Sterbehilfe – Das Kino und das Christentum

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Sterbehilfe – Das Kino und das Christentum
von Wolfgang Brosche

„Filme sind der Spiegel der bestehenden Gesellschaft“ – stellte der Filmhistoriker Siegfried Kracauer zu Recht fest. Unter diesem Blickwinkel habe ich vor einiger Zeit  die Märsche der christlichen Lebensschützer beschrieben. Ich verglich sie mit dem Kreuze und Mistgabeln schwenkenden Kleinstadtmob in klassischen Horrorfilmen, der, angeführt vom opportunistischen Bürgermeister, das Schloß des Vampirs oder das Labor Frankensteins stürmt. Diese Leute wollen jene Wesen beseitigen, die anders leben, lieben und sterben wollen, die dem Humanismus und der Wissenschaft, dem Denken und Forschen statt der Religion den Vorzug geben.
Und dies sind die angeblichen Monster, die am Ende des klassischen Horrorfilms vernichtet werden: die Ungeliebten, die Ausgestoßenen, die nicht Normgerechten, die Zweifelnden, die Denkenden, die Forschenden, alle die sich nicht zufrieden geben mit dem Glauben und der Anpassung daran. Die Selbstgerechten verbreiten über sie Lügen, nennen sie unmoralisch weil gottlos und bezichtigen sie aller denkbaren Verbrechen.
In jenen klassischen Filmen hat Boris Karloff mit schlafwandlerischer Subtilität im tumben Körper des Frankenstein-Monsters gefangen jene verzweifelte Sehnsucht nach Liebe und Dazugehören ohne Worte dargestellt; sein Gesicht wurde zu Recht eine der Ikonen des 20. Jahrhunderts. Unter der schweren Wachsmaske, die Karloff kaum eine Mimik ließ, war er dennoch fähig mit feinsten Andeutungen die Verlassenheit und Trauer auszudrücken, die ein Wesen verspüren muß, das verfolgt wird, weil es allein in die feindliche Welt geschleudert wurde.
Der homosexuelle Regisseur James Whale hat in seinen beiden Frankensteinfilmen („Fankenstein“, 1931 und „Bride of Frankenstein“, 1935) diese Motive subtil herausgearbeitet – wer nicht mit dem Karloff-Monster empfindet, der gehört wahrhaftig zu den selbstgerechten, an die Chimäre von Gut und Böse glaubenden Kleinstädtern, deren Märsche für das Leben in den Filmen so abstoßend wirken. Aber dennoch siegen diese Wutbüger und richten Frankensteins Geschöpf immer aufs Neue hin; die Welt ist scheinbar wieder in (Unter-)Ordnung. Es ist gerade jene Ambivalenz, die die alten Horrorfilme noch heute ansehbar macht.
Der gewöhnliche Horrorfilm, der weniger subtile, ist durch und durch christlich geprägt: das Monster ist eben ein Ungeheuer oder sogar Satan selbst; Gut und Böse ist leicht identifizierbar und das Böse wird mit christlichen Ritualen und Paraphernalien, mit Kreuzen, Weihwasser und Hostien bekämpft.
Als 1978 in John Carpenters „Halloween“ ein gesichts- und charakterloser Schlachter auftrat, an dem gar nichts mehr übernatürlich schien, blieb aber dennoch der religiöse Untergrund des Horrors erhalten: der Mörder Michael Myers ist das abgrundtief Böse, jene Entität, mit der das Christentum arbeiten muß, um seinen Gott noch glanzvoller erscheinen zu lassen. Der Teufel Myers bestraft interessanterweise jene Jugendlichen, die verbotenen Sex haben; nur wenige Jahre nach der sexuellen Revolution. Die „besorgten Eltern“ sollten ihren Kindern dauernd solche Filme zeigen, um ruhiger schlafen zu können. Schwarze Buhmänner sind – vom Knecht Ruprecht bis zu Michael Myers – ja stets Mittel ihrer ebenso schwarzen Pädagogik.
Im ersten „Halloween“-Film überlebt nur das einzige keusche Mädchen. Und dieses Motiv der bösen Sexualität, die mit dem Tode bestraft wird, zieht sich durch alle weiteren Splatterfilme bis zur „Scream-Reihe“. – So sehr „Halloween“ dramaturgisch und filmtechnisch brillant auf der Höhe seiner Zeit war, so reaktionär ist dagegen sein Inhalt.
Auch die ekelerregenden Schlachtfeste der „Saw-Serie“ haben einen christlichen Hintergrund: es sind rituelle Bestrafungen für irgendwelche Sünden, die die Opfer begangen haben sollen.
