Dr. Dalquen, Retter der Menschheit und sein Waenverdickungsmittel

Nachdem mein Kaninchen gestorben war, begann ich ein Geschlechtsverhältnis mit einer Frau. Dieses Geschlechtsverhältnis verstörte mich und machte mich völlig nervös. Vor allem traten merkwürdige Gefühle in den Waden auf. Das erinnerte mich an meinen verstorbenen Vater, der auch sein ganzes Leben unter Beinschmerzen gelitten hatte.

    Nach einer Odyssee durch diverse Kaltwasseranstalten, in denen man mich häufig der Thure-Brand-Massage der Dammgegend unterzog, kam ich endlich auf Empfehlung meines Beichtvaters in die Klinik von Dr. Dalquen.

    Hier lernte ich den Mann kennen, der nicht nur meinem Leben eine entscheidende Wendung geben sollte. – Dr. Felix Dalquen hatte seine wissenschaftliche Karriere über Jahrzehnte der Entwicklung einer epochalen Substanz geweiht: dem einmaligen Wadenverdickungsmittel.

    In gefährlichen todesverachtenden Selbstversuchen hatte er sich seine Entdeckung in die Waden injiziert, in der Hoffnung, eine Schwellung derselben zu erreichen, die so enorm war, daß die Waden mit einem Plumps neben die Füße rutschten. In einem weiteren Schritt hoffte er, dieses Mittel auch zur Verdickung von Frauen einsetzen zu können.

    Man erzähle mir nichts – unzählige Männer, die vom pubertären Kaninchen abgekommen sind, möchten doch liebend gerne in den wogenden Fleischmassen einer Dame versinken.

    Im tiefsten November wurde ich von einer privaten Zahnradbahn auf den Hohenkofel hinaufgeschafft, allwo Dr. Dalquen sein Sanatorium zur Wadenverdickung betrieb. Als ich am Abend gegen neun dort anlangte, konnte ich den berühmten Arzt noch nicht sprechen, lernte aber im Speisesaal diverse andere Patienten kennen, die sich der Kur unterzogen.

    Vor allem fiel mir ein dünner älterer Herr auf, der in einem Rollstuhl herumgeschoben wurde. Sein gesamter Körper bestand nur aus Haut und Knochen, aber seine Waden waren so monströs, daß er nicht mehr gehen konnte – deshalb der Rollstuhl. Stolz führte er den anderen Patienten seine enorm dicken Waden vor, deren Muskeln fortwährend zuckten. Seinem Munde entrang sich allerlei Unverständliches – es klang wie „Snörzen“. Ganz gleich, was er auch sagte, man verstand nur „Snörzen!“  Vielleicht lag es auch nur an mir, dem Neuling, daß mir seine Rede fremd blieb. Die anderen stimmten ihm nickend bei.

    Endlich nahm mich eine aufgeblähte Dame beiseite, die sich bereits im Endstadium der Verdickungskur befand und teilte mir mit, daß es dem dürren Herrn gefalle, wenn ihm alle zustimmten. Niemand wisse, was „Snörzen“ eigentlich bedeute. Aber das sei auch nicht so wichtig. Sie dagegen finde Gefallen am Punnen und trüge dabei eine Gummihaube. Was nun das Steckenpferd dieser kurzatmigen Dame anlangt, das Punnen, so bin ich bis heute nicht im Bilde, um was es sich eigentlich handelte. Dafür aber half sie mir über den Verlust meines Kaninchens hinweg. Kaninchen waren von Dr. Dalquen bei Strafe des Klinikausschlusses verboten worden. Wir sollten uns hier ausschließlich um die Wadenverdickung kümmern.

   In einsamen Nächten konnte man nach der Rektalschwester Irmentrud läuten; sie schaffte auf Wunsch einen Camembert oder eine Damenhandtasche herbei, der ich dann aus der Proust´schen Recherche etwelche Kapitel zu Gehör brachte.

    Noch bevor ich an meinem ersten Morgen in das Ordinationszimmer Dr. Dalquens vorgelassen wurde, begegnete ich seinem Adlatus Dr. Bumke, dem einzigen Menschen, bei dem die Wadenverdickungskur noch nicht angeschlagen hatte. Dr. Bumke widmete sich mit großem Ernst psychotherapeutischen Irrigationen und empfahl mir, mich gleich am Nachmittag bei ihm einzufinden, um mich zwei bis drei Einläufen zu unterziehen.

    „Lieber Freund“, hörte ich hinter mir eine kräftig schnarrende Stimme – es war Dr. Dalquen, der aufgrund seiner verdickten Waden nur in einer Art Laufgerüst herumgefahren werden konnte, „treten Sie ein, hier gelangen Sie an den Born jeder Weisheit, hehe, junger Racker! Und lassen Sie sich von einem alten Manne sagen, lieber dicke Waden als eine Rektalmusterung beim Marinearzt während Windstärke neun!“

    Diese deftig-derbe Sprechweise nahm mich für Dr. Dalquen sofort ein. Er setzte mir auseinander, daß ich mindestens ein Vierteljährchen bei ihm hier oben zu verbringen hätte,  bevor meine Waden  einen Umfang erreichten, der eine Rückreise ins Flachland verunmöglichte. – Noch allerlei therapeutisch Wichtiges besprachen wir, bevor er mich zum zweiten Frühstück in den Speisesaal entließ.

    Dort angekommen, traf ich die Dame mit der Gummihaube wieder, eine ordinäre Person, Witwe eines Korselettfabrikanten. Sie kam ebenso neben mir zu sitzen wie ein Herr Knöterich, bei dem die Verdickungskur leider an der falschen Stelle angeschlagen hatte, weshalb er breitbeinig an der Tafel zu sitzen gezwungen war.

    Mit Wonne verzehrten wir britische Würstchen, saure Nieren und sogar einen schmackhaften Borscht, als plötzlich ein heftiger Windstoß die Tischdecken  aufwirbelte und die Glastüre zur Terrasse scheppernd zufiel.

    Dort stand, ohne verlegen zu sein, eine junge Maorifrau, stolz ihre fazialen Tätowierungen im Gesichte und unbeschreiblich verdickt. Ich konnte meine Augen nicht von ihr wenden, denn sie erinnerte mich an einen Schulfreund, den alle nur das Klößchen genannt hatten.

    „Ist sie nicht bezaubernd, unsere Südseeprinzessin“, raunte mir die Korselettwitwe zu. „Ein schwerer Fall! Sie sträubte sich gegen die Verdickung und wird wohl noch etliche Zeit hier verbringen müssen, bevor sie nach Ohrzeanien zurückkehren kann.“

    „Ohrzeanien“ wiederholte ich und mußte feststellen, daß meine Tischnachbarin scheußlich ungebildet war. Die Maorifrau ließ sich am gegenüberliegenden Tisch nieder, dem der dürre Herr mit Rollstuhl vorsaß, und alsbald hörte ich von dort nur noch „Snörzen, Snörzen!“, und alle nickten ihm zu.

     Ja, hier würde es mir gefallen…. So manches Jährchen würde dahinziehen mit Blick auf den Hohenkofel und diesen geselligen und putzmunteren Hausgenossen. Denen drunten im Tiefland würde ich zu berichten wissen, wie gut es tat, freudig der Verdickung der Waden entgegenzusehen. Nach sieben Jahren unter meinen Kurkollegen benötigte ich auch kein Kaninchen mehr. All dies habe ich Dr. Dalquen zu verdanken, der, das werde ich in der Fortsetzung meiner Lebensgeschichte zu berichten wissen, die hungernde Menschheit mit seinem Wadenverdickungsserum rettete.

 

 

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Im Zwielicht – von Wolfgang Brosche

Für Christian, Stefan, Katharina

 

Das Photo eines kleinen Jungen: fremd zwischen Einzelteilen der Märklinbahn. Im Hintergrund der Tannenbaum wie jedes Jahr geschmückt nach dem Willen der Mutter mit Silberkugeln und Lametta. Das Photo – Schwarz-Weiß. Farbe lohnt nicht. In dieser Familie ist Weihnachten nicht bunt.

Der Junge schaut ratlos, nicht bloß weil der Vater mit der Eisenbahn mehr anfangen kann als er, er blickt auch enttäuscht, denn viel lieber hätt´ er ein Kaspertheater gehabt. Das aber wollt´ ihm die Mutter nicht schenken, denn dazu gehören ja Puppen – und Jungens spielen nicht mit Puppen, sagt sie.

Ein paar Jahre später haben die Großeltern seinem Betteln nachgeben – sein ganzer Stolz: ein blaues Klapptheater mit Rollvorhang und sechs Puppen; Weichplastikköpfe – kein Holz: Kasper, König, Krokodil, Prinzessin, Polizist und Großmutter. Schenkt man ihm Puppen dazu, am Geburtstag, zum guten Zeugnis, leuchten seine Augen.

Er spielt Märchen nach, erfindet Stegreifstücke, läßt die Prinzessin das Krokodil heiraten und lacht sich drüber kringelig. Die Mutter schüttelt den Kopf. Er bastelt aus Pappe und Leukoplast Dekoration – die Mutter versteht das nicht, denn das Theater hat doch den auswechselbaren Prospekt: auf der einen Seite die Biedermeierstraße, die Gute Stube auf der andern – das muß doch reichen!

Wenn die Kinder aus der Nachbarschaft nicht mehr zuschauen wollen und lieber im Sandkasten wühlen, spielt er für sich weiter allein und findet es schade, daß er noch nicht schreiben kann, um seine Ideen aufzuzeichnen. Aber er hat ja ein prima Gedächtnis, lernt leicht Gedichte und Reime und merkt sich alles.

Spielt er so für sich allein, nennt ihn die Mutter Stubenhocker, drängt ihn nach draußen auf den Hof – was soll er da? Sinnlos hinter Bällen herjagen oder Kinder, die kreischen, fangen? Die Mutter nennt ihn Mäkelheini. So wird er doch nie Freunde haben. Anpassen muß er sich schon mal, sich unterordnen, nicht immer die erste Geige spielen mit seinem Theater.

Die Sorge der Mutter schlingt sich um ihn. Der schürft sich nicht wie die Nachbarsbuben die Knie auf und klettert nicht auf Bäume. Der hockt auf der Gartenbank und verkriecht sich in ein Buch. Sie schimpft ihn Sissy – bevor er kam, hat sie gearbeitet als Kindermädchen für britische Besatzungssoldaten. Deshalb spricht sie  Englisch und kennt solche Wörter wie Sissy – aber sie sagt ihm nie, was das bedeutet, Sissy. So wie sie´s zischt, kann es nichts Gutes, nichts Lustiges sein. Du Sissyboy!

Die Jungen gleichen Alters in der Straße spielen Fußball und rasen mit den Rädern um die Wette und stürzen und zeigen stolz ihren Schorf an den Knien. Fußball ödet ihn an, atemlos hinter dem Ball herhetzen, Quatsch. Aufs Fahrrad steigt er wie ein Mädchen, sagt seine Mutter, im Stand – er ist schon verkehrt mit dem Roller gefahren und trat mit dem rechten Fuß, wie ein Mädchen, nicht mit dem linken wie sich´s gehört für einen Jungen.

Du stehst auch immer da wie ein Mädchen, ein Junge hält den Arm nicht so wie du – angewinkelt vor dem Bauch wie eine Primaballerina. Wein nicht, wenn ich mit dir schimpfe, das ist nur zu deinem Besten. Ich schimpf mit ihm und der weint auch noch wie ein Mädchen! Du wirst nie ein richtiger Junge!

Warum zeigt der Friseur von nebenan nur Plakate mit Frauen, aber nicht mit Männern? Weil Frauen sich für Männer schönmachen müssen, Kind! Stell doch solche Fragen nicht! Männer müssen nicht schön sein! Die Mutter kriegt düstere Augen wenn er so etwas fragt. Er merkt sich´s und fragt bald nicht mehr.

Bevor er in die erste Klasse kommt, an einem Morgen im März, sagt die Mutter ernst: Wir gehen jetzt zum Onkel Doktor – und nimmt ihn fest bei der Hand, damit er nicht weglaufen kann.

Warum? Ich bin doch nicht krank!

Das verstehst du nicht, das muß sein, sonst kannst du nicht in die Schule! Sonst wirst du kein Mann!

In der Praxis riecht´s komisch, alles ist weiß und gewischt und gewienert. Das müßte der Mutter gefallen. Die zieht ihm seine Hosen aus. Vergeblich krallt er sich in den Bund.

Jammer nicht, soll denn der Doktor denken, du wärest ein Waschlappen?

Festgebunden auf dem Tisch kann er sich nicht mehr rühren. Die Schwester hält ihm einen Wattebausch über die Nase und träufelt Stinkendes darauf. Ob er schon zählen könne?

Das kann er doch: eins, zwei und drei, was kommt nach dr…?

Zuhaus im Bett erwacht er. Pipi machen muß er. Er kommt allein nicht hoch, es wird ihm schwarz vor Augen. Die Mutter stützt ihn zur Toilette, zieht große Wattebäusche von seinem Männlein. Die letzte Schicht blutig, da tut´s ihm weh, das Männlein; und als der  Strahl herausschießt, schreit er. Das brennt, das Pipi, wie Feuer.

Nun mach nicht so ein Theater, das kann dir gar nicht wehtun, das ist doch noch betäubt. Benimm dich wie ein Junge.

Vom Wohnzimmer ruft der Vater, der hat mal geboxt, der muß es wissen: Ein Indianer kennt keinen Schmerz!

Na, dann kannst du dich mal um das Gebaumele kümmern, du bist doch der Vater, das müßt ihr Männer unter euch ausmachen, mit euren Dingern!

Nee, Mutter, das kann ich nicht, das Blut, du weißt doch, kann ich nicht sehen.

Memme, mahlt die Mutter zwischen den Lippen, ganz leis, damit der Vater das nicht hört – oder hat sie den Sohn gemeint?

Keiner erklärt ihm, warum man da unten geschnitten hat und genäht, er entdeckt die blutig verkrusteten Fäden. Auswendig lernt er den Anblick wie die Reime und Verse, wie seine Kaspertheaterstücke.

Vier Wochen danach in Nachbars Garten. Er ist erst sechs, der Sohn der Nachbarn dreizehn. Der Jochen ist groß und so stark, der baut Zelte auf für die Kinder der Nachbarschaft, mit bloßem Oberkörper. Das blonde Haar fließt dem leuchtend in die Stirn mit dem Schweiß. Der Jochen ist viel stärker und schöner als er. Ob man dem auch am Männlein geschnitten hat – er faßt all seinen Mut und fragt ihn, ob der mal sein Männlein sehen will, das operierte, und ob er das seine betrachten darf. Der Jochen tut, als würd er das nicht hören.

Tage später fragt er ihn noch mal, der Jochen aber windet sich.

Der Nachbar schickt den Jockel aus, doch der kommt nicht nach Haus, fällt ihm im Bett am Abend ein, wenn er an Jochen denkt.

Und erst als er´s das dritte Mal wagt zu fragen, halbdunkel ist das Zelt aus Decken über Äste geworfen und dunstig, sie hocken allein darin, zeigt ihm der Jochen sein Männlein. Da ist keine Naht, keine Narbe. Wie groß es ist und schön und wie hart es wird – er würd´s so gerne berühren, doch Jochen zieht schnell wie der Blitz seinen Schlitz wieder zu.

Auch das ist ein Bild, das er behält, lange Jahre mit schlechtem Gewissen: das darf die Mutter nicht wissen. Das Männlein ist zum Pipimachen da, danach muß man die Hände waschen. Da sind Bakterien dran, die sieht man nicht, die sind gefährlich. Krank könnt man werden, krank von dem Gebaumel da unten.

Das Jochenbild verblaßt als er beim Schwimmunterricht die drei Klassenidioten erblickt – nur Sport und nichts sonst dahinter, richtige Jungens – die sind braungebrannt, aalen sich den ganzen Tag im Freibad, die haben schon richtige Männermuskeln und tragen ganz winzige Badehosen. Er kann den Blick von ihnen nicht wenden; er nennt sie Delphine. Delphine gefallen ihm, doch er weiß tief drinnen, darüber darf man nicht reden. Das ist sissy, er ist Sissy, wenn das rauskommt.

Konfirmationsunterricht. Der Pfarrer erklärt, Schaumklümpchen im Mundwinkel, man könne mit Gott über alles sprechen – wenigstens mit dem. So betet er abends im Bett, daß der Liebe Gott ihm das – er hat keine Worte dafür – wegnehmen möge. Er betet und betet und betet – aber der Liebe Gott antwortet nicht.

Ein hitzig-heißer Sommertag. Damit er mal an die Luft kommt, besucht er mit der Mutter deren Freundin, die besitzt einen Gärtnerhof, bewacht von Hasso, dem Schäferhund. Ob dem die Hitze zu Kopf stieg? Aus heiterem Himmel springt Hasso ihn an und beißt ihn in den Hosenlatz. Aufruhr. Die Gärtnereibesitzerin bringt eine Flasche Jod. Die Mutter, zitternd, zieht ihm die Hose herunter, schon wieder muß sie sich ums Glied des Sohnes kümmern. Der schämt sich, ist er doch schon dreizehn. Die Mutter träufelt das Jod auf den Biss im Männlein; sie sagt immer noch Männlein und hält das Glied in der Hand als wär es das ihre und zieht und wendet es, um weitre verletzte Stellen zu suchen.

Das war das letzte Mal, daß sie sein Geschlecht sah. Bald drauf reden die Delphine vom Schwanz – er übernimmt das Wort für sich – nie wieder sagt er Männlein.

Jetzt sagt er Schwanz; der wird hart wie der vom Jochen und macht Spaß. Dafür entschuldigt er sich beim Lieben Gott. Der antwortet abermals nicht. Der antwortet auch nicht als er ihn anbettelt, er möge die sterbende Oma am Leben lassen. Die hat ihn doch so geliebt wie ihren eigenen kleinen Sohn. Der starb mit drei Jahren an Typhus. Noch dreißig Jahre später trägt sie das einzige Kinderbild ihres Söhnchens im Portemonnaie – sie sagt immer, ihr Enkel gliche ihm bis aufs Haar.

Zum vierzehnten Geburtstag wünscht er sich eine Opernkarte.

Was willst du denn dort, du schläfst doch ein im Theater, da jodeln die in schrillen Tönen und verbiegen sich wie Tunten. Der Vater verrenkt die Hände mit abgespreizten Fingern und lacht. Sein Sohn geht trotzdem in die Oper und hört als erstes: „Traviata“.

Daß er von nun an ständig ins Theater geht, er bezahlt´s vom Taschengeld, ist seiner Mutter einerseits nicht recht – doch andererseits: das ist ja auch Bildung, und der Vater nickt. Das habe er in der Schule gelernt: Wissen ist Macht!

Bei einem Freund im Fernsehen sieht er Die Bettwurst, zuhause ginge das nicht. Er begreift ganz neue Wörter und nennt den Film grotesk und liberal, satirisch und camp. Der Mutter erzählt er die Handlung beim Putzen und lacht – sie unterbricht ihr Putzen und sein Lachen: du weißt doch, daß der Regisseur ein Homo ist?

Na, und – der Film ist doch gut. Die Mutter schüttelt den Kopf und schickt ihn in sein Zimmer, als hielte sie´s in seiner Nähe nicht mehr aus.

Im Fernsehen laufen Tarzanfilme, die liebt er heiß und innig. Im Bett spielt er bei Nacht die Szenen nach, in denen Gordon Scott, der hat so pralle Muskeln, auf seiner Jane liegt und sie küßt. Er ist der Herr des Urwalds nicht, er ist er selbst und liegt in Tarzans Armen.

Alle paar Wochen, zurückgekehrt mittags von der Schule, findet er den Inhalt seines Schreibtisches im Haufen auf dem Boden. So fordert die Mutter ihn auf, Ordnung zu schaffen. Und den Schlüssel zur einzigen Lade will sie auch. Wer weiß, wie´s drin aussieht oder was du da vor mir verbirgst. Maul nicht, ich bin deine Mutter, ich habe dazu das Recht.

Er bittet sie mit fünfzehn anzuklopfen, wenn sie in sein Zimmer will. Wie käm ich denn dazu in meinem eigenen Haus, bei meinem eigenen Sohn zu klopfen – wo kämen wir denn da hin?

Sechzehn ist er und seine jüngeren Geschwister schlafen bereits, so kriegen sie´s nicht mit, als seine Mutter ihn des abend um neun aus dem Bett holt – ist mir ganz gleich, wie alt ihr seid, du bist noch ein Kind und Kinder haben um acht im Bett zu sein -.

Die Mutter fand eine Kerze in seiner Schreibtischlade. Was er denn damit mache? Sie wisse es genau! Die Verdauung machst du dir kaputt damit! Im Aschenbecher drückt der schweigende Vater die zehnte Ernte23 heute abend aus, springt auf und rast ins Bad, wo er sich brühend heißes Wasser einlässt, bis alles dampft. Der kommt erst nach zwei Stunden wieder raus, krebsrot.

Kennst du solche Männer? Die Mutter thront im Sessel. Er steht davor, er darf nicht sitzen. Hab ich dich falsch erzogen? Weißt du eigentlich welche Schande du mir bereitest? Das steht schon in der Bibel, daß das sündig ist! Ich werde jetzt andere Saiten aufziehn! Ich mag dich gar nicht anfassen. Ab ins Bett, ih bäh!

Am Morgen grüßt ihn der Vater nicht, der grüßt auch am Tag darauf nicht, der spricht mit ihm ein halbes Jahr lang nicht, als ob er schon durchs Sprechen sich Lepra von seinem Sohn holen könnte oder was anderes Ansteckendes, das er fürchtet.

Weißt Du, was du angerichtet hast? Dein Vater hat die ganze Nacht geweint. Der hat noch nicht einmal beim Begräbnis seiner eigenen Mutter geweint. Warum straft mich der liebe Gott damit? Das machst du nur, um mich zu verletzen! Ich hab die ganze Nacht gegrübelt und gegrübelt – und dran gedacht, mich umzubringen wegen des eigenen Sohnes!

Du gibst jetzt keine Nachhilfe mehr. Wenn da was rauskommt, dann denken die Leute doch, du willst ihre Söhne anfassen. Taschengeld ist gestrichen. Ich konfisziere den Kloschlüssel – ich weiß ja, daß ihr Jungs da Schweinereien treibt. Das werde ich jetzt unterbinden. Und mit diesem Theater- und Kinogehen ist ein für alle Mal Schluß. Vielleicht kann ein Psychiater das wegmachen!

Da hat er Glück, dort muß er nicht hin – nicht auszudenken, käm das raus, der Sohn beim Psychiater!

Und glaub ja nicht, du Sissy, deine Großmutter, würd sie noch leben, hätt dich noch lieb. Die würde dir was husten. Die hat im Gestapokeller gesessen, weil sie einmal gesagt hat, in der SA wären Leute wie Du! Die wär ums Leben gekommen, wenn dein Opa nicht darum gebettelt hätte, der war ja selber Gruppenleiter.

Die Mutter schämt sich, weil sie was falsch gemacht hat in der Erziehung, sie ist zu sanft und zu lasch gewesen, härter hätte sie durchgreifen müssen. Sie schämt sich, daß ihr Mann weinte. Sie schämt sich vor den Nachbarn. Sie schweigt sich fast zu Tode. Es krallt sie im Unterleib: Entzündungen, Myome, Krebs. Erst als sie völlig ausgeräumt ist, lassen die Krankheiten ab von ihr.

