Hedwig von Beverfoerde spielt boshaft über Bande….

Ein letzter Post von Wolfgang Brosche

 

Hedwig von Beverfoerde hat es nicht selbst gesagt, sie spielt über Bande und zitiert aus einem Artikel der Kolumnistin Tamara Wernlis von der „Basler Zeitung“, der auf dem rechten Blog „Achse des Guten“ wiederholt wurde, aber das Zitat entlarvt die ganze Boshaftigkeit der LGBTI-Gegner, die sich benehmen, als ginge es um Menschenrechte für Primaten.

In typisch rechter Wortklitterung werden im Artikel von Tamara Wernlis Forderungen nach gleichen Rechten und schon nach menschlichem Anstand denunziert als despotische Erhebung von LGBTI-Menschen über die „Mehrheit“ der Heterosexuellen. Es geht dabei um mehr als den zerstörerischen Kampf der Reaktionäre gegen die gescholtene „Political Correctness“.

Hedwig von Beverfoerde zitiert den Kernsatz des Artikels und macht sich mit ihm gemein – und das in jeder Hinsicht. Während sie und die Autorin Wernlis vorgeben, es ginge ihnen um das Recht zur freien Meinungsäußerung, gar die Bedrohung der Demokratie und die Gefährdung der „Mehrheit“, enthüllen beide, die eine, die ihn ausgebrütet hat und die andere die ihn füttert, völlig schamlos ihre Menschenverachtung mit eben diesem Satz:

 

„Das Problem sind jene LGBT-Aktivisten, denen alltägliches aneinander vorbei oder zusammenleben nicht genügt, die nach anhaltender universaler Umarmung verlangen und mit einem abstrusen Forderungskatalog das aktive Mittun der gesamten Gesellschaft erzwingen wollen.“

Beverfoerde wie Wernlis behaupten, sie würden per Gesetz gezwungen „Ihre moralischen Werte aufzugeben“…  Was speziell Beverfoerde damit meint, hat sie schon im vorigen Jahr klar gemacht, als sie auf ihrer Webseite „Demo für Alle“ postete: „Toleranz – Duldung eines Übels!“

Immer wieder höre ich die naive Floskel, gleiche Rechte für Alle z.B. durch den Zugang zur Ehe für Alle, nähmen doch niemandem etwas weg. Das stimmt nicht! Beverfoerde macht ganz klar: solche Rechte nähmen ihr etwas weg: nämlich die Definitionshoheit über richtige und falsche Sexualität und Gefühle, über richtiges und falsches Leben. Sie und ihresgleichen brauchen LGBTI-Menschen, um sich selbst aufzuwerten, indem sie eine bestimmte Gruppe abwerten. Darum kämpft sie mit ihrer tatsächlich nicht homophoben sondern offen hassenden Organisation gegen LGBTI-Menschen und ihre InteressenvertrerInnen.

Gleiche Rechte für Alle – nichts mehr aber auch nichts weniger – fordern die gescholtenen Organisationen und die betroffenen Menschen hoffen diese Rechte würden sie endlich legal und menschlich gleich stellen. Es muß für eine Adlige wie Beverfoerde ohnehin schon schwer sein zu akzeptieren, wenn nach dem demokratischen Grundgesetz alle Bürger die gleichen Rechte haben, aber für eine erzkonservative Katholikin noch viel kränkender, wenn sie nicht mehr behaupten darf, sie sei gottgelittener weil heterosexuell. Nichts anderes heißt „Toleranz – Duldung eines Übels“: ich bin mehr wert als Ihr!

Beverfoerde will auch weiterhin Menschen zweiter Klasse. Darum kämpft sie verbissen nicht nur gegen die „Ehe für Alle“ und gegen die Aufklärung über die gleichen Lebensrechte für LGBTI-Menschen in der Schule, sondern sie bemüht sich wie so viele andere Feinde der LGBTI-Menschen darum, diese als krank und unnatürlich darzustellen. Das würde ihr durch gleiche Rechte erschwert. Die „Ehe für Alle“ ist ein Schritt diese Abwertung nach Jahrtausendende der Dummheit, Rohheit und des Hasses zu beenden. Es wird Generationen dauern.