Die jungen Leute, die ins tschechische „Hostel“ einziehen, um dort ihre Jugend ausgelassen mit Sex, Drugs and Rock´n´Roll zu feiern, werden von Teufeln in Menschengestalt auf Breughel´sche Höllenart zu Tode gefoltert eben weil sie junge, sexuelle, lebendige und deshalb ungehorsame Geschöpfe sind. Sie erwecken die mörderischen Begehrlichkeiten von Männern aus ihrer Elterngeneration; Väter-Männer, die sich die Göttlichkeit des Folterns erkauft haben, um die ultimative Gottesmacht – I can make you and I can break you – zu genießen.
Evangelische und katholische Filmdienste mögen solche Streifen „gottlos“ nennen und von ihnen abraten. Sie sind keineswegs gottlos – im Gegenteil: diese Gewaltpornographie zeigt cinematographisch-narrative Realisierungen des rachsüchtigen, eifersüchtigen und strafenden Gottes. Die Splattermörder sind gleichsam die dämonisch-menschlichen Erfüllungsgehilfen des christlichen Moralgottes. Wie sehr sich dieser Gott an Blut, Folter und der Zerstörung des Körpers berauscht, zeigt uns Mel Gibson in seinem Jesus-Splatter, der folgerichtig als ein Werk des Horrorgenres bezeichnet wird. – Und gleichen Gibsons und andere Splatter in ihrem blutrünstigen Realismus, der durch Musik, Farbgebung und Kamerawinkel überhöht wird, nicht dem berühmten Grünewaldaltar? – Komme mir keiner und greine, dies sei aber ein abendländischer Großkünstler gewesen und dort tobe sich bloß, sagen wir, Quentin Tarantino aus. Die Bilder und der Wunsch nach blutigem Schock gleichen sich bis aufs feinziselierte Schamhaar des Opfers, von dem das Blut tropft.
Alle Splatter-Filme handeln von der ultimativen Macht eines anderen über die Körper seiner Opfer. Sie handeln von den Ängsten und Schmerzen der Opfer, davon wie man ihnen den Willen, die Sehnsucht, die Selbstbestimmung entzieht. Das schien nach dem Jahr 2000 kaum noch zu übertreffen; die Welle ebbte ein wenig ab.
Doch dann entstanden in den letzten zehn Jahren eine Reihe von Gewalt-Pornos, die all die erwähnten Horrorfilme noch abhängen in Sachen Blut, Schmerz und herbeigeredeter Transzendenz der Grausamkeit, die angeblich Erlösung bedeuten soll. Der in seiner Abscheulichkeit überragende Film „Martyrs“ des französischen Regisseurs Pascal Laugier aus dem Jahre 2006 weist schon im Titel auf den christlichen Urgrund seiner Horror-Intentionen hin. Der Streifen erzählt von einer Art weltweit verstreuten Sekte, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kinder und junge Frauen zu foltern, bis sie, völlig gebrochen, das Leiden annehmen und an den Rand des Todes geraten und so ins Jenseits blicken können, wie es sich die Folterknechte einbilden. Man läßt diese Opfer aber nicht sterben, sondern versucht, sie am Leben zu erhalten, damit sie berichten können, was sie gesehen haben. Die Protagonistin des Films wird erniedrigt, geschlagen bis zur Bewußtlosigkeit, zwangsernährt und schließlich bei lebendigem Leibe gehäutet. Sie „transzendiert“ wie es sich ihre Peiniger erhofft haben. Man erhält sie unter furchtbaren Schmerzen am Leben, damit die Sektenmitglieder ihren Wahn vom Jenseits bestätigt bekommen.
Ja, Filme sind der Spiegel der bestehenden Gesellschaft. Es gibt noch immer eine Gruppe mächtiger Männer, die das Leben der anderen beherrschen wollen und die uns erklären, Schmerz und Leiden führten zur Transzendenz und Erlösung und deshalb müßten wir sie aushalten. Jüngst haben die Lebensschützer um Martin Lohmann auf einem Kongreß gefordert, jede Sterbehilfe zu verbieten. Auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki stieß Anfang Mai zum wiederholten Male in einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) in dieses Jericho-Horn. Er kommt mir vor wie jene alte Frau in „Martyrs“, die ihrem Opfer zuraunt, es müsse leiden und transzendieren, um das Jenseits zu erfahren.
