Tango tanzende Jünglinge

Tango tanzende Jünglinge – erschienen am 5., 6. und 7.Oktober 2017 auf https://diekolumnisten.de/

I. Teil – „Die Hüpfburg von Schloß Silling“

Wolfgang Brosche erklärt an zwei verfemten Hauptwerken der europäischen Kultur – verfemt weil sie hellsichtig waren – wer mit der AfD in den Bundestag einzieht, wer sie wählt und welches die wahren Antriebe dafür sind.

O-TÖNE
„Wenn jemand existenziell bedroht ist, weil er nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren so muß er meiner Meinung nach die Möglichkeit haben, durch den Verkauf von Organen und zwar geregelten Verkauf… ähnlich der Börse, daß man sagt, wer ist zugelassen zu dem Handel. Es muß auch geprüft werden, wer darf das Organ entnehmen. Und dann wird praktisch das Organ versteigert.
Peter Oberender, Gesundheitsökonom, am 4..2007 Deutschlandradio Kultur
Initiator der „Wahlalternative 2013“, dem Vorläufer der AfD: Doktorvater von Alice Weidel

„Der Herzog…schneidet ihr eine Brust ab, trinkt das Blut, bricht ihr beide Arme, reißt ihr die Schamhaare und alle Zähne aus und schneidet ihr alle Finger ab…er schläft dann noch mit ihr die ganze Nacht von vorn und von hinten, indem er ihr ankündigt, daß er ihr morgen den Garaus machen werde.“
Donatien-Alphonse Francois deSade, „Die 120 Tage von Sodom“ Vierter Teil: „Die hundertfünfzig Passionen des Mordes“. 21. Tag. 1782-85

„Hundert Kinder und deren Familien stehen um die Hüpfburg herum und gucken. (…) Dann wollen die Kinder alle mitspielen. So´n schönes zehnjähriges Poloch ist sicher schön eng.“
am 23. Oktober 2011
„Dann besaufen wir uns hemmungslos und pissen alles voll. Anschließend laden wir uns einen Stricher ein, vergewaltigen ihn und essen dann seine Leiche auf.“
16. Februar 2012
„Vielleicht sollten wir (…) Mutter entführen, sie brutal vergewaltigen lassen von einem wilden Schimpansen und ihm dann jeden Tag einen Finger zuschicken…“ 17.3.2012
Alle drei vorstehenden Zitate vom (Ex)-Fraktionsvorsitzenden der AfD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, Volker Arppe, in diversen Chats. Zitiert nach TAZ vom 31.8.2017

„Ein sehr arger Sodomiter lädt Gäste zu einem Ball, aber so wie alles versammelt ist, gibt der Boden unter der Last nach und fast alle gehen zugrunde. (…) Er wechselt häufig den Aufenthaltsort und wird erst bei fünfzigsten Male entdeckt.“
Marquis deSade – ebenda. 24. Tag der „Passionen des Mordes“

„Unter Pinochet hat´s glänzend geklappt – und er ließ Kommunisten aus dem Helikopter werfen. So muß das!“
Thorben Schwarz, 18jähriges AfD-Mitglied aus Baden-Württemberg
Facebookeintrag vom 7.7.2017

„Wir werden sie jagen! Und holen uns unser Land zurück!“
Alexander Gauland, AfD-Vorsitzender am Abend der Wahl vom 24.9.2017

„Wir müssen wieder zu einer Kultur des pädagogischen Strafens zurückfinden.“
Dr. Hans-Thomas Tillschneider, AfD-Sprecher für Wissenschaft, Bildung und Kultur der Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt am 2.10.2017

Der internationale und auch der deutsche Rechtsruck werden seit langem und jetzt nach der Wahl immer noch, kläglich bis zur Verblödung interpretiert als Reaktion von sich abgehängt fühlenden Menschen auf sozioökonomische Schieflagen im kapitalistischen System. Nie aber wird dieses System selbst in Zweifel gezogen, sondern als Naturzustand, eben auch von Marxisten, angesehen. Ja mehr noch: der Marxismus perpetuiert die Ideologie der immerwährenden Produktion qua Konsum. Recht eigentlich hat Marx immer weiter kapitalistisch gedacht und seine Kritik zu früh abgebrochen. Doch zugegeben, das Phänomen des modernen Konsumismus war zu seiner Zeit wirklich noch nicht abzusehen. Andererseits jedoch haben schon die Römer Schlachtfeste im Circus gefeiert, weil sie übersättigt waren und alles konsumiert hatten, was bis dahin in der Antike zu verbrauchen möglich war: es blieben nur noch Menschenleben übrig. Es gibt auch Gerüchte, daß „überflüssige“ Sklaven zu Wurst-Delikatessen verarbeitet wurden. Aber das mochte sich wohl selbst der hellsichtige Marx noch nicht ausdenken.
Heute kommt es uns noch ein wenig abnorm vor – aber bald wird das normal sei: warum soll man als Manchesterkapitalist, Neoliberaler oder sein Leben aushauchender Sozialist nicht auch Menschen als Delikatesse verspeisen? Die Faschisten genießen ja längst Menschenfleisch – es ist eigentlich nur eine Stil-und Geschmacksfrage, die bald nach Angebot und Nachfrage geregelt wird, damit es gerecht zugeht. Wenn wir über soviel Humankapital verfügen, warum nicht auch über eine entsprechende Speisekammer, die mit Überflüssigen aufgefüllt wird?

Die zu Anfang erwähnten Schieflagen liefern gewichtige Gründe, sind aber nicht die wahre Ursache für Phänomene wie den wieder erstarkenden Faschismus. Ob nun alter oder neuer Faschismus, er ist kein Produkt des sozialen Elends, sondern die Konsequenz einer genüßlich erlebten und ausagierten sadistischen Verrohung, ein lüstern-orgiastisches Austoben als Mittel und Ziel eines vorpolitischen Konsumismus von allem – eines Konsumismus von Mensch und Natur, von Körper und Gefühl, wie er vor rund 250 Jahren schon einmal beschrieben (aber nicht analysiert) wurde in einem Roman, dessen Ungeheuerlichkeiten wörtlich denen der zitierten AfD-Mitglieder gleichen – sie stehen stellverstretend für viele andere und sind keine Ausnahmen, keine Einzelfälle. Das Muster aller Entgleisungen, Wünsche und längst auch schon Taten (siehe NSU, Reichsbürger oder Identitäre Bewegung) der sogenannten Neuen Rechten, und ihrer Protagonisten und Adepten von den blökenden Pegidisten unter ihren Rabiatanführern (Lutz Bachmann oder Tatjana Festerling), über deren Philosophen und Vordenker, die ja nur Kompilatoren von längst ranzig bis blutig Gedachtem sind, ob sie nun Bannon, Kubitschek oder Jongen heißen, bis zu den Frontkämpfern, die die Politik marodieren und zerstören, also Höcke, Orban oder LePen et alii, dieses Muster also für Denken, Taten und Personen liefert der kurz vor der französischen Revolution entstandene Roman des Marquis deSade: „Die 120 Tage von Sodom“.
DeSade schildert Herrenmenschen, die eigentlich bis zum Stehkragen voll sind mit Lebensenttäuschung, Haß und vor allem Angst, jene Leute, die uns weismachen wollen: „homo homini lupus est“ – könnten die Wölfe ihnen widersprechen, würden sie es leidenschaftlich tun. Diese Leute WOLLEN zerstören, um der Zerstörung willen, uns eintrichtern, die Welt sei destruktiv, einzig weil sie selbst der Destruktivität frönen und sie genießen, weil einmal an ihnen ausagiert wurde, was sie nun an anderen unbeschadet weiter ausagieren wollen. Sie haben ihre Mitleidlosigkeit und Gier erlernt lange bevor sie einen Begriff von Politik hatten. Ihre Menschenfresserei, solcher Konsum der Menschen und der Welt, resultieren nicht aus sozialen Ungerechtigkeiten, sondern erzeugen sie. Wer die wölfische Natur propagiert, braucht seine Destruktivität wie die vergiftete Luft zum Röcheln, weil er davon profitiert. Diese absichtsvolle Destruktivität steckt zutiefst in unseren sogenannten Wertesystemen, die doch nur Wirtschaftssysteme des totalen Verbrauches sind – im Sinne des goebbelschen totalen Krieges. Deshalb sind auch ganz konkret neoliberale Parteien wie die FDP, die das totalitäre Primat der Wirtschaft anbeten, als Vorläuferorganisationen von konsequent totalitären Parteien wie der AfD zu bezeichnen. Sie postulieren die Unabänderlichkeit der Hierarchie von Käufer, Verkäufer und Verkauftem – und sie sehen alles und jeden grundsätzlich als Ware an – nicht umsonst wurde in der Hayek-Gesellschaft der Begriff vom „Menschenmaterial“ geprägt, was so viel bedeutet wie „Kanonenfutter“.
Menschenrechte und Menschenwürde der Einzelnen haben sich dem totalen Verbrauch von Kindheit an unterzuordnen. Individualität und Persönlichkeit finden sich nur im Erwerb oder Verkauf oder den Algorithmen der auf den jeweiligen User zugeschnittenen Werbung bei Facebook, Google oder Amazon. Sentimentalität, die sich bestens zu Geld machen läßt, zieht man der Authentizität des Gefühls vor. Darum ist die Marktwirtschaft der FDP ebenso wichtig wie der AfD der Patriotismus oder das Vaterland – von dem Herr Gauland uns am Wahlabend wissen ließ, man habe es ihm geraubt; deshalb will er es zurück erobern, seinen Besitz. Und Herr Lindner schwadronierte bereits wieder, nach dem neuerlichen Einzug in den Bundestag, vor Kraft kaum laufen könnend, vom freien Spiel der Kräfte auch bei Lebensnotwendigem wie Wohnung, der Versorgung im Alter oder im Krankheitsfall. So wird aus Elend und Leiden pekuniärer Gewinn, und aus dem Rattengift von Nationalismus und Rassismus ein vorgebliches Heilpflaster. Das wird aber auf ein schwarzes Loch geklebt, das wie die Löcher im Kosmos unendlich und nie zu sättigen ist – es muß verbrauchen, verschleißen, fressen:
Wollte man eine strategische Differenzierung des totalen Verbrauchs aufmachen, also eine konsequente Planung, um dieses Ziel zu erreichen (auf Planung und Strukturierung der Gier, werden wir noch zu sprechen kommen), dann steht zu Anfang als erster Schritt, die Vernichtung des Mitgefühls. (Übrigens, Herr Lindner- es gibt keinen „mitfühlenden Liberalismus“).
Die Vernichtung des Mitgefühls muß zuerst kommen, wenn wir aus sind auf den rücksichtslosen Verbrauch von allem und allen. Aber aufgemerkt – diese Freßgier darf, um ihr ultimatives Ziel zu erreichen, eben nicht wirklich hemmungslos sein, sondern hat anstachelnde Struktur. Es braucht einen Ordokannibalismus. Deshalb haben die Infamien der AfD auch eine beharrliche Rangfolge, die neben dem „Endziel“ auch immer die Gewöhnung daran und eine sich steigernde Vernichtung des Mitgefühls, bedeutet. Es sind keine Ideologien, Religionen, keine Gesetze, die das Leben lebenswert machen – sondern einzig das Mitgefühl, die Fähigkeit sich in Leid, Liebe und Lust anderer zu versetzen.
Wir alle haben es schon so weit getrieben mit der Ausbeutung und dem Verbrauch, daß wir seit langem ahnen: wir leben in einer Zeitenwende: ökologisch, ökonomisch und vor allem sozial und intellektuell – das davor liegende Emotionale haben wir längst abgetötet – das ist das Hauptmerkmal der Erziehung zum Untertanen mit autoritärem Charakter. Heinrich Mann zeigte uns in seinem Roman, daß Kriechen und Treten nur zwei Seiten derselben Medaille, desselben autoritären Charakters sind.
Wir waren zaghaft seit dem Ende des II. Weltkrieges und besonders seit 1968, auf dem Weg zur Einsicht, daß Krieg, konkurrierender Leistungswahn und schwarze Pädagogik als angebliche Motoren der Geschichte inzwischen selbstmörderisch geworden sind. Zugleich wucherte aber auch das kapitalistische Krebsgeschwür des Mehrwertes in unseren Gesellschaften, die Religion des ungezügelten Fressens, deren Unterordnung fordernde autoritären Hohepriesterfratzen uns von Trump bis Bannon, von Mercer bis Hayek – und in unserem klein-kleinlichen Land von Sarazzin bis Weidel, von Kubitschek bis Höcke, von Sloterdijk bis Handke, und auf ganz armseligen Niveau von André Poggenburg bis David Berger – es sind ganze Legionen – inzwischen ungeniert und unmaskiert gegenübertreten. Sie alle sind Vertreter des Verbrauchs von Menschen und Ressourcen, (nicht nur natürlicher, materieller und intellektueller, vor allem emotionaler Ressourcen. Ein Verbrauch, den sie als naturgegeben deklarieren, als ewig, als im Blute; kein Wunder also, daß nationalistische Blut-Dummheiten wieder im Schwange sind. Mit Freuden skandieren sie den Spruch von den menschlichen Wölfen. Sie stoßen damit auf offene Ohren, die nur noch dissonante Töne wahrnehmen und dazu gehörige geblendete Augen wie z.B. bei so vielen Medienmenschen, die ihnen liebedienerisch zuarbeiten, ob Plasberg, Markwort, Matussek oder Strunz. Diese Taub- und Blindheit beginnt ganz früh, sie ist unserem Gesellschaftssystem des Verbrauchs eingewebt, sie wird, um noch einen physischen Vergleich aufzugreifen, mit der Muttermilch aufgedrängt.
Aber beginnen wir 250 Jahre früher als sich eine ähnliche Zeitenwende abzeichnete. Die ungenierteste artistische Huldigung jenes selbstverzehrenden Wahns waren damals die „120 Tage von Sodom“ – danach kam dessen realisierte Apotheose im europäischen Faschismus und Nationalsozialismus, die dann ein paar Jahrzehnte hinter den Paravents der Scham verborgen wurden; einer Scham, die nur so lange anhielt, so lange wenige davongekommene Opfer noch am Leben waren. Jetzt werden Anstand und Mitgefühl als Popanz „Political Correctness“ auf den „Müllhaufen der Geschichte“ gekippt. Schon allein dieser Begriff, political correctness, der von Rechten, nicht von Linken stammt, spottet über den Anstand und den Willen zum Miteinander. Jetzt wird auch verständlich, weshalb Alice Weidel jene „Müllhaufen-Metapher“ in die Welt setzte. Es ging ihr nicht um gehemmte Meinungsfreiheit, sondern eine ausbeuterische Hemmungslosigkeit! Eine von Ehrgeiz zerfressene Neoliberale kann gar nicht anders – Welt wird sie immer als eine des Verbrauchs ansehen, keine schützenswerte im angeblich unveränderlichen Sozialdarwinismus.
Mitgefühl, Miteinander und Anstand sind hinderlich im orgiastischen weltumspannenden Endstadium des Kapitalismus. Er macht vor nichts halt, alles bekommt sein Preisetikett. Gefühle ebenso wie Abwasser, Abluft und Fäkalien, an denen man auch noch verdienen kann. Genau davon handelt der Roman des Marquis deSade…
Jahrmarktsschreierisch behauptet der Autor zu Anfang, das seine sei das unzüchtigste Werk, das jemals geschrieben worden sei. Aber wenn Unzucht Anarchie meint und die Auflösung der Herrschaftsverhältnisse, dann ist der Roman der banal-verfehlteste (und zwar banal im Sinne Hanna Arendts) der Weltliteratur. Keineswegs ist er erotisch, denn er entbehrt jeder Spannung, hat weder Suspense, noch einen irgendwie überraschenden Plot: alles ist vorhersehbar, der Weg in den Lustmord ist nur konsequent. Foucault nannte diese Konsequenz bei deSade: „das schrankenlose Recht der allmächtigen Monstrosität.“
Wenn wir aber endlich fähig sind, die „120 Tage“ nicht mit den Augen eines Inquisitors zu lesen, der selbst die Erwähnung eines Astlochs für unzüchtig hält, dann erst können wir seinen wahren unbeabsichtigten Wert erkennen. Selbst als rasch ermüdende Aufzählung einer Unzahl von sexuellen Aberrationen und Philieen taugt er nicht. Es ist aber gerade der metikulöse Zahlen- und Ordnungswahn des Autors, der die gesamte Erzählung in knirschender Geometrie, mithin Hierarchie, hält – und der uns hellhörig machen sollte. Was sich zu Beginn als Werk der größten Unordnung preist, ist ein Abbild von strukturierter Herrschaft und Macht – Macht als Recht einiger Privilegierter zum Konsum von Menschen und Welt. Herrschaft als Institutionalisierung und Rechtfertigung alles verschlingender gargantuesker Gier, als Krebsendstadium der damaligen barocken Gesellschaft.