Der Sohn schämt sich: denn das Leid hat er seiner Mutter angetan. Er schweigt still und stumm und von Delphinen träumt er nur. Zehn Jahre trinkt er mit den Eltern weiter Kaffee, am Sonntag obligat der Lummerbraten und später Gugelhupf. Ein exzellentes Zeugnis nach dem anderen, dann seine Studienscheine mit Stern. Das reicht vielleicht um einmal was zu sagen. Er bittet seine Eltern zum Gespräch. Die hätten doch den jungen Mann erlebt, mit dem er viel unternehme. Der sei sein Freund und er wünsche, daß er das sagen, ihn mit nach Hause bringen dürfe. Gleich läßt der Vater sich wieder ein Bad ein, die Mutter stürzt in einen Weinkrampf. Du bist unser Sohn, so weit sind wir tolerant, kannst immer zu uns kommen, aber allein, wir wollen davon nichts hören und sehen, das mach mit dir allein ab. Verschon uns damit.

Also geht er fort und bleibt fort, bis seine Mutter erneut erkrankt; diesmal das Herz. Er kehrt zurück und schweigt und plaudert, sie wird wieder gesund, entdeckt seine Kasperpuppen, verstaubt, im Keller. Die nehmen doch nur Platz weg. Und wenn sie der Verwandtschaft zum Namens- oder Geburtstag eine Flasche Frühstückskorn schenkt, setzt sie zur Zierde einen Kasperpuppenkopf darauf und gibt so sein ganzes Ensemble fort. Das landet bei den Beschenkten im Mülleimer.

Kaffee schenkt die Mutter dem Sohn immer weiter ein und setzt ihm Bienenstich vor. Er plaudert zum hundertsten Mal mit dem Vater über die blöden Politiker da oben und über Autos und übers Fernsehprogramm, immer dasselbe, nicht wahr? Und er nickt!

Vatermutterkind wird fad und immer fader. Er bleibt – erstickend am schlechten Gewissen – wieder weg; die Mutter wird wieder krank. Ihre Augen, die schwarzen, schärfen ihm ein: wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß, sonst sterbe ich. Da bleibt er fort für immer.

Am Abend bevor er in eine andere Stadt zieht – das haben die Geschwister der Mutter gesteckt – stirbt sie das letzte Mal.

Daß es da noch einen Sohn gibt, wispert´s im Trauerzug auf dem Friedhof, das hab ich gar nicht gewußt. Sie hat von ihm nie erzählt. Warum ist der allein? Verheiratet wohl nicht! Doch, doch, es gibt einen Sohn, die Ärmste hat immer gesagt, er hat keine Zeit für Frau und Familie, die Arbeit nähm ihn so sehr ein. Vielsagend lächelt die Wispernde: wir haben immer so getan, als würden wir ihr glauben.

Er ging allein zur Beerdigung, er kommt allein von der Beerdigung, er betritt seine Wohnung allein, darin lebt er allein – er lebt in den Schatten und schämt sich. Ein Kaspertheater hat er kein zweites Mal bekommen. Sein Leben ist ein Schwarz-Weiß-Bild, noch nicht mal mit Lametta.

Er läßt sich nie mehr photographieren.

 

 

Freunde, Römer, Leute….

Ich brauch Eure Meinung…

Hier dürft Ihr mal in meine Werkstatt gucken:

Dies sind die ersten Kapitel eines neuen Romanes – keine Kunst, ein Potboiler; eine düstere Zukunftsvision, ein Horrorstück! Das letzte Kapitel wird ziemlich blutig…

 

Und das kommt so:

Als ich vor sieben, acht Jahren die ersten unglaublichen Tiraden von Gabriele Kuby las – damals wurde sie noch für eine Kreischhenne aus den Sümpfen der Catholica gehalten, ahnte ich jedoch schon, was wir nun seit vier Wochen genau wissen. Ich mußte mir seinerzeit bloß die trüben Kontakte die Frau anschauen – sie traf und zitiert immer wieder Scott Livley, der mit Geldzuwendungen und Juristisch-Fachmännischem Rat Dritte Welt Staaten dazu „überreden“ wollte, die Todesstrafe für Homosexuelle einzuführen; Kuby trieb sich auf „Familienkongressen“ unter der Schirmherrschaft Putins erum, wo sie sich über die Anti-Homogesetzgebung in Rußland informierte, wurde Gallionsfigur der „Demo für Alle“ und ähnlicher Zusammenrottungen von Anti-Homo-Fanatikern usw. usf.  – aber sie ist ja nicht allein:

Vor vier Wochen machte uns dankenswerterweise Andres Kemper mit einem Bericht aus dem EU-Parlament bekannt. Dieser Bericht beschreibt, wie zahlreiche internationale Haß-Organisationen sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit vernetzen, finanziell und ideell unterstützt von Fanatikern aus den USA und Rußland – und wie sie inzwischen gemeinsame Sache machen mit Europas neofaschistischen Parteien, um – so der Titel der Absichtserklärung von „Agenda Europe“, „die natürliche Ordnung wiederherzustellen.“

Hier die EU-Dokumentation:

https://www.epfweb.org/sites/epfweb.org/files/rtno_epf_book_lores.pdf

Es geht also um mehr als einige unbeholfene Bustouren der „Demo für Alle“. Die herbeiphantasierte „schwule Weltverschwörung“ gibt es natürlich nicht – aber es gibt eine clandestine internationale Zusammenarbeit namens „Agenda Europe“, um mindestens wieder die „Strafbarkeit von Homosexualität“ zu erreichen; Frauenrechte zurückzuschrauben, Abtreibung und Ehescheidung zu verbieten etc. – Und man macht gemeinsame Sache mit den neofaschistischen Parteien; Hedwig von Beverfoerde empfiehlt ganz offen die AfD.

Ich habe das damals schon geahnt, hatte aber nicht die Mittel, die in Brüssel bereit stehen, um das nachzuweisen.

Es ist also kein Zufall mehr, daß die AfD in einigen Bundesländern nicht nur Behinderte, sondern auch Schwule „zählen“ lassen will, kein Zufall mehr, daß ein deutscher Weihbischof davon schwadroniert, daß Schwule „den Tod brächten“, daß der evangelikale Geistliche Tim Behrensmeier bei  CitizenGO, eine der Organisationen des Netzwerkes „Agenda Europe“ wenige Tage nach IDAHOT behauptet, die „internationale Homolobby“ sei u.a. verantwortlich für Abtreibungen in der BRD und „damit an tausendfachem Tod“, es ist längst kein Zufall mehr, daß ausgerechnet am 17. 5. Ein AfD-Abgeordneter im Berliner Senat Homo-und Transsexuelle  „Abarten des menschlichen Lebens nennt!“

http://www.queer.de/detail.php?article_id=31203

http://www.queer.de/detail.php?article_id=31192

 

Vor acht Jahren schon habe ich gesagt: hier werden Auslöschungsphantasien vorformuliert. Ich wollte damals einen Roman schreiben mit dem Arbeitstitel „Der Sodomitenjäger“. Die „Agenda Europe will den Schandbegriff „Sodomit“ wieder einführen.

Es scheint, daß meine Geschichte dieses „Jägers“ doch erzählt werden muß: sie spielt in naher Zukunft, in der die Neofaschisten überall in Europa „die Macht ergriffen“ und die EU, die Menschen-, Frauen-, Kinder- und Homo-und Transrechte sowieso geschliffen haben und mit Hilfe der Religiösen ein strenges „Sittensystem“ durchdrücken, vom dem sie glauben, daß es der christlichen, „natürlicen“ Staatsordnung des 4. Jahrhunderts gleicht, von der ganz explizit amerikanische Evangelikale und Katholiken träumen – im 4. Jahrhundert hatte sich das Christentum als römische Staatsreligion durchgesetzt und der Niedergang des römischen Reiches begann.

Wer wissen will wie soetwas aussehen kann, der möge sich auf der Webseite des „Demo für Alle“ –Unterstützers Matthias von Gersdorff informieren – er ist Mitglied der „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“, einer aus Südamerika eingeschleppten Sektenorganisation, die solvent und meinungsstark ist; da ist das Opus Die fast schon eine Klosterschule dagegen. – Da heißt es: Der Mann über der Frau und den Kindern, nur die Familie als Lebensform, die Heterosexuellen über allen anderen, der Adel/die Besitzenden über dem Rest.

http://www.tfp-deutschland.de/

Besonders interessant sind diese Aufsätze, die seit Jahr und Tag ungeniert aadie antidemokratisch-menschenfeindliche Gesinnung dieser Frömmler offen darstellen:

http://www.tfp-deutschland.de/hintergrund/hg1_2.html

http://www.tfp-deutschland.de/hintergrund/hg3_3.html

 

Vor ein paar Tagen habe ich „Bergfest“gefeiert (um im christlichhen Jargon zu bleiben). Die Hälfte des Romanes ist geschafft.

Und deshalb frage ich Euch mal, meine Lieben…wollt Ihr das lesen? Soll ich weiter schreiben?

 

 

Der Sodomitenjäger

ein polemischer Roman von

Wolfgang Brosche

 

 

I.

 

Liebe Gläubige, der Sender Gloria-Maria bringt Ihnen nun in seiner Kirchensendung anstelle des Schmerzvollen Rosenkranzes einen Direktbericht von der würdevollen Hinrichtung dreier in der letzten Nacht entlarvten und verurteilten Sodomiten. Unser Berichterstatter von der Saale ist unser allseits beliebter Chefredakteur Matthäus Gerber!

Gelobt sei Jesus Christus

 

„Meine lieben Zuhörer: Hier hallen die Hammerschläge im Namen des Herrn und des Gesetzes durch das Tal. Da fließt die Saale, dort blühen Apfel und Kirsche und die Laubwälder leuchten in jungem Grün. Darüber der verheißungsvolle Himmel Mai. Die Landschaft ist wieder neu und das Holz wie der Maibaum im Ort ganz frisch und gerade geschlagen. Damit zimmern sie Galgen für die Sodomiten, die sollen dran hängen, weil sie nicht sind wie die Gehorsamen und die Gerechten, die nur sich begatten im Namen des Herrn, seinen Ruhm zu mehren, indem sie Kinder zeugen, neue Gläubige, die ewige Reihe der Gottesfurcht. Jeder Hammerschlag der Zimmerleute – auch der Herr Jesus war ein Zimmermann – ein Geschoß: Nagel ins Holz, so wie der Herr starb Nagel durchs Fleisch ins Holz.

Doch die Sodomiten sollen nicht den Märtyrertod sterben, die sollen hängen als Verbrecher, denn die fallen aus der Gnade der Welt, die sie verderben wollen. Sie erlangen nicht die Liebe des Herrn, denn die können nicht lieben.

Liebe ist nur, was die Kirche Liebe nennt. Die dem nicht folgen, sollen sich bekennen krank, pervers, untertan, dann wird ihnen Gnade zuteil. Wenn sie aber nicht die Gnade des Herrn annehmen und starrsinnig verbleiben im Unrat ihrer Sünden, dann sollen sie sterben, wie es auch das weltliche Gesetz vorsieht. Das ist die Notwehr des Herrn und des Staates. Die Sodomiten sollen nicht das Abendland in Sünde stürzen, Erbsünde, Sünde an Unschuld und Wahrheit. Die sind nicht so wie wir, die gehören ausgemerzt von Gottes Erde.

Die Schafe der Unschuld weiden dort drüben auf der Wiese wo die Schaulustigen warten, die darf man nicht stören, die sollen grasen bis in alle Ewigkeit und während sie grasen erschallen die Hammerschläge des Herrn. Die Hämmer in den Händen der Büttel und die Stricke werden befehligt von den Weisen im Herrn und den Weisen des Staates.

Baumeln sollen sie, die der Natur des Herrn und seiner Diener widersprechen. Dies ist ein Akt der Liebe Gottes, der uns damit bewahrt vor der Sünde und denen, die sündigen! Dies ist auch ein Akt der Notwehr des Staates, der die aussortieren muß, die ihn bedrohen!

Hier endet die Stadt. Dort die Pappelallee mit dem Kreuzweg, der führt auf den Richtplatz. Die Stationen des Leidens; das hat der Herr gelitten, daran führen sie die Sodomiten vorbei, damit die wissen, was wahres Leiden ist, was wahre Liebe ist. Die sollen sich beugen an jeder Station – ein Schlag in den Nacken, damit sie auf die Knie fallen in den Schmutz und den Staub, wohin sie gehören und woraus sie gemacht sind.

Jetzt zieht man ihre Köpfe am Haar, damit ihr Blick auf die Reliefs in den Kreuzwegstationen fällt, die in Stein gegrabenen Schmerzen des Herrn – die sollen auch sie spüren – deshalb haben Ministranten vorhin spitzigen Kies vor jede Station gestreut und der Büttel hat den Delinquenten die Hosenbeine abgeschnitten, damit die Haut der Knie aufreißt und sie bluten wie der Herr. Aber die bluten nur sündiges Blut, krankes Blut, das Blut des Widerwillens, das Blut des Ungehorsams, das bleibt auf ewig vergebens vergossen.  

So geht der Zug hinaus: da die ertappten, widerspenstigen Perversen, Kotstecher, Knabenverführer, Analkrebsverbreiter, die Blindgänger der Fortpflanzung, die Kranken, die sich nicht kurieren lassen, die müssen ausgemerzt werden vom Antlitz der Erde im Namen des Herrn und das ist gut getan!

Sie erreichen den Festplatz, getrampelte Erde und Klee und die Unzahl Marienblümchen, die weißen Punkte im Gras. Die Unschuldsblumen mit dem Namen der Jungfrau, der Himmelskönigin, die den Schmutz des menschlichen Körpers, die Begattung, nicht kennt, nicht erleben mußte, weil der Herr sich ihrer erbarmte und bediente, die Unschuldige, die ewige Jungfrau – ach bitte für uns…

Was für ein Wetter, ein himmlisches Blau, nicht eine Wolke, nichts Trübes und im sanften Maiwind die Glocken der Stadt, die läuten ihr himmlisches Moll, streng und mahnend. Dennoch freut sich die Menge, denn dies ist ein Feiertag; der Tag des Gerichts, die Arbeit ruht, man drängt heran und holt sich von den fliegenden Händlern Zuckerwaren und Brezeln und Bier. Und Wetten schließt man ab, wer am längsten baumelt, bis er den letzten Seufzer ausstößt. Sogar der Küster setzt mit.

Die Tribünen waren gestern bereits gezimmert und aufgestellt worden. Wer keinen Platz auf den Bänken findet, der drängt sich im Pulk und schwätzt aufgeregt mit den Nachbarn, wer denn heute den sodomitischen Hals in die Schlinge steckt.

Durch das Geläut von der Stadt schallen noch immer die Hämmer – die Zimmerleute richten den Balken auf dem Podest: die letzen Nägel hinein in das Fichtenholz, das riecht noch, es wurde nicht lange gelagert, nach Harz.

Da naht schon der Bürgermeister heran mit dem Ehrengast, der unsere Stadt von den letzten Sodomiten befreite; in seiner würdigen Soutane und dem breitkrempigen Hut auf dem Haupt, der Sodomitenfänger, Monsignore Basil von Echs…“

 

Der Radioreporter, ein freigestellter Priester mit einer Neigung zu blumiger Sprache, der er auch in seinen Predigten frönte – die Gemeinde war ganz begeistert und bedauerte sehr, daß er zu Gloria-Maria gewechselt hatte – schnappt endlich nach Luft, eilt auf die Abteilung der Stadtväter zu und drängt ihnen sein altertümliches Mikrophon unter die Nasen.

„Herr Bürgermeister! Ein Wort an unsere Hörer im ganzen Land…“

Der Bürgermeister wirft einen fragenden Seitenblick auf den Monsignore, der nickt gönnerisch zustimmend, will heißen: Ich laß Ihnen den Vortritt!

Der behäbige, untersetzte Mann räuspert sich, er ist es nicht gewöhnt im Radio zu sprechen und dann auch noch ganz frei. Natürlich nicht ganz frei; er hat sich noch in der Nacht, nach der letzten Sitzung des Gerichtes, vorsorglich ein paar Worte zurechtgelegt. Er konnte sie dem Monsignore nicht mehr unterbreiten, aber der vertraut darauf, daß der Bürgermeister schon das Richtige sagt:

„Nun ist auch unsere Stadt sodomitenfrei! Wer hätte gedacht, daß es selbst in unseren Mauern noch Sodomiten gäbe… Aber Monsignore von Echs hat sie aufgespürt und entlarvt. Sie konnten sich nicht verstecken. Jetzt können wir freier atmen. Wir sind befreit von der Seuche und danken dem Monsignore von Herzen und sagen Vergelt´s Gott!“

Die Umstehenden, die Entourage des Bürgermeisters von der Stadtverwaltung, applaudieren, dann fällt pflichtgemäß auch die Menge ein in den Beifall. Der Mann ist froh, daß er seine Zeilen ohne Stottern hinter sich gebracht hat und seufzt erleichtert. Aber gleich denkt er daran, daß der Monsignore sich natürlich nicht mit dem öffentlichen Vergelt´s Gott zufrieden geben wird. Heut Abend wird er im Amt sein Honorar abholen; ein stattliches. Es wird eine tiefe Lücke ins ohnehin klamme öffentliche Säckel reißen.

Der reportierende Priester wendet sich dem Sodomitenjäger zu; dem kann er nicht mit einer Wortlawine kommen. Er muß ihm kurze und knappe Fragen stellen. Eigentlich liegt ihm dieser Teil seiner Radioarbeit ganz und gar nicht:

„Monsignore, wieder einmal haben Sie Erfolg gehabt. Und wieder einmal eine Stadt gerettet… das muß Sie doch mit Stolz erfüllen!“

Der Monsignore nimmt den Hut ab. Jetzt ist sein Gesicht erkennbar: hagere Züge, tiefe Furchen neben der Nase, eine trockene auf den Wangenknochen schuppige Haut und ein eisgrauer Bart ums Kinn. Kein junger Mann mehr – aber seine Augen, taubengrau, mit einigen Splittern Grün darin, sind ganz klar, er braucht keine Brille,. Diese Augen fixieren das Gegenüber wie ein Jäger die Beute vor dem Schuß. Wie schade, denkt der Reporter, daß wir kein Fernsehen mehr haben, dann könnte man zeigen, wie durchbohrend dieser Blick ist. Das ist der richtige Mann am richtigen Platz.

„Stolz“, der Monsignore wägt und wiegt das Wort im Mund. Seine Stimme ist nahezu angenehm, aber hin und wieder klingt da ein blecherner Ton aus dem Rachen, als niste dort schon länger ein Husten, den er nicht loswird.

„Stolz bin ich, daß ich das Werk des Herrn verrichten kann. Das sicher. Aber ich bin eben nur ein Werkzeug. Doch zugegeben, die da, “ er weist mit dem Kopf in Richtung der Delinquenten, „haben es mir nicht einfach gemacht. Es sind ja Rückfällige, die schon einmal in Behandlung waren und sich nicht beherrschen wollten oder konnten. Die wissen, wie man sich tarnt und normal gibt.

Es ist ja nicht so, daß man sie leicht erkennen könnte an ihrem Gehabe oder ihrer Kleidung wie früher. Sie haben sich angepasst und versuchen, nicht immer glückt es ihnen, das weibische Gehabe abzulegen. Sie haben sich versteckt und im Geheimen verschworen, um ihren Schmutzigkeiten nachzugehen. Es ist schwer geworden, sie zu entlarven.“

Der Monsignore erhebt die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger, eine schmale Hand, manikürt und fast alabasterweiß, seine Geste hat Ähnlichkeit mit der von Johannes dem Täufer auf dem Grünewaldaltar, leicht gedreht die Hand und anmutig ausgestreckt, das könnte man malen. Wie gut, daß man schon am Collegium Germanicum bischöfliche Gesten einstudiert hatte. 

Die Pause verschafft dem nächsten Satz des Monsignores erschreckendes Gewicht: „Aber das ist ja gerade die ärgste List des Satans, uns glauben zu machen, er existiere nicht!“

 „Wollen Sie uns nicht erzählen, wie Sie die Sodomiten überführt haben?“ fragt der Reporter.

Der Monsignore schüttelt den Kopf: „ich glaube nicht, daß wir das über den Rundfunk verbreiten sollten. Es hören ja auch Kinder zu. Ich will einzig sagen, daß ich sie nach langer Observation in flagranti ertappte; es war so eindeutig, daß wir bloß noch einmal in ihren Akten nachsehen mußten, welche Vorstrafen sie bereits hatten. Dann konnten wir sie der weltlichen Gerichtsbarkeit dieser Stadt übergeben. Und wenn ich Wir sage, dann meine ich meinen lieben Assistenten Vinanser,“ er wandte sich um und winkte einen hoch gewachsenen, athletischen Mann heran. Nicht mehr im  ersten Drittel seines Lebens, aber jugendlich, sportlich das kräftige Kinn glatt rasiert, ein Beau mit melierten Schläfen. Er hatte noch immer die Frische seiner Jugend und Heimat, kam er doch aus einem Tiroler Bergdorf – fromm und bauernschlau –  mit einem Stipendium nach Rom, wo der Breitschultrige Basil von Echs früh aufgefallen war. Gustl Vinanser trug nie eine Soutane, der schwarze Anzug auf Taille geschneidert, der war nicht billig, stand ihm besser. Er war schon mit so einem maßgeschneiderten Anzug nach Italien gereist. Der Generalvikar seiner Diözese hatte ihn dem jungen Mann gekauft. Er sollte doch im Vatikan bona figura machen. Auch duftete Vinanser nach einem der seltenen Eau de Toilettes für Männer – Parfums waren ohnehin der pure Luxus – er hatte es von einer Romreise mitgebracht. Der Heilige Vater hatte erlaubt, daß ein für ihn kreierter Duft in den Andenkenläden verkauft werden durfte. Es war ein letztes, kostbares Päckchen an Flacons, das er ergattert hatte…. 

Hätte man das noch sagen dürfen, aber der Sprachgebrauch war verpönt, dann würde man Vinanser einen schönen Mann nennen. Doch das schickte sich seit einigen Jahren nicht mehr, seit dem Sprachregelungsgesetz; es war höchstens gestattet das Leidensantlitz des Herrn Jesus am Kreuz als schön zu bezeichnen. Denn sein Leiden hatte ja auch etwas unendlich Schönes. Wie ja das Leiden immer eine eigene Schönheit besitzt, besonders bei den Armen. Und auch die Verwendung von Duftwässern für Herren war eigentlich nur noch dem Klerus vorbehalten, der über jeden Zweifel erhaben war. Der an sich so männliche Vinanser benutzte es sicherlich, um Sodomiten anzulocken. 

Vinanser kam nicht dazu, etwas ins Mikrophon zu sprechen, denn von hinten näherte sich nun der Zug mit den Todeskandidaten: drei noch sehr junge Männer, keiner älter als fünfundzwanzig. Sie hatten einmal Frisuren gehabt, die nicht dem vorgeschriebenen Fassonschnitt entsprachen. Lange Haare waren Männern eigentlich verboten, sowie Kurzhaarfrisuren den Frauen. Schon die nordkoreanische Führung wußte: die Aufweichung der Geschlechter begann im Frisiersalon. Damit sie halbwegs büßerhaft aussahen, hatte man ihnen die Mähnen noch vor wenigen Minuten im Gefängnis grobschlächtig gekürzt und nun waren sie gestutzt, mit Scharten und Kanten in den Tollen, heruntergekommen wie Straßenpenner.

Die Köpfe hielten sie gesenkt, ärgerlich vor allem für die vielen jungen Mädchen der Hauswirtschaftsschule, die in Klassenstärke hergeführt worden waren. Sie hätten gerne einmal einen Blick geworfen auf die Gesichter. Sodomiten, wurde getuschelt, sollten zumeist sehr hübsche Männer sein. Aber hübsche Männer durfte es ja nicht mehr geben.

Der Trupp mit den Bewachern hielt vor dem Gerüst. Einer der jungen Männer wagte es aufzublicken und in die Runde. Schwarz, traurig aber noch immer verwegen.

