Und über mir das Meer

Ihren Flammen verwoben tropft die grüne Fee in das Grab. Da senkt man die Mutter hinab, durchs blaue Irrlicht und den Wermutseim, smaragd und Anis rinnt auf ihren Körper, den alten im schwarzen Gewand. Ihr zahnloser Mund, die weißen und die grauen Runzeln, diese spitzige Nase, die riecht den Gedanken, der nicht der ihre ist, der darf nicht sein. Das dürre Haar wie ungeschnittene Rosenbüsche im Winter und der zugekaufte Dutt, viel zu hell und zu jung abgeschnitten der rechtmäßigen Trägerin. Das hat sie gekauft, das fremde Haar, das junge Haar Gold – wenn das doch nur die blauen Flammen hinwegnähmen, dann wären Gesicht und Haupt eins in Alter und Dürre. Die aber lebt noch, die ist nicht tot, die Totengräber ziehen sie aus dem Grab hinauf an ihren knochigen Armen, darin fließt noch Blut. Die bedankt sich, drückt jenen ein paar Sous in die Hände. So also ist es im Grab, spricht sie und lächelt. Da unten beginnt das Jenseits mit dem satten Duft der Erde, so schwarz. Oh, hätte jemand Choräle gesungen, ich hätte mich eben schon auf halbem Wege zum Himmel gewähnt. Und hätte die Würmer verlacht, und wenn sie auch von meinem Kadaver zehrten, ich wär schon fast beim Herrn, da kann ich getrost zu Humus werden. Das wird mein erhabenes Grab, der Stein ist schon ausgesucht und bezahlt, die Erde ist fett von den Toten im Herrn. Und auf den Kirchhofsmauern Buchfinken, bunt und Amarante und Astrilden, die singen engelsgleich um die Kinder, die Armut und Diphtherie dem Leben stahlen und dort unter dem Holderbusch schlafen. An der Tuffsteinmauer aber hundert Raben, Sendboten des Dunklen, die krächzen hungrig um das Bein meines Sohnes zwischen Löwenzahn und Klee am Tuff verscharrt wie ein ungesalbtes Kind. Wollen das die Würmer haben, das vom Krebs zerfressene Bein, das Sünderbein, dem die schmerzende Belohnung ward fürs Wegrennen von der Mutter und die Sünden von Sodom… Will nur hoffen, daß Gott mich nicht spüren läßt, was der Sohn sündigte.

Eppich, Nessel, Indigo, Safran, Fenchel, Wermutöl: la verte – welche Bilder jenseits der wallenden Flammen wenn blau und gold der Alkohol verbrennt. Läßt mich meine Mutter nie in Ruhe? Spricht sie Nachrufe selbst meinem verscharrten Bein in dem brennenden Absinth? Schmerzt der Stumpf noch nicht genug, will sie dem im Grab noch mit ihren Litaneien, Novenen und Bußgesängen ihre fromme Milch aufspritzen aus ihren verschrumpelten Brüsten, Lappen, Muttereutern. Liebfrauenmilch aus dem Mutterleib, süß wie Honig, der klebt. Nimm die Titten weg, die du mir hinhälst, weil du meine Mutter bist. Ich werde nicht satt aus deinen Tutterln. Tutterlpflicht, Milchzwang dem Kind, damit die Mutter sich fühlt als Mutter. Die stillt das Kind, die stillt das Kind, die stillt das Kind, das soll doch endlich still sein und an den Warzen saugen, den braunen Mutternippeln, die machen das Kind erst zum Kind der Mutter. Drüse, Brustgekrös – Nimm diese Mutterlappen weg, wisch sie mir nicht mehr durchs Gesicht, ich will deine Milch nicht, sie schmeckt nach Erde und Grab. Es ist ein Ekel um die Muttermilch, lieber wäre mir eine Amme gewesen, die hätte auch ihre Pflicht getan, die aber um ehrliche Bezahlung, nicht um Kindesliebe. Die Mutter gibt die Milch, dafür muß das Kind sie lieben. Das widerliche Milchidyll in den Dörfern, vor dem Haus auf der Bank zwischen Stockrosen und Gladiolen: da reicht die Mutter dem Kind die Brust, Sanftmut des Säugens, das adelt sie, wenn sie dem Kind öffentlich die Brust gibt. Sein Leben lang soll sich das Kind bedanken für Milch gewordene Mutterliebe. Vor der Geburt und nach der Geburt zehrt das Kind vom Körper der Mutter wie Südseeinsulaner ihre Feinde verspeisen, das macht die Kannibalen stark. Mother ekelte sich selbst vor ihrer Milch, die hätte zu gern eine Amme gehabt. Doch der Sold des Offiziers reichte nicht aus dafür und der versiegte ganz als der Kasernenhofschwengel das Hasenpanier ergriff vor der Familie und sein Heil suchte in der Flucht und im Suff. So mußte sie selber die Muttermilch geben. Das war ihr Martyrium, wenn der Säugling, schon sinnlich, ihr die Nippel beschmatzte. Das war zu beichten, diese Sinnlichkeit des Kindes, das weckte, so klein noch, unkeusche Gedanken und wären Vaterunser nicht und Rosenkränze gewesen, wie hätte sie dem sinnlichen Säugling widerstanden. Erlösung kam mit dem Leid: Ödeme, Brustentzündung, Milchverhaltung – Quarkwickel und Ringelblumensalbe, die sollten den Eiter und den Schmerz aus dem Busen ziehen, den das Kind ihr hineingesaugt hatte. Erst die bedrohende Sinnlichkeit und dann – so klein und eben erst auf der Welt – macht es ihr auch noch Schmerzen. Sie tut doch alles für ihr Kind und was ist der Dank? Ich will doch nichts, nur gehorsame Kinder. So lautet auch das vierte Gebot, auf daß es Dir wohl ergehe im Mutterlande: wer seine Mutter nicht ehrt, der sei des Todes. Aber Gott ist tot und die Mütter leben.

Ist noch Zucker in der Dose aus Delft, her mit dem Klumpen. Der Löffel ist schon verklebt vom durchtränkten Kristall, leck ihn ab: ein rauhes Karamell der Zunge und dumpfer Fenchelgeschmack. Der kriecht in die Geschmackspapillen und betäubt dir die Schleimhaut im Munde. Ich würde jetzt so gerne sprechen, rufen, kreischen, jaulen, schreien, aber das Sprechen lahmt. Die grüne Fee legt dir den Fenchelfinger auf den Mund, sei stumm, sie kommt mit Bildern, die seltsame Bilderstürmerin, will heißen, die stürmt mit Bilden herbei, die flackern wie im Zoetrope: da springt ein Hund durch den Reifen des Mädchens, immer wieder hindurch, immer wieder hält sie den Reifen empor und der Hund springt und springt erneut und erneut immer den gleichen Sprung, immer das gleiche Mädchen mit fliegenden Zöpfen, im Röckchen und der nämliche Hund, der dämliche Hund, immer wieder durch den Reifen, immer wieder immer wieder immer wieder. Das endet nie. So war´s schon immer und das endet nie!

Ich kann jetzt nicht mehr durch den Reifen springen, das eine Bein fehlt, abgeschnitten überm Knie. Das Schneiden und das Sägen waren schärfer als der Schmerz zuvor im Gelenk. Das Chloroform war nutzlos, das ekelte mich wie die Milch der Mutter, das kotzte ich wieder aus wie in einer Schänke den Fusel. Ein wenig Nebel blieb mir, der reichte dem Arzt. Wie das Skalpell mir die Haut durchtrennte, das war nicht zu spüren, das ging so scharf und so glatt, eine Verwunderung bloß dieser rasche Schnitt durchs Gewebe, durch Haut und Muskelfasern und Sehnen, kaum was zu spüren, es rann das Blut zögerlich, bloß Kindertränen, rubin, aus dem abgebundenen Schenkel. Aber als die Säge durchs Fleisch drang und ihre Zacken den Knochen ritzten und ritzten und rakten und schnarrten – DAS ging durchs Gebein und durchs Mark.

Ist das Leben in den Knochen, innen in den Knochen? Aus welcher Leibeshöhle holte ich den Schrei? Wo schoß der herauf wie ein Sturm durch den Rachen? Der füllte den Raum, der mußte doch alles verdrängen in der Ordination, der ließ keinen Platz mehr für den Operateur, die Schwester und mich. Mein Schrei machte alles eng. Das war ich: ich prallte, ein Schrei, in den Raum, nichts blieb mir von mir übrig als dieser Schrei, nicht einmal Ohnmacht, die kam nicht gnädig über mich, keine sanfte Hand Schwarz. Mein Schrei war größer als ich und mein Schmerz war größer als ich – das wollen die Menschen nicht hören. Die Ärzte gewöhnen sich das Mitleiden ab, sonst könnten sie nicht schneiden ins faulige Fleisch, in zerfressene Knochen, ins Wuchergewebe. Festgeschnallt und den nutzlosen Rest Chloroform in Nase und Lunge – der kachelte meine Atemwege aus – konnte ich, ein angeschmiedeter Sklave, nur den Kopf anheben und sah alles: wie das Sägeblatt mir durch den Schenkel fuhr und seine Zacken, das Gebiß des Schmerzes, rausschaben hinterm Knie und sah den Blutfluß, gehemmt und abgebunden erst und dann den pulsenden Strahl Karmesin aus der Schlagader. Die wurde abgeklemmt und verödet. Und hörte das Bein auf den Tisch prallen, ein Gedumpf von Verlust. Und sah wie das Bein hinweggetragen wurde in einer dreckigen Sackleinwand. Und spürte gleich das Phantom wo mein Bein nicht mehr war. Mein Schrei füllte noch den Raum. Dann der Kauter, noch einmal ein Schrei: ein verwesendes Geklammer, Geschrei und Gestank von kohlendem Fleisch. Und keine Gnadenohnmacht.

Das war die zweite Saison in der Hölle, wo die Inkubusse, rabenhäuptig und mit Bärenklauen die Haut abziehn den armen Sündern und ihr Fleisch entbeinen und die Gebeine selbst zersägen, um daraus das Mark zu schlecken. So verfährt der teuflische Geliebte, der Buhlteufel mit seiner Sklavin, nachdem er ihr aufgehockt.

Aber das ist nicht neu, ist nicht neu. Die Sklaven und die Liebenden müssen immer das Mark hingeben, damit sie geliebt werden. Erst wenn das Mark verzehrt ist, ist kurze Ruh bis wieder neues Mark da ist, falls es neues Mark gibt.

Zwei Seiten einer Münze, nach vorn das Mark – und Avers: das Avers. Mit dem Hintern über Pauls Gesicht gewischt, die Backen ihm am Bart und über die schweißnasse Glatze. Ich war die Konkubine eines kahlköpfigen, hässlichen Poeten, die drückte ihm den vollen runden Arsch auf den gierigen Schlund. Ein Geschleck und Geleck unten in meiner Kimme und mit den Augen der Sphinx, die eigentlich alles weiß, doch nichts tut, hatte ich seinen weichen Körper im Blick, das war kein Soldatenkörper stramm und fest und aufgesetzt, das war ein Körper wie ein Schwamm voll Fett, dem saß ich auf, geritten, par force wie auf der Rennbahn und über die Hecken gesetzt im Galopp, vier Füße fliegen und das Tier mit den zwei Rücken und zwei Bäuchen und gemeinsamer Luftnot, oh, die ist geil, rast dahin. Das kann eine Mutter nicht denken, das muß noch obszöner werden und ungesättigter mit jedem Stoß mir ins Gekröse. Das wird ihre Schulbuchfibelphantasie nie ersinnen können, wo sie doch immer sinnt und spinnt und sich das rauhe spelzige Flachs ihrer Phantasie zu Wandbehängen webt, die wärmen sie im Winter, ihre Teppiche von Bayeux: die erzählen von Überfahrt und Schrecknis zur See und Tapferkeit und Mannestum und Mannesruhm und Sieg und Erlösung im Jenseits nach all den durchduldeten Leiden, denn Leiden muß man, das ist gottgefällig.

Die Mütter leiden immer, sonst wären sie keine Mütter, ihr Leiden tagen sie als eine Monstranz vor sich her, ein Gefäß ihrer Tränen aus der Scham und dem Schuldgefühl der Kinder kunstgeschmiedet. Und wären die Götter selbst tot, die Mütter würden leben, die trügen noch immer diese Monstranz ihrer Tränen. Die küssten den kalten Kristall im Strahlenkranz der Mütterlichkeit, darin die Tränen sich ein ums andere Jahr verflüssigen wie das Blut in der Phiole in Neapel.

Küsse wie das erst süße und dann bittere Karamell des Zuckers, der rinnt hinab durch die Löcher im Löffel ins Glas und milchig wie der Same eines Mannes, trüb und milchig, längst nicht mehr süß. Was kann man diesen süßen Lügenküssen der Mütter an bitteren ehrlichen Küssen entgegensetzen? Die Küsse auf Pauls Arschloch, die waren ehrlich, denn ein Loch aus dem die Scheiße quillt, kann ehrlicher nicht sein. Ein Schwarzbeerloch, in das ich meine Rute dränge und mit Rabenschreien spritze, das soll nicht fruchtbar sein. Diese Flut gehört nur mir und niemand sonst und soll nicht befruchten. Wohin ich mein Leben spritze, gehört nur mir. Ich will nicht lügen müssen, daß ich ein Kind liebte, das aus dem Schmutz der Sinnlichkeit geboren wurde. Das glauben die Mütter im Herrn, die sehnen sich danach so rein zu sein wie die Jungfrau, selbst schon ohne Sinnlichkeit empfangen und empfing durch das Ohr den unwirklichen Samen des heiligen Geistes. Da erstick ich doch am Gelächter, homerisch – diese Jungfrauseligkeit, die den Müttern die Liebe für ihre Kinder nimmt, denn Menschenkinder sind in Schmutz und Sinnlichkeit empfangen. Keine irdische Mutter, die im blauen Gewand leiblich zum Himmel aufführe. Kann sie nicht im azurnen Mantel und leiblich hinauf, so läßt sie sich demütig, glaubt sie, vor Gott hinabsenken ins Grab. Die Apotheose der Todessehnsucht, die muß Gott doch rühren. Die Mütter berauschen sich, indem sie sich erniedrigen bis zum Tod und singen ihre Litaneien:

Maria, Mutter mit dem Himmelssohn,

du schönstes Bild der Mütter und der Frauen,

sei unsere Mittlerin an Gottes Thron!

Wir flehn´ zu dir mit kindlichem Vertrauen:

Maria hilf, daß keins verloren geht,

für das ein Mutterherz in Sorge steht!

Behalten wollen die Mütter ihre Kinder, die lassen sie nicht aus, die Klammerfrauen, die Halseisenmütter, die Knebelmütter – die lassen ihre Kinder nicht aus, genau wie der Herr seine Geschöpfe nicht ausläßt, der läßt sie taufen und segnen und firmen, so daß sie ihm in Ewigkeit verfallen sind und will Anbetung, immerwährend und auf Knien krauchend im Staub, der erwartet Unterwerfungsgesänge. Sowas singt die grüne Fee nicht im dürren Mütteralt, nein, die singt wie Kastraten, Koloratur ohne Folgen und ohne Befriedigung. Da bleibt man durstig.

Verdammt, das Streichholz ist feucht und zündet den Würfel Zucker nicht überm Glas, wo ist das Sturmfeuerzeug, die Liebesgabe von dem Soldaten aus Charleville, ein Traum im Frühling, der lauerte mir auf, der hatte mich auf der Straße gesehen, den wüsten Schopf und das fadenscheinige Gewand, der wollte mich küssen, zog mich hinter einen Schober, gab mir aus Maine Calva und Zigaretten mit Rosenaroma aus Konstantinopel, die hatte er seinem Leutnant geklaut. Für Schnaps und Kippen griff er mir unters Hemd und zog mir den Hosenbund runter im Grün, wo der Bach sang, und wo er töricht Silberflecke in die Gräser hing. In der Glut des mittags und des Tales nahm er mich, ich war es, was er wollte, der wollte meinen Arsch, der wollte mich, und meinen Nacken bedeckte der mit Küssen, der namenlose Soldat. Der sackte zusammen, als ihm die Silberflecken in mich ausrannen und hatte kein Wort mehr für mich, kein Wort für meinen Schopf, kein Wort für meinen Nacken. Der fiel wortlos in die Kresse unter dem Himmel, die Füße in den Gladiolen und lächelte wie ein krankes Kind und blieb kalt. Ich hatte ein ewiges Loch in meinem Körper, zu dem war er nicht durchgestoßen und er, er hatte zwei rote Löcher in der rechten Hüfte. Zwei rote Löcher, preußische Geschütze im Leib, die drangen bis zum Mark in der Hüfte. Da mußte ich doch fort aus Charleville, denn ich konnte das beschreiben, die roten Löcher beschreiben und empfinden, das kapierte keiner in Charleville, das durfte keiner wissen. Was verstanden die von Sodom außer Untergang. Da ballte ich die Hand auf der Brust, denn ich sollte nicht beschreiben und sollte nicht empfinden, ich sollte nicht schreiben, ich sollte fleißig sein ohne Flausen im Kopf und Kaufmann werden. Ich sollte lesen das landwirtschaftliche Journal; Gebetbücher lesen und auswendiglernen, man muß nicht verstehen, was drinsteht, man muß nur die Lippen bewegen wie die Mütter in der Andacht die Lippen bewegen. Das muß einem leicht von den Lippen fließen, der Lippendienst, das Knien und sich Fügen muß einem leicht in den Körper fließen, der muß sich ducken und beugen.

Da ist ein Vater im Himmel, auch wenn dein Vater nicht da ist, davonlief; aber vielleicht lief der Vater im Himmel, wenn er je da war, vor langer Zeit schon davon und ließ seine Kinder im Stich, damit man ihnen in die Hüfte schießt, damit man ihnen die Beine amputiert und kauterisiert, damit sie sich in die Gräber hinabsenken lassen. Einen Vater hast du, mag der auch nicht sichtbar sein genauso wie dein leiblicher Vater. Der Vater im Himmel aber will alles von dir wissen, was du denkst, was du fühlst, was du tust, damit er dich richten kannst, damit du dich selbst zermürbst, bevor er dich richtet. Aber es kam kein leiblicher Vater, zuzuschlagen, als den Schwanz in der Hand zum ersten Mal diesen Rausch ich erfuhr wenn der Same hervorschießt. Und der Vater im Himmel sandte keinen Blitz und keinen Donner, der schlug mich nicht mit Blindheit und Rückenmarksschwindsucht – ich spritzte in die Laken meines Bettes und wußte, da ist kein Gott und der Vater ist weit. Es ist aber die Mutter da, die die Flecken sieht und waschen soll und den Sohn übersät von Flecken sieht, ihn verflucht für seine Sünden und verflucht für seine Gedichte. Gedichte sind wie der Samen, der durch den Schwanz schießt, gewaltig und mit Worten wortlos – das ist nicht zu beschreiben, Gedichte feiern das, was zwischen Hand und Schwanz geschieht, doch sie beschreiben´s nicht. Und beschreiben nicht, was zwischen Mund und Schwanz und Arsch und Schwanz geschieht, sie sind der Weinschaum, von einem hellen Spätsonnenstrahl umsäumt, ins hohe Glas gestürzt. Ein Nichts und doch alles: das will getrunken sein. Und Bier und Wein und Sonnenstrahlen, spät – und hohe klingende Gläser und all das andere, das mother schmutzig und undenkbar, einen Knabendreck nannte, das wollte die Mutter nicht. Die gab mir als Säugling ihre Brust, widerwillig, doch sie gab sie mir, gab mir zahnlosem Kind den Hirsebrei mit Wasser und Milch und an Sonntagen später Omeletten und einmal im Monat ein Huhn mit Perlzwiebeln und Pilzen, die fütterte mich und schickte mich oft ohne Abendessen ins Bett. Da sollte ich nachdenken, was ich ihr angetan hatte, wie falsch ich war, wie ohne Mutterliebe, will heißen ohne Liebe zur Mutter. Der war schon der Mann fortgelaufen, da konnte doch wenigstens der Sohn ihr zu Willen sein, den hatte sie doch gemacht, der kam aus ihrem Leib heraus, den hatte sie getragen unter ihrem Herzen und genährt mit ihrem Fleisch und Blut. Da war es nur gerecht, daß sie ihn mit Hunger strafte, wenn er sich benahm wie er wollte, als wäre er nicht ihr eigen Fleisch und Blut. Sonntags wurde ich gestopft, das war am Tag des Herrn und wochentags mußte ich fasten. So blieb ich dürr, es spannte nur Haut über den Knochen. Aber wenigstens diese Haut liebte Paul und küßte sie und prustete an meinem Arsch, dem schmalen, wie eine Mutter ihrem Kind den Hintern anprustet vor Vergnügen und Freude weil sie den Arsch ihres Kindes liebt und das Kind liebt sie dafür. So liebte ich Paul für das Prusten, das ich bis dahin nicht kannte. Der fütterte mich auch mit Coq au Vin und foie gras und seinem Schwanz. Das war anders als die trockene Brust, das war die Milch der trunkenen Denkungsart. Der salbte mich so wie einen Infanten! Salut Sire, le seul vrai roi de ce siécle!

Angst hatte der vor Küssen, zehn Jahre älter als ich und bald Vater, wie hatte der ohne Küsse gezeugt?! Der konnte Frauen nageln wenn er mußte, aber küssen konnte der nicht. Der hatte einen losen Mund, einen hohlen Mund, einen Mund, einen Schlund, ein Maulloch, das spie Gedichte aus und das war schwer zu küssen, diese schmalen Lippen, diese Ritze im Gesicht, bösartig, schartig, gemein. Ein Ziegenbart, ein Ziegengesicht, ein Ziegenkopf, ein Bock enthornt, dem blutete noch die Stirn von dem Draht mit dem man die Böcke enthornt, die Hörner reibt und reißt bis es qualmt. Der hatte aber noch sein Gemächt, der brauchte keine Hörner, der hatte noch die Nase mit der er roch, ob einer brünftig war. Und ich schick dem das Trunkene Schiff, das roch dem noch viel süßer als Kindern verbotene Äpfel. Das war dem Grantapfel, Quitte und Paradeiser, rot und gold und rot, die Farben fehlten im Paris der Commune. Ich sollte sie ihm bringen, keine Lilien mehr doch Gladiolen. Da kam ich über ihn wie ein Regen. Ich wußte Bescheid über Dürren, lange bevor ich das Wort kannte fürs Vertrocknete, Brüchige, Verdorrte. Kinder müssen immer regnen, die haben soviel Tränen. Junge Männer müssen immer regnen, die haben noch viel Samen.

Paul war keine Reede, kein Kai, noch nicht mal ein Steuermann – ich war Steuermann und Kapitän und Schiff, das segelte durch die Fluten der Grünen Fee, mit der machte er mich bekannt. Die kannte er, die küßte er auch nicht, aber verschlang sie. Fenchel, Wermut und Angelika, wer kann dem widerstehen. Ich konnte dem Bock nicht widerstehen. Dem Bock, der gierig auf Lämmer schielt. Agnus Dei, was wurde der am Ende fromm! Erst ich und dann der Heiland! Rosenkränze, Samenkränze, Vaterunser, Gottesmutter, alles die gleiche Mischpoke. Warum soll man an Gottesmütter glauben, und nicht an grüne Feen, an Gottessöhne so seltsam wie Einhörner, an die glaubt doch keiner, er wäre denn trunken! Erst umklammert er meinen Schwanz und dann das Kreuz. Wie erbärmlich. Und habe ich mich nicht erbarmt? Er war damals noch fast ein Kind, von mir will ich nicht reden. Mit seinen teuflischen Köstlichkeiten hat mich betört, mit seinem Mezzotintoworten malte er mir die Zwischenreiche seiner Seele, der häßliche Faun. Was floß dem nicht aus Mund und Augen: Paris und Poesie, die schrieben wir mit einer Hand.

Mußte ich nicht zu ihm kommen, die kleine Stadt, die niedrige Mutter, die leergelesene Bibliothek in Charleville, die Schule, in der ich nichts mehr lernen konnte, die mageren Kühe auf der Weide vor der Stadt, all den Mist in den Taubenschlägen und Ställen, das mußte ich doch verlassen, das Geschwätz der Mutter, die Blicke der Mutter, die dumm blickende menschliche Verantwortung! Was für ein Leben für zwei Monate, was für ein Leben. Aber besser nur zwei Monate, als dieses Leben nicht gehabt. Doch das denkt man im Rausch der ersten Empfindung, keine Verantwortung, nur das Leben leben mit den Unterleibern aufeinanderprallen und den Küssen, die sich verflüchtigen wenn man die Hörner auf des Freundes Stirn entdeckt, wenn man entdeckt, daß er schon andere Jungfrauen zugerichtet, zugeritten hat. Das ist genau derselbe Teufel! Was für ein Leben mit einem Teufel, der seinen Brotsack aufhält, in den man hineinschmeißen muß, Küsse und Sperma und Gedichte und den eigenen Atem und die ganze Zärtlichkeit, die ganze, bis keine mehr übrig bleibt. Bis man merkt, das wirkliche Leben ist immer anderswo, nicht im Himmel und nicht in der Hölle. Wir sind nicht in der Welt!

In den Kneipen weinte er Tränen den Huren, diesen Kühen des Elends. Und dann streiften seine Finger über meinen Leib, Jäger auf der Pirsch nach Vergessen. Der durfte jagen und schießen und jedes Mal träumte ich, jetzt dringt der in mich und ich in ihn. Aber er war schön wie eine Christbaumkugel, aufgeblasen, silbern, goldgetränkt und hohl! Der Spiegel Christbaumkugel: ein vollkommen leerer Palast. Ich sollte den meublieren, ich sollte den verzieren, ich sollte den beleben mit „Ich verstehe dich!“ Ich hab es versucht bei Gott, den ich verfluche, den ich verleugne, den es nicht gibt. Bei Gott, ich hab es getan, ich hab ihn verstanden und breitete mein Verständnis, eine wärmende Decke, über ihn, aber die war nie groß genug und warm genug. So wiederholte sich mein Elend.

Wir waren zwei liebende Kinder mit der Freiheit im Paradies der Trauer zu spazieren. Der hatte seine Mutter, ich hatte meine Mutter, die trugen beide keinen blauen Marienmantel. Ich kannte ihn doch genau, noch bevor ich ihn traf und dachte er wäre wie ich wenn ich ihn umarmte. Aber er war wie ich. Ich dachte, ich gewönne die Welt wenn ich ihn küßte. Während draußen in den Straßen kartätscht wurde und barrikadiert, schossen wir aufeinander von hinter unseren Barrikaden.

Ach Suff, du süße Mattigkeit, du langsamer Fluß Vergessen und Verderben, du leber- und hirnzersetzende Gnade, du Branntwein, Wermut und Liqueur, ich habe nicht genug gesoffen, das Thujon hat mir nicht den Verstand verätzt. Ich habe nicht gezittert, ich hab noch nicht das saure Aufstoßen gehabt von zuviel Magensäure, ich habe nicht genug an Katern gehabt und dumpfem Kotzgeschmack und Nebel, es hat nicht gereicht, mich vergessen zu machen. Ich bin noch nicht kaputt genug, ich lebe noch, das ist kein Triumph. Denn warum sollte ich leben? Ich soll nicht leben!

Die Mutter hockt in der Wanne, das Bad ist heiß, ihre Haut ist schon rot und sengend, sie kann es kaum noch ertragen. Sie quält sich heraus mit ihrem dicken Bauch, dem Lebenswanst und läuft durchs menschenleere Haus, niemand da, der ihr Gerenne sieht: die Treppen rauf, die Treppen runter. Das hat schon mal funktioniert, da ging ihr alles ab durch den Leibesschlitz, den Geburtsschlund. Das klebte am nächsten Morgen, verschleimt und verkrustet zwischen den Schenkeln. Jetzt sollte das wieder fort. Aber das war hartnäckig, das Manngebrunst im Leib, das wollte sich weiten und wachsen. Das brachte sie schier zur Verzweifelung. Da stand der Korb mit Wolle am Bett. Aber sie hatte Angst vor den hölzernen Stricknadeln. Die hatte Angst vor der Rachsucht des Herrn! Die Nadeln warf sie ins Feuer – und sechs Monate drauf kam das Kind. Was sollte sie mit dem Balg, zu dem der Herr sie verurteilt hatte?

Auch Paul war ein Kind der verbrannten Nadeln. Kinder der mit Scham verbrannter Nadeln, die dem Tod entwischt sind wegen der frommen Angst der Mütter, sehnen sich nach Zärtlichkeit, nach der Hand, die sie streichelt. Sie haben noch nicht den Mund, davon zu sprechen. Ihr ganzer Körper ist Sehnen. Die Sprache der Sehnsucht verstehen die Mütter nicht. Die drücken ihre Brust nur pflichtgemäß in das Mäulchen. Die Kinder sehnen sich danach, angeschmiegt zu werden, doch die werden nur gedrückt und gewickelt, stramm, bis sie die Beine nicht mehr rühren können. Wie sehnen sich die Beine, sich rühren zu können, zu strampeln, damit sie das Laufen lernen, das eigene Laufen lernen, weg, fort, hinüber, Schritt für Schritt im Trab erst, dann im Galopp. Was für eine Wonne, was für ein Triumph das Laufen lernen mit den eigenen Beinen. Wie sich im Laufen von hier nach da die Welt auftut und weitet. Aaah, das Gefalt und Gehügel ums Dorf, dahinter liegt die Ferne, Sfumato und das Neue, bergauf und bergab meine Beine, bringt mir die Welt durch eure Bewegung. Schritt für Schritt und Meile für Meile fort, welch ein Glück, Beine zu haben, die bringen mich in die Welt. Die Ardennen, die Eifel, den Schwarzwald und Stuttgart, die Alpen und Wien und Italien. Das Laufen, das ist die andere Berufung des Unterleibs. Hier in der Mitte das Ficken und da mit den Füßen, den Waden, den Schenkeln die Erfahrung von Weite und Welt. Wie schön sie ist die Welt, wie schön die Wälder sind wenn man das Geld nicht hat für Kutsch- und Bahnfahrt. Das sollte man nicht einmal schuldig bleiben das Billet für Pferde- und Dampfkraft, nein laufen und ergehen – so begegnet man der Welt.