Räumen wir erst einmal die Mythosschlacken des Buches beiseite. Tatsächlich ist es zunächst nur eine hochstaplerische Onaniervorlage. DeSade war ein schriftstellerischer Dilettant und Gefängnisinsasse, der notgedrungen seine Phantasien auf dem Papier austoben mußte. Einige sexuelle Experimente, des aus dem Hochadel stammenden Donatien-Alphonse Francois deSade, die über die üblichen Libertinagen des galanten Rokoko hinausgingen, hatten dem Marquis bereits den Ruf eines Wüstlings eingebracht. Bei Orgien mit Prostituierten kam es zu Gewaltexzessen und Verabreichung von Drogen, und weder Einfluß noch Vermögen konnten ihn vor Anklagen retten: er wurde wegen versuchten Giftmordes und Homosexualität zum Tode verurteilt; aber er konnte sich der Vollstreckung entziehen durch Flucht in den Süden Frankreichs, dann nach Neapel und wollte dort das Szenario seines späteren Romanes Wirklichkeit werden lassen. Doch es kam zu nichts weiter als Planungen, die in Ermangelung der benötigten Geldsummen nicht weit gediehen; der geplante Lustmord ist nicht nur kälter als der spontane, er bedarf auch finanzieller Ressourcen. (Die Ressourcen der AfD werden ja inzwischen aufgefüllt aus Schweizer Quellen; aber der Marquis hatte keinen August von Finck.) Es sind übrigens die meisten Kunden von Dominas zwangsläufig eher Wohlhabende; der schäbige Rest muß sich das Vergnügen vom verzerrten Munde absparen.
Darauf war deSade keineswegs erpicht und reiste in der Hoffnung seine finanzielle Lage zu bessern wider besseres Wissen nach Paris zurück, wo noch immer das verhängte Todesurteil seiner Vollstreckung harrte – und wurde verhaftet. Der Marquis wurde nicht hingerichtet und saß mehr als 13 Jahre in verschiedenen Gefängnissen, in denen als Zeitvertreib und Outlet seines angestauten Hasses auf die Welt, die ersten Romane und Erzählungen entstanden, langatmig-zynische Werke über die „Missgeschicke der Tugend…“
Die „120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage“ verfaßte deSade in ungeheurem Tempo im Sommer 1785 in der Bastille – genauso nachlässig wie die AfD ihr Partei-Programm. Daß der Marquis seiner ausufernden sexuellen Phantasie keine Zügel anlegte, durfte natürlich keiner seiner Bewacher erfahren. Deshalb klebte er die Blätter seines Manuskripts zu einer Rolle zusammen und versteckte sie jeden Abend nach dem Schreiben in den Wandritzen seiner Zelle. Da er nicht genügend Papier zu Verfügung hatte, konnte er nur den ersten Teil des Buches ausarbeiten; die drei weiteren blieben Skizze.
Die Weltgeschichte hinderte den Marquis an der Vollendung – einen Tag vor der Erstürmung der Bastille durch die revolutionären Massen wurde er in ein anderes Gefängnis verlegt. Das Manuskript galt über 100 Jahre verschollen und erschien zum ersten Mal als sexualpathologisches Kompendium, das ausschließlich Ärzten vorbehalten sein sollte. Bis heute changiert die Rezeption zwischen surrealistischer Begeisterung und zensorischer Verdammung.
Lassen wir literaturhistorische und moralische Aspekte beiseite, dann erkennen wir hinter der Tarnung als „Schule der Libertinage“: es geht um das Gegenteil von Freiheit; quasi eine bösartige, ordnungsfanatische Pädagogik, die Dressur zur lustvollen Akzeptanz des Leidens. Hier wird strukturiert, formuliert, klassifiziert, Rangfolge aufgestellt, Ungleichheit angebetet bis zum Exzess; recht eigentlich ist das der wahre Exzess.
Das Buch ist in vier große Abschnitte und penibel aufgezählte Unterkategorien eingeteilt, die jeweils einen Monat umfassen. Vorangestellt ist eine Einführung, die in der Manier eines Schauerromanes jener Zeit die Reise eines herrschaftlichen Trosses in das weit von jeder Zivilisation gelegene Schloß Silling im Schwarzwald beschreibt. Natürlich ist der Weg gefährlich und etliche Bedienstete müssen bereits ihr Leben beim Sturz in die Schluchten des Gebirges aushauchen; wie etwa auch etliche Kärrner der AfD auf dem Wege zur Machtergreifung das Partei-Zeitliche segneten.
Das angestrebte Schloß ist menschenfern bedrohlich und wird von einer hohen Mauer umgeben – eine Mauer von der heute wieder so viele träumen – die eben nicht nur Fremde draußen halten soll, sondern vor allem die Insassen drinnen. Das ist ja auch der eigentliche Zweck von Vermauerungen. Der antifaschistische Schutzwall schützte vor allem die Herrschenden darin.
Die Reisegesellschaft wird pedantisch in einer Art geometrisch gehaltener dramatis personae – Einführung vorgestellt: vier immens reiche Herren, die das Ganze finanziert und organisiert haben, Vertreter verschiedener Eliten. Ein Herzog, ein Bischof, ein Gerichtspräsident und ein Bankier. Sie werden begleitet von einem Harem von jeweils acht Mädchen und Jungen, halben Kindern, die hübschesten, die sich in ganz Frankreich auftreiben ließen, von verbrecherischen Emissären entführt und als Handelsware an die Herren verkauft. Des Weiteren acht muskulöse und mit hengstisch großen Gemächten ausgestattete Beschäler, Stellvertreter, die einspringen sollen, wenn es den Herren an Kraft mangelt; Juniorpartner der Korruption. Nur anscheinend bizarr: vier alte, häßliche Ex-Prostituierte und Verbrecherinnen. Man hat sie zum Kontrast mitgenommen, auf dessen verwesender Folie die Schönheit und Unschuld der halben Kinder umso dramatischer wirken. Schließlich: die vier Töchter der Herren und als letzte vier Puffmütter, die in den vier Genres, die über die Vier Monate des Aufenthaltes realisiert werden sollen, die größte Erfahrung haben und mit gewalt-pornographischen Berichten aus ihrem Leben die Anheizerinnen geben.
Zu Beginn in einem inzestuös-korrumpierenden Ritual – wie ja auch heutzutage ökonomische Korruption etwas Inzestuöses hat wie z.B. unter lupenreinen Demokraten, die Vorstände von Gasfirmen werden – heiratet jeder der vier Herren eine der Töchter, um so eine Verwandtschaft herzustellen durch Teilhabe an der Obszönität und am kindlichen Menschenbesitz des anderen. Dann beginnt mit dem ersten November der keineswegs chaotisch-archaische Reigen mit streng geregelten Orgien. Das Paradoxon existiert: die geregelte Orgie widersteht dem Chaos, wie ja die ungeheuerliche Ordnung, die um die KZs und Gulags errichtet wurde, die fortgesetzte Existenz des darin herrschenden Chaos erst ermöglichte.
Die vier Puffmütter erlustigen die Gesellschaft tagsüber mit einer genau festgelegten Anzahl von Berichten und Erzählungen im Genre des jeweiligen Monats. Die Abende sind der Nachstellung dieser Berichte in ausgedehnten Orgien gewidmet. Auch dann noch ist alles reglementiert – alle müssen sich an die sachte Steigerung der Exzentrizitäten halten, die in Grausamkeiten übergehen. Sogar die Verdauung aller ist geregelt – die Objekte der Befriedigung (denn das ist wichtig: sie dürfen keine Subjekte werden. Haben Marx und Freud deSade gelesen?) dürfen sich nur auf Befehl und unter voyeuristischer Beobachtung entleeren. (Wieso fallen mir gerade jetzt die Kontrollen der HartzIV-Behörden ein?) Es wird tatsächlich aus dem kleinsten Bißchen Scheiße noch Lustmehrwert gewonnen. Natürlich ist das alles so eingerichtet, daß diese Regeln nicht einzuhalten sind – Übertretungen werden genauestens protokolliert und später penibel-genüßlich diszipliniert und bestraft. Jeder Rutenstreich wird wie auf den Scharia-Marktplätzen in islamischen Diktaturen genau festgelegt und zum Genuß der Henker und der zuschauenden Menge gezählt – die vermeintliche Anarchie des Schmerzes wird so mit Regeln für diejenigen, die sie ausüben, umso lustvoller und spannender gestaltet.
Der erste Monat ist dem Spiel mit und dem Verzehr von menschlichen Ausscheidungen: Schweiß, Urin, Rotze, Kotze, Kot, Sarkasmen, Spott und Überheblichkeiten gewidmet – wer dächte da nicht an die täglichen Auswürfe eines Präsidenten, der sich inzwischen, nur das ist neu, nicht mehr in die Keramik, sondern ins Netz entleert. Aber der ist ja das große Vorbild jener Heerscharen von Pegida bis zur AfD usw., die von ähnlichen Veranstaltungen wie denen im Schloß Silling träumen und ihre Phantasien darüber auch täglich im Netz ausspeien – Beispiele: siehe oben!
Die Herren bei deSade delektieren sich daran wie sie bei ihren Objekten zunächst noch Widerwillen und Ekel erzeugen. Aber es entsteht durch Wiederholung Gewöhnung, sogar Langeweile, deshalb werden die Spielarten der Mysophilie immer obszöner; wie man ja auch an Verbalexzessen der AfD erkennen kann. Was anfangs noch als épater le bourgeois hingehen könnte, wird rasch zu einer ermüdend exekutierten Aufzählung des „und dann das noch und dann noch dies und dann jenes“. Die Erzählerinnen müssen berichten, wie der Sohn den Kot des Vaters und der den Kot des Sohnes aß, dann dasselbe noch einmal bei Mutter und Tochter, bei Bruder und Schwester, bei Pfarrer und Beichtkind und so fort bis zum Abwinken: hatten wir doch schon! Genau der gleiche Effekt tritt ein, wie wir ihn heute nach den nicht enden wollenden obszönen Absonderungen der AfD-Figuren erleben müssen: Gewöhnung, das „so what?“. DeSade hat es sogar selbst festgestellt; er notiert, daß er die „Abtrittgeschichten“ etwas zügeln müsse, damit keine Langeweile durch Wiederholung entsteht.
Die Herren aber freuen sich, daß von den Kothaufen der Geschichte Unmengen an Scheiße gefressen werden, reiben sich die Hände und Geschlechtsorgane und rücken eine Stufe der Entmenschung weiter. Sie kaufen die Schloßstraße, das Schloß, die Latrine, die Bewohner, dann deren Innerstes und verwandeln alles in Scheiße, Hohn und am Schluß in Blut.
Im zweiten Teil des Buches geht´ s um Profanationen und Vergewaltigungen. Alle Kindesalter nimmt man sich vor und zählt genau auf wieviele Kinder in welche Körperöffnungen penetriert werden – nur die Hüpfburgen fehlen, die gab es im Barock noch nicht. Es werden Gruppen gebildet, Trios und Quadrillen und wenn die Mathematik nicht mehr hergibt, kombiniert man die Vergewaltigungen mit eben den koprophilen Spielereien des ersten Monats. Ergebnis: wieder kurzfristige Übersättigung, dann Steigerung der Aktionen. Es werden noch ein paar öde Blasphemien mit Hostien und katholischen Kultgegenständen getrieben und schließlich, in freudiger Erwartung aufs Kommende, schon einige Auspeitschungen vorgenommen. Die geraubten Kinder sind bereits aufs Äußerste körperlich und seelisch mißbraucht, was aber die Herren bloß weil sie es können, weil sie die Macht haben, weil sie sie in Besitz genommen haben, zu gesteigerten obszönen Ritualen anstachelt – ganz abgesehen von der banalen Tatsache, daß es stets leichter ist, die Schwachen zu mißhandeln.
Ich spreche von Ritualen; Ritualen der Provokation, der Gier, des kurz befriedigten Hungers, der Freßlust – die den Kindern klarmachen sollen, daß sie unter die Wölfe geraten sind, daß diese Tatsache der einzige Zweck des Lebens sei, daß sie sich abfinden müssen mit dem Gefressenwerden.
Der dritte Monat, der Januar, ist den schon schärferen Bestrafungen und Entwürdigungen gewidmet. Die Herren lassen ihren ganzen Lebenshaß, auf Jugend, Schönheit und Lebendigkeit, den Haß auf das Unwölfische, freien Lauf – sie quälen nicht nur körperlich mit Schlägen und Vergewaltigungen, jetzt demütigen sie auch noch verbal oder mit widersinnigen Handlungen und brechen genüßlich Versprechen der Erlösung.
Gegen Endes des Monat steigern sich die Foltern: man läßt bereits zur Ader, fertigt aus dem Blut Würste und ißt sie auf. Man zerschlägt Flaschen auf den Gesichtern oder läßt die Kinder in Nägel stürzen, bricht ihnen Arme und Beine, schneidet Finger und Zehen ab und Fleischstücke aus dem Körpern, die verzehrt werden. Ich denke da sofort an den Doktorvater von Alice Weidel, Peter Oberender, der sich neoliberal (alles hat seinen Preis) Gesundheitsökonom nannte. Er forderte, Menschen, die in finanzielle Bedrängnis gekommen seien, müßten die gesetzliche Möglichkeit haben, ihre Organe zu verkaufen – aber natürlich strengstens gesetzlich geregelt und normiert wie beim Marquis deSade – dort ist die Reihenfolge der Amputationen ebenso strengstens geregelt.
Im letzten Monat, dem Februar, setzen die Herren – auch hier wieder strukturiert in täglichen Steigerungen – zum Endspurt an. Sie machen medizinische Versuche wie Mengele, amputieren immer weiter, schneiden Nasen, Ohren und Zehen ab oder stechen Augen aus, füllen die Körperöffnungen der Kinder mit flüssigem Blei oder Scheidewasser und achten darauf, sie bis zum Ende am Leben zu erhalten. – Das erinnert an die Todesmärsche auf die KZ-Gefangene gegen Endes des Krieges geschickt wurden. Ungezählte kamen dabei um – aber obwohl die Niederlage abzusehen war, verlängerten ihre Bewacher das Leiden, um die bereits unbeschreiblich Gefolterten vielleicht doch noch irgendwo anders weiter quälen zu können; wenngleich ja der tödliche Ausgang der Torturen ohnehin feststand.
In den letzten der „120 Tage“ werden die Lustobjekte in ausgeklügelter Reihenfolge umgebracht. Auch die vier alten Vetteln werden zu Tode gefoltert. Im Verlauf der finalen Orgie werden die letzten Kinder unter ungeheuren Martern niedergemetzelt. Drei der Töchter der Herren sind bereits ermordet worden. Der letzten Tochter schneidet man als Höhepunkt ein Kind aus dem Leibe. Womit insbesondere auch der Haß auf Kinder und deren Zukunft, auf ihr Weiterleben, wenn die Eltern längst gestorben sind, zerstörerische Realisierung findet.
Ich entschuldige mich nicht, daß ich diese Exzesse hier aufzählen muß, es ist notwendig. Ich bin nicht einmal in die Details gegangen. Die krönende Infamie kommt jedoch am Ende des Machwerks, fast geht sie unter in Kotze und Kot. Seiner Buchhaltermanie zu frönen, listet deSade lakonisch auf, wann wer „abgetan wurde“, wie er das nennt. Er zählt – als Ökonom sein Menschenmaterial wie ein Neoliberaler auf – alle Gemarterten mit Datum und Todestag, rechnet zusammen, wer ins Schloß kam und abkratzte und schließt:
„Davon wurden 30 umgebracht und 16 kehren nach Paris zurück. Was die Martern der zwanzig letzten Opfer (…) betrifft so ist das entsprechend zu schildern; zu sagen, daß die zwölf Übrigbleibenden alle miteinander aßen und die Martern nach Belieben.“
DeSade sagt das mit jener kältesten Männlichkeit, von der Björn Höcke behauptet, sei uns verlustreich verloren gegangen. Männlichkeit wie sie Höcke meint, ist also kannibalisch wie die Säue, die in Auerbachs Keller besungen werden. Das steckt hinter der billigen Goebbelsimitation – die Ermannungssehnsucht zum Mord! Die ultimative Pseudo-Erektion eines emotional Impotenten mit blutigem Erguss-, die Mannbarkeit des „weil ich´s kann!“