Nichts kann man dem ansehen, dachte eines der Mädchen. Sie erkannte in ihm den Organisten der Domkirche, der auch als Klavierlehrer an ihrer Schule arbeitete. Sie hatten ihn alle gemocht, den jungen Mann mit dem wüsten schwarzen Haar und den schlanken Händen, die so geschickt über die Tasten eilten. Nun, die Schülerinnen sollten ja nicht Pianistinnen werden, sondern höchstens Chöre beim Singenachmittag begleiten können oder bei Altennachmittagen aufspielen. In die Kirche gehörten keine Frauenstimmen, Knaben- und Männerchöre gefielen dem Klerus und Gott bei weitem besser.

Jetzt war das Gesicht des Klavierlehrers müde und leer. Er und die beiden anderen jungen Männer waren wohl durch Nächte verhört worden. Schade, das Mädchen konnte in diesen Gesichtern nichts Sodomitisches erkennen, die waren noch immer jung und hübsch, sogar trotz der rotgeränderten Augen und der getrockneten Tränen auf den Wangen.

Da kann man mal sehen, wie der Teufel sich tarnt – hübsche Fratzen und unschuldige Blicke, aber hinter dieser Maske: homosexuell. Sie starrte den Todeskandidaten an und biß in eine Salzbrezel. Die Krümel rieselten auf ihre weiße Bluse.

Ein Aufhebens mit letzten Worten war nicht vorgesehen. Als die öffentlichen Hinrichtungen eingeführt worden waren, nutzen einige der Delinquenten ihre letzten Worte zu blasphemischen Manifestationen. Das mußte man unterbinden.

Ein Pater aus dem Benediktinerkloster sprach die entsprechenden Gebete. Seinen sonstigen Beistand hatten die drei empörenderweise abgelehnt. Sodomiten und Atheisten, schlimmer konnte es kaum kommen. Und wozu der geistliche Beistand, was hätten sie auch zu hoffen gehabt? Sie verließen im Zustand schwerster Sünde die Welt und würden niemals vor Gottes Angesicht treten. Es ging mit ihnen todsicher gleich abwärts ins Purgatorium und nie wieder hinaus.

Die Beamten der Ortspolizei, die sie hergeführt hatten, drängten die jungen Männer aufs Schafott hinauf. Einer stolperte auf der eben noch zusammen gezimmerten Treppe, weniger ein Fehltritt als der Angst geschuldet. Sein Bewacher half ihm auf. Das Glockengeläut war abgeebbt und als die drei Delinquenten unter den Stricken angekommen waren, versiegte auch das Gerede und Geschwätz der Menge, ohne daß jemand zum Schweigen aufgefordert hätte.

Aus der Entourage des Bürgermeisters drängte sich der Gerichtspräsident des Ortes heran, stieg nun die Treppe zum Hochgerüst hinauf, stellte sich vor ein Mikrophon und tappte mit dem Finger darauf. Über den Festplatz schallten die dumpfen Geräusche auf dem metallenen Netz. Er räusperte sich; auch das war auf dem ganzen Gelände zu vernehmen; man hatte sechs Verstärker im Kreis verteilt. Zwei hatte Radio Gloria-Maria zur Verfügung gestellt, die restlichen vier waren aus verschiedenen Kirchen der Stadt herbei geschafft worden.

Der Gerichtspräsident war ein alter Mann. Er hatte noch vor den bürgerkriegsartigen Unruhen, die dann durch die erste nationalreligiöse Regierung beendet worden waren, Jura studiert. Die vielen neuen Gesetze und Änderungen der vergangenen fünfzehn Jahre konnte er sich nicht mehr merken und mußte sich deshalb mit zahlreichen Notizzetteln behelfen, die in all seinen Taschen steckten. Er hatte seinerzeit bei der Einführung der Todesstrafe für unbelehrbare Sodomiten eine Rede aufgesetzt und vom Parteisekretär und Generalvikar abgesegnet bekommen. Eine Rede für alle Fälle. Aus seiner Brusttasche zog er das oft schon ge- und entfaltete Blatt. Das war damals noch in großen Lettern von einem Drucker ausgespuckt worden, der dann bald darauf den Geist aufgab; es gab niemanden, der ihn reparieren konnte. Und neue Computer schon gar nicht. Was noch an Büroelektronik funktionierte, war landesweit konfisziert worden, ebenso wie die privaten Rechner. Jetzt schrieb man wieder auf alten Schreibmaschinen. Einmal im Jahr brachte man sie zur Schriftprobe ins Generalvikariat. Diese einfache Maßnahme zur Überwachung der renitenten Bevölkerung hatte man schon zu Zeiten Ceaucescus in Rumänien angewandt, alte Securitate-Leute aus den heimatverbundenen Kreisen der Deutschrumänen hatten sich ihrer Methoden erinnert und an die Behörden weitergegeben. Im Generalvikariat gab es noch einen Zentralcomputer, der allerdings in den letzten Monaten immer öfter abstürzte. Es dauerte Tage, bis vom Regierungssitz in der Landeshauptstadt zuverlässige Ingenieurspatres zur Reparatur hergeschickt wurden. Sie reisten ständig umher und hatten viel zu tun den überalterten Computerbestand der Behörden zumeist nur notdürftig in Funktion zu setzen.

Der Gerichtspräsident konnte die kleingetippten Buchstaben der Schreibmaschine aus seinem Büro nicht mehr lesen, seit die letzte Brillenzuteilung für Kassenpatienten auf sich warten ließ. Brillenkontingente gingen erst einmal an den Klerus und an höhere Parteifunktionäre. Deshalb war der brillenlose Gerichtspräsident über den großen Druck auf seinem Blatt sehr froh.

„Wir sind hier“, begann er bedachtsam sprechend, „zu einer traurigen Pflicht versammelt. Traurig, denn wir machen dies nicht gern. Aber es muß sein: wir können Sodomiten nicht mehr in unseren Reihen dulden. Wir haben Mitleid mit ihnen und fordern sie auf, wie andere Kranke, sich behandeln zu lassen. Aber wenn sie erneut auffällig und rückfällig werden, hat jede Behandlung und Disziplinierungsmaßnahme ein Ende. Wir können nicht dulden, daß die widernatürlichen Triebe sich ausbreiten und damit die Familien, die Kinder und den Staat gefährden. Wir mußten die Legalisierung des Bösen, wie unser erster deutscher Papst sagte, beenden und deshalb richten wir die, die dem Bösen verfallen sind nach dem Naturrecht und schließen sie aus der Gemeinschaft aus – durch die höchste Strafe, die Gott erlassen hat. Wir haben keine andere Möglichkeit die Kirche, den Klerus, den Staat und die Familie vor dem Widernatürlichen zu schützen und deshalb müssen wir die Sodomiten züchtigen und zuletzt, wenn sie unverbesserlich sind, die Todesstrafe verhängen. Damit erfüllen wir den Willen des Herrn, denn wie steht es geschrieben bei Mose : „Schläft einer mit einem Mann wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Greueltat begangen, beide werden mit dem Tode bestraft“!

Und selbst diese Strafe ist immer noch ein Zeugnis für die Liebe des Herrn. Denn er wäre kein liebender Vater, wenn er jene nicht strafen und uns andere damit warnen, mahnen und schützen würde. Diese Strafe soll andere abschrecken, abschrecken, sich verführen zu lassen vom Satan zu widernatürlichem Verkehr. Denn nichts anderes ist dies; ein Verstoß gegen die Natur, das Sittengesetz, den Staat und gegen die Kirche und Gott. Ein Verstoß gegen die Menschenwürde, gegen die göttliche Ganzheit des Menschen in Mann und Weib – aber Sodomiten sind nicht ganz, nicht natürlich, sie sind ein Fehler der Natur! Wir sind aufgerufen, ihn zu korrigieren!

Und so vollziehen wir heute den Willen des Herrn durch Erhängen an den Verurteilten…“ und er nannte die drei Namen – und ein Raunen ging durch die weiter weg stehende Menge, die die Gesichter nicht erkennen konnte. Es waren in der Stadt wohlbekannte Namen; eine Schande für die Familien, die ihre Söhne nicht richtig in Gottesfurcht und Vaterlandsgehorsam erzogen hatten.

„Diese jungen Männer,“ fuhr der Gerichtspräsident fort, „waren nun einmal unbelehrbar und wollten sich nicht ändern. Deshalb konnten wir keine Gnade mehr walten lassen, wie denn auch der Herr ihnen keine Gnade mehr zukommen lassen kann.“

Darauf nickte er dem Henker zu, der während seiner Ansprache unbemerkt aufs Schafott gestiegen war. Der Henker trug eine scharlachfarbene Kapuze, die sein Gesicht verbarg, wie in früheren Zeiten der Inquisition. Die führte, seitdem sie vor mehr als 30 Jahren unter deutsche Leitung gekommen war, auch wieder ihren angestammten Namen und hieß nicht mehr Glaubenskongregation. Dafür hatte der deutsche Kardinal Meier-Rottweil, der ihr jetzt vorstand, gesorgt. Auch das Aufgabengebiet der neuen heiligen Inquisition war inzwischen wieder das angestammte: Indizierung schädlicher und falscher Kunst, Philosophie und Wissenschaft und Entlarvung von Blasphemikern und Apostaten.

Wer zuvor die breiten Schultern Vinansers bewundert hatte, der erkannte nun seine kraftvolle Silhouette unter der spitzen bis auf Rücken und Brust reichenden scharlachroten Haube. Vinanser legte gern selbst Hand an, um so eine Sodomitenjagd zu beenden. Erst wenn die Sodomiten baumelten, war für ihn die Jagd abgeschlossen. Und sie baumelten immer, Basil von Echs sorgte dafür – sie waren immer schuldig, weil sie immer widernatürlich waren. Sie dienten nicht dem Herrn und nicht den Menschen, sie waren Blindgänger, sie zeugten nicht, die hatten nur Lust. Anstatt sich für ihr Land um Nachwuchs zu mühen, damit dem arabischen und afrikanischen Reproduktionstypus durch Zeugung Widerstand geleistet wurde, wie es der Fortpflanzungs- und Verteidigungsminister ständig forderte,   verweigerten sie sich der Aufgabe, Kinder hervorzubringen. Also sah sich Vinanser in höherer Pflicht, wenn er den Abgeurteilten den Strick um den Hals legte.

Durch die Schlitze der Kapuze erblickte er wie jedes Mal den Monsignore vor dem Schafott unter den Würdenträgern der Stadt, dem Bürgermeister, den Ratsherren, dem Abt des Klosters und der Äbtissin der Klosterschule. Der Monsignore lächelte wie immer bei Hinrichtungen, kaum merklich – man sollte ihm keine Freude nachsagen an den ultimativen Minuten seines Amtes. Doch Vinanser wußte, dies Lächeln war von einem schiefen Zug des Neids durchwoben – wahrscheinlich hätte Basil von Echs gern selbst Hand angelegt, aber das vertrug sich nicht mit seinem Rang und Ansehen.

Also mußte er, Vinanser, die Stricke um die Hälse legen; ein eigenartiges Gefühl der Macht, den Hanf in den Händen zu spüren und die Haut der Hälse, zumeist zarte, junge Haut wie heute. Fast immer entlarvte Monsignore von Echs junge Invertierte, die schon einmal Erziehungsmaßnahmen genossen hatten, aber nicht von ihrem Laster lassen konnten. Die älteren, so sagte er, seien geschickter, die wüßten sich besser zu verstellen. Da wäre ihm auch schon mancher entwischt; und so hatte er sich spezialisiert auf die Jungen. Die wären allzu oft von ihrem Trieb überwältigt und begingen Fehler, die zur Entdeckung führten. Aber manches Mal machte er sich einen Sport daraus, auch einen älteren, verstockten Sodomiten zu überführen; wie ein Schachspiel war das für ihn. Eine intellektuelle Herausforderung den aufs Glatteis zu führen. Und er siegte immer, spätestens bei der strengeren Befragung.

Vinanser lächelte unter seiner Kapuze. Er fand es fast poetisch wie eine Mundkommunion, was er hier tat: er fügte Hanf und Hals zueinander. So wie der Mund nicht mehr widersprechen kann, wenn er die Hostie aufgenommen hat, so konnten sich diese Zwanzigjährigen nicht mehr wehren, wenn der Strick ihnen um die zarte Haut des Halses spannte. Mit den Fingerspitzen spürte Vinanser, daß sie noch warm war, die gleich kalt werden würde, die Haut der jungen Männer.

Die sind heute schweigsam. Kein Ton, kein Wimmern oder Flehen. Die kriegen auch keine Kapuzen, die Menge soll die Gesichter des Todes sehen, soll sehen, wie Sodomiten sterben. Wenn sie doch nur jammern würden, das würde ihre Weichlichkeit und Weibischkeit bezeugen. Diese drei aber stehen gerade und starren in die Menge mit ihren irren Augen, gerötet von der durchwachten Verhörnacht. Schau´n die sich noch nach Komplizen um, denen letzte Blicke zuzuwerfen?

Die Alumnen vom Priesterseminar haben sich unter die Menge gemischt, schlanke schwarze Soutanen wie Ausrufezeichen zwischen den übrigen Menschen. Die haben Acht wen die letzten Blicke vom Schafott treffen mögen. Das würden die nächsten, die man verhören muß. Es wird immer genug Arbeit geben, Sodomiten wachsen in jeder Generation nach, Vinanser macht sich da keine Sorgen und tritt zum schweren Eichenhebel am Rande des Podestes, packt ihn mit der heißen, harten Hand und drückt ihn nieder. Die Falltür öffnet sich in ihrer ganzen Länge, die Menge seufzt und aaht, die Hälse rucken und die Körper zucken, ein Würgen aus den Mündern, die ringen um letzte Luft und dann baumeln sie, ein Gehänge Leiber über dem Nichts. Die Sodomiten sind tot. Die Menge applaudiert, die ist befreit von den Sündern und Trägern der Seuche.

Ein hagerer Priesterkandidat mit hoher Stirn und schwarzer Hornbrille krümmt sich nach vorn und streckt den Arm, die Hand, den Finger aus.

„Da, „schreit er, “der da weint. Der hat Mitleid!“ und Stimme und denunzierender Finger treffen auf einen Jungen, kaum zwanzig, ein Blondschopf, hochgewachsen und schlank mit einem noch weichen Gesicht. Dem rinnen die Tränen über die Wangen, der kannte einen der Hängenden. Wenn man den jetzt ergreift, dann ist er vielleicht der nächste, mit Gottes Segen der letzte Sodomit in dieser Stadt.

Der dürre Kandidat springt auf den jungen Mann zu, doch die enge Soutane hindert ihn, er stolpert und fällt und will den Jungen noch im Sturz ergreifen, entblößt vor Eifer die Zähne, das Zahnfleisch, das rote, das bleckt. Schon prallt er auf den Boden und begräbt einen Fleck Marienblumen unter sich. Die anderen Alumnen eilen herbei.

Basil von Echs gibt Vinanser mit einem Zucken des Kopfes, kaum merklich, ein Zeichen; die Augen sagen „Den will ich. Hol ihn mir!“ und Vinanser springt hinab vom Schafott und reißt sich im Springen die Henkerskapuze herunter. Das ist nicht regelgerecht, aber wer sollte den Jungen sonst packen – der dürre Priesteramtskandidat? Der hält den Jungen nicht. Auch nicht die übrigen Studenten, die haben den Willen, aber nicht die Kraft.

Der Junge rennt davon durch die Menge – die weicht zurück, überrascht und erschrocken – und stürzt über einen Brezelverkäufer, dem fällt der Korb aus der Hand und das Gebäck prasselt umher auf den Boden. Kinder springen heran und schnappen sich die Kringel. Der Junge rappelt sich auf und ist schon hinter der Biegung zur Stadt verschwunden. Atemlos übern Kirchhof, ein wieselndes spitziges schwarzes Dreieck aus Priesterstudenten hinter ihm her, das fuchtelt und ist erschrocken über sich selbst, daß es Jagd macht auf Sünder… Mit Riesensprüngen Vinanser hinterher.

Die Menge johlt. Die noch warm im Winde baumeln, sind nicht mehr interessant, man starrt den Abhang hinab wie der blonde Junge da unten über die Gräber hetzt und hechtet. Und die Hoffnung der Altäre hinter ihm her. Das war nicht vorgesehen, die überkommt der Eifer, die Jagdlust, manch einer wäre gern Exorzist, ein anderer, matterer, beleibter und im Laufen ungeschickt zurückfallend, träumt vom zukünftigen Bischofssitz, den meisten reichte eine Pfarre, die sie versorgt, aber einige führten auch gern das Wanderleben des Schodomitenjägers. Hier könnten sie sich beweisen für Höheres!

Kopphalster, das geht dem Flüchtenden hinterdrein, den kann man hetzen, der schlägt schon Haken an der Totenhalle, da geht´s zur Grenzmauer des Gymnasiums, dann auf die andere Straßenseite, vorbei am Laden für Paramenten und Parteiabzeichen, dann kommt das Geschäft für christliche Kunst mit Kruzifixen und Krippen, die werden im Ort geschnitzt, eine wichtige Einnahmequelle, seit n jedem Gebäude an Kreuz hängen muß. Ein Drehkarussel davor mit Ketten und Rosenkränzen, die streift der Junge beim Vorüberlaufen und reißt sie hinab und all die heiligen Perlen, gedrechselt aus Holz, aus Elfenbein geschliffen, aus Glas getropft, spritzen davon übern Asphalt.

Die Menge jubelt vom Richtplatz hinunter, kein Pferderennen könnte spannender sein. Die schwarzen Priesterraben kreisen den jungen Mann ein. Vinanser erreicht die studentischen Soutanen und schiebt sie beiseite mit seinen Pranken, er will nach vorn und sich den Burschen selber packen.

Jetzt schlägt es von der Kathedrale drei. Der Junge erreicht die Altstadt, er keucht und schnappt nach Luft, die bleibt ihm fort, er muß aber atemlos weiter und er taucht ab in den alten Gassen zwischen dem Fachwerk, weiß gekälkt und schwarze Balken und so viel Schmutz auf dem Kopfsteinpflaster. Mülltonnen überfüllt, die Stadtverwaltung aus Diakonen kriegt die Abfuhr nicht geregelt, seit Jahren nicht. Die Ministranten werden dienstbefohlen, die aber drücken sich und aus den Ascheimern quillt der Unrat auf die schmalen Straßen. Früher hatte man für Touristen ein Kanalsystem wie Zierrat angelegt mit eingemauerten Rinnsalen und kleinen Brunnen in der Fußgängerzone, die sind längst versiegt und zu Stolperfallen geworden.

Droht da ein Schatten in seinem Rücken, der Junge dreht den Kopf nach hinten. Nichts ist da zu sehen, wer weiß, was das war. Er hört die Rufe seiner Verfolger, die kommen näher. In einem der gemauerten Gräben verfängt sich sein Fuß, er stürzt aufs Gesicht, das verschrammt. Da packen ihn zwei Hände an den Schultern und ziehen ihn hoch. Er schrickt zusammen: Sie haben ihn gefaßt.

Ein kräftiger Mann, aber nicht in Soutane, ein grauer Anzug, grauer Hut tief in die Stirn gezogen, so bleibt sein Gesicht im Schatten der Krempe.

„Komm,“ raunzt der Mann und zieht ihn an den Schultern in eine enge Gasse vor eine Eichentür, die öffnet er, ein Hintereingang, schiebt ihn hinein in eine Abstellkammer und drückt ihm Oberkörper und Gesicht auf den Boden. Sie kauern übereinander, und die Nachmittagsschatten der Verfolger huschen durchs Fenster auf die Wand und die Regale voller Lebensmittel. Die Laufschritte draußen verhallen.

Der Junge will sich befreien von der Wucht des auf ihm lastenden Körpers. „Still“ zischt der Mann über ihm und preßt ihm die Hand vor den Mund. Dann läßt er los, steht auf und lugt durchs Fenster in die Gasse. Sie sind entkommen. 

Das ist das Gesicht seines Retters: der Junge hockt auf und schaut ihn von unten an. Vielleicht dreißig oder etwas älter. Aschfarbenes Haar,  aschfarbener Kinn- und Schnurrbart, selbst die Brauen sind asch, aber die Augen grün – die sehen streng auf ihn hinab. Der Mann nimmt den Hut vom Kopf, schlägt ihn zornig gegen sein Bein und schimpft:

„Verdammt, das war nicht vorgesehen!“

Jetzt kommt dem Jungen erst die Sprache wieder. „Was war nicht vorgesehen?“

„Daß ich dich rette!“

„Retten!,“ spuckt der Junge sarkastisch. „Irgendeiner hat mich doch bestimmt erkannt. Wenn sie mich jetzt nicht finden, dann müssen sie doch nur vor meiner Wohnung warten. Und dann werde ich verhaftet und zur Umerziehung geschickt!“

Der Mann seufzt und fährt sich ratlos durchs Haar. „Höchstwahrscheinlich! Wenn du nach Haus gehst, landest du im Lager. Das heißt, du bist also vorher noch nicht aufgefallen?“

Der Junge schüttelt den Kopf. „Aufgefallen bin ich noch nicht, aber ich will nicht ins Lager!“

„Na, dann müssen wir wohl oder übel sehen, was wir dagegen tun können! Als ob ich nicht genug um die Ohren hätte. Sowas wie Dich kann ich gar nicht brauchen, “ der Mann klingt erschöpft und resigniert.

„Dann hätten Sie mich ja nicht retten müssen! Das wird Ihnen nur Ärger einbringen, wenn Sie einem Sodomiten helfen. Da fällt der Verdacht doch gleich auch auf Sie!“

Der Mann winkt ab, „geschenkt!“ und legt erneut den Finger auf die Lippen. „Da kommen zwei zurück“, zischt er und drängt sich ans Fenster, um hinauszuspähen.

Draußen stehen ratlos zwei Kandidaten in ihren Soutanen, die Hüte in Händen und wischen sich den Schweiß von der Stirn. Die Hetzjagd ist stimulierend, sie haben rote Gesichter und atmen erregt. Spannender kann die Treibjagd auch nicht sein, zu der der Regens im Herbst immer einlädt – wer übers Jahr nicht beim Onanieren erwischt wurde, darf zur Belohnung und zum Ausgleich Wildschweine und Rehe schießen. Die anderen, die sich befleckt haben, müssen die Treiber machen und riskieren, eine Schrotladung abzukriegen. Jetzt aber jagen sie das menschliche Tier, einen Sodomiten, das gefährlichste Großwild von allen.

„Die können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben“, jeimelt einer der beiden Kandidaten.

„Sicher nicht, die stecken bestimmt noch hier. Wir müssen das ganze Viertel systematisch durchsuchen!“ das sagt der andere laut und mit dem Brustton der Überzeugung, dabei macht er seinem Kommilitonen Zeichen und weist auf die Hintertür.  Der schüttelt erschrocken den Kopf und murmelt, „sollten wir nicht lieber warten, bis wir den Assistenten vom Monsignore herbeigeholt haben.“

„Dann sind die über alle Berge“, flüstert der Übermutigere und ist schon ein paar Schritte weiter zur Tür vorgerückt. Die Sodomitenjagd macht tollkühn, so kurz vor der Weihe.

„Die müssen da drin sein, woanders konnten sie nicht unterschlupfen!“

Der Mann mit dem aschblonden Haar wirft seinen Hut auf ein Bord mit Konserven und winkt den Jungen hinüber zur anderen Seite der Tür. Fast unhörbar flüstert er: “wir müssen die beiden schachmatt setzen, traust du dir das zu? Das ist nicht schwer. Mach genau das, was ich mache!“

Der Junge zieht die Schultern an und hebt die Hände und bedeutet damit: „Habe ich eine andere Wahl?“

Draußen streckt einer seine zukünftigen Priesterhände der Klinke entgegen, drückt sie ganz vorsichtig und öffnet die Tür, geduckt hinter ihm sein weniger tollkühner Mitstreiter. Sie tasten sich behutsam aus dem sonnigen Nachmittag in den verschatteten Vorrat.