Denn worauf dieser Kampf gegen LGBTI-Menschen, der sich gesellschaftlich gibt, tatsächlich abzielt, ist die langsame Zermürbung und seelische Vernichtung. Denn was bedeutet die ungeheuerlich aufgebauschte zynische Formel von der „universalen Umarmung“, die man nicht zu leisten bereit ist, sonst?

Ich will gar nicht von Frau Beverfoerde oder Frau Wernlis umarmt werden – die sollen umarmen, wen sie lieber herzen möchten; ich fürchtete ihre Dolche im Rücken und vor allem in ihren Augen. Aber ich bin schon ganz froh, daß sie offen sagen, was sie wollen.

Wir müssen erkennen, was solche Aussagen tatsächlich bedeuten – und zwar im Menschlichen, im Miteinander, auf das das Zitat rekurriert. Die Damen geben sich quasi-tolerant und großzügig, aber ihre verlogene Toleranz ist am Ende vernichtend.

 

Das Persönliche ist politisch – darum will ich das aus eigenem Erleben klarstellen:

Nach zermürbenden Kämpfen, immer neuen Versuchen zu einer Einigung mit meinen Eltern über den Umgang mit ihrem homosexuellen Sohn, kam es vermeintlich zu etwas, was wie ein Waffenstillstand aussah. Nach monatelangem Schweigen meines Vaters, der mit mir nicht mehr reden oder mir die Hand reichen wollte, nach Ekelanfällen meiner Mutter, die nicht fähig war, mich zu berühren – sie hatte das ganz deutlich gesagt: ich kann dich nicht mehr anfassen…. Nach Attacken selbst auf meine Trauer und Erinnerungen über meine verstorbene Großmutter – wir hatten einander sehr geliebt –  die in dem Satz gipfelten: „würde deine Oma noch leben, würde sie dich auch nicht lieben so wie du bist!“…

Nach apodiktischen Sätzen die mich als Vernichter der Menschheit bezeichneten (wie soll ein 16jähriger, der solcherart bedrängt wird, das anders verstehen?): „Wenn alle so wären wie du, dann würde die Menschheit aussterben!“….

Nach Beschuldigungen, die mich für den dysfunktionalen Zustand der Familie und ihrer Mitglieder  brandmarkten: „Du bist schuld, daß unsere Familie am Abgrund steht und deine Mutter an so schlimmen Krankheiten leidet!“…

Nach enthüllenden Anklagen, die mich als Urgrund allen Übels von Beginn an ausguckten: „Noch als Du im Kindergarten warst, wußte ich, daß Du so werde werden würdest, nur um mich  zu verletzen und die Familie zu zerstören“…. (was so bedeutete wurde niemals ausgesprochen, es war das Unwort schlechthin und verurteilte mich zum Unwert)…

…kam es zum großzügigen „Nachgeben“ meiner Eltern, denn das war es schon für sie: „Also gut lebe Dein Leben, aber behellige uns niemals mit „dieser Sache“. Damit meinten sie mein „unnatürliches, schädliches, krankes Leben, das ansteckt, krank macht, Ekel erzeugt – sie meinten „das Übel!“  Und schließlich waren sie sich ihrer eigenen Richtigkeit so sicher, daß sie mir auch noch auf den Weg gaben: „So einer wie Du wird niemals glücklich und geliebt werden.“ – Sie tarnten diese Vernichtung als Sorge –  tatsächlich war das natürlich eine Drohung, aber vor allem ein mißgünstiger vielleicht auch triumphaler Wunsch.

Alles, wirklich alles, was in ihrem Leben schief lief, sie nicht zufriedenstellte, was sie unglücklich machte, konnte so mir in die Schuhe geschoben werden. Heute weiß ich, daß sie mich unbedingt brauchten, um nicht ihr Unbehagen aneinander und ihr Überkreuzsein mit der Welt  bearbeiten zu müssen. Ich war ihr klassischer Sündenbock…

Zu allem Überfluß beteuerten sie mir, daß sie mich trotzdem liebten. Ich konnte mich dieser „Liebe“ nur entziehen, indem ich mich ihnen entzog. Zwanzig Jahre gab es nur noch  von Scham- und Schuldgefühlen auf beiden Seiten gemarterten zufälligen Kontakt. Bis zu ihrem Tod hat vor allem meine Mutter nicht verstanden, weshalb ich die Begegnung mit ihr mied: um mich und letztlich auch sie zu schonen. An dieser nie behandelten Wunde starb sie, nicht an dem diagnostizierten Herzinfarkt, mit gerade mal 64 Jahren.