Dieser allerletzte Nebensatz vom Aufessen ist aber die Hauptsache! Nach all den immer gezielter werdenden Grausamkeiten und dem Haß, geht er fast unter: doch er entlarvt den letztmöglichen Konsum, das endgültige Einverleiben, den Verbrauch von Jugend und Alter, Leib und Leben, von Atem und Tränen, von Lust und Trauer, von Sex und Schmerz. All das kann das nur noch einen Paroxysmus finden, völlig real und gleichzeitig symbolisch: das Auffressen, den genußvollen Kannibalismus.

Tango tanzende Jünglinge
II. Teil Vom Schloß Silling nach Saló
Pier Paolo Pasolini hatte verstanden, daß „Die 120 Tage von Sodom“ die ultimative Verwertung des Menschen im hemmungslosen Konsum seines Körpers, seiner Gefühle, im Genuß an Blut und Schrecken beschreiben, und daß der Roman das Leiden als einzigen Lebenszweck zum Inhalt hat, an dem sich einige wenige berauschen. Vielleicht ist er auch deshalb eines der katholischsten Werke, die jemals entstanden sind. Pasolini verfilmt das Buch 1975. Es ist ein Werk über eiskalte Teilnahmslosigkeit, eine Teilnahmslosigkeit, wie sie Klaus Barbie beim Foltern in Lyon, Slobodan Milosevic beim Schlachten auf dem Balkan, der in Briefen an seine Frau über den Gestank der Kremierten klagende KZ-SS-Mann, an den Tag legten. Oder wie sie auch ein gewisser wortarmer Präsident angesichts des mörderischen Ku-Klux-Klan-Mobs in Charlottesville oder beim Herumstolzieren zwischen den Sturmopfern im Süden zur Schau stellte. Denn was nutzt genüßliche Teilnahmslosigkeit, wenn man sie nicht verlogen zur Schau stellt als ihr Gegenteil. Das Gegenteil von Sadismus ist nämlich nicht der Masochismus, sondern die Sentimentalität. Jene selbstverliebte Sentimentalität, die schon beginnt, wenn der gefühlvolle Klein- oder Großbürger Pennern einen Euro reicht mit der besorgten Ermahnung, den nicht zu versaufen oder wenn er Menschen bedauert, die sich unter einen Dachvorsprung bei einem Wolkenbruch kauern, aber sie natürlich nicht hereinbittet. Warum sollte man sich dann weiters ersaufende Flüchtlinge einladen – die, die es tun, werden dann natürlich als Gesetzesbrecher verunglimpft. Nicht nur, daß man selbst nicht helfen will, man will auch andere, indem man deren Mitgefühl verspottet, gar kriminalisiert, daran hindern – denn das könnte ja gefährliche Mode werden, nicht wahr Boris Palmer? – Mit „Wir können nicht allen helfen“ sprechen Sie den Deutschen aus dem sentimentalen Herzen.
Ich gehöre zu den wenigen Tausend Kinobesuchern, die den Pasolinifilm damals gesehen haben. Noch keine achtzehn hatte ich mich in den nicht jugendfreien Streifen hineingeschlichen. Wenige Tage später wurde er als erster Film nach der Nazizeit in Deutschland verboten. Warum? Die Zensoren wußten genau weshalb! Pasolinis Film zeigte Vergewaltigungen, eine wenig appetitliche Kotfreßorgie, bei der offensichtlich Schokowürste verzehrt wurden und zum Schluß die Verstümmelungen schöner junger Körper, aber ohne den Hauch des Phantastischen oder des Mitgefühls. Im Kino nebenan konnte man in den damals aufkommenden Splatterfilmen kaum weniger Scheußliches konsumieren. Aber diese Horrorfilme waren Produkte einer Sexploitation-Industrie, Kinoramschwaren des Phantastischen, die Geld einbrachten mithin Mehrwert, so etwas konnte man natürlich nicht verbieten. Pasolini jedoch zeigte die Wirklichkeit hinter der Sexploitation, zeigte wie Menschen als Ramschwaren benutzt werden. Vor Wahrheiten haben Zensoren ja immer Angst. Lügen lieben sie. Wie hieß es doch vor einiger Zeit? Die ganze Wahrheit könnte die Bevölkerung verunsichern! Sind es nicht eher die Zensoren, die verunsichert würden, wenn das Publikum sie durchschaut? Da sie sich nicht und die Bevölkerung mit der Wahrheit verunsichern lassen wollten, verboten die Zensoren damals die Aufführung des Pasolini-Filmes. Ausgerechnet Joachim Fest – seit seiner Speer-Biographie ein Fachmann für Nazi-Doppelmoral, setzte sich an die Spitze der Schreier nach Verboten der Wahrheit (FAZ 7.2.1976). Sein Sohn Nikolaus kämpft inzwischen bei der AfD weiter gegen die Wahrheit weiter so und wo sein konservativer Vater aufgehört hat.
Pasolinis Version des deSade-Stoffes war keine reine Verfilmung eines historischen Werkes – der Autor-Regisseur hatte den Schauplatz – ein finsteres Schloß im Schwarzwald der französischen Vorrevolutionszeit – ins Saló von 1944 verlegt, jener letzten Zuflucht Mussolinis am Gardasee. Die Vorlage wurde auf bloß drei Tage verkürzt, aber die Genres der Abscheulichkeiten und ihre strenge Choreographie blieben gleich, denn Sadismus, Masochismus und verleugnete Sentimentalität verabscheuen, wie wir bei deSade gesehen haben, die Anarchie, aber eben nicht die Weinerlichkeit – mißlingt einem der Herren bei deSade seine grausame Genußsucht einmal, dann werden sie jammer-jämmerlich und gerieren sich als Opfer, was die wirklichen Opfer dann zu büßen haben. Genauso ist es mit den plärrenden AfDlern, die schon Widerspruch für Angriff halten – und dann genauso wie bei deSade zuschlagen – das nennen sie Ausübung der Meinungsfreiheit oder ihrer demokratischen Rechte. Nicht zu vergessen ihr sentimentales Gegreine von Volk und Vaterland, von Traditionen und deutscher Ehre und so weiter und so fort, die sie so genüßlich aus den Kotbrocken der Geschichte geklaubt haben. Jetzt wird auch verständlich weshalb die andere Seite faschistischer Koprophilie ein fanatischer Sauberkeitswahn ist, nicht nur der verschmierten Finger und Hirne, sondern vor allem des Blutes. Rassismus ist ein blutiger Waschzwang! Die weinerliche und gleichzeitig aggressive Sentimentalität der Rechten, ist nur die Kehrseite ihres Sadismus…sie lieben das Opfer, das andere bringen müssen und haben ein ständiges Verlangen nach Reinheit, weil sie tatsächlich so tief in der Scheiße stecken. Sie sind sich selbst bestärkend so abgrundtief verlogen wie Josef Fritzl, der in seinem Prozeß erklärte, er habe seine Tochter zwar 25 Jahre eingesperrt und vergewaltigt, mit ihr Kinder gezeugt, einige davon im Ofen verbrannt, aber sie doch geliebt. In seinem Kellerversteck habe er die Vergasungsanlage, die er für überrachende Zwischenfälle eingebaut hatte, nie benutzt. Das sei doch ein Zeichen der Vaterliebe. Ob nun Vaterliebe bei Josef Fritzl oder Vaterlandsliebe bei Björn Höcke, sie sind vom gleichen Kaliber.
Die Herren bei Pasolini sind vier Repräsentanten des faschistischen Staates: gierig, verfressen, korrupt und opportunistisch, reich und unbotmäßig delektieren sie sich an der Vernichtung einer Gruppe entführter schöner, junger Menschen. Die müssen den unumschränkten Herren zu Willen sein, werden ihre Hunde, ihre Würmer, ihre Sexual-und Qualobjekte, um am Schluß abgeschlachtet zu werden. Und warum? Einfach so – aus Daffke – weil die Herren es können… weil sie überzeugt sind, daß Fressen und Gefressen werden die Welt am Laufen halten (das neoliberale Glaubensbekenntnis) und daß es besser ist zu fressen, als gefressen zu werden – der faschistische Zusatz zum neoliberalen Credo. Interessanterweise verdrängen diese Herren immer die Tatsache, daß sie eines Tages auch dran sein werden: denn welcher Diktator ist schon im Bett gestorben? Stalin? Der verreckte in seiner Datscha, ohne daß ihm jemand die Hand hielt, weil selbst der verreckende Diktator noch soviel Schrecken verbreitete, daß die Angst vor dem hilflos Siechen größer war als ein Fünkchen Mitgefühl – er hatte sich, seinen Adepten, dem ganzen Lande dieses Mitgefühl ausgetrieben und mit Stumpf und Stiel vernichtet und mußte so sein eigenes Opfer werden. Es ist diese letale Konsequenz, die mit der Ermannung beginnt, von der nicht nur der erwähnte Herr Höcke so gerne schwärmend schluchzt…
Keine Träne auch bei Ceaucescu und seiner Elena, die noch nicht mal eine Träne für sich selbst hatte am Tage ihrer Hinrichtung, sondern nur noch obszönes Keifen. Stunden zuvor hatten sie auf dem Altan ihres Palastes nur ein abgefeimtes Dauergrinsen für die empörten Bukarester übrig. Ein Grinsen wie es auch heutigen autoritären Charakteren von Marine LePen bis zu ihrer Taschenausgabe Frauke Petry in den Gesichtern herumspukt. Die bissige Alice Weigel und Konsorten können noch nicht mal grinsen, sondern nur noch keifen von den „Müllhaufen der Geschichte“ und den Müllmenschen, für die sie andere halten, die nicht so verrottet denken wie sie selbst.
Die Heiserkeiten des Hasses und die Tränen der orgiastisch Kreischenden, die im Wahlkampf Angela Merkel anschrieen, galten nur noch der eigenen Leere, die mit nichts aufzufüllen ist – wenn sie nur könnten wie sie wollten und wie Mänaden ihre Gegner zerfleischen (deren Mütter vergewaltigen und ihnen die Finger abschneiden), würde auch das weder zur Befriedigung, schon gar nicht zur Ernüchterung reichen. Sie müssen fortgesetzt zubeißen – um das eigene Gebissensein, die eigene Zerrissenheit nicht zu merken, eine Zerrissenheit, die durch einen Werwolfbiß über Generationen weitergegeben wird. Deshalb wird übrigens so gerne von der mystischen wölfischen Verfaßtheit gefaselt, anstatt von einer immer weitergegebenen Erbkrankheit des Hasses – der viele wollüstig und schulterzuckend zugleich erliegen. Es ist besser den anderen Schmerzen zuzufügen, die diese Schmerzen gar nicht verursacht haben, als den eigenen Schmerz zu spüren. Es ist immer besser Sündenböcke zu opfern und dann „das Schicksal“, die angeblich so eingerichtete menschliche Natur, dafür verantwortlich zu machen; das ist die verschlagene Strategie der menschlichen Wölfe…. Wirkliche Wölfe sind nicht verschlagen!
Als ich Pasolinis Film damals sah, war ich kleinbürgerlich-pflichtgemäß (das war ja auch die Erwartung der Zensoren) zu sehr von der Orgie aus Kot, Blut und Niedertracht schockiert – so daß ich erst viele Jahre später begriff, daß die erschütterndsten Szenen nicht die der Koprophagie oder Zerstückelung waren. Pasolini hatte die schneidende Lakonik jenes letzten deSade-Satzes: „…daß die zwölf übrig gebliebenen alle miteinander aßen, “ in eine Bildlakonik übersetzt, die erst Unverständnis erzeugte, aber dann tiefste Verstörung. In Verstörung endet der Film. Gedreht, aber dann nicht einmontiert, war auch eine „erlösende Schlußversion“: die Herren fliehen vor den anrückenden Truppen der Alliierten und werden erschossen. Nicht einmal diese tödliche Gerechtigkeit gönnt uns Pasolini – nur einen Tango der Teilnahmslosigkeit, der nie vergeht…
Einer der vier Herren im edlen Morgenrock auf einer Art Thron hockend, betrachtet durch ein Fernglas – das er zuweilen umdreht, um das Geschehen in weite Ferne zu rücken – wie die nackten Beschäler auf dem Hof des Hauses junge ebenso nackte Gefangene schlachten. Die Mörder müssen nackt sein wie die Opfer, um die Grenzen zu verwischen. Ein weiterer der Herren, am Vortag in Seide gekleidet, nun in barbarischer Nacktheit, führt im Hof die Oberaufsicht.
Pasolini, in konsequenter Kälte, läßt uns die Schreie der Gemarterten nicht hören…wir sehen nur die aufgerissenen blutenden Münder tonlosen Schmerzes, denen die Zungen herausgerissen werden und die ebenso blutigen Augenhöhlen, denen man des Sehen heraussticht…Es sind abgeschnittene Blicke und stumme Schreie, die uns länger hallend verfolgen, als je gehörte…
Neben dem Observations-Herrn auf dem Thron tanzen zwei der entführten Jünglinge, die ohne Zweifel als nächste gemordet werden, blind für das Leid ihrer Altersgenossen, schmusend Tango. Der eine fragt den anderen: „Wie heißt eigentlich deine Freundin…?“ Der Film bricht ab…
Die verstörendste Szene der Filmgeschichte. Sie war die im wahrsten Sinne des Wortes Fleisch gewordene Lebensenttäuschung Pasolinis. In seinen Arbeiten vor „Saló“ (Filme über das „Decamerone“, die „Canterbury Tales“ und erotische Erzählungen aus „1001 und einer Nacht“) hatte er die schönen und vor allem lebendigen Körper junger Menschen und ihre Lebenshoffnungen, die sich in Zärtlichkeiten, Nähe und leidenschaftlichem Sex ausdrückten, gefeiert. Besetzt waren die Rollen damals mit Laien – zumeist aus dem Subproletariat, denen ein Engagement nach Cinecittá ein Lebenshöhepunkt werden konnte.
Aber Pasolini hatte die Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderung durch die sozialdemokratisch korrumpierten Unterschichten aufgegeben zu jener Zeit der frühen 70er, in der neoliberale Mafia-Figuren wie Berlusconi sich anschickten, die italienische Politik zu erobern und durchzukorrumpieren und in denen immer deutlicher wurde, daß es gar keine gesellschaftliche Avantgarde gab und daß der Kapitalismus auf seinen orgiastischen Höhepunkt zulief – einen Dauerorgasmus, der bis heute anhält, aber durch seine Zuckungen das Gebäude inzwischen zum Einsturz bringt: den Konsumismus. Wir spüren längst die Schmerzen konsumistischer Dauerejakulationen.
Die Ideale der französischen Revolution waren damals schon, vor 40 Jahren, mit kapitalistischer Perfektion verraten und verkauft worden. Heute findet dieser Verrat seine Vollendung mit Dieselautos auf Raten für jeden, Wüstenrothäuschen, Shopping-Queens, Champagner bei ALDI und der halbjährlich wechselnden I-Phone-Mode. Es herrschen endlich die Freiheit zum permanenten Konsum, an allen Orten; die Gleichheit aller vor der Warenwelt. Wenn das entsprechende Geld fehlt, um soviel zu konsumieren wie man zu wollen hat, so ist das die Schuld der Konsumenten – aber der Zugang zu den Waren ist ja angeblich für alle gleich. Und schließlich ist die selbstbesoffene, sentimentale Brüderlichkeit im Konsum die größte demokratische Errungenschaft, die für Geld zu haben ist.
Ach, ihr alleinerziehenden Mütter, wir senken auch für euch die Finanzsteuern wenn ihr Euch als Altersvorsorge Immobilien kauft…das ist Demokratie! Suum cuique- und statt Brot versprechen wir Kuchen für jeden! Heines Zuckererbsen können wir Euch aber nicht geben die brauchen wir für uns.
Pasolinis „Saló“ setzt dieser Dystopie von der tödlichen Gleichheit im Konsum, im Verbrauch, noch eine weitere Bitternis auf mit dieser letzten Szene…es gibt auch keinen Widerstand mehr: die Korruption hat alle ergriffen – das tanzende junge Schlachtvieh genießt den Vortag seiner Zerstückelung, weil es neue modische Lederjacken trägt, tanzen kann für Momente im gleichen erhabenen Raum wie die Herren… die Jungen kriegen neben den Scheißwürsten auch mal eine echte zugeworfen und sind der Macht täuschend nah…Nichts ist mehr mit der Revolution der jungen Leiber… Die Identifikation mit den zerstörerischen Herren ist vollendet – morgen werden sie mitschlachten oder geschlachtet werden, und ein anderer der Herren wird sie durchs Fernglas beobachten, und wenn auch er es umdreht, dieses Pandämonium an Freßorgie so weit wegrücken, wie sein längst zerstörtes Mitempfinden.
Recht eigentlich hat Pasolini hier auch Kafka verfilmt: ob nun Herr K. oder der Heizer oder der Beobachter der Sichelmaschinen – ja der lungenkranke Autor selbst – sie haben jedes Gefühl für sich selbst abgeschafft, nur dann konnten sie ins Stadium allgemeiner Teilnahmslosigkeit eintreten, aber immer weiter wie Zombies funktionieren. Das Leid wird abstrakt, wenn man es durch ein umgedrehtes Fernglas betrachtet.
Würde ich an Gott glauben, so sähe ich einen rachsüchtigen Zynismus Gottes im Tod des Regisseurs Pasolini. Ausgerechnet von einem Vertreter des Subproletariates, von dem er sich in marxistischer Gutgläubigkeit soviel erhofft hatte, wurde er umgebracht. Bis heute ist nicht geklärt, ob der Stricher, der Pasolini am Strand von Ostia viehisch mit dem Auto mehrfach überfuhr, nicht gar von neofaschistischen Feinden des Regisseurs angestachelt und bezahlt worden ist – weil er sie durchschaut hatte – so wie wir, um den Bogen zum Heute wieder zu schlagen, zum Beispiel die AfD durchschauen müssen.
Pasolini war längst nicht der erste Hellsichtige, den Faschisten in angeblich demokratischen Zeiten aus dem Wege räumten und er wird nicht der letzte bleiben, wenn sie sich weiter zur Macht hangeln.
Die Herren auf Schloß Silling führen ja genau Buch wer „abzutun“ sei, eine Todesliste. Ihnen machte es offenbar gleich die rechte Terrorzelle um den Bundeswehrsoldaten Franco A., dessen Kumpane auch zur AfD Kontakte pflegten. Auch sie führten Todeslisten. Und was denn anders haben gewissen Herrschaften aus der AfD im Sinne, wenn Sie davon räsonnieren, sie wollten nach ihrer Machtergreifung „aufräumen und ausmisten“ oder „auf die Jagd gehen“? Wozu denn jagt man denn sonst?

Doch wie uns deSade gelehrt hat, reicht das Töten allein nicht, die Gier nach Vernichtung kennt keine Grenzen – es müssen Knochen zerstückelt werden wie beim Überfahren mit dem Auto. Es reicht nicht, Menschen in die Luft zu sprengen: der NSU versah wie der IS seine Bomben auch noch mit Nägeln, damit sie das Fleisch der Opfer zu Brei zermalmten. Matsch wird übrig bleiben bei Stürzen aus dem Helikopter, von denen Thorben Schwarz von der AfD geistig taumelnd phantasiert – übrigens ein achtzehnjähriges Jüngelchen, nicht unähnlich den beiden Tänzern bei Pasolini, leidlich hübsch und ebenso ohne Mitgefühl und teilnahmslos. Dieser Tage rühmte er sich auf seinem FB-Profil beim vaterländischen Treffen Björn Höckes und seiner AfD-Kumpane am Kyffhäuser dabei sein zu können, aufzugehen in der Führermenge, die ihm Identifizierung bietet, deutsche Auserwähltheit verspricht, die ihn aber am Schluß opfern würde wie die Herren auf dem Thron in Saló oder in den Kerkern von Schloß Silling. Ein Mitmacher unterer Dienstgrade…eine läppisch-alberne Figur wie jener SS-Offizier Erhard in Lubitschs Film „Sein oder Nichtsein“, der sich schamlos-eitel wegen seiner dort vollbrachten „Leistungen“ Konzentrationslager-Erhard nennt und am Schluß doch auf Befehl, für seinen Führer, aus dem Flugzeug springt. Er vollzieht also an sich selbst das, was der junge Herr Schwarz für erstrebenswert hält, wenn es um seine Gegner geht, ohne zu begreifen, daß er auch selbst in den Strudel – oder um im Bild zu bleiben – den Sogwind seiner kalt-lächelnden Brutalität gerissen wird.
Haben sie genug gedräut am Kyffhäuser oder auf Parteitagen dann feixen diese Herrschaften in die Kameras; denn sie ergötzen sich daran, daß ihre jetzt offen ausgesprochenen Machtphantasien Beachtung finden. Phantasien – da braucht man nun wieder keine Phantasie, um sich das ausmalen – die auf lustig-belachten Mord hinauslaufen; wie sich ja wohl Volker Arppe lachend ergötzte an den seinen.
Klaus Theweleit beschreibt in seinem Buch „Das Lachen der Täter“ das Dauerlachen des rechten Terroristen Anders Breivik, als er auf der Insel Utoya höchst befriedigt über sechzig Kinder und Jugendliche erschoß. Was Breivik später als einziges bedauerte war, daß es ihm nicht gelang, noch mehr zu ermorden. Die Mordrunst hatte kurzfristig am Abend auf Utoya ihre Befriedigung gefunden, beim Prozeß gierte Breivik bereits wieder.
Volk, Vaterland, Heimat, ethnische Rein-, Überlegenheit und Männlichkeit und dergleichen Schwachsinn, wie sie Höcke und Gauland genau wie Breivik als vorgeschobene Motivation angeben, liefern pseudo-logische Gründe für den eigentlich gewollten Rassismus, Menschenhaß und den zwangsläufigen Mord. Die Ursachen liegen woanders; wir wollen uns herantasten.
Die Herren auf Silling behaupten einmal, sie agierten so mörderisch-blasphemisch, um die Nicht-Existenz Gottes zu beweisen, aber selbst das ist nur eine invertiert-religiöse Rechtfertigung, um Mord zu verteidigen. Ist es nicht merkwürdig, daß die Quäler bei deSade komplexe dogmatische Gedankengebäude entwickeln, daß die Betreiber der Vernichtungslager der Nazis pseudowissenschaftliche Erklärungen dafür erfanden, daß Breivik ein tausendseitiges Manifest schrieb, um die Mordlust zu rechtfertigen? Sie wußten zutiefst, daß sie alle unmenschlich handelten – sie waren eben keine Amokläufer ohne Ordnung und Zucht – wie ja auch die rechten Bewegungen das Ornament der Massen, das militärische Reglement oder wie die AfD in ihrem Programm die Disziplin, die Ungleichheit schaffende Hierarchie verehren, ja anbeten. Schlichter menschlicher Anstand würde sie abhalten, aber die Lügen vom höheren Auftrag, die Dressur der dressurbereiten Gesellschaft, haben sie entwöhnt vom Mitgefühl. Sie wollen uns überzeugen, daß der Mensch in Ungleichheit geregelt, normiert, gezüchtigt und gezüchtet werden kann. Und so wird zum Inhalt der meisten Gesellschaften eben diese Pädagogik der Normierung, die nur um den tödlichen Preis des ermordeten Mitgefühls etabliert und immer weiter fortgeführt wird. All diese Mordgierigen rechtfertigen ihre Mordrunst mit höheren Zielen – sie erklären Sanftheit, Lebendigkeit, Mitgefühl und Kooperation zum verachteten „Gutmenschentum“, zur anarchischen Gefahr, weil die Welt angeblich so mörderisch sei, jedoch nur so mörderisch ist, weil sie darauf bestehen und weil ihnen das Macht und Lust verschafft. Deshalb entwickeln ja auch die Herren im Schloß Silling komplizierte Verhaltensregeln, die zwangsläufig Gewalt, Schmerz und Lust zum Ziel haben. Der frei lebende, frei (mit)empfindende und frei denkende Mensch wird zur Gefahr deklariert, so wie der zur Gefahr erklärt wird, der sich dem Wahn des alles fressenden Konsumismus nicht hingeben will und Widerstand leistet. Widerstand gegen die Betreiber der Schlachtbank für Menschenfresser, für Menschlichkeitsfresser, die selber unters Messer kommen werden eines Tages. Dieser Konsequenz müssen sie sich stellen, aber sie jammern und greinen ja bereits wenn man ihre Bösartigkeiten bösartig nennt und bestehen auf ihrer Meinungsfreiheit zur Bösartigkeit.
Erschreckende Musterbeispiele für diese Greinerei, ja Schreierei wie von Kesselflickern damals auf den Marktplätzen, marodieren heute durch alle Medien. Akif Pirincci zum Beispiel ist einer der lautesten, der sich besoffen geschrieen hat an Bösartigkeit und Niedertracht – und er lacht bei seinen verbalen Schießübungen wie Breivik auf Utoya. Auch für Pirincci ist kennzeichnend, daß er bei seiner Sprachfreßlust einen gargantuesken Lärm macht – eben wie jener Riese, der mit der Faust auf den Tisch haut, damit man ihm mehr zum Fressen bringe.
Da er selber dieser wüsten Sprachphantasterei entbehrt, zitiert etwa David Berger auf seinem nicht minder üblen Geschrei-Blog „Philosophia Perennis“, Pirincci des öfteren, mit dem er schmusende Brüderlichkeit eingegangen ist. Er leiht sich dessen Lügengeschrei von der unterdrückten Meinungsfreiheit aus, sein eigenes hat nicht so viele perfide Arabesken. Aber es ist bereits so laut und schrill, daß man Berger inzwischen auch in Israel wahrnimmt und ihn dort zu den Repräsentanten neofaschistischer Umtriebe zählt.
http://blogs.timesofisrael.com/first-neo-nazi-party-to-be-elected-to-the-german-federal-parliament-on-sept-24/
Ausgerechnet diese Apologeten der AfD wagen es zu behaupten, sie seien „Freunde“ der ehemals verfolgten Juden. Das ist ebenso verlogen wie Alice Weidels Geschwätz, die AfD sei die „einzig verbliebene Schutzmacht“ für Homosexuelle. Wir haben Glück, daß sie weder eine gute, schon gar nicht eine charismatische Rednerin ist; ihr Sprachgebrauch ist entlarvend. Er erinnert an den Begriff des „Schutzjuden“, also jene einzelnen Juden, die seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert geduldet wurden – wofür sie bezahlen mußten. Und auch nur geduldet, wenn sie den jeweiligen Landesherren, die ihnen diesen Titel verliehen, in irgendeiner Weise politisch oder finanziell nützten. War das nicht mehr der Fall, gingen sie ihres des Schutz-Status´ verlustig – das Spiel mit dem Feuer bezahlten die meisten mit Vertreibung oder gar der Vernichtung. Der zynische Goebbelsspruch, „Wer Jude ist, bestimme ich“, faßt die prekäre Lage der „Schutzjuden“ präzise zusammen. Genauso wird es auch mit der „Schutzmacht“ für Homosexuelle sein. David Berger speziell, der sich name-droppender- und photo-shoppender Weise gern mit Alice Weidel oder Beatrix von Storch im Scheinwerferlicht präsentiert, wird sich noch umgucken, wenn ihn die Hände, die er jetzt küßt, ohrfeigen, da er genug zur Machteroberung dieser Leute beigetragen hat, denen er zujubelt wie weiland die Deutschen an den Straßenrändern wenn der Führer vorbeifuhr. Es wird diesen Opportunisten der Mitgefühlslosigkeit und ihren Anhängern dann ebenso ergehen wie den tanzenden Jünglingen bei Pasolini.
Wie das Schlachtfest aussieht (bisher hat es ja nur Saalschlachten geben: Petry gegen Lucke, Meuthen gegen Petry, Petry gegen alle…etc.) hat einige Jahre vor Pasolini bereits ein anderer Regisseur nahezu dokumentarisch und gleichzeitig als große Oper – Götterdämmerung eben – präsentiert: Luchino Visconti kam wohl der Wirklichkeit des sogenannten „Röhm-Putsches“ sehr nahe in seinem Film „La caduta degli dei“: er zeigt die Erotik des Mordes, zeigt wie nach (selbstbe-) durchsoffener und durchvögelter Nacht SA-Männer, die brutale Straßenbande der NSDAP, sich mit Jünglingen in den Betten räkeln– Lederhosen und Khakispießer, wehe wenn sie losgelassen – um dann von den nächsthöheren Parteichargen ermordet zu werden. Es gibt immer einen Rang darüber, der eher und mehr töten und fressen darf als die anderen. Zum Wohle des Ganzen – wie ja die Mordorgie als Abwehr der Gefahren für Reich und Regierung verkauft wurde. Hitler soll sogar dabei höchstselbst Hand angelegt haben. Die Wölfe waren in ihrem Element – Opfer und Täter längst nicht mehr zu unterscheiden.
Auch die faschistische Revolution, die Alternative für Deutschland, der konservative Aufbruch, die neuen Liberalen etc. pp. fressen ihre Kinder – und die Kinder, wie man an Torben Schwarz sieht, freuen sich darauf, bald mitmachen zu können, begeistert weil man ihnen Teilhabe an der Gewalt, dem Leiden und dem Freßgelage verspricht und gleichzeitig längst so abgestumpft, um zu erkennen welche Schmerzen, wieviel Leid sie anrichten. Sie sind blind für das Leid der anderen – aber auch blind für das eigene Leid.