„Jetzt“, kommandiert der Aschblonde, stürzt vor aus dem Schatten, packt den einen Kandidaten am Kragen und zieht ihn blitzschnell in den Raum hinein. In Bruchteilen von Sekunden macht`s ihm der Junge nach und hat den Zaghafteren, Fülligeren an der Soutane im Griff. Und noch ehe einer von beiden Studenten einen Schreckenslaut von sich geben kann, kriegen sie schon einen Faustschlag ins Gesicht verpaßt. Der Junge hat noch nie geboxt, in seine Knöchel schießt der Schmerz als er aufs schlecht rasierte Kinn seines Kandidaten trifft. Die Angst, die Wut, die Verzweifelung geben ihm Kraft. Und noch einmal ein Schlag und mit der anderen Hand zugleich den Arm des Dicklichen auf den Rücken gedreht. Jetzt gibt es Schmerzenslaute. Mit dem Fuß tritt der Aschblonde die Tür zu und zieht eine Waffe aus der Jackentasche: „Kein Laut, werte Brüder“, raunzt er. „Alle beide da in die Ecke. Dreht euch um, die Hände auf den Rücken!“

„In Gottes Namen“, jeimelt der Feistere. Der dürre Kandidat schweigt.

„Halt den Mund. Ich werd´ nicht zögern, zu schießen. Wir haben dann noch immer Zeit genug, uns aus dem Staub machen…“ und zu dem Jungen gewendet: “da in der Ecke liegt ´ne Wäscheleine. Binde denen damit die Hände auf dem Rücken.“

Der Junge greift sich die Plastikschnur und fesselt die beiden Kandidaten. Dann zwingt der Aschblonde sie auf den Boden und stopft ihnen, die sich alles gefallen lassen, Trockentücher, die liegen im Stapel auf einem Regal, in die Münder. Er nimmt dem Jungen die lange Schnur aus der Hand und windet sie weiter um die Oberkörper, die Hälse bis er an den Mündern anlangt. Jetzt können sie die Knebel nicht mehr ausspucken.

„Pakete fürs Seminar,“ spottet der Aschblonde. „Unfrankiert, Porto bezahlt der Empfänger. “

Der Junge ist völlig verblüfft über das, was er getan hat, so etwas hatte er sich nicht zugetraut. „Aber jetzt, „fragt er, „Was jetzt?“

„Jetzt muß ich dich wohl oder übel mitnehmen,“ stellt der Mann fest. „Hier kann ich dich ja schlecht lassen…komm!“ Und er späht durch den Spalt der Tür.

Die Luft ist rein, kein Verfolger zu sehen. Sie schlüpfen hinaus in die Gasse. Wie gut, daß der Himmel sich jetzt bezieht. Mairegen bringt Segen; stumpfgraue Wolken und dahinter der bedrohliche Widerschein der verborgenen Sonne, gleißend wie ein Hochofenabstich. Schon pladdert´s die dicken Frühlingstropfen lauwarm aufs Pflaster.

„Komm“, sagt er nochmal und zieht den Zögerlichen am Ärmel vorwärts. „Nur zwei Straßen weiter!“

Sie schleichen noch bis zur Ecke, dann sind sie auf der ehemaligen Fußgängerzone angelangt und bewegen sich wie unbeteiligte Passanten. Hier ist schon seit Jahren nichts mehr ausgebessert worden, die Stadt verfällt. Vom Richtplatz sind erst wenige heruntergekommen, der beginnende Regen treibt sie gleich in die Häuser. Ausnahmsweise keine Soutane zu sehen.

Schon wird der Junge wieder am Ärmel gezogen in eine Seitengasse zu einer Treppe hinab, vor eine Eisentür. Die Inschrift Parkhaus Hotel – Saale kann man kaum noch lesen, so sehr ist die Farbe abgeblättert.  Hier stellten früher, vor zwanzig  Jahren, die zahlreichen Gäste ihre Wagen ab. Jetzt sind fast alle Buchten leer, Touristen gibt es kaum noch. Die Reisebranche ist zum Erliegen gekommen. Da ist nur der schwarze Mercedes des Monsignore: den erkennt der Junge und er weicht zurück. Der Monsignore und sein Assistent sind im Hotel abgestiegen. Es ist das beste im Ort und wird fast nur von geistlichen Herren frequentiert.

Der Junge mustert seinen Retter, der errät, was der Blick bedeutet und schüttelt den Kopf, „ich bin kein Priester oder Pater. Keine Sorge. Ich wohne hier im Hotel. Hatte hier zu tun in der Stadt… Das da ist mein Wagen, “ und er weist stolz auf einen Citroen, ein Oldtimer, bestimmt mehr als fünfundzwanzig Jahre alt, der wird längst nicht mehr hergestellt: weiß, geschwungen, französisch, eigenwillig.

Der Mann öffnet die Tür zu den Rücksitzen. „Da legst du dich jetzt drauf, bis ich zurückkomme. Ich wollte sowieso heut Abend fahren, fahr ich eben etwas früher. Hier bist du sicher, hier wird keiner nach dir suchen. Ich hole meine Sachen, zahle meine Rechnung und dann hauen wir ab!“

„Und wohin? Wo soll ich denn jetzt hin!“ Die erste Aufregung hat sich gelegt, jetzt begreift der Junge erst, was er vorhin nur unbedacht gesagt hat, er kann nicht mehr zurück. Man würde ihn verhaften und ohne Aufhebens in ein Umerziehungslager schaffen.

„Wie heißt du eigentlich?“ fragt ihn der Mann.

„Elian, “ sagt er, „eigentlich heiß ich Erich, aber ich hasse den Namen und Elian habe ich mal in einem Legendenbuch gelesen, der Name gefiel mir. Aber das ist jetzt völlig egal. Wo soll ich denn hin? Und wieso sollte ich mit Ihnen fahren?“

„Ich fürchte, du hast keine andere Wahl!“

Der Aschblonde streckt ihm die Hand entgegen, mit der er eben noch entschlossen die beiden Kandidaten geknebelt hatte. Eine große, schlanke Hand. „Willkommen“, sagt er, „Willkommen im schwulen Maquis!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese dämlichen Alumnen. Sie hatten die ganze Hinrichtung verdorben mit ihrem Übereifer. Monsignore Basil von Echs warf wütend seinen Hut aufs Bett. Bis eben noch hatte er sich beherrschen können, solange ihm die Delegation der Stadt das Geleit auf dem Weg ins Hotel gegeben hatte. Jetzt, da er die Tür schloß, mußte sein Zorn heraus. Er lockerte den engen Kragen, um durchatmen zu können. Diesem dummen Pack hatte er gestern noch einen Vortrag über seine Arbeit gehalten, hatte ihnen Hinweise gegeben, wie Sodomiten zu entdecken waren, wie man sie verhören mußte, auf welche Weise man beurteilen konnte, wie tief sie bereits in der Sünde steckten und wann sie dem Satan endgültig verfallen und damit eine Gefahr für Kirche und Öffentlichkeit geworden waren.

Er liebte diese Gruselgeschichten und erzählte sie je nach Zuhörern ein wenig anders. Dies war die erste Generation, der man wieder mit dem Satan legitim Angst einjagen konnte. Die Studenten, vor denen er gestern gesprochen hatte, waren naiv genug, um die schaurigen Geschichten von moralisch-luziferischer Verderbtheit für bare Münze zu nehmen; es war ihm eine Freude gewesen, seine Erzählungen diesmal mit ein paar Andeutungen auf abenteuerliche sodomitische Sexualpraktiken auszustatten, um die jungen Männer zum Erröten zu bringen. Aber er war wohl etwas übers Ziel hinausgeschossen und hatte ihre Phantasie und ihren Ekel zu stark angeregt. Diese blöden Priesteramtskandidaten hatten nichts Besseres zu tun, als ausgerechnet eine feierliche Hinrichtung, die das Volk wieder ordentlich einschüchtern sollte, zu sabotieren. Von Zeit zu Zeit mußte man auch in Kleinstädten für die Disziplinierung der Gläubigen sorgen. Ihren Jagdeifer hätten sich die Burschen auch bis nach seiner Abreise aufsparen können: sie sollten stolz durch die Straßen paradieren mit offenen Augen. Wenn auch noch nicht geweiht, hatten sie doch schon längst eine Berufung und einen Auftrag und vor einer Soutane, auch wenn sie noch so schwächlich, untersetzt oder zerknittert daherkam, hatten die Menschen jetzt doch wieder Respekt. Das Amt galt, das Gewand und die Weihe – aber heutzutage wurde ja jeder Idiot geweiht!

Der Monsignore knöpfte seine Soutane weiter auf; jetzt wurde ihm die Brust freier. Vinanser würde noch eine Weile beschäftigt sein mit der Hatz auf den jungen Mann und den übergeschnappten Kandidaten hoffentlich zuvor kommen.

Basil Von Echs wischte sich mit den Händen den Schweiß von der Stirn. Ihm rann stets der Schweiß bei Hinrichtungen, dabei war es heute gar nicht mal warm gewesen und der Gewitterschauer hatte dazu einen Temperatursturz gebracht. Hinrichtungen jagten seinen Blutdruck hinauf; sie erregten ihn auf angenehme Art: was für eine Erschütterung, daß er als Kleriker endlich wieder Gewalt über das Leben von Menschen hatte, so wie es früher einmal, lange vor dem Konzil, gewesen war. Und dann auch noch diese ultimative Gewalt über Leben und Tod. Dafür war doch die Weihe da, diese Erniedrigung, sich auf den Marmorboden eines Domes zu werfen, im weißen, unschuldigen Hemd, eine Demutsgeste, um etwas Besonderes zu werden, ein Berufener, der doch immer mehr war als die Menge der Laien da unten auf den hölzernen Bänken der Kirchenschiffe, die ehrfürchtig hinaufschaute zum Altar. Basil von Echs wurde durch die Weihe zum wichtigsten Akteur im Altarraum, den die Ungeweihten nicht betreten durften. Das heilige Theater der wieder eingeführten lateinischen Messe, es überwältigte ihn zuweilen immer noch, besonders wenn der Weihrauch eine gute Qualität aufwies. Diese Gefühle der Erhabenheit und Ausgesuchtheit hatten immer Auswirkungen auf seinen Kreislauf, seine Atmung, seinen Blutfluß. Priester zu sein, der die Menschen in schlecht und gut einteilen, Verdorbene und Gerechte durfte, war schon etwas Berauschendes.

Aber er mußte sich nach diesen Erlebnissen seiner Besonderheit auch wieder beruhigen. Dafür gab es halb-profane Mittel: hier das Spirituelle, pflegte er gern zu sagen, wenn Alkohol angeboten wurde, da die Spirituosen; und tippte sich auf Stirn und Herz und zwar in dieser Reihenfolge. Ein Witzchen, aber es traf ja zu.

Er beugte sich quer übers Bett, um zur Nachtkonsole hinüberzulangen. Darin hielt er seinen französischen Cognac vor Vinanser versteckt. In den Geschäften in der Provinz kaum zu kriegen, die führten nur die billigen deutschen Marken aus Rüdesheim. Diese Flasche hatte er von einem alten Studienkollegen zugesandt bekommen, mit dem er in Rom am Collegium Germanicum studiert hatte. Der lebte nun seit vielen Jahren in Frankreich, nachdem er dorthin geschickt worden war, um die damaligen Demonstrationen des Manif pour Tous zu studieren und herauszufinden, wie man auch in Deutschland die Massen auf die Straßen gegen Homoeroten und Genderwahn bringen konnte. Es stellte sich aber, eine Ironie der Geschichte, heraus, daß die tapferen französischen Vorkämpfer für die rechtmäßige Diskriminierung der Sodomiten tatsächlich von den Deutschen gelernt hatten. Sie orientierten sich an den Montagsdemonstrationen der Bürgerbewegung in der versunkenen  DDR, die dann auch wieder die tapferen Proteste der Verteidiger von Glauben, Abend- und Vaterland gegen die Muslimisierung inspirierten.

 

Man mußte den Leuten die Parolen von der Bedrohung der Freiheit und der Familie durch die Sodomiten nur lange genug wiederholen; einzelne Helden hatten jahrelang unter dem Gespött der Linksliberalen unbeirrt diesen entbehrungsreichen Weg eingeschlagen und alle Diffamierungen ausgehalten, wie die wagemutige Gabriele Kuby, die für ihren tapferen fast dreißig Jahre währenden Kampf gegen die verderbt-verderbende Sodomie und den Genderwahn in einigen Tagen für ihre Lebensleistung in Aachen den neuen Karlspreis für die Rettung des Europas der Vaterländer erhalten sollte.

Inzwischen glaubte das Volk, die Abscheu vor den Sodomiten war durchgesickert bis zu den Depravierten, den Arbeitslosen, den Familien, die wirtschaftlich abzurutschen drohten, ergriff ganze Scharen von Männern, die den Verlust ihrer Männlichkeit fürchteten, Angst hatten von Sodomiten verführt oder zu verweiblichten Gendergeschöpfen kastriert zu werden. Als zum ersten Mal bei einer Aufklärungsveranstaltung der Ruf „Wir wollen Arbeit und keine Homoehe“ ertönte,  waren sich von Echs und sein in Frankreich lebender Amtskollege einig,  daß diese zeitraubende, aber zermürbende Taktik Erfolg gehabt hatte.

Einige Jahre später dann, als die mit allem Unzufriedenen, die Lamentierbürger, sich zu gemeinsamen Demonstrationen mit den Vaterländischen, die längst nicht mehr glatzköpfig herumstolzierten, in den östlichen Bundesländern einfanden, um das christliche Abendland vor den Sodomiten, Feministinnen, der linken Presse und der postmodernen Kultur zu beschützen, und vor allem vor den sich wie Karnickel fortpflanzenden Mohammedanern und Afrikanern, konnte man sicher sein, daß die lang keimende Saat der Furcht aufgegangen war. Der Amtsbruder hatte mit Genugtuung erlebt, wie Marine LePen in Frankreich nach langen Jahren des Kampfes ihren gescheiterten Vorgänger als Präsidentin ablöste und dann dieses Amt dynastisch an ihren Sohn weitergab. Beide machten aus Frankreich wieder ein katholisches Land mit Nationalstolz, ohne Mohammedaner und jene aufgeweichte linksliberale Gesellschaft; jetzt durfte man endlich wieder nicht Normgerechtes im Namen des Herrn gerecht diskriminieren – und nachdem die Fremden vertrieben worden waren, machte man sich zügig an die Vernichtung der Sodomiten.

Es war für jenen Freund damals eine angenehme Aufgabe gewesen, über die französischen Vorgänge Bericht zu erstatten und schließlich sogar die Gegner der Sodomitenrechte mit Logistik und finanzieller Schützenhilfe aus dem Vatikan zu unterstützen, so wie einmal der polnische Papst seine Gesandten mit Diplomatenkoffern ins kommunistische Polen schickte, in denen – auf diese Weise ungeprüft – Zuwendungen für die Solidarnosz verborgen blieben. Daß sogar von den orthodoxen Brüdern aus dem putinschen Kreml nicht unbeträchtliche Summen für diese Zwecke herübergeschickt wurden, war eine schmeichelhafte Ironie der Geschichte. Kein Wunder, daß der damalige Kremlchef auch heute noch in seinem hohen Alter von über neunzig sich großer Wertschätzung erfreute. Er würde ex aequo mit Gabriele Kuby den neuen Karlspreis erhalten; ab und an mußte auch mal eine Frau geehrt werden, denn die Frauen hatten sich noch nicht so ganz wieder mit ihrer von der Natur, der Kirche und dem Staat zugewiesenen Rolle als Kinds-und Hausmütter abgefunden. Solche kleinen Zugeständnisse wie diese Preisverleihung entschärften Vorhaben wie die Streichung des Wahlrechtes für Frauen. Eine Idee, die ein junger Mann aus der wieder nach Deutschland eingegliederten katholischen Ostmark bereits vor zwanzig Jahren angeregt hatte. Frauen, hatte der junge Kämpfer für das robuste Vaterland, überzeugend dargelegt, waren einfach zu emotional, um mit notwendiger Härte die Maßnahmengegen Fremde und Sodomiten durchzusetzen, die nötig waren. Deshalb müsse man ihnen die Last der politischen Verantwortung abnehmen. Der Mann hatte es inzwischen bis zum Bildungsminister gebracht.

Vor einigen Jahren zog es von Echs´ Studienkollegen zum Ruhestand zurück nach Frankreich, wo der Kampf gegen die Sodomitisierung und Islamisierung desAbendlandes seinen Anfang genommen hatte. Es gefiel ihm dort, wie Gott in Frankreich eben – Gott war gewiß ein Kleriker und Gourmand. Schon als junger Student hatte von Echs´ Freund eine Neigung zur Fettleibigkeit; jeder versuchte auf seine Weise mit dem Zölibat fertig zu werden, jener eben entwickelte Appetit und Durst – und nun schickte er Basil von Echs von Zeit zu Zeit einen uralten Cognac aus einem Klostergut, manchmal auch Benedictine und Armagnac, Foie Gras und Bressehühner, die leider in Deutschland seit dem Machtübernahme der nationalkatholischen Regierung nicht mehr zu bezahlen waren. Immer mal wieder lag auch ein Photo dabei, aufgenommen bei der Ernte auf dem Gut, mit kräftigen Novizen und Arbeitern, die sich um die Weinberge des Klosters kümmerten und im sattwarmen Oktober die Hemden heruntergezogen und um die Hüften gebunden hatten. Ihre braungebrannten Oberkörper glänzten vor Kraft und Schweiß. Hübsche Franzosen mit buschigen schwarzen Schöpfen und einem zweideutigen mediterranen Lächeln.

Basil von Echs schenkte sich einen bronzefarbenen Cognac ein, einen doppelstöckigen und leerte das Glas in einem Zug. Dann füllte er den Schwenker erneut. Diese nicht geplante Treibjagd hatte die ernste Stimmung am Richtplatz gesprengt, nicht nur die Alumnen gerieten in Fieber, auch die Gaffer aus der Stadt. Die hatten die Verfolgung des Jungen vom Berg aus beobachtet, bis er in den Gassen der Altstadt verschwunden war. Die Schieferdächer verbargen den Fluchtweg und wenn am einen oder anderen Ende des Viertels, an dem jeweils eine breite Umgehungsstraße vorbeiführte, eine Kandidatensoutane auftauchte, dann wurde gejohlt und applaudiert.

Bei aller Freude über seine Erfolge – immerhin drei Delinquenten in zwei Tagen – das brachte ein erkleckliches Sümmchen vom Magistrat – solche Endmaßnahmen wie die heutige Hinrichtung sollten doch etwas Feierliches behalten; schon den Verkauf von Imbissen und Getränken fand Basil von Echs obszön, aber nun noch dieses Spektakel… die Hinrichtung hatte ihre Würde verloren. Selbst der unter merkwürdigen Umständen glücklicherweise verstorbene Renegatenpapst Franziskus hatte davon gesprochen, daß Strafen mit Würde zu vollziehen wären – zwar meinte er nur das Schlagen von Kindern – aber nun dieses Gejohle und Geschrei bei einer ernsten Hinrichtung! Es wurde sogar gewettet, wen von Echs gefaßt hatte, ob es vielleicht bekannte Bürger der Stadt waren. Normalerweise achtete der Monsignore darauf, daß seine Jagden nicht die Gruppe der staatlichen und kirchlichen Amtsträger trafen. Höchstens wenn es galt, eine zu weit abdriftende Ortsregierung zu disziplinieren, wurde der sodomitische Stab auch einmal über Würdenträgern gebrochen. 

Aber mit der Würde war es eben doch eine Frage der Opportunität; doch auch wenn Sodomiten diese ihre Würde verwirkt hatten, selbst als baumelnde Leichen durfte man ihnen doch nicht die Würde ihrer Büßerrolle nehmen. Ein Christ mußte Achtung vor dem Tode haben. Das war die christliche Menschenwürde, die Geburt und Tod als gottgegeben ansah – was dazwischen lag war dem freien Willen anheim gegeben und verfiel damit sowieso der Sünde; wenn man dabei über die Klinge springen mußte – selbst Schuld.

Von Echs trank das zweite Glas in einem Zug leer. Es war nicht nur dieser Zwischenfall, der ihn ärgerte. Der blonde Junge, den sie jagten, war ihm schon aufgefallen, als ihn der Radioreporter bedrängte. Der junge Mann stieg, seine Mütze in den Händen zerkrumpelnd, als einer der ersten hinter der Gruppe der Delinquenten und ihrer Bewacher den Hügel hinauf. Der Anblick dieses ernsten Jungen erschütterte ihn. Er hatte nicht damit gerechnet, daß es ausgerechnet in dieser mediokren Stadt, einen solch schönen Knaben gab. Das war ja eine Emanation; so etwas nannte man früher Jüngling. Ein Dornauszieher, heidnisch, griechisch, Schopf, Schönheit, jung. Auf den ersten Blick war ihm klar: das konnte nur ein Sodomit sein. Solche Schönheit bei einem normalen Mann wäre an Frauen auch verschwendet gewesen. Dieses Urteil durfte natürlich nur ein Mann wie er fällen, ein Geistlicher, der für eucharistische Ästhetik Sinn hatte, Sinn auch für einen Ausflug ins Heidnisch-Antike, ins Bukolisch-Nackte. Und nackt hätte er den Jüngling gerne gesehen.

Längst hatte er es aufgegeben in Provinzstädten wie dieser auf einen solchen Anblick zu hoffen. Ganz verzweifelt hatte er gestern Abend den Blick durch die Aula des Seminars schweifen lassen, als er den Kandidaten seinen üblichen Vortrag hielt. Seine Vorurteile über theologische Trampel wurden hier bestätigt. Einen wirklich hübschen Theologiestudenten hatte er nicht ausmachen können: es war noch immer wie in seiner Zeit, die meisten waren beschränkt oder auf die eine oder andere Weise benachteiligt: krumm, unsportlich, häßlich, verpickelt, dürr oder korpulent, nachlässig mit der Körperpflege, viele reinigten nicht einmal ihre Nägel. Es gab natürlich auch hier in der Menge der Zuhörer den einen oder anderen jungen Mann aus wohlhabendem Haus, der eine maßgeschneiderte Soutane trug und das Haar etwas verwegener geschnitten, aber die meisten waren wohl Stipendiaten, die gerade so eben das große Latinum geschafft hatten; Latein – die einzige Fremdsprache, die noch unterrichtet wurde auf den Gymnasien.

Als sie sich am Ende des Vortrages um ihn drängten, wehte ausgerechnet von jenen zwei, drei Söhnen wohlhabender Eltern, er hatte es kaum anders erwartet, der Duft des päpstlichen Parfums herüber. Daß sogar Gerüche opportunistisch sein konnten, wer wußte das besser als er selbst? Der Alumne, dessen Duft ihn irritierte trug eine schwarze Hornbrille, sicher ein aus dem Antiquitätenhandel erworbenes Gestell, das jetzt nicht mehr hergestellt wurde. Früher, in Basil von Echs Jugend, nannte man das ein Designerstück. Dieser Kandidat mußte also näher betrachtet werden, als der ihm sein Buch zum Signieren aufs Pult legte.