Ah, du schöne Luft, ah, ihr schönen Berge und Hügel, ah, ihr Kinder am Dorfrand wie ihr euch über die Zäune hinaussehnt ins märchenhafte Anderswo. Ihr Menschen auf Reisen, auf Wanderschaft, man grüßt einander und teilt, was man im Brotbeutel mit sich trägt. Denn wer wandert, den hungert´s.

Was sind das für Beine gewesen, die ich hatte, die maßen die Welt aus, den Kilometer, die Meile, den Tagesmarsch bis zur Rast. Oben ist mein Kopf, mein Hirn und Herz, dazwischen mein Gemächt, das mächtige – aber gewaltiger sind meine Beine gewesen, die trugen mich, leichtfüßige Gesellen, durch die Welt. Im Straßenschotter hab ich meine Schuh zerschnitten von Charleville nach Paris. Eine Reise zu Fuß ist immer ein Grenzgang.

Das war doch eine Pleite als ich ohne Geld für Rückfahrtbillet und Logis zum ersten Male nach Paris mit der Eisenbahn fuhr. Da konnte ich nicht entschlüpfen, die setzten mich Bettler am Bahnhof fest. Für mein Heft Poesie gab´s kein Geld. Ich hätt es auch nie verscherbelt. Da hatte ich mich nicht auf meine Beine verlassen und mußte zurück nach Charleville und zu mother.

In meinen Beinen ist die Bewegung des Schicksals, fort, fort und davon – die haben mir immer zu neuen Zielen verholfen. Aber jetzt fehlt mir eines, abgeschnitten, abgesägt, abgehackt, das ruht längst vor mir in der Erde. Leb wohl mein Bein, leb wohl, mein Laufen, ich kann nur noch hinken und wer erhinkt wohl die Welt? Der Lahme nicht, der Hinkende nicht, der Amputierte nicht. Die Welt ist mir verwehrt. Und wenn ich noch soviel Absinth über den Stumpf schüttete, das rinnt nur ab und brächte nicht das Schwarze unterm Nagel an Vergessen. Da kotz ich doch den Absinth in hohem Bogen über den schäbigen Stumpf, den reibt man mir mit Melkfett und tröstenden Worten, aber der brennt und schmerzt wie die Füße der Seejungfrau, die ihre Stimme hingab, um Mensch zu sein und lieben zu dürfen. Aber die wurde nicht geliebt, die blieb stumm und ihre Füße traten bei jedem Schritt auf spitzige Dolche. Die mußte schweigen über ihre Liebe und wurde zu Schaum als sie ihre einsame Liebe nicht mehr ertrug. Die konnte nicht sprechen, geschweige denn schreien von ihrem Schmerz. Die war bloß ein Spielzeug dem Prinzen, der nahm eine andre und begriff nicht, wie die Einsamkeit schmerzt und das verborgene Wort. Der wunderte sich nicht einmal als das wogende Meer vor dem Bug seines Schiffes so ungewöhnlich schäumte. Das war die Seejungfrau, die löste sich auf im Schaum und verging, nachdem sie so viele Monate gelaufen war auf ihren Beinen, auf ihren Füßen, die hatte sie teuer erkauft von der Hexe im Meer für ihren Gesang, die machte zum Preis ihrer Stimme, den Fischschwanz zu Beinen und Füßen.

Man möchte singen, wenn man liebt, doch dieses Singen gibt man ohne Zögern dahin, für eine Ahnung nur, man würde zurück geliebt. Das Schreiben war ein Fischschwanz, ein schillernder Fischschwanz, der trieb die Seejungfrau voran durchs Meer. Das Schreiben treibt voran. Gedichte sind ein Muskelgewebe, das braucht Blut und Atem, doch wenn man in die Netze gerät, dann stockt der Atem, dann stockt das Blut.

Ich geriet ins Treibnetz, das fängt alles Lebendige im Meer und nichts entrinnt den feinen Maschen. Gedichte trieben mich nicht mehr voran. Zwanzig, so alt und ich kam nicht mehr voran. Lombardisches Lesen nicht und Ausreißen nicht, und Paris nicht und nicht die Barrikaden der Commune und nicht die Schwänze preußischer Soldaten und nicht mein Strichergekicher in den poetischen Salons, Merde. Und nicht die verlorenen Küsse von Paul und nicht die paar gedruckten Gedichte, die keiner begriff und nicht der Suff, und nicht der hingehaltene Arsch, um ein paar Franc zu verdienen, und nicht das blöde epater le bourgeois, nichts, nichts, nichts. Die Preußen riefen ihren Staat aus im Spiegelsaal zu Versailles und Paul soff sich um den Verstand und die barbrüstigen Weiber in den Gassen von Paris ließen das Kämpfen und begannen wieder zu stillen und in den Ardennen blieb der Matsch und blieben die dumpfigen Kühe und auf den Seiten von holzigem Papier blieb nichts als wüst und schlecht und recht Gereimtes und meine angeschossene Hand puckerte vor Eiter und Paul fickte ein paar Stricher in den Arsch und ging ins Gefängnis und wurde fromm wie ein Diakon und predigte fortan. Da blieb nichts mehr, nur laufen, laufen, laufen – mother!

Oh, du schönes Afrika am Rande der Wüste, am Ozean von Sand und Hitze. Da das Meer und da die Sahara, Salzwasser, Sanddünen, weit. Was sollte ich noch mit Gedichten, da war das Morgenland mit Glut und Kaffee, Arabien mit Hitze und Schweiß im dunstigen Kaftan, die Kasbahs verschachtelt aus weißem Kalk und Ziegeln, Gewächse aus Gestein, Gazagewebe und Schleier und Sklaven, den Schwarzen, den Äthiopiern, den Ägyptern stolz und hochgewachsen, die schlanken, zähen Körper, die Glut der braunen Augen. Diese Männer fern vom Christentum, die schönen, duftenden Heiden, andere Menschen einer lockenden Welt.

Hier wurde ich reich wie meine Mutter es erhoffte: kaufen und verkaufen, Besitz anhäufen, Kaffeesäcke und Pelze und Männer aus dem Sudan. Diese Hitze, die das Atmen beschwerte und müde machte und träge, da war die Luft schon wie Absinth. Aber ich war Absinth gewohnt und weniger träge als die Anderen. Afrika, Arabien, trocken-heiße Lüfte, Mattigkeit, Baumwollgewänder, fließend am Leib, die sogen den Schweiß auf, das Feuchte unter den Achseln und zwischen den Schenkeln. Da war man nur Körper und der Körper vergaß im Dösen der Mittagshitze all das allons enfants, den hohen Zweck und die Republik und die Gedichte und die Reime und war nur noch ein A und O und U, ein willenloses Lob der Vokale aus der unterworfenen Brust. Das war nicht zu beschreiben – und darum hoch Niépce, dem Vergessenen und Daguerre, seinem Betrüger. Alles Schöne ist gestohlen und den Ruhm erntet ein anderer.

Das Dreibein stellte ich auf in den Wogen des Abends, wenn die Sonne schräg stand und golden: also Photographie. Was für ein Kasten Genialität, eine camera obscura – ein Loch auf die Welt gerichtet und kopfüber taucht die ein und belichtet die Platte. Belichtet die Platte! Oh, du schönes Licht, du küßt das Silbernitrat, das ängstigt sich nicht vor deinen Küssen. Jede Belichtung ein Valentinstag – oh, du dunkle, atmende fremde Welt, im Moment, da ich den Verschluß für einen Augenblick öffne, wirst du gebannt auf das Glas und da bleibst du, da bleibst du, während das Leben zerrinnt. Wie berauschend Licht und Glas und Silber – das war einmal die Welt. Das spür ich im Gebein. Das bleibt, während mein Gebein zerfällt, die Liebe zerfällt und die Gedichte in Laute zerfallen.

Nichts kehrt zurück in deinen Mund, was du gesprochen hast, nichts kehrt zurück in dein Herz, was du geliebt hast. Nichts kehrt zurück, von dem, was du zwischen sechzehn und neunzehn gewesen. Das war das Beste, das war der Aufruhr, das war der gefickte Arsch und das Auftrumpfen, wenn dir eine Zeile gelang, die keinem andren gelang. Was für ein kindlicher Stolz, man nimmt vieles ernst, wenn man siebzehn ist, man nimmt vieles leicht, wenn man siebzehn ist. Die Abende sind schön, man strolcht durch Romane, man sucht sich Helden weil man selbst ein Held sein möchte. Man ist einen ganzen Sommer verliebt, einen ganzen, der ist einem so lang wenn man siebzehn ist. Und noch bevor man achtzehn wird ist die Liebe eine Wunde, eine Schwäre voller Eiter, die nicht heilt, ein Gekrust am amputierten Stumpf. Mit sechzehn hat man noch kaum Worte für die Liebe, die sucht man, damit die Zunge was zu tun hat, wenn sie nicht küßt. Mit siebzehn hat man sich die Worte zusammengelesen, zusammengeklaubt und schließlich erfunden. Ein Jongleur der Worte wird man in den sachten Sommerabenden, wie sie dahinfliegen, aufsteigen und in die Hände sinken, die werfen sie wieder hinauf wie ein Schamane seine Knöchelchen, aus denen er, kaum sind sie in den Sand gefallen, die Zukunft lesen will. Mit achtzehn weiß man, daß keine Zukunft ist im Sand, in den Knochen und in den Worten. Ausgesprochen sind sie vergänglich, die Worte, die taugen wie der Sand nur fürs Stundenglas, die Glastaille des Vergehens – und die Knöchelchen des Schamanen werden ausgesiebt, wenn man Sand braucht für das Stundenglas und dann in die Kloake geworfen. Während man fragt, liebst du mich, liebst du mich, man fleht um die Liebe, um ein Zeichen, eine Berührung, während man in den Gesichtern einen kleinen Augenblick der Zuneigung sucht, ein Sandkorn Lächeln, ein Nicken dubistrecht, dubistgelitten, bisthierzuhause, ein mütterliches Bett aus Armen, rinnt der Sand immer weiter und man bleibt an der kahlen einsamen Stelle, selbst wenn man fortläuft tausendmal und sehnt sich. Sehnen ist wie Hunger. Wer zuviel sehnt, verhungert. Wer fragen muß, liebst du mich, der ist längst verhungert. Man treibt nur noch, ein trunkenes Schiff, keine Treidler mehr und ein rostiger Anker. Manchmal aber, wenn keine Antwort kommt auf die Frage Liebst du mich? hat man sich nicht mehr im Griff, dreht man durch und verletzt den Antwortlosen voller Wut und Zorn. Das ist ein Weh, das im Moment, da man es spricht, den Mund schon versengt. Man darf dem Liebelosen nicht sagen, daß er liebelos ist, man muß immer hoffen wie ein Kind immer hofft, daß einmal die Mutter wieder lächelt und man in Gnade wieder aufgenommen ist, daß man wieder das Kind ist der Mutter. Man muß ins Weltall lauschen auf die Gnade der Mutter wie auf Gottes Gnade und Antwort – die könnte doch kommen, könnte doch kommen, darum kniet das Kind sein Leben lang vor der Mutter, vor seinem Gott und erfleht diese Gnade und hofft und hofft, das Gebet werde erhört: Liebst du mich? Es ist als würde die Zauberformelfrage selbst sich erfüllen. Solange man dies fragt, hofft man noch auf Antwort aus den stummen, den erstorbenen Mündern, aus den Mündern, die es nicht gibt.

Wenn aber du das Schweigen nicht mehr erträgst und wirst rauh und grob und verfluchst Gott, dann bist du auf ewig verdammt und lernst, daß es nur eine Jahreszeit gibt in der Hölle. Gott antwortet dir nur mit Grausamkeit und Gewalt, der kann nicht anders: der besäuft sich und randaliert, beschimpft seine eigene Mutter und greift zur Pistole und schießt dir die Nagelwunde durch die Hand. Die mußt du ihm vergeben, mußt ihm den Zorn vergeben, denn wer war es denn, der den Gott zornig machte? Deine Liebe stigmatisiert dich und wer will Menschen mit Schandmalen um sich haben?

Und ausgerechnet, daß Gott schweigt, macht ihn angeblich größer, das muß das Kind glauben von der Mutter, das glaubte Paul von seinem verschissenen Gott in der Höhe, dem Gott der sich delektiert an seiner Masturbationsphantasie, der Erbsünde, der du nicht entkommst. Du machst dich immer schuldig gegen den, der dich erschaffen hat, gegen die Frau, aus deren Leib du gekrochen bist, gegen den Geliebten, den du, unwürdig, batest um Liebe. Credo quia absurdum.

Weglaufen, weglaufen von diesem Sündenfall, durch halb Europa, durch Afrika und Arabien, immerzu fort, immerzu laufen, immerzu weg, weg von deiner Sündenschuld. Du würdest gerne treiben wie Ophelia, ertrunken und schön im Bach mit dem Blütenkranz ums Haupt, aber nicht einmal das darfst du, denn diese Todesschönheit ward erkauft durch Selbstabschaffung. Was nützt Ophelia die Schönheit im Tode wenn man sie schäbig vor den Mauern des Friedhofs verscharrt.

Wer fragen muß nach der Liebe, wem die Liebe nicht geschenkt wird, wer lernen muß, daß er nicht geliebt wird, wer heißes Bad und Holzstricknadeln überstanden hat und verlogenes Säugen überstanden hat, der mag ein Poet werden, aber einer, der am Ende die Sprache verliert. Dem rutschen Vokale und Diphthonge und Konsonanten aus dem verbitterten Mund, dann hat er nicht mehr das Kommando über die Sprache. Der mag werden ein Kaufmann und mit Spezereien und Rauchwerk handeln, mit Kaffee und Tabak, den Genüssen der Sinnlosigkeit – was ist sinnloser als das flüchtige Aroma von Arabica und das Kräuseln Rauch einer Sumatrazigarre in der Abendluft, Arabesken des Nichts wie die blau und goldenen Flammen der fee verte. Es sind Räusche, die nichts bedeuten, die nur Zeit ausfüllen zwischen erstem Wimpernschlag und dem letztem Wimpernschlag und der ungefundenen Liebe.

Man liegt auf dem Bett wie ein Opiumesser und träumt, das sei das Leben wenn man das Glück hatte, den Stricknadeln und dem Brühbad der Mütter zu entgehen. Ah, da meint man, man sei jemand, man habe das Leben im Griff und das Kommando über die Sprache und über den eigenen Körper und die beduselten Sinne. Fenchel, Wermut und Angelika, Opium und Chloroform, nicht einmal dies Morphium, der Traum vom Ruhm eines Provinzapothekers, betäuben einem das Leben wirklich. Denn das Bein schmerzt noch immer, obwohl es längst abgehackt wurde.

Dieses erbärmliche Häufchen an Phantasien von Poesie und Liebe und Handelserfolg das bin ich nicht, das war ein anderer. Ich bin im Schmerz ertrunken und über mir das Meer.

Erläuterungen

Arthur Rimbaud, geboren 1854 in Charleville, gestorben 1891 in Marseille, schrieb von seinem 15. bis zu seinem 20. Lebensjahr Gedichte, die den Hochbegabten heute als einen der großen französischen Lyriker ausweisen.

Sein Vater, ein Berufsoffizier, hatte Frau und Kinder verlassen; die harte, bigotte und ungebildete Mutter bekämpfte jede sensible und künstlerische Regung in ihrem Sohn. Seine Poesie und seine Homosexualität waren ihr ein Greuel. Rimbaud war zu begabt und intelligent, um sich anzupassen. Mehrfach riß er von zuhause aus, wanderte sogar zu Fuß durch die Frontlinien im deutsch-französischen Krieg 1870/71 nach Paris, machte schnell Bekanntschaft mit Dichterkreisen, in denen er auch Paul Verlaine kennenlernte. Der verließ für den zehn Jahre jüngeren seine Frau und die gerade geborene Tochter. Verlaine, bereits ein schwerer Alkoholiker, förderte den Jüngeren, aber beneidete ihn auch. Es entspann sich eine gewalttätige Hassliebe. Sie endete als Verlaine Rimbaud mit einem Revolverschuß an der Hand verletzte. Verlaine kam wegen versuchten Mordes und wegen Sodomie ins Gefängnis, wo er – es sei dahingestellt ob aus Opportunismus oder Überzeugung – zum katholischen Glauben fand.

Rimbaud verstummte als Dichter und begann ein ruheloses Wanderleben durch ganz Europa. Zu Fuß erwanderte er sich seine Ziele in Deutschland, Österreich und Italien. Mit dem Geld seiner Mutter begann er in Afrika und Arabien äußerst erfolgreich Handel zu treiben; dort begann er sich auch mit Photographie zu beschäftigen. Seiner Umgebung schien es, er sei „auf den bürgerlichen Weg eingeschwenkt!“ – aber seine innere Zerrissenheit aber war geblieben.

Seine extensiven Wanderungen schädigten seine Knie. Es entwickelte sich ein Tumor, dessen Bösartigkeit zur Amputation des Beines führte. Kurz nach der Operation starb Rimbaud in Marseille. Seine Schwester vernichtete, das was ihr im poetischen Nachlaß inkriminierend schien. Seine Gedichte hatte Rimbaud jedoch an viele bekannte Autoren geschickt. So blieben die meisten erhalten.

Bis ins 20. Jahrhundert galt er als ein „poet maudit“.

Seine Mutter überlebte ihn um bald zwanzig Jahre. Gegen Ende ihres Lebens ließ sie sich in bigotter Frömmigkeit und trunken von katholischen Jenseitsadoration gleichsam zur Probe in ein Grab hinabsenken.

Rimbaud galt wegen seiner wortmächtigen und zuweilen hermetischen Bilder als Vorläufer des Symbolismus. Sein Gedicht, Das trunkene Schiff, ist ein Hauptwerk der europäischen Lyrik, mit dem er Symbolismus, Surrealismus und Expressionismus vorwegnahm.

„Ich ist ein anderer!“, das skeptische Diktum, regte Freud zu vielen Ideen an.

Ungeklärter Todesfall

diese Geschichte erschien im Sammeband „ungelöst“

Jetzt wieder diese dämlichen Schnürsenkel. Solange sie noch lebte, hatte Lisbeth sie ihm gebunden. Auch als sie nur noch auf dem Sofa lag und darauf wartete, daß alles vorbei war. Er blieb gegenüber im Sessel sitzen und hob den Fuß auf die Polsterkante der Couch. Ihr fiel es mit jedem Tag schwerer, sich ihm zuzuwenden und aufzurichten, damit sie die Schuhe binden konnte, einen nach dem anderen. Gewiss, sie verzog dabei ihr Gesicht und oft stöhnte sie, weil ihr wieder die Schmerzen durch den Unterleib rissen, den leergeräumten. Aber es war ja sonst keiner da, der ihm die Senkel band. Allein mit der Linken ging das nicht, die Rechte war doch steifrotes Gelump, diese Krampfklaue. Sie wollten´s ihm beibringen im Lazarett, wie man mit einer Hand Krawatten bindet oder eben Schnürsenkel oder sogar schreiben mit der gesunden Linken. Aber das war nichts für ihn, das konnte er nicht und das wollte er nicht! Seine drei Krawatten hatte ihm Lisbeth schon vor langer Zeit gebunden und er achtete darauf, die Knoten nie zu lösen und zwängte sie sich über den Kopf um den Hals.

Er fummelte die Senkel mit links unter die Lasche und zurrte sie fest; das würde reichen, bis er bei der Tochter angelangt war. Die band ihm nun jeden Morgen die Schuhe zu. Konnte sie ja auch machen als seine Tochter. Er hatte sich vieles selbst beigebracht seit Lisbeth gestorben war – morgens selbst Kaffee machen mit einer Hand: er klemmte die Nescafédose mit dem steifen Arm vor den Bauch und drehte den Deckel ab. Zwei Teelöffel Pulver in die Tasse und den Tauchsieder ins Henkeltöpfchen mit dem Wasser. Das konnte er auch mit einer Hand erledigen. Aber das Abwaschen, das mußte dann die Tochter machen, wenn sie einmal in der Woche zum Putzen kam. Sieben Tassen standen dann aufgereiht in der Spüle und daneben die kippenvollen Aschenbecher. Er vergaß immer sie auszuleeren. Die Tochter machte das sowieso und spülte die dann auch.

Rauchen ging auch noch mit einer Hand. Nur das Aufpfriemeln der Zigarettenschachteln gelang ihm nicht. Er kam nicht mit dem Fingernagel unter das verklebte Cellophan und auch die Banderole ließ sich kaum aufreißen, vom Alu ganz zu schweigen. Röttges würde das für ihn machen, im Kiosk, wenn er sich seine Stuyvesant holte, der Duft der großen weiten Welt. Es waren nur noch drei Zigaretten in der Packung. Also gleich welche kaufen.

Die Schwaden der ersten Zigaretten nach dem Aufstehen hingen noch im Licht der frühen Morgensonne, das durchs Küchenfenster einfiel. Er wollte nicht mehr lüften, nur raus aus der Wohnung, wie jeden Morgen. Abends hing dann immer der erkaltete Rauch in den Gardinen und hatte sich auf die Tapeten gelegt.

Im Schlafzimmer schnappte er sich das Jackett, das er jeden Abend über dem Stuhl drapierte; meist schief, nur mit der Linken eben. Wie jeden Morgen die gleiche Quälerei in das Ding reinzukommen und die rechte Hälfte über die Schulter zu werfen. Er haßte das; früher hatte ihm Lisbeth dabei geholfen. Aber Lisbeth war nicht mehr da. Das unberührte Federbett neben dem seinen, das er auch heute wieder unaufgeschüttelt liegen ließ, machte ihm das täglich klar. Einmal in der Woche wechselte die Tochter die Laken und Bezüge beider Betten; die war ordentlich. Sie hatte schon oft gefragt, ob sie nicht Oberbett und Kopfkissen von der linken Seite wegnehmen sollte, es wäre doch Verschwendung, die saubere Wäsche dauernd zu wechseln, aber da war er jedesmal fuchtig geworden, er wollte doch kein kahles Lager neben sich.

Ein Blick noch in den Spiegel vom Toilettentisch. Sein Haar war dünn geworden, aber er hatte noch keine kahle Stelle. Er griff die Bürste von Lisbeths Garnitur aus der Glasschale und kämmte sich den Schopf streng zurück. So sah er noch immer aus wie vor dreißig Jahren als Kellner, da hielt er mit Pomade das Haar in Form. Das waren noch Zeiten, vor dem Krieg, als er im Casino in seiner weißen Jacke, die Serviette über dem rechten Arm – der machte damals was er wollte – die Offiziere bediente. Die schwarze Schurwollhose gehörte mit zu seiner Kellnererscheinung, wie eine Uniform, immer scharf auf Kante gebügelt. Jetzt kriegte er abends die Längsfalten nicht mehr so akkurat übereinander wie es sich gehörte; Lisbeth hatte seine Trevirahosen immer in den Spezialbügel eingespannt, damit sie sich über Nacht aushängen konnten. Jetzt warf er sie nur noch achtlos über den Stuhl.

Er legte die Haarbürste zurück in die lilafarbene Glasschale. Genauso lilafarben waren die Taftrüschchen auf dem Seifenpüppchen. Lisbeth hatte es vom Enkel geschenkt bekommen. Sie liebte diesen Kitsch. Ein nacktes, kleines Babypüppchen umschäumt von Rüschen, in eine Mousonseife mit Nadeln eingestochen. Der Enkel machte sowas im Kindergarten. Nicht gerade eine Bastelei für Jungen.

Er griff das Püppchen und hielt es unter seine Nase. Die Seife duftete schon lange nicht mehr. Eigentlich ein nutzloser Staubfänger, sagte seine Tochter, aber er mochte ihn trotzdem nicht wegwerfen.

Mit zwei Fingern fischte er sein Gebiß aus dem Kukidentglas neben der lilafarbenen Schale und pappte die Zähne mühselig in den Oberkiefer. Unten waren die Beißer auch nicht die besten, ob er sich da noch einen Ersatz machen lassen sollte? Es war eine Viecherei gewesen als der Zahnarzt ihm die restlichen Stumpen aus dem Oberkiefer gerissen hatte. Nein, kein zweites Mal, es lohnte nicht mehr. Die obere Gebißhälfte saß auch nie ganz richtig, selbst nachdem sie korrigiert worden war. Keine neuen Zähne mehr, beschloß er.

Zuletzt nahm er sein Portemonnaie von der Frisiertoilette; er zog es abends immer aus der Gesäßtasche, es beulte sie aus. Viel war nicht mehr drin; aber heute war ja auch der erste, er würde gleich seine Rente abholen.

Als er am Bett vorbeilief zur Tür, fiel sein Blick wie jeden Morgen, auf das paßkleine Photo vom Arthurlein, das auf seiner Kommode lag. Seit bald einem Jahr. Er hatte nicht gewußt, wohin damit. Es war zu klein, zu alt und zu zerknittert, um es in das einzige Photoalbum einzukleben, das er besaß. Da drin waren die letzten Photos von Lisbeth, aufgenommen in der Kur. Er streckte vor der Kamera seine Hand aus, die gesunde, die schlanke, die bewegliche und Lisbeth, in der Ferne auf der Promenade markierte, sie blicke zu ihm hinauf. Und er blickte auf seine Handfläche mit der langen Lebenslinie…nachher wirkte das im Bild so, als trüge er die Zwergin auf Händen. Ein Scherz.

Das winzige Photo vom Arthurlein, das hatte die Lisbeth fünfunddreißig Jahre in ihrer Börse stecken. Es war das einzige, das sie von dem Kind hatten. Eine Kamera konnten sie sich damals nicht leisten. Er wußte schon nicht mehr, wer das Bild gemacht und ihnen den kleinen Abzug geschenkt hatte, von dem Söhnchen, gerade mal drei, in dunkelblauer Jacke und dunkelblauer Hose und schwarzen Schühchen – an die gedeckten dunklen Farbtöne konnte er sich noch genau erinnern. Das Arthurlein lacht nicht und schaut ernst in die Welt. Ein paar Wochen darauf ist er an Diphtherie gestorben. Der hatte sich gequält in seinen letzten Tagen, der Blondschopf, das einzige Söhnchen, dann kam zwei Jahre später die Tochter, die hatte nicht so ein zartes Gesicht.

Vorsichtig faßte er mit zwei Fingern ein Eckchen des Photos und steckte das Bild behutsam in die Brusttasche. Er konnte es doch da auf der Kommode nicht liegen lassen für immer.

Neben der Tür hingen Wohnungs- und Hausschlüssel an einem geschnitzten Holzbrettchen. Das hatten sie von ihrem einzigen kurzen Urlaub – eine Woche – mitgebracht: der Titisee, eine blau angemalte Vertiefung, rundherum die dunklen Tannen und darüber in geschwungener Goldschrift: Gruß vom Titisee. Er griff den Schlüsselbund, öffnete die Tür und zog gleich wieder hinter sich zu. Warum er immer so sorgfältig abschloß, es gab doch bei ihm nichts zu holen. Aber das wußten Einbrecher ja nicht. Und hier im Treppenhaus waren schon öfter merkwürdige Gestalten von der Kneipe im Parterre aufgestiegen, nachdem sie unten auf dem Klo gewesen waren. Das lag auf der ersten halben Treppe. So besoffen konnte man doch nicht sein, daß man die Treppe hinauf- statt wieder hinunterlief zur Verbindungstür in die Kneipe, das waren sicher irgendwelche Gauner gewesen. Trotzdem, es war ihm egal, er wollte nicht mehr den Schlüssel mit links ins Loch bugsieren. Die Hand war ja in Ordnung, gesund, intakt, wie der Doktor sagte, aber sie begann leicht zu zittern und ungeschickt war sie sowieso! Links eben. Er war Rechtshänder gewesen. Rechtshänder! Bis heute schallte ihm die Mahnung seiner Mutter im Ohr: willst du wohl das richtige Händchen geben? Wie sich das gehört? Und dann streckte der kleine Junge rasch und errötend die Rechte aus, die richtige Hand und machte einen Diener. Wenn jetzt aber auch noch die Linke anfing, die nichtsnutzige Ersatzhand, zu versagen… mit der Rechten konnte er aber nicht einmal nach dem Holzgeländer greifen. Und eines auf der linken Seite gab es nicht, nur diese schmierige geölte Wand, aus der die getrockneten Farbtropfen sich wie kleine Zinken ausmachten. Daran konnte man sich die Haut aufreißen. Andersrum die Treppe rauf war ja nicht so schwer, da mochte er sich noch hinaufziehen. Aber dieses Balancieren auf der Treppe nach unten fiel ihm immer schwerer. Es gab ja nicht mal gescheite Lampen, keine Fenster im Treppenhaus und dann tags und nachts über dieses miese gelbe Licht aus den Kugelleuchten, zwanzig Watt. Der Hauswirt war zu geizig. Das waren noch immer die gleichen Lampen wie damals als sie eingezogen waren vier Jahre nach dem Krieg, endlich zurück aus der Evakuierung in den Nissenhütten vor der Stadt. Das Haus hatte nicht viel abgekriegt, keine einzige Bombe, nur die Fenster waren draufgegangen. Glück gehabt, die waren schnell repariert. Das Geld war bald dafür da, denn die Kneipe unten im Parterre war auch heil geblieben und brachte rasch wieder Pacht für den Hauswirt, gesoffen wurde immer.