Tango tanzende Jünglinge
III. Teil: Von Saló nach Treblinka

Das enrichissez-vous- Versprechen des kapitalistischen Endstadiums, das uns die Neoliberalen einflüstern – die ja auch nur die alten Manchesterkapitalisten sind, bloß besser designed, wie man auf den Wahlplakaten der FDP sehen konnte – und die Gerechtigkeitsversprechen der Sozialdemokraten und Sozialisten sind natürlich Camouflage. Es geht in jedem Fall um die Steigerung des Mehrwertes durch Verbrauch von allem und allen.
Wie selbst Marx in diese kapitalistische Logik verstrickt blieb, hat der englische Politologe Ronald Sampson in seinem Vorwort zu Tolstois „What then must we do?“ sehr klar beschrieben: „Indem die Produktion zum übergeordneten Ziel wurde, glich Marx´ ideologisches System dem kapitalistischen. Unbegrenztes Wachstum und Erweiterung der Produktion wurden zum Ideal.“
Unsere ganze Gesellschaft ist in jeder Facette ihres Denkens darauf ausgerichtet, Produktivität und Effektivität ins Unendliche zu steigern. Mitgefühl und Kooperation sind nur Bordüre und enden höchstens in Charity, die ja den caritativen Charakter in seiner Grandiosität und seinen Allmachtswünschen befriedigt.
„Jene, die sich darauf konzentrieren, Produktivität um jeden Preis zu maximieren, haben aufgehört, den Menschen in seiner Ganzheit zu sehen und als ein Wesen dessen Hauptanliegen der Sinn des Lebens ist. Stattdessen haben sie ihn auf den Status eines unerläßlichen Produktionsteils reduziert.“
(R. Sampson, Vorwort zu Leo Tolstois „What then must we do?” Bideford: Green. 1991- zitiert nach Arno Gruen, Der Verlust des Mitgefühls. 4. Auflage 2001 S. 168 und 169)
Um dieses Ziel der Ausbeutung jedes kleinsten „Produktionsteiles“ zu erreichen, müssen die Herren bei deSade am Ende also ihre Objekte in Teile zerstückeln, um auch noch den letzten Lustgewinnen daraus zu ziehen.
Das Ziel des immerwährenden Konsumismus – und der dafür nötigen ausbeuterischen Produktion muß natürlich schmackhaft gemacht werden durch jene Versprechen hierarchischer Teilhabe; aber die Teilhabe ist Täuschung: es geht nur um Hierarchie.
Die fälschlich Populisten genannten Verweser dieser neoliberalen Versprechen, die neuen und alten Rechten, haben noch nicht einmal Scheinversprechen, die wenigstens ab und zu satt machen, sondern nur die Hohlformeln von Volk und Vaterland, der überlegenen Kultur oder Rasse.
Wer meint, mit den falschen Versprechungen der von den Einflüsterern gar nicht gewollten Teilhabe am System des Konsumismus, die auch wieder nur den gesteigerten Konsum befördern sollen (getarnt als Gerechtigkeitsdebatte), könnte man die aggressiven Schreihälse, die Internettotschläger oder die desperat gewordenen Rechtsterroristen zufrieden stellen, der irrt gewaltig. Der angestrebte, ersehnte und gleisnerisch angebotene Konsumismus befördert Haß und Gewalt, notwendige Eigenschaften dieses Systems, die uns vom Beginn als Lebensprinzipien eingetrichtert werden. Haß auf und Gewalt gegen andere, lenken ab von den wahren Verursachern von Haß und Gewalt. Wir haben alle schon sehr früh unter ihnen gelitten, aber akzeptiert, daß Leistungs- und Gewinnmaximierung selbstverständlich seien. Wir machen alle mit, um diese Prinzipien aufrecht zu erhalten, indem wir das Mitgefühl für sich selbst und für andere, zerstören. „Das Leben ist kein Ponyhof“ – erzählen wir bereits den Kindern und meinen damit: es gibt Pferde, Reiter und Pferdebesitzer. Aber diese Strukturen darf niemand durchschauen. Deshalb lenken wir Enttäuschung, Zorn, Hilflosigkeit und Trauer um auf Popanze und Chimären, Sündenböcke und falsche Opfer, um uns abzulenken, damit wir glauben, die Macht von Haß und Gewalt sei eine Naturkraft, gegen die man nichts ausrichten könne – es sei denn, man folgt ihren Spielregeln der Gier. Es geht darum, diese zu installieren als politischen Naturzustand.
https://www.alice-miller.com/de/was-ist-hass/
http://www.alice-miller.com/de/die-wurzeln-der-gewalt-sind-nicht-unbekannt/3/

Die AfD (und ihre Geschwister in anderen Ländern) versprechen ja eben nicht Wohlstand für Alle – was ja auch absurd wäre – oder gar ein menschlicheres, vernünftigeres, mithin bescheideneres Miteinander, das Allen ein Auskommen und Überleben garantierte. Hinter dem verschlingenden Konsumismus verborgen verspricht die AfD etwas ganz anderes: die Vernichtung des Mitgefühls! Die AfD wie andere rechte Bewegungen, setzt Sehnsüchte frei nach Gewalt und Destruktivität, nach Herrenmenschentum, nach Ungleichheit, den Wunsch, bevorzugt zu sein, die Hoffnung wie jene Tango tanzenden Jünglinge bei Pasolini, auch einmal die Grandiosität des Gefühls zu verspüren wie es ist, Fleischer zu sein. Die AfD bietet die Verheißung schamloser Vernichtung, um sich für einen Augenblick schadlos zu halten für die eigene Vernichtung und psychische Zerstückelung, die einem selbst schon ganz früh widerfahren ist. Die Sehnsucht nach dem Leid und Tod der anderen – eine erotische und zugleich mörderische Sehnsucht, das zentrale Thema bei deSade.
Alle Süchte haben selbstzerstörerische Ursachen – so lange menschlicher Anstand und Mitgefühl nur rituelle Bestandteile von Zucht und Ordnung, von Erziehung, Disziplin und zynischen Witzen sind, bleiben sie gleisnerische Lügenware. Der „Anstand“. den etwa Axel Hacke in seinem applaudierten Buch „Über den Anstand in schwierigen Zeiten“ fordert, ist nichts weiter als einstudierter Benimm, eine Geste, eine Floskel, eine Hohlformel. Diese konservative Empörung z.B. angesichts der Pöbeleien und Ausfälle der AfD und ihrer Kumpane, ist nichts weiter als Entrüstung über schlechten Stil. Wenn die Schmutzfinken gelernt haben mit Messer und Gabeln zu essen, wenn ihnen die angelernten Floskeln „Bitte und Danke“ leicht von Lippen gehen, wenn sie Knix und Diener machen (die vornehmen Versionen des Arschkriechens) und sich „artig“ stellen, dann wird die AfD auch an den Tisch der Erwachsenen geholt werden.
Es geschieht ja schon. Vor kurzem faselte Ole von Beust, ehemaliger Hamburger CDU-Bürgermeister, in einer Maischbergersendung, man müsse auch mit der AfD koalieren können, dem stünden nur Schmuddelkinder wie Höcke im Wege. Doch Höcke, der immer öfter ohne Larve unterwegs ist, steckt ja tatsächlich hinter den Masken von Gauland, Weidel und Meuthen, von Markus Frohnmaier oder Beatrix von Storch – sie werden jetzt zur unterhaltsamen Jagd aufbrechen, der ja Herrenmenschen so gerne frönen.
Wie von Beust meldete sich einen Tag nach der Wahl die sächsische CDU-Abgeordnete Veronika Bellmann mit Gedanken zu einem Bündnis von CDU und AfD; eine sehr junge Frau, die sicher gerne Tango tanzt.
Der Lautsprecher der Rechtskatholiken und Reichshomosexuellen, David Berger, hat schon vor geraumer Zeit verkündet, er hoffe, daß unter einem Kanzler Jens Spahn endlich die Koalition zwischen CDU und AfD realisiert werde. – Jens Spahn ist auch so einer dieser Jünglinge, die zum Erreichen eines kurzfristigen Hochgefühls der Sattheit zu allem bereit sind…in der irrigen Hoffnung, sie würden am End nicht gefressen, weil sie den Thron-Herren auf dem Fummel-Schoß sitzen oder auf den Hüpfburgen Verrenkungen machen.
Die AfD hat längst erreicht, daß nach rechts flexible Politkerdarsteller wie Stanislav Tillich endlich die Hosen herunter lassen und ihre wahre Gesinnung exhibitionieren. Die Neigung der Konservativen zum irrigen „Früher war alles besser“, wird rasch zur schiefen Ebene – angeblich verachtet man autoritäre Barbarei, aber sehnt sich doch in einfachere Zeiten des Primitiven zurück, deren Denkstrukturen dann wieder bei den Wölfen ankommen.
Das sind die Männerträume vom Jagen und Herrschen, vom Zerschlagen der Komplexität (der Gedanken, Gefühle und Körper), die die Moderne inzwischen erlangt hat. Also zurück zu den alten Rollen von Mann und Frau, zu einer Gesellschaft geregelt von Bizeps und Penis ohne komplexe Emotionalität und noch komplexere Intellektualität, zurück zu anscheinend so klaren Strukturen von Gut und Böse (was gut und böse ist, bestimmt der Chef ex cathedra oder per Twitter), von streng geregelter Hierarchie des Oben und Unten, zu dem, was als normal zu gelten hat: zu Disziplin und Unterordnung, zur Prügelstrafe wie sie Hans-Thomas Tillschneider fordert, also zur klaren wölfischen Struktur: Wir gegen Die!
Die da, die Muslime und Türken nehmen Alexander Gauland und uns das Land weg, das uns seit Alters, durch Geburtsrecht gehört. Die da, die LGBTIQ-Perverslinge, stehlen Birgit Kelle das Muttersein und Björn Höcke die Männlichkeit. Die da, die multikulturellen und die Gendervertreterinnen, nehmen Beatrix von Storch alte Sitten und Gebräuche und ihre Rittergüter fort. Die da, die linken Umverteiler wollen an Alice Weidels und August von Fincks mühselig zusammengeklaubte Vermögen in der Schweiz.
Wenn wir einmal bei der Stammhirnideologie von „Wir gegen Die“ angekommen sind, hat die Vernichtung des Mitgefühls, die Grundvoraussetzung für das internationale wohlige Absacken in den Faschismus, ihre Vollendung erreicht.
Schon vor achtzig Jahren, brauchte es nur eine kurze Zeit von der Entwöhnung vom Mitgefühl zur völligen Verteufelung von „denen da“ – die angeblich nichts anders im Sinn hatten, als die einen zu vernichten. Man sei von Juden, Slaven, Untermenschen umzingelt und müsse sie deshalb rücksichtslos ausrotten, war die eindimensionale und zielgerichtete Parole. Das rechtfertigte die Dezivilisierung.
Ein groteskes aktuelles Beispiel für diese gelebte Wolfsformel “die gegen wir“ – ist keineswegs so amüsant, wie es sich zunächst anhört. Im Leben, Denken und in den tatsächlichen Handlungen des Amerikaners Jack Donovan, findet sich das ganze Pandämonium, das der Marquis deSade vor 250 Jahren entfaltet hat, in Reinform: ich fresse alles und als erster!
Der Mittvierziger Jack Donovan stellt die ultimative Verkörperung – Verkörperung im wahrsten Sinne – eines destruktiven Charakters dar. Er ist paradoxerweise ein halbkultivierter Totschlägertypus, der Machiavelli bis Nietzsche gelesen hat und als früherer Satanist auch Alistair Crowley. Er zelebriert und ritualisiert seine Destruktivität, nicht nur schreibend und redend anläßlich von Vorträgen bei amerikanischen Ultrarechten und KuKluKlantreffen, sondern mit dem eigenen muskelbepackten und tätowierten Roid-Körper. Er hätte im Schloß Silling einen der Beschäler, aber nicht der Herren, abgeben können. Seine Mr. Olympia-Muskelhülle, wie die vieler Bodybuilder (die übrigens auch gerne Nietzsche zitieren: „Was uns nicht umbringt…“) ist die pure Oberfläche – es gibt bei ihm kein Innenleben, keine Gedanken, kein Denken mehr, sondern nur noch die wölfische Testosteron-Rohheit dieses Körpers. Daß es sich um einen homosexuellen Sehnsuchtskörper handelt, dürfen solche Anbeter des Physischen auf keinen Fall zugeben, weil dann ihr Bild von Männlichkeit zusammenstürzte.
Der Maskulist, Frauenfeind und White Supremacist Jack Donovan träumt (das ist nur scheinbar originell) einen schwulen Traum: alle Männer müßten so wie er werden, vorzivilisierte Muskelbarbaren, die miteinander – Frauen sind ausgeschlossen und höchstens zum Kinderkriegen da – in Horden leben, auf die Jagd gehen, aufeinander eindreschen wie in „Fight Club“, um sich als weiße Männer zu bestätigen, die mit Blut- und Jagdritualen ihre durch und durch phallische Gemeinsamkeit feiern, um so über Frauen, Kinder, Schwarze, Schwächere zu herrschen. Als tiefsten menschlichen Lebensantrieb sieht Donovan männliche Gewalt- und Mordrunst, an der man sich erfreuen solle, um so die weiblich-weibische Zivilisation zu zerstören. Die Schwulenbewegung hält er für einen Ableger des Feminismus. Eigentlich gleicht der Hypermacho Donovan in seinem radikalen Menschenhaß den Kämpfern des IS, die er allerdings weniger als Bedrohung des sowieso weiblichen Abendlandes sieht, denn schlicht als feindliche Rotte, die bekämpft gehört. Ausschließlich das Recht des stärkeren Bizeps, der Ejakulation, die Gnadenlosigkeit der muskulösen Dummheit und der blutrünstigen Jagd, der Eroberungstrieb und die männliche Freßsucht sollen herrschen.
Und da sind sie wieder wie bei Breivik oder Höcke die phallischen Männlichkeitsalpträume, der sich unterdrückt Wähnenden. Diese Träume stellen den tatsächlichen Keim dar von allem Faschismus, von Nationalismus, Patriotismus, absolutistischer Religion und existenziellem Menschenhaß. Kein Wunder, daß amerikanische Nazis, Rassisten und Maskulisten Donovan zu Zehntausenden zujubeln; europäische ebenso. Inzwischen versucht Götz Kubitschek, der Vordenker der deutschen Neo-Rechten und Höcke-Kumpan, Donovan zu importieren. Er verlegte im Frühjahr 2017 in seinem Antaios-Verlag, dem Sammelbecken der rechten Schreier und Pseudophilosophen von Akif Pirincci bis Marc Jongen, Donovans Machwerk „Der Weg der Männer“- eine einzige Verteidigungsschrift der Brutalität und Skrupellosigkeit. In einem auch auf youtube zugänglichen Vortrag – „Violence is Golden“, den Donovan im Februar auf Kubitscheks Rittergut Schnellroda, jenem heiligen Gral der Rechten, vor Corpsstudenten hielt – breitet er seine faschistische Körperideologie aus. Donovan erklärt mit theatralisch zum Bariton trainierter Stimme, daß es in der gesamten Weltgeschichte und in allen Gesellschaften nur um ein männliches „Wir gegen die“ ging, um Gegnerschaft – und das Vernichten, Ausschalten, konsequent gedacht, das Morden und Aufessen der Gegner.