Potztausend, der wagte sogar keck einen Kinnbart zu tragen, der glich dem spitzen Gezwirbel des Kardinals Richelieu, den von Echs in seiner bibliophilen Ausgabe der Musketiere als Kupferstich bewundert hatte. Wie erstaunlich  in der Tat: der junge Kandidat hatte ein hochmütiges Theologenprofil und exakt die nötig verschlagenen Augen und den mokanten Mund, die jene auf rücksichtslose Durchsetzungskraft schließen ließen, die man für eine klerikal-politische Karriere brauchte. Der hier würde es sicherlich weit bringen. Aber bestimmt bloß als einziger aus dem Kreis der provinziellen Zuhörer. Hübsch mochte man ihn wirklich nicht nennen, sein sehr kurz geschnittenes schwarzes Haare lichteten sich bereits zu einer hohen Stirn, die er sicher probat runzeln konnte, seine Züge waren  ein wenig slavisch angehaucht,  aber verwegen, mit einer nötigen Unerbittlichkeit im Blick und einem raffinierten Lächeln – beides prädestinierte ihn für ein Kardinals- oder Ministeramt. Seine Stimme klang unerfreulich näselnd-belehrend; aber ein guter Sprachlehrer konnte sein Organ sicher um einige Grade absenken, um es gefälliger zu machen.  –  Basil on Echs  spürte die Lust beim dem sich offensichtlich Herandrängenden auszuprobieren, zu was er für etwas Unterstützung und Avancement noch bereit war.

Ausgerechnet diesen Kandidaten hatte Basil von Echs in der tobenden schwarz berockten Alumnenmenge nicht ausmachen können. Der war sich eben richtigerweise zu schade für theologischen Übereifer und überließ die physischen Enqueten  den untergeordneten Rängen. 

Ach, das war doch das Elend, daß er eine so gute Beobachtungsgabe hatte: den einen wegen seiner zur Schau getragenen Dreistigkeit halbwegs akzeptablen Kandidaten vermisste er auf dem Hinrichtungsplatz, aber wurde entschädigt durch den jungen Blondschopf in seiner Trauer. Er war sich beim ersten Blick gewiß, daß der zu einem der Delinquenten gehörte. Vinanser sollte ihm nachstellen und ihn am Abend zu ihm führen. Aber er kam gar nicht dazu, dem diese Anordnung zuzuraunen. Das blödsinnige Jungpriesterpack in spe machte Aufruhr und Unruhe und so kam es zur  Flucht ausgerechnet dieses Jungen. Von Echs konnte Vinanser nur noch mit einer knappen Kopfbewegung andeuten, was er wirklich wollte.

Der Monsignore beäugte die Flasche. Sie war bereits halb leer. Die letzten Tage waren wegen der Verhöre sehr anstrengend gewesen. Die Saaleweine, die im Hotel zur Auswahl standen, konnte man kaum genießen. Wie gut, daß er immer ein Kistchen von den bischöflichen Weingütern in Trier mit sich führte. Er brauchte mindestens eine Flasche Ayler Kupp, um nach den ermüdenden Verhören einzuschlafen.

Zumeist liefen sie immer gleich ab, diese Befragungen. Leugnung, Starrsinn, wachsende Unruhe und dann erfreuliche Angst bei den Verdächtigen. Interessant wurde es erst, wenn Vinanser ihnen die Hemden auszog. Auch diesmal kamen, diese jungen Brustkörbe ans Licht, zwei ganz glatt und einer mit einem blonden Flaum, der sich um die Warzen kräuselte und dann hinab über den flachen Bauch in den Hosenbund hinein.

Man mußte ja längst kein Unmensch sein und sie wirklich quälen bei der Befragung. Auf seine Methoden war Basil von Echs gekommen, als er Protokolle über die Verhöre von terroristischen Muslimen in Guantanamo gelesen hatte; ein Geschenk von einem amerikanischen evangelikalen Geistlichen, der sich um die Sodomitenverfolgung erst in Uganda und dann zuhause verdient gemacht hatte. Die Ökumene wurde durch den gemeinsamen Kampf gegen die Perversen erstaunlich befeuert. Man würde sich zwar in Fragen der Eucharistie niemals einig werden, aber die Sodomitenjagd stiftete erfreuliche Gemeinsamkeiten.

Manches in den Guantanamo-Protokollen war geschmacklos, fast pornographisch wie das Waterboarding, das nahm den Schuldigen doch den Atem für ausführliche Geständnisse, und auf die kam es Basil von Echs doch gerade an. Aber der systematische Schlafentzug führte zu erstaunlichen Konfessionen, wenn auch mit matter Stimme vorgetragen. Und dann gab es Handgriffe, die nicht einmal Vinanser in seiner Bergheimat beim Ziegen- und Kühehüten und beim Melken gelernt hatte. Was er da allerdings gelernt hatte, das zeigte er beim Zupacken, waren derbe Handgriffe, sehr effektiv. Basil von Echs hob die Brauen: Handgriff, ja, schönes Wort – dafür zog er doch gern die Handschuh aus, die schwarzen und steckte sie in sein purpurnes Zingulum. Mit den bloßen Fingern war das Fleisch zwischen Brust und Achsel besser zu spüren, wenn er es drückte. Vinanser war dafür mit seinen Fäusten zu grob; von Echs hatte sich vorbehalten, diesen Griff selber zu tun. Was für feine Verzerrungen er im Gesicht der Tapferen damit hervorrufen konnte und diese so schön kardinals-violett anlaufenden Spuren auf der Haut; wenn er sich bemühte, dann konnte er mit seinen Fingernägeln feine Muster aus noch feineren Blutergüssen erzeugen. Die Delinquenten bissen sich anfangs auf die Zähne und pressten die Lippen zusammen. Die Weichlicheren rissen gleich die Mäulchen auf und stießen ihre spitzen Schreie aus. So oder so, irgendwann übermannte jeden der Schmerz. Und der Schmerz ist der Kuß Jesu, wie die inzwischen heilig gesprochene Mutter Teresa es so unvergleichlich formuliert hatte. Es reichte meist mit den Fingernägeln, den sorgsam manikürten, ins Fleisch zu drücken und dann ein wenig übern Hof der Warzen zu kratzen. Die Delinquenten fürchteten dann gleich, daß er dort erneut mit den Nägeln nachhaken würde. Irgendwann sprachen die alle – wenn gar nichts half mußten Hände und Finger und Nägel eben zwischen die Beine wandern, um die sodomitischen Organe zu packen, dort wo das Blut heftiger pulsierte in diesem Gekrös Mann. Da trafen sich dann paradiesische Nacktheit, allerdings nach dem Sündenfall und jugendliche Sündhaftigkeit im Schmerz. Das waren natürlich die vordergründigen Organe der Sünde, die durfte man quälen, damit die jungen Männer zugaben, was sie in ihrem eigentlichen Sündenorgan, dem Hirn, an schmutzigen Gefühlen mit sich trugen und an atheistischen Gedanken.

Ach, er verlor sich in den Verhören vom Vortag. Die gab´s doch im Protokoll, das würde man ihm morgen gebunden überreichen für sein Archiv. Manchmal überwältigten ihn die Erfahrungen bei diesen Verhören. Vor Jahren hatte er sich, während er einen engelsgleichen Siebzehnjährigen befragte, unter dessen himmlischer Larve doch der Satan saß, so sehr konzentriert, selbst in die Zunge gebissen. Das Blut strömte hervor; ein gewissenhafter Arzt war so schnell auf dem Lande nicht aufzutreiben und so war der Muskel im Mund aufgrund einer nachlässig geführten Naht nicht vollständig wieder zusammengewachsen. Ein kleiner Spalt war geblieben und hinderte ihn zuweilen an der sauberenr Artikulation der Zischlaute. Die gespaltene Zunge fiel kaum jemandem auf – aber ihn selbst störte es. Er nahm so viele Details an sich und anderen wahr: Sein Verstand, sein Gefühl waren zu offen für alle möglichen Eindrücke… das überwältigte ihn jedes Mal: Verhör und strenge Befragung und schließlich das Ende. Wie rasch das kam – manchmal stand er nahe genug, um das Knacken der Genicke zu vernehmen.

Das also ist das Geräusch der Endlichkeit. Aus. Vorbei. Perdu. Die kamen auch nicht in die Hölle. Mit was für Ammenmärchen man noch immer, nach über zweitausend Jahren die Menschen in Schach halten konnte. Es gab auch keinen Himmel. Was gab es? Seine länger gewachsenen Nägel gab es, gefeilt und poliert von so einem Mädelchen im Orte, einer kleinen, dummen Maniküre; seine Nägel also für das Fleisch der jungen Sodomiten. Das verschaffte ihm Ansehen und den Lohn der frommen Bürger. Das gab es: Untertänigkeit und Geld und Körper, wie der des Herrn, gequält. Eine Glaubensbefriedigung!

Das war das Leben, kein schlechtes, das er gewählt hatte. All diese katholischen Paraphernalien waren oft lästig, aber er mußte sie akzeptieren und mußte mitspielen: abgesehen von seiner geliebten Eucharistiefeier mit dem wonnigen Hostienhokuspokus, bei dem man vom Herrn kosten durfte, waren Andachten und Messen, Hochgebete und Rosenkränze, ein stupides sich immer wiederholendes Schmierentheater; wie gut, daß wenigstens die Kostüme wechselten im Laufe des Kirchenjahres; von den Gesängen wollte er lieber schweigen, die die Gemeinden mit halber Lunge aus dem Sursum Corda röchelten zu den schiefen Tönen vernachlässigter und schlecht gepflegter Orgeln.

Aber ein Priester zu sein, ein Monsignore mit Aussichten und jetzt schon erklecklichem Einkommen – das war in diesen Zeiten das Erstrebenswerteste.

Das wievielte Glas schenkte er sich jetzt ein? Bloß richtig bei Sinnen bleiben. Heute Abend würde noch abgerechnet werden im Rathaus.

Ja, er dachte zu viel und zu oft in alle Richtungen. Aber wenn er dort bleiben wollte, wo er sich befand oder gar avancieren, dann mußte er umsichtig sein. Der Aufruhr, die unglückliche Exekution, das ärgerte ihn, aber beunruhigt hatte ihn etwas anderes: nicht nur der blonde, entwischte Junge war ihm aufgefallen…

In der Menge, die sich um das Schafott versammelt hatte, entdeckte er eine hohe Silhouette, anthrazit und das Gesicht im Schatten unter dem breitkrempigen Hut. Ein verwegener Hut, ein Borsalino, wenn er sich recht erinnerte, so etwas trug heute kaum noch einer. Als die Delinquenten herangeführt wurden, nahm der Träger seinen Hut ab. War das ein Gruß oder wußte der bloß, was sich gehörte, da hier doch Gottes Wille vollzogen wurde? Die Herren vom Magistrat, sofern sie Hüte trugen, zogen die erst vom Haupt, als der Gerichtspräsident ans Ende seiner Rede gekommen war. Der da ragte, selbst ohne Hut noch über die spektakelhungrigen Bürger der Stadt. Der war nicht mehr ganz jung, jung noch, aber nicht so jung, daß es Basil von Echs zu ästhetisch sublimierten Gedanken angeregt hätte. Aber der hatte ein verwegenes Gesicht, auch einen Kinn- und Schnurrbart – der erinnerte ihn erneut an seinen Dumas – diesmal aber an die Haudegen, die Musketiere, die natürlichen Feinde der Kirche. Die Haare waren nicht vorschriftsmäßig, kein Männerschnitt, kein Fasson, im Gegenteil, die wellten ihm um den Kopf bis in den Nacken. Männer sollten doch keine so langen Haare tragen; das war verpönt. Jedoch es waren nicht die Haare, die Basil von Echs verwirrten, wenn auch diese Frisur selten war, es war der Blick. Es waren die Augen. Die waren ihm bekannt, die großen Augen. Waren die etwa grün? Er war zu weit weg, um das genau auszumachen. Er konnte auch nicht die ganze Zeit auf den Hünen im anthrazitfarbenen Anzug starren, er mußte wenigstens anstandshalber den Anschein erwecken, daß er die Zeremonie verfolgte. Und als er beim nächsten möglichen Male hinüberblickte, da war der Mann schon verschwunden.

Aber diese Augen, die lagen auf ihm die ganze Zeit; er spürte es, die beobachteten ihn, als der Aufruhr losging, sich die Menge auflöste, und er hinunter geleitet wurde von den Bütteln in den Ort – dessen war er sich gewiß – der Mann hatte ihn durchdringend fixiert. Wessen Augen waren das? Das D´Artagnangesicht war ihm nicht genau erinnerlich, aber diese Augen, dieser Blick, die Beobachtungsgabe…

Seine kleine Pendülenuhr, die er überall hin mitnahm, auf der Konsole, läutete gläsern und dünn. Es war schon sieben. Er mußte sich zurecht machen. Um acht erwartete man ihn im Rathaus, um ihm sein Honorar zu überreichen.

Verdammt, war denn dieser Vinanser immer noch nicht zurück? Basil von Echs knöpfte die Soutane zu und spritzte sich im Bad kaltes Wasser ins Gesicht. Es konnte auch nicht schaden, mit einem Mundwasser zu spülen; er hatte eine Cognacfahne.

Auf dem Weg ins Hotelfoyer hinunter, klopfte er an Vinansers Zimmertür. Keine Antwort. Der Trottel war also noch immer auf der Jagd; die war wohl vergeblich, wie man vermuten mußte. Hoffentlich war Vinanser so gescheit, sich gleich im Rathaus einzufinden. Der geflohene Junge würde sich auch später noch ergreifen lassen; die Alumnen waren zweifellos zu ungeschickt dafür.

Als er aus dem ächzenden Fahrstuhl in die Lobby trat, entdeckte er vor der Portiersloge den großen, aschblonden Mann im anthrazitfarbenen Anzug, diesen D´Artagnan. Den Haudegen hatte Basil von Echs, obwohl er sich doch auf der sicheren Seite des Kardinals Richelieu finden sollte, schon als Kind gemocht – ungestüm, noch nicht gescheit, aber verwegen. Da stand der Traum seiner Jugend und bezahlte offensichtlich seine Hotelrechnung.

Von Echs legte seinen Schlüssel auf die Theke und bat den Portier: „wenn mein Sekretär und Assistent eintreffen sollte, dann sagen Sie ihm, daß ich bereits ins Rathaus gegangen bin. Er soll doch bitte nachkommen.“

Der Portier nahm den Schlüssel an sich und raunte devot, „selbstverständlich, Monsignore!“

Basil von Echs wandte sich so um, daß er dem Aschblond-Verwegenen ins Gesicht sehen mußte. Er wollte jetzt diese Augen von nahem überprüfen. Der Mann deutete mit einem leichten Nicken einen beiläufigen Gruß an, wie man ihn einem Fremden zuteil werden läßt und schaute dann wieder auf die Scheine, die er bar auf den Tresen blätterte. Das ganze Kreditkartenwesen war schon vor Jahren zusammengebrochen.

Der kurze Augenblick hatte genügt. Es war in der Tat ein Augenblick gewesen. Es waren die gleichen Augen gewesen. Es waren die Augen von damals gewesen – wie hätten sie sich auch verändern können.

Basil von Echs wußte im Moment, das konnte kein Zufall sein. Der Mann war nicht ohne Absicht hier. Das waren die gleichen grünen Augen gewesen wie vor zwanzig und mehr Jahren. Schon damals keine Kinderaugen; das war es ja gerade, was er an ihnen geliebt hatte, dieses Moment des Erwachsenseins in den Augen, während der Körper noch so zart war, ganz weich, mit dem Beginn des Flaums auf den Armen, der Brust und den Beinen. Nicht mehr ganz Kind und noch nicht erwachsen.

Der hatte ihn angestarrt auf dem Richtplatz mit diesen Augen von damals. Und jetzt zahlte der, als sei nichts gewesen, ergriff seinen Koffer und verschwand zur Treppe in den Parkkeller. Der würde wegfahren. Und er konnte ihn nicht daran hindern.

Wo steckte bloß Vinanser. Der mußte was unternehmen. Dieser Blick bedeutete Gefahr! Der Mann mußte aus dem Weg!

 

Copyright – Wolfgang Brosche –

 

 

Freunde, Römer, Leute Ich brauch Eure Meinung

Graf Krolock und sein Kukul

Diesen Beitrag schrieb ich Anfang 2017; Anlaß war ein versöhnlich-apologetisches Stück des Kollegen Phillip Mauch über die AfD aus „konservativer“ Sicht. Ich muß davon nichts zurück nehmen. Im Gegenteil nach dem Ausrufen der „konservativen Revolution“ aus den Reihen der CSU, nach der „Petition 2018“ des Lengsfeld-Matussek-Clübchens und mit dem sich Ausbreiten Brechreiz erregender „Bürgerlichkeit“ á la Jens Spahn, der „Spahnalität der Bürgerlichkeit“, sind meine Befürchtungen leider wahr geworden.

 

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Graf Krolock und sein Kukul

Oder Bürgerlich-Konservative Krokodilstränen über schlecht dressierte Kettenhunde

 

Der zweifellose Wiedergänger der NSDAP im Einrei(c)her, die AfD, stellt für die Bürgerlich-Konservativen (und das ist ja schon ein Pleonasmus) vor allem eine Stilfrage dar. Das wurde im Kommentar von Philipp Mauch zur Dresdener Rede Björn Höckes ganz deutlich. Eine Erwiderung von Wolfgang Brosche

 

Filme sind der Spiegel der bürgerlich-konservativen Gesellschaft – sage ich in leichter Abwandlung eines Zitats von Siegfried Kracauer. Wer hätte gedacht, daß der Mythos vom Vampirismus und seine Darstellung im Kino so genau unsere postmodernen politischen Verhältnisse beschrei(b)en?

Eine Konserve enthält Totes, von dem man sich nähren will. Der Konservative will Abgestorbenes erhalten, weil er sich vor dem Nach-Vorne-Leben fürchtet. Die Toten, heißt es bei Gottfried August Bürger, reiten zwar schnell – aber es ändert sich auch nichts mehr wenn man tot ist: der Idealzustand des Konservativen.

Der Sarg des Vampirs ist so eine Konserve. Auch der „Bourgeois“, der etwas anderes ist als der „Citoyen“, hat sich für die Konserve entschieden. Das ist durchaus vampirisch. Das Konservative, von dem sich der Bürger nährt, ist verstorbenes Leben, das sich nur noch vampirmäßig belebt und fortpflanzt, wobei das Fortpflanzen die Weitergabe des Todes ist durch das Aussaugen anderen Lebens.

Der italienische Schriftsteller Elio Vittorini, sowohl Wegbereiter des Neorealismus wie ein Meister der Phantastik, erklärt den Vampirismus so: „Vampir bedeutet, daß ein Wesen einem anderen das Leben aussaugt. Ein sich verbeißen um nicht zu sterben, ein sich dem Tod und der Natur verweigern.“

Die Gestalt des gut gekleideten, stilvollen und in Umgangsformen eleganten Vampirs ist eine ästhetische Maske des Konservativen.  Die bekanntesten Darsteller Draculas, Bela Lugosi und Christopher Lee, konnten sich noch so bemühen, elegant zu wirken – sie behielten doch immer etwas Schmieriges. Mal abgesehen von Frank Langella in John Badhams „Dracula“-Verfilmung von 1979 – ist wohl der eleganteste und soignierteste Vampir der Filmgeschichte der Graf Krolock wie ihm Ferdy Mayne in Roman Polanskis epochalem „Tanz der Vampire“ Gestalt gibt: perfekte Umgangsformen, hoch gebildet, voller Raffinement, sogar Takt – und dennoch lauert hinter dem Paravant der gediegenen Vornehmheit der unstillbare Blutdurst auf anderes Leben. Aber Graf Krolock macht sich nicht selbst die Hände schmutzig wenn es gilt, seiner Schar der Untoten ein neues Opfer einzuverleiben. Für die niederen Dienste hat er einen Trum, einen mißgestalteten Sklaven, einen grunzenden Brutalo, der mit den Wölfen heult, sie sogar zuweilen beißt und der ihm die Särge tischlert für die neuen Adepten: Kukul, der einmal im Film fast mit einem Wildschwein verwechselt wird, ein Kettenhund, ein Marodeur, ein williger Vollstrecker. Er gehorcht dem Grafen bei Fuß, die Häßlichkeit in Person, so häßlich und stumpfsinnig, daß er fast wieder Mitleid erregt. Es ist klar, daß sein Herr ihn nur mit Knochen abfindet und ihm das verweigert, was er selbst genießt. Man wendet sich angewidert von Kukul ab und schielt mit unverhohlenem Neid hinüber, ja hinauf zu dessen Herrn, der im Glanz, in Samt und Seide, in Behaglich- und Überheblichkeit anscheinend so kultiviert über ihm schwebt. Daß er der eigentliche Drahtzieher dieser  schäbigen Marionette ist, mag man gar nicht glauben. Und doch ist es so, denn er genießt ja den Nutzen der Untaten und Verbrechen seines Schoß-und Kettenhundes.

Wie das bei solchen Hunden oft ist, lassen ihre Herren gern verlauten, die täten nichts, die wollten nur spielen, was natürlich eine faustdicke Lüge ist –und obwohl die Leute, die sich vor ihm fürchten, das auch längst wissen müßten, lassen sie sich immer wieder untertänigst damit beruhigen… Die Junge Union und Jens Spahn von der CDU flöteten dieser Tage wieder solche Verharmlosungsschalmeien. Wenn die Hunde aber doch mal beißen, dann versichern diese Herrchen genant, das hätten die Hündchen ja noch nie gemacht und es käme bestimmt nicht mehr vor, der kleine Beißer sei wohl von allen guten Geistern verlassen gewesen…

Genau das sagte und meinte hier vor ein paar Tagen Philipp Mauch andere konservative Publizisten zitierend über die Höcke-Rede von Dresden und die schwiemeligen Verharmlosungen, die unglaubwürdige Empörung der AfD-Führer über ihren Parteigenossen – sie haben ihm ja auch schon wieder verziehen: der will ja nur spielen! Nur nicht beachten, dann gibt er auch gleich Ruh!

Mauch sprach davon, Höcke sei für einen Moment von allen Guten Geistern verlassen gewesen – als ob dieser miserable Goebbels-Imitator, wie er noch nicht mal im Kabarett-Programm einer Unterprima, die er vielleicht einmal selbst unterrichtet hatte, zum Lachen gewesen wäre.

Aber Mauch ging noch weiter – denn nicht eigentlich fokussiert sich der konservative Autor wirklich auf den Geschichtslehrer außer Dienst…tatsächlich mäkelte er an der Empörung herum, die Höcke entgegenschlug und nannte sie herablassend linkspopulistisch, als wäre sie eine lästige Pflichtübung. Dann setzt der Autor noch einen Schelm auf anderthalbe und behauptet, die öffentliche Wahrnehmung habe „durch die Migrationskrise eine konservative Korrektur erfahren“ und scheint darüber zumindest nicht unerfreut.

Ich muß das Geraune von der „Korrektur“ korrigieren – die von Mauch sogenannte Migrationskrise ist eine von der AfD und ihrem Straßenkämpferarm PEGIDA hysterisch herbeigeredete Krise, in der sich die Konservativen wohlig einrichten, sich in Apologien von der „bürgerlichen Besorgnis“ ergehen und darauf warten, daß ihnen die ohne Zweifel neofaschistische autoritäre Bewegung politische Beute wie ein Jagdhündchen in den Schoß legt. Es handelt sich um Konservative aus allen Parteien, allen voran die CSU, die sich eher als Schwesterpartei der AfD geriert. Das amerikanische Geschwätz von Grandiosität und Größe, ergänzt durchs deutsch-völkische Vaterland hat ja dann auch rasch der fortunelose weil wenig intelligente Innenminister a.D. Friedrich um eine ähnliche Posaune dieser Tage ergänzt.

Aber was CDU, SPD, Grüne und außerparlamentarisch mümmelnd und von Möllemann träumend die FDP sich in dieser Hinsicht an Drift erlauben (Augeeeen rrrrechts! Halb zog sie ihn, halb sank er hin) besteht im rückwärtigen Parademarsch nach rechts.