Das Bier mußte nicht weit hertransportiert werden. Schräg über die Straße lag die Brauerei, von den Trümmern war schon lange nichts mehr zu sehen – die Fässer wurden von da bloß über die Straße zur Kneipe gerollt. Immer mittwochs roch das ganze Viertel nach dem neu angesetzten Sud, süß und klebrig hing die Luft in den Straßen und in den Zimmern, besonders im Sommer. Es hatte keinen Sinn, die Fenster geschlossen zu halten, der Geruch zog durch alle Ritzen. Lisbeth ekelte das nur noch in ihren letzten Wochen, wenn sie tagsüber auf der Couch lag.

Ein anderer Geruch kroch vom ersten Stock bis nach unten in den Hausflur: dieses Gemisch aus Männerpisse und Urinstein, beides beißend. Den Gestank kriegte man nicht mehr aus den Toiletten auf dem Zwischengeschoß zwischen Parterre und erster Etage heraus. Man hätte sie wohl ganz wegreißen müssen. Die Pissbecken hatten sogar den letzten Angriff heil überstanden, das war ja auch noch Vorkriegsware gewesen.

Die Lichtkugel im Eingangsbereich des Hausflurs war blind, hier gab es nur das Licht, das durch die farbigen Butzenscheiben der Haustür zu Straße hereinfiel. Gelbe und rote und grüne Flecken auf dem Marmorboden, ein billiger Marmor mit vielen Einschlüssen wie ungezählte Leberflecken.

Auf der vorletzten Stufe knickte er mit dem Fuß um und konnte sich gerade noch auffangen. Es war als wäre er über das Mosaik aus Licht gestolpert. Er hatte sich erschrocken, denn die Verbindungstür zur Kneipe wurde hart aufgestoßen. Die Putzfrau schob ihren scheppernden Eimer mit dem Fuß vor sich her. Auch sie erschrak weil jemand aus dem Schatten der Treppe auf sie zustürzte. Aber sie erkannte ihn sofort. „So früh schon unterwegs?“ fragte sie ohne große Neugier.

„Es ist Zeit“, erwiderte er. „Wir haben den ersten. Ich muß meine Rente holen!“

„Schön, daß Sie noch eine haben“, knurrte sie. „Sie sehen ja selbst, “ und stieß mit dem Schrubber gegen ihren Blecheimer“, ich muß mir noch was dazu verdienen! Es geht nicht anders!“

Er nickte der rabenartigen Gestalt zu. Zerzaustes graues Haar und keine Zähne mehr im Mund. Die konnte sich kein Gebiß leisten. Er selbst mußte sich auch etwas dazu verdienen. Die Invalidenrente war ein Witz. Seit sie Lisbeth vor einem Jahr aus der Klinik entlassen und nach Haus gebracht hatten, damit sie die letzten Wochen auf dem Sofa verbrachte, in vertrauter Umgebung wie der Doktor sagte, der alle Tage kam, um ihr was zu spritzen, was dann auch nicht mehr besonders gegen die Schmerzen half, seit also Lisbeth nur noch auf dem Sofa lag und dahindämmerte, konnte er nicht mehr ins Kino. Das war eine einfache Arbeit gewesen, die schaffte er sogar mit der linken Hand. Platzanweiser mit großer Taschenlampe, fast wie ein leuchtender Marschallstab: er war der Marschall von Loge, Sperrsitz, Parkett…das gefiel ihm.

Hier fühlte er sich selbst im Dunkeln auf dem glatt gebohnerten Parkettboden sicher. Schon im Krieg hatte er als Invalide hier gearbeitet. Dafür taugte er noch. Fünfundzwanzig Jahre war er die Stufen zum Balkon den verspäteten Besuchern vorausgegangen, dafür brauchte er keine rechte Hand. Jetzt vermißte er den besonderen Geruch, der aus den Polstern und den kunstseidenen Stoffwellen an den Wänden strömte. Das war der Geruch des Residenz-Kinos. Den hatte er zuerst gerochen, als er das allererste Mal, noch ein Junge von 15 Jahren, hineingestolpert war. Damals war es längst nicht so luxuriös gewesen, ein Kintopp eben: ein ehemaliger Festsaal mit bierfleckigen Wänden, nun mit zehn Reihen an Polstersesseln und im Parkett nur einfache Holzstühle. Es gab noch keinen Vorhang, der mit einer Motorvorrichtung zurückgezogen wurde, wie heute. Nur das weiße Leinen, auf die schwarz getünchte Wand aufgeklebt. Er hatte sich die zwei Groschen für den Eintritt abgezwackt von seinem Lohn bei Küddelfegers Anton, dem er half die Pferdescheiße zu sammeln. Wertvolles Heizmaterial im ersten Krieg. Vor der Leinwand klimperte ein Klavierspieler auf seinem Instrument und dann erlosch das Licht und ein Schattenspiel erschien. Das hatte er nie vergessen – er mußte viel lesen, die Zwischentitel. Das haßte er damals. Zweimal kleben geblieben und mit zwölf aus der Schule ohne Zeugnis. Aber wenn man nicht las, dann verstand man nicht, was da ablief im Golem. Was für eine düstere Gestalt, ein Ungeheuer, tapsig und steif, als hätte es kein Gefühl, als wären die Gliedmaßen wie gelähmt, fast unbeweglich. Und in dem Gesicht ohne Mienenspiel rollten nur die Augen und es war, als spräche der Mann aus Lehm mit diesen Augen, denn eine Stimme gönnte ihm der Stummfilm nicht.

Das war sein erster Film, so verwirrend und fesselnd wie der Geruch vom Nebensitz; es roch nach Knize. Den Duft kannte er von den jungen Leutnants, denen seine Mutter die Uniformen wusch. Da hockte neben ihm ein Gymnasiast vom Altsprachlichen, der zerknauschte, wenn’s gruselig wurde, seine Kappe zwischen den Fingern. Wie der rein und angenehm roch, nach Seife und Parfum. Der hatte ein schönes Gesicht, das konnte er selbst im Zwielicht erkennen, ordentlich gekämmt, der Kragen sauber und einmal lächelte der sogar herüber. Er schämte sich für seine Zerzaustheit und fürchtete, man könnte vielleicht die Pferdeäpfel riechen, die Spuren an seinen Hosenbeinen hinterlassen hatten. Er selbst nahm den Gestank schon lange nicht mehr wahr, aber der neue Geruch von diesem schönen Gymnasiasten ging ihm nicht aus der Nase. Niemals, genauso wie der Geruch des Kinos.

Als er, der Invalide, mitten im zweiten Krieg im Residenz Platzanweiser wurde, der mittags, bevor die Vorstellungen begannen, noch mit der Bohnermaschine durch den Saal fuhr – das machte Mühe, aber ließ sich auch mit einer Hand bewerkstelligen – war es ein Nachhause kommen. Natürlich drucksten da längst keine Gymnasiasten mehr in den letzten Reihen, die ihre Kappen zerknautschten. Landser auf Heimaturlaub stierten notgeil Zarah Leander an und La Jana. Sowas wie den Golem zeigten sie nicht mehr. Und nachdem das Residenz mühselig und schnell wieder zusammengezimmert worden war, saßen im Parkett ganze und halbe Familien, um sich die bunten Filme aus den Alpen anzuschauen.

Wenn der Saal voll war und der Hauptfilm lief, dann stellte er sich zur Kassiererin in den Glaskiosk im Foyer, ließ sich von ihr aus der Thermoskanne Kaffee einschenken, unterhielt sich mit ihr über die alten Filme, die auch sie noch kannte, und streichelte ihren grauen Zwergpudel.

Als es mit Lisbeth rapide bergab ging und man sie nicht mehr im Krankenhaus behalten wollte, weil nichts mehr zu machen war, so daß sie nur noch matt und mit Morphin vollgepumpt auf dem Sofa lag, mußte er die Arbeit aufgeben. Nachdem sie gestorben war, fragte er nach, ob er wieder anfangen könnte, aber der Besitzer hatte bedauernd mit den Schultern gezuckt, die Stelle sei schon mit einem jungen Mann besetzt und er sei ja nun auch schon Rentner und solle sich doch eine ruhige Zeit machen.

Kein Kino mehr! Der blöde Metzapparat, den ihm seine Tochter und sein Schwiegersohn angeschleppt hatten, konnte doch das Kino nicht ersetzen, es gab keine perlmutterbesprenkelte Leinwand, keinen roten Samtvorhang und vor allem nicht den Geruch, der aus den kunstseidenen Stoffwellen an den Wänden strömte und manchmal eine Spur von Knize, die aus der Loge herüber wehte. Da saßen die besseren Leute.

Er trat aus der Haustür, die hinter ihm durch den Gewichtsmechanismus zugedrückt klickend ins Schloß fiel. Das war eine saubere Morgenluft. Der Sprengwagen war noch nicht lange vorüber und der Asphalt glänzte feucht. Aber morgen, morgen würde wieder dieser leicht aasige Geruch des Biersuds herüberwehen. Im Hochsommer vor fünfundzwanzig Jahren, als er das Lazarett in Belgien zu Spaziergängen verlassen durfte, und die Hitze auf dem ganzen Gelände lastete, stank es aus einer Baracke fast ebenso so süßlich. Da lagerten sie die Leichen; die begannen schnell zu stinken und mit dem Beerdigen kamen sie nicht nach.

An der Straßenecke, über dem Eingang, bäumte sich, groß wie ein Schaukelpferd das „Weiße Rössl“ aus bemalten Holz, das der Kneipe den Namen gab, in seinem Eisenring und schwankte sacht im Wind. Nie hatte er sich Gedanken gemacht, ob es herunterfallen könnte. Es war sicher schwer und hätte einen Menschen bestimmt erschlagen. Selbst die Bomben hatten ihm nichts antun können. Es blieb da oben hängen, immer im Sprung, das weiße Roß.

Um die Ecke herum zum Kiosk von Röttges. Der schnallte gerade verschiedene Zeitungen, die um fünf angeliefert worden waren, in die Halterungen. Er hörte im zweiten Stock stets, wenn das Fenster geöffnet war, wie die Packen vor die Tür geschmissen wurden.-

„Morgen Arthur, bist ja heute sehr früh!“ grüßte Röttges.

„Heute ist der erste“, antwortete er knapp und Röttges verstand – Rente abholen, zur Tochter wie immer! Rentner haben es eilig!

Röttges fischte eine BILD vom Stapel und faltete sie so zusammen, daß man sie bequem in die Jackettasche schieben konnte.

„Und Stuyvesant!“

„Nur eine, Arthur? Du willst doch nicht auf deine alten Tage mit dem Schmöken aufhören?! Lohnt nicht mehr!“ und Röttges gackelte über seinen müden Witz.

„Eine reicht mir heute. Machst Du mir sie auf?“

„Aber klar doch, wie immer“, und Röttges nestelte am Cellophan, zog einige Zigaretten heraus und bot sie seinem Kunden an. Er nahm eine und ließ sie sich von Röttges mit einem der Benzinfeuerzeuge anzünden, die in einer kleinen Glasvitrine auf der Theke zum Kauf angeboten wurden.

„Is´ vielleicht auch nicht das Schlechteste, sich ein bißchen einzuschränken mit dem Rauchen. Seit der Magenoperation darf ich ja eigentlich überhaupt nicht mehr,“ Röttges rieb mit der Hand über seinen Oberbauch; früher hatte das Hemd gespannt, jetzt war es viel zu weit und der Gürtel darunter hatte noch ein paar Löcher mehr gestanzt bekommen, damit die schlackernde Hose auf seinen Hüften hielt. „Nich´ so einfach, sich zusammen zu nehmen, auch wenn du nur noch einen halben Magen hast, das kann ich dir sagen!“

Er hörte sich Röttges übliche Predigt über seine Operation an, die immer damit endete, daß er dem Düwel gerade noch mal von der Schüppe gehopst sei. Bisher war er selbst von diesen Krankheiten verschont geblieben. Überall hörte er nur von Herzklabustern und Krebs; und er hatte das Elend ja auch jahrelang vor Augen gehabt: wie Lisbeth immer weniger wurde, im wahrsten Sinne des Wortes, bis sie ihr nichts mehr herausschneiden konnten; die Blase, die Nieren, ach der ganze Unterleib fast rausgeholt und bestrahlt, doch immer wieder kam die Scheiße von Neuem. Röttges hatte noch Glück gehabt, bisher keine Metastasen. Der konnte sich noch genüßlich die Narbe am Bauch reiben und sogar ab und zu eine Kippe genehmigen. Lisbeth war Stück für Stück weniger geworden, am Schluß fiel ihr selbst das Trinken schwer, denn wenn das wieder rauskam, dann nur noch unter Schmerzen.

Während Röttges von dem ganz großartigen Professor soundso in der Universitätsklinik in Münster faselte, klaubte er aus seiner Hosentasche mit links einen Fünfer und hielt das Geldstück Röttges hin. Endlich unterbrach der seinen Schwall, zog die Kassenschublade auf, drückte ihm das Wechselgeld in die ausgetreckte Hand und dazu die geöffnete Stuyvesantpackung.

„Ach, beinahe hätten wir´s vergessen. Der Lottoschein, Arthur“, Röttges wies auf das Drahtgestell mit den Tippscheinen für Lotto und Toto.

Er hatte schon gar nicht mehr daran gedacht und warf einen abschätzigen Blick auf die Formulare; dann schüttelte er den Kopf:“Nein, danke, heute nicht!“

„Oh, was ist los? Keine Lust mehr, endlich doch noch ´ne Million zu gewinnen?“

„Heute nicht“, wiederholte er mit Nachdruck und machte einen großen Schritt auf die Tür zu.

„Na, dann nicht, Arthur, schönen Tach… und viele Grüße an deine Tochter!“

In das Gebimmel, das die kleine Türglocke über ihm ausschüttete, murmelte er einen halbherzigen Gruß zurück und verließ den Kiosk. Auf dem Trottoir davor blieb er stehen und blickte die ganze lange Straße hinab. Die Häuser in der Ferne verschwammen im aufsteigenden Dunst. Die Güterbahnhofstraße – auf der einen Seite Einfamilienhäuser, die vor zehn, fünfzehn Jahren gebaut worden waren, auf der anderen das endlos lange Bahndepot aus altem, rotem Backstein, den hatten die Frauen nach dem Krieg aufgeklaubt und vom Speis gereinigt mit Hämmern, die Frauen. Er konnte ja nicht. Lisbeth war auch darunter gewesen mit der Tochter. Das brachte ein paar Mark.

Ganz weit dahinten stand auch noch an einen Lattenzaun angelehnt die alte verpichte Bretterkate, in der sie nach den Bombenangriffen kurz untergekommen waren bevor sie in die Nissenhütten zogen. Da wohnte noch immer seine Mutter. Er war schon seit Wochen nicht mehr bei ihr gewesen. Aber was hätte er mit ihr reden sollen. Die wurde von der Gemeindeschwester versorgt und dämmerte den ganzen Tag in ihrem Sessel vor sich hin. Verstand war nicht mehr viel übrig geblieben, die Angst in den Bombennächten hatte ihr den ausgetrieben. Die hatte zu viel Angst gehabt in ihrem Leben, schon im ersten Krieg, als der Mann und zwei Söhne im Felde geblieben waren. Und der zweite Krieg war dann einfach zu viel für sie gewesen. Die mußte bei der Hand genommen werden wie ein Kind. Was für eine dürre und knochige Hand die eigentlich hatte. Als er ein Junge gewesen war, hatte er Respekt vor dieser Hand gehabt; was hatte die ihn verprügelt mit der rohen Wäscherinnenhand ins Gesicht, auf den Rücken, wohin sie auch traf, als sie rausbekommen hatte, daß er die zwanzig Pfenning, die am Lohn von Küddelfegers Anton fehlten, abgezweigt hatte fürs Kino. Erst vor ein paar Jahren stellte er verwundert fest, daß die Mutter viel kleiner war als er, einen ganzen Kopf und die Hand, mit der sie ihn geprügelt hatte, war grau geworden, fleckig und sehnig. Die war wie ein Kind mit alter Haut.

Zuzeiten drehte sie durch. Wenn eine Ladung Stahl am Güterbahnhof gegenüber mit großem Getöse abgeladen wurde, dann hielt es sie nicht mehr in ihrem Ohrensessel, in dem sie den ganzen Tag verdöste. Neulich war sie aufgesprungen und wollte mit ungeahnter letzter Kraft aus dem Fenster springen. Die Gemeindeschwester, die zufällig hereinkam, konnte sie gerade noch am Rockschoß packen. Sie wehrte sich mit unerwarteter Stärke, die sonst so schwache alte Frau. „Laßt mich in Ruhe“, kreischte sie, „ich will Schluß machen!“ Dann sank sie wieder in ihren Lehnsessel zurück und jammerte noch eine ganze Weile, bis sie den Vorfall wohl wieder vergessen hatte. Es war ihr nichts geschehen, bei dem Versuch, sich in den Vorgarten zu stürzen, aber sie hatte ihren Dutt und ihr Gebiß verloren. Der Dutt fand sich in den Rosenbüschen, aber ihre Zähne waren nicht aufzufinden.

Er mußte lachen, dazu gehörte wohl schon was, sein Gebiß zu verlieren. Was sollte er noch bei der alten Frau ohne Verstand, die würde im nächsten Jahr neunzig werden! Neunzig! Keiner in seiner Familie war je so alt geworden. Er schüttelte den Kopf und seufzte; als die ein Kind war, gab es noch nicht einmal elektrisches Licht. Und er hatte vor ein paar Wochen des Nachts vor dem Fernseher gesessen und zugeschaut wie zwei Amis aus einem seltsamen Gestell herausstiegen und die Oberfläche des Mondes betraten. Das war so weit weg. Das konnte doch alles nicht wahr sein!

Nein, er würde seine Mutter heute wieder nicht besuchen, die war versorgt und wenn die aus dem Fenster steigen würde, dann landete die in den Rosen, aber nicht im Mondstaub. Er blickte auf die Armbanduhr, die er nur bei seiner Tochter ablegte, damit die sie ihm aufzog. Kurz nach neun. Die Post hatte geöffnet. Jetzt konnte er seine Rente abholen. Immer der gleiche Weg dahin: wieder zurück ums Kneipeneck bis zur neuen Überführung über die Ausfallstraße, die aus der Stadt führte, von da schräg über den Stadtwall und durch ein Gäßchen bis zur Hauptstraße und zur Post.

In der Mitte der Brücke über die Bundesstraße blieb er stehen und lehnte sich an das grün gestrichene Geländer: unter ihm huschten die Wagen durch die Senke. Eine Kuhle im Gelände, eigens tiefer ausgehoben als vor dem Krieg, da reichte eine einfache Straße, eine einfache gemauerte Überführung für die Fußgänger und die Bahn. Jetzt war das Ganze ein Riesending aus Stahl und Beton. Aber auch eine Falle. Vor drei Jahren, er vergaß es nicht, mitten im Sommer, der Enkel war da und spielte mit Lisbeth „Mensch ärgere dich nicht“ und die ließ den doch immer gewinnen und es gefiel ihr, für den Enkel zu verlieren, der so aussah wie das Arthurlein, sie war ganz vernarrt in den, während die beiden noch würfelten also, und Lisbeth dabei mogelte, um zu verlieren, kam ein Wolkenbruch herunter wie er ihn noch nie erlebt hatte. Man konnte gar nicht so schnell gucken, wie diese Straßenkuhle unter der Überführung voll lief. Ein Auto steckte darin fest, ein Volkswagen von irgendeinem Altenheim, das Wasser schwappte über das Dach. Der Fahrer konnte sich retten, der tauchte irgendwie auf durch das Schmutzwasser. Aber die Frau, die er gefahren hatte, ertrank darin. Sie hatten es gar nicht bemerkt als sie aus dem Fenster starrten, Lisbeth, der Enkel und er. Es war nur die Wucht des braunen Wassers zu sehen, das in der Senke wogte. Und erst am nächsten Tag las er in der Zeitung, daß da vor seinen Augen, eine Rentnerin ertrunken war, kaum älter als er selbst.

Inzwischen hatte man Ablaufvorrichtungen in der Unterführung eingebaut; wenn von der südlichen Hochfläche Wassermassen bei Wolkenbrüchen herunterschossen, dann konnten sie abfließen. Tote würde es da nicht mehr geben.

Der Wind war frisch heute Morgen. Der Himmel strahlte noch sommerblau, aber die Böen schoben aufgetürmte Wolken vor sich her. Er hatte das Kriegerdenkmal an der Promenade erreicht und blickte über den schwarzen, polierten Stein nach oben. Das Licht war nicht mehr ganz so leuchtend wie in den letzten Wochen. Der August war fast vorüber und wie auf Kommando färbten sich die Blattränder der Kastanien bereits. Man mußte schon genau hinsehen, um das zu entdecken, aber es entging ihm nicht. Bald würden vor dem Mahnmal die Blätter rascheln. Die vergoldeten Namen, die dort eingemeißelt waren, leuchteten ab September um diese Tageszeit, weil die Sonne in sie einfiel wie sonst nie im Jahr. Zwei Felder mit den Gefallenen der beiden Kriege: das erste groß, aber größer das Zweite. Am Ende der Liste auch Theos Name: fünfzehn Mal Schröder, der war ja nicht selten, der Name, aber nur einmal Theo. Sie waren beide schmucke Kellner gewesen in den schwarzen Schurwollhosen und den weißen Jacken und mit den Servierten überm Arm. Sie glichen einander wie Brüder, aber er war eben doch ein wenig größer. Theo reichte ihm bis zur Schulter; so konnte man sie unterscheiden – aber ansonsten: sie trugen den Scheitel auf der gleichen Seite und grinsten gleich und bedienten beide mit Charme, wie der Oberkellner spöttisch sagte. Wer wohl von beiden seine Stelle bekommen würde, wenn der Ober zum Heer mußte? Sie erfuhren es nicht und eigentlich war er froh, daß sie keine Konkurrenten wurden, denn sie waren eher eingezogen worden als der Oberkellner. Die grauen Heeresuniformen waren nicht mehr so schmuck. Und man unterschied sie jetzt nach den Orten, an die sie versetzt wurden: er wurde der Franzosen-Arthur von der Somme und Theo, Rußland-Schröder. Einmal schrieb Theo noch aus Stalingrad, bevor der Winter da drüben einsetzte.

Er überquerte den Stadtring und erreichte das Ende der engen Einkaufsstraße. Die Zulieferautos parkten auf dem schmalen Trottoir und die Fahrer entluden Waren für die Geschäfte. Auf der Straße durften sie nicht halten, da sie sonst der Straßenbahn den Weg versperrten. Das sollte ja nun alles anders werden ab dem nächsten Jahr. Dauernd waren Vermessungstrupps unterwegs in der Stadt, die Maß nahmen für die neue Fußgängerzone. Alles, alles sollte neu und weit und großzügig werden. Auch die Post. Sie war nach dem Krieg an der gleichen Stelle genauso aufgebaut worden, wie sie zuvor ausgesehen hatte. Ein imposanter grauer Bau mit einer breiten Prachttreppe davor. Die Post war ein Amt, eine Behörde. Und so wie am Eingang der späteren Fußgängerzone ein Schaukasten mit bunten Zeichnungen das kommende Bild der Straße zeigte, zeigte seit einigen Wochen ein ebensolcher Schaukasten vor der Post den Neubau, der ab Oktober in Angriff genommen werden sollte. Eine kleine Tafel daneben bat um Verständnis für die zeitweiligen Behinderungen und wies auf die Ersatzschalterräume hin, die während des Abrisses und Neubaus zur Verfügung standen. Heute würde er zum letzten Male seine Rente in diesem alten Bau abholen.

Um diese Zeit waren nur Rentner wie er im Saal. Vor dem Zahlschalter hatte sich bereits eine kleine Schlange gebildet; die wollten alle ihre Rente. Eigentlich kannte ihn der Beamte schon seit Jahren, aber mit noch drei anderen vor sich, suchte er bereits seine Brieftasche mit dem Personalausweis. Die Leute waren natürlich korrekt. Der Mann hinter dem Schalter grüßte ihn längst mit Namen, aber wollte dennoch wie immer den Ausweis sehen, um sich auch wirklich zu überzeugen, wer da vor ihm stand.

Dann erst fragte der Mann: „Wie viel wollen Sie ausbezahlt bekommen?“

„Alles! „, sagte er plötzlich knapp und entschieden.

„Alles?“ fragte der Beamte, „gleich am ersten?“

„Alles“, sagte er diesmal mit Nachdruck. Der Beamte zog die Augenbrauen in die Höhe, blätterte die lächerlich wenigen Scheine auf die Theke und zählte die Summe dabei halblaut vor.

Er nickte seinen stummen Dank, steckte das Geld in die Brusttasche und verließ die Schalterhalle. Auf der Treppe draußen blieb er einen Augenblick stehen und berührte die Jackettbrust. Das war alles für den ganzen Monat, wie immer. Rente, dazu der kleine Invalidenzuschuß von der VDK und sonst nichts. Er hatte noch nie in Geld geschwommen. Ja, damals, da gab es noch die Trinkgelder. Aber selbst die mußten die Kellner und Piccolos zusammenlegen und mit dem Oberkellner teilen; so strenge waren die Bräuche im Offizierskasino. Aber immerhin, er kam über die Runden und es reichte sogar manchmal für einen Ausflug mit Theo am Wochenende in der Straßenbahn zu den Externsteinen. Aber spätestens um zehn mußten sie zurück, denn dann fuhr die letzte Tram. Einmal waren sie übermütig gewesen, zur Sonnwendfeier und hatten wohl ein paar Biere zu viel gekippt und die Bahn verpaßt. Da blieb ihnen nichts weiter übrig, als dort im Freien zu übernachten. Ein paar verrückte Lebensbündler und Spätgermanen trieben sich da herum und bliesen morgens um vier Fanfaren und waren ganz aufgeregt, als sich die Sonne oben im Loch der Steine zeigte und ihr Licht auf die Kapellenwände warf. Sie hatten die Nacht nebeneinander zwischen ein paar Büschen verbracht, nicht viel geschlafen, sondern sich immer wieder erzählt, was sie machen würden, wenn sie eine bessere Stellung hätten, vielleicht später gemeinsam eine eigene Kneipe aufmachen oder sogar ein richtiges Wirtshaus mit Speisenangebot. Theo hatte Rosinen im Kopf und grinste als er das sagte und er verwuschelte seinem Freund mit der Rechten die sorgfältig zurückgekämmten Haare. Übernächtigt hockten sie nebeneinander und lauschten auf die durchdringenden Lurentöne, die die Bläser eines Germanenvereines da oben auf den Steinsäulen produzierten. Es war die schönste Nacht, an die er sich erinnern konnte. Keine Kirchenglocken wie in der engen Stadt, sondern weit ins Land hallende tiefe, dumpfe, männliche Töne und die Vögel, die davon geweckt worden waren und das Grün der Eichenwälder.

Er war am Marienplatz angelangt. Hier mußte er abbiegen und vorbei an der Säule mit der Gottesmutter. Auf dem Sockel brannten immer mehrere Grabkerzen; erlosch eine, wurde mit Sicherheit ein neue angezündet. Wie auf einem Friedhof. Er fand das lächerlich: ewiges Licht, ewige Anbetung. Seine Tochter war die ersten Wochen nach Lisbeths Tod jeden Tag auf den Friedhof gerannt, obwohl sie doch besseres zu tun hatte, als dort täglich so eine Kerze anzuzünden.

Was sollen denn die Verwandten denken, wenn sie zum Grab kommen und es brennt keine Kerze, sagte sie, als sie sich beklagte, er könne auch mal ein paar Mark rausrücken, damit sie neue Kerzen kaufen konnte. Er gab sie ihr, damit Ruhe war. Die Tochter war fromm; die hatte einen Evangelischen geheiratet und war übergetreten und hatte deshalb ein schlechtes Gewissen. Der junge Mann war ruhig und unauffällig, nur seine Mutter war ein ostpreußischer Besen. Ziemlich rabiates Weib. Aber er hatte ja nur damals bei der Hochzeit mit ihr zu tun und dann noch mal bei der Kindstaufe, ein paar Jahre später. Er konnte die Frau nicht leiden. Die war fast so alt wie seine Mutter, aber ein zäheres Luder. Die hatte einen Schlaganfall halbgelähmt überstanden, aber sich so zusammengerissen, daß sie jetzt wieder mit Mitte Achtzig, allein lebte ohne Hilfe. Der machte das nichts aus, allein zu leben. Die las das Ostpreußenblatt rauf und runter oder Arztromane, diese Hefte, die auch Röttges anbot für achtzig Pfennig das Stück, die strickte sich ihre Schlüpfer länger und sang dabei Lieder aus Danzig und Königsberg und „Aus der Jugendzeit“! Die roch immer etwas nach Pisse weil sie´s seit dem Schlag nicht immer halten konnte, das mochte er auf den Tod nicht leiden; wenn ihm etwas in die Unterhosen getropft wäre, nicht auszudenken. Das wäre das Ende, soweit sollte es nicht kommen.

Vor der Mariensäule stellte sich eine Nonnengruppe auf. Die wollten doch wohl nicht anfangen, zu plärren? Aber sicher, die Vorsteherin gab den Einsatz und dann legten sie los von der Himmelskönigin und Jungfrau. Was die für ein Geschiss um Jungfrauen machten. Nur deshalb hatte er Lisbeth ja geheiratet, damit es keinen Schimpf gab und keine Schande. Ihr Vater hatte ihn spätabends am Personaleingang des Offizierscasinos abgepaßt. Theo war noch drin und hängte die weiße Jacke in seinen Spint.

„Arthur“, raunte Lisbeths Vater im Schatten der Litfaßsäule „Arthur, „ und blickte sich verstohlen um. Aber es war niemand mehr in diesem Gäßchen um diese Zeit unterwegs, der sie bemerken konnte.