Dieses Leiden wird noch immer als condition humaine hingestellt. Das sich Schicken ins Leiden setzt aber voraus, daß es ein Jenseits gibt und daß dieses Jenseits nur um den Preis des Leidens erlangt werden kann. Eine abstoßende Idee ohnehin. Und für dieses halbe Ungefähr will Kardinal Woelki, wollen die Lebensschützer leidende Menschen um keinen Preis der Welt sterben lassen. Alles Gerede von „verfehlter Autonomie“ (von den Religiösen wird menschliche Autonomie sowieso abgelehnt) ist irrelevant. Die Diskussion um die Sterbehilfe ist tatsächlich ein Herrschaftsdiskurs, ach, was sage ich ein Diktat: um den Wahn meiner Jenseitsillusion zu erhalten sollen alle leiden! – Ganz abgesehen davon: ein angeblich liebender Gott, der um seines phantastischen Jenseits willen, seine Geschöpfe leiden läßt, ist nichts weiter als ein Sadist. Mit so einem Gott wollen immer mehr Menschen nichts zu tun haben.
Nun hat aber der Film „Martyr“, um auf seine gesellschaftliche Spiegelfunktion zu kommen, eine gallige Pointe. Die bei lebendigem Leibe enthäutete Protagonistin hat der Sektenführerin ihre „Erkenntnisse“ übers Jenseits ins Ohr geflüstert. Und die alte Frau, die um des Jenseits willen Menschen gebrochen und gefoltert hat, die andere nicht sterben ließ, um ihren Jenseitswahn bestätigt zu bekommen, muß erfahren, daß es diese Illusion nicht gibt und bringt sich am Ende selbst um.
Filme sind in der Tat Spiegel der bestehenden Gesellschaft – dieses ultimative Splatterwerk zeigt uns, wie wenig weit wir in ethischen und humanen Fragen gekommen sind. Das Christentum und seine Kleriker bedrängen uns seit 2000 Jahren mit der Leidenschaft für Qual, Folter und Hinrichtung, um sich der perfiden Sehnsucht nach einem Jenseits hinzugeben. Immer wieder versucht man mit Schreckgespenstern wie dem Gerede von Euthanasie und massenhafter Tötung von Angehörigen ein humanes, selbstbestimmtes Sterben zu verhindern.
Zu sterben ist schon traurig genug, die letzte narzisstische Kränkung überhaupt – und als Entschädigung bieten die Religionen ein kitschiges Wolkenkuckucksheim. Der Widerstand, der von christlicher Seite der Sterbehilfe entgegengebracht wird, ist der Versuch, Menschen noch in ihren letzten Lebensregungen zu brechen und womöglich bei lebendigem Leibe zu häuten wie in „Martyr“, um eines Wolkenkuckucksheimes willen.
Was ist das für eine Religion, die Märtyrer braucht? Was für eine Abscheulichkeit uns das Leiden eines Sohnes als Erlösungstat und dem Vater wohlgefällig zu verkaufen. Die 2000 Jahre alte Ikone des Hingerichteten am Kreuz läßt nichts weiter zu als die Ergebenheit in den Jenseitswillen dieses Gottvaters, seiner Kleriker und Gläubigen, die es für nötig erachten, selbst Märtyrer zu werden und das anderen erpresserisch zumuten, bloß damit sie ihrem Gott gefallen.
– Hört mir auch auf mit dem unerfindlichen – tatsächlich unerquicklichen – Geheimnis der Trinität und Göttlichkeit und der Gnade bedürfenden Abscheulichkeit unserer lehmigen Existenz. Niederträchtige christliche Filibusterei! Herrn Woelki, Herrn Lohmann, Herrn Gröhe und allen anderen Lebensschützern ins Stammbuch!
Wenn ich zwischen jener uralten Christus-Ikone und der knapp 80 Jahre alten Ikone des Boris-Karloff-Gesichtes wählen müßte, dann ist klar, wofür ich mich entscheide. Das Leiden des ausgestoßenen Geschöpfs ließe sich mit menschlicher Zuwendung beenden. Das Leiden des Herrn Jesus am Kreuz muß ewig währen; er muß immer bluten und Schmerzen haben um das Geheimnis seiner Religion in Ewigkeit weiterzutragen.
Also wirklich, der Widerstand gegen die Sterbehilfe ist im 21. Jahrhundert nichts weiter als ein Herrschaftsdiskurs und die grausame Adolatrie des Leidens durch Egoisten, die für sich ihr Jenseits erhoffen und dafür alle anderen unter ihre Leidensknute bringen wollen. Wir glauben nicht mehr das von ihnen herbei gelogene Märchen von der Erlösung im Leiden.

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