DAS ist die konservative Korrektur, auf die diese Konservativen viele Jahre gewartet haben – als ob die Reaktion seit 30 Jahren nicht fröhlichste Urständ gefeiert hätte. Aber das fiel nicht so auf in der bräsig-bleiernen Kohlzeit und noch nicht einmal als sich die SPD unter Schröder (ein Kukul in Nadelstreifen) das eigene Grab schaufelte. Aber Gräber haben ja auch mit Särgen zu tun, über deren konservative Funktion ich bereits etwas sagte.

 Eine Bevölkerung und Beerdigungsgemeinde, die ihre Kanzlerin Mutti nennt, sieht in Merkel letztendlich die Sehnsucht nach Sofa, Tischsets, Schrebergarten, Lebensversicherung und Schützenverein zu Fleisch geworden. Aber leider verwest jegliches Fleisch… – “cave carnem“ – oder „cavete autem carnes“

Eine solche Bevölkerung läßt denken – denn es wäre auch arg viel verlangt, selbst denken zu müssen, angesichts der Komplexität der Probleme, die nicht aus ein paar Hundertausend Flüchtlingen bestehen, sondern aus den Millionen, die aus Armut, Angst und Hunger noch kommen werden. Und sie werden kommen.

Über die sogenannte „Migrationskrise“, die nur wieder Freud und Feind-Denken etablieren sollte, ohne das der Konservative Charakter nicht auskommt, wurden andere Probleme vergessen: Klimakatastrophe, Energiefragen, Ausbeutung von Menschen und ganzen Kontinenten durch Ölkonzerne und Nestlé, die autokratischen Führer von immer mehr Ländern und so weiter und so fort. So lange der Zustrom der Fremden gestoppt ist, können wir wieder frohgemut unserem Tagewerk unter dem Lindenbaume am Brunnen vor dem Tore nachgehen…mit einem Volkslied auf den Lippen in der Heimat des Ännchen von Tharau…

 

Aber noch einmal konkret zurück zu der wohlfeil künstlichen Empörung der Konservativen über „Entgleisungen“ der Neuen Rechten (die natürlich bewußt herbeigeführte Sabotage und Versicherungsbetrug an der Demokratie sind). Wer wie Phillip Mauch über die „Grenzöffnung“ für Flüchtlinge als „Fukushima der linken Leitkultur“ schwadroniert, der zeigt, wer hier und wie den Diskurs wieder an sich reißt, aus den Händen der AfD. Es ist zu spüren: die AfD hat Themen gesetzt, die die Konservativen nicht wagten in jener Inhumanität anzusprechen wie sie diese Partei der Marodeure der Demokratie an den Tag legt. Eine Stilfrage also keine der unbedingten Humanität!

Jetzt prophezeiht Mauch, mit dem nun offen zutage tretenden nationalsozialistischen Gedankenschlecht bei Höcke und in Koblenz auch bei Petry – längst schon stanken Gauland, Poggenburg, Meuthen und Gedeon danach – daß der Anfang vom Ende der AfD begönne. Soll das heißen, der AfD-Mohr hat seinen Auftrag erfüllt, seine Schuldigkeit getan, sie kann nun gehen?

Das heißt, daß die AfD von den Konservativen als Hündchen-Meute nützlicher Idioten auf Jagdgründen angesehen wurde, auf denen man sich selbst nicht die Hände schmutzig machen wollte.

Nur nebenbei eine Klumpfußnote: ganz offen in diesem Sinne haben jüngst Hedwig von Beverfoerde und Erika Steinbach verhalten als sie die CDU verließen – und mein Lieblingsrechtskatholik David Berger, der bedauerte nicht in die CSU eintreten zu können, als er deshalb der CDU beitrat, stimmt ja auch in diesem Sinne Hymnen auf die AfD an. So loben Waidmänner von altem „Schrott du Korn“  ihre Meute.

Doch die Konservativen der deutschen Gaue und Jagdgründe (um mal im Traditions-Bild zu bleiben) haben sich schon einmal bitter geirrt, als sie die NSDAP umschwärmten, umgirrten und glaubten, sie könnten sie nach ein paar Monaten an/in der Koalitionsregierung wieder an die Leine legen. Aber inzwischen war ihr Kukul, der Kettenhund, längst emanzipiert und hatte alles weggebissen, was ihn wieder in seine Hundehütte hätte drängen können.

Wer wie der Kollege Mauch (und so viele Konservative) überhaupt von einer koalitionsfähigen Rechtspartei träumt, der träumt Alp. Rechte Parteien lassen sich nicht zähmen, dazu gehörte Einsicht und Menschennähe. Das ist der große Irrtum der Konservativen, sie glauben, daß Faschismus oder Nationalsozialismus eine Stilfrage sind und daß man deren Zusammenrottungen für kurze Zeit zur „Korrektur“, wie sich Mauch ausdrückt, von political correctness, linker Menschlichkeit und Bereitschaft zur Zukunft und Miteinander, nutzen könne.

Die neorechten Bewegungen in ganz Europa sind also vampirirsches Fleisch vom konservativen Fleisch – das ja in den Särgen aufgebahrt wird. Das konservative Fleisch ist die bürgerliche Bequemlichkeit, der Unwillen, sich gemeinschaftlich der Zukunft zuzuwenden, das Träumen vom angeblich besseren Gestern, von auf ewig festgeschriebenen Familien- und Geschlechterverhältissen, die Sehnsucht nach väterlicher Autorität und mütterlicher Sentimentalität, nach Beherrschung der nächsten Generation bis sie zusammenbricht und die Revolte aufgibt und ebenso wird, wie die Elterngeneration. Wieder einmal zeigt sich mit dieser scheinheiligen Empörung über die Rechtsdrift als bloße Stilfrage: the French have great Food, the British perfect table-manners – oder Die Linken haben Ideale und Träume vom Leben, die Konservativen bewältigen es durch geschliffene Umgangsformen. Was ja nicht heißt, daß man sich auf dem Sofa fläzen möge und seine Füße auf den Tisch legt.

Konservativ sein heißt vampirisch sein: die Eltern nähren sich immer von ihren Kindern, saugen ihnen ihre Träume, ihren Willen zur Zukunft, zur Individualität, ihre Neugier aufs Leben ab und infizieren sie mit Furcht, Hysterie vor dem Fremden, der Tuberkulose des Patriotismus, der Gier nach Materiellem und gleichzeitig der Gier nach Gleichdenke – das nennen sie dann Leitkultur oder Identität…die sie sich nicht als etwas Individuelles, sondern nur als Massenprodukt vorstellen können, aber natürlich gediegen, gedeckt, beige.

Mit seinem Beitrag beschreibt Philipp Mauch die Pikiertheit der Konservativen darüber, daß ihr Schoßhündchen, ihr Kukul doch nicht stubenrein ist, daß er an die Zimmerlinde, die sie so gehegt und gepflegt und vor allem beschnitten und gezogen haben – gezogen an erster Stelle – pinkelt.

So ist es ein Pfeifen (nach dem Hündchen Kukul) im Walde, wenn der Autor das Ende der AfD herbeisehnt – denn die verbündet sich geradezu absurd mit den anderen europäischen Rechten in obszöner Vereinigung zur Monstermeute – der Koblenzer Kongreß war abscheulichte Politpornographie, ein Trailer auf die Gewalt- und Folterpornos, die Realität werden sollen, wenn, wie Björn Höcke schwadroniert, die AfD und ihre inzestuösen Geschwisterparteien 51 Prozent Wählerstimmern haben.

Ja – der europäische Rechtsruck (es hat nie einen Linksruck gegeben) wurde vorbereitet von den Konservativen und Neoliberalen, seit Jahrzehnten – und ich habe ja auch die Grünen und die inzwischen marginale SPD konservativ genannt, indem sie Europa nur noch als Geldmaschine betrachteten, indem sie Wirtschaft als enrichisez vous begriffen, indem sie Bildung pisabeduselt als Erfüllungsgehilfe und Zuchtanstalt für angestellte  Industriesklaven verwesen ließen – und vor allem indem sie immer wieder von Patriotismus, Vaterländern, Leitkulturen schwätzten, anstatt Individuen zu ermutigen,  die tödlich gewiß kommenden Probleme des 21. Jahrhunderts anzugehen mit Intelligenz, Nachdenken und Miteinander, anstatt neoliberal den mörderischen Sozialdarwinismus als Motor der Gesellschaft anzupreisen.

So wurden immer mehr Menschen ausgelaugt und ausgesaugt – deshalb sind unsere westlichen Gesellschaften satt und übermüdet, reich und bitterarm zugleich.   Ja, Marx hatte tatsächlich Recht, den Kapitalismus als Vampir zu bezeichnen, ein goldenes Kalb der bürgerlich konservativen Gesellschaft.  

Graf Krolock aber konnte den Hals nicht vollkriegen und brauchte einen Kukul, der ihm rücksichtslos grausam neue Opfer zuführt….Kukul – das ist bei uns die AfD, in Holland die schmierige Wilders-Partei, in Frankreich der mafiöse Front National- und in den USA nun einer, der auch noch aussieht und sich benimmt wie jeder Trum im Kino. Lächerlich, bemitleidenswerte Zwischengeschöpfe….sie alle. Aber reißerisch, bösartig und gewissenlos.

Angesichts der Orgien an Menschenverachtung, die sie jetzt schon feiern, ist es eine große Illusion, wenn Philipp Mauch und seine „konservativen Publizisten“ meinen, deren Ende sei gekommen, nur weil so ein Kukul so langsam vom Zähnefletschen zum Zubeißen übergeht. Das Beiß-Gelage kommt erst noch…und dann wirklich wie einst ohne Tischsitten, dann wird auf Stilfragen gespuckt – und selbst ich wage nicht zu sagen, was die sich kaum konservativ tarnenden Neorechten dann mit der Demokratie, den guten Sitten und Gebräuchen in rektalem Furor machen werden.

Um mit einem anderen Film zu schließen: „Das große Fressen“ der Rechten, die alles plündern, die Demokratie, das menschliche Miteinander und schlicht auch den Staat, endet im Film mit dem Tod aller Beteiligten. Tabula Rasa…und es kommt keiner, der die letzten Vampire auch noch pfählt. Kukul wird den Mond anheulend übrig bleiben…

 

https://diekolumnisten.de/2017/01/25/graf-krolock-und-sein-kukul-oder-buergerlich-konservative-krokodilstraenen-ueber-schlecht-dressierte-kettenhunde/

 

SEMPER SEQUOIA Tristan

Redwoods Trail

 

 

S E M P E R   S E Q U O I A Tristan

 

Wind über dem Silt zaghaft dissonant wie Celli und Oboen. Noch kriecht der Sand über den Boden, dann überschlägt er im Dreisprung. Und Wind und Sand wird Sturm und wirbelt über die verkohlten Stämme, die aschenen Kronen, das verbrannte Geäst und trägt fort was er kann vom Grenzwald bis in die Schlucht.

Rot und hoch hatte der Brand gewütet in den kümmerlichen Fichten zwei Jahre nach dem Krieg; wer hatte da eingeschlagen? Ein Sommerblitz oder ein Ungewitter aus Hitze und Wut, das Flammen an die dürren Kiefern legte. Wollte wer nicht, daß die Niederländer im Grenzwald, ihrer Sperrzone, fällten das dürre Gehölz auf dem Sand: Reparationen.

Sommerhitze oder Sabotage – ganz gleich, der Brand fraß alles Holz und übrig blieben Asche und Schluff. Sandstürme trugen das fort nach Westen: da lag Brabant, das sandige Land, flach und weit, wo sich die Wolken türmten über den Niederlanden wie bei Frans Hals, Vermeer und Hobbema. – Heute ist die Grenze nicht mehr, und Wolken waren niemals holländisch oder deutsch. Die wehen heute abend mit dem Westwind über die neuen Forsten herüber. Die Bäume sind mal gerade sechzig Jahre alt und halten jetzt den Sand mit ihren Wurzeln. Keine Stürme mehr.

Der alte Mann steigt mühsam aus der Taxe, er zieht sich an der Türe hoch. Der Taxifahrer reicht dem Alten den Stock. Ob er nicht warten solle, es sei doch niemand da um diese Zeit, das Arboretum längst geschlossen. Der Alte schüttelt den Kopf, die Gegend sei ihm bekannt, von früher. Er komme schon allein zurecht – und zahlt und sieht dem Taxi nicht mehr nach, wie es um eine Birkenbiegung fährt und fort ist. Davor wogt Rhododendron violett wie an den Wällen des Sieks auf den Schwelmer Höhen.

Der Wind weht Fetzen von Papier herüber, das ist die Spur zur Erlenhöhe hoch. Der Boden ist schon klamm, die Erde riecht nach Moos und Pilzen. Warnt da ein Eichelhäher durch den Forst? Jetzt ist es still! Ein Licht für Füchse, die können sich darin verbergen, liegt gold und rot, auf dem gefärbten Laub. Doch dieser Fuchs kommt ihm nicht aus. Der Fähnleinführer Horst hockt in der Erlenhöhle. Da dürfen die anderen nicht hin, das hat der Fähnleinführer befohlen als die Schnitzeljagd begann. Nie war er in der Erlenhöhle, dort spukt es, sagt man, und da ist ein Sumpf, wer einmal falsch tritt, sinkt hinab in Ewigkeit und taucht nie wieder auf. Dort wo die Sonne nicht mehr lodert, hockt Horst auf dem Boden und wartet auf ihn. Blond ein Schwung an Stirn und Scheitel, im Nacken ausrasiert, die Haut ist braungebrannt vom Sommer und seine Augen haben fast das gleiche goldene Braun wie seine Haut.

Menschen mit braunen Augen darfst du nicht trauen, mahnte Marlies den Sohn. Er wollte ihr dazwischen gehen: wie sie dem Sohn solchen Unsinn beibringen könnte? Er tat´s aber nicht und sprach nicht mit ihr. Die machte dem Sohn den Freund schlecht. Den konnte sie nicht leiden, den braungebrannten, aschblonden, den braunäugigen, der hätte Zigeuneraugen, der taugte nicht als Freund für den Sohn, der war zu frech und zu schön, der lachte so dreist und der Sohn war ganz verschossen in ihn. Da liefe was schief, das könnte sie nicht dulden. Zum Sohn war sie hart, damit der nicht weich würde. Da hatte sie wohl recht. Er kannte es auch nicht anders, und vor den braunen Zigeuneraugen hatte auch ihn seine Mutter gewarnt. Die konnte den Horst nicht leiden. Der wäre nicht der richtige Umgang; doch, was richtete sie aus gegen den Fähnleinführer der Pimpfe. Da mußte die Mutter schweigen. Die schwieg immer, sobald sie ein Parteiabzeichen sah und eine braune Uniform.

Das Haus am Ende des Heckenweges ist neu. Fachwerk aus neuem Lehm und Stroh und neuem Eichenholz, das fügt sich unter die Linden. Wacholder gibt es auch. Der Wind weht von Holland, der alte Mann spürt warm den Geruch von Heide und Moor.

So roch es an der Schäferkate, dem kleinen Fachwerkwiemen. Dort wartete die Mutter vor den Bomben aus Schwelm hier an die Grenze zu Holland in die Heide evakuiert auf ihre Söhne. Der älteste blieb ihr in Rußland, den konnten sie nicht in der gefrorenen Erde begraben. Der zweite lag, ein leichenloses Kreuz, an der Somme, bloß er kam zurück aus dem französischen Depot. Die Mutter nickte nur als er kam und schwieg und scheuchte die einzige Tochter durch die Baracke zum Putzen.

Abends hielt er es in der Kate nicht aus. Er hockte sich in die Heide. Der war noch immer so sandig der Boden im Grenzland zur Maas. Den mußten sie verbessern, als Arbeitsmänner, erdbraun die Uniformen. Die wurden ihnen zu warm, und Horst zog Rock aus und Hemd und wurde noch brauner, so kräftig die Schultern. Die berührte er abends wie aus Versehen. Horst wandte sich ihm zu und lächelte bloß. Er drehte sich weg, rot im Gesicht und dachte an die braunen Augen und ihre Gefahr.

Was hockst du hier jäiden Abend im Jraas und läßt mich allaijn? Den Königsberger Akzent hatte die Mutter nicht verloren, nachdem der Mann aus Schwelm sie geheiratet hatte. Däijn Vater ist tot und daijne Brüder auch, du bist jazzt der äijnzije Mann in der Famillje. Sie schnürte sich den Dutt streng auf dem Hinterkopf. Sieh dich nach Arrbeijt um und traijm mir nich die Nächte durch. Das bringt uns nuscht!

Die Schritte schwer auf dem Kiesweg. Der Birkenhain raschelt. Kein Mensch um zehn, im Abendlicht im Arboretum. Die Birken und die Rhododendronhecken, der Tulpenbaum da drüben mit den gelben Kelchen wie aus Wachs – alles neu.

Das gab es damals nicht als sie Humus ausbrachten, die Spaten kloppend beim Ehrendienst am Volke. Tagsüber graben, abends zur Klampfe singen und rasch die Lagerfeuer löschen wenn fern die Christbäume leuchteten – dann brummten bald die britischen Bomber zum Ruhrgebiet hinüber. Sie kauerten in den verdunkelten Nissenhütten. Einmal griff er erschrocken Horsts vom Graben schwielige Hand – der hockte neben ihm, die anderen sahen es nicht – als wie zum Spaß ein Bomber auf dem Rückflug, das was er nicht losgeworden war, auf Kaldenkirchen hinab ließ.

Die Marlies kannte das Gefühl so todeserschrocken zu sein: das brachte sie einander näher. Der war die ganze Stadt von Phosphorbomben am Karfreitag, es war eine katholische Stadt, zerborsten. Der Mutter gefiel die Marlies nicht, auch wenn sie sich die Haare brav zum Dutt band und keine braunen, doch grüne Augen hatte. Ein Schatten Braun war darin, ganz fein. Der fiel der Mutter auf und darum konnte sie die Schwiegertochter ein Leben lang nicht leiden. Nur den Enkel liebte sie, auch wenn der die Augen der Mutter hatte und die Brauen so feingeschwungen wie der Horst. Den Enkel hätschelte sie, verwöhnte den mit Königsberger Marzipan – geflämmt – und warnte ihn vor schönen Menschen und vor braunen Augen, auch wenn das beim Sohn nichts genützt hatte.

Das Licht läßt nach, bald kommt die Nacht, die kein Vergessen gibt, wie keine Nacht. Schlaflosigkeit ist sein zermürbender Begleiter der ganzen Jahre. Er dämmerte bloß und Marlies schlief. Sie hatte oft Alpträume von den Phosphorbomben, die machten den Stein ihrer Stadt zu Lava, sie träumte auch, daß er sie verließ, das ahnte er, wenn sie im Traum nach ihm schrie, sie träumte auch von dem Sohn, sie fürchtete, daß der ihr entglitt und sich sehnte nach Aschblond und braunen Augen. Und während sie unruhig schlief und er nicht schlafen konnte, rauschten vor dem Fenster im Garten die Birken, die standen im Spalier einen Gang lang im Garten wie in

´s-Hertogenbosch hinter dem Tor.

Dahin war er gefahren, er wollte die Aschengräber sehen, den Waschraum, die Baracke, das Krematorium und den Seziertisch. Die Türme stehen bis heute auf dem Brabanter Sand. Den betrat er mit achtzig, längst war Marlies tot, der Sohn war den braunen Augen gefolgt, der meldete sich nicht, verzieh ihm nicht, daß er geschwiegen hatte, als ihn die Mutter vor eben den braunen Augen warnte. Er hatte immer geschwiegen, wenn seine Frau wütete gegen den Sohn, die meinte es doch nur gut.

Noch vor dem Frühstück, sie hatten sich gerade gewaschen, bevor sie wieder ausrücken mußten zum Grenzwald und graben, wurde Horst zum Truppführer befohlen. Sie rückten aus, der Mittag kam, nur Horst nicht zurück. Am Abend nicht, am nächsten Morgen nicht. Nie mehr. Die Kameraden machten Pscht, frag nicht nach ihm. Den schicken sie, der Kamerad hob sein Kinn und wies nach Westen, ins Lager in Brabant. ´s-Hertogenbosch! Das solltest du besser nicht kennen. Grab weiter. Er grub bis zum Abend und wollte den Spaten nicht lassen als die andern längst ihr Brot und ihre Suppe aßen. Dann war Verdunkelung und die Britenbomber brummten nach Osten.

Die kräftigen Stämme, dunkelbraun und rotorange im letzten Licht, die sind erst sechzig Jahre alt und hoch schon wie ein siebenstöckiges Haus, die Mammutbäume, die wurzeln in dem Humus, den er und Horst und all die anderen aufbrachten vor noch mehr Jahren. Die sind im Arboretum nicht so hoch wie an den Hängen der Sierra Nevada. Da ragen sie mächtig und braun und grün, khaki und ocker zum Himmel und schaffen Schatten und sind immerwährend.

Er hatte sich ins Flugzeug gesetzt, nachdem Marlies tot war und seine Schwester besucht. Die hatte neunundvierzig einen Amicolonel geheiratet, um der Mutter zu entkommen. Jetzt lebte sie als solvente Witwe in San Francisco.

Komm, hatte sie ihm gesagt, besuch mich, wer weiß, wie lange wir noch leben. Wir haben uns so lange nicht gesehen.

Sie fuhren im Cable Car. Sie zeigte ihm die Castro Street, er wußte nicht warum. Dann fuhren sie in die Berge hinauf. Sie zeigte ihm die Mammutbäume. Ausbreiten mußten acht Männer ihre Arme, um die Stämme zu umfassen. Sequoia live forever war auf einem Schild zu lesen, im Schatten, braun und grün. Daneben eine Scheibe Baum mit ungezählten Ringen. Auf einen wies ein Pfeil – 1066, die Schlacht bei Hastings. Ein zweiter Pfeil auf einen weiteren Jahresring – 1939, der Kriegsbeginn. Ein dritter Pfeil am letzten Ring – 2001, der Baum gefällt. Da starb ihm seine Frau.

Hier, sagte er, und wies auf einen Ring am Rand, bin ich geboren. Wann werd ich sterben? Bald! Seine Schwester lachte in all dem Grün, in all der Ewigkeit.

Jetzt leuchtet schon der Mond, das Grün der Sequoien funkelt. Die Wacholderspitzen in der Heide funkelten genauso.

Was hockst du hier draußen und träijmst und trauerst? Der Krieg hat mir zwäij Söhne jäijnommen. Ich kennte trauern, aber du?

Ich trauere um meinen Freund, den Horst. Den steckten sie ins Lager. Ich hab ihn nie mehr gesehen.

Ich saaje es dir äijnmal und nie wieder. Wenn der nich ins Lager jäijkommen wärr, dann du. Ich mußte mich entschäijden. Däijn Truppführer ließ mir käijne Wahl! Du oder er! Und sie drehte sich auf dem Absatz und verschwand in der Kate. Kalt, kalt wurde die Nacht und er rannte hinaus in die Heide mit seinen letzten zwei Chesterfield in der Tasche und einem Streichholzbriefchen. Und die Hölzchen brannten und die Zigaretten und die Heide war trocken und loderte, das rauschte wie die Sequoien rauschen. Das ist der Wind von Brabant, der rauschte des Nachts auch herüber, wenn sie in den Zelten lagen auf ihren Pritschen, er neben Horst und sich manchmal berührten, nicht mehr, aus Angst vor dem Licht und der Häme der andern. Das Rauschen war traut, das Rauschen war Vergessen, das löste sie los von der Welt, das hatte keinen Namen, das band sie zusammen, dessen waren sie sich nicht bewußt.