„Wartest du auf mich?“ fragte er und drehte sich zur Tür um, „Theo kommt gleich noch. Wir wollen noch rüber zu Wiemuths Tette und einen Schlürschluck nehmen!“

„Bin auch gleich wieder weg“, murmelte der Vater; ein Nachbar, den er seit seiner Kinderzeit kannte. „Ich muß dich sprechen, Arthur!“ Der machte es geheimnisvoll und dringend. Sie verabredeten sich auf eine Stunde später, niemand sollte von ihrem Treffen hinten auf dem Hof, im Schuppen wissen. Auch Theo sollte er nichts sagen und das behagte ihm gar nicht. Fast jeden Abend nach der Arbeit im Offizierscasino gingen sie noch hinüber zu Wiemuths Tette, dem einzigen Nachtlokal der Stadt, um ein Bier zu trinken. Dort trafen sie stets auf ein paar ihrer Gäste vom Casino, die den einzigen drei Nutten im Ort in den Armen lagen und manchmal mit einer im Hinterzimmer verschwanden. Theo liebäugelte ab und zu mit der jüngsten und das behagte ihm nicht. Aber heute Nacht war Theo sehr müde und wollte bald nach Hause. Er tätschelte ihm mit seiner damals noch gesunden Rechten die Wange und spürte die Stoppeln, die nachts schon wieder rauh und stachelig waren, obwohl Theo sich doch morgens immer ganz blau rasierte. „Nacht, Theo, mein Junge, bis morgen“ und Theo berührte seinen Arm wie jede Nacht und knurrte vor lauter Müdigkeit sein „bis morgen“ dazu.

Lisbeths Vater hockte bei einer halben Flasche Korn – die andere Hälfte hatte der bestimmt schon intus, jedenfalls roch er danach – in seinem Schuppen mit den Kanninchenkisten. Es war still, nur eine funzelige Karbidlampe gab Licht und die Augen der Karnickel leuchteten aus der Dunkelheit.

„Arthur, ich komm gleich zur Sache“, legte der Mann los, aber kippte dann doch noch einen Korn weg, denn er mußte sich Mut antrinken. „Du weißt, die Lisbeth ist schon 24 und klein und knubbelig, das ist so in ihrer Familie. Eine Schönheit ist die nicht, das geb ich zu. Aber wie die das jetzt geschafft hat, das weiß ich nicht! Die hat einen Braten in der Röhre. Und das Luder sagt nicht von wem. Ich kann´s mir schon denken, von irgendeinem dieser Reichswehroffiziere, die zu Kursen hier zur Reitschule von wer weiß woher kommen. Ich hätte nicht erlauben sollen, daß die für die Kerle die Wäsche macht!“

Er schaute den Alten in dem runtergekommenen blauen Arbeitsanzug, den er nie wechselte, wohl etwas begriffsstutzig an. Was hatte er damit zu schaffen?

Der betrogene Vater zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche: „Du weißt, Arthur, wir leben von der Hand in den Mund. Aber ein bißchen beiseite geschafft hab ich doch. Das hier sind 300 Mark, die hab ich jahrelang gespart. Mehr hab´ ich nicht. Du willst doch mit dem Theo eine eigene Kneipe aufmachen. Nimm das“, und er drückte ihm das Geldbündel in die Rechte.

„Was soll ich damit, damit kann man doch keine eigene Kneipe aufmachen!“

„Das kriegst du, wenn du Lisbeth heiratest und den Bankert da ehrlich machst!“

Für einen Augenblick war er sprachlos und starrte den Betrunkenen, der es aber todernst meinte, verwirrt an. Der beugte sich vor und raunte ihm ins Ohr: „Arthur, ich weiß doch Bescheid. Du kriegst doch sowieso keine Frau. Hast nichts an den Hacken und du bist ja zufrieden wenn du mit deinem Theo beisammen bist!“ Er zog mit einem Finger das linke Unterlid herunter, „denkste wir können nicht gucken, Arthur?! Du und der Theo, hm?“ er brummte zweideutig, „aber ich sag nix, Arthur. Das ist jetzt die Gelegenheit, nimm das Geld, ich seh zu, daß noch was nachkommt und dann ist die Lisbeth ehrlich und kriegt ein Sechsmonatskind. Und der Dompastor hält auch das Maul!“

Er wußte nicht wie ihm geschah, besonders weil auch er jetzt aus der Flasche Korn trank. Was meinte der Alte eigentlich? Ein paar Wochen später war Hochzeit und nach weiteren sechs Monaten im November war er Vater!

Die Nonnen sangen wieder was von holder Himmelsmaid und Unschuld. Lästige Weiber mit ihren Lügenchorälen. Fort von hier, vorbei an der großen alten Apotheke, die wohl auch bald abgerissen werden würde, denn die Besitzer hatten das Haus an die Stadt verkauft. Von da an wurde das Trottoir schmaler. Der große Bauzaun dahinter grenzte ein enormes Gelände ab, auf dem schon fast alle alten Häuser abgerissen waren, die meisten nach dem Krieg nur notdürftig wieder aufgebaut. Rentner wie er standen vor den eigens eingesägten Gucklöchern und vertrieben sich die Langeweile beim Beobachten der Ausschachtungsarbeiten. Hier sollte eine Tiefgarage entstehen und darüber ein sogenannter Busbahnhof im Tiefparterre und noch höher ein Komplex aus Kaufhäusern. Die Zeichnung am Rande der Baustelle sah imposant aus. Selbst das alte Gefängnis aus rotem Backstein, das einmal hier gestanden hatte, war abgerissen worden. Das war allerdings nicht so schlimm; als Kind führte sein Weg zur Schule daran vorbei und er gruselte sich ein wenig.

Einmal, er war bereits fünfzehn oder sechszehn, gab es einen Riesenauflauf vor dem Bau, der vorn eine Freitreppe hatte wie die Post. Die Polizei forderte die Leute auf, keine Anstalten zu machen und vertrieb sie. Er blieb weiter weg stehen und schaute sich das Spektakel an. Natürlich kam er zu spät zur Schule und wurde ins Klassenbuch eingetragen, nicht das erste Mal. Mittags erzählte er davon seiner Mutter. Die schüttelte und bekreuzigte sich und verschränkte die Unterarme vor dem Bauch. „Da haben sie heute Morgen einen Deserteur hingerichtet, den haben sie draußen auf den trockenen Dörfern erwischt, war ausgerückt aus der Kaserne, der sollte eigentlich zur Front. Seit fünfzig Jahren war das die erste Hinrichtung heißt es“, raunte sie und schüttelte den Kopf. Seine beiden Brüder lagen an der Somme und sein Vater saß in einem französischen Depot. Zweimal hatte der übers rote Kreuz in der Schweiz in seiner Mordsklaue kurze Briefe geschrieben.

Aber das war alles vorbei, der erste Krieg, der zweite Krieg, das Gefängnis, das Hängen…

Jetzt noch ein paar Schritte auf dem Stadtwall und dann über die breite Ringstraße und da wohnte seine Tochter. Wenn er geklingelt hatte, wartete die nicht oben im ersten Stock an der Wohnungstür auf ihn. Sie wußte ja genau, daß er jeden Morgen um zehn kam und lief, nachdem sie die Tür angelehnt hatte, zurück in die Küche, wo sie begann, das Mittagessen vorzubereiten. Wie immer zog er die Tür hinter sich leise ins Schloß und folgte der Tochter zögerlich, sie war immer so abweisend. Aber er war nun einmal auf sie angewiesen, wer sollte ihn bekochen, die Wäsche waschen und bügeln? Dafür war doch eine Tochter da. Sie saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln, ohne ihn anzublicken.

„Morgen“, raunte er und bewegte die Lippen dabei kaum. Die Tochter antwortete auf die gleiche Weise und ließ eine geschälte Kartoffel in einen mit Wasser gefüllten Topf vor sich plumpsen. Ein paar Tropfen spritzten auf das Zeitungspapier, in dem sie die Schalen sammelte; sie war ordentlich, selbst auf dem Wachstuch wollte sie keine Erdbröckchen und Flecken. Ganz aufmerksam war sie mit dem Schälen beschäftigt. Heute rückte sie mit dem Küchenstuhl nicht sofort in seine Richtung, um auf die Knie zu sinken und ihm die Schuhe zuzubinden. Verwundert aber wortlos hob er einen Fuß, balancierte auf dem anderen und stützte sich mit der linken am Büffetschrank ab.

„Die Senkel“, murmelte er dann doch und wußte nicht einmal warum er so verlegen klang. Jetzt endlich kam sie seiner Aufforderung nach und bückte sich, ging nieder auf die Knie vor ihren Vater, zog die Bänder hinter den Laschen hervor und verknotete sie zu festen Schleifen.

Mit der Hand an der Tischkante zog sich die Tochter wieder hoch und ging hinüber zum Herd, wo die Kaffeekanne aus Steingut auf der noch warmen Platte stand. Ein Kump, erinnerte er sich plötzlich; Kump sagte seine Mutter dazu. Die Tochter legte ein Küchentuch um den heißen Henkel und goß ihm Kaffee in eine wie immer längst bereit gestellte Tasse auf seinem Platz am Kopfende des Tisches. Das duftete doch ganz anders als der Nescafé aus den pappigen Körnchen; der Kaffee war von Kaiser´s. Er kam jeden Morgen am Geschäft vorbei. Bis vor wenigen Monaten wurde da sogar noch geröstet und das Aroma des frischen Kaffees lag in der Luft. Inzwischen war die Maschine abgeschafft worden und geröstet wurde nur noch in der Zentralstelle in Bremen.

Vor seiner Tasche auf einer Bastmatte – das ist ein Tischset, hatte ihm die Tochter erklärt, da gibt es keine Flecken auf der Decke – standen die Zuckerschale und auf einem Porzellanuntersetzer eine kleine Dose Bärenmarke. Er schaufelte sich vorsichtig zwei gehäufte Löffel Zucker in den Kaffee und wollte bloß kein Körnchen verlieren, denn die Tochter schaute dann immer gleich streng. Ebenso vorsichtig ließ er einen dicken Strahl Kondensmilch in die Tasse rinnen und beobachtete, wie sich die Wolken darin ausbreiteten. Er rührte um, trank genüßlich einige Schlucke, zog die zusammengefaltete BILD aus der Jackettasche, setzte seine Tasse an den äußersten Rand der Bastmatte, um Platz zu machen für seine Zeitung.

Die Tochter schälte noch zwei Kartoffeln und schrappte eine Möhre, und schnitt alles zu mundgerechten Stücken. Am Becken wusch sie den ganzen Inhalt des Topfes ab und stellte ihn auf die Herdplatte. Aus dem Kühlschrank holte sie drei Mettenden und eine Scheibe Bauchspeck und warf das in den großen Topf dazu. Daneben, in einer Kasserole simmerten schon länger die Linsen, die sie gestern Abend eingeweicht hatte.

Es würde noch bestimmt anderthalb Stunden dauernd, bis der Enkel aus der Schule und der Schwiegersohn in seiner kurzen Mittagspause von der Arbeit kam, aber dennoch schüttete sie die Hülsenfrüchte jetzt schon in den großen Topf. Sie verkochte immer alles, nichts blieb knackig. Er hatte es nie gewagt, ihr das zu sagen. Sie hielt sich viel zugute aufs Kochen und vor allem aufs Putzen. Sie war schnell beleidigt wenn er sie kritisierte. Lisbeth hatte besser kochen können und selbst Theo hatte so einen Eintopf besser hingekriegt. Eigentlich schmeckte es ihm bei der Tochter nie ganz so richtig.

Wieso bloß der Schwiegersohn wegen eines solchen Essens jeden Mittag aus dem Werk aus dem Nachbarort herübergefahren kam: zwanzig Minuten her, zwanzig Minuten Essen, zwanzig Minuten Rückfahrt. Der behauptete, das Kantinenessen würde ihm nicht schmecken und mit den Bürokollegen ungern die Pause verbringen. Das war gelogen. Er hatte seine Tochter durchschaut: die wollte den Mann da haben, jeden Mittag, so behielt sie ihn im Auge. Sie mißtraute ihm, die mißtraute allen Männern. Und der Schwiegersohn war so dämlich, sich darein zu fügen, ohne Murren. Das sah doch ein Blinder mit Krückstock, wie der gegängelt wurde. Der kam lustlos, schlang sein Essen runter, rauchte noch schnell eine Zigarette und war schon auf dem Sprung in den Wagen, um bloß wieder fort zu kommen zur Büroarbeit im Werk. Was für ein Blödsinn, jeden Tag fünfzehn Kilometer her und wieder zurück, dreißig Kilometer hin und her, nur wegen der zerkochten Eintöpfe zu fahren.

In das Blubbern der kochenden Linsensuppe fragte die Tochter unvermittelt: „hast du noch Wäsche? Wir könnten sie heute Abend abholen; morgen ist mein Waschtag!“

Er schüttelte bestimmt den Kopf, “nein, nichts. Es lohnt nicht!“

Sie brummte nur und nickte mit dem Kopf und war schon auf dem Weg ins Wohnzimmer, wo sie den Staubsauger in Gang setzte. Immerzu saugte sie, wischte Staub oder polierte die Möbel mit Pronto, wenn er da war. Es roch in der ganzen Wohnung nach der Politur und im Bad nach diesem scheußlichen Bleach, das sie aus dem englischen Supermarkt besorgte, wo sie einmal, bevor sie geheiratet hatte, Verkäuferin gewesen war. Das kriegte man nicht in deutschen Drogerien, das roch fast wie im Krankenhaus. Es erinnerte ihn immer an die Besuche bei Lisbeth, wenn sie wieder mal operiert worden war.

Mit den Engländern hatte die Tochter es ja; schon damals als sie noch in der Nissenhütte evakuiert waren nahe bei den Thommykasernen. Da hütete sie die Kinder von irgendwelchen Leftennents und einmal sogar von einem Major, der hatte ihr später die Stelle in der Naafi verschafft. Das war nicht das schlechteste: von den Offizieren kriegte sie Zigaretten und Kemp Coffee und manchmal eine Flasche Whisky. Den hatte er damals trinken gelernt, der schmeckte besser als der schäbige, schwarzgebrannte Korn in den Jahren nach dem Krieg.

Den Whisky vermißte er. So eine Flasche Johnny Walker war zu teuer für seine Rente. Am Monatsanfang, so wie heute Abend, da gönnte er sich manchmal ein Glas Whisky im Weißen Rössl. Das ging nun schon Jahre so, aber immer wieder machte Willem der Wirt dumme Witze und fuchtelte mit der Flasche Doornkaat herum und quakte: er wäre sich wohl zu gut für sowas. Was verstand der schon – so ein Whisky, das war ein bißchen weite Welt, wie die Stuyvesant… ein bißchen Rauchen, ein bißchen Trinken, mehr blieb doch sowieso nicht!

Es klingelte, der Enkel kam aus der Schule und stürmte die Treppe hoch bis in die Küchentür, „hallo Opa, “ rief er und zog den Ranzen vom Rücken.

„Du sollst nicht so rasen. Und die Schuhe hast du auch nicht abgetreten auf der Matte. Wie oft soll ich dir das noch sagen?“ schoß die Tochter in die Begrüßung hinein. Ja, manchmal klangen ihre Worte wie Schrappnells. Der Enkel mußte in sein Zimmer laufen und dort sofort die Schuhe ausziehen. Mein Gott, es war ein warmer und trockener Tag, was hätte der an Schmutz hereinbringen können.

Durch die geöffnete Küchentür konnte er bis ins Kinderzimmer hinüber spähen und sah den Jungen dort herumspringen. Genau so hätte wohl auch das Arthurlein mit zehn Jahren ausgesehen, blond und zerzaust und vielleicht hätte der auch so gestrahlt wie der Enkel, wenn der zur Lisbeth kam, fast jeden Tag in ihren letzten Wochen. Es strengte sie an, aber sie wollte es so. Es schien als hätte sie gar keine Schmerzen, wenn sie mit dem Jungen ihm Halma spielte oder ihn beim Mensch Ärgere Dich Nicht gewinnen ließ. Und sie sangen zusammen, wie verrückt – sie hörten sich die paar Operettenplatten immer wieder an, für die sie sich wie für die Musiktruhe das Geld vom Munde abgespart hatte; jahrelang. Die beiden, Oma und Enkel, sangen zusammen: „Am Rio Negro, da steht ein kleines verträumtes Haus…“ oder „Sassa, Sassa, mein Lied, dein Lied…“ Zu Tränen gerührt war sie, wenn der Junge ihr „Es muß was Wunderbares sein von Dir geliebt zu werden…“ sang. Der konnte das alles ganz schnell auswendig. Der war helle!

„Haste was Schweres auf, “ rief er zum Enkel hinüber.

„Nö, heute kein Rechnen. Einen Aufsatz, über die Ferien, den krieg ich aber hin, das ist nicht schwer. Mach ich nachher.“ Und er drängte sich neben ihn, um einen Blick auf die Bildzeitung zu werfen, die einzige Zeitung, die hier ins Haus kam. Der Junge war versessen aufs Lesen, dem konnte er eine Riesenfreude machen, wenn er ihm ein Pixi-Büchlein aus Röttges Laden mitbrachte. Der Tochter gefiel das nicht, der Enkel sollte kein Bücherwurm werden, sondern ein richtiger Junge, kein Stubenhocker!

„Sofort nach dem Mittagessen machst du die Hausarbeiten. Sonst kommst du nicht raus!“ mahnte die Tochter, ihren Sohn. Die hatte immer einen mahnenden, klagenden Ton am Leibe.

„Und faß die Zeitung nicht an, von der Druckerschwärze kriegt du nur noch schmutzigere Hände. Geh sie waschen!“ Es war schon ein wenig wie beim Feldwebel auf dem Kasernenhof damals als sie exerzieren mußten, er und Theo.

Jetzt deckte die Tochter den Tisch, nicht ohne zuvor noch einmal übers Wachstuch gewischt zu haben: die Suppenteller auf die Bastmatten und Gabel und Löffel exakt nebeneinander, dabei kannte sie keine Nachlässigkeiten. Sie legte ein Holzbrettchen in die Mitte des Tisches, das war wie beim Militär, darauf stellte sie den großen Topf mit der dampfenden Linsensuppe und füllte dann mit einer alten Blechkelle auf, die sie aus der Kriegszeit gerettet hatte. Lisbeth legte stets großen Wert darauf, die eine Terrine, die sie durch die Bombennächte gerettet hatte, auf den Tisch zu bringen; Fürstenberg ganz weiß mit Goldrand, zweite Wahl, die hatten sie zur Hochzeit geschenkt bekommen. Die Tochter fand, der Topf reiche für die Familie, sonst müsse sie zu viel abspülen. Ja, wenn Besuch käme, dann könne man das Porzellan hervorholen.

Jetzt schloß der Schwiegersohn die Wohnungstür auf; man konnte seine Uhr danach stellen. Mit einem knappen Gruß hockte er sich an den Tisch, die Schultern wie immer vorgezogen, am Essen uninteressiert. Er sah aus, als warte er bloß darauf, sich die nächste Zigarette anzünden zu können.

Die Sitzordnung war stets dieselbe: zu seinen beiden Seiten saßen Enkel und Schwiegersohn, die Tochter ihm gegenüber an der anderen Schmalseite des Tisches. Die Tochter versuchte wie immer, Neues über die Kollegen ihres Mannes zu erfahren, aber der erzählte wenig.

War der sowieso aus dem Urlaub zurück? – Ja! War ein anderer mit seinem Hausbau weiter gekommen? Ja! Das Dach ist fertig gedeckt. Wie der das schafft, der verdient doch auch nicht mehr als andere, der macht wohl krumme Geschäfte nebenbei, auf der Messe? Weiß ich nicht! Will ich auch nicht wissen! Das ist doch ein ganz krummer Hund, laß dich bloß nicht in irgendwas reinziehen von dem! Und seine Frau, macht immer noch auf etepete!

Der Schwiegersohn löffelte den letzten Rest aus dem Teller und fischte schon seine Ernte23 aus der Hosentasche. Warte doch, bis wir fertig sind! Ich hab nicht soviel Zeit! Und er zündete sich den Glimmstengel an.

Möchte noch jemand was? Nein?

Der Enkel kaute und schluckte noch, da sammelte sie bereits die Teller und Löffel ein. Das machte sie immer so. Er wollte ihr heute wenigstens einmal entgegen kommen und reichte ihr seinen Teller mit der plötzlich unsicher zitternden Linken. Da rutschte sie schief mit ihrer Hand an seiner vorbei, faßte den Teller nicht und der fiel zu Boden, Gabel und Löffel klirrten im berstenden Steingut. Sie rannte sofort in die Besenkammer, um Kehrschaufel, Besen, Tuch und Eimer zu holen; einige Flecken Linsensuppe schlierten übers Linoleum.

Es war nur ein winziger Moment gewesen; er hatte seine Tochter ganz kurz berührt, aber sie war so heftig zurückgewichen wie damals in der Nissenhütte. Schuld war nur der Johnny Walker, er war nicht ganz bei Sinnen, Lisbeth war fort bei der Frau eines englischen Colonels die Wäsche machen… Drei oder vier Whisky, nicht mehr, hatte er getrunken und die waren ihm zu Kopf gestiegen. Es war warmer Spätsommer gewesen, wie heute und das Licht fiel durchs Fenster auf die nackte Schulter der Tochter, ihr war das lose Kleid halb heruntergerutscht und die obere Rundung ihrer kleinen Brust war sichtbar. Eigentlich hatte sie keine Brust und sah auch sonst aus wie Junge mit ihrem kurzen Haar. Sie beugte sich im Hohlkreuz über einen alten Rock, den sie umgeändert hatte, um große neue, rote Knöpfe anzunähen. Der Rock glitt ihr über den Schoß, sie griff danach und dabei sah er auch ihre nackte Schulter im gleißenden Licht, wie eine Knabenschulter. Sein Trumm von Hand hing schlaff herunter, aber die andere, die Linke, die streckte er aus und obwohl es doch so warm war an dem Tag, waren seine Finger ganz kalt und die zu langen Nägel, die seine Frau vergessen hatte, ihm zu schneiden, zerkratzten der Tochter die Haut. Sie sprang erschrocken auf und schrie und das Kleid fiel auf den Boden. Sie zitterte und wich zurück, starrte ihm in die Augen und wandte sich angewidert ab. Dann rannte sie hinaus und kam erst abends wieder, als Lisbeth schon längst zuhause war. .. ja, er hatte ihre Schulter und ihre Brust berührt. Sie war doch wie ein Junge, was konnte es ihr ausmachen? Lisbeths Brust hatte er nicht mehr anfassen dürfen, seit er mit der rotblauen Geschwulst an Hand aus dem Feld zurückgekommen war.

Die Tellerscherben wurden aufgesammelt, die Flecken waren weg- und nachgewischt worden; es roch nach Bleiche. Der Schwiegersohn hatte bereits die zweite Zigarette angezündet und, die Kippe im Mundwinkel, verschwand er schon wieder, seine Mittagspause war zu kurz. Der Enkel trollte sich in sein Zimmer zu seinen Hausaufgaben und er wich aus ins Wohnzimmer, wo er wie jeden Tag sich zum Nickerchen aufs Sofa legte. Die Tochter hatte eigens dafür eine grobe Wolldecke aus Armybeständen ergattert darüber ausgebreitet. So mußte er nicht die Schuhe ausziehen.

Es schien ihm, als könne er überhaupt nicht wegdösen, so oft wälzte er sich heute hin und her. Der Verkehr vorm Haus schien stärker als sonst, immer wieder störte ihn das Schnaufen bremsender Lastwagen und das Vorbeirauschen der PKWs.

Doch er mußte ein wenig eingenickt sein; denn als er erwachte zeigten die Zeiger der Standuhr schon auf fünf – vor Monaten hatte seine Tochter das Geläut abgestellt, so daß die dauernden Schläge der mannshohen Uhr ihn nicht weckten. Seine Ohren waren noch gut – und so vernahm er anfangs als er die erste Male hier schlief, sogar das regelmäßige Ticken, aber nur ein paar Tage, und dann irritierte ihn das tickende Verrinnen der Zeit nicht mehr beim Einschlafen.

Er strich sich mit der Linken ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. Die Tochter wartete bestimmt mit dem Nachmittagskaffe in der Küche auf ihn. Vorsichtig setzte er sich und blickte auf seine Schuhe hinab. Er spürte es genau, einer der Schnürsenkel war locker. Mühselig beugte er sich hinab und berührte vergeblich die Schlaufe; nur nicht ziehen, sonst würde sich der Knoten womöglich noch ganz lösen. Er stand auf und wollte hinüber zur Küche laufen, damit die Tochter ihm noch einmal den Schuh band, aber blieb im Flur stehen.

Da saß die Tochter vor eine Tasse Kaffee und starrte ins Leere. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt. Ihr Gesicht war leer, ohne Ausdruck, ganz von Fern meinte er einige Züge von Lisbeth darin zu erkennen, aber mehr vom Arthurlein. So könnte er vielleicht heute aussehen, würde er noch leben, der Sohn. Das streng zurückgekämmte Haar gab ihrem Gesicht etwas Männliches.

Jetzt bemerkte sie ihn, schreckte zusammen und erhob sich automatisch, um ihrem Vater eine Kaffeetasse aus dem Schrank zu holen.

„Laß nur“, rief er hinüber, „ich trinke heute keinen Kaffee mehr. Ich muß raus, an die Luft!“

Sie wandte sich erstaunt um und wiederholte, „fort? Willst du denn kein Abendbrot mehr?“

„Nein, danke. Ich habe gar keinen Appetit heute“, sagte er – und das stimmte sogar. „Wenn ich später doch noch Hunger habe, dann kann ich ja unten in der Kneipe einen strammen Max essen!“

„Das ist doch rausgeworfenes Geld“, tadelte die Tochter. Die käme nie auf die Idee in einer Gaststätte etwas zu essen. Rausgeworfenes Geld, das sagte sie immer, wenn er sich etwas gönnte. Sie war verletzt, wenn er woanders etwas aß.

„Du hast doch hier dein Essen. Schmeckt es dir etwa nicht?“ fragte sie vorwurfsvoll. Sie war immer gleich beleidigt und spann ganze Geschichten um eine einfache Antwort, mit der sie sich nie zufrieden gab. Was sollte er denn auf ihre Frage antworten? Die Wahrheit? – Nein, es schmeckt mir nicht! – Das hätte ein Drama gegeben. Also versuchte er zu beschwichtigen, „ich muß an die frische Luft, der Eintopf liegt mir seltsam schwer im Magen!“ Verdammt, jetzt hatte er es doch gesagt.

Eingeschnappt erwiderte sie: „da steht dein Bullrichsalz im Schrank, du hättest es ja nach dem Mittagessen nehmen können.“ Sie lief hinüber zum Büffet, öffnete die verglaste Tür mit der Innengardine, ergriff die graue Packung und holte ihm auch noch einen Löffel. Beides setzte sie mit Nachdruck auf sein Bastset und kehrte zu ihrem Platz am anderen Ende des Tisches zurück.

„Nein, danke. Ich muß davon immer so unangenehm aufstoßen. Ich brauch´s nicht! Vielleicht wird´s besser, wenn ich mich zuhause hinlege.“

„Und was ist mit dem Abendbrot? “ fragte die Tochter unwirsch.

„Ich hab keinen Appetit, danke“, wehrte er sich zaghaft. „Der Spaziergang wird mir guttun!“ und er bewegte sich schon auf die Wohnungstür zu. Wie ihm alles zusetzte heute, der strenge Blick der Tochter, diese Wohnung, die nach Putzmitteln roch, die Bastdeckchen auf dem Eßtisch in der Küche…

„Morgen geht es mir bestimmt besser. Ich hab heute Nacht auch so schlecht geschlafen. Wird mir guttun, mal früh ins Bett zu gehen, “ er spürte die kalte Klinke in seiner Linken, hielt einen Augenblick inne, und blickte zurück. Seine Tochter stand in der Küchentür: das straff zurückgekämmte Haar, der fragende Blick, die Hände in den Taschen der Schürze verborgen.

„Morgen geht´s mir bestimmt besser!“ und schon war er im Hausflur und zog die Tür hinter sich zu. Die Holzstufen im Treppenhaus knarrten; hier konnte er sich wenigstens am hölzernen Handlauf mit der Linken festhalten. Die Stufen waren eng in der Biegung, es gab keinen Treppenabsatz. Hier hatte er immer gefürchtet einmal auszugleiten und zu fallen. Aber auch diesmal kam er wie immer unbeschadet im Parterre an.

Wie schnell jetzt der Abend heraufzog Ende August, Anfang September. Er ging schneller als sonst. Seinen täglichen Weg zurück zur Wohnung im zweiten Stock über dem Weißen Rössl. Seine Tochter hatte ihm nie vorgeschlagen, bei ihnen einzuziehen; Platz wäre gewesen, es gab noch ein zweites, unbenutztes Kinderzimmer, aber er hätte es auch nie gewollt, denn so hatte er die Abende wenigstens noch für sich selbst.

Die Stadt wurde leerer. Manche Geschäfte schlossen schon um sechs. Bei Kaiser´s Kaffee schoben die Lehrlinge die großen Tafeln, auf denen der Geschäftsführer in schwungvoller Schrift die Tagesangebote auflistete, durch die noch weit geöffneten Glastüren in den Laden.

Unter der Eisenbahnbrücke rollte der Verkehr hinaus in die Vororte; dort waren in den vergangenen zehn Jahren viele Siedlungen mit Einfamilienhäusern entstanden. Als er noch ein Junge war, klangen die Namen der Dörfer, die jetzt eingemeindet waren, noch fremd und weit. Jetzt fuhr alle halbe Stunde der Bus dahin.