Es ist zweifelsfrei, daß Donovan wie der Marquis deSade seine Träume verwirklichen möchte – dem Marquis fehlte es noch an Finanzmitteln und öffentlicher Anerkennung. Donovan wird nicht nur in den USA von zehntausenden von Anhängern unterstützt. Die Bewunderung seiner Anhänger, die sich mit ihm identifizieren, bringt ihm ein breites Siegeslächeln ins Gesicht. Dieses Lächeln gleicht dem Grinsen, Grienen, Feixen und Lachen aller siegessicheren Rechtsradikalen und Neofaschisten. Sie träumen rücksichtslos verroht von der Zerschlagung, der Zerstörung, dem Auslöschen anderer. Das Internet ist voll von solchen destruktiven Charakteren; Typen wie Donovan geben ihnen Hoffnung. Von Herzen können diese Leute nicht Lachen, schon gar nicht weinen.
Für sich übrigens hat Donovan diese seine Welt in Ansätzen realisiert: er lebt in einer neuheidnischen Wikingerkommune, in der man bei Fackelschein Tiere schlachtet und Faustkämpfe bis aufs Blut durchführt. Seinen Partner hat er nicht „geheiratet“, sondern sich ihm in einem grotesken Blutritual verbunden – darüber hat er sogar ein weiteres Buch geschrieben. Blut, Tätowierungen, Faustkämpfe. Gerne setzt er Bilder ins Internet von sich bei Schlachtfesten zu Fackelschein, blutbeschmiert, halbnackt und unzweifelbar in höchster auch sexueller Erregung…kaum anders wird es in den Katakomben von Schloß Silling ausgesehen haben.
An dem Groteskclown Jack Donovan läßt sich besonders deutlich zeigen, was das „Wir gegen Ihr“, dieses Anbeten der wölfischen Welt, tatsächlich bedeutet, was hinter all den Blutritualen, den geregelten Morden, den Chimären von Volk und Vaterland wirklich steckt. In diesen Chimären und den Apotheosen des Blutes steckt wie bei deSade etwas Vorpolitisches, und ich meine nicht die Unzivilisiertheit, denn von deSade bis Donovan ist die Primitivität eine Maske, um die eigene Verzerrung und frühe Ver-und Zerstörung zu verbergen und zu betäuben.
Donovans hypertrophierter Männerkult, dem ja auch der Marquis deSade ebenso wie die Nazis, alle Diktatoren, Attentäter wie Breivik oder Mohammed Atta oder sonst schwachbrüstige und sauertöpfische Agitatoren wie Björn Höcke frönen, verbirgt ein armes, geschädigtes Würstchen. Donovan speziell, ist unfähig mit seiner Homosexualität umzugehen. Er gibt sie zwar zu, aber überhöht das, was er als Makel ansieht, seine Verletzungen als Außenseiter, seine erschütterte Männlichkeit, der er jede Weiblichkeit, die er verachtet – auch in sich selbst verachtet – austreiben will. Die Vernichtung des Selbst, des Eigenen durch die mörderische Vernichtung des Anderen: und so ist das „Wir gegen Sie“ eigentlich ein bitteres „Ich gegen Mich!“
Donovan ist ein Verletzter und Geschlagener, Mißachteter, Ausgeschlossener gewesen und kann das nur kompensieren, in dem er sich mit den Aggressoren, die ihn einmal ausgeschlossen haben, (über)identifiziert und so die Aggression gegen Unschuldige wendet, aber nicht gegen deren wirkliche Verursacher.
Alice Miller hat in eindringlichen Studien über Hitler, Stalin und Saddam Hussein (denn auch diese Diktatoren und Herrenmenschen waren einmal Kinder) nachgewiesen, wie sie Missachtung und Gewalt, die sie erleiden mußten, als Erwachsene gegen Sündenböcke wendeten. Dadurch bewahrten sie das mörderische System „wir gegen sie“, die Hierarchie der gewalttätigen Eltern und der anderen ebenso brutalen erzieherischen Institutionen unserer Gesellschaft — es blieben aber ein blinder Fleck, eine Wunde, ein alter Schmerz, die immer und immer wieder bekämpft werden mit den einmal erfahrenen Gewaltmitteln an anderen. Es wurden also so lange Schmerzmittel eingenommen, bis ihre nie endende Dosiserhöhung selbst zu Schmerzen führte…das Symptom wurde bekämpft, nicht die Ursache.
Solcher Art ist auch der blinde Fleck von Marx und seinen Adepten: eigentlich setzen sie im Kern die Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten des kapitalistischen Systems fort und tauschen nur die Zielrichtig ihres Unmutes, ihrer Gewaltbereitschaft aus – sie stellen aber nicht das System der Herrschaft selbst in Frage, nicht die strukturelle Gewalt, die von ihm ausgeht. Der Kapitalismus wie der marx´sche Kommunismus sind sich selbst reproduzierende Gewaltsystem.
Gewalt funktioniert mit dieser einen Grundregel – auf der dann all die vielen Regeln der Ordnung, Disziplinierung, Erziehung usw. aufbauen: Schule, Gefängnis, Psychiatrie und HartzIV, das Michel Foucault heute auch unter die Agenten der Gouvernementalität gerechnet hätte, sollen nicht das Leben des Einzelnen lebbar machen, sondern das Systems des Verbrauchs als Prinzip der Existenz erhalten.
Nicht bei allen rechten Führerfiguren wie bei Donovan liegt der eigentliche Kern ihrer Gewaltneigung und Verdrängung so offen. Keine Frage, daß sich der Amerikaner als überlegenes Individuum versteht mit dem Recht andere zu unterwerfen und sich nutzbar zu machen. Unsere gesamte Gesellschaft erwächst und existiert aus dieser Verdrängung der einmal erlittenen Mißachtung und der körperlichen Schmerzen. Diese existentiellen Schmerzen rechnet man dem vorpolitischen Raum, dem Privaten zu. Auch das ein Trick: keiner darf merken, daß sie aber die Hauptsache sind – deshalb wird die psychologische Analyse auch in der jetzigen rechtsdrehenden Situation abgewertet. Doch dieser angeblich „vorpolitische Raum“ prägt unsere ganze Existenz und wir richten auf dieser frühen Erfahrungsbasis der Mißachtung und der Schmerzes unsere Gesellschaft ein.
Der Gedanke, daß der Mensch, ein defizitäres Wesen sei, das erzogen dressiert, diszipliniert werden müsse, ein eigentlich vorzivilisiertes barbarisches Wesen, bringt die Vorzivilisiertheit und das Barbarentum erst hervor. Alle Maßnahmen zur Erziehung und Disziplinierung der Kinder, die auch noch als Elternrecht und in perspektivischer Verlängerung als Recht des Staates ausgegeben werden, – entstanden zur Rechtfertigung der eigenen Brutalität – „Wir gegen sie“! – In diesem Sinne sind die „120 Tage“ eigentlich ein Erziehungsroman!
Der Glaube, daß ein Mensch vom Beginn seines Lebens an diszipliniert werden müsse, liegt allem Konservatismus und seiner Wucherung, dem Faschismus zugrunde, der dann ja selbst wieder in Barbarei endet – aber geregelter Barbarei, ohne die Auschwitz nicht möglich war. Konservatismus ist die Angst vor der Differenz, der Individualität, der ungehemmten Lebendigkeit des Kindes, das Mundverbot des Schmerzensschreis und der erhellenden Erkenntnis der Trauer. Der Faschismus ist dessen sadistische Fortführung: für all die Verluste durch den Konservatismus bietet der Faschismus Kompensation durch Gewalt und Mord, aber keineswegs in einer anarchischen Geste. Dieser Faschismus, erinnert uns Foucault, wurde „von den Kleinbürgern, den übelsten, biedersten und ekelhaftesten, die man sich vorstellen kann, “ eingeführt. Bei deSade, geistig ein Kleinbürger, kein Anarchist der Lust, ist alles ebenso reglementiert wie in der faschistischen Angstgesellschaft, deren Ziel die absolute Beherrschung der bürgerlichen Objekte ist, um sie bis aufs Blut womöglich, zu gebrauchen, zu verbrauchen.
Deshalb bemühen sich Parteien wie die AfD Angst zu schüren bis zum Exzeß. Dieser Angst begegnet man mit Kontrolle, Überwachung, Reglementierung, Erziehung, Hierarchie, Gehorsam und Strafen: was Hans-Thomas Tillschneider fordert, ist das System von Schloß Silling. Foucault nennt deSade einen „Rechnungsbeamten der Ärsche“; wie sollte man Phänomene wie die AfD, ihre Mitglieder und Wähler anders benennen als Rechnungsbeamte dieser rektalen Art?
Die Angst vor dem Leben, das den Eltern in offenen, freimütigen Kindern entgleitet, ist es, die den sogenannten vorpolitischen Raum, speziell im Verhältnis von Eltern und Kindern beherrscht – gepaart mit Neid, daß die Kinder ganz schlicht die Eltern überleben werden. Darum entwickeln wir Instrumente der Zensur, Zügelung und Zerstückelung. Die Freiheiten, der Zukunftsmut, beides haben wir uns seit 1968 mühselig erkämpft haben, werden nicht nur im großen politischen Raum wieder rückgängig gemacht, sondern erst einmal gründlich im privaten – darum schreit ja vor alle die AfD immer lauter nach Grenzen oder man will wie Jörg Meuthen – gebeutelt von Angst vor einemLeben ohne Angst- ´68 revidieren.
Ein länger schon zu beobachtendes Symptom dieser Umsturzversuche zwecks Installierung von Angst und Abhängigkeit als Zaumzeug der Gesellschaft waren übrigens Manifeste der Grenzen und Erziehung, die sogar auf die Bestsellerlisten rutschten:
Manifeste der „Dressur“ des barbarischen-tyrannischen Kindes, wie sie etwa Michael Winterhoff mit seinem Erziehungsratgeber „Tyrannen müssen nicht sein“ oder Bernhard Bueb mit dem „Lob der Disziplin“ vor geraumer Zeit in die Welt setzen, sind tatsächlich nicht weniger übel als die Erziehungsratgeber der Johanna Harrer, die seit der Nazizeit bis in 70er Jahre jungen Frauen anempfohlen wurden. All diese „Manifeste“ handeln eigentlich von der Angst vor dem eigenen Selbst, dem man mißtraut und das man im Kind bekämpft, um es zu zerbrechen, angeblich zu dessen Wohl.
Das muß zum Desaster führen – ob im Leben des Einzelnen oder in der gesellschaftlichen Gemeinschaft, die auf dieser Zerstörung der Persönlichkeit und Individualität aufbaut. Sie bietet uns als Ersatz den Konsum. Haben oder Sein…
Was im Kind vom ersten Lebenstag an niedergemacht wird, ist die Fähigkeit zur Empörung über diese Verwüstung und Verletzung, die dem Kind als notwendig suggeriert werden, so lange bis es das glaubt und fleißig weiter mitarbeitet am autoritären Projekt. Daß diese Verwüstung ei den Jungen schon weit fortgeschritten ist, hatte vor einigen Jahren den damals 90 Jahre jungen Stéphane Hessel dazu gebracht seien Essay „Empört Euch“ zu schreiben
Was mit dem Unterdrücken der Empörung hat zum Ziel das Mitgefühl für sich selbst zu zerstören – und dann das Mitgefühl für andere. – Arno Gruen hat das besonders eindringlich in seinem Buch „Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit“ beschrieben. Wenn man die eigenen Schmerzen nicht mehr wahrnehmen kann, wird man auch die Schmerzen von anderen, die ebenso zerbrochen werden, nicht mehr wahrnehmen und sie abwehren. Man wird zwar jammern übers eigene „Opfer“ („die Flüchtlinge im Mittelmeer werden uns die Haare vom Kopf fressen. Sie haben I-Phones und ich kaum einen Festnetzanschluß!) – wie zur Zeit vor allem die rabiatesten Exponenten der neuen Rechten, aber die Wut gilt stets Sündenböcken: den Juden, den Muslimen, den Linken, den Homosexuellen, den Feministinnen, die die Ordnung der Dinge auf den Kopf stellen. Die Herren bei deSade stellen ja auch eine penible Ordnung der Dinge von Anfang an her. Sie schlagen die Mädchen und Jungen ihres Harems zu den Dingen, ihrem Besitztum, dazu.
Für das abgetötete Mitgefühl und Mitempfinden kriegen wir Sentimentalität geboten, von der ich zu Anfang sprach: Tafeln für HartzIV-Empfänger und Flachbildschirme für den Mittelstand. Und all das hält das Prinzip des Konsums am Laufen.
Zugestanden: „Wir suchen nach dem Besseren, verfallen aber immer wieder Führern, die uns unterdrücken, uns zwingen unsere individuelle Geschichte der Unterdrückung und Rebellion zu wiederholen“, schreibt Arno Gruen. (Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit S.273)
Hier liegt der Grund für die scheinbare „Natürlichkeit“ der unendlichen Serie sich steigernden Grausamkeiten bei deSade, der auch Grund ist für das endlose Geplärr der neuen Rechten, deren Hunger nie zu stillen sein wird; es ist kein politischer oder sozioökonomischer Hunger. Solange wir ihm mit der ewigen Repetierung des maroden Systems begegnen, solange wird „… unsere Leidensgeschichte weiter gegeben. Sie mag zwar unterschiedlich verlaufen, aber der Inhalt des Leidens und der Unterdrückung bleibt.“(Arno Gruen)
Das gilt für den Einzelnen, wie für das Gesellschaftssystem. Marx war nicht fähig, das System der Ausbeutung wirklich zu verlassen; auch sein System beruht auf dem Prinzip des nie enden wollenden Gebrauchs von Ressourcen und Menschen. Die Jugendlichen auf Schloß Silling waren nicht mehr fähig den Aufstand zu wagen. Und die Deutschen scheinen vor diesem Muster auch schon kapituliert zu haben und wählen sich devot Faschisten ins Parlament. Brecht hatte schon recht mit den Kälbern und ihren Metzgern.
Deshalb hat es keinen Sinn nur von der Korrektur der materiellen Schieflagen im kapitalistischen System zu schwätzen, die angeblich den neu aufflammenden Faschismus, Patriotismus, Nationalismus oder die Rassismen eindämmen sollen (obwohl diese Maßnahmen unbestreitbar notwendig sind), ebenso ist formale Bildung (die auch nur eine Art von Tischmanieren darstellt) nur eine kurzfristige und oberflächliche Maßnahme. Offenbar hat man die Bigotterie des Martin Schulz gespürt und sein Angebot falscher Gerechtigkeit ausgeschlagen. Herzensbildung wagt kein Politiker mehr zu empfehlen wenn sie sich nicht pekuniär auszahlt.
Wenn wir dieses System der menschlichen Wolfsnatur in Zweifel ziehen – das die Voraussetzung aller Formen der Tyrannei und des Kapitalismus darstellt – wenn wir den Kannibalismus endlich erkennen, dann erst werden wir den neuerlichen Faschismus aufhalten.
Der aktionistisch beschwätzte Versuch soziale Gerechtigkeit herzustellen ist völlig sinnlos, wenn er nur als Salbe auf dem Konsum der Menschlichkeit aufgetragen wird.
„Es geht darum diese Menschlichkeit in denjenigen zu stärken, die Zweifel daran haben“ (Arno Gruen)
Die Mitglieder und Wähler der AfD, der FDP, der CDU-CSU und auch der SPD, des Front National, des Pis oder der Republikaner und Demokraten in den USA, die Radaubrüder der Pegida oder der Identitären Bewegung, Björn Höcke, Jörg Meuthen, Petry und Gauland, und solche Groteskclowns wie Jack Donovan sind geschüttelt von Zweifeln. Der Weg zur Menschlichkeit – und das Schloß Silling ist die Urmetapher des Gegenteils- „führt über unsere Kinder“. Es führt alles immer über die nächste Generation; deshalb wird sie ja auch bei deSade zerstört und das ist ebenso das Hauptanliegen der Erziehung.
Der Mord beginnt mit der Erziehung, der Dressur, mit dem Zerstören des Mitgefühls – mit dem mörderischen Unernst mit dem wir Kinder behandeln, der dann zu der Schlachtung dieser Kinder wie bei deSade führt. Und das Schlimmste daran ist, daß wir uns im Namen der Zivilisation vormachen, etwas Gutes zu tun.
Der Jesuitenpater Paul LeJeune, der im 17.Jahrhundert einen Indianerstamm in Kanada missionieren wollte, jammerte über seine Schwierigkeiten: „Diese Primitiven machen es uns unmöglich, ihren Kindern etwas beizubringen. Sie lassen nicht zu, daß ihre Kinder gezüchtigt werden (…). Ich möchte die Kinder von ihren Eltern getrennt an einem anderen Ort unterrichten, weil diese Barbaren es nicht aushalten, daß ihre Kinder bestraft oder auch nur gescholten werden. Sie schaffen es nicht einem weinenden Kind irgendetwas zu verweigern.“ (Zitiert nach E.B.Leacock, Myths of Male Dominance. New York, 1981
Es geht um weitaus mehr als die “Ohrfeige, die auch uns nicht geschadet hat“ – es geht um die Struktur der konsumistischen Leistungsgesellschaft, die ohne diese Ohrfeigen zusammenbrechen würde.
Vor über 100 Jahren schon schrieb Janusz Korczak: „bei uns besteht die Tendenz unsere Kinder nicht ernst zu nehmen, sie so klein wie möglich zu halten, so daß wir nichts von ihnen, über sie und über uns selbst zu lernen brauchen.“ (J. Korczak, Wie man ein Kind lieben soll. Göttingen 1992. Erstmals erschienen 1916)

Ich weiß, die üblichen autoritären und menschenverachtenden Verdächtigen werden über meine tour de force lachen, da sie nichts über sich selbst und ihre Kinder lernen wollen. Aber für die hat Janusz Kocak auch eine Antwort…
„Das herablassende Lächeln, mit dem wir den Kindern und solchen Vorschlägen begegnen, spiegelt die Verteidigung des Mordes an der eigenen Kindheit wider.“
Wer – das sei zum Schluß ganz deutlich gesagt – jetzt spöttisch auf ausgerechnet Janusz Korzcak weist und sagt: an ihm sehe man ja, was der von seinen eigenen Ideen gehabt habe als ihn die Nazis in Treblinka umbrachten – der gibt den Nazis von damals und denen von heute grinsend Recht!

Diese Kolumne ist die gekürzte und um aktuelle Akzente angereicherte Version eines Essays über den Einfluß des Werkes des Marquis deSade in Politik und Kultur.

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Schutzmacht – Schutzgeld – Schutzjuden

Mal ganz abgesehen von dem martialischen Vokabular – ist der Begriff den Alice Weidel verwendet, auch noch ganz anders belastet, wenn sie behauptet die AfD sei die „einzig verbliebene Schutzmacht“ der Homosexuellen.
Diese „Schutzmacht“ läßt natürlich sofort an Schutzgelderpressung denken – mag sein, daß die AfD für diesen Schutz kein Geld kassiert (da bezahlt wohl bereits Moskau – aber ein Zubrot kann an ja nicht abschlagen), doch Wohlverhalten, Liebedienerei, Kuschen…wird sie verlangen – wie es ja David Berger schon an den Tag legt, seit der mit der AfD schmust – und jetzt natürlich auch mit Frau Weidel.

Wenn Weidel von „Schutzmacht“ schwadroniert, heißt das eigentlich: „Haltet bloß die Goschen.Wir lassen Euch leben, das muß Euch reichen!“ Ni mehr Ehe für Alle Schutz vor Diskriinierung etc. Es ist kein Wunder, daß Berger in diesem Gesang einstimmt, denn sein Selbsthaß treibt immer bizarrere Blüten…

Eine zweite Assoziation, die mir sofort kam:
Seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert setzte dem allgemeinen und hoheitlichen Antisemitismus die Institution des „Schutzjuden“ bösartige Akzente auf den Judenhaß obenauf.
Gegen die Entrichtung von Gebühren konnten sich einige Juden diesen Titel kaufen und damit ein paar Privilegien, Gnadenakte also, die auch rasch wieder zurückgezogen werden konnten. Solange sie dem jeweiligen Landesherrn etwas einbrachten, wurden einige Juden geduldet.
Den Gipfel setzte dieser Praxis dann Goebbels auf mit seinem Spruch: „Wer Jude ist, bestimme ich!“
Noch viel schlimmer trieb es dann der Propagandaminister, als er gestattete, daß einige bereits im KZ vegetierende Juden beim übelsten Propagandafilm – „Jud Süß“ – mitachen durften als Statisten, damit ihre Gebräuche auch ganz authentisch dargestellt würden. Dieser Film erzählt auf perfideste Weise allerdings die tragische Geschichte eines solchen „Schutzjuden“ – der hier in niedrigster Propagandamanier zum Schurken Betrüger, Kriegstreiber und Vergewaltiger wird. Dafür also brauchten die Nazis „ihre“ Schutzjuden – zur Denunziation und Verleumdung. Keine Frage, daß diese Statisten schließlich doch ins Gas geschickt wurden. –

SO müssen wir Alice Weidel verstehen: das ist die Art der „Schutzmacht“, die die AfD bietet. Solange man Wohlverhalten zeigt, wird „geschützt“….
Wenn die AfD ihren Haß auf Flüchtlinge nicht mehr so intensiv verbreiten kann – denn die anderen Parteien haben bereits liebedienerisch dafür gesorgt, daß es immer weniger Menschen gelingt nach Europa zu kommen, werden die alten Feindbilder wieder aus dem „Müllhaufen der Gescichte“ hervorgeklaubt, nicht wahr Frau Weidel… Sie werden schon noch andere „Schweine“ finden, die Sie denunzieren können wie in Ihrer geleakten Mail…
Höcke und Gedeon schießen sich ja bereits wieder auf jüdische Menschen ein; übrigens taucht auch bei David Bergers Adepten der Topos vom kapitalistischen Juden auf, dort wähnt man. nach ungarischem Muster, auf George Soros wolle Europa zerstören.

Das faschistische Phantasma von der „Jüdischen Weltverschwörung“ hat ja längst ausgehend von Rechtskatholiken und Evangeliban einen Zwilling gefunden: die „weltweite Homolobby“…gegen die kämpfen inzwischen mit offenem Visier „Führerkräfte“ der AfD wie Beatrix von Storch…
Nimmt also noch irgendeiner Alice Weidels Unsinn von der AfD als „Schutzmacht“ homosexueller Menschen ernst?
Leider ja – und leider viele Homosexuelle…allen voran ihr Sektenführer David Berger…
Ob nun Berger, der sich bei der AfD anbiedert und bereit hält für Posten…oder Alice Weidel – und die vielen homosexuellen AfD-Wähler – sie wollen nicht begreifen, daß sie Wahlverschiebemasse sind und als nächste über die Klinge springen werden…das Kuscheln mit den Faschisten, die zunächst aus Kalkül ein paar Brocken an Macht und Einfluß abgeben, um dann umso stärker zuzuschlagen, ist historischen Groteskfiguren wie Ernst Röhm auch nicht bekommen…
Soviel also zur „Schutzmacht“ AfD…eine völlig destruktive Truppe, die alle und alles benutzen und mißbrauchen wird, wenn es ihr in den Kram paßt!!!

Der jüdische und homosexuelle Literaturwissenschaftler Hans Mayer hat schon vor 45 Jahren in seiner epochalen Studie über die existentiellen Aussenseiter (Frauen, Homosexuelle, Juden) deutlich gesagt, wie der alte und neue Faschismus verfährt – und daß dabei Kapos mitachen, ist ja wohl klar.

„Als dezidierte Gegenaufklärung proklamiert er [der Faschismus] Ungleichheiten im Kontrast zum Gleichheitspostulat der bürgerlichen Aufklärung und ihrer Fortsetzer. Die Frau ist ungleich dem Manne, der Mann ist ein männlicher Mann, was immer
darunter verstanden werden mag: der „Weibische“ fiel aus der Art und wurde lebensunwert dadurch.Shylock muß vernichtet werden: es gibt nur Endlösungen durch Feuer und Gas.“
Hans Mayer, Außenseiter. Frankfurt/Main 1975