Rechts und links die Mammutbäume, auf der weichen Erde Moos im Dunkel, längst entglitt ihm der Stock aus der Hand, er geht durchs Weiche und den Duft der Nacht, er sinkt hernieder auf die Knie, die schmerzen nicht, er gleitet hinab auf den Boden, den machten sie einmal reicher mit Humus. Wie er wächst und groß wird, wie sich das Denken auflöst und endlich der Schlaf kommt. Er atmet, eine freie Brust, die ihm bis gestern noch Mühe machte, längst nicht mehr bewußt.

Am nächsten Morgen stapfen Studenten durch den Mammutbaumwald. Sie zählen den Bestand.

Scheint, als ob hier die Liste nicht ordentlich geführt wurde, ruft der eine dem anderen zu. Nach der letzten Zählung dürften hier nur sechzig Bäume sein, ich zähle einen mehr.

Unsinn, meint der Kollege und zählt noch einmal nach.

Tatsächlich, du hast Recht. Es ist einer mehr, der ist nicht auf der Liste. Und dabei ist er der größte und mächtigste und wohl der älteste.

 

 

Sequoien – das sind Mammutbäume.

Seit mehr als sechzig Jahren werden sie unweit von Kaldenkirchen auf einem ehemaligen Heidegebiet direkt an der niederländischen Grenze gezüchtet; dort gibt es auch ein Arboretum, einem Baumpark, mit einem Sequoienwald.

Nach dem Krieg hatten die Holländer dieses Heidegebiet requiriert. Es ging im Sommer 1946 in Flammen auf – ob es ein Unglück oder Brandstiftung war, ist bis heute ungeklärt.

Wenige Kilometer hinter der Grenze lag einmal das größte Konzentrationslager im Westen – s`Hertogenbosch.

 

Mammutbäume gedeihen auf sandigem Boden – am besten mit einer bestimmten Körnung, dem Silt. Den liebt besonders Sequoia semper virens, das heißt die Ewiglebende, denn sie kann bis zu 1500 Jahre alt werden. Sie ist eigentlich heimisch auf den Küstenausläufern der Rocky Mountains in Kalifornien nahe San Francisco. Dort spielt eine Schlüsselszene in Alfred Hitchcocks schönstem Film Vertigo. Der Held dieses Filmes leidet an seiner Liebe zu einer Toten. Die Musik zu Vertigo schrieb der geniale Filmkomponist Bernard Hermann als eine moderne Hommage an Richard Wagners Tristan und Isolde.  

https://www.bing.com/videos/search?q=youtube+bernard+herrmann+vertigo&view=detail&mid=CDF786B5CEA5CCBC126BCDF786B5CEA5CCBC126B&FORM=VIRE

 

Diese Erzählung ist erschienen in:

http://geest-verlag.de/news/friedenlieben-die-anthologie-der-6-berner-b%C3%BCcherwochen-der-endbearbeitung

 

 

 

Gestern Abend bin ich einer der Preisträger im Literaturwettbewerb „COMING OUT“ des „Geest-Verlages“ in Berlin geworden….

Dies ist mein Beitrag – nachzulesen in dieser Anthologie, die ab heute im Handel ist….übrigens lohnen auch einige andere Stücke das Lesen, keine Frage…

https://www.amazon.de/Weil-ich-bin-Coming-out-Geschichten-verschiedener/dp/3866856687/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1521916937&sr=8-1&keywords=weil+ich+so+bin+geest+verlag

Taschenbuch, 284 Seiten
„Weil ich so bin“
Geest Verlag
Hrsg..Stephan Hölscher, Alfred Büngen,Jens Korthals
Texte verschiedener Autoren

 

 

covercomingout

„Weil ich so bin“

 

 

 

Strathaus

Wir nahmen ihn nicht ernst, denn er war nachsichtig und fair. Alte Schule – nicht unsere. Einmal hatten die üblichen Verdächtigen, gleich fünf an der Zahl, in einer Reihe hockend die Lateinklausur so blöd voneinander abgeschrieben, daß alle die gleichen Fehler gemacht hatten. Natürlich hatte er das gemerkt. Er schlug ihnen vor, eine fünf für den Betrug oder Nichtwertung falls sie ihm in die Hand versprächen, es nicht wieder zu tun. Fragt noch jemand, wofür sie sich entschieden?
Er hatte noch nicht mal einen Spitznamen, mit dem man sich sonst gegen die Unerträglichen wehrte. Der zackige Chemielehrer: der uns regelmäßig erlaubte über seine Kasernenhofwitze kurz und militärisch zu lachen und dann erzählte wie er als Laborant die Möhnetalsperre zum Schutz vor Angriffen vernebelt hatte, kriegte den Namen Eisenfuß verpaßt, weil er kriegsversehrt hinkte. Und Willi Schmitz, bei dem wir Deutsch hatten, hieß Schmatz Wallach – wohl weil wir ahnten, wie impotent er zu Knaben neigte. Er drosch mit den Knöcheln auf die Bänke, daß sie wie ein Kanonenschlag knallten. Seine Fingerknochen strahlten blaurot und gichtig, er genoß diesen Schmerz, weil wir erschraken, und genoß es noch mehr Träumer im Unterricht von hinten anzuschleichen, sie in den Schwitzkasten zu nehmen, unter seine verschwitzte Achsel zu drücken und ihr Gesicht an seiner Pollunderbrust zu reiben. Die müffelte nach Mottenpulver.
Strathaus war anders. In sich gekehrt, oft versunken. Mehr als einmal passierte es, daß er die Lateinstunde auf Englisch begann, weil er sich im Fach geirrt hatte. Ich bewunderte seine Sprachkenntnis: Latein, Griechisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Selbst die alten Sprachen beherrschte er fließend. Er zitierte aus französischen Romanen, den Shakespeare leichter Hand und summte Passagen aus Verdiopern – die meisten versuchten dabei nicht mal ihr Grinsen zu verbergen. Man konnte ihn zum Erzählen bringen, so daß er seine eigentliche Aufgabe vergaß – aber welche war das? – und er sprach von seinen Kriegserlebnissen unter Rommel in Nordafrika. Er erzählte von den Wüstenkämpfen, der Erschöpfung, die ihn im Stehen schlafen ließ oder von dem geheimen Besuch auf einem Sklavenmarkt in Tunis. Es wurde nie so ganz klar, ob er diese Zeit fürchterlich fand oder doch befreiend, weil sie ihn fortgeführt hatte aus der Enge unserer gemeinsamen Heimatstadt. Mit Stichworten zur klassischen Geschichte konnte man ihn anregen: Titus Manlius Torquatus, Wanderer kommst du… – und einmal warf einer aus der Klausurbetrügerclique mit Grinsen „Knabenliebe“ in den Klassenraum. Er zuckte kaum merklich und hielt einen Vortrag über den pädagogischen Eros. Eine große antike verschollene Sache aus mythischen Zeiten. Die Clique hörte gar nicht zu – immerhin: kein Latein an jenem Morgen.
Für uns war er alt – über fünfzig, grau wie sein Anzug mit obligatorischer, schmaler Krawatte. Er lockerte sie nie. Nie sah man ihn im Sommer mit hochgekrempelten Ärmeln. Er roch nach Hoffmanns Wäschestärke und Old Spice. Seine Kollegen machten in anderen Unterrichtsstunden mokante Bemerkungen über ihn: ein Sonderling und Einzelgänger, keine Frau. Er lebte mit seiner Schwester zusammen. Die führte ihm den Haushalt in einem Bungalow weit draußen außerhalb der Kernstadt. Ein Auto besaß er nicht – jeden Morgen kam er acht Kilometer stramm marschierend zu Fuß und ging am Nachmittag acht Kilometer im gleichen Schritt zurück, nur manchmal gestattete er sich dann einen kaum merklichen Schlenderrhythmus, und die alte Aktentasche schien ihm leichter als auf den Hinweg.
Ich weiß bis heute seinen Vornamen nicht. Meinen kannte er wohl – aber bis zum Ende der Mittelstufe – so war das üblich – wurden wir nur beim Nachnamen genannt. Ab der Obersekunda galt noch immer bloß der Nachname, aber auch das „Sie“. Im Leistungskurs Englisch – ich war froh, daß er ihn leitete – nannte er mich manchmal bei meinem vollen Namen. Die anderen, denen das nicht widerfuhr, merkten es gar nicht. Das begann als wir endlich Shakespeare lasen – wie hatte ich das herbeigesehnt; leider nicht, wie im Parallelkurs „Macbeth“ – denn es gab bloß jeweils einen klassenstarken Satz an Peguinausgaben; für meinen Kurs blieb nur der „Julius Cäsar“.
Das war das Jahr, in dem ich „aufgeflogen“ war. Meine Mutter, die regelmäßig meine Sachen durchschnüffelte, hatte ein paar Ausgaben „HIM“ gefunden. Jeden Monatsanfang schlich ich unter Herzklopfen zum Kiosk am Bahnhof und schmuggelte von dort das neue Heft in mein Schreibtischfach. Seitdem wußte ich, daß Geheimnis und Verbergen zu mir gehörten.
Die Mutter rannte zum Pfarrer, damit er mir „das“ und die andere Neigung zur Literatur austrieb. Dann kamen Verhör, Verurteilung – Absonderung. „So einer wie Du wird nie Freunde finden. Du wirst nie glücklich. Selbst deine tote Großmutter, die du so geliebt hast, mehr als mich“, sagte meine Mutter, „das weiß ich ja genau, würde dich ekelhaft finden. Und außerdem machst Du das doch nur um mich zu verletzen…“ Mein Vater schwieg ein halbes Jahr, nicht mal einen „Guten Tag“ erwiderte er und sah mir nicht mehr ins Gesicht… Erst als er alt war und Witwer blickte er mich wieder an und nannte mich, meinen Namen hatte er seit damals nicht mehr ausgesprochen, manchmal zaghaft „Wolfgang!“.
So wie Strathaus – er war der einzige Lehrer, der mich beim Vornamen nannte: „Wolfgang, würden Sie bitte für morgen die Rede des Mark Anton vorbereiten?“ Aber natürlich! – Er wußte mit welcher Freude ich „Friends, Romans, Countrymen…“ deklamierte; er sagte, ich hätte Talent. Bis zum Abitur war ich der einzige, der Monologe, Gedichte oder Romanpassagen mit schottischen „r“ vortragen durfte. Ich spürte ein kleines Gefühl von Sprachglück – mehr würde es nie geben, war mir klar – während die anderen gähnend mit den Schultern zuckten.
Einmal wagte ich es, ihm den Übersetzungsversuch eines Novalis-Gedichtes zu reichen. Was er davon hielte?
Hinüber wall ich und jede Pein
wird einst ein Stachel der Wollust sein…
…das wollüstige Schmerzgedicht eines todessehnsüchtigen Schwulen; aber das wußte ich noch nicht damals. Was ich wußte, war was ich empfand: die große Einsamkeit, in die ich mich eingewöhnte wie in eine Rüstung. Wenn es schon keine Liebe gab, dann sollte man glauben, daß ich auch ohne sie auskäme. Es war glaubhaft.
Eines Tages, nach der Rückgabe einer Klausur, die wie immer und selbstverständlich die beste des Kurses war – nur einmal gab es eine Eins minus weil „Sie es noch etwas besser hätten machen können, ich bin überzeugt, Wolfgang!“ – überreichte mir Strathaus, als wir in die Pause stürmten, einen dünnen englischen Band übers Lyrikschreiben von Auden, der würde mir sicher viel Anregung geben können. Er hatte ihn wohl erworben, als er so alt war wie ich. Wie schmallippig, leinengebunden, in Book Antiqua gedruckt, eine Schrift in der ich noch heute alle meine Texte schreibe..
Soviele Jahre später bin ich überzeugt, er ahnte wie es mir ging, aber er vermochte längst nicht mehr als ein Buch anzubieten. Und das war für mich schon reichlich, ich war bereits bescheiden geworden. Es war undenkbar, daß nur ein Gran mehr an Zuwendung hätte geschehen können. Er hatte sein Leben längst abgelegt und gegen Haltung eingetauscht, sonst hätte er womöglich nicht überlebt – er wurde zum Vorbild.
Vor einiger Zeit traf ich zufällig jüngere Kollegen von ihm, nun auch schon Rentner. Die machten sich noch heute über ihn lustig, sprachen „es“ nicht aus – de mortuis nil nisi bene hätte er gesagt – aber da wurde mir klar, daß sie ihn damals durchschaut hatten, was sie von ihm gehalten hatten, obwohl er das sprachlose „es“ doch so gut verbergen konnte.
Einmal noch, nach dem Abitur, sind wir uns begegnet. Ich fuhr mit dem Fahrrad von einem Semesterferienjob durch das Außenviertel, in dem er lebte. Ich erkannte ihn schon von weitem an seinem typischen Heimwegschritt, er hatte mich erst gar nicht bemerkt und schreckte hoch als ich ihn beim Namen grüßte. Und dann lächelte er, kaum merklich, weil wir einander erkannt hatten. Ich lächelte auch kaum merklich zurück – jeder ging seines Wegs – und das war alles.

„Coming Out“ – Strathaus

Sie hätte so gern auch einmal getanzt

And now to something completely different…
Dies war mein Geschenk zum 80.Geburtstag meiner Freundin Ingrid Dierkes. Sie ist die Witwe des Bildhauers Karl-Josef Dierkes, mit dem mich auch eine enge Freundschaft verband. Ingrid bemüht sich bewegend um seine Erbe und darum sein umfangreiches Werk lebendig zu erhalten: monumentale Bronzeskulpturen, eine große Anzahl kleinerer Werke und die zahlreichen Bände mit Lyrik, die in seinen letzten Lebensjahren entstanden, als seine körperliche Verfassung die schwere Bildhauerarbeit nicht mehr zuließ.
Beide haben mir oft aus ihrem Leben erzählt – und mit dieser Geschichte habe ich versucht, mich bei ihnen für dieses Vertrauen zu bedanken.
Da diese Geschichte so schlecht in einen Anthologieband paßt -aber warum eigentlich nicht? – Setz ich sie mal hier her, damit sie mehr Leser findet….

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_J._Dierkes

Bild: „Die Liegende“ – copyright Neue Westfälische

Musik liegt in der Luft
Wenn Du in meiner Nähe bist
Und ich spür diesen heimlichen Zauber
Den man einmal erlebt
Und dann nie vergißt
Musik liegt in der Luft
Wenn du durch meine Träume gehst
Und ein Lied klingt in mir
Und klingt bald auch in Dir
Denn Musik liegt in der Luft…

.. wie sich der Ohrwurm eingeschlichen hatte, es war, als steckte er schon in den Falten der Kleider. Seit gestern summte und sang das Lehrmädchen diesen Schlager von Catarina Valente und steckte damit alle an. Er ging niemanden mehr aus dem Kopf. Die ganze Belegschaft war wie infiziert, selbst die Direktrice, die sonst immer so streng blickte – das reichte schon, um sich zurückzunehmen – wiegte den Kopf und brummte Häppchen der Melodie und wenn sie jemand dabei ertappte, verschluckte sie die letzten Töne, aber es war sicher, daß sie in ihr nachklangen. Das ganze Geschäft war beschwingt und es fehlte nicht viel, daß in den Gängen zwischen Warenregalen und auf dem Platz vor den Tresen getanzt wurde.
Eine leichtfertige Beschwingtheit hatte die Belegschaft ergriffen und wenn sie sicher gewesen wäre, daß keiner zuschaute, hätte sie sich womöglich auch in den Hüften und Schultern gewiegt und mit den Fingern den Takt auf der Theke getrommelt – aber noch steckte ihr die Erkältung der letzten Tage in den Knochen. Die Nase triefte aber schon nicht mehr so haltlos wie gestern und die Augen waren am Morgen bereits nicht mehr gerötet und tränten kaum noch. Auch in der Brust ballte sich nicht mehr der Husten wie Vortags – das Atmen war freier geworden.
Sie hatten geholfen, die Mittel, die der große Mann mit dem westfälischen Schädel ihr urplötzlich in die Hände gedrückt hatte. Durch den feuchten Schleier ihres Grippeblicks hatte sie ihn kaum ins Geschäft kommen sehen. Statt ihn als Kunden anzulächeln nieste sie ihn an. Ihr war es peinlich, er lachte, aber nicht gehässig, eher vergnügt und sie spürte seinen Blick, der von oben bis unten Maß nahm…einen Blick, wie sie später feststellte, für Proportionen…
Bevor sie ihn nach seinen Wünschen fragen konnte, hustete sie ihm etwas. Er zuckte nicht zurück – überhaupt sah er so stabil aus, als könne ihm ein schäbiger Schnupfen nichts anhaben – er hob die Rechte leicht zu einer beschwichtigen Geste und rief mit einer kräftigen, nicht unfreundlichen Stimme: „Einen Augenblick! Da ist doch eine Apotheke nebenan, oder?“ und war mit ein paar ungewandten Schritten schon wieder zur Tür hinaus.
Sie warf ihrer Kollegin einen fragenden Blick zu und hob die Schultern an…war das ein unentschlossener Kunde oder bloß ein fahriger Kauz, der sich in der Ladentür geirrt hatte? Das Lehrmädchen schürzte die Lippen und tippte sich an die Stirn.
Sie putzte sich, zum wievielten Mal heute? , die Nase und mühte sich vergeblich, leiser zu schnäuzen. Sie brauchte ein neues Taschentuch und eilte fort aus dem Laden nach hinten in den Aufenthaltsraum fürs Personal, um das dritte Tuch für diesen Morgen, das sie vorsorglich eingesteckt hatte, aus ihrer Handtasche zu holen.
Sie ließ sich auf den Cocktailsessel mit dem gelben Kunsttoffbezug sinken und stellte die Tasche auf der Glasplatte des Nierentisches davor ab. Vielleicht sollte sie doch den Nachmittag freinehmen und sich ins Bett legen; so schniefend konnte sie eigentlich keine Kunden mehr bedienen. Sie schloß die Augen und massierte sich mit der Rechten den steifen Nacken.
„Aber Sie können doch nicht hier herein, mein Herr“, hörte sie die strenge Stimme der Direktrice auf dem Flur.
„Ist es das hier?,“ fragte der Mann, der eben das Geschäft fast fluchtartig verlassen hatte und stand schon im Türrahmen, die Tür hatte man herausgehoben und mit einem Druckvorhang versehen – bunte Scherenschnitte aus Italien, venezianische Gondeln und die Rialtobrücke. Der Mann zog die touristischen Sehnsuchtsbilder, wer konnte sich damals schon eine Urlaubsreise nach Venedig leisten, ungehemmt zur Seite, setzte einen schweren Schritt in den Raum, kümmerte sich gar nicht um die aufgelöste Direktrice hinter ihm und hielt der im Sessel Schniefenden eine Apothekertüte entgegen.
„Hier, Fräulein“, sagte er bestimmt und freundlich: „Jetzt gehen Sie mal nach Hause und nehmen das. Und dann sind Sie morgen wieder auf dem Damm! Ich komme und erkundige mich dann nach Ihnen!“, das sagte er so bestimmt, daß man es ihm glauben mußte.
Er machte noch einen weiteren leicht unbeholfenen Schritt auf sie zu, was ihr nur angesichts seines großen und schweren Körpers auffiel, der sich leicht zur Seite neigte und stellte die Tüte auf dem Tisch ab. Er holte eine Flasche Hustensaft heraus, einen Tiegel Wick Eukalyptussalbe zum Einreiben und ein Päckchen „Erkältungstee“ – wie auf dem Aufkleber zu lesen war. Er kippte die Tüte ein wenig: eine Großpackung Tempo-Tücher rutschte noch heraus – und ein Röhrchen Halsbonbons.
Sie war sprachlos, nicht nur, weil ein Huster ihr die Stimme verrauhte…Die Direktrice war perplex hinter dem Mann stehen geblieben und wandte sich hilflos zum Gang, wo wohl die beiden Kolleginnen standen, die hinterher gelaufen waren und alle staunten über den heilsamen eukalyptischen Ringelblumenreichtum auf dem Tisch.
„Das ist ja“, stammelte die Direktrice verblüfft, “ sehr freundlich, mein Herr…aber…“ doch ihr fiel nichts ein, was sie wirklich einwenden konnte gegen diese Erkältungs-Erste-Hilfe.
„Sie können doch die junge Frau nicht so stark erkältet hier im Laden husten und schniefen lassen…da muß man doch was machen…“ sagte der Mann mit fester Stimme.
Wie sie da verblüfft in ihrem Sessel kauerte, wunderte sie sich, womit sie diese freundliche Anteilnahme verdient hatte. Die sprachlose Verwirrung wich einigen verlegenen Dankesworten, zum Plaudern blieb nicht viel Zeit, im Laden ertönte die Türglocke und die Kolleginnen eilten zurück in den Verkaufsraum. Die Direktrice machte hinter dem Rücken des Kunden eine Geste mit dem Kopf, die wohl bedeutete: bedanken und dann rauskomplimentieren.
Sie erhob sich aus dem Sessel, ging zwei Schritte auf den Medikamentenmann zu, blieb stehen und vermied, ihm die Hand zu geben. Heiser brachte sie hervor, sie wolle ihn nicht anstecken, und er hatte wohl begriffen, daß es jetzt besser war, zu gehen. Er reichte zurück an den Türrahmen, wie um Halt zu suchen für eine Drehung auf dem Absatz, die er vollführte, schaute sie dabei unverwandt an und sagte mit einer bestimmten Keckheit: „aber morgen komme ich wieder und erkundige mich, wie es Ihnen geht! Es muß Ihnen morgen besser gehen“, bestimmte er heiter!
Tatsächlich am nächsten Tag fühlte sie sich schon weitaus besser und ließ sich von dem Summen der anderen anstecken…
..Musik liegt in der Luft
Wenn du in meiner Nähe bist…
Er wird nicht kommen, sagte sie sich schon am frühen Morgen und ertappte sich dabei wie sie manchmal über die Auslagen im Schaufenster hinaus auf die Straße spähte. Natürlich war sie wieder im Aufenthaltsraum, als er am Nachmittag das Geschäft betrat. Das Läuten der Türglocke war wie bei allen Kunden, aber es war als könnte sie die Verwunderung ihrer Kolleginnen spüren, darüber daß der kuriose Mann gekommen war wie er es angekündigt hatte.
Sie sprang auf, huschte beim Spiegel vorüber, strich sich übers Haar, zupfte den Blusenkragen zurecht und war wohl noch nie mit so wenigen Schritten im Laden gewesen. Da stand er vor dem Tresen, aufrecht, mit breiten Schultern, mehr als einen ganzen Kopf größer als sie und lachte.
„Sie sehen schon viel besser aus als gestern,“ freute er sich.
Die neugierigen Blicke der gesamten Belegschaft waren zu spüren. Sie stammelte unbeholfen etwas von Dank und Verlegenheit, fragte wie denn ein Fremder auf so freundliche Ideen käme, er winkte ab, sie versuchte zu antworten, er ließ ihre Schüchternheit nicht gelten und erst als das Glockenspiel der Tür verhallt und er längst wieder auf der Straße war, schoß es ihr durch den Kopf. “Was habe ich denn da gemacht? Ich hab mich von einem wildfremden Mann zum Essen einladen lassen!“
Die Kolleginnen, die Direktrice und das Lehrmädchen redeten auf sie ein, das sei ja ein doller Kunde, der habe sie überrumpeln können, sie sei doch sonst nicht auf den Kopf gefallen, wer weiß, was solche dreisten Kerle vorhätten, sie dürfte bestimmt die Verabredung nicht einhalten – aber sie wußte, sie wollte es auf jeden Fall und das erneute Schellen der Glocke, das neue Kunden in den Laden begleitete, zerstreute alle Ahnungen von Abenteuer und Verwegenheit für den Moment.
Damals nannte man solche Männer noch Kavalier. Nein, er kam nicht auf einem Schimmel geritten, hatte kein Bukett Rosen im Arm oder legte gar seinen Mantel über eine Straßenpfütze wie sie es einmal in einem Ritterfilm gesehen hatte. Er holte sie vom Geschäft mit seinem Ford ab – ein roter auch noch, wie verwegen – und fuhr mit ihr zu einem der damals wenigen besseren Restaurants in Kassel nahe der Wilhelmshöhe. Sie war noch niemals dort gewesen, es war ziemlich kostspielig. Der Kellner half ihr aus dem Mantel und schritt erhaben vor ihnen zum Tisch…eine junge Pianistin saß auf einem Podest am Flügel und intonierte einen Walzer; nach ein paar Takten sang sie unaufdringlich den französischen Text:

Tournent, tournent beaux paysages
La terre tourne, tourne jour et nuit,
l´ eaux de pluie se change en nuage,
et le nuage tombes en pluie….