Es war ihm als kündigte sich heute schon der süße Geruch aus dem Sudhaus der Brauerei an; die satten Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Glaswände und versetzten die Kupferkessel dahinter in ein blendendes Glühen, das floß aufs Trottoir. Er lief durch dieses Licht auf dem Stein bis zum Eckeingang über dem das weiße Holzroß schaukelte. Abends betrat er die Kneipe immer durch den Vordereingang; damals als Kellner hatte er lange genug in die Gaststätten in denen er arbeitete, durch die Dienstbotentüren gehen müssen. Jetzt wollte er nur noch Gast sein.

Noch war nichts los im Weißen Rössl. Die Nachbarn, die hier gewöhnlich ihr abendliches Bier tranken, kehrten gerade erst von der Arbeit zurück und kamen später. Acht-Stunden-Tage, davon hatten Theo und er nur träumen können. Zwei Männer immerhin saßen an einem Ecktisch, junge Kerle mit langen Haaren bis in den Nacken, wie das jetzt Mode wurde. Er hatte sie noch nie hier gesehen. Weiche, runde Gesichter, gebräunt vom Sommer. Die hatten noch Jungmännerflaum im Gesicht und wache Augen, dunkel, Zigeuneraugen, hatte man das einmal genannt. Schlanke Jungs mit ihren schwarzen Schöpfen – so war auch einmal gewesen, vor langer Zeit, als er das Knize gerochen hatte.

Als er sich auf einen der schwarzen Barhocker mühte, bemerkte er, daß sich die Schlaufe des Senkels, der vorhin bloß locker gewesen war, endgültig gelöst hatte. Hier konnte er niemand bitten, das zu richten, keiner würde auf seine Schuhe schauen.

Willem, der Wirt grüßte müde: „N´abend Arthur.“

Das war sein Stammplatz an der Ecke der Theke. An Tischen wäre er sich verloren vorgekommen. Da mochten die Jungen sitzen…

„Bist aber früh heute, “ staunte Willem und setzte gleich fort“, Pils, wie immer?!?“

„Wie immer, Pils, “ antwortete er, klopfte leicht mit der Linken auf der Tresen, dann fischte er die Packung Stuyvesant aus der Jackentasche und schüttelte sie vorsichtig, damit eine Kippe herausrutschte. Wie so oft gelang es ihm nicht, manchmal purzelten zu viele Zigaretten heraus, diesmal klemmten sie. Willem kam ihm zu Hilfe, auch wie so oft und fummelte eine Zigarette halb aus der Packung. Der Wirt ließ sein Benzinfeuerzeug klicken und er zog den Rauch ganz tief in de Lungen. Er sagte nichts, nickte nur dankbar Willem zu. Anzünden können hätte er sich den Glimmstengel dann eigentlich auch wieder selbst, so invalide war er dann doch nicht.

Er stützte den Kopf auf die Linke, den Zigarettenfilter zwischen Zeige- und Mittefinger, nah an der Schläfe. Die unnütze Rechte baumelte an der Seite. Wenn er abends hier so saß, seine Tochter wußte nichts davon, daß er fast jeden Abend hier saß, spürte er immer ein Ungleichgewicht im Körper, nichts hielt ihn mehr gerade. Er mußte sich jetzt immer öfter zusammennehmen, um nicht nach rechts wegzurutschen. Vielleicht wäre er sogar auf den Boden gefallen.

Rechts steckte das Geld in der Brusttasche. So konnte er mit der tauglichen Hand hinein fahren und das dünne Bündel Rente herausziehen. Er ließ es auf die Theke fallen und suchte nach einem Zehner.

Willem drehte den beiden jungen Gästen den Rücken zu und beugte sich vor: „Arthur, wedel nicht so mit deinen Moneten, “ ich kenn die Jungs da drüben nicht, “ und er wies mit dem Kopf in deren Richtung.

„Ach, wer soll mir denn die paar Flöhe klauen“, raunzte er mit der Zigarette im Mundwinkel. „Hier“, und er hielt Willem den Zehner hin, “ heute will ich’s wissen. Gib mir mal zehn Markstücke!“

„Na, wenn Du Dich wie Krösus aufführen willst“, griente Willem, und wechselte den blauen Schein, während die anderen wieder in der Brusttasche verschwanden.

Das Silbergeld zählte der Wirt auf die Theke und ließ die Münzen jedesmal auf dem Holz knacken. Sein Gast klaubte sie mit der Linken auf und steckte sie in die Jackettasche, trank einen großen Zug aus seinem Glas und mühte sich vom Hocker herunter, nur um sich gleich wieder auf dem anderen Hocker vor dem Spielautomaten niederzulassen.

Er spielte jeden Abend um ein paar Mark, aber zehn auf einmal hatte er noch nie riskiert. Er warf ein Markstück ein, es klackerte seinen Weg in die Tiefen des Automaten. Drei rote Tasten leuchteten auf: Start, Stop, Weiter und oberhalb der drei Sichtfenster hinter denen sich die Glücksräder mit den Kartenfarben und Zahlen drehten leuchtete auch der Name des Gerätes: Passiance Royal. Er drückte die Starttaste und die eingeworfene Mark, rutschte mit einem scheppernden Geräusch noch tiefer in den Bauch des Gerätes. Die Rollen begannen sich in einem aberwitzigen Tempo zu drehen. Er konnte nicht mehr ausmachen, ob Kreuz, Pik, Herz oder Karos herumwirbelten oder irgendwelche Zahlen, einzig rot und schwarz flackerte vor seinen Augen. Ob der Druck seiner linken Hand ein anderer war, als der seiner rechten? Ganz bestimmt, denn obwohl er schon so viele Jahre mit der Linken hantieren mußte, wußte er genau, daß sie nie so kraftvoll sein konnte wie die Rechte – und nie so schnell, denn offensichtlich hatte er drei Herzen um nur ein Bißchen verpaßt. Zwei Herzen zitterten in den Sichtfenstern und wenn er ins dritte hineinlugte, dann konnte, er, verdammt, das dritte nötige Herz unterm Rand erspähen.

Der Automat klackerte und rechnete ein Spiel ab. Neun hatte er jetzt noch. Das Ding ließ ihm nur eine einzige Entscheidung: weiter von der Stellung der Rollen oder ganz neu spielen. Er drückte auf weiter, das machte er immer.

Die Kneipe wurde voller. Die ersten Nachbarn kamen vom Abendbrot. Der Stammtisch füllte sich in der nächsten halben Stunde. Er bestellte noch ein Pils. Export, wie die jungen Männer da drüben mit den langen Strähnen, hätte er nie getrunken, das war wirklich ein Arme-Leute-Gesöff. Am Stammtisch bestellten sie auch Korn, den hatte er eigentlich nie gemocht, Whisky, ja oder Scharlachberg, das war schon eher was für ihn, auch nicht schlechter als französischer Cognac, hatte Theo immer gesagt. Lisbeth trank gerne Eierlikör: Er hatte ihr noch eine Flasche besorgt, als man sie zum letzten Mal aus dem Krankenhaus entließ. Verpoorten! Das konnte ihr dann wohl auch nicht mehr schaden. Immerhin wurde sie selbst von dem schwachen Zeugs rasch beduselt. Es half ja sonst nichts mehr!

Auf einmal rasselte ein Münzenstrom aus dem Automaten und klickerte und klackerte in das Gerede der Gäste; die blickten für einen Moment auf, als auch noch ein paar penetrante Fanfarentöne erklangen.

„Heute ist wohl dein Glückstag“, rief Willem vom Zapfhahn herüber. Mit der gesunden Hand wühlte er in den Markstücken, die der Automat ausgespuckt hatte, es mochten zwanzig sein. Soviel hatte er dem Ding noch nie entlockt.

„Hier „ und er zeigte auf den Schatz, “ Willem, fisch das mal raus. Und dann mach mal eine Lokalrunde…“, es überkam ihn plötzlich, spendabel zu sein.

„Auch noch großzügig heute“, brummte Willem erfreut und klaubte die Münzen auf. Es gab Hallo und ein Zuprosten durch die ganze Kneipe. Der Rauch der Zigaretten legte sich über alles: den Stammtisch, den Tisch mit den beiden jungen Männern und die anderen Gäste, auf die Kakteen, die auf den Fensterbänken standen, wohl die einzigen Pflanzen die das länger mitmachten, und auf die längst vergilbten Gardinen.

Nach seiner Runde folgte eine weitere und eine dritte, er wußte nicht mehr, wer sie spendiert hatte. Das Bier stieg ihm zu Kopf, er hatte kein Abendbrot gehabt…

Er mühte sich vom Hocker und schwankte fast ein wenig. War er denn nichts mehr gewohnt? Einen Moment hielt er inne, ließ seinen Blick durch die jetzt gefüllte Kneipe schweifen, die meisten Gäste kannte er nicht, und machte sich auf zur Tür, die auf den Hausflur und zur Treppe zu den Toiletten führte. Als er sie hinter sich schloß, verebbte auch das Gerede im Gastraum.

Drinnen klackerte der Automat klackerte schon wieder und spuckte zum zweiten Mal heute Abend einen Schwall glänzender Markstücke aus. Die Männer an den Tischen und am Tresen ließen Ohs und Ahs hören. Er grinste – er hatte einmal Glück!

„Da hat aber einer richtig Dalles heute Abend“ rief Willem durch die gedrängt volle Kneipe und mußte sich anstrengen, das Gerede und Geraune zu übertönen, in das abrupt laute Männerstimmen vom Flur herüberdrangen; man konnte den Streit aber nicht deutlich verstehen. Dann ein abgrundtiefer fürchterlicher Schrei und ein dumpfes Geräusch wie nach einem Fall.

Willem kapierte als erster: es war etwas passiert im Flur und rannte zur Verbindungstür. Nicht alle Gäste hatten den Lärm mitbekommen und so drangen ihr Geschwätz und das Kneipenlicht in den dunklen Flur, dessen kaputte Kuppelleuchte schwarz blieb.

Willem kniete am Boden und tätschelte das Gesicht des Gestürzten, „Arthur, Arthur, ist dir was geschehen…?“ Er wußte sofort, daß er keine Antwort mehr bekommen würde, denn aus dem Streifen Licht auf dem Marmorboden rann ein Strom dunkelroten Blutes in den Schatten.

Er wollte dem Gestürzten Luft verschaffen und nestelte mit fliegenden Händen an der Krawatte herum. Endlich gelang es ihm, den Knoten vollends zu lösen. Der dunkelblaue Treviraschlips schlängelte sich übers Revers. Willem bemerkte, daß die Brusttasche des Jacketts angerissen war. Das Futter hing leer übers Hemd. Man hatte ihm wohl die Brieftasche rabiat geklaut.

Gäste, die nah an der Tür gesessen hatten, wagten sich nun zögerlich ins Treppenhaus. Einer rief in den Gastraum, man solle einen Krankenwagen rufen. Nach und nach verstummte die ganze Gesellschaft, nur der Automat spielte seine vorgegeben Runden bis zum Ende durch. Aber er spuckte keinen Gewinn mehr aus. Die jungen Männer am Ecktisch waren verschwunden.

Willem strich dem Verletzen fahrig über die eingefallenen und schlecht rasierten Wangen. Sein Mund klaffte offen und schwarz und zahnlos. Ihm war wohl das Gebiß bei dem Sturz aus herausgerutscht. Der Wirt blickte suchend umher, aber es war nirgends zu finden.

Das Pläsier

Meine lieben Freunde und Freundinnen,

ich versprach noch etwas über meine Bücher zu schreiben, die Ihr gerettet habt…hier ist es:

DAS PLÄSIER

„Wenn du mir das nochmal vorliest, dann auch mit den Stimmen!,“ verlangte ich von der Oma; obwohl sie kein sonderlich schauspielerisches Talent hatte, liebte ich es wie sie die Stimme verstellte: piepsig für die Prinzessin, brummig für Mutzemann, den Bären, näselnd für den Schutzmann. Das war mein erster noch unwissender Kontakt mit dem Theater, der Literatur – daß es so etwas gab, wußte ich ja noch nicht. Aber wie war dieser phantastische Eindruck festzuhalten, vor allem, zu wiederholen? Ich mußte mir selbst was erzählen wann immer es ging, also erzählte ich mir nicht nur mit den Kasperpuppen Geschichten, sondern mit allem: den Matchboxautos, den Teddybären… Ich bestand darauf sofort lesen zu lernen in der untrüglichen Hoffnung, daß mir die Welt, na, jedenfalls neue Geschichten erschlossen würden.

„Nein Kind“, war die ablehnend-enttäuschende Antwort, „wenn du schon was weißt, dann bist du in der Schule unaufmerksam wenn man dir das Lesen beibringen will…“

Was war zu tun? Da lagen schon die Fibeln, sechs dünne Hefte, fürs erste Schuljahr herum, die mußten daran glauben: war doch gar nicht so schwierig- das gleichzeitige Eintrichtern von Gendernormen – so war das damals: das ist Heiner, stand da unter dem entsprechenden Bild. Heiner ist ein Junge. Desgleichen mit Mareike, dem Mädchen…und dann so fort, bis ich die Systematik der 24 Buchstaben begriff – war ich nicht ein helles Köpfchen? Und bald schon konnte ich ohne das Stocken der anderen vom Blatt lesen.

Das beförderte meinen Literaturkonsum, ich erweiterte meine Reichweite vom „kleinen Bären Mutzemann“ über „Doktor Seidelbast“ zu Wilhelm Busch, den ich in den „Bertelsmann Auswahlbänden“ meiner Mutter wegen der Bilder entdeckte, um dann bei seinen Reimen hängen zu bleiben. Das Spielen mit der Sprache begann hier.

„Aber zuviel lesen solltest du auch nicht,“ mahnte mein Vater, „Wissen ist zwar Macht, solltest du dir merken, aber ein Bücherwurm darfst du mir auch nicht werden“

Daß Wissen auch Ohnmacht bedeutet, mußte ich später erfahren, denn es half nicht bei abgewiesener Liebe – und daß ich alles wurde, was mein Vater nicht verstand und verabscheute ebenso. Lesenlernen war also die Scheidewand zwischen uns. Er selbst las – das ist wahr und k/ein Klischee höchstens mal die preiswerten Landserhetchen vom Kiok bei dem er auch die Ernte23 kaufte oder HB – HB bevorzugte er. Aber diese Amischmiererei, diese Micky-Maus-Hefte, die kamen ihm nicht ins Haus, höchstens mal ein „Fix-und- Foxi“ mit der Welt des Rolf Kauka: Oma Eusebia und dem listigen-schmierigen Fuchs Lupo – ich bitte Euch, was war das gegen Disney-Onkel Dagobert und Kater Karlo? Ich erschlich mir bei Schulkollegen die Erfahrungen mit den „Disney-Heften“ und Kauka schmierte ab. Ich erlaubte mirTaschengeld einmal im Monat ein Tarzenheft, die ersten Bilder von einem muskelgestählten fast nackten Mann, der sich dynamisch durch den Urwald schwang. Ich wußte von Anfang an – ja eigentlich noch früher was mein Herz und mein später schamhaarumsproßtes Geschlechtsteil verlangten. Daß mit diesen Tarzancomics was nicht stimmte, war klar, denn angeregt durch meine Mutter. Die all das genauestens und eifersüchtig im Blick hatte und bekämpfte – damit der Junge nicht abglitt- lenkte sie des Vaters Zorn auf eben diese Tarzanhefte – in einem theatralischen Akt zerriß er sie vor meinen Augen. Vorwand: zwei verbaute Klausuren in Latein und Mathe mit denen ich an einem Tag nach Haus kam. Besonders die miserable Mathearbeit kränkte ihn als Techniker . Und was Latein betraf: „nun geben wir dir schon die Möglichkeit ein Gymnasium zu besuchen – und dann sowas!

Die zerrissenen Hefte sollten ja auch schmerzen, daß sie mein erworbenes Eigentum waren, scherte ihn nicht.

So ging es zu mit Leserlichem in unserem Haushalt.

Zur gleichen Zeit hortete ich die ersten Bücher: ich verleibte mir den einen Wilhelmbuschband ebenso ein wie den ersten Roman, den ich je gelesen hatte: Mikka Waltaris „Sinhue der Ägypter“, der mich für alle Zeiten zum Abhängigen machte.

Und ich las endlich selbst das Andersenbuch mit dem „-Häßlichen Entlein“, der „Kleinen Seejungfrau“ und dem einsamen Weihnachtsbaum. Bisher war ich ja darauf angewiesen gewesen, daß mir jemand daraus vorlas – was selten geschah, denn das in Leinen eingebundene Buch war sakrosant, war es doch ein Geschenk der Chefin meiner Mutter als sie der noch eine folgsame Verkäuferin gewesen war. Wenn diese strengescheitelte und schwarzhaarige Frau im Taftrock zu Besuch kam, herrschte in den Stunden zuvor Aufregung; es sollte nichts schiefgehen; die Hefeteilchen – dann fiel auch ein Amerikaner für mich ab – standen bereit und die dünnwandigen Sammeltassen. Ich wurde ins Kinderzimmer verbannt, denn was zwischen ehemaliger Verkäuferin und Ditectrice stattfand sollte ich nicht mitkriegen, ich störte. Also ging ich lesen.

Jules Vernes „20.000 Meilen unterm Meer“ war eines der ersten Bücher, die ich mir im Bertelsmannladen gekauft hatte, vor allem auch wegen der Illustrationen von Riou…und dann die ersten Goethebände mit Kunstledereinband und Goldschnitt, auf die ich sehr stolz war – so konnte ich schon mit 12 den Faust lesen. Oder den Shakespeare in einem Band, den ich, kaum des Englischen kundig im Original mit denm Wörterbuch daneben verschlang.

Was machte ich mit all dem Reichtum? Reichtum denn, so empfand ich es schon als Kind, ich erntete tatsächlich Lesefrüchte.

Ich ahmte die Literatur nach, ich sprach sie laut für mich hin nach – breitete sie keinem imaginärem Freund aus, es sollte bei und mit mir bleiben. Adorno weist auf das Glück des Kindes beim Nachahmen von Erzählstimmen, denn es erschließt sich ja die Welt und eignet sich auf mimetische Weise an.

Es machte mich glücklich, mir selbst zu erzählen was ich kannte: der „Hamlet“, den ich mir mit Teenagerstentorstimme nachts im Bett vortrug, mußte auch dafür herhalten, daß ich kaum ins Theater kam – das hing ab vom Taschengeld und vom geringen Angebot in der Kleinstadt, der kleinen Stadt.

Die wenigen Opern, die ich hören konnte wurden nachgesummt und im Makulatursopran nachgesungen – diese akustischen Darbietungen, zumeist in den langweiligen Nachtstunden – bis ich 16 war, mußte ich stets jeden Abend un acht ins B – machten natürlich die Familie rebellisch. Der Bruder meckerte, die Schwester hämmerte gegen die Zimmerwand, die Eltern sprachen vade retro aus : ich sollte schweigen.Bis heute aber bereitet es mir kein größeres Pläsier als den Poe´schen „Raben“ oder den Rilke´schen „Panther“ zum Klingen, Krächzen und Springen zu bringen. Schon damals in jenen durchsprochenen Nächten spürte ich: ich spreche auch gegen den Tod an, Es waren jene einsamen Jahre nach dem Tode der Leseoma; ich begriff, sie kehrt nie wieder – schon deshalb mußte ich mit Erzählung ihre Erinnerung beschwören. Ich begriff früh das Endgültige des Todes – und nur die Sprache kann uns darüber hinwegtrösten; Zärtlichkeit war mir unbekannt seit jenem Todesfall. Sich aber selbst etwas zu erzählen ist ein Fall von Autoerotik, die sanfeste Form der Selbstbefriedigung. Ich entschied mich, ein raunender Beschwörer des Imperfektes zu werde, mich erinnernd, sprechend, schreibend – und nicht wahr, das Leben besteht aus der Vergangenheit – Leuten wie mir ist die Zukunft verwehrt. Nach vorne muß man schreien, ich raunte in die Vergangenheit. Deshalb entwickelte ich auch eine Leidenschaft für 19. Jahrhundert und fürs fin de siécle, vergangene Zeiten, abgeschlossen, voller ausufernder Prosa und exemplarischen Geschichten; von Ludwig II. bis Oscar Wilde.

Ein paar Mal machte ich sogar Versuche vor Publikum in der Stadtbibliothek: ich las natürlich den „Tod in Venedig“ und „Maurice“ von E. M. Forster…das machte mich glücklich.

Eines Abends vernahm ich im Fernsehen die sonore Stimme Adolf Wohlbrücks…in „Pläsier“ Max Ophüls Preis der Erzählkunst Maupassants – 19. Jahrhundert eben, Wohlbrück war der Erzähler eines Episodenfilms, der einzig entstanden war, weil Max Ophüls die Maupassantgeschichte vom „Haus Tellier“ verfilmen wollte, jenem gemütlich-freundlichen Landbordell, dessen Prostituierte noch Damen genannt wurden. Die Geschichte voller Ironie und Wärme, ja das geht zusammen, wenn die Ironie das Herz vor den Verlogenheiten der Kleinbürgerlichkeit abschirmt, wurde zu meinem liebsten Stück Literatur, der Inbegriff des Erzählens. So wagte ich, das „Haus Tellier“ vor Publikum zu sprechen, ich gab ihm eine, meine Stimme – mit französischem Akzent… es war das reinste Glück. Menschen, denen das Glück mit anderen verwehrt ist, können so das inningste Glück empfinden.

Und das erklärt meine Leidenschaft für meine Bücher, die ich schützen mußte vor der Vernichtung – mit eurer Hilfe. Meine Freundinnen und Freunde. Es war eine Lebensrettung, danke – allen voran Dank an Clemens Heni und Susanne, die das ganze organisierten.

DIVA

Diva

wer oder was ist eine Diva, fragt der Professor spitzbübisch lächelnd und schiebt sich den hinabgerutschten Kneifer wieder den Nasenrücken hinauf.

Wie so oft kräht der Klippschüler Berger vorlaut: das ist einfach. Eine diva ist ein wunderhübsches junges Mädchen mit Allüren!

Hab ich mir gedacht, daß sowas von Ihnen kommen würde, aber in jeder Beziehung liegen Sie falsch…sagt der Professor… eine Diva muß nicht zwangsläufig eine Frau sein, hübsch schon mal gar nicht und jung auf keinen Fall…

nehmen sie Anna Magnani, die größte aller italienischen Schauspielerinnen. Sie war nicht mehr jung als sie zu Filmruhm gelangte und nächtliche Ausschweifungen mit den Filmteams- und Partnern nebst ihrem Dackel hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie soff wie ein Loch, aber wenn man von ihr am Morgen nach so einer durchzechten Nacht forderte schön und jung zu sein, dann war sie es, wie ihr Regisseur Jean Renoir berichtet. Sie spielte einfach: das Jungsein, die Jugend, die Schönheit. Und das kann man in ihrem gemeinsamen Film mit Renoir „la carozza d ´oro“ sehen, der im schmeichelhaftesten undgleichzeitig grausamsten Farbsystem Technicolor gedreht wurde: denn es enthüllt jede Runzel der Rosenhaut und Max Factor – müßt ihr selbst googln – mußte, der die stars mit gesichtern und haaren versorgte, schon sehr erfindungsreich sein, um die Wahrheit zu überlisten…aber Anna Magnani, die die größte italienische darstellerin war, ja es, muß nocheinmal gesagt werden: schwenkt die trikolore vor ihr, war eben eine Diva, die ihrer Ahnin Francesca Bertini alle Ehre machte. Francesca war die erste der großen Filmdiven, die einen Kult um sich entfachten…und die italiener, die primidonnae assoluta lieben, machten sie mit einigen Monumentafilmen zu Anfang der 10er Jahre zur ersten diva assoluta. Ihre Darstellung bot genau jene verlockungen an Monumentaliät der Liebe und Sexualität (mit Fedora – sie spielte die tragisch umflorte salondame Fedora wie die hyperdramatische Tosca mit erotischer – und erotischer Verheißung, die aus einer leidlich hübschen Schausielerin aus der Statistenriege eine diva machen.

Das damals neue Medium des Films kam dem zeitgenössischen präfaschistischen futurismo entgegen – die frühen Filme italiens beschäftigten sich auf monumentale weise mit der glorreichen Vergangenheit, nicht allein der Antike, sondern auch der Renaissance. Der Film konnte weit übers Theater Bilder, die bisher nicht möglich gewesen waren, zeigen, etwa die Niederfahrt Dantes im grotesken Inferno wie wir sie bei Gustave Doré mit seinen Illustrationen gesehen hatten – und nun lebten sie auch noch. Das galt aber nicht nur für das Monumentale, das die neuen faschistischen Machthaber begeisterte – Mussolini war wie alle Diktatoren begeisterterter Filmfan – sein eigenes Divengehabe, von dem wir dieser Tage Abbilder in Donald Trump sehen konnten, wurde durchs Kino massenhaft verbreitet: sein Nnackenrecken und Zähneblecken machten ihn zum faschistischen Protz der Eitelkeit in Großaufnahme.

Man konnte also im Kino seinem Idol näher kommen: der Diva eben – riesenfach auf der Leinwand vergrößert. Ob nun Benito Mussolini oder Francesca Bertini – man kam der Göttlichkeit näher. Das Kino machte Götter. Divenkult heißt also nicht bloß hübsche Mädel, Herr Berger.

Ein weiterer Aspekt des Divenkultes ist die italienische Begeisterung für die Sopranistin – für die bedingungslos bis zur Raserei hochgetriebenen Töne. Das Publikum brach in Begeisterung aus bei der Wahnsinnsaria der Lucia di Lammermoore von Gaetano Donizetti. Übergröße, wahn und Eitelkeit gehören zum divenkult.

Die erste Diva dieser Art war Maria Malibran. Nicht nur ihr Gesang galt als makellos, sondern auch ihr wohlgestalter körper, den sie sich nach einem Chaissenunfall nicht richten lassen wollte; sie verweigerte ätztliche Behandlung. 50.000 Verehrer kamen zu ihrer Beerdigung. Sie war aber nicht bloß eine Gesangsgöttin, sondern schrieb auch makellose Prosa und Verse, komponierte für sich selbst Arien, malte, zeichnete auf hohem Niveau und entwarf ihre Bühnenroben. Muß man eine so übertalentierte canaille nicht lieben und verehren? Selbst wenn die Anerkennung wie bei Thomas Manns Zugestännis zur Größe seines Antipoden Bert Brecht mager ausfällt: „die canaille hat talent!“.

Das ist auch bei politischen Diven so – wir können z.b. nicht umhin ihr Talent für den Gebrauch eines sich ihnen bietenden Mediums zu bewundern: der massenansprache, des radios, der films, twitters – und das gilt vom videoclip bis zum podcasat heute umso mehr. Hitler und Madonna – Superdiven – können auf der klaviatur ihrer medien…spielen wie gewandte Kinder. Wie heute Modonna beherrschte vor 250 Jahren Maria Malibran alle Aspekte ihres Metiers.So wußte etwa um die Mitte des 20. Jahrhunderts, die damals größte aller diven, marlene dietrich, alles über ihr zuträgliches Licht, perfekte Kamerawinkel, superbe Stoffe und Hintergrundmusiken – sie machte die Show – sie war die Show.

Die Diva muß also weit mehr als jung oder schön sein; beides schadet nicht, aber es reicht auch nicht. Da muß eben ein göttlicher Funken an Selbstbesessenheit sein, eine Verliebtheit ins eigene Talent – oder wie sagte Johannes _Rau programmatisch: verliebt ins Gelingen…oh ja, die Diva ist rücksichtslos wie marlene als lola-lola, LJoan Crawford als Saloon-Kapitalistin Vienna oder sogar die göttlichste aller diven, Greta Garbo. Die liebte stets so unerbittlich, daß es ihr von Mata Hari bis Anna Karenina tödlich selbst schadete.

Diva sein ist eben auch tragisch. Das merkten die schönsten Männer-Diven ihrer Zeit Rudolfo Valentino und Tyrone Power nicht nur in ihren Rollen: beide spielten sie einen Torero, der ein standesgemäß gehörntes Ende findet: „Blood and Sand“ eben: Beide mußten auch für ihr verborgen gehaltenes Schwulsein leiden. Valentino wurde als Puderquaste verspottet, und über Tyrones Liebe zum Co-star Cesar Romero zerriß sich die ganze Welt das Schandmaul. Keiner war so erotisch mehr aus- und angezogen, und halbnackt in Tüll und Juwelen wie Rudulfo Valentino als „Sheik“ und keiner so kraftvoll männlich als ständig halbnackter Pirat, der auch noch gefoltert wurde in den Seilen hängend mit Muskelspiel und mit Bächen an Schweiß…in the „Black Swan“ wie Tyrone Power..Das macht die diva aus: die ständige vergheißung: da eine hüfte, da eine, gesäßfalte. Da eine brustwarze oder ein herabrinnender Schweißtopfen. Aus solchen Details setzen sich die Divenkörper von Elisabeth Taylor in „Cleopatra“ und Charlton Heston in „Ben Hur“ zusammen – Traumbilder des Verlangens, nie genügend, immer zu wenig. Da ist es nötig, den Bedarf des Publikums zu kanalisieren und zu verknappen. Das bild der diva muß kursieren, aber nicht in extenso.

Wie man mit versprechen und Verheißung balanciert läßt sich am gekionntesren beim Konzert von Maria Callas 1962 in Hamburg erkennen. Niemand hat die Habanera jemals vor ihr und danach so gesungen: sie lockt, sie girrt, sie summt, sie coloriert bis an den rand der stimme: das ist schön, das ist erotisch, das ist überirdisch, zumal sie nicht nur so singt wie audrey hepburn gern singen würde, sie sieht nach einer lebensgefährlichen Hungerkur noch so prinzessinnengleich schlank aus, sie hatte alles priadonnen- Matronenhafte verloren und strahlte.