Josef Fritzl – Ein Schutzpatron für die „Demo für Alle“

Die besorgten Eltern der „Demo für Alle“ könnten einen Schutzpatron gebrauchen, denn es läuft nicht gut beim jüngsten Coup von Hedwig Beverfoerde und ihrer Truppe: in einem riesigen Reisebus mit zugeklebten Fenstern, damit man nicht hinaus in die Welt, die Welt aber auch nicht in das Dunkle darin schauen kann, touren Beverfoerde und Kumpane durch zehn deutsche Städte. Auf dem Bus aufgemalt DIN-Norm-Darstellungen dessen, was diese Leute für Jungen, Mädchen und Familien halten – und die Mahnung „Laß dich nicht verunsichern“.
Die Hoffnung, die dahinter steckt: man könnte vielleicht doch noch irgendwie über eine Verfassungsklage, die die „Demo“ als Organisation selbst nicht einreichen kann, die „Ehe für Alle“ verhindern. Deshalb hielt man auch mit erhoffter Symbolkraft am vergangenen Freitag vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Doch auch hier, wie in den anderen bisher angefahrenen Städten, Stuttgart, Wiesbaden und Köln waren sowohl das Interesse wie die Anzahl der Anhänger gering. Aber in jedem Ort wurde der Bus der Menschenverunglimpfung und Verdummung von einigen Hundert Gegendemonstranten empfangen, was umso erstaunlicher ist, da Hedwig Beverfoerde das Projekt geheimnisvoll wie ein Kommandounternehmen organisiert hat. Erst wenige Tage vor dem Erscheinen des Busses werden Ort und Ankunft öffentlich bekannt gegeben – natürlich mit der Absicht solche Gegenproteste so klein wie möglich zu halten, weil man hoffte die Zeit diese zu organisieren würde knapp werden.
Trotzdem, überall, auch am Samstag, ausgerechnet vor dem Kölner Dom, fanden sich mehrere Hundert Menschen ein, die sich wehrten gegen Homosexuellen- und Transfeinde.
Natürlich war Hedwig von Beverfoerde die Menschenverachtung für eine legitime Meinung hält, höchlich empört über den Gegenprotest. Sie nennt ihr Propagandavehikel einen „Bus der Meinungsfreiheit“ und sieht sich in diktatorischer Manier bedroht, weil man ihr es nicht durchgehen lassen will, eine Zweiklassengesellschaft zu propagieren, die Menschen mit anderem als heterosexuellem Empfinden, Bürgerrechte verweigert.
Es geht der „Demo für Alle“, die diese Bus-Aktion gemeinsam mit verschiedenen anderen reaktionären Organisationen durchführt (siehe dazu: http://www.queer.de/detail.php?article_id=29648), um durchaus mehr als nur die Rücknahme der Ehe für Alle und den Dauerbrenner der Demo, der Verhinderung von Aufklärung über geschlechtliche Identitäten in der Schule.
Gut gemeint, aber naiv fragen noch immer viele: die Ehe für Alle, nehme doch niemandem etwas weg. Aber selbstverständlich nimmt die „Ehe für Alle“ den Hassern etwas weg: die Deutungshoheit – ja noch mehr… Frauke Petry von der AfD hat es dieser Tage deutlich gesagt: „Privilegien für Alle, sind Privilegien für keinen!“; und machte so klar, daß es um eine Bevorzugung von Heterosexuellen als den besseren Menschen geht. – Ja, naturlich verlieren die Kämpfer um Beverfoerde ihre Privilegien, Menschen mit nicht-heterosexuellem Empfinden abqualifizieren zu können, auf sie genüßlich-verächtlich spucken zu dürfen, um sich selber als besser aufzuwerten. Besonders für eine Adlige muß diese erreichte menschliche Gleichheit schmerzhaft sein – das gleiche Privileg auf andere hinabzuschauen, sie auszuschließen, auszubeuten, sie zu mißachten verlor der Adel ja bereits mehrfach. Erst in der französischen Revolution und dann als nach dem ersten Weltkrieg der Adel und damit seine Privilegien in den meisten demokratischen Staaten abgeschafft wurden.
Nicht zuletzt war der Faschismus ein grausiger Versuch, eine neue Klassengesellschaft einzuführen, die einer sich erhaben fühlenden Gruppe wieder das Recht gab, mit den anderen, die eben nicht so „erstklassig“ waren, schalten und walten zu können, wie zuvor – und Mord und Totschlag wurden so Mittel des Staates.
Es geht also beim Kampf gegen homosexuelle Männer und Frauen und Transmenschen um weitaus mehr als Sexualität – es geht um die Befriedigung von Macht- und Gewaltgelüsten. Als Tarnung dieser Tatsache führt man den „Kinderschutz“ an.
Ein Kinderschützer, der in den letzten Monaten aus dem Schatten tritt, in dem er sich bisher klammheimlich wohl fühlte, war auch in Karlsruhe zugegen: Mathias von Gersdorff. Hatte sich Gersdorff noch vor Jahren lächerlich gemacht mit Aktionen gegen BRAVO oder Internetauftritten bei youtube, in denen er langweilig-linkisch im Ohrensessel hockend vor dem Untergang des Abendlandes warnte durch die Entsittlichung der Medien, so wird er – und werden seine Gesinnungsgenossen – seit dem immer lauteren Auftreten etwa der AfD und anderer rechter Zusammenschlüsse – fortgesetzt selbstsicherer.
Daß es Gersdorff nur indirekt um Kinder geht, erfährt man, wenn man die von ihm lancierte Webseite der rechtskatholischen Organisation „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“ besucht. http://www.tfp-deutschland.de/
Die deutsche Gesellschaft ist Teil eines international agierenden reaktionären, antidemokratischen Netzwerkes, das den katholischen Ständestaat propagiert. Artikel auf der Website von „TFP“ bezeugen ganz offen die Ablehnung der freiheitlichen Gesellschaft und den Wunsch nach einer autoritären und klassistischen Staatsstruktur, die Ungleichheit der Menschen befördert bis ins Private: der Mann vor der Frau, Vater und Mutter über dem Kind Besitzende über dem Fußvolk Klerus und Adel über allen…und Menschen mit anderem als heterosexuellem Empfinden als verachtete allenfalls als Kranke und zu behandelnde Außenseiter. – Es macht anekelnde Mühe die Artikel auf der Webseite zu lesen – aber man muß es tun: know your enemy!
Es geht um mehr als Gegnerschaft gegen Homosexuelle, Feminismus und „Gender“ – es geht um Macht, männlich zumal, um parentale und patriarchale Macht. Es geht um die Abschaffung von Menschenrechten und Mitgefühl und die Einnordung der jungen Generation auf die Kälte und das Raubtierwesen der älteren.
Das wird bei Gersdorff und Beverfoerde mit ihrer Religion begründet – bei den Alliierten mit gleichen Zielen, den rechten Parteien und Zusammenschlüssen (in Deutschland mit der AfD, NPD oder Pegida) mit den Chimären von Nation, Männlichkeit und Blut- und Boden. Nicht umsonst schwätzt Björn Höcke in seinen albernen Reden immer wieder beschwörend vom „Verlust der Männlichkeit“…und drückt damit seine Verachtung des Weiblichen aus und der Menschlichkeit, die all diese Herrschaften als Weichheit ansehen, die angeblich ihre Herrschaft als Männer, arische Germanen, Vermögende, Aristokraten, Heterosexuelle oder sonstwie Auserwählte bedroht.
Es ist kein Wunder, daß sich die Rechten in der ganzen Welt auf die Political Correctness einschießen, die ja gerade ein Ausdruck ist des Versuchs der Humanisierung der Gesellschaften seit 1968; doch tatsächlich zielt der Haß noch viel weiter zurück: sie wollen die Ideale der französischen Revolution, die längst nicht verwirklicht sind, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit völlig diskreditieren.
Und am leichtesten – und zwar indem man sie als erstes den Schwächsten verweigert – gelingt das bei Kindern. Deshalb stürzen sich Hedwig von Beverfoerde und ihre Kumpane eben auf Kinder!
Diese Leute wollen herrschen, Macht behalten – das gelingt nur wenn man erklärt, daß die Menschen böse sind und mit Strenge und Disziplin erzogen werden müßten. Und das wiederum gelingt nur, wenn man der nächsten Generation das natürliche Mitgefühl aberzieht, wenn man es zerstört, indem man die Kinder von Beginn an zerstört, zerstörerisch in der Elternfaust umklammert und sie in dieser Umklammerung nicht zum Atmen kommen läßt. Jeder Versuch, die Individualität der Menschen zu bestätigen, den Weg dahin zu erleichtern, wie z.B. durch die bekämpften Bildungspläne, müssen solche Eltern und patriarchalen Organisationen natürlich als großen Angriff und Kränkung auf ihre Macht empfinden. Bestrebungen die Menschen, mithin schon die Kinder in ihrer Individualität zu fördern, ihnen ein Leben mit weniger Leiden und sozialer Bedrängnis zu ermöglichen, müssen durch die Disziplinierung und Zerstörung des Selbstgefühls schon im kleinen Kind vernichtet werden.
Der wundervolle Arno Grün hat in seinem Buch “Der Verlust des Mitgefühls“, München 1997, eindrucksvoll aufgezeigt, wie und wo Verbrechen und Grausamkeit gesät werden: nämlich schon in den ersten Kinderjahren in der Familie – und das wird dann auch noch positiv von der Gesellschaft sanktioniert als Erziehungsleistung der Eltern.
Schon kleinste Kinder spüren empört wenn sie ungerecht und grausam behandelt werden. Aber dieses Gefühl wird ihnen systematisch ausgetrieben. Alice Miller hat diesen Kniff der Eltern und der patriarchalen Gesellschaft (Foucault hätte das die Gouvernementalität genannt) in dem Satz „Du sollst nicht merken“, siehe auch ihr Buch mit dem gleichen Titel (Frankfurt 2007), präzise beschrieben. Man macht den Kinder vor, diese Beschneidung und Vergewaltigung ihrer Gefühle geschähe zu ihrem Besten – und sofern die Kinder das glauben – und wir alle haben das geglaubt und die meisten glauben es noch heute und werden zaghafte, opportunistische Konservative oder strebsame und angepaßte Mitläufer oder selbst wieder solche Gewalt Ausübende wie die neuen Rechten .- sofern also Kinder das glauben, müssen sie ihr eigenes Gefühl verdrängen und zerstören damit auch die Fähigkeit zum Mitgefühl. Der einfache Reim sagt ex positivo das was tatsächlich ex negativo geschieht: „Was du nicht willst, daß man dir tu das füg auch keinem anderen zu!“
Darum vermissen wir bei den Schreckgestalten wie etwa Hedwig von Beverfoerde oder Beatrix von Storch – sieh deren Äußerungen zu Schießbefehl auf Flüchtlinge – jedes Mitgefühl. Ihre ganze Lebenseinstellung ist die des „uns hat ja eine Ohrfeige auch nicht geschadet“. – Erscheinungen wie die AfD sind im Übrigen das Resultat einer solchen Lebenseinstellung.
Das Gegreine z.B. der „Demo-für-Alle-Eltern“ um ihre Kinder ist bloß Sentimentalität – sie haben längst das echte Gefühl für diese Kinder verloren. Ja noch mehr, sie wollen es auch in ihren Kindern zerstören… aber das ist die Absicht aller Autoritären. Sie erklären die Welt sei wölfisch und die Kinder müßten schon früh so zurechtgestutzt werden indem sie damit zurechtkommen. Nichts ist für die Demo-Eltern – und alle anderen Autoritären, vor allem auch bei der Neuen Rechten, zu der ja Beverfoerde und Konsorten politisch tendieren – bedrohlicher und gefährlicher als ein eigenständiges denkendes und liebendes Kind. Nur mit Druck und Tabus, mit Verboten und Strafen läßt sich ihre Welt aufrecht erhalten. Und – mit Feinden.
So wie der Rassismus aus den gleichen Gründen neu aufflammt, flammt bei der „Demo“ in Deutschland, bei „Manif pour tous“ in Frankreich oder weltweit bei Evangeli-und Katholiban gemeinsam mit den Neofaschisten der Schwulen und Transhaß so heftig auf wie wir es vor zehn Jahren noch nicht vermutet hätten. Nur mit äußeren Feinden – das zeigt jeder diktatorische Staat – kann man die Gesellschaft innen unter Kontrolle und in Schach halten.
So wie z.B. Rassisten die gleichberechtigte Menschlichkeit von Juden oder Schwarzen leugnen, so wird die gleichberechtigte Menschlichkeit von Homosexuellen und Transmenschen geleugnet, um sie leichter hassen zu können. Wer die Schmerzen der anderen mitempfindet der kann nicht hassen. Aber diese Leute wollen herrschen wollen Ungleichheit. Nur Haß ermöglicht Ungleichheit – Haß ist das Ergebnis geleugneten Mitgefühls. Echtes Mitgefühl, so beschreibt es Arno Gruen, entsteht aber nur auf gleicher Augenhöhe – nur wenn man sich in die Position eines anderen einfühlen und eindenken kann. Mitleid ist Sentimentalität und dient nur zur Aufwertung der Eitelkeit.
Wenn also von den Gegnern von Homosexuellen und Transmenschen – und aktuell von den Gegnern der Ehe für Alle – der unerhörte Satz angeführt wird: Ungleiches kann man nicht gleich machen, so geht es um die Macht sich selbst zu erhöhen und als den besseren Menschen darzustellen – und als besserer Mensch darf man sich dann auch den Genuß der Macht zuschreiben.
So wie es den Rechten, Neofaschisten, Patrioten usw. nicht um das angeführte Wohl der Menschen als Individuen geht – deshalb schwätzen und schreien sie ja auch nie von Menschen sondern immer nur von Volk und Vaterland – so geht es den Herrschaften der „Demo für Alle“ et alii nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die Selbstbestätigung das Selbstgefühl der eigenen unfreien und machtgierigen Person, nicht Persönlichkeit, es geht um Objekte nicht um Subjekte, um Normen die sie als Tradition unendlich verlängern wollen.
Nach jenem Motto „uns hat eine Ohrfeige ja auch nicht geschadet“ wollen sie weiter schlagen, kleinkriegen, unterdrücken, weil sie das für den Normalzustand halten. Darum wird ja auch soviel von „Normalität“ geraunt, der sich die Homosexuellen und Transmenschen angeblich nicht unterwerfen wollen.
Der Patron, der ihnen zustände, von dem ich zu Anfang sprach, der diese Haltung in grausamer Vollendung repräsentiert, ist Josef Fritzl. Was? Jener Österreicher, der seine Tochter ein Vierteljahrhundert im Keller gefangen hielt, sie regelmäßig vergewaltigte und mit ihr sogar etliche Kinder zeugte – und einige davon womöglich sterben ließ und im Ofen verbrannte?
Genau der – Fritzl stellte die zuende gedachte Elternmacht dar. Bei seinem Prozeß zeigte er seine Unfähigkeit auch nur ansatzweise zu begreifen, was er getan hatte, als er erklärte, er habe in seinem Keller eine Leitung angelegt, mit der er seine Tochter und Kinderenkel auch hätte vergasen können wenn er gewollt hätte. Habe er aber nicht – das zeige doch, wie er seine Tochter – die er ja nur vor dem Abgleiten in Drogensucht und Prostitution bewahren wollte – liebe.
Fritzl hatte nicht Angst um seine Tochter, sondern vor ihr. Vor ihrem eigenen Leben, vor ihrer Lebendigkeit, vor ihrer Andersartigkeit – und deshalb hat er sie eingesperrt. Sie blieb ihm so eine Verlängerung des Eigengefühls.
„I can make you and I can break you“ – mit seinen Vergewaltigungen zeigte er ihr, wer der Herrscher und Besitzer dieser Tochter war. Aber all die Sexualakte, die er ihr verbrecherisch antat, waren recht eigentlich besinnungs- und schonungslose Akte der Masturbation. Sie dienten nur seinem Eigengefühl – der Selbstbefriedigung und Stabilität seines Selbstbildes als Herrscher – über die Tochter.
Sein Selbstgefühl gab es nicht mehr, es mußte stets neu durch Gewalt, Verleugnung und Zerstörung des Selbstgefühls seiner Tochter gestützt und errungen werden. Seine ganze Lebensernergie gewann er 25 Jahre durch das Aussaugen des Lebens dieser Tochter. Sein ganzes Leben war darauf ausgerichtet, dieses grausige Arrangement aufrecht zu erhalten. Er ist ein völlig verbissen-verbohrter und grämlicher Mensch gewesen.
Und jetzt müßte eigentlich klar sein, weshalb die Homo- und Transgegner so verbissen und verbohrt sind – wie es sich auch bei ihrer Bustour erneut erweist. Sie ziehen grotesken Gewinn und Lebenskraft aus der Leugnung der Lebendigkeit anderer Menschen, aus dem Niedermachen einer Gruppe von Menschen, aus der fanatischen Verhinderung und Zerstörung des Glücks anderer.
Ja – wahrlich – Fritzl wäre ein guter Patron.

Das Ludwig – Fragment

Ich habe mich mal wieder nicht im Zaume halten können: https://diekolumnisten.de/2017/08/25/das-ludwig-fragment/DAS LUDWIG-FRAGMENT
Von Wolfgang Brosche

Kolumnisten-Kollege Henning Hirsch verdanke ich diese Reminiszenz. Er machte mich auf den 172. Geburtstag von König Ludwig II. aufmerksam und nannte ihn ein Beispiel für den Niedergang der europäischen Monarchien. Ich empfand schon als ganz junger Mensch eine brüderlich-absurde Bewunderung für den unglücklichen König. Deshalb finde ich es angebracht, seiner eben nicht an einem glanzvoll-runden sondern an einem schiefen Datum – eben dem 172. Geburtstag – dem 25. August – zu erinnern. Denn Leben und Überleben ist ausschließlich Erinnerung vor allem an das, was nicht geschehen ist.

„Salut le seul vrai Roi de ce Siècle!“
Paul Verlaine
“Je vous salue, mon Roi!”
W.B.