Die Unterhaltung am Tisch begann ohne Verlegenheit und was sie sagten, schmiegte sich leicht aneinander. Der große Mann kam aus einem winzigen Örtchen im Weserbergland und war Bildhauer, ein Mann von Welt, ein Bildhauer, ein Künstler, der war herumgereist, der war älter und hatte was erlebt, was wollte der von ihr, sie war Verkäuferin in einer besseren Lederwarenhandlung nebst erlesener Parfümerie, das schon…doch sie spürte sich nicht unterlegen, er ging auf sie ein, er hörte ihr zu und aus der Unterhaltung wurde ein Gespräch und aus der Verabredung eine Begegnung.

Tourne, tourne le ciel en fète
Tourne la lune et le soleil
Tourne tourne vielle planète
Tourne la vie et l´arc en ciel….

Erst als er sie sicher wieder zuhause abgesetzt hatte, fiel ihr ein, daß sie doch verlobt war…
Ein paar Tage später kam ein Brief von ihm, in einer großzügigen, raumgreifenden, eigenwilligen Handschrift. Was er schrieb, war wie ansteckend, aber nicht aufdringlich, er nannte sie beim Vornamen, doch immer blieb er beim Sie! Wie konnte sie sich dem entziehen was er schrieb…sie ließ sich wieder ausführen und diesmal waren sie noch schneller verbunden als am ersten Abend…

Coeurs brisés, quand passe la ronde
Tourne la phase, c´ est ton jour
Elle tournes pour tout le monde
Voici la ronde de l´amour

Während sie miteinander sprachen wiegte sie sich mit einer großen Lust zum Tanzen. Das ging zwar nicht in diesem Restaurant, aber er spürte, daß sie so gerne getanzt hätte. Da gestand er, daß das eines der wenigen Dinge war, die er nicht konnte. Als blutjungem Meldereiter hatten sie ihm in Rußland das Bein zerschossen. Es lag da begraben. So grausam das war, das hatte ihn aber auch vor Stalingrad bewahrt. Das also war der Grund, weshalb seine Bewegungen beim Gehen etwas ungelenk waren, was aber nur dem genauen Beobachter auffiel. Er beherrschte sein künstliches Bein fast wie sein eignes. Und mit diesen beiden Beinen war er entschieden seinen Weg gegangen – ob in dem Dörfchen im Weserbergland, das erst nach dem Krieg nach und nach elektrische Leitungen bekam – oder auf der Akademie, wo man ihm anfangs nicht zutraute, er könne den athletischen Beruf des Bildhauers ausüben, gar durchhalten. Was konnte sie ihm erzählen von ihrem normalen, gewöhnlichen Leben. Aber sie war doch auch wer! So unscheinbar nicht. „Wie Sie zuhören können,“ sagte er und tippte ihr an die Stirn… “Sie denken mit, Sie bringen mich auf Ideen…“ Und erzählte von einem neuen Projekt und sie fragte und ließ erklären und wagte etwas vorzuschlagen und er strahlte und die Pianistin spielte den Walzer.

C´est l´amour qui méne la ronde
Pour la danser main dans la mains
La grisette, la femme du monde
S´en vont par un meme chemin

Es kamen weitere Briefe; unzweifelbar weshalb er sie schrieb. Er wollte, daß sie zu ihm käme, daß sie heirateten, er fühlte sich ihr zugehörig. Er sah sich an ihrer Seite. Aber sie war doch verlobt, die Heirat schon festgesetzt. Sie hatte einen Beruf, bald einen Mann, ein Leben in Kassel als Ehefrau mit Wohnung und Haustür und Küche und Briefkasten und vielleicht einmal Kindern alles im Lot, auf dem Weg unter Dach und Fach. Und das mußte sie ihm sagen und nahm den Mut zusammen, woher nahm sie den Mut Ihrer Entschlossenheit, traute sich lange nicht, aber sie sagte es beim letzten Abendessen als die Pianistin erklärte, sie singe jetzt auf Wunsch eines Gastes die deutsche Version des Liedes. Die sonst so fließenden Gespräche stockten und sie stockte wegen dieser schmerzenden Notwendigkeit, die Wahrheit sagen zu müssen. Die Wahrheit und die Notwendigkeit, beides verabscheute sie…sie sagte: Sie müssen doch verstehen, es geht nicht, ich bin verlobt, es ist vorbei…
…und die junge Pianistin sang auf Deutsch:

Dreht euch, dreht euch, dreht euch im Reigen,
die Erde dreht sich Tag und Nacht
laßt mich im Reigen die Liebe euch zeigen,
denn auch die Liebe ist kreisrund gemacht.
Dreht euch liebt euch, tanzet den Reigen,
ich tanz ihn vor und ihr tanzt mit.
Laßt mich im Reigen die Liebe euch zeigen,
tanzt ihn zu zweit und tanzt ihn zu dritt.

Ja, da war noch ein dritter im Hintergrund, der keine Gestalt hatte, aber einen langen, schweren Schatten.

Eins zwei drei – die Liebe kommt
Eins zwei drei schnell herbei
Eins zwei drei die Liebe geht
Eins zwei drei Vorbei…

…sie wachte auf, als wäre sie aus dem Schlaf getreten worden. Schlagwach hellwach…nach und nach gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit. Sie hatte den Vorhang am Abend nicht ganz zugezogen und durch den offen geblieben Spalt fiel das Mondlicht ein. Es war Vollmond, wenn sie sich vorbeugte, konnte sie die gleißende Scheibe über dem Tal sehen. Wie ein Vorhang aus Silber fiel das Licht ins Zimmer; auch auf den Nachttisch. Da lagen die Briefe, die er ihr damals geschrieben hatte. Vor einem halben Jahrhundert. War es schon so lange her? Doch erinnerte sie sich an alles was darin stand, das Bestimmte und Tastende, das Kluge und Vernünftige und Unvernünftige, das Träumen und Wünschen. Wie er über sich geschrieben hatte und über sie. Bin ich das alles gewesen? fragte sie sich. Wie aber auch nicht, denn sie hatte all diese Briefe ausgelöst, all die Fragen, die vielleicht unbeantwortet blieben, aber auch die Antworten, die mit den Jahren gekommen waren. Sie waren für diese Jahre auseinandergedriftet, ohne eine Ahnung sich wieder zu sehen. Ohne Laut, ohne Worte, Ungesagtes das dennoch sprach. Ungeahntes, das doch Wirklichkeit werden sollte.
Ein Windstoß brachte das Laub im Garten zum Rauschen. Der späte Septembertag war noch ungewöhnlich warm gewesen und sie hatte das Fenster aufgekippt, damit die weiche Luft ins Zimmer strömen konnte. Ein später Wagen fuhr unten durch den schmalen Ort, der sich an die steilen Hänge des Gebirgspaltes klammerte. Das waren die Falten der Weserberge, die er so sehr liebte, über die er als Kind gelaufen war mit seinem Heft. Blicke zeichnete er darin auf und Gedanken, die er der weiten Welt auf den Hügelkämmen stibitzte: die Ferne, die man eigentlich nicht zeichnen konnte und die Sehnsucht danach. Wenn Worte nicht reichten, gingen sie in Skizzen über – fast so wie viel später, nur umgekehrt wenn die letzten Aquarelle nicht reichten, die dann in diese kurzen Sätze überglitten in denen Subjekt Prädikat und Objekt kaum noch eine Rangfolge hatten, weil Worte zu Bildern und Bilder zu Worten wurden…aber das kam später. Er war so viele Jahre mit dem Sicht- und Greifbaren beschäftigt gewesen, mit der Frage ob man das Schwere auch leicht machen konnte…was für Mittel man dazu brauchte…
…Gips und Draht und die Hände. Sie hätte eine Strichliste machen sollen über die ungezählten Eimerchen Gips, die sie ihm angerührt hatte und ihm ins Atelier trug, wo er wartete. Das Fenster weit geöffnet damit die üppige Luft des Sommers hereindrang. Da stand wieder so ein Riesending mehr als mannshoch und breit, daß man es selbst mit ausgestreckten Armen nicht umfangen konnte. Ja, erst war es ein Ding, das schon im Atelier stand noch lange bevor es Gestalt angenommen hatte. Er jedenfalls sah es im Atelier nicht immer in den festesten Zügen, Ecken, Kurven und Kanten. Es mußte heraus – und hinein…woher, wohin? Hinter seiner Stirn hervor, dann vor ihn hin auf den Marmorboden dieser Werkstatt…ein bißchen ging es zu wie in einem Geburtszimmer, nicht immer mit Wonne und Sonnenschein. Flüche und Zigaretten halfen, Brummigkeit und nöckelndes Grunzen auch. Aber eine erfahrene Geburtshelferin wußte, das half – gerade bei Steißlagen…Flüche und Zigaretten halfen den gebärenden Vätern. Und so war sie aus dem Einzelhandel avanciert – Kreissaal und Atelier hatten sehr viel gemeinsam. In beiden ging es nicht immer sauber zu; da Blut Schweiß und Tränen, hier gab es: Gips, Staub, Drahtrollen Fetzen von Skizzen, schmutzige Kittel, Flecken auf dem Boden, verworfene Versuche, Reste die herumlagen – und dennoch wurde aus dem Durcheinander, den Schmerzen und Flüchen und Tränen einmal ein ganzer vollständiger Mensch und bei ihnen ein ganzes, eigenes Werk aus Bronze, strahlend, wuchtig oder luftig, lastend oder schwebend, schwer oder leicht, aber niemals starr und stumm. Immer wollte man´s berühren, weil´s anzog und lockte und weil es soviel zu Recht stolze Mühe gemacht hatte, die eigentlich keine Mühe gewesen war, wenn man´s am End anschaute. Was heißt Ende? Selbst wenn die Skulpturen weit weg aufgestellt worden waren, sah man sie auch nach Jahren wieder, gab es kein Ende, die erzählten noch immer etwas Neues, von sich, von ihm und von ihr. Konnte es sein, daß er sie mit hinein gearbeitet hatte zu seinen Gedanken, Wünschen und Träumen dazu ihre Gedanken, Wünsche und Träume?
Warum hatte sie damals nur gesagt: Vorbei? Sie waren ihrer Wege gegangen. Kein Wort mehr, kein Brief, er hatte sich daran gehalten. Er lebte ein Leben dahinten im Weserbergland und sie hatte geheiratet – alles wie geplant, alles wie vorgesehen, alles wie es sein sollte. Alles verlief in Rinnsalen des Vergessens. Aber es versickerte nicht und trocknete nicht aus wie die lebendig grüne Schicht zwischen der Rinde und dem Holz eines Zweiges. Ohne dieses nährende Grün könnte der Zweig im nächsten Frühjahr nicht mehr ausschlagen. Manchmal überspringt eine Pflanze auch eine Saison oder mehrere.
Worüber man nicht sprechen kann, muß man schweigen, hatte sie später in einem der philosophischen Bücher gelesen, die er sich angeschafft hatte. Aber Schweigen heißt ja nicht, daß da was verstummt – und der Zweig treibt aus, wenn er reif ist.
Fünf Jahre später – saß sie wieder auf dem gelben Cocktailsessel im Aufenthaltsraum der Belegschaft – der Cocktailsessel sah inzwischen doch etwas mitgenommen aus. Hier wurde zuviel geraucht und zu wenig gelüftet, es fehlte überhaupt an Luft, das Fenster wurde kaum geöffnet, das Lehrmädchen war längst ausgebildet und hatte eine neue Anstellung in einer anderen Stadt gefunden, es sang und summte also auch keiner mehr, da zog er plötzlich den inzwischen altmodisch gewordenen Vorhang mit den Venedig-Scherenschnitten beiseite und noch bevor sie protestieren konnte, sagte er: „Jetzt kommst du mit!“
Wie hätte er ahnen können, daß ihre Ehe nicht gehalten hatte? Auch seine Welt hatte sich verändert, es hatte eine andere Frau gegeben, aber die war dann noch die richtige gewesen.
Er nahm sie einfach mit – und sie zeigte keinen Widerstand, kein Frösteln vor der Zukunft – in seinen kleinen Ort im Weserbergland, hinter den sieben Bergen, in sein Haus am Hang mit dem Atelier und dem Gips und den Bronzen, weit fort von den Leder- und Parfümerieartikeln, die, das wußte sie jetzt, keinesfalls ihr Leben ausmachen konnten und sollten. Und es kamen Leute herbei mit ganz anderen Gedanken und Wünschen als die Kunden im Geschäft, die wollten nicht kaufen, nichts erwerben, keinen Besitz, keine Gegenstände – die wollten Gedanken und Ideen und Gespräch. Und sie fuhren zu all diesen Leuten, um ihnen zu begegnen, zu Ausstellungen, in Museen, in andere Ateliers, und der Wind wehte durchs offene Fenster und mit ihm die satten Gerüche der blühenden Bäume und das Rauschen der Wälder auf den Berghöhen und es war eine unterbrochene Bewegung ein Reigen und einige Jahre sehr schnell, selbst wenn er eine Pause brauchte, das Radio andrehte und sich setzen mußte, weil das Stehen auf dem einen Bein soviel Kraft erforderte…
„Hier ist WDR 3 mit aktuellen Chansons von Jaques Brel…“

Ja wenn sich alles dreht,
ja, wenn sich alles dreht,
ja, wenn sich alles dreht,
da will die Phantasie
daß dieser Taumel nie
an dir vorrübergeht
bevor das Spiel beginnt
da bist du wie Kind
da bist du wie ein Kind
dem sich vor einem Bild
der große Traum erfüllt
daß Bilder Leben sind
Ja wenn sich alles dreht
Ja, wenn sich alles dreht
Ja, wenn sich alles dreht
Da will die Phantasie
Daß dieser Taumel nie
An dir vorrübergeht
Bevor das Spiel beginnt
Da bist du wie ein Kind
Da bist du wie ein Kind,
dem sich vor einem Bild
Der große Traum erfüllt
Daß Bilder Leben sind…
Tam tata tam da lalampam…

Woher kam die Musik, wer in der Nachbarschaft spielte um sechs Uhr morgens noch so laut und bei offenem Fenster Musik? Oder reichte diese Melodie noch aus dem Traum herüber?
Draußen färbte sich der Tag wie mit ganz schwachen Aquarellfarben. Noch hing das klare, dunkele Morgenblau über dem Tal. Das Licht – eher noch eine Ahnung und Erwartung.
Die Musik war erloschen. Es war eine Traummusik gewesen – nicht die einzige in dieser Nacht – die sie aus dem Träumen ins Wachsein begleitet hatte. Wie still es jetzt in diesen ganz frühen Morgenstunden war. Aber war es tatsächlich ganz still?
Ein Plopp von der anderen Straßenseite fiel in diese Stille und noch einmal, ein Plopp und ein kleiner blecherner Ton. Der Wind hatte die ersten Kastanien von den Zweigen gelöst und sie schlugen auf einen Wagen, den jemand unvernünftigerweise unter dem üppigen Baum geparkt hatte.
Unten im Tal, durch den langgestreckten Ort, rauschte ein früher Wagen. Sie konnte sogar seine Fahrtrichtung ausmachen. Das Motorengeräusch verebbte in den Westen hinein.
Von der Stille und der Ruhe hatte er in den letzten Jahren oft gesprochen und geschrieben. Er selber war ruhiger geworden. Die ganz großen Skulpturen, die soviel körperliche Kraft verlangten, lagen hinter ihm. All dieser äußere Aufwand, die Betriebsamkeit des Umfangreichen, das Menschenmaß überstieg, größer wurde als sein eigener Köper, raumgreifender und schwerer…nahm er zurück. Sie hatte seine Neigung zur Größe und wie er versuchte, den Raum zu erobern über die Jahre beobachtet und dann endlich spürte sie plötzlich die Grenze. Das Atelier wurde immer enger: sie mußten sich herumdrücken um die mächtige Plastik. Als die Spedition kam, um die Gußform für die größte und mächtigste Arbeit abzuholen und zum Gießer zu transportieren, stellten sie fest: sie paßte nicht durch das Tor… drinnen war es dicht geworden, aber die Skulptur sollte doch hinaus in die Welt. Ärger, Flüche, vergebliche Versuche und neues Handanlegen – es half nichts: sie mußten die Form zerteilen, verkleinern und später wieder zusammensetzen.
Als der Tieflader den Berg hinunterfuhr zur Hauptstraße, die mächtige Arbeit darauf fest verzurrt, beobachtete sie, wie er ihm nachsah, an die Hauswand angelehnt. Seinen Rücken erfaßte plötzlich eine Art Wellenbewegung, so als wüchse in ihm ein bisher unterdrücktes Lächeln und Lachen. Er wandte sich zu ihr um und streckte die Hand nach ihr aus. Sie trat heran, unter seinen Arm, den er auf ihre Schultern legte und sich abstützte. Sein Lächeln ebbte nicht ab, sondern wuchs. „Schön blöd“ sagte er. Und sie war sich sicher, er war nicht nur erleichtert, daß sie es doch geschafft hatten, die Arbeit aus dem Atelier auf den Wagen zu bekommen – da war noch etwas anderes. „Viel zu groß“ brummte und schmunzelte er. „Viel zu groß!“ Sie spürte unter der heiteren Erleichterung auch einen Anflug von Erschöpfung.
Unten im Ort bog der Tieflader ab in Richtung Autobahn und war um die Ecke verschwunden. Von nun an wurden die Formate kleiner. Und abstrakter. War es damals gewesen, als sie ihn zu ersten Mal Väterchen genannt hatte? Es war kein kindliches Väterchen, das sie da sagte, es war gleichsam ein russisches Väääterchen. Obwohl er in Rußland den ersten großen und nahezu tödlichen Schlag auf sein Leben erfahren hatte, liebte er doch die Unendlichkeit der russischen Weiten, das ganz Andere, das eben so ganz anders war als seine Weserberge – die andere Welt. Ganz weit weg, hinter den Horizonten. Zuweilen träumte er vom Kaukasus und den asiatischen Wüsten und den noch ferneren Fernen. Die hatten längst keine Gestalt mehr, die irgendein Bildhauer hätte einfangen können, auch er nicht. Er suchte nach Worten wie Klängen. Einmal hatte er in einem Fernsehbericht eine Musikerin gesehen, die jenes seltsame Instrument spielte – ein Russe natürlich hatte es erfunden, das Theremin. Dieses Instrument erzeugt ein elektrisches Feld und wenn man hineingriff – in die Luft, in das Nichts – entstanden Töne; die junge Frau holte sie aus dem Nichts ins Hören, ins Leben. Das war auch eine Art Bildhauerei, ach was Hauerei, das war filigran, das war wie Leben erschaffen.
Wo kam all das her und wohin verhallte es? Ihr Väterchen war auch ein richtiger Vater in einer ersten Ehe gewesen, aber der ganz junge, kaum ins Leben wachsende Sohn war gestorben, Jahre bevor sie ihn kennengelernt hatte. So schön und geheimnisvoll dieses Ergreifen und Verschwinden von Tönen auf dem Theremin war, ebenso geheimnisvoll, aber grausam, war das Verschwinden dieses Sohnes gewesen. Es hatte keine Gestalt mehr, aber einen Schmerz.
So wie ganz früh, als er als junger Mann auf den Weserhügeln umherstreifte und in sein Heft neben die Skizzen Worte setzte, suchte er jetzt nach Worten, die wie so ein Griff in die elektrisch geladene Luft Töne und unmal- ja, unformbare, aber lebendige Bilder auslösten.
Älterwerden, hatte sie einmal gelesen, ist nichts für Feiglinge. Die großen Skulpturen lagen hinter ihm, seine Kräfte ließen nach – das eine gebliebene Bein, das er so beansprucht hatte, als hätte er zwei, versagte schließlich. Aber das Schreiben nahm jetzt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch – und er plante und entwarf und gestaltete mit Schwung und Bogen und Atem und ausholend wie früher. Das erste Buch sollte doch keine kleine Broschüre werden; nein – das wurde ein Atlant, ein Foliant auf handgeschöpftem Papier, von Hand gebunden und von Hand geschrieben in seiner ausladenden, großzügigen Hand-Schrift.
Damit dieses Buch in die Welt kam, holte er Freunde und Fachleute heran und eine neue Betriebsamkeit wuchs in dem Atelier, das längst zur Schreibstube geworden war. Hier fand das Leben statt. Er thronte auch ein bißchen, gewiß, hinter seinem Schreibtisch, auf dem sie ihm alles, was er brauchte, in Griffbereitschaft drapiert hatte: die Bögen geschöpften Papiers, die Schreibutensilien, die Bücher, die ihm wichtig waren, die Proben vom Drucker oder Buchbinder, und im Kreis herum die Sessel für die vielen Gäste, soviele junge darunter, die jetzt in dem Alter waren, in dem sein Sohn hätte sein können.
Eines Morgens fand sie auf ihrem Nachttisch ein Blatt. In seiner weitherzigen Handschrift, jedem Wort seine eigene Zeile gönnend:

Dich
gedacht
Dich
geatmet
Gespürt
Dich
zärtlich
Berührt
Dich
Gedacht

… als hätte er mit den Händen die Worte aus dem scheinbaren Nichts herausgegriffen.
Sein großer schwerer Körper war müde geworden und mit den Jahren immer weniger beweglich. Einmal hatte er geseufzt, „Du hättest auch gerne einmal getanzt, nicht wahr?“ – Bald darauf war er gegangen.
Aber sie konnte die Hände nicht in den Schoß legen und einfach Witwe sein. Es gab soviel noch zu tun. Ausstellungen, Lesungen Bücher, Bilder, Erinnerungen, Gespräche, Begegnungen, allüberall seine Arbeiten verstreut, zu denen sie den Gips angerührt, den Draht geformt, die Skizzen verwaltet, für die sie die Fenster geöffnet hatte, damit Luft hereinkam, die unsichtbare Freiheit und die ungeahnte Ferne.
Einmal bei einer Ausstellungseröffnung unterhielten sich in ihrer Nähe zwei Besucher ohne sie zu bemerken. Einer sagte: „der Mann hatte soviel Energie, der hätte überall und jederzeit ein Werk geschaffen!“ Da entdeckte der Andere sie, wies lächelnd auf die Skulpturen auf ihren Stelen, hob sein Sektglas in ihre Richtung und sprach sie an: “ …aber dieses Werk nicht ohne Sie!“

Die ersten Sonnenstrahlen hatten den Kamm der Berge erobert und fielen in ihr Schlafzimmer, ganz klar und warm und morgendlich-bronzefarben wie es sich für den September gehörte.
Sie summte auf einmal wie damals das Lehrmädchen…

Tourne tourne le ciel en fete
Tourne la lune et le soleil
Tourne tourne vielle planéte
Tourne la vie et l´arc en ciel

Jetzt wußte sie: sie hatten ihr ganzes Leben gemeinsam getanzt.

Coeurs brisés quand passe la ronde
Tourne la phase c´est ton jour

…und die Musik spielte noch immer…

Elle tourne pour tout le monde
Voici la ronde de l´amour…
Lalalalala lala la la la laaaaa

Wolfgang Brosche im Oktober 2016