Ich zweifele nicht, daß viele LGBTI-Menschen an ähnlichen Konflikten leiden. Dabei geht es nicht einmal um die von Beverfoerde geschmähte „Toleranz“ – es geht um die von Wernlis, ihrer Souffleuse der Boshaftigkeit, noch weitaus geschmähtere Umarmung, um die verweigerte Liebe. Und es geht um die Macht, die man ausübt, wenn man Liebe verweigert… Das ist eine unter Umständen tödliche Macht, wie ich am Beispiel meiner Mutter erkannt habe, die letztlich daran gestorben ist.

Natürlich weiß ich, daß man Liebe nicht erzwingen kann, weder emotional, noch  –  da haben die Homohasser sogar recht – durch Gesetze. Aber sie könnten schweigen, den bösen Mund halten, einen Punkt setzen. Meine Eltern wollten mich aber nicht ziehen lassen, sie brauchten den gefallenen Sohn immer wieder und weiter, um ihr emotionales Elend zu rechtfertigen. So wie Beverfoerde und Co. auch sich selbst rechtfertigen und als die besseren Menschen bezeichnen wollen, indem sie auf andere mit dem Finger zeigen, auf sie spucken – und sie wollen das in Ewigkeit so weiter treiben. Das ist das Moment des tiefsten, unreifsten und irrationalsten Hasses ihrer Bewegung.

Ihre gönnerhafte Haltung – siehe Frau Wernlis – mit ihrer Erwähnung des gnädigen „Aneinander Vorbeilebens“ – bedeutet letztendlich: bleibt ihr da unten, unter unseren Sohlen, in den Schatten, im Halbdunkel der Kriminalität, der Klappen und der schmutzigen Sexualität – das ist alles, was sie sich überhaupt zur Homosexualität vorstellen wollen und können. Liebe, Zuneigung, Fröhlichkeit, Miteinander, aber auch Trauer, Schmerzen und Verletzungen werden uns nicht zugestanden.

Das meint „Das Private ist politisch“ – wehe es sagt noch ein LGBTI-Mensch: was ich im Bett mache, geht nur mich was an, um sich damit den Feinden zu fügen… Es geht verdammt nochmal am wenigsten ums Bett: Wenn wir unser Leben und Lieben, unsere Fröhlichkeit und Trauer wie die Heterosexuellen in den Alltag aller tragen, würden unsere Gefühle, eben unsere Leben,, nach und nach über Generationen und Jahrzehnte vielleicht endlich selbstverständlich – übrigens auch für uns – und wir würden uns weniger selbst verachten und selbst hassen. Zu was für grotesken Verzerrungen der eingeimpfte Selbsthaß führt, sieht man im Augenblick an Personen wie Alice Weidel, Mirko Welsch oder vor allen David Berger – die in anderen Homosexuellen ganz verborgen und verkleidet sich selbst hassen wie die Pest.

So wie die falsche und gönnerhafte Toleranz, die man zum Beispiel Schwarzen in den USA entgegenbrachte, zu den grotesken Figuren etwa des literarischen „Onkel Tom“ oder des realen „O.J. Simpson“ geführt hat (Repräsentanten der Gönnerhaftigkeit oder der Mißgunst)   führt die „Duldung des homosexuellen Übels“ á la Beverfoerde eben auch zu Zerrfiguren des homosexuellen Selbsthasses.

Diese Zerrfiguren sind Spiegelbilder der angeblichen Normalität: der verwachsene Mensch sieht halbwegs „normal“ (was immer das auch ist) im Zerrspiegel aus. Deshalb brauchen Leute wie Beverfoerde die Homosexuellen auch als Lebensversicherung – will heißen Lebensbestätigung – sie sind lebensnotwendige Zerrspiegel für ihre Buckel des Hasses.

Aber jetzt – da es endlich die „Ehe für Alle“ gibt – die eben nur ein erster Schritt ist zur Selbstverständlichkeit – müssen wir ihnen aktiv verweigern, sie weiter zu spiegeln. Kein Mensch, kein Gesetz, fordert von ihnen uns zu lieben und zu umarmen. Aber wir werden für sie nicht mehr jene Zerrspiegel sein.