Majestät, sie nennen mich noch immer Majestät, doch das ist alles, was sie an Ehrerbietung, nur floskelhaft, mir noch entgegenbringen.
Ein feiner Streifen grauen Lichtes fällt durch einen Riß im Vorhang schräg durch die Dunkelheit im Wagen. Der Regen trommelt ohne Unterlaß seit achtzehn Stunden auf das Dach und rinnt am Schlag hinab und über das Emblem des Königs.
Das Licht reicht gerade aus, um zu erkennen, daß dieser Schlag von innen keine Griffe hat. Man hat sie abgeschraubt aus Vorsicht. Man will verhindern, daß er flieht.
Ich flieh nicht mehr – wohin auch? –. Ich baute eine Fluchtburg nach der anderen und sie erreichten mich gleichwohl. Die Residenz war kalt und zugig, es wehten Geister dort, lebendige Gespenster. Ob Linderhof, ob Herrenchiemsee, so weit von München und von all den Menschen, man ließ mich nicht allein, man kroch mir nach bis in mein Innerstes. Und selbst die Einsamkeit von Pöllatschlucht und Bergen, vom Schloß mit Palas, Sängersaal und Bergfried hoch oben über Tal und Ebene, Neuhohenschwangau*, war nicht mehr weit genug entfernt, als daß nicht schwarze Männer, mich zu holen, zu mir heraufgestiegen kamen.
Ich mag nicht mehr vor ihnen fliehen. Es gibt kein Heil mehr in der Flucht. Ganz gleich – ich flöhe oder bliebe – sie nehmen mich und binden mich; sie lassen mich nicht aus. Und alle Pracht und Herrlichkeit und Arbeit, ob Schlösser, ob Musik, ist so vergeblich. Sie sehen nicht und hören nicht, was ich zu sehn und hörn imstande bin. Sie nehmen mir, was ich erreichen könnte und was ich liebe; schon damals, als sie mir die Landschildkröte nahmen, die kleine Kröte, die nicht sprach, nur kroch und nur Salat fraß, die aber ihren Kopf nicht einzog in den Panzer, bei keinem andren war das so, wenn ich nach ihr die Hand ausstreckte. Sie ließ es sich von mir gefallen. Das aber war dem Vater schon zuviel. Er wollte nicht, daß ich mein Herz dran hinge an dieses seelenlose Tier. Man schaffte es hinweg, das kleine Panzertier aus Griechenland. Ich müsse lernen, sagte er, daß dieses Leben auch Enttäuschungen bereiten werde. Er tat wohl gut daran…
Die Kutsche hält nach achtzehn Stunden Fahrt.
Da sind wir nun in Berg.
Der König beugt sich vor, löst das Rolleau und schaut durch eine Scheibe – mit einem langen Riß – hinaus. Im Glas erblickt mit müdem Schrecken er sein eigenes Gesicht: das war wohl einmal schön gedacht, nun ist es aufgedunsen, die Augen rotgerändert und blaß der Teint und fettig, auch ein paar Pusteln auf der Haut und graue Stoppeln um seinen sonst noch schwarzen Bart. Er öffnet nicht den Mund, er weiß, darin vermodern schwarze, braune Stumpen; die schönen weißen Zähne sind verrottet von zuviel Arrak und Likör und Süßigkeiten, von denen er als Kind nur träumen konnte, die ihm die Mutter und der Vater stets verwehrten. Ein Prinz, der muß verzichten können, ein wenig Hunger muß er immer spüren!
Die Zähne waren einmal makellos – er weiß noch wie er selbst und Otto, sein junger Bruder, sich heimlich vom Unterrichte absentierten, bei einem Zahnarzt auf der Maximilianstraße Einlaß erheischten, der kannte wohl die Prinzen gleich – sie boten ihm die schönen Zähne an, er möge sie für Entgelt ihnen ziehen. Sie hatten reden hören, daß dafür Bedarf bestände, wenn man Gebisse fertigt. Sie wollten von dem Geld nur einmal sich Profiteroles und Naschwerk leisten. Der Zahnarzt aber schickte gleich zur Residenz, sie wurden abgeholt und ohne Vesper in ihr Bett gebracht. Zuvor jedoch ließ sich der Herr Papa herab, der König selbst, ganz eigenhändig, die Hintern seiner Söhne zu versohlen. Sie schieden von ihm mit Verbeugung und mit Dank für diesen Schmerz und für die Scham. Wie hatten sie die königlichen Eltern mit einem solchen Bubenstück verletzt!
Profiteroles, die schmeckten wunderbar, als er, ein junger König jetzt, sie sich bestellen durfte – und nicht nur die, er ließ sich alles kommen, was man ihm vorenthalten hatte, es wurd im Lauf der Jahre immer mehr, es mußte immer mehr und mehr doch werden, es mußte ein Genuß dabei sein, der ihn sättigte. Man brachte ihm aus der Auvergne die Pasteten und foie gras, confit canard, pruneaux d´Agent, gigot á la bretonne, souffle glacé, die grande cuisine á la Careme, aus Wien kandierte Veilchen, Kastanien aus Sardinien und Caviar vom Don und Trüffel aus dem Perigord, Chartreuse und Riesling und Tokajer, Moet Chandon und weißen Port und Rotwein aus Burgund, all die Genüsse fremder Länder und all die Weine vom Rhein, der Mosel und der Rhone, und die Liköre und die Brände aus der Schweiz und Arrak aus Konstantinopel und Rum aus der Karibik. Das ging hinein, das ging hindurch durch seinen großen Körper. All das aß er allein, trank er allein in kalten Nächten in Linderhof an seinem Tischchen, das man versenken konnte. Da lud er sich die Pompadour dazu und Louis Seize, den unglücklichen König und manchen Ritter aus dem Sagenbuch und manchmal schöne dunkle Burschen mit vollem schwarzen Haar, behaarter Brust und einem langen Kunis**. Die soffen Enzian zur Nacht und dösten auf der Chaiselongue halb ausgezogen, manchmal nackt. Dann ließen sie es zu, betäubt vom Schnaps, daß sie ihr Souverän berührte, den Kunis und den Pectoralis und den Glutaeus Maximus. Die Worte hatte er in seiner Jugend bei einem Vortrag an der Universität, bei einem Anatom, mit Wonne aufgeschnappt, sie schmolzen auf der Zunge.
Am nächsten Morgen erhielten diese Männer, noch übernächtigt, vom Haushofmeister, reiche Gaben, Manschettenknöpfe mit dem Schwanenwappen, Golduhren mit Emaille und Siegelringe, fünfhundert oder tausend Mark und ein Gebot zum Schweigen.
Er selber wollte nicht mehr wissen, was in der Nacht zuvor, die längst vergangen, geschehen war. Doch kein Gebet nahm ihm die Scham und Schuld. Er ließ zur nächsten Nacht die Kutsche oder seinen Schlitten kommen und fuhr durch dunkle Wälder, die nicht bargen. Es war nur Pracht und Gaslicht und Gespann…und bald darauf ein neuer Jüngling, der seinen Ekel nur mit Arrak oder Rum und Enzian überwand.
Selbst das ist jetzt vorbei – in Berg wird man ihn zügeln, wird nicht erlauben, daß er trinkt und ißt und Körper unbekannter Burschen zur Nacht berührt, damit ihm Schlaf kommt und Vergessen.
Man öffnet jetzt den Schlag der Kutsche: da liegt nun Berg im nassen Abendlicht. Der stete Regen erster Junitage hat Weg und Beete aufgeweicht; und was schon blühte, ist zerrupft und braun. Die Blumen sind verdorben.
Die Wachen vor der Tür sind keine Zierde königlicher Macht, sie sind Gefängniswärter.
Frühsommerregen prasselt unaufhörlich auf Schloß und Bäume, eben erst erblüht, und auf den See im Hintergrund. Ein fingerfeines stakkato, unendlich und ermüdend, doch immerfort und immer da und stets den Schlaf behindernd und verwehrend.
Am Ufer in der Ferne ragt ein schwarzer Stamm in diesen Regen auf – da hat der Blitz sein Werk getan – der hat gebrannt und ist verkohlt und wird wohl bald gefällt.
Mit seinem schwarzen Schirm, den er nicht aufspannt, tritt Doktor Gudden näher. Er stützt sich auf, ganz wie ein Fährmann auf die Ruderstange, die der bis in den Grund durchs Wasser niederdrückt.
Er spricht nicht, deutet mit der Hand zum Eingang des Gebäudes. Er weist mit Gesten seinen König an. Der ist entmündigt und hat sich zu fügen.
Der eine Zerberus der Wache vor dem Schloß ist dem Entmündigten bekannt – schlecht sitzt die graue Uniform an dessen Körper, dem einmal maßgeschneidert die Livree in Linderhof Gold, Glanz und Würde gab.
Aus dem Lakaien, der mich einst bediente, ist ein Gendarm geworden. Der salutiert nur stumm, doch wenn ich ihn berühre, muß er doch lächeln wenigstens als Geste der Erinnerung.
„Sie sind es, Sauer,“ und Ludwig tippt mit seiner Hand dem Manne auf den Ärmel. „Sie haben mich verlassen, und ich verlor Sie aus den Augen. Hier sehen wir uns wieder.“ Der Angesprochne lächelt, doch verlegen.
Der wacht jetzt über meinen dünnen Schlaf, damit die Ärzte sorglos schlafen können. Ich werde bitten, Sauer zu entfernen. Der ist ein Wächter vorm Verbotenen Palast, in den man nicht hineindarf, weil einen drin der Tod ereilt. Hier allerdings ist es wohl umgekehrt, denn ich darf nicht hinaus.
Der schwarze Zug von Arzt und König und zwei Assistenten bleibt schweigend in der Halle stehn. Der Arzt – im schwarzen frac, schwarz das gilet und schwarz auch der Zylinder in der Rechten – weist mit dem Hut zur Treppe. Purpurrot beläufert steigt die hinauf zum Krankenzimmertrakt. Dort oben wartet schon der nächste Assistent; den schlanken Körper hüllt ein weißer Kittel ein. Den Blick des Königs kann er nicht bestehen. Lag eben noch die Hand auf dem Geländer, drückt er sie jetzt gleich an die Hosennaht und wird für einen Augenblick noch einmal Untertan. Doch dann besinnt er sich – er ist der Pfleger und kann im Schloß den Schlüssel hinter seinem König drehn.
Der Zug der schwarzen Ärzte, dahinter lilienweiß der Pfleger, durchschreitet eine schwere Doppeltür, an die man wohl ein neues Schloß montiert hat – das hat von außen nur ein Schlüsselloch und keine Klinke.
Die Fenster des Salons hat man vergittert – man fürchtet, daß der König sich hinausstürzt. Kein Spiegel mehr, ja nicht mal eine Vase, nichts was in Scherben gehen könnte und einen scharfen Schnitt ermöglichte.
Dann kommt die Tür zum Schlafgemach: die hat man ausgestattet mit Klappe und Spion. So bleibt noch nicht einmal der Schlaf des Königs dem schwarzen Arzt verborgen. – Als ob er schlafen könnte, da er doch weiß, daß fremde Blicke ihn belauern.
Nach achtzehn Stunden Fahrt im Regen ist dies die Klause für den Rest der Zeit. Noch immer schweigen alle.
„Sie könnten es mit mir wie mit dem Sultan machen, Herr Doktor Gudden. Das ginge schneller und es machte Ihnen keine Schererei…“
Der Doktor weicht zurück, fühlt sich ertappt: „Ich bitte, Majestät, dies alles schmerzt mich mehr als Sie. Ich will doch nur Ihr Bestes!“
„Schon gut, mich hat die Fahrt sehr angestrengt. Darf ich ein wenig allein sein?“
Der Arzt zieht dienernd sich zurück, verbeugt sich nochmals an der Tür – was soll dies Spiel? – und schließt sie hinter sich. Und gleich erlischt das Licht im Fokus des Spions: man hat sofort ein Auge auf den König.
Der König setzt den Reithut ab, fühlt an der Krempe bis zum Helm hinauf. Selbst die Agraffe haben sie mir abgenommen. Nicht einmal diese Zierde haben sie gelassen. Die Nadel selbst schien ihnen zu gefährlich. Der Stein war ein Smaragd, der brach das Licht in seinem Schliff. Der spiegelte die Welt in grünen Schatten und machte sie erst schön. Ein Spielzeug und ein kühler, glatter Trost zuzeiten. Ein Spiel mit Licht und Transparenz, das nichts bedeutet.
Als ob ein solcher Stein und all die Schlösser und all die Opern Wagners, die ich zahlte, wirklich trösten könnten. Sie lenkten ab von Scham und Einsamkeit. In diesem Glanz verloren sich die Schlacken der Begierde – au nom du Pére, du Fils et Saint Esprit!
Das ließ mich der Versuchung widerstehen, bis ich erneut versagte. Die Unaussprechlichkeit all der Begierden nach Nacken, Händen, Haaransatz, nach einem Bariton und männlichem Profil. Ich konnte sie nur königlich umwerben, doch nicht als Ludwig, nicht als Mann – das mußte immer scheitern. Darauf lag Sünde und lag Fluch. Ich durfte immer nur von Ferne lieben.
Man sagte, ich sei schön gewesen, was aber nützte diese Schönheit, wenn sie sich immer nur verbergen mußte, da sie nur Camouflage- Gewand des Königs war. Anbetung blieb mir nur von Weitem, zaghafte Schatten nie erfüllter Nähe. Ich mußte mich beherrschen, doch das gelang mir nicht; ich herrsche nicht einmal mehr über mich.
Wie stark der Regen heute abend fällt. Das ist kein Frühling. Das ist ein Herbst, zu spät gekommen. Es kommt kein Sommer mehr – die Wachen draußen und die Ärzte, die lassen keinen Sommer mehr hinein.
Dann eben eine letzte Promenade, im Regen, durch den Schlamm des Ufers, die Schirme aufgespannt, mit Dr. Gudden, diesem Charon, neben mir und diesen schwarzen Wachen in der Ferne. Es bleibt der See, der schäumt im Regen, der See ist tief, man sinkt hinunter wenn man das Atmen aufgibt. Und dann ist Ruhe und übers Ufer rauscht die Gischt…

*Neuhohenschwangau hieß das erst nach Ludwigs Tod in Neuschwanstein umbenannte Schloß in der Planungs- und Bauphase

**Kunis ist ein altbayrisches Dialektwort für den Penis

Hedwig von Beverfoerde spielt boshaft über Bande….

Ein letzter Post von Wolfgang Brosche

 

Hedwig von Beverfoerde hat es nicht selbst gesagt, sie spielt über Bande und zitiert aus einem Artikel der Kolumnistin Tamara Wernlis von der „Basler Zeitung“, der auf dem rechten Blog „Achse des Guten“ wiederholt wurde, aber das Zitat entlarvt die ganze Boshaftigkeit der LGBTI-Gegner, die sich benehmen, als ginge es um Menschenrechte für Primaten.

In typisch rechter Wortklitterung werden im Artikel von Tamara Wernlis Forderungen nach gleichen Rechten und schon nach menschlichem Anstand denunziert als despotische Erhebung von LGBTI-Menschen über die „Mehrheit“ der Heterosexuellen. Es geht dabei um mehr als den zerstörerischen Kampf der Reaktionäre gegen die gescholtene „Political Correctness“.

Hedwig von Beverfoerde zitiert den Kernsatz des Artikels und macht sich mit ihm gemein – und das in jeder Hinsicht. Während sie und die Autorin Wernlis vorgeben, es ginge ihnen um das Recht zur freien Meinungsäußerung, gar die Bedrohung der Demokratie und die Gefährdung der „Mehrheit“, enthüllen beide, die eine, die ihn ausgebrütet hat und die andere die ihn füttert, völlig schamlos ihre Menschenverachtung mit eben diesem Satz:

 

„Das Problem sind jene LGBT-Aktivisten, denen alltägliches aneinander vorbei oder zusammenleben nicht genügt, die nach anhaltender universaler Umarmung verlangen und mit einem abstrusen Forderungskatalog das aktive Mittun der gesamten Gesellschaft erzwingen wollen.“

Beverfoerde wie Wernlis behaupten, sie würden per Gesetz gezwungen „Ihre moralischen Werte aufzugeben“…  Was speziell Beverfoerde damit meint, hat sie schon im vorigen Jahr klar gemacht, als sie auf ihrer Webseite „Demo für Alle“ postete: „Toleranz – Duldung eines Übels!“

Immer wieder höre ich die naive Floskel, gleiche Rechte für Alle z.B. durch den Zugang zur Ehe für Alle, nähmen doch niemandem etwas weg. Das stimmt nicht! Beverfoerde macht ganz klar: solche Rechte nähmen ihr etwas weg: nämlich die Definitionshoheit über richtige und falsche Sexualität und Gefühle, über richtiges und falsches Leben. Sie und ihresgleichen brauchen LGBTI-Menschen, um sich selbst aufzuwerten, indem sie eine bestimmte Gruppe abwerten. Darum kämpft sie mit ihrer tatsächlich nicht homophoben sondern offen hassenden Organisation gegen LGBTI-Menschen und ihre InteressenvertrerInnen.

Gleiche Rechte für Alle – nichts mehr aber auch nichts weniger – fordern die gescholtenen Organisationen und die betroffenen Menschen hoffen diese Rechte würden sie endlich legal und menschlich gleich stellen. Es muß für eine Adlige wie Beverfoerde ohnehin schon schwer sein zu akzeptieren, wenn nach dem demokratischen Grundgesetz alle Bürger die gleichen Rechte haben, aber für eine erzkonservative Katholikin noch viel kränkender, wenn sie nicht mehr behaupten darf, sie sei gottgelittener weil heterosexuell. Nichts anderes heißt „Toleranz – Duldung eines Übels“: ich bin mehr wert als Ihr!

Beverfoerde will auch weiterhin Menschen zweiter Klasse. Darum kämpft sie verbissen nicht nur gegen die „Ehe für Alle“ und gegen die Aufklärung über die gleichen Lebensrechte für LGBTI-Menschen in der Schule, sondern sie bemüht sich wie so viele andere Feinde der LGBTI-Menschen darum, diese als krank und unnatürlich darzustellen. Das würde ihr durch gleiche Rechte erschwert. Die „Ehe für Alle“ ist ein Schritt diese Abwertung nach Jahrtausendende der Dummheit, Rohheit und des Hasses zu beenden. Es wird Generationen dauern.

Denn worauf dieser Kampf gegen LGBTI-Menschen, der sich gesellschaftlich gibt, tatsächlich abzielt, ist die langsame Zermürbung und seelische Vernichtung. Denn was bedeutet die ungeheuerlich aufgebauschte zynische Formel von der „universalen Umarmung“, die man nicht zu leisten bereit ist, sonst?

Ich will gar nicht von Frau Beverfoerde oder Frau Wernlis umarmt werden – die sollen umarmen, wen sie lieber herzen möchten; ich fürchtete ihre Dolche im Rücken und vor allem in ihren Augen. Aber ich bin schon ganz froh, daß sie offen sagen, was sie wollen.

Wir müssen erkennen, was solche Aussagen tatsächlich bedeuten – und zwar im Menschlichen, im Miteinander, auf das das Zitat rekurriert. Die Damen geben sich quasi-tolerant und großzügig, aber ihre verlogene Toleranz ist am Ende vernichtend.

 

Das Persönliche ist politisch – darum will ich das aus eigenem Erleben klarstellen:

Nach zermürbenden Kämpfen, immer neuen Versuchen zu einer Einigung mit meinen Eltern über den Umgang mit ihrem homosexuellen Sohn, kam es vermeintlich zu etwas, was wie ein Waffenstillstand aussah. Nach monatelangem Schweigen meines Vaters, der mit mir nicht mehr reden oder mir die Hand reichen wollte, nach Ekelanfällen meiner Mutter, die nicht fähig war, mich zu berühren – sie hatte das ganz deutlich gesagt: ich kann dich nicht mehr anfassen…. Nach Attacken selbst auf meine Trauer und Erinnerungen über meine verstorbene Großmutter – wir hatten einander sehr geliebt –  die in dem Satz gipfelten: „würde deine Oma noch leben, würde sie dich auch nicht lieben so wie du bist!“…

Nach apodiktischen Sätzen die mich als Vernichter der Menschheit bezeichneten (wie soll ein 16jähriger, der solcherart bedrängt wird, das anders verstehen?): „Wenn alle so wären wie du, dann würde die Menschheit aussterben!“….

Nach Beschuldigungen, die mich für den dysfunktionalen Zustand der Familie und ihrer Mitglieder  brandmarkten: „Du bist schuld, daß unsere Familie am Abgrund steht und deine Mutter an so schlimmen Krankheiten leidet!“…

Nach enthüllenden Anklagen, die mich als Urgrund allen Übels von Beginn an ausguckten: „Noch als Du im Kindergarten warst, wußte ich, daß Du so werde werden würdest, nur um mich  zu verletzen und die Familie zu zerstören“…. (was so bedeutete wurde niemals ausgesprochen, es war das Unwort schlechthin und verurteilte mich zum Unwert)…

…kam es zum großzügigen „Nachgeben“ meiner Eltern, denn das war es schon für sie: „Also gut lebe Dein Leben, aber behellige uns niemals mit „dieser Sache“. Damit meinten sie mein „unnatürliches, schädliches, krankes Leben, das ansteckt, krank macht, Ekel erzeugt – sie meinten „das Übel!“  Und schließlich waren sie sich ihrer eigenen Richtigkeit so sicher, daß sie mir auch noch auf den Weg gaben: „So einer wie Du wird niemals glücklich und geliebt werden.“ – Sie tarnten diese Vernichtung als Sorge –  tatsächlich war das natürlich eine Drohung, aber vor allem ein mißgünstiger vielleicht auch triumphaler Wunsch.

Alles, wirklich alles, was in ihrem Leben schief lief, sie nicht zufriedenstellte, was sie unglücklich machte, konnte so mir in die Schuhe geschoben werden. Heute weiß ich, daß sie mich unbedingt brauchten, um nicht ihr Unbehagen aneinander und ihr Überkreuzsein mit der Welt  bearbeiten zu müssen. Ich war ihr klassischer Sündenbock…

Zu allem Überfluß beteuerten sie mir, daß sie mich trotzdem liebten. Ich konnte mich dieser „Liebe“ nur entziehen, indem ich mich ihnen entzog. Zwanzig Jahre gab es nur noch  von Scham- und Schuldgefühlen auf beiden Seiten gemarterten zufälligen Kontakt. Bis zu ihrem Tod hat vor allem meine Mutter nicht verstanden, weshalb ich die Begegnung mit ihr mied: um mich und letztlich auch sie zu schonen. An dieser nie behandelten Wunde starb sie, nicht an dem diagnostizierten Herzinfarkt, mit gerade mal 64 Jahren.

Ich zweifele nicht, daß viele LGBTI-Menschen an ähnlichen Konflikten leiden. Dabei geht es nicht einmal um die von Beverfoerde geschmähte „Toleranz“ – es geht um die von Wernlis, ihrer Souffleuse der Boshaftigkeit, noch weitaus geschmähtere Umarmung, um die verweigerte Liebe. Und es geht um die Macht, die man ausübt, wenn man Liebe verweigert… Das ist eine unter Umständen tödliche Macht, wie ich am Beispiel meiner Mutter erkannt habe, die letztlich daran gestorben ist.

Natürlich weiß ich, daß man Liebe nicht erzwingen kann, weder emotional, noch  –  da haben die Homohasser sogar recht – durch Gesetze. Aber sie könnten schweigen, den bösen Mund halten, einen Punkt setzen. Meine Eltern wollten mich aber nicht ziehen lassen, sie brauchten den gefallenen Sohn immer wieder und weiter, um ihr emotionales Elend zu rechtfertigen. So wie Beverfoerde und Co. auch sich selbst rechtfertigen und als die besseren Menschen bezeichnen wollen, indem sie auf andere mit dem Finger zeigen, auf sie spucken – und sie wollen das in Ewigkeit so weiter treiben. Das ist das Moment des tiefsten, unreifsten und irrationalsten Hasses ihrer Bewegung.

Ihre gönnerhafte Haltung – siehe Frau Wernlis – mit ihrer Erwähnung des gnädigen „Aneinander Vorbeilebens“ – bedeutet letztendlich: bleibt ihr da unten, unter unseren Sohlen, in den Schatten, im Halbdunkel der Kriminalität, der Klappen und der schmutzigen Sexualität – das ist alles, was sie sich überhaupt zur Homosexualität vorstellen wollen und können. Liebe, Zuneigung, Fröhlichkeit, Miteinander, aber auch Trauer, Schmerzen und Verletzungen werden uns nicht zugestanden.

Das meint „Das Private ist politisch“ – wehe es sagt noch ein LGBTI-Mensch: was ich im Bett mache, geht nur mich was an, um sich damit den Feinden zu fügen… Es geht verdammt nochmal am wenigsten ums Bett: Wenn wir unser Leben und Lieben, unsere Fröhlichkeit und Trauer wie die Heterosexuellen in den Alltag aller tragen, würden unsere Gefühle, eben unsere Leben,, nach und nach über Generationen und Jahrzehnte vielleicht endlich selbstverständlich – übrigens auch für uns – und wir würden uns weniger selbst verachten und selbst hassen. Zu was für grotesken Verzerrungen der eingeimpfte Selbsthaß führt, sieht man im Augenblick an Personen wie Alice Weidel, Mirko Welsch oder vor allen David Berger – die in anderen Homosexuellen ganz verborgen und verkleidet sich selbst hassen wie die Pest.

So wie die falsche und gönnerhafte Toleranz, die man zum Beispiel Schwarzen in den USA entgegenbrachte, zu den grotesken Figuren etwa des literarischen „Onkel Tom“ oder des realen „O.J. Simpson“ geführt hat (Repräsentanten der Gönnerhaftigkeit oder der Mißgunst)   führt die „Duldung des homosexuellen Übels“ á la Beverfoerde eben auch zu Zerrfiguren des homosexuellen Selbsthasses.

Diese Zerrfiguren sind Spiegelbilder der angeblichen Normalität: der verwachsene Mensch sieht halbwegs „normal“ (was immer das auch ist) im Zerrspiegel aus. Deshalb brauchen Leute wie Beverfoerde die Homosexuellen auch als Lebensversicherung – will heißen Lebensbestätigung – sie sind lebensnotwendige Zerrspiegel für ihre Buckel des Hasses.

Aber jetzt – da es endlich die „Ehe für Alle“ gibt – die eben nur ein erster Schritt ist zur Selbstverständlichkeit – müssen wir ihnen aktiv verweigern, sie weiter zu spiegeln. Kein Mensch, kein Gesetz, fordert von ihnen uns zu lieben und zu umarmen. Aber wir werden für sie nicht mehr jene Zerrspiegel sein.

Sie sollen uns unsere Liebe und unsre Umarmungen lassen….sie sagen das täten sie – nein, sie setzen sie herab, sie erklären sie und damit uns für minderwertig. Aber DAS ist es, was sie nicht mehr dürfen und was wir ihnen verweigern müssen!

Da spiele ich nicht mehr über Bande, sondern fordere den klaren und eindeutigen (Vor)-Stoß ins Schwarze Loch ihrer Menschenverachtung. Die Zeiten der Zweite-Klasse-Menschen müssen vorbei sein!