Das macht die Diva aus – und daß sie es weiß – denn das sagte auch das Lächeln der Callas, wie man in der tv-Aufzeichnung des Konzertes sehen kann: sie weiß um ihre Grandiosität und daß uns Atem und Spucke wegbleiben.

Ach, es gäbe so viel zu erzählen über Diven wie Orson Welles, den Titanen oder Elsa Lanchester, Frankensteins Braut oder die alte Ziegeunerin Maria Ouspenskaja – alles Diven eigener Art.

Auf weiter Flur sehe ich zur Zeit nur einen, sagt der Professor stirnrunzelnd, der dieses Erbe der Diven angetreten hätte: den Kanadier Xavier dolan – schön wie Apoll und talentiert wie Merkur: Sschauspieler, Entrepreneur, Autor, Regisseur, die Musik seiner filme ebenso kreiierend wie ihre Konstüme. Nur noch Orson Welles kam ihm gleich. Wobei Welles, ein Auteur-Diva der 40er auch noch mit einer anderen Diva verheiratet war: mit Rita Hayworth – entsprechend war die ehe mit Hysterie, Streit und Eifersucht geladen. Was eine diva auslöst, Massensuggestion, konnte man bei Rita HAyworth feststellen: ungezählte Kinogänger behaupteten steif und fest, sie habe sich als „Gilda“ im gleichnamigen Film völlig ausgezogen während sie den Song von der lasziven Mame vortrug. Aber nichts da – sie zog nur einen einzigen Handschuh aus – aber nichts konnte heißer sein! Put the blame on mame boys…

Und mit diesem song grüßt eine Diva über Lichtjahre eine andere… denn die Ballade vom schröcklichen Dan Macgrew machte Margareth RUtherford Anfang der 60er in einem Miss Marplefilm zu ihrem Kabinettstückchen. Und eine Diva war sie, alt, nicht schön, verschroben aber grandios. ach, du meine güte, da habe ich ja den diven-tierpark weit geöffnet, seufzte

der Professor, ich werde euch also von ihnen noch viel erählen müssen: von Errol flynn, sylvana Pampanini Yvonne Printemps oder gerard Philippe! Versprochen, herr professor?

Also gut, nachdem ich euch vom Wesen der Diva erzählt habe, kann ich ja gar nicht anders. Oder wie es Cole Porter – eine Komponistendiva – in einem Chanson geschrieben hat:“it´s not because I shouldn´t do it, it´s not because because I wouldn´t und you kow it´s not cause I couldn´t, it´s just because I´m the laziest gal in town. „

Das ist die Essenz der Diva. – für Bgitte Augspurger

ich habe ein paket mit genesungswünschen bekommen – und was adorno damit zu tun hat…

Aber erzählen sie doch baronin, sagte denys finch hatton und er sah unwahrscheinlich gut aus, als er das sagte, Sie müssen sich doch nicht dafür genieren, wenn Sie uns eine Ihrer geschichten erzählen. Ich liebe gut erzählte geschichten.

Später sollte er karen noch einen seltenen federhalter schenken, mit denen sie fortan ihre geschichten niederschrieb. …und karen erzählte von ihrer farm in afrika…

liebe freunde, ich muß euch auch eine geschichte erzählen:

es gab gerade mittagessen im krankenhaus: bauernomlett war das unheil bezeichnet, trocken wie der furz eines waldbauernbubb von karl heinrich waggerl, selbst mit einem salat geizte die krankenhausküche, lieblos hatte man uns eine salzgurke dazu serviert, sehr sauer und sehr hart – und mit knubbeln, die, an einem durchschnittlichen dildo jedenfalls sensationelle wirkung gehabt hätten.

Soeben hatte ich obendrein erfahren, daß ich auf meiner station noch bis frühestens mitte dezember ausharren müsse, da meine behindertengerechte wohnung dann erst bezugsfertig sei. Und da kommt das tranpel von hilfsschwester, etwas feist, obendrein brummig und zu keinem scherz aufgelegt – aber als ihr einige konfettiflocken aus dem paket, das sie brachte, entgenrieselten, wurde selbst sie weich und es stahl -stahl wie hart mit den drei ringen – sich kurz ein lächeln über die lippen…

ja, und was befand sich in dem paket, fragte fynch hatton und er sah mit seinem blonden schopf so unverschämt gut aus wie die satten grasebenen der n´gongberge in der regenzeit.

„Geduld, geduld“, beruhigte ihn Karen… es war Post von ganz vielen meiner freunde…vornab prangte die postkarte einer etwas üppigeren marlene im tasselkleid mit schwanenpelz aus den 50ern als sie noch im café de paris sang und nicht in den großen theatern. Damals entstand die mär, sie würde in die kleider von jean louis einenäht, damit ihre formen beeindruckend zur geltung kamen. Später, als das alter selbst ihr, der unsterblichen „kraut“ wie hemmingway sagte, zusetzte, mußte man mit polstern darunter nachhelfen…

und auf der rückseite der mappe, die ich dem wunderpaket entnahm, fand sich noch eine weitere postkarte von joan crawford wie sie in „sudden fear“ endlich ihren so widerlich-attraktiven ehemann, jack palance, erschießt, der moment des schusses….mit dem blitz der entscheidung…mit dem bild wird auch klar, warum francois truffaut hoan beim wunderschönen altern für immer männlicher hielt.

Eigentlich mußte sie ein mann sein – denn in diesenm bild läßt sie einen cum-shot los wie ihn keiner der großbestückten stars von lucas entertainment raushauen kann – es ist der ultimative schuß…

…und dann kamen noch bilder von alida valli und danielle darrieux zum vorscheinen…und ich wußte, daß ich noch mehr solche schönheiten für meine freunde porträtieren mußte…und würde…

denys finch hatton lächelte verschmitzt: „das ist ja alles sehr schön, karen, aber, was ist die geschichte dahinter?“

„Wirst du wohl stll sein und abwarten, denys!“, ermahnte ihn karen wie häuptling kinjanjui seinen ungeduldigen enkel mit einer tadelden geste zurückwies…

die geschichte ist wie immer komplizierter…

wie du weißt, mußte ich meine freunde um hilfe bitten, da meine bibliothek vernichtet werden sollte. Sie kamen zu meiner rettung…und in diesem paket stecken ihre guten wünsche dazu…

ein sehr weiser mann, der mich gar nicht kennen konnte, aber eben doch kannte, hat dazu im voraus etwas kommentiert…

…und tatsächlich hatte ich in den letzten tagen „adorno“ gelesen, ja, stell dir vor, den trockenen mit der dialektischen aufklärung. Damals, als er noch im biederen frankfurt weilte, machte er sich, vor 60 jahren gedanken über die“erotik des ohrs“…

führt das jetzt nicht ein bißchen zuz weit, das tasselkleid und der apoleget schönbergs, fiel denys finch hatton dazwischen. „nein, lieber denys“, erwiderte ich und strich ihm zärtlich übers kinn, das wie stets – er war eben gentleman, blau rasiert war –

adorno, der mithilfe von schönberg den eigenen eklektischen musikgeschmack versteht zwischebn kühler intellektualität ud früher leidenschaft, sagt etwa geniales und ich sehe, er ment damit auch das kind, das ich war…

jaja, spottete denys und dabei sah er so prächtig aus, daß ich ihn hätte küssen mögen,wenn adorno was Geniakes über dich sagte, dann erklärt das ja womöglich einiges…

ja, erwidere ich ihm – ihr wißt doch, wenn ihr meine letzten posts über meine früh-kindliche literaturbegeisterung gelesen habt, wie ich eintauchte in geschichten bis ich sie selbst erfand – der urgrund für meine liebe zu meiner bibliothek.

Adorno sagt dazu:

„die euphorische teilhabe des kindes am gelesenen beruht weder auf naiver verwechselung von fiktion und realität noch auf fehlender geschmacksbildung, sondern auf der fähigkeit zu mimesis, die nicht darauf zielt mit dem gelesenen zu verschnelzen, sonden sich mit ihm zu mischen, mischung impliziert ähnlichkeit, nicht identtät.

Ich war als kind so euphorisch, daß ich des nachts singen mußte, weil ich in der literatur etwas bergebdes anderes fand. Und so geht es mir jetzt,“sage ich und streiche zärtlich über die vielen glückwünsche, die mir mit diesem paket zugesandt werden: ganz viele andere, unter denen ich mich so geborgen fühle, daß ich nachts voller euphorie singen möchte. Wir sind einander ähnlich und darin bestärken wir uns…

oder wie luther sagte: sie erkennen einander…

„das ist ja wunderbar!“ sagte denys ohne jeden spott.

Ja, sagte ich, ich lese all die genesungswünsche wie ein kind, das ein buch liest, mit begeisterung und bin mehr als gerührt – ich bin berührt!

Arletty…

wird in „les enfants du paradis“, nachdem sie mit ihrem liebhaber auf dessen schloß in schottland gelebt hat, von einem weiteren ehemaligen liebhaber gefragt:“und, ist es schön diese schottland?“ – und in ihren schönen, verschleierten augen teht zu lesen, daß sie einen dritten, ganz andren liebt, der wieder eine andere liebt…. kino, liebe und augen – welch bittere ironie, daß ausgerechnet arletty am ende ihres lebens erblindete…

loch lomond…

WAS BEDEUTET DIESER sh-Fetzen – TS Eliot

So this is SCOTLANDSo this is Scotland –

Meine Träume vom Weltuntergang und dem Retten des Kindes…

Angst vor der Nacht…

die fesselung und die alpe der op nichts gemerkt von wegen… fesselung äther und oder verrat

oder The bonnie bonnie banks Loch Lomond

Ich gelte als übler Sardoniker – und ich gebe schamlos zu, ich bin es…

Es gibt keine Liebe unter den Menschen und auf Hoffnung können wir nicht hoffen – Verstand und Hellsichtigkeit haben wir längst auf die Müllhalde der Geschichte gekippt, die aussieht wie Alice Weidel!- Ich glaube nicht, daß es jemals etwas anderes geben kann außer Einsamkeit, Trauer und Verzweifelung über die Dummheit und Liebelosigkeit der Menschen. Das wußte ich schon mit zehn Jahren als meine Großmutter starb, von der ich den fatalen Eindruck hatte, sie würde mich lieben – was sie jedoch in mir liebte war aber das Abbild ihres dreijährig an Typhus gestorbenen eigenen Kindes.- Aber ich nahm, was ich kriegen konnte und war dankbar für das., was sie zu geben vermochte.

Liebe, Zuneigung und Götter gibt es nicht – ihre Gläubigen drängen sich uns auf und man kann sich kaum wehren…das habe ich schon in frühester Kindheit gespürt als ich jede Nacht kontrolliert wurde, ob ich auch „richtig“ schlief – nämlich mit den Händen auf der Bettdecke, dabei wachte ich auf und man erklärte mir, man habe doch nur Sorge um mich. Ich wollte nicht jede Nacht kontrolliert werden und hielt mich wach und so wurde Schlaflosigkeit, der Unwillen zum Schlaf, mein Lebensbegleiter.

Noch heute, so viele Jahrzehnte später, wehre ich mich gegen den Schlaf. Aals Kind entdeckte ich die Sprache als Mittel zum Durchhalten: ich erzählte mir selbst Geschichten, erst die vorgelesenen, dann die selbstgelesenen und schließlich Geschichten, die ich an den nächsten Tagen aufschrieb. Fast jede Zeile, die ich schreibe, wird des Nachts konzipiert und durchgespielt, denn sie muß klingen!. Das Erzählen damals war laut: – ich sprach gegen den Schlaf an und zog damit den Zorn der Familie auf mich. Ich störte deren gerechten Schlaf. Sie wollte nicht aufgeregt werden – deshalb erwartete sie von mir Stille, Hinnehmen, Schlucken.

Aber die Nächte waren damals und sind heute noch immer einsam und dunkel und ohne Zärtlichkeit, von den Tagen rede ich erst gar nicht…

Die Sprache der Literatur hat dagegen geholfen und später die Sprache dess Kino, um das um das Schwarze Loch zu füllen, denn das Schwarze Loch dieser Nächte, in das ich zu fallen drohte bedeutete immer den Tod, und der Tod war die Sprachlosigkeit, war vertriebene und verbannte Bilder das Nicht-Mehr-Erzählen dürfen. Nur mit Sprache und Bildern konnte ich den sicheren Tod verbannen Tod. Aber es hatte keinen Sinn den anderen vom Tod zu erzählen, damals, man hätte dem Kind nicht gelaubt.

Vom Kino und seiner Macht in diesen Nächten, davon habe ich hier oft geschrieben: Marlene Dietrich, die Vollendung des Gesichts schlechthin im Nordlicht des Scheinwerfers, Danielle Darrieux, die Schönheit und Liebe glaubhaft spielen konnte, Peter Cushing, ein englischer Landedelmann, dessen Lächeln so schmal war und vieldeutig wie der Sadomasochismus – und dann die „Full versions“ von alten Filmen in meiner DVD-Sammlung oder heute auf „Youtube“, die einzig caritative Einrichtung, die ich anerkenne.

Manchmal halte ich mich so über zwei menschenlose Tage und länger wach und habe dann bis zu zwölf Filme gesehen oder solche Trouvaillen im späten TV wie das Aznavour-Konzert aus dem Olympia – von dem ich anläßlich seines Todes auch geschrieben – ; wieder lauerte also der Tod, gegen den ich ansprechen mußte!

Ich hasse den Schlaf, den Weißclown des Todes , der mich wehrlos macht und dem Unbewußten ausliefert, dem man sich nicht hingeben darf, es wäre wie eine Drogensucht – und ich habe kein Suchtgen.

Alle Clowns sind fürchterlich und besonders im Mondlicht, wie der erste große Darsteller von Horrorgestalten, Lon Chaney sagte – „ein Clown im Mondlicht ist nicht mehr komisch“ – und umso mehr der im Mondlicht augenblendend kalt glänzende Weißclown.

Man muß auf der Hut sein in den Nächten, denn man ist zu Anfang den Eltern ausgeliefert oder später seinen Träumen von den Zombies der Familie oder womöglich einem Menschen, der neben einem atmet.

Hellwach muß man sein in solchen Nächten – das geringste Geräusch, das Rascheln des Laubwerks der Kastanie vor meinem Fester oder ein Lichtflimmern der Straßenlaterne oder die Güterzüge, die den fernen Bahnhof passieren – Nachtzüge gibt es ja sonst nicht mehr, all diese .

diese Eindrücke bringen Erinnerungen und Assoziationen mit sich und manchmal summe ich sie…wenn sie zu sehnsüchtig sind…wie vor ein paar Tagen als sich das kleine Stacheltier der Gicht in meinen Füßen ankündigte und bereits grinste…das ja immer am liebsten zur Nacht einbricht in den Körper – auch ein Herold des Todes…dessen Bisse nur durch die oft schwache Waffe Diclofenac verscheucht werden kann.

Und in dem Schmerz, der so war als würde mir eine Geigensaite durch die Mittelfußknochen gezogen und in der verdichteten Dunkelheit summte ich plötzlich angeweht: „For me and my true love will nevermeet again on the bonnie bonnie banks of Loch Lomond.“

Eine Zeile aus einem Lied, das ein Volkslied zu nennen, ihm Unrecht täte – es ist viel mehr: wir Deutschen haben das Genre der Volkslieder biedermeierlich verhunzt.

Loch Lomond… für mich aber gab es nie eine „true love“ , dafür stets den Verzicht und am Loch Lomond war ich auch nie gewesen….

Aber der eine Vers reichte aus, um eine ganze Welt der Dunkelheit entgegenzusetzen…eine Melodie, die ich dem Weißclown, der immer nur grelle Fanfaren auf seiner Jericho-Trompete blies entgegenhalten konnte. Ein Lied zum Durchhalten und durchstehen.

Die schottische Hymne vin Tapferkeit und Durchhalten gegen die Unterdrücker – Bonnie Prince Charlie…

—- Schottland – Dr. Watson, Holmes – der Sänger. Der Bariton – das schmale Gesicht – die Verführung geht durch Auge und Ohr…

Bonnie Prince Charlie – und die Liebe von zwei Soldaten…n

Die Werwolfgescjichte – und Reise nach island – und die widmung – weshalb

Wenn man mit 13 Jahren den Macbeth zu seinem Liebslingsstück auswählt. Mag man das kein gutes Omen nennen – aber auch kein schlechtes – denn es… Sprache, Dramaturgie, Stimmung .- Konsequenz beim Geschichtenerzählen,. Die Vielschichtigkeit und#das Polanksi-Schottland…

Ich kann es bis heute noch auswendig – wenn ich einen guten Souffle

uer habe…

Meine Macbeth-Rezitation#

von der Magie???? der Sprache…aber es gibt keine Magie, es gibt nur die Sprache…

und ich habe so mit ihr meine Kämpfe zu durchstehen – denn was einem schriftsteller am schwesrsten fällt ist die sprache – Kostbarkeit maschenabertausendweit…

das Scots brae afore ye – es versetzt mir immer einen Stich ins Herz, diesen unzuverlässigen Muskel – Les enfant du Paradie – Aletty: Ist es schön dieses Schottland?

Belami in Venezia

„Und nun,“ sprach schmeichelnd der geschickte Friseur, indem er dem Hairweaving den letzten Knoten verpaßte und über die glänzend aschblonde Mähne strich, „dürfen Sie sich verlieben!“ Jösta Schutt, der jahrelang unter der Kahlheit seines immer sichtbarer werdenden Kopfes gelitten hatte, erblickte verblüfft im Spiegel der Frisierkabine, wie sehr das Haarteil ihn wieder jugendlich und damit ansehbar machte. Der hinter ihm stehende Haarkünstler entblößte seine ganze Zahnpracht, so als ob er gar keine Lippen besäße. Dieses Lächeln gab dem mageren, fast fleischlosen Gesicht, einen morbiden Ausdruck. Schutt beachtete es kaum, denn er war verwandelt. Diese Friseurskabine war eine Hexenkammer. Ihm war leuchtendes Karmesin in die Wangen geschossen. Mit standesssicherem Lächeln nahm der Friseur den Scheck über dreitausend Euro entgegen, den der Schriftsteller ihm hinreichte. „Aber sehen Sie sich vor, Herr Schutt,“ murmelte er. „Es hat in den letzten Tagen einige Übergriffe drüben im Park auf alleinstehende Herren gegeben!“ Der überwältigte Kunde überhörte den Hinweis und mochte sein Spiegelbild im schimmernden Glas der Salontür kaum wiedererkennen. Jösta Schutt hatte sich entschlossen, die Honorare, die er für seinen letzten Roman und eine daraus entwickelte Fernsehserie über den Niedergang einer Kaufhausbesitzersfamilie erhalten hatte, für eine Revitalisierung zu verwenden. Neben dem Hairweaving leistete er sich einen personal trainer, der ihm zergend und zusetzend dabei half, die Unform seines alternden Leibes in einen Körper zurückzuverwandeln. Als Erfolg war der Verlust von enorm viel Fett um die Leibesmitte und der Gewinn an Muskelmasse um Bizeps und Glutaeus zu verbuchen. Deshalb gönnte sich der Schriftsteller enger sitzende Jeans und taillierte Hemden von Joop. Er fühlte sich attraktiv-frisch und begann sein Spiegelbild in den Schaufensterscheiben wieder zu mögen. Jösta Schutt lenkte seine Schritte einem Eiscafé mit einer rotweißgrün gestreiften Markise zu, auf der in violetter Schrift der Namenszug Venezia prangte. Der Schriftsteller, der sich in den letzten Jahren wegen der Kahlheit seines Schädels und des kleinen Embonpoints lieber am Rande aufgehalten hatte, faßte seine Courage zusammen und setzte sich an einen Einzeltisch in der Mitte eines bunten Treibens. Man hörte hier allerlei balkanische Sprachen, und die Betreiber des Eiscafés warfen italienische Brocken darüber. An der Grenze zum nächsten Geschäft, einem Schnellbäcker, hatte ein Stehgeiger Aufstellung genommen und intonierte den Walzer aus der Lustigen Witwe. Schutt ließ seine Blicke über die Menge schweifen: wenige Familien, die ihren Kindern ein Spaghettieis gönnten, zumeist jeunesse dorée: Hipster mit Salafistenbärten und Veganer, die Mandelmilcheis bestellten. In einer Gruppe von recht grobschlächtigen Halbwüchsigen, einige mit Narben, fast alle die Arme bis zur Achsel tätowiert, fiel Schutt ein junger Mann auf, der urplötzlich seine ganze Aufmerksamkeit anzog. Der Junge schien ihm vollkommen schön. Ein völlig ebenmäßiges Gesicht, vormännlich nahezu noch, aber schon der pubertären Unförmigkeit entwachsen. Ein langer, zum Streicheln einladender aschblonder Schopf hing ihm ins ungewöhnlich blasse Gesicht; mochte der Junge etwas leidend sein? Auch sprach er kaum, aber entblößte dabei eine Reihe vollendeter Zähne, die gewiß gemacht waren, wie man so sagte – angesichts seiner Kumpane mochte man denken, seine eigentlichen wären ihm bei einer Enquete ausgeschlagen worden… Der Junge erinnerte ihn an die klassische Schönheit eines vollendeten Darstellers aus einer Reihe von Filmen, die eine tschechoslowakische Videofirma produzierte – und dessen entblößter Körper und seine erotischen Paroxysmen ihm bei wiederholtem Anschauen fast um den Verstand gebracht hatten. Kein Wunder, trug doch die Firma den Namen eines bestrickenden Maupassant-Helden. Jetzt lächelte der Junge herüber, mit diesen perfekten Zähnen und mit grünblauen Augen. Man darf nicht so lächeln, raunte Schutt ganz leise, so daß ihn nicht mal die Leute am Nachbartisch vernahmen. Der Junge hielt dem starrend-verzaubertem Blick Schutts stand. Ja, er erweiterte sein Lächeln durch einen Augenaufschlag, der signalisierte, er habe verstanden. Dann zog er, wie Schutt mit Aufregung vermerkte, die Brauen hoch, erhob sich, verhandelte mit seinen Freunden, sie mögen für ihn bezahlen und ging demonstrativ langsam an Schutts Tisch vorbei, so daß der eine Woge vom süßlichen Kouros in seiner Nase verspürte. Am Bordstein blieb der höchstens neunzehnjährige Junge stehen und sah sich auffordernd nach Schutt um…der beschloß, ihm zu folgen. Vorbei an den Taxiständen, wo der unverschämte Chauffeur, der ihn vorhin in betrügerischer Absicht auf Umwegen zum Salon gefahren hatte, an seinem Wagen lehnte und grinste, seine Kappe in der einen Hand und eine Kippe im Munde. Was sollte sich der verwandelte Schutt jetzt noch wegen des hohen Fahrpreises ärgern, der Junge, der vor ihm den Zebrastreifen zum Park hin überquerte, war jetzt wichtiger. Wie sich die Globen seines Gesäßes in der engen Hose sacht gegeneinander bewegten und wie ein schmaler Streifen weißer Rückenhaut zwischen T-Shirt und Gürtel sichtbar wurde… Dieser Schwung Nacken und Rücken und dann das Profil, wenn der Junge den Kopf umwandte, um sich zu versichern, daß Schutt ihm folgte. Gleitende Bewegung und nachsteigende Sehnsucht wurden eins. Wo der Junge war, war auch Schutts Blick. Das endete in einem Birkenwäldchen, das jetzt im Spätsommer mit üppig rosafarbenem Heidegesträuch prangte. An den Wacholderzypressen glänzten die herben Beeren und die ersten vergilbten Blätter trudelten schon durch feine Spinnweben zu Boden. Eine übersatte Wärme hatte sich auf den Abend gesenkt. Der Junge saß auf einer Bank, den einen Arm auf der Lehne ausgestreckt. Sein Blick ging ins Weite der leeren Parkanlage. In der horizontlosen Ferne eine Peitschenleuchte über einem roten Kiesweg, an der die Reste einer vandalisierten Überwachungskamera im warmen Wind baumelten. Jösta Schutt ließ sich – und sein Herz zersprang fast – neben dem Jungen auf der Bank nieder. Würde seine Verwandlung bestehen? Sein Blick war der eines Diätpatienten, dem Delikatessen strengstens verboten waren und der nun eine Schale leuchtend roter, gezuckerter und mit Rahm überschwemmten Erdbeeren vor sich erblickte. Schutt beugte sich vor, um den jungen Mann, der mit halbgeöffnetem Mund, erwartungsvoll wie es ihm schien, neben ihm saß, zu berühren. Für einen Moment blickte er in dessen grüne Augen und meinte, sich selbst, wie er einmal in diesem Alter gewesen war, zu erspähen. Doch noch bevor sich sein Mund mit dem des Jungen verband, packten den Benommenen zwei harte Hände an den Schultern, drängten ihn beiseite und warfen ihn von der Bank in den Staub. Die Freundesclique des jungen Mannes tauchte unvermittelt hinter den aufgeschossenen Wacholderbüschen auf, umringte und trat Schutt, hob ihn an, stieß ihn zurück und Faustschläge prasselten auf sein Gesicht. Grob packte ihm einer ins Haar und Schhutt begriff, was er dort in der Hand hielt; er zog und schüttelte und riß so schmerzhaft das verwebte Haarteil vom Kopf, daß Schutt meinte, ihm würde ein Dornenkranz in die Haut gedrückt. Einige Fäden Bluts rannen ihm bis in den Hemdkragen. Ein bösartiges Lachen gluckerte um den vor der Bank kauernden Schutt. Der strahlende junge Mann hielt die Brieftasche des Verprügelten als Trophäe hoch über seinen Kopf mit einer kraftvoll, jungen, hitzigen Bewegung. Noch einmal lachten alle auf und riefen einander in einer Sprache, die Schutt nicht kannte, Ermunterungen oder Schimpfwörter zu und rannten davon. Am nächsten Tage las eine moderat empörte Öffentlichkeit in Boulevardblättern von einem gewalttätigen Übergriff, wie es schon so viele in diesem Park gegeben hatte, der diesmal den erst kurz zuvor mit viel kosmetischem Aufwand verjüngten Schriftsteller zurückließ als zerschlagenen, verdreckten und alten Mann.

Paranoia in ORWO-Color die Verschwörungstheoretikerin Vera Lengsfeld und ihre schäumende Wut

Vera Lengsfeld geifert und keift alle paar Tage auf „The European“ herum – es geht ihr längst nicht mehr um Wahrheit – sie ist eine Fanaterikerin des Hasses und der Dummheit wie man auch an diesem Beitrag über die „Corona-Politik“ erkennen kann.
Vor allem hat sie sich festbegissen in ihrem allumfassenden Haß auf Angela Merkel – das ist natürlich persönlich: eine private Kaputtheit und Idiosynkrasie wird so zum Brechmittel der Politik.
In meinem Buch „Panoptikum des Grauens“ habe ich ein Porträt Lengsfeld gewagt – und finde, auch ein Jahr nach seinem Erscheinen, alles bestätigt…
Darüber hinaus repräsentiert Lengsfeld auch den „Destruktiven Charakter“ (nach Benjamin) jener AfD-Apologeten, die „ nur noch afd-seufzend“ in den braunen Pfühl sinken und durch ihre Ihnoranz und ihren unbändigen Haß, die Demokratie in den Orkus stürzen wollen.

Zu Sigmund Freud kam am Beginn seiner Laufbahn einmal ein Patient, der nicht aufhören konnte von den abenteuerlichsten Intrigen, Rankünen und Verschwörungen zu erzählen, die angeblich gegen ihn ins Werk gesetzt wurden. Stundenlang ließ er sich höchst agitiert darüber aus, bis Freud der Kragen platzte und den Jammernden anfuhr: „S´ans stad, Sie san ja verrückt!“In einer anderen Psychoanalyse-Anekdote mit Freud verspätet sich ein schwerer Paranoiker. Der Psychiater bemerkte trocken: „Sie kommen zu spät! Ihr Verfolgungswahn war heute schon vor Ihnen da.“

…and now to something completely different:

Der Filmregisseur Alfred Hitchcock war unübertroffen im Erzeugen von Angst, Alptraum und Aggression. Seine Meisterschaft in der Manipulation der Gefühle der Zuschauer ist auch noch heute, vierzig Jahre nach seinem Tod, unbestritten. Hitchcocks Themen waren die Themen des 20. Jahrhunderts schlechthin: Verlust des Ichs, quälende Schuld und das diffuse oder sehr berechtigte Gefühl ständiger Bedrohung und Unsicherheit.
1955 produzierte Hitchcock auch eine Fernsehserie. Eine einstündige Episode trug den Titel „Revenge“ („Rache“ – auf das Rachemotiv kommen wir noch zurück), sie erzählte von Angst und Bedrohung, die zu Paranoia werden und ins Desaster führen. Eine junge Frau kommt aus dem Krankenhaus, wohin man sie nach einem Nervenzusammenbruch eingeliefert hatte. Einige Tage später findet sie ihr Ehemann, als er von der Arbeit nach Hause zurückkehrt, bewußtlos vor. Sie behauptet, jemand sei in die Wohnung eingedrungen und habe sie überfallen. Ihr behandelnder Psychiater warnt vor einem Rückfall in die Nervenkrise und rät zu einer Reise, der Ortwechsel würde helfen. Also fährt das Ehepaar mit dem Auto in Urlaub. Plötzlich entdeckt die junge Frau auf der Straße einen Passanten und schreit völlig aufgelöst: „Das ist er, das ist der Kerl!“ Kurzerhand nimmt ihr Mann die Verfolgung auf bis zum Hotelzimmer des Beschuldigten und erschlägt ihn dort, dann kehrt er in seinen Wagen zurück und beruhigt seine Frau, daß jetzt alles in Ordnung sei.
Die Eheleutesetzen ihre Reise fort bis auf einmal die Frau erneut einen Fußgänger erspäht und hysterisch losschreit: „Das ist er…das ist der Mann!“. Entsetzt begreift der Ehemann, was er getan hat – von Ferne hallen bereits die Sirenen der anrückenden Polizei. Vordergründig scheint es, als wolle Hitchcock bloß mit schwarzem Humor eine bitterböse Geschichte erzählen. Wenn man nur auf das Ende schaut, stimmt das auch. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß die Frau bereits zu Beginn psychisch affiziert war. Womöglich ist die Geschichte vom Überfall nur ein Produkt ihrer Phantasie. Doch sie ist so überzeugend, daß sie ihren Mann und sogar den Psychiater darin einspinnen kann. Zu einer romantischeren Zeit nannte man diesen Zustand „folie à deux“. Heute aber fällt das Urteil der Psychiatrie zurecht härter aus: es handelt sich um„induziertes Irresein“. Sind mehr als zwei Personen beteiligt, spricht man von „Massenhysterie“.
Das vordringliche Charakteristikum von folie à deux, induziertem Irresein und Massenhysterie ist der Verfolgungswahn und ausgerechnet die Neuen Medien, die den Zugriff auf Information eigentlich so leicht machen, dienen dazu, massenhaft paranoiden Irrsinn zu verbreiten. Der paranoide Aufregungspegel wird permanent angeheizt und um immer neue Schraubendrehungen gesteigert.