Sie sollen uns unsere Liebe und unsre Umarmungen lassen….sie sagen das täten sie – nein, sie setzen sie herab, sie erklären sie und damit uns für minderwertig. Aber DAS ist es, was sie nicht mehr dürfen und was wir ihnen verweigern müssen!

Da spiele ich nicht mehr über Bande, sondern fordere den klaren und eindeutigen (Vor)-Stoß ins Schwarze Loch ihrer Menschenverachtung. Die Zeiten der Zweite-Klasse-Menschen müssen vorbei sein!

 

http://www.achgut.com/artikel/transphobisches_stueck_scheisse

https://web.facebook.com/demofueralle/posts/2007580029461019

 

 

Dieser Text entstand vor zwei Wochen…ich würde ich heute nicht mehr kämpferisch enden lassen. Aber diese (vermeintliche) Kampfeslust war doch eher Verzweifelung…

…heute weiß ich, daß all diese „privaten“ Einimpfungen (die keinesfalls „privat“ waren, sondern gesellschaftlich institutionalisiert), gewirkt haben. Ich habe schon als Pubertierender meinen Gefühlen nicht getraut und erklärt, ich existierte nur vom Hals aufwärts und daß ich in jeder Hinsicht allein bleiben werde. Und so ist es gekommen. Diese zynische Contenance mit der ich mich durch so viele geschleppt habe, kann ich nicht mehr aufrecht erhalten. Es läßt sich daran auch nichts mehr ändern. Alles, was ich geschrieben habe,, war vergeblich…ich bin allein geblieben. Es hat keinen Sinn mehr… sie haben erreicht, was sie wollten. Es ist schön, daß die anderen sich z.B. in Berlin heute feiern…ich habe nie dazu gehört. Ich habe meinen Zorn noch nicht einmal professionalisiert wie viele andere, dahin tragen können, wohin er gehört. Ich hab keine Ressourcen mehr – in jeder Hinsicht.

Danke für die digitale Begleitung…

Das Schönste an der Heterosexualität- Sind die Schwulen…. Von Wolfgang Brosche

 

 

Anfang März starb 70jährig der amerikanische Psychologe und Autor Joseph Nicolosi, der behauptete, man könne mit seiner „Reparativtherapie“ Homosexuelle heilen. Sein Leben lang hat er sich manisch damit beschäftigt, Homosexuelle als nicht von Gott so vorgesehen zu erklären und deren Lieben und Begehren als unmännlich, unnatürlich und krankhaft zu definieren – daraus leitete er folgerichtig  die Berechtigung, ja die Notwendigkeit ab, sie „heilen“ zu müssen. Er stürzte sich schon auf Kinder (sein jüngster Patient war sieben Jahren alt), um sie auf seinen rechten Weg zu bringen. Seine scharlatanischen Pseudoforschungen werden weltweit von seriösen Wissenschaftlern abgelehnt. Damit er sie ungeschoren führen und verbreiten konnte, sie haben keine wissenschaftliche Grundlage, gründete er sogar seine eigene Klinik: was übrigens David Berger freuen wird, der ja über Thomas von Aquin promoviert hat, die ST. Thomas Aquinas Psychological Clinic in Kalifornien.

Auf Nicolosi berufen sich weltweit alle Feinde der Homosexuellen bei den Evangelikalen wie den Fundamentalkatholiken. Auch die deutschen Homosexuellengegner von der „Demo für Alle“ führen ihn immer wieder im (Kampf-)Schilde.

Dieser Text war eigentlich entstanden, um darzulegen, warum noch heute soviele Fanatiker Homosexuelle für krank, verfehlt und als Menschen zweiter Klasse bezeichnen – und meinte damit natürlich die deutsche Kampforganisation gegen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Die „Demo für Alle“.

Der Tod Nicolosis läßt die Frage nach den wirklichen Motivationen der Homosexuellenfeinde noch einmal ganz virulent werden: denn gleichzeitig mit der Todesnachricht wurde auch bekannt, daß es allein in den USA rund 2000 christliche Zentren und Organisationen gibt, in denen die menschenverachtende Reparativtherapie und ähnliches zur Anwendung kommen. In Deutschland scheiterte dieser Tage im Bundestag erneut der Versuch, „Homo-Heilung“ zu verbieten.

Warum müssen Homosexuelle in der ganzen Welt noch immer um die menschliche Gleichberechtigung kämpfen?

