits ein schwerer Alkoholiker, förderte den Jüngeren, aber beneidete ihn auch. Es entspann sich eine gewalttätige Hassliebe. Sie endete als Verlaine Rimbaud mit einem Revolverschuß an der Hand verletzte. Verlaine kam wegen versuchten Mordes und wegen Sodomie ins Gefängnis, wo er – es sei dahingestellt ob aus Opportunismus oder Überzeugung – zum katholischen Glauben fand.

Rimbaud verstummte als Dichter und begann ein ruheloses Wanderleben durch ganz Europa. Zu Fuß erwanderte er sich seine Ziele in Deutschland, Österreich und Italien. Mit dem Geld seiner Mutter begann er in Afrika und Arabien äußerst erfolgreich Handel zu treiben; dort begann er sich auch mit Photographie zu beschäftigen. Seiner Umgebung schien es, er sei „auf den bürgerlichen Weg eingeschwenkt!“ – aber seine innere Zerrissenheit aber war geblieben.

Seine extensiven Wanderungen schädigten seine Knie. Es entwickelte sich ein Tumor, dessen Bösartigkeit zur Amputation des Beines führte. Kurz nach der Operation starb Rimbaud in Marseille. Seine Schwester vernichtete, das was ihr im poetischen Nachlaß inkriminierend schien. Seine Gedichte hatte Rimbaud jedoch an viele bekannte Autoren geschickt. So blieben die meisten erhalten.

Bis ins 20. Jahrhundert galt er als ein „poet maudit“.

Seine Mutter überlebte ihn um bald zwanzig Jahre. Gegen Ende ihres Lebens ließ sie sich in bigotter Frömmigkeit und trunken von katholischen Jenseitsadoration gleichsam zur Probe in ein Grab hinabsenken.

Rimbaud galt wegen seiner wortmächtigen und zuweilen hermetischen Bilder als Vorläufer des Symbolismus. Sein Gedicht, Das trunkene Schiff, ist ein Hauptwerk der europäischen Lyrik, mit dem er Symbolismus, Surrealismus und Expressionismus vorwegnahm.

„Ich ist ein anderer!“, das skeptische Diktum, regte Freud zu vielen Ideen an.

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