Turn of the Screw

Eine, die sich auf solcherlei Schraubendrehungen, aufs an- und einheizen ausgezeichnet versteht, ist die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld. Ein tragischer Fall, denn sie betreibt heute genau das mit Inbrunst, was einmalder einstige Staatssicherheitsdienst perfekt beherrschte: Angst erzeugen, falsche Verdächtigungen verbreiten, Gegner in Mißkredit bringen und quasi die ganze Welt als Feind betrachten.Einst kleinbürgerliche Regungen eines noch kleinlicheren Staates, heute offenbar der desolate Geisteszustand ganzer Bevölkerungsgruppen.
In der DDR gab es kein Laissez-faire, keine Großzügigkeit, keine Nonchalance, wie denn ja Kleinbürger auch nicht locker lassen können, immer auf verbissene Weise angespannt sind, weil sie fürchten, sie könnten übers Ohr gehauen werden. Beim Erbsenzählen denken sie nicht an Aschenputtel, sondern ans infantil-verdruckste Aufrechnen kleiner Kinder, die aufs Gramm genau die gleiche Anzahl an Schokoladenstückchen haben wollen wie die anderen. Dazu kommt das haarspalterisch-ewige Mißtrauen gegenüber gebildeteren oder psychisch angstfreieren Menschen. Mißgünstige soziale Kontrolle war in der DDR das Instrument, das der allgegenwärtigen Stasi viel Arbeit abnahm. Ein Staat dessen krakenhafter Großer Bruder sogar metikulös mißliebigen Bürgern die getragene Unterwäsche entwendete und in Einweckgläsern luftdicht aufbewahrte, um Geruchsproben für den Einsatz von Polizeihunden parat zu haben.
Es ist ebenso traurig wie grotesk: der Überwachungsstaat DDR, der zum Überwachungsstaat wurde, weil die Herrschenden nichts und niemandem trauten und zu Verwaltern des eigenen Verfolgungswahnes wurden, hat auf selbstmörderische Weise noch post mortem Erfolg, da er seine Bürger und die einstigen Dissidenten, die er auf Schritt und Tritt überwachte, mit eben jener allumfassenden Paranoia infizierte. Die Stasi ist noch immer erfolgreich, denn bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern ist das Mißtrauen so groß, daß es sie bis an ihr Lebensende verfolgt und nicht mehr losläßt; deshalb kommen sie nicht in der freiheitlichen Demokratie an. Verfolgungswahn gleichsam als zweite Natur, was sage ich – als erste, als grundlegendes Lebensgefühl. Nur so läßt sich erklären, daß Vera Lengsfeld im Frühjahr 2018 den zugegeben nicht gerade lebendigen Zustand der BRD mit der Endphase der zerbröselnden DDR verglich. Selbst die sonst allüberall Sozialisten witternde Neue Zürcher Zeitung hielt das für abgedreht.
Dem Reinen mag alles rein sein – ist analog dazu dem gelernten DDR-Bürger, dem die emotionale und geistige Geschlossenheit des Systems von Staats wegen alles bedeuten mußte und dem sogar der Blick über den Untertassentellerrand das Selbstgefühl verunsicherte, „alles DDR“? Die Hymne von der Partei als Institution, die immer recht hat, muß natürlich einen halbwegs denkenden Menschen, ach, schon einen, der nur ein Viertel denkt, beunruhigen – und diese Beunruhigung kratzt auf der Haut wie die Dederonkunstfaser aus dem Textilkombinat Cottbus und verursacht Dauerausschlag. Aber bei Vera Lengsfeld hat die DDR-Sozialisation mehr als nur seelische Ekzeme hinterlassen.
Sozialistische Tristesse
Lengsfelds Eltern – der Vater war Major bei der Stasi und die Mutter Lehrerin– konnten gar nichts anderes als vorbildliche DDR-Bürger sein. Überwachung, Beobachtung, Kontrolle gehörten zur Grundausstattung ihrer Berufe. Ihre Tochter beschritt in ihrer Jugend einen musterhaften sozialistischen Lebensweg: sie besuchte in Berlin eine Spezialschule für Russisch und studierte zunächst „Geschichte der Arbeiterbewegung“ an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Erste Unstimmigkeiten mit Partei und Staat begannen 1975. Ab 1980 engagierte sich Lengsfeld in verschiedenen Oppositionsgruppen. Das war auch das Jahr, in dem sie ihren zweiten Mann, Knud Wollenberger, heiratete. Wollenberger. Der Lyriker Wollenberger, war von Geburt Däne, was ihm als geschätztem Autor das seltene Privileg der Reisefreiheit einbrachte. Bereits mit 20 Jahren wurde er inoffizieller Mitarbeiter der Stasi und spionierte dann seine eigene Frau während der gesamten Ehe bis zum Ende der DDR aus, die inzwischen als Gründerin der „Kirche von Unten“ zu den auch im Westen bekannteren Bürgerechtlern gehörte. Vera Lengsfeld entdeckte erst 1990 bei der Durchsicht ihrer Stasiakten, daß Wollenberger, mit dem sie zehn Jahre zusammengelebt und zwei Kinder hatte, von der Stasi auf sie angesetzt war. Sie ließ sich umgehend von ihm scheiden, verzieh ihm aber zehn Jahre später kurz von seinem Tod. Ihr gerade mal sechzehnjähriger Sohn Philippwurde 1988 von seinem Gymnasium in Ost-Berlin relegiert (Ossietzky-Affäre) nachdem er Militärparaden in der DDR kritisiert hatte. Heute ist er Mitglied der CDU und macht sich als Klimaproblemleugner einen Namen.
Daß die von der Stasi beschädigten Lebenswege und die verhinderten Lebenschancen bei Mutter und Sohn– Lengsfeld konnte ihre wissenschaftliche Karriere nicht fortsetzen und wurde aus der SED ausgeschlossen, was eine gesellschaftliche Ächtung bedeutete–tiefe psychische Verletzungen verursachten, ist unbezweifelbar. Die Überwachung und Spitzelei bis ins Intimste, führt zum schmerzhaften Verlust von Ver- und Zutrauen. Der Zusammenbruch von Verläßlichkeit und Nähe bedeutet zwangsläufig ein andauernd bedrohliches Gefühl von Ausgeliefertsein und Kontrollverlust: beides erscheint dann nur noch beherrschbar durch Übervigilanz und ein bis zur Paranoia gesteigertes Mißtrauen. Auf bittere Weise wird hier das Private politisch und der Wunsch nach Vergeltung zumindest nachvollziehbar.
Daß solche Menschen in ihren Lebenshoffnungen, auch in ihrem Lebensmut und ihren Urwünschen nach Vertrauen und Gemeinschaft zutiefst verletzt und verstört sind und Unruhe und Ruhelosigkeit sie belasten und zugleich auch antreiben, ist eine Binsenweisheit. So erklärt sich auch der zügellose politische Parforceritt Lengsfelds nach dem Ende der DDR. Noch von der Friedensbewegung der späten 80er inspiriert, trat sie erst den Grünen bei und wurde in den Bundestag gewählt. Da sie aber 1996 eine Koalition aus SPD, PDS und Grünen befürchtete, wechselte sie zur CDU.
Ein Parforceritt durch Parteien
Mit dem Parteiausschluß des CDU-Rechtsaußen Martin Hohmann, dessen Ansichten und Verhalten Lengsfeld unter der Camouflage „Meinungsfreiheit“ rechtfertigte, begann 2003 ihr bizarres Abgleiten in die rechten Untiefen. Martin Hohmann agitierte mit einer Rede im Bundestag und ähnlichen als „antisemitisch“ bezeichneten Reden und Aussagen heftig gegen den Bau des Holocaust-Denkmals in Berlin. Seine inkriminierte Bundestagsredegipfelte in dem Satz, ein Holocaustmahnmal wäre ein „monumentaler Ausdruck der Unfähigkeit uns selbst zu verzeihen!“ Recht eigentlich toppte der Alfred-Dregger-Protegé Hohmann die von Martin Walser 1998 in seiner zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels geprägte Metapher von der „Moralkeule Ausschwitz“, die inzwischen ein Topos der Neuen Rechten geworden ist. – Hohmann tendierte nach seinem Parteiausschluß immer offener zu den sich damals formierenden Neuen Rechten und ist nach weiteren antisemitischen Ausfällen, der ostentativen Ablehnung des Antidiskriminierungsgesetzes, reaktionärem Geraune über Sittenverfall durch Homosexualität und Abtreibung und einem rassistischem Facebook-Post – „Meine Nächsten sind nicht die jungen Männer aus Afrika“ – inzwischen folgerichtig bei der AfD angekommen.
2003 bezeichnete Vera Lengsfeld den Parteiausschluß Hohmanns und die Diskussionen um sein Verhalten ausgerechnet in der neurechten Jungen Freiheit als „inszenierte Treibjagd“. Auch wenn sie, wie sie damals noch konzedierte, seine Äußerungen als „unpassend“ empfand, empörte sie sich über die Beschneidung der Meinungsfreiheit. Zur Bundestagswahl Im Jahr 2009 überschritt sie selbst eine Grenze des politischen Benimms, als sie auf einem Plakat mit Großaufnahmen ihres eigenen und des Dekolletees von Angela Merkel in Abendrobe bei den Bayreuther Festspielen warb, versehen mit dem Slogan: „Wir haben mehr zu bieten.“ Lengsfeld erzielte ihr Direktmandat nicht, aber war über die Kritik am Plakat – „dämliche Selbstverclownung!“ – zumindest vergrätzt, zumal die obendrein auch von den Frauen in der CDU kam.2
Wohlgemerkt – niemand hat Martin Hohmann seine verschwiemelt bis offenen antisemitischen Äußerungen verboten und ihm damit seine wenn auch schäbige Meinung beschnitten und keine/r hat Lengsfeld zum Abhängen ihrer Plakate gedrängt. Natürlich besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen kaum verklausuliertem Antisemitismus und einer mißglückten Plakataktion – aber Lengsfelds Verhalten deutet an, daß hier Maßstäbe verrutschen. Aus einem jovial-derben „habt Euch nicht so“ wird im Laufe der Jahre ein erbitterter Kampf gegen die „political correctness.“
Political correctness – ein Kampfbegriff der Neuen Rechten
Die „politische Korrektheit“ ist tatsächlich ein Kampfbegriff der Neuen Rechten, die die Felle ihrer Verbalaggression davon schwimmen sah. Das Überdenken und Vermeiden von rassistischen oder sexistischen Beleidigungen und Kränkungen beraubt ja die Vertreter von Ungleichheit eines großen Teils ihrer Kampfmittel. Also schlugen jene zurück und schwadronierten von Zensur und Einschränkung der Meinungsfreiheit. Die Kritik der Rechten war keineswegs sprachwissenschaftlich fundiert und schon gar nicht xx gemeint. Der Politologe Samuel Salzborn schreibt dazu in seinem Buch „Angriff der Antidemokraten“: beim Kampfbegriff der Political Correctness handele es sich um ein „ausschließlich instrumentelles Verständnis von Meinungsfreiheit […]bei dem lediglich antidemokratische und antipluralistische Positionen wieder salonfähig gemacht werden sollen. “Dabei werde ignoriert, „[…] daß es Kern der Demokratie ist, die politischen und rechtlichen Grenzen des Sagbaren zu definieren, um ihren eigenen Bestand zu garantieren.“3
Vera Lengsfeld wütet mit heiligem Zorn auf ihrem Blog4 gegen alle Erscheinungsformen der Political Correctness, vor allem aber gegen Personen, die sie als deren Propagandisten identifiziert – und sie gibt Gastautoren die Möglichkeit sich in ihrem Sinne zu äußern. Da wird Koppheister durcheinander wie mit Sturmgeschützen auf Claudia Roth geschossen, auf die Grünen, gegen die angeblich links-liberale „Mainstream Presse“ oder längst klapprige Schreckgespenster wie den „Kulturmarxismus“!
Lengsfeld sieht also durch ihre traurige Lebenserfahrung geprägt allüberall Verbote, Hemmnisse und Überwachung und im Grunde immer noch das Prinzip Stasi dräuen. Ihre Titelei für einen übernommenen Beitrag eines rechten Blogs macht deutlich, von welchen Nachtgespenstern sie gejagt wird: „Auch DIE ZEIT fördert Stasi-Methoden im politisch korrekten Kampf gegen Rechts.“ Ziel dieses Angriffs war Anetta Kahane von der Antonio-Amadeu-Stiftung.5
Leider steht Lengsfeld trotz ihrer Erfahrung wohl stellvertretend für viele einstige DDR-Bürger, die nicht erkennen können oder wollen, daß der Kern der Demokratie der humanistische, rationale mithin aufgeklärte Widerspruch ist und nicht bloß das Fußaufstampfen des Vorurteils. Ja, mehr noch: offenbar sitzt den DDR-Geschädigten die stalinistische Dampframme der Gedankenkontrolle noch so in den Knochen, daß sie im bitteren Wortsinne ihr „Heil“ bei den Neofaschisten suchen.
Die spezielle DDR-Romantik des Nationalen
Tag für Tag meint Lengsfeld auf ihrem Blog und anderswo atemlos und getrieben die „kulturmarxistische“ Durchdringung aller Lebensbereiche aufdecken zu müssen und erweist sich dabei auch als das, was Alexander Gauland, eine Nationalromantikerin nennen würde. Während Vera Lengsfeld, wie die gesamte DDR-Bevölkerung der nahezu perfekten Kontrolle durch den Stasi ausgeliefert war, gab es keine kulturelle Liberalität, geschweige denn kosmopolitische Ansätze im Miteinander, eine Offenheit für das Fremde und Neue. Die bereits erwähnte kleinbürgerliche Verdruckstheit, die spießige Muffigkeit, die intellektuelle und menschliche Beschränktheit, die solchen Repräsentanten wie Walter Ulbricht, Erich Honecker und noch Egon Krenz aus den Bügelfalten dünstete, führte zur national-kulturellen Mittelschichtsbeduseltheit, zu einem Bildungs-Kleinbürgertum.
Die Kleingeistigkeit des Arbeiter- und Bauernstaates hatte in den 50ern selbst den herzkranken Bert Brecht zum Rückzug in die schwiemelige Innerlichkeit geführt, von wo er lyrische Ergebenheitsadressen an den Staat verfaßte oder sie brachte dann in den letzten zwei Jahrzehnten der stalinistischen Senilität solch traurige Figuren wie den Schriftsteller Sascha Anderson hervor, der zwischen gleisnerisch vorgetragener Dissidenz- und seiner Stasi-Informantenrolle changierte und chargierte.
Unverfänglich schienen im Land der Leisetreterei allein die kulturellen Klassiker als Nationalerbe. Der Aufbau-Verlag brachte –auch weil sie inzwischen rechtefrei waren –von Anzengruber über Heine, Goethe und Schiller bis Wieland – in seiner Reihe „Bibliothek Deutscher Klassiker“ 150 Bände heraus und gemeindete damit die deutsche Klassik und Romantik für den Sozialismus ein, dessen eigene Klassiker nur pflichtgemäß erworben wurden und auf den Regalen verschimmelten. Mit einer Auflage von sieben Millionen war die „Bibliothek“ durchaus lukrativ. Die äußerst sorgfältig edierten Bücher, verkauften sich preisgünstig auch im Westen. Aber die Leinenbände hatten mit ihrer schlichten Gestaltung und matten Farbigkeit dennoch etwas Fadenscheiniges. Hier waren die abgeschlossenen Epochen der Klassik und Romantik gleichsam sozialistisch erschlossen, konserviert, kanonisiert und zu vergangener Größe geronnen wie nicht mehr frische Milch.
Da der DDR ökonomische Fortune und kulturelle Avantgarde fehlten – vom Politischen ganz zu schweigen und sie in der Wissenschaft sich mit Manfred von Ardenne zufrieden geben mußte –, deshalb auch das dauernde Beschwören vom „Weltniveau“, konnte man immerhin mit solchen Verlagsprojekten auf die gloriose Vergangenheit der zu spät gekommenen Dichter- und Denkernation verweisen. So mag man sich die Affinität auch Vera Lengsfelds, die nach dem jähen Ende ihrer wissenschaftlichen Laufbahn im Verlagswesen tätig war, für die Nationalschwärmereien der nachnapoleonischen Zeit erklären.
Nationale Schwärmereien
Im Mai 2018 hält Lengsfeld eine programmatische Rede auf dem wiederbelebten Hambacher Fest. Dabei rekurriert sie weniger auf die Freiheitsbestrebungen des Jahres 1832, sondern auf die nationale Tümelei bis Trunkenheit in der damaligen Kleinstaaterei. Sie zitiert eine Rede von Jacob Friedrich Siebenpfeiffer, der vor 190 Jahren begann, das Gift des deutschen Nationalismus auszusäen. Er beklagte damals:
„Die Regungen der Vaterlandsliebe sind uns unbekannt, die Erforschung dessen, was dem Vaterlande Noth thut, ist Hochverrat, selbst der leiseste Wunsch, nur erst wieder ein Vaterland, eine frei-menschliche Heimat zu erstreben, ist Verbrechen. […] aber knechtisch beugen wir den Nacken unter das Joch der eigenen Dränger; wenn der Despotismus auszieht zu fremder Unterdrückung, bieten wir noch Arm und unsere Habe; die eigene Reformbill entsinkt unseren ohnmächtigen Händen…“
Und die Brandrednerin Lengsfeld setzt hinzu: „Ein paar kleine Änderungen nur und wir haben den aktuellen Zustand Deutschlands.“Lengsfeld liebt offenbar hinkende Vergleiche – so wie den bereits erwähnten von der angeblichen Ähnlichkeit zwischen der aktuellen BRD und der untergehenden DDR. Bei all ihrer Abwehr des Stasistaates, hat sie aber dessen Tümelei von Volk und Vaterland, dessen bildungshuberische und politische Klassik-und Romantikrezeption ohne Nachdenken, schlicht übernommen. Der biedermeierliche Minderwertigkeitskomplex der kleinstaaterischen Deutschen in einem nationalistischen Konkurrenzeuropa führte ja – das kann heute keiner mehr bestreiten, es sei denn er/sie hätten genau das wieder im Sinne – zur besinnungslosen Hingabe an die Dezivilisierung als „Sendung des Schicksals“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.1841, fast ein Jahrzehnt nach dem Hambacher Fest, dichtete Heinrich Hoffmann, solchen nationalistischen Fieberträumen frenetisch erlegen, das Urgift des spätromantischen Deutschtums: „Deutschland, Deutschland über Alles!“
Wer mit solch patriotischem Seelengewaber aber ins 21.Jahrhundert ziehen will, muß sich ernsthaft fragen lassen, ob er/sie absichtlich blind und taub oder schlicht dumm ist. Lengsfeld jedenfalls ist längst nicht im 21.Jahrhundert angekommen – wie viele andere, die sich vor den gewaltigen politischen, kulturellen, sozialen und ökologischen Aufgaben der Zukunft fürchten, die nicht mehr lokal, regional oder national zu lösen sind, sondern nur noch in globaler Kooperation. Lengsfeld ist in der sonst von ihr bekämpften DDR steckengeblieben, in deren Nationalromantik und sie wird irregeleitet von ihrer verbiesterten Abwehr des Internationalismus – den sie natürlich nur als Feindbild des Sozialistischen Internationalismus wahrnimmt.
Erklärung 2018
Wie anders ließe sich sonst die von ihr initiierte „Gemeinsame Erklärung 2018“ erklären?! Oder ist es schlichte Dummheit und Panik, die Lengsfeld und Kumpane antreibt bis zur Massenhysterie. Denn ist das romantisierte Deutschlandbild nicht längst ein fauliger Vorwand für die Rückkehr nationalistischer Arroganz und autoritärer Alpträume?
„Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, daß die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“
Diese zwei dürren Sätze enthalten soviel Dummes und jene gefährliche Paranoia, von der zu Beginn die Rede war, daß sie, einmal so unbedacht in die Welt hinausposaunt, tatsächlich eine „folie á tous“, auslösten, jene Massenhysterie, die aberwitzigen Phantasien, hinter jedem Busch lauere ein arabischer Vergewaltiger, ein „Messermann“ aus Afrika oder es kröchen Asylanten und Flüchtlinge hervor, um Hartzern oder Rentnern die Sozialhilfe wegzufressen oder die Wohnungen vor der Nase wegzuschnappen.
Mit dieser unterkomplexen Angst, die sich weigert, die weltweiten Flüchtlingsbewegungen, die Erosion der westlichen Demokratien und den Siegeszug der Autokraten als Folge des metastasierenden Kapitalismus zu sehen, kann eine Prominente wie Vera Lengsfeld nicht zuletzt aufgrund ihres Opferstatus als Dissidentin eines Unrechtssystems, zahllose andere anstecken. Lengsfeld schreit gleichsam wie die verwirrte junge Frau in jenem Hitchcockfilm „Da ist der Mann…“ – und jeder, der ihr vor Augen kommt und nicht ihr Wahnsystem bedient, wird dieses „Das ist der Mann“ auch in die Ohren geschrien bekommen…
Lengsfeld infizierte sozusagen als weitere Missionare ihrer Botschaft innerhalb von vierzehn Tagen über 50.000 Unterzeichner der Erklärung. Unter ihnen befanden sich: Henryk M. Broder, Eva Herman, Michael Klonovsky, Andreas Lombard, Mathias Matussek, Thilo Sarrazin, Uwe Tellkamp, Alexander Wendt – alles vorsichtig gesagt „Konservative“, ältere Herrschaften mit bekannten Sympathien fürs Autoritäre, vor allem Männer (nur 15 Prozent der Unterzeichner waren Frauen) und zumeist Personen aus dem gediegenen Bildungsbürgertum. Ganz offensichtliche Rechtsradikale wie Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld-Lethen waren auch dabei. Alexander Gauland und der spiritus rector der neuen Rechten, Götz Kubitschek, spendeten zustimmenden Beifall. Mit Genugtuung betrachtete die Hauspostille Kubitscheks, die Sezession, die Veröffentlichung der „Erklärung 2018“ – dort hieß es, sie löse „eine Welle der Bekenntnislust“ aus. Bekenntnis zu was? – Zu eben jenem suizidalen nationalen Taumel, mit dem die Neue Rechte Geiz, Gier, Neid, und ihre breiviksche Sehnsucht nach Gewalt wie jener als Sorge ums Vaterland camoufliert.7
„San‘S stad, Sie san ja verrückt!“
Vera Lengsfeld ist mit der „Erklärung 2018“ endgültig dort angekommen, wohin sie auf ihrem Zickzackkurszusteuerte: bei der AfD, wenngleich sie der Partei (noch) nicht beigetreten ist. Mit ihrem Blog jedoch verbreitet sie die Weltuntergangs-Positionen speziell der AfD und anderer neurechter Organisationen und macht sie salonfähig. Manche ihrer verschwörungstheoretischen „folies“ sind auf den ersten Blick lächerlich bis dumm – so zum Beispiel, wenn sie über ein Verbot der klassischen Musik raunend räsoniert: auch Mao habe schließlich in der Kulturrevolution klassische Musik verboten.8Geradezu grotesk sind Lengsfelds Schimpfkanonaden auf Kanzlerin Merkel, die sie gleichsam als Urheberin allen Übels persönlich verantwortlich macht. Ob sie Merkel als „Mutter des Brexits“ ausguckt oder bereits ihr Totenglöcklein bimmeln hört oder die Kanzlerin als Kapitänin der Titanic imaginiert:
…man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Lengsfeld habe einen endlosen Showdown mit Angela Merkel durchzustehen, so unerbittlich und rachsüchtig, wie in den schlechtesten B-Western. Man muß gar kein Befürworter Merkels sein, wenn man deren Unberührtheit in Sachen Lengsfelds Toben – „Merkel muß weg“ –begrüßt.
Täuschen wir uns aber nicht, wie am Gekeife der jungen Frau im Hitchcockfilm ist an Lengsfelds maßloser Hetze im täglichen Stakkato nichts Komisches, ihr dramatisch-theatralischer Abstieg in das Höhlensystem rechter Infamien – immer noch eine weitere unterirdische dunkle Höhle wird von ihr erkundet –führt letztendlich in die Katakomben kältester Menschenverachtung.
Abgründe der Menschenverachtung
Wenige Tage vor dem Redaktionsschluß dieses Buches veröffentlicht Lengsfeld auf ihrer Seite einen Aufsatz von Karl-Albrecht Schachtschneider, der an der Basis des Grundgesetzes und an den Menschenrechten selbst rüttelt und dessen völkische Gesinnung nicht mißzuverstehen ist. Der ehemalige Staatrechtslehrer, Mitglied im Kuratorium der „Desiderius-Stiftung“ der AfD, Mitbegründer der Kampagne „Ein Prozent für unser Land“, des verschwörungsideologischen Zusammenschlusses „Wissenschaftsmanufaktur“ und Referent auf Veranstaltungen der NPD oder beim „Institut für Staatskunde“, entwickelt in seinem Aufsatz systematisch juristische Wege, zur Aushöhlung der Menschenrechte auf völkischer Basis, die an die schlimmsten Jahre deutscher Geschichte erinnern, in denen per Gesetz ganzen Menschengruppen ihre Rechte abgesprochen und ihre Gleichheit vor dem Gesetz abgeschafft wurden.
Während Schachtschneider auch von seinen Juristenkollegen längst entlarvt worden ist als völkisch-elitär, autoritär und antidemokratisch –finden sich auf seiner eigenen Webpräsenz noch weitere Beiträge im selben Tenor. Aber Lengsfelds Übernahme seiner Ungeheuerlichkeiten macht ihn womöglich zu einem widerständigen, tapferen älteren Herrn, der „um sein Vaterland“ besorgt ist. Eine Fahrkarte auf der auch Gestalten wie Alexander Gauland oder Henryk M. Broder reisen; und nicht gerade im Bummel-, sondern im Hochgeschwindigkeitszug der Menschenverachtung. Schachtschneider hangelt sich von Erörterungen zur Religionsfreiheit und deren Einschränkung, über die Abtreibung, den Abschuß einer Passagiermaschine, die von Terroristen entführt wurde, schließlich zur Verweigerung von gleichen sozialen Zuwendungen für Asylanten oder Flüchtlinge, auf der Basis einer gleisnerisch ausgelegten Kantischen Rechtsphilosophie. Seine Überlegungen gemahnen an die gnadenlose Selbstermächtigung und die Inhumanität der kleineren und großen „Willigen Vollstrecker“ der Nazizeit. Mit Sätzen wie den folgenden entlarvt sich Schachtschneider als ein „Furchtbarer Jurist“ unseligen Angedenkens:
„Die Sogwirkung der Sozialleistungen nach Deutschland ist überaus stark. Angesichts des bislang unzureichenden Grenzschutzes, verfassungs- ja, staatswidrig[…] und der Weigerung der großen Mehrheit der politisches Klasse […] die Invasion in das Land eines dekadenten Volkes zu unterbinden, wird in absehbarer Zeit Deutschland islamisieren. Jeder weiß das und wer es weiß,aber nicht unterbindet, obwohl er die Macht dazu hat, will diese Umwandlung.“
Schließlich gipfelt die tollkühne Themen-Melange Schachtschneiders in einer Aushebelung der Menschrechte mithilfe der Menschenrechte (wen diese Aushebelung als erstes treffen soll, läßt sich nach der Desasterposaune von der „islamischen Invasion“ unschwer erraten):
„Wer wegen übergesetzlichen Notstandes getötet wird, wird nicht in seiner Würde beeinträchtigt, wird nicht zum Objekt degradiert, sondern bleibt Subjekt des Geschehens, nämlich Gesetzgeber des Handelns. […] Die Überhöhung des Lebensschutzes mittels des Würdeprinzips ist ein dogmatischer Fehler.“
Zwar bezieht sich der Autor hier oberflächlich auf das längst nicht ausdiskutierte Recht des Staates ein von Terroristen entführtes Flugzeug abzuschießen – worauf aber seine ungeheuerlichen Argumentationen wirklich hinauslaufen, müßte selbst Vera Lengsfeld klar sein.
Paranoia in ORWO-Color
Nach ihren Lebenserfahrungen sollte Vera Lengsfeld sehr genau wissen, welche Folgen ihr hemmungsloses Zündeln und ihre Hetze haben. Da sie aber wie die Paranoikerin in Hitchcocks Fernsehfilm vermutlich zwanghaft handelt, kann man ihr auch ein zugleich rasend schmerzendesnagendes und völlig diffuses Rachegelüst unterstellen –da wird jeder gebissen! Dieses Rachegelüst ist ja bei vielen Charakteren der Neuen Rechten der alles beherrschende Antrieb. Lengsfeld ist wie viele andere durch die Wühlarbeit der Stasi im Unrechtsstaat lebensgeschichtlich zu kurz gekommen. Aber Trauer, Wut und Zorn wendet sie – ebenso wie so viele andere im Leben zu kurz gekommene Anhänger der Rechten (man denke nur an Björn Höcke, der so verzweifelst seine verloren gegangene Männlichkeit sucht)- in abstoßend-erschreckendem Vernichtungswillen gegen andere, die nicht die Urheber des Leids sind und richtet damit nur noch mehr Leid an. Letztendlich schadet sie mit dem hemmungslosen Ausleben des Rachetriebes, wie die junge Frau im Film, nur sich selbst. Wir erinnern uns, der Originaltitel lautete „Revenge“.
Ohne aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen, gestehe ich, daß ich es angesichts ihrer Aktivitäten und deren politischer Destruktivität, nicht einmal mehr bedauere, daß sie ihr Ansehen als Dissidentin so katastrophal zerstört hat; denn da ist kein Aufbruch, kein Versuch etwas Neues zu schaffen beim Rückgriff auf das alte Gift von Nationalismus und völkischem Vaterland, sondern nur noch morose Menschenverachtung.  Lengsfelds Treiben mutet an wie jene alten Fernsehfilme im ausgewaschenen Farbsystem des DDR-Fernsehens, die uns einen trüben, schlaffen, ausgepowerten Staat und seine ebenso ausgewrungenen und ausgebleichten Bürger zeigten, einen Staat und einen Alltag ohne Glanz, in dem nicht nur die Luft überall so stickig-trist wie in Bitterfeld war, sondern auch die gesellschaftliche Atmosphäre ewig grau und erstickend: Paranoia in ORWO-Color.