 

Tanz für mich!

 

In der ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ vom 7. März hielt der Kabarettist Till Reiners einen Monolog über die „Vorzüge des Reichseins“, der sich vor allem dadurch auszeichnete, daß er keineswegs zynisch, sondern grundehrlich war – aber das ist in diesem Fall dasselbe!

Der Text gipfelte in einer vollkommen denkbaren Phantasie: zu behaupten, daß es Besseres gäbe als Reichtum – z.B. Liebe – könne man leicht widerlegen. Reiners beschrieb die Lust eines Superreichen, der mit seinem Luxussportwagen einen Armen in einer Nuckelpinne auf der Autobahn erst bedrängte, dann zu Klump fuhr, ausstieg, beschimpfte, schließlich mit großkotziger Geste den Geschädigten mit Geld überhäufte und dann aufforderte „Tanz für mich!“ – „Es gibt“, stellte Reiners mit leuchtenden Augen fest: „nichts Besseres. Das Schönste am Reichtum, sind die Armen!“

Eigentlich wußte man es schon immer: die Frage der materiellen Verteilung ist eine Frage der Macht – Marx hat das nur zum ersten Mal deutlich formuliert. Zuckergußbegriffe wie Barmherzigkeit oder Wohltätigkeit – das zeigt der schneidend klare Texte des Kabarettisten – verkleben die Realität. Es geht um die Deutungshoheit, die Wertung der Lebensumstände, um die eigene Aufwertung durch die Abwertung anderer. Scham- und skrupellos angewandter  Reichtum ist ein Mittel, das zu dieser Selbstaufwertung und damit Selbstbefriedigung durch das Niedermachen anderer verhilft.

Was Marx nicht gesehen hat: es steckt noch etwas anderes darin, jenseits des Materiellen – die Gier nach existenzieller Selbstrechtfertigung und Selbstbestätigung, die natürlich jeder Mensch nötig hat, aber hier wird sie erreicht durch die Abwehr und Abwertung des Anderen, die bis zu dessen Vernichtung getrieben werden.

 

Reichtum macht erst Spaß, wenn es Arme gibt

Reichtum macht erst Spaß, wenn es Arme gibt, die man ganz nach Willkür ärmer macht, denen man huldreich und großspurig etwas zukommen läßt oder es ihnen auch wieder wegnimmt. Wichtig ist nicht, ob es dem Armen besser geht,  dessen Gefühle sind gleichgültig, wichtig ist, daß der Zustand des Armen den Reichen befriedigt und rechtfertigt. Oder um es mit historischen Beispielen zu illustrieren: König Heinrich sorgte mit seinen sogenannten Wohltaten und seiner angeblichen Mildtätigkeit weniger für die Verbesserung der Lebensumstände des armen Volkes, sondern für sein eigenes Wohlgefühl als „Guter König Henri Quatre!“.

Und die Menschen- und Tierliebe des Hl. Franziskus von Assisi versorgte ihn mit dem Hochgefühl der Selbstrechtfertigung. Er konnte sicher sein, daß sein Gott (also sein Eigengefühl)  ihn vor vielen anderen Menschen auszeichnete mit einem Sitz zur Rechten nahe am Himmelsthron.

Und um die Wahrheit des Zynismus zu toppen: es macht erst wirklich Spaß ein Nazi zu sein, wenn man seine Juden hat.

Ein solches Selbstgefühl der Auserwähltheit wiegt für die meisten Menschen mehr als Liebe, Zärtlichkeit und Sex – der vor allem nicht, gerade weil er schwer zu kriegen ist und deshalb, zum Beispiel von religiösen Fanatikern,  schlecht gemacht wird, wie der Fuchs die Trauben sauer redet. Es handelt sich aber bei dieser Verächtlichmachung der Lust und dem Lob der Keuschheit um eine Art invertierte Selbstbefriedigung ohne Befleckung. Also gleichsam um einen Orgasmus ohne Ejakulat. 

Diese psychologischen Mechanismen der Selbster- und Überhöhung auf Kosten anderer liegen nicht nur der Verstrickung von Reichtum, Armut und damit Macht zugrunde…sie gelten nicht nur für die materiellen , sondern auch für die, nennen wir sie mal, moralischen Eliten… Nehmen wir nur die Hasser der Homosexuellen; sie bloß homophob zu nennen wäre genauso falsch wie den Geld unters Volk schmeißenden Cäsaren großzügig.