 

http://www.achgut.com/artikel/transphobisches_stueck_scheisse

https://web.facebook.com/demofueralle/posts/2007580029461019

 

 

Dieser Text entstand vor zwei Wochen…ich würde ich heute nicht mehr kämpferisch enden lassen. Aber diese (vermeintliche) Kampfeslust war doch eher Verzweifelung…

…heute weiß ich, daß all diese „privaten“ Einimpfungen (die keinesfalls „privat“ waren, sondern gesellschaftlich institutionalisiert), gewirkt haben. Ich habe schon als Pubertierender meinen Gefühlen nicht getraut und erklärt, ich existierte nur vom Hals aufwärts und daß ich in jeder Hinsicht allein bleiben werde. Und so ist es gekommen. Diese zynische Contenance mit der ich mich durch so viele geschleppt habe, kann ich nicht mehr aufrecht erhalten. Es läßt sich daran auch nichts mehr ändern. Alles, was ich geschrieben habe,, war vergeblich…ich bin allein geblieben. Es hat keinen Sinn mehr… sie haben erreicht, was sie wollten. Es ist schön, daß die anderen sich z.B. in Berlin heute feiern…ich habe nie dazu gehört. Ich habe meinen Zorn noch nicht einmal professionalisiert wie viele andere, dahin tragen können, wohin er gehört. Ich hab keine Ressourcen mehr – in jeder Hinsicht.

Danke für die digitale Begleitung…

Das Schönste an der Heterosexualität- Sind die Schwulen…. Von Wolfgang Brosche

 

 

Anfang März starb 70jährig der amerikanische Psychologe und Autor Joseph Nicolosi, der behauptete, man könne mit seiner „Reparativtherapie“ Homosexuelle heilen. Sein Leben lang hat er sich manisch damit beschäftigt, Homosexuelle als nicht von Gott so vorgesehen zu erklären und deren Lieben und Begehren als unmännlich, unnatürlich und krankhaft zu definieren – daraus leitete er folgerichtig  die Berechtigung, ja die Notwendigkeit ab, sie „heilen“ zu müssen. Er stürzte sich schon auf Kinder (sein jüngster Patient war sieben Jahren alt), um sie auf seinen rechten Weg zu bringen. Seine scharlatanischen Pseudoforschungen werden weltweit von seriösen Wissenschaftlern abgelehnt. Damit er sie ungeschoren führen und verbreiten konnte, sie haben keine wissenschaftliche Grundlage, gründete er sogar seine eigene Klinik: was übrigens David Berger freuen wird, der ja über Thomas von Aquin promoviert hat, die ST. Thomas Aquinas Psychological Clinic in Kalifornien.

Auf Nicolosi berufen sich weltweit alle Feinde der Homosexuellen bei den Evangelikalen wie den Fundamentalkatholiken. Auch die deutschen Homosexuellengegner von der „Demo für Alle“ führen ihn immer wieder im (Kampf-)Schilde.

Dieser Text war eigentlich entstanden, um darzulegen, warum noch heute soviele Fanatiker Homosexuelle für krank, verfehlt und als Menschen zweiter Klasse bezeichnen – und meinte damit natürlich die deutsche Kampforganisation gegen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Die „Demo für Alle“.

Der Tod Nicolosis läßt die Frage nach den wirklichen Motivationen der Homosexuellenfeinde noch einmal ganz virulent werden: denn gleichzeitig mit der Todesnachricht wurde auch bekannt, daß es allein in den USA rund 2000 christliche Zentren und Organisationen gibt, in denen die menschenverachtende Reparativtherapie und ähnliches zur Anwendung kommen. In Deutschland scheiterte dieser Tage im Bundestag erneut der Versuch, „Homo-Heilung“ zu verbieten.

Warum müssen Homosexuelle in der ganzen Welt noch immer um die menschliche Gleichberechtigung kämpfen?

 

Tanz für mich!

 

In der ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ vom 7. März hielt der Kabarettist Till Reiners einen Monolog über die „Vorzüge des Reichseins“, der sich vor allem dadurch auszeichnete, daß er keineswegs zynisch, sondern grundehrlich war – aber das ist in diesem Fall dasselbe!

Der Text gipfelte in einer vollkommen denkbaren Phantasie: zu behaupten, daß es Besseres gäbe als Reichtum – z.B. Liebe – könne man leicht widerlegen. Reiners beschrieb die Lust eines Superreichen, der mit seinem Luxussportwagen einen Armen in einer Nuckelpinne auf der Autobahn erst bedrängte, dann zu Klump fuhr, ausstieg, beschimpfte, schließlich mit großkotziger Geste den Geschädigten mit Geld überhäufte und dann aufforderte „Tanz für mich!“ – „Es gibt“, stellte Reiners mit leuchtenden Augen fest: „nichts Besseres. Das Schönste am Reichtum, sind die Armen!“

Eigentlich wußte man es schon immer: die Frage der materiellen Verteilung ist eine Frage der Macht – Marx hat das nur zum ersten Mal deutlich formuliert. Zuckergußbegriffe wie Barmherzigkeit oder Wohltätigkeit – das zeigt der schneidend klare Texte des Kabarettisten – verkleben die Realität. Es geht um die Deutungshoheit, die Wertung der Lebensumstände, um die eigene Aufwertung durch die Abwertung anderer. Scham- und skrupellos angewandter  Reichtum ist ein Mittel, das zu dieser Selbstaufwertung und damit Selbstbefriedigung durch das Niedermachen anderer verhilft.

Was Marx nicht gesehen hat: es steckt noch etwas anderes darin, jenseits des Materiellen – die Gier nach existenzieller Selbstrechtfertigung und Selbstbestätigung, die natürlich jeder Mensch nötig hat, aber hier wird sie erreicht durch die Abwehr und Abwertung des Anderen, die bis zu dessen Vernichtung getrieben werden.

 

Reichtum macht erst Spaß, wenn es Arme gibt

Reichtum macht erst Spaß, wenn es Arme gibt, die man ganz nach Willkür ärmer macht, denen man huldreich und großspurig etwas zukommen läßt oder es ihnen auch wieder wegnimmt. Wichtig ist nicht, ob es dem Armen besser geht,  dessen Gefühle sind gleichgültig, wichtig ist, daß der Zustand des Armen den Reichen befriedigt und rechtfertigt. Oder um es mit historischen Beispielen zu illustrieren: König Heinrich sorgte mit seinen sogenannten Wohltaten und seiner angeblichen Mildtätigkeit weniger für die Verbesserung der Lebensumstände des armen Volkes, sondern für sein eigenes Wohlgefühl als „Guter König Henri Quatre!“.

Und die Menschen- und Tierliebe des Hl. Franziskus von Assisi versorgte ihn mit dem Hochgefühl der Selbstrechtfertigung. Er konnte sicher sein, daß sein Gott (also sein Eigengefühl)  ihn vor vielen anderen Menschen auszeichnete mit einem Sitz zur Rechten nahe am Himmelsthron.

Und um die Wahrheit des Zynismus zu toppen: es macht erst wirklich Spaß ein Nazi zu sein, wenn man seine Juden hat.

Ein solches Selbstgefühl der Auserwähltheit wiegt für die meisten Menschen mehr als Liebe, Zärtlichkeit und Sex – der vor allem nicht, gerade weil er schwer zu kriegen ist und deshalb, zum Beispiel von religiösen Fanatikern,  schlecht gemacht wird, wie der Fuchs die Trauben sauer redet. Es handelt sich aber bei dieser Verächtlichmachung der Lust und dem Lob der Keuschheit um eine Art invertierte Selbstbefriedigung ohne Befleckung. Also gleichsam um einen Orgasmus ohne Ejakulat. 

Diese psychologischen Mechanismen der Selbster- und Überhöhung auf Kosten anderer liegen nicht nur der Verstrickung von Reichtum, Armut und damit Macht zugrunde…sie gelten nicht nur für die materiellen , sondern auch für die, nennen wir sie mal, moralischen Eliten… Nehmen wir nur die Hasser der Homosexuellen; sie bloß homophob zu nennen wäre genauso falsch wie den Geld unters Volk schmeißenden Cäsaren großzügig.

Das Hirn – das „führende Sexualorgan“

Vom wem rede ich eigentlich? – Na, von den zahlreiche Organisationen der „besorgten Eltern“, allen voran von der „Demo für Alle“, und ihren Führern Hedwig von Beverfoerde, Birgit Kelle oder dem sich in den letzten Monaten immer schrill-lauter zum Unwort meldenden Matthias von Gersdorff. So wie  Reiche ein System der Wohltätigkeit (heute nennt man das „Charity“) entwickeln, ein System  von Stiftungen, Events und Armenspeisung (nichts anderes sind die schändlichen „Tafeln“, die es in diesem obszön reichen Land gibt) ,   um ihren Reichtum umso gewisser mit gutem Gewissen zu genießen und um die gefälligst dankbar zu seienden Armen Männchen machend draußen zu halten – Hartz IV als institutionalisierte Männchenmach-Dressur – , so hat die „Demo für Alle“ ein verästeltes System entwickelt – es läuft unter dem Schlagwort „Kinderschutz“, dabei dient es nur dem Schutz der angeblichen „Beschützer“, dem Schutz ihrer Chimäre von kindlicher Reinheit. So wie Wohltätigkeit  gleichzeitig das schlechte  Gewissen der Reichen beruhigt und vertreibt und ihren Reichtum rechtfertigt, so verbirgt die Chimäre von der „Frühsexualisierung“ das Mißtrauen ihrer Prediger gegen sich selbst und rechtfertigt die Herabwürdigung anderer als Preis für die Aufwertung des Selbstgefühls. 

Wir wissen längst, daß Marx Recht hatte, wir wissen also, daß Armut und Reichtum in der Gesellschaft keine akzeptablen naturgegebenen Zustände bleiben dürfen, damit wir diese zivilisierte Gesellschaft nicht durch Ausbeutung aller Ressourcen – auch der sozialen – völlig zugrunde richten. Und wir wissen andererseits längst, daß der Mensch ein ganzes Leben lang ein lustvolles und vielfältiges Wesen ist, dessen Sexualorgane – das führende ist das Hirn – nicht in Normen passen. Normen,  die nur einen Zweck haben: sie sollen die Herrschaft einiger weniger zementieren; im Falle der „Demo“ die Herrschaft der reaktionären, lebensängstlichen und oft genug schrecklich dummen und herzlosen Eltern, patriarchal und autoritär. Es sind Menschen, die ihr Leben und ihre Ängste und Dummheiten fixieren und der nächsten Generation aufdrängen wollen. Sie leben nicht für die Zukunft ihrer Kinder, von der sie schwafeln. Sie leben für die Versteinerung ihres Lebens und ihrer Auffassungen, sie sind zukunftsunfähig – und unwillig, aber herrschsüchtig: es ist kein Zufall, daß  eine Kampforganisation, der Matthias von Gersdorff vorsteht, „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“ heißt – Kinder und Frauen sind also Privateigentum der Männer, weil das schon immer so war.

 

Schlotternde Autoritäten

Der Kampf, den die „Demo für Alle“ und ihre (Volks)-Genossen von der neuen-uralten Rechten führen gegen die angebliche „Frühsexualisierung“, ist der Kampf der vor  der Zukunft schlotternden Autoritären, nicht nur gegen Homosexuelle oder Menschen mit anderen Geschlechtlichkeiten (und gegen Frauen und Genderwissenschaft und Kinderrechte) es ist ein Kampf um Besitzstände am Kind, um heterosexuelle und männliche Privilegien.

Ja – es geht tatsächlich um Privilegien; nicht, wie so oft verlogen behauptet wird, wollen die Kämpfer für gleiche Rechte (z.B. bei Ehe, Adoption und Familie) Privilegien für sich beanspruchen, sondern ihre Gegner wollen ihre Privilegien der Diffamierung und Erniedrigung anderer behalten. Der Kinderschutz ist nur eine Propagandatarnung. Diese Kinderschützer wollen, wie Wilhelm Reich es nannte, „…die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit des Kindes“ zementieren, weil diese Hemmung Kinder und damit spätere Staatsbürger „ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig und gehorsam“ macht. Diese Lebenshemmung …“lähmt, weil nunmehr jede aggressive Regung mit schwerer Angst besetzt ist, die auflehnenden Kräfte im Menschen, setzt durch das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikfähigkeit; kurz: ihr Ziel ist die Herstellung des an die privateigentümliche Ordnung angepaßten, trotz Not und Erniedrigung sie duldenden Staatsbürgers.“ (Reich, Massenpsychologie des Faschismus. Kopenhagen 1933) 

Und damit wären die lustvolle Freude des Reichen an der Beherrschung, Unterdrückung und Erniedrigung des Armen und der zwangshafte Wille, die nächste Generation im eigenen Kinde zu beherrschen und dessen Lebensbeschränkung, die Unterdrückung der Sexualität, ja sogar des Wissens über sie, der gleichen Quelle entsprungen. Die einen kämpfen darum, auch weiterhin den Genuß an der kapitalistischen Existenz durch die Verhöhnung der Armen zu genießen („Das Schönste am Reichtum sind die Armen“) und die anderen darum, das Schönste an der angeblich natürlichen Bipolarität der Geschlechter/der Heterosexualität weiter zu behalten: die kranken instabilen, unnormalen, schwachen, wankelmütigen und Kinder gefährdenden Schwulen als Objekte des Hasses und der Selbstbestätigung.  

Die Verteidiger des Neoliberalismus sind gar nicht interessiert daran, Ausbeutung, Wohnungsnot, Umweltzerstörung (und vieles andere) zu beseitigen, denn all das festigt, rechtfertigt und bestätigt ja ihren Status als Besitzende; wie man zur Zeit auch wieder sehr schön an der sich zu Wort meldenden FDP erfahren kann – aus deren Fleisch Teile der AfD geschnitten wurden. Wohltätigkeit und angeblicher Sozialstaat sind ja nur Palliativmedizin, die man sich als Armer auch noch „verdienen“ muß (siehe die calvinistische Moral: „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – und Arbeit meint hier immer den Nutzen des Besitzenden). Und die angeblichen Verteidiger der Kindheit bekämpfen als Kinderschützer die Symptome der Zukunft mit den Verkrustungen ihrer Vergangenheit.

 Ihr Kampf gegen Frühsexualisierung dient ausschließlich der Disziplinierung und Normierung  der jungen Körper, des jungen Verstandes zur Bestätigung des toten Selbstbildes der Alten… Als Pasolini vor 40 Jahren das mit tiefster Trauerkonstatierte, lachte man ihn aus – sei „Saló“ – Film war dann das Testament dieser Trauer; und erst heute fange wir an, dieses Testament ansatzweise zu begreifen.

 

Quarantäne und Ausgrenzung

Ich will mich nicht schon wieder im Einzelnen mit dem ganzen Minderbemitteltheiten im neuen Feldzug gegen die angebliche Sexualisierung auseinandersetzen – das ist ja der Trick dieser Kreise: so wie der Kapitalist durch Wohltätigkeit von sich positiv reden machen will, um von seiner wahren Natur abzulenken, sind LGBTIQ-Menschen (und Genderwissenschaft und Politik) immer wieder aufs Neue und vergebens beschäftigt,  die Vorwürfe der Sexualisierung, die kaum verhohlen eigentlich Pädophilie meinen, abzuwehren. 

Hinter den ganzen Vorwürfen steckt vor allem eines: der ewig erstunken- und erlogene Verdacht der Ansteckung und damit Krankheit, stecken die Ideen von Quarantäne und Ausgrenzung, steckt die Behauptung, das Andere sei minderwertiger als man selbst und deshalb dürfe man ihm nicht die gleichen Recht zugestehen. Auch die Armen gelten ja wegen ihrer Armut als minderwertig.

Die „Demo für Alle“ und ihre Anhänger und ihre weltweit agierenden Kumpane – z.B. die die Evangelikalen in den USA, die Fundamentalkatholiken (wie Mathias von Gersdorff – zu dessen politischen Absichten in Richtung aristokratischer Ständestaat ein anderes Mal einiges ausführlicher gesagt werden muß), die russischen Antihomonationalisten usw. brauchen dringend Homosexuelle, um ihre wackelige Normheterosexualisierung, die zur Zucht, Züchtigung und Beherrschung  der kommenden, freier leben wollenden Generation dient, zu rechtfertigen mit der entsetzlichen Lüge von der Bedrohung der Kinder.

So wie die neorechte Internationale eine Bewegung der patriarchal und autoritär denkenden Älteren ist, ist es auch die angeblich gegen Sexualisierung kämpfende Internationale. Sie ist nichts weniger als eine Bewegung gegen die Jungen, die Lebendigen, gegen die Zuversichtlichen, die die Zukunft miteinander gestalten wollen, die erkennen, daß Nationalismus, Rassismus, Kapitalismus, Naturausbeutung die wirklichen und drängenden Probleme sind, gegen die Tabus, Einschränkungen, Unterdrückung, Aussperrung, Mauern und Verleugnung und das Alpträumen von einem autoritären, patriarchalen, männlichen Früher (und Führer)  nicht zur Bewältigung der Probleme beitragen, sondern sie zementieren, ja verschärfen und zur Explosion bringen.

Es geht der Rechten ja auch gar nicht um Problemlösungen, sondern um die Selbstrechtfertigung ihrer fortgesetzten Gier, ihres Nationalismus, ihres Herrschaftsanspruchs. Tatsächlich wollen sie keine Probleme wie Demokratisierung, Globalisierung, Digitalisierung oder gar Hunger lösen – so lange es diese Probleme gibt, fühlen sie sich bestätigt. In gleicher Manier geht es den Kämpfern gegen die angebliche Sexualisierung der Jugend nicht um die nächste Generation, sondern bloß um die Bewahrung ihres eigenen Starrsinns und ihrer eigenen Sexual- und Menschenangst.

Der Ausschluß der Flüchtlinge, der/des Fremden, der Anderen, die Abgrenzung der Armen, die Mauern der Hartherzigkeit,   ermöglichen für eine Weile noch die Illusion es bliebe alles „so wie früher“, aber es sind die Sterbenden, es sind die Tötenden, die das Leben an sich reißen wollen.

 

Kapo-Mentalität

Natürlich gibt es auch unter LGBTIQ-Menschen die Menge, die sich weigern, in die Zukunft zu denken, die sich mit Kapo-Mentalität anpassen, um die Brosamen vom Tisch der Lagerkommandanten, zu erhaschen. Sie stimmen die gleichen Gesänge an wie Herrschenden, anstatt sich ihnen zu verweigern. Politisch oder ökonomisch heißt das, daß sie wider besseres Wissen, in der Hoffnung, verschont zu bleiben im mörderischen Ausleseprozeß des Sozialdarwinismus, die AfD, Trump oder den Front National zujubeln. Sie wollen sich auch besser fühlen wie jener am Anfang erwähnte Porschefahrer, der den angefahrenen Kleinwagenmenschen zum Tanzen nach seiner Pfeife zwingt.

Ein Beispiel für einen solcher Überläufer aus Eigennutz in Sachen demokratische, emotionale und sexuelle Gleichberechtigung, der aber nur an die Befriedigung seines materielle Eigennutzes und seiner Selbstverliebtheit dachte, ist der jüngst grandios gescheiterte Milo Yiannopoulos in den USA, den letztendlich der Vorwurf (in diesem Fall völlig ungerechtfertigt) der Pädophilieverteidigung zu Fall brachte; ein Standard-Vorwurf aus dem Repertoire der Rechten und Kinderschützer.

Weniger charismatisch und verrückterweise auch weniger sexy betreibt diesen Maulkampf in Deutschland David Berger; perfiderweise gerade weil weniger flamboyant, sondern deutschtümelnd-enervierender womöglich mit noch größerem Anpassungserfolg, weil er in vorauseilendem Gehorsam die Pädophilievorwürfe gegen Homosexuelle  von den „Kinderschützern“ übernahm.  Und so führt er als U-Boot der Fundamentalkatholiken (er selbst nennt sie „Katholiban“) die Kämpfe dieser Kinderschützer von der „Demo für Alle“ bis zur AfD hinein in die fortschrittlichen Milieus und Kreise, um sie von innen zu sprengen, im unausgesprochenen Auftrag ihrer dankbareren Gegner. Noch klopft ihm sogar Hedwig von Beverfoerde verbal auf die Schulter; aber auch ihn wird man bald wieder daran erinnern, daß er nur ein vermaledeiter Homo ist, da mag er sich anbiedern wie er will.

 

 

Angst vor der Zukunft

So wie also der Reiche seinen Lustgewinn am Reichtum steigert, indem er ein Bißchen abgibt, um den Armen zu korrumpieren und sich daran umso mehr berauscht, so wie er den Armen braucht zur Befriedigung seiner Lustbedürfnisse, brauchen  die „Besorgten Eltern“, die „Demo für alle“, die Homo-Heiler  etc. die Homosexuellen (und alle Menschen mit anderer Geschlechtlichkeit) um ihre gemeine und morose, lebensängstliche, eindimensionale Zwangsexistenz zu rechtfertigen und zu genießen. Die Angst vor der Zukunft, der Lebendigkeit, der Sexualität, der bigotte Verzicht auf wirkliche Zukunft, macht nur dann Spaß, wenn man andere dessen bezichtigt, was man sich selbst verbietet – so wie der Verzicht des Reichen auf ein Bißchen Reichtum, den er „wohltätig“ spendet, tatsächlich das Vergnügen am ganzen Reichtum erhöht.

https://diekolumnisten.de/2017/03/19/das-schoenste-an-der-heterosexualitaet-sind-die-schwulen/