Leberwurst

Die Ereignisse in der deutschen Fleischindustrie brachten mir eine alte Geschichte in Erinnerung, die ich Euch nicht vorenthalten möchte….

 

 

Die Glocke der Ladentür klang schärfer als gewöhnlich, denn die Kundin hatte sie heftig aufgestoßen und stürzte fast ins Geschäft hinein, ihr Hut wurde nur noch von einer Nadel gehalten und rutschte von der zerzausten Frisur ins Gesicht. Die hagere Frau fing sich im letzten Moment und umklammerte die Lehne des einfachen alten Küchenstuhles, der vor der Theke stand.
„Um Gottes Willen, Frau Gumpel“, erschrak die Ladenbesitzerin. „Was ist Ihnen denn geschehen?“
Mit der einen Hand griff sich die Kundin an die Brust und zog mit der anderen den Hut aus der Stirn. Sie schnappte nach Luft: „ich muß erst einmal zu Atem kommen…“
„Setzen Sie sich“, die Ladenbesitzerin kam hinter der Theke hervor und half der aufgelösten Frau auf den Stuhl. Die Kundin, die gerade bedient worden war, beobachtete die Szene neugierig.
Frau Gumpel beruhigte sich allmählich und strich die Haare zurück. „Beim Kröpcke,“ stieß sie hervor, “beim Café Kröpcke…auf einmal, ganz plötzlich ein Trupp Kommunisten und einer von den Nazis, mit Fahnen und Transparenten, grölend gehen die aufeinander los. Man konnte sich gar nicht so schnell in Sicherheit bringen.“
„Wieder eine Demonstration?“ fragte die andere Kundin erschrocken.
„Ja, sicher, eine Kundgebung, ich wollte bloß am Rand vorbei, kam gerade aus dem Kaufhof, da gab´s ein Sonderangebot Bettwäsche… und urplötzlich legen die los und prügeln aufeinander ein. Ich sag Ihnen, da sind die Fäuste geflogen, ohne Rücksicht auf Verluste, wie die Berserker!“
Die Ladenbesitzerin stemmte die Hände dahin wo ihre Hüften liegen mußten; ihr weißer Kittel spannte sich wulstig um ihren umfangreichen Körper. „Diese Banditen, verdammich. Kann denn da keiner durchgreifen? Was sind das nur für Zeiten! Haben Sie sich auch nicht verletzt, Frau Gumpel?“
„Gott sei Dank nicht“, hauchte die Frau und betrachtete ihren zerquetschten Hut. „Aber hier, “ sie hielt den Frauen den grauen Filz mit einer halb abgerissenen blauen Seideniris an der Krempe entgegen…“ der ist ganz neu, den hat mein Mann mir zum Geburtstag geschenkt… Hinüber,“ greinte sie und schüttelte betrübt den Kopf, berichtete aber sofort weiter:
„Diese Verbrecher hatten sogar Schlagstöcke dabei und Zaunlatten. Vor meinen Augen haben sie einem auf den Kopf gehauen, daß er blutüberströmt zusammensackte. Ich hab ja noch Glück gehabt, daß ich da heil rausgekommen bin… Nur der Hut…“ jammerte sie.
Die Ladenbesitzerin holte aus einem Regal eine Flasche mit rotem Etikett herunter. „Moment mal“, ließ sie verlauten und verschwand durch einen Perlenvorhang ins Hinterzimmer. Die Schnüre aus Bakelit-Kügelchen schlugen klackernd gegeneinander und noch bevor sie wieder ausgehangen waren, kehrte die Ladenbesitzerin zurück mit einem Schnapsglas in der Hand und schenkte den Schierker Feuerstein ein. „Trinken Sie das mal, Frau Gumpel, das wird Ihnen gut tun auf den Schreck.“
Begehrlich beobachte die andere Kundin wie Frau Gumpel dankbar das angebotene Glas entgegen nahm, den Magenschnaps auf einen Zug hinunterstürzte, dann tief durchatmete und ein zufriedenes Grummeln hören ließ: „Jetzt geht´s mir besser!“ Ein Lächeln huschte ihr durchs Gesicht und mit einem gespielt klagenden Unterton sagte sie:
„Und das alles nur wegen Ihrer Leberwurst, Frau Grams!“
„Unsere Leberwurst?“ ließ die Ladenbesitzerin Grams erstaunt vernehmen.
„Ja, natürlich. Ich bin doch nur gekommen, wegen der Leberwurst. Mein Mann wollte heute Morgen unbedingt Leberwurststullen ins Amt mitnehmen. Aber wir hatten keine Leberwurst mehr zuhaus. Käsebrote hab ich ihm gemacht und darüber hat er ziemlich gemault.
Er liebt Ihre Leberwurst; also hab ich mich eigens auf den Weg gemacht, damit er wenigstens zum Abendbrot welche kriegt. Sie ist ja auch sehr lecker, deswegen lauf ich sogar ein paar Straßen weiter…so kam das dann, daß ich da am Kröpcke rein geraten bin!“
„Oooch“, tönte die Ladenbesitzerin Grams. Ein nicht ganz ernst gemeintes Bedauern für die Kundin und berechtigter Stolz auf ihre Ware schwangen gemeinsam darin.
„Die ist ja auch gut, unsere Landleberwurst. Ich bin froh, daß wir diesen neuen Lieferanten gefunden haben. Bei den Fleischpreisen heutzutage war das nicht so einfach. Aber die Qualität seiner Sachen hat sich schnell rumgesprochen. Auch die Sülze ist hervorragend, die Leute kaufen sie wie nix…“ und sie wies auf eine fast geleerte Schale in einer modernen Kühltheke, „… ist auch nur noch ein Viertelpfündchen da… Für die Wurst“, fuhr sie fort, „haben wir uns ja extra diese Kühltheke angeschafft!“
Die Kundinnen musterten den Neuerwerb in Grams Lebensmittelgeschäft gebührend respektvoll. Auf dem klinisch weißen Unterteil – emailliertes Blech – prangte der Schriftzug Linde-Kühltechnik. Den gläsernen Aufsatz polierte Frau Grams mehrmals am Tag, damit nur ja keine Patschfingerabdrücke zu sehen waren.
„Das war nicht einfach für uns, das zu stemmen in diesen Zeiten. Wäre die Geldreform nicht gekommen, hätten wir uns das überhaupt nicht leisten können. Aber mein Mann wollte das Sortiment erweitern und an frische Ware, Wurst und Käse, kommt man ja jetzt ran, wo das Geld wieder was wert ist…“ sie wischte mit einem strahlend weißen Lappen schon wieder über die Frontscheibe, hinter der ein halber Goudakäselaib prangte, ein Stapel Limburger unter einer Glocke, Griebenschmalz in einer Terrine und auf einer Platte ein Dutzend Frankfurter Würstchen.
„Es ist alles immer so schnell aus. Ich hab leider gar keine Leberwurst mehr. Frau Rehbock hier,“ und endlich wandte sie sich der anderen, bisher schweigenden Kundin zu, “wollte auch Leberwurst einholen. Aber die Leberwurst, die Fleischwurst und die Sülze…reißender Absatz. Ich hatte schon heute Morgen kaum noch was, wie Sie sehen. Ich hätte ja meinen Lieferanten antelephoniert…, “ und sie betonte das Wort, damit die beiden ja mitbekamen, daß sie sich mit dem Aufschwung auch einen Apparat, leisten konnte.
„…aber mein Lieferant hat natürlich noch kein Telephon. Da hab ich ihm vorhin unseren Lehrjungen hingeschickt, unsern Sohn, den Paul. Schönes Stückchen Weg. Der Mann lebt drüben in der Calenberger Neustadt, kommt aber immer sofort, wenn man ihm Bescheid gibt. Sehr zuverlässig. Es kann nicht mehr lange dauern. Wenn Sie sich also noch einen Augenblick gedulden wollen…er kommt bestimmt gleich, “ beteuerte sie.
Die bisher stumme Kundin, Frau Rehbock, blickte auf ihre blecherne Armbanduhr. Eine bessere, die sie vor dem Krieg von ihrem Mann zum Hochzeitstag geschenkt bekommen hatte, war in der Inflation als Tauschobjekt an einen Bauern am Ith draufgegangen.
Die Ladenbesitzerin gab sich einen Ruck, es waren ja Stammkundinnen. „Wissen Sie was“, sie schlüpfte wieder durch den Perlenvorhang ins Hinterzimmer und kam diesmal mit zwei weiteren Schnapsgläschen zurück, „Damit uns die Zeit schneller vergeht und auf den Schrecken von vorhin dürfen wir uns ruhig noch was gönnen!“
Frau Rehbocks Gesicht hellte sich auf, als ihr der Stamper in die Hand gedrückt wurde, auch Frau Gumpel hielt den ihren noch einmal zum Auffüllen hin.
„Aber diesmal, “ betonte die Ladenbesitzerin, „probieren wir ein Likörchen!“ Sie bückte sich und holte unter der Theke eine bauchige Flasche hervor, schüttelte sie leicht und darin wirbelten goldene Funken auf. „Danziger Goldwasser gefällig? Nur für geschätzte Stammkunden!“
Die beiden Kundinnen ließen sich einschenken.
„Prösterchen, meine Damen!“
Genießerisch leerten alle drei ihre Gläser zur Hälfte, spitzten die Schnäuzchen – in der Tat spross auf Frau Rehbocks Oberlippe ein feiner Damenflaum – und genossen wie der edle Likör ihre Kehlen hinabrann.
„Ich glaub, das letzte Mal, daß ich Danziger Goldwasser getrunken habe“, erinnerte sich Frau Gumpel, „… war vor dem Krieg Das muß fünfzehn Jahre her sein. Da haben wir die Eltern meines Mannes besucht, er stammt ja aus Danzig! Mein Gott, das waren noch Zeiten.“
„Unter dem Kaiser, das war wirklich die gute alte Zeit“, Frau Rehbock hatte einen schwärmerischen Unterton in der Stimme. Die anderen nickten beifällig.
„Jaaaa“, schnurrte die Ladenbesitzerin und leerte ihr Glas. „Da ging´s uns noch Gold. Aber dann — mein Mann ist ja gleich eingezogen worden im August ´14…“
„Meiner auch, “ fiel ihr Frau Gumpel ins Wort. „Er kam schnell in französische Gefangenschaft. Da hat er den ganzen Krieg gesessen.“
Die Ladenbesitzerin Grams hatte auch eine soldatische Geschichte in petto: „Mein Mann ist dann verwundet worden; bei Verdun, gleich zu Anfang. Steife Hand, aber das hat ihm wohl das Leben gerettet. Wer weiß, was passiert wäre, wenn er da hätte länger ausharren müssen im Graben an der Front. Und auch wenn er als Invalide zurückkam, er konnte doch wieder ins Geschäft. Allein hätte ich das nicht alles geschafft, den Laden so durchzubringen. Es gab ja kaum Ware damals“.
„Meiner ist gefallen, bei Ypern“, flocht Frau Rehbock gedämpft ein. Die traurige Mitteilung hemmte den Redefluß der Ladenbesitzerin nur kurz. Sie hob gleich wieder an: „Mein Mann hat ja Gott sei Dank eine starke Konstitution,“ sie sagte „Konschtitution“. „Selbst nach dem Krieg, als diese mörderische Grippe wütete, hat er´s gut überstanden. Dann konnte ihm die Inflation nicht mehr viel ausmachen, wenn wir´s auch schwer gehabt haben – jedermann wollte anschreiben lassen, weil ihm ja seine Milliarden, die er morgens in der Lohntüte hatte, abends nichts mehr nutzten. Altpapier! Am schlimmsten aber war es wohl im vergangenen Jahr, im Ruhrkampf, da wurde es wirklich eng…“
Frau Gumpel leerte ihre Neige Danziger Goldwasser, leckte sich die Lippen nach und nickte. „Gut daß mein Mann Beamter ist, den konnten sie nicht entlassen!“
Frau Rehbock schwieg und dachte sich ihr Teil. Sie hatte als Kriegerwitwe ganz allein die schweren Zeiten durchstehen müssen.
„Aber jetzt“, frohlockte die Ladenbesitzerin, „wo der Stresemann am Ruder ist, geht es aufwärts. Sonst hätten wir uns ja auch nicht diese Kühltheke geleistet, “ schon wieder wienerte sie das Glas.
„Da kommt kein Eis rein, wie bei diesen altmodischen Dingern, die läuft mit Strom, “ erklärte sie.
„Ja, alles schön und gut“, empörte sich Frau Gumpel. „Aber was tut der Stresemann gegen diese vielen Verbrechen und den politischen Aufruhr auf der Straße. Ruhe und Ordnung sind doch noch längst nicht wieder hergestellt. Ich hab das ja heute am eigenen Leibe erfahren müssen“, und sie wies auf ihren derangierten Hut.
Jetzt beteiligte sich auch Frau Rehbock am Gespräch. Unruhe lag in ihrer Stimme: „Ja, die Verbrechen. Es ist als wären die Menschen toll geworden! Haben Sie´s heute Morgen in der Zeitung gelesen? Die Polizei will das Wasser in der Leine mit einem Wehr absenken!“
„Und was soll das bringen? “ fragte die Ladenbesitzerin Grams.
Frau Rehbock senkte Stimme und Kopf; flüsternd erklärte sie: „es sind doch schon wieder Knochen in der Leine gefunden worden! Men-schen-Kno-chen!“ und sie betonte jede Silbe einzeln.
„Hm, “ murmelte Frau Gumpel, „in solchen Nachkriegszeiten, sagt mein Mann, verschwinden eine Menge Menschen. Der weiß das ja genau, der kennt die Vermißtenanzeigen. Arbeitet doch bei der Staatsanwaltschaft. Die können sich gar nicht retten vor Fällen. Vor allem ganz junge Leute gehen verschütt, auf Nimmerwiedersehen. In solchen Nachkriegszeiten geraten eben viele aus dem Lot.
Als ich vorhin am Hauptbahnhof vorbeikam, da lungerte wieder so ein Gesindel herum. Abends könnte sich eine Frau da nicht allein hinwagen. Unterm Kaiser wäre das nicht passiert, da hätte man kurzen Prozess gemacht“, sagt mein Mann. „Aber jetzt sind wir ja Republik,“ stieß sie verächtlich hinterdrein.
„Das ist wohl wahr“, stimmte ihr Frau Rehbock zu. „Ich bin froh, daß ich schon während des Krieges aus Klein-Venedig weg bin. Das ist jetzt das verrufenste Viertel.“ Sie senkte die Stimme erneut und flüsterte fast, “ Sie wissen schon, besonders diese Seidenweichen treiben sich da rum und ganz viel junges Volk, Ausreißer und die Söhne von Gefallenen, die auf die schiefe Bahn geraten sind, weil die väterliche harte Hand fehlt…“
„Es sind vielleicht auch ein paar arme Kerle darunter“, auch Frau Gumpel senkte die Stimme ab. „Wer weiß, auf wen die jungen Männer da reingefallen sind, von denen die Polizei die Knochen gefunden hat!“ Sie legte den Zeigefinger auf den Mund. „Pscht, “ machte sie, “ behalten Sie das für sich. Mein Mann muß ja genau diese Akten kopieren. Der hat mir Sachen erzählt…“
Das weckte natürlich gruselig-wohlige Neugier der anderen beiden und sie kamen noch näher. Frau Gumpel nahm das als Aufforderung ungeniert weiter im Flüsterton zu berichten.
„Man hat festgestellt, daß die Knochen alle, durch die Bank, von ganz jungen Menschen stammen und mit Fleischeraxt und Säge zerlegt worden sind. Es muß jedesmal ein richtiges Blutbad gewesen sein. Anschließend hat der Unhold die Reste in die Leine geschmissen. Er muß völlig skrupellos sein…!“
„Ja“, hauchte Frau Rehbock, „ein Ungeheuer! Ich kann ja nicht mal mehr mit meinem Dackel an der Leine spazieren gehen. Man stelle sich nur vor, der findet so einen Knochen…“ sie schüttelte sich. „Dann muß ich dem Hund diesen Knochen womöglich noch aus der Schnauze ziehen und zur Polizei bringen…“, sie zog ein angewidertes Gesicht.
„Aber meine Damen“, die Ladenbesitzerin Grams erhob ihre Stimme, um die Düsternis zu vertreiben, „so geht das aber nicht, Sie machen mir ja schon am hellichten Tage Angst.“ Sie überwand den letzten Rest ihrer Knauserigkeit und zog noch einmal die Flasche Danziger Goldwasser unter der Theke hervor, denn sie brauchte jetzt selbst noch einen Schnaps.
„Dieses Grauen müssen wir jetzt herunterspülen. Und dann kein Wort mehr davon.“ Lächelnd stimmten ihre Kundinnen zu und ließen sich nicht zwei Mal bitten. Sie erhoben ihre Gläser.
„Dann also Prosit“, die Ladenbesitzerin versuchte fröhlich zu klingen, um die finsteren Bilder, die allen durch den Kopf geisterten, zu vertreiben.
Frau Grams kam aber nicht dazu einzuschenken, denn das Türgeläut erscholl, diesmal munter und heiter; die Ladentür wurde mit sanftem Schwung geöffnet.
„Ah, wunderbar, daß Sie endlich da sind, “ rief die Ladenbesitzerin Grams, „wir haben gerade von Ihnen gesprochen…“
Ein freundliches Lächeln übers ganze Gesicht, die Finger der Rechten unter die Schnur eines großen, in Wachspapier eingeschlagenen Paketes geklemmt, stand in der Tür ein kräftiger Mann, nicht sonderlich groß, aber mit breiten Schultern, darauf ein quadratisch-bäurischer Schädel. Sein sympathischer Blick flößte Vertrauen ein. Mit der Linken zog er den Hut vom Kopf und nickte den Damen sacht zu.
„Da ist sie ja unsere Wurst“, Frau Grams lief ihm entgegen und streckte schon beide Hände aus, um das Paket in Empfang zu nehmen, aber der Mann wehrte sie sacht ab und hievte seine Lieferung auf den Tresen.
„Ich mußte, “ sagte er mit sanfter Stimme“, leider einen Umweg machen, deshalb hab ich mich etwas verspätet. Ich hatte schon am Bahnhof was raunen hören, daß beim Café Kröpcke was los sei. Da bin ich dann ein paar Straßen weiter gelaufen, es kamen uns schon eine Menge Leute entgegen, auch Polizei. Und dabei habe ich Ihren Paul aus den Augen verloren, Frau Grams.“
„Der wird doch nicht in die Schlägerei mit den Kommunisten und Nazis geraten sein“, stieß die Ladenbesitzerin besorgt hervor.
„Ich glaube nicht“, beschwichtigte der Lieferant. „Er hat ja auch noch das zweite Päckchen mit dem Wurstebrei. Er wird schon drauf aufpassen. Er ist ein schlauer Junge.“
Der Lieferant zog sein Taschenmesser aus dem enggeschnürten Mantel – Frau Gumpel fand, so zusammengezwängt in seinem Trench hatte er das Aussehen eines Sülzenpresskopps, aber sie sagte es nicht. Sie bekam Appetit und glaubte, sich auch eine dicke Scheibe Sülze gönnen zu können.
„Es ist Paul bestimmt nichts passiert. Wär doch schade, wenn er was abkriegen sollte,“ beruhigte der Mann Frau Grams und schnitt mit eleganter Bewegung, als mache er nie etwas anderes, die Paketschnur gleich an mehreren Stellen entzwei.
„Er hat auch ein so hübsches Gesicht, der Paul“, fuhr der Mann fort und stach in das Wachspapier, um es mit einem langen und geraden Schnitt aufzutrennen. Darunter kamen weitere Päckchen in Wachspapier zum Vorschein, einige länglich, mehrere von Armdicke und Länge – das mochten die Blut- und die Leberwürste sein – und einige kleine Pakete, die noch einmal eigens mit Schnürband umwickelt waren, damit die Gefäße darin ihre Deckel nicht verloren und die verschiedenen Delikatessen nicht herausrutschen konnten.
„Na, Sie haben sich aber ins Zeug gelegt, mein Lieber“, freute sich die Ladenbesitzerin.
„Ja, eine richtige Großlieferung“, sagte der Mann mit einem zufriedenen Lächeln. „Ich hatte Glück, konnte gestern erst wieder ordentlich schlachten und wursten. Es hat ganz herrlich gerochen in der Nachbarschaft als alles in den Kessel wanderte. Schmackhafter Sud…“
„Ach, “ seufzte Frau Rehbock, „früher, vor dem Krieg, bin ich oft zu Verwandten rausgefahren aufs Land, zum Schlachtetag. Da gab´s immer eine gute Brühe von den Würsten. Und wir hatten da auch so einen Spruch, “ sagte sie leutselig und mit einer gewissen Absicht: „so bald dat Swin am Haken hängt, wird erst Mal einer eingeschenkt!“
Frau Grams begriff. Sie war ja noch nicht dazu gekommen, das Goldwasser einzuschenken. Bevor sie aber zur Tat schreiten konnte, läutete die Türglocke wieder und ein Jüngling mit offener Joppe sprang herein. Ein hoch aufgeschossener Sechzehnjähriger, man hätte ihn nicht für ihren Sohn halten können, schlank, blond und mit einem hübschen Gesicht.
„Da bist Du ja, mein Lieber“, rief ihm der Lieferant zu und strahlte ihn an. „Wir haben uns schon richtig angefreundet“, erklärte er der Mutter und strich dem Jungen übers Blondhaar. „Hast Du dich richtig in Sicherheit gebracht? Nächstes Mal weichst du mir nicht von der Seite! Ich paß dann auf Dich auf!“ Jovial und verschmitzt hob er den Zeigefinger, „damit Dir nichts passiert!“
„Na, es war knapp, ich bin um zwei Ecken abgehauen“, sagte der Junge. „Es stürmte auch ein Trupp Schupos an. Da hab ich dann einen Bogen ums Kröpcke geschlagen.“
„Gott sei Dank“, brachte Frau Grams erleichtert hervor. „Junge, ich hab mir schon schwere Sorgen gemacht!
„Müssen Sie nicht, Frau Grams, “ beruhigte sie der Mann, „wenn ich dabei bin, wird der Junge nicht vertrimmt!“ Und er packte seine Pakete auf den Tresen.
Die Ladenbesitzerin entfernte das Wachspapier und legte den Inhalt in ihre neue Kühltheke. Mit jedem Stück stieß sie ein freudiges Oh und Ah aus: „das ist die Sülze“, und die Gallertmasse mit großen rosafarbenen Fleischstücken wurde auf eine Porzellanplatte gelegt und mit einem Sträußchen Petersilie verziert. „Und das ist Ihre Leberwurst, meine Damen“, und sie hielt ihnen einen prallen und fettglänzenden Darm entgegen.
„Und hier, Mama, hab ich noch einen ordentlichen Pott Wurstebrei“, Paul öffnete auch ein Päckchen und reichte seiner Mutter eine große Schale mit der graurosa Fleischmasse.
„Nach westfälischem Rezept“, betonte der Mann nicht ohne Stolz.
Die Ladenbesitzerin Grams schnüffelte genüßlich an der Schale, bevor sie sie zu den anderen Wurstwaren in die neue gläserne Theke legte. „Wunderbar“, schwärmte sie und wandte sich an ihre Kundinnen.
„Wurstebrei…mit Gürkchen und Bratkartoffeln“, schmachtete Frau Rehbock mit großen Augen. Ihr lief das Wasser im Munde zusammen, sie liebte Hausmannskost. „Also gut, “ entschloß sie sich, „geben Sie mir mal ein halbes Pfund, Frau Grams. Mehr brauch ich nicht, ich bin ja allein. Aber jetzt muß ich nicht mehr lange nachdenken, was ich morgen koche. Für sich allein macht man´s ja doch eher einfach!“
„Aber gut“, nickte die Ladenbesitzerin und wog das halbe Pfund ab. „Und vergessen sie nicht Ihre Leberwurst, Frau Rehbock, dafür sind Sie doch eigens gekommen.“ Sie ergriff eine der neuen Leberwürste, legte sie aufs Schneidebrett und maß mit der scharfen Messerklinge ein nur kurzes Stück ab. „Oder darf´s ein bißchen mehr sein, Frau Rehbock?“
„Na“, säuselte die Kundin, “dann wollen wir uns mal was gönnen. Ein Bißchen mehr geht noch. Ja, genau so. Und dann noch eine fingerdicke Scheibe Sülze, und das ist dann alles!“
Frau Grams wickelte Leberwurst und Sülze in Butterbrotspapier und zusammen mit dem Wurstebrei in einen blaßroten Bogen. Dann reichte sie das delikate Päckchen ihrer Kundin.
„Sehen Sie, “ wandte sie sich ihrem Lieferanten zu, „Ihre Wurst ist bei meiner Kundschaft sehr beliebt!“
„Besonders diese Leberwurst“, bestätigte Frau Gumpel. „Also, wie Sie die machen, so würzig. Das ist einmalig, sagt auch mein Mann. Auf Bauernstuten ist sie wirklich lecker! Haben Sie da einen besonderen Kniff oder eine raffinierte Zutat?“
Der Mann lächelte bescheiden und bedankte sich leise. „Leider kann ich das Rezept nicht verraten, das muß schon mein Geheimnis bleiben. Aber ich kann sagen, daß ich nur frischestes Fleisch verwende, das liegt nicht lange bei mir unverwertet rum“, er legte den Kopf versonnen zur Seite.
„Und“, hob er schelmisch die Stimme: „seit ich eine gebrauchte Wurstmaschine kaufen konnte, kann ich jetzt auch mehr machen. Da geht die Masse ruckzuck in den Darm; die Maschine hat einen Fußschalter: Drauftreten und zack, sind auf einen Schlag dreißig Zentimeter Pelle voll.“ Dem Manne leuchteten die Augen.
„Das würd ich gerne mal sehen“, meldete sich der bisher schweigsame Paul zu Wort.
Dem Lieferanten huschte ein Lächeln übers Gesicht. „Interessierst Du Dich fürs Fleischerhandwerk?“
„Das weniger, “ erklärte Paul, „aber so ´ne Mechanik find ich spannend.“
„Du bleibst schön hier im Geschäft und lernst Kaufmann, das ist doch ein sauberer Beruf, nicht so wie Fleischer mit all dem Blut“ und seine Mutter drohte scherzhaft mit erhobenem Zeigefinger. „Wir wollen doch den Laden einmal an dich übergeben…“
„Ich könnte Dir trotzdem gern meine Maschinen zeigen und wie sie funktionieren, wenn Du das nächste Mal kommst, um…“ sagte der Mann freundlich zu Paul, „…Wurst abzuholen. Meinen elektrischen Wolf für Mett und Fleischbrät hab ich auch noch nicht lange. Interessanter kleiner leistungsstarker Motor! Sein früherer Besitzer ist in der Inflation pleite gegangen!“
Der Junge strahlte spitzbübisch: „knorke, das wär Klasse! Für Maschinenbau hab ich mich schon immer interessiert.“
Der Mann nickte dem Jungen aufmunternd zu, schlug den Mantelkragen hoch und wandte sich schon der Tür zu. „Dagegen werden Sie doch nicht einzuwenden haben, Frau Grams, daß er zu mir kommt?“ fragte er, „Ihr Paul ist doch ein zu netter Junge, er macht sicher keine Dummheiten!“
In der geöffneten Tür, die Hand auf der Klinke, wartete der sanfte Lieferant einen kurzen Augenblick auf die Zustimmung der Ladenbesitzerin und Mutter.
„Natürlich können Sie ihm was zeigen, wenn er das nächste Mal kommt. Ich hab doch nichts dagegen, wenn er was lernt. Und bei Ihnen ist er ja in besten Händen! Und die Abrechnung macht dann mein Mann!“ sie nickte ihrem Lieferanten freudig zu. Die Kundinnen lächelten ihm hinterher und Frau Grams rief: „Bis zum nächsten Mal, Herr Haarmann!“