Das Hirn – das „führende Sexualorgan“

Vom wem rede ich eigentlich? – Na, von den zahlreiche Organisationen der „besorgten Eltern“, allen voran von der „Demo für Alle“, und ihren Führern Hedwig von Beverfoerde, Birgit Kelle oder dem sich in den letzten Monaten immer schrill-lauter zum Unwort meldenden Matthias von Gersdorff. So wie  Reiche ein System der Wohltätigkeit (heute nennt man das „Charity“) entwickeln, ein System  von Stiftungen, Events und Armenspeisung (nichts anderes sind die schändlichen „Tafeln“, die es in diesem obszön reichen Land gibt) ,   um ihren Reichtum umso gewisser mit gutem Gewissen zu genießen und um die gefälligst dankbar zu seienden Armen Männchen machend draußen zu halten – Hartz IV als institutionalisierte Männchenmach-Dressur – , so hat die „Demo für Alle“ ein verästeltes System entwickelt – es läuft unter dem Schlagwort „Kinderschutz“, dabei dient es nur dem Schutz der angeblichen „Beschützer“, dem Schutz ihrer Chimäre von kindlicher Reinheit. So wie Wohltätigkeit  gleichzeitig das schlechte  Gewissen der Reichen beruhigt und vertreibt und ihren Reichtum rechtfertigt, so verbirgt die Chimäre von der „Frühsexualisierung“ das Mißtrauen ihrer Prediger gegen sich selbst und rechtfertigt die Herabwürdigung anderer als Preis für die Aufwertung des Selbstgefühls. 

Wir wissen längst, daß Marx Recht hatte, wir wissen also, daß Armut und Reichtum in der Gesellschaft keine akzeptablen naturgegebenen Zustände bleiben dürfen, damit wir diese zivilisierte Gesellschaft nicht durch Ausbeutung aller Ressourcen – auch der sozialen – völlig zugrunde richten. Und wir wissen andererseits längst, daß der Mensch ein ganzes Leben lang ein lustvolles und vielfältiges Wesen ist, dessen Sexualorgane – das führende ist das Hirn – nicht in Normen passen. Normen,  die nur einen Zweck haben: sie sollen die Herrschaft einiger weniger zementieren; im Falle der „Demo“ die Herrschaft der reaktionären, lebensängstlichen und oft genug schrecklich dummen und herzlosen Eltern, patriarchal und autoritär. Es sind Menschen, die ihr Leben und ihre Ängste und Dummheiten fixieren und der nächsten Generation aufdrängen wollen. Sie leben nicht für die Zukunft ihrer Kinder, von der sie schwafeln. Sie leben für die Versteinerung ihres Lebens und ihrer Auffassungen, sie sind zukunftsunfähig – und unwillig, aber herrschsüchtig: es ist kein Zufall, daß  eine Kampforganisation, der Matthias von Gersdorff vorsteht, „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“ heißt – Kinder und Frauen sind also Privateigentum der Männer, weil das schon immer so war.

 

Schlotternde Autoritäten

Der Kampf, den die „Demo für Alle“ und ihre (Volks)-Genossen von der neuen-uralten Rechten führen gegen die angebliche „Frühsexualisierung“, ist der Kampf der vor  der Zukunft schlotternden Autoritären, nicht nur gegen Homosexuelle oder Menschen mit anderen Geschlechtlichkeiten (und gegen Frauen und Genderwissenschaft und Kinderrechte) es ist ein Kampf um Besitzstände am Kind, um heterosexuelle und männliche Privilegien.

Ja – es geht tatsächlich um Privilegien; nicht, wie so oft verlogen behauptet wird, wollen die Kämpfer für gleiche Rechte (z.B. bei Ehe, Adoption und Familie) Privilegien für sich beanspruchen, sondern ihre Gegner wollen ihre Privilegien der Diffamierung und Erniedrigung anderer behalten. Der Kinderschutz ist nur eine Propagandatarnung. Diese Kinderschützer wollen, wie Wilhelm Reich es nannte, „…die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit des Kindes“ zementieren, weil diese Hemmung Kinder und damit spätere Staatsbürger „ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig und gehorsam“ macht. Diese Lebenshemmung …“lähmt, weil nunmehr jede aggressive Regung mit schwerer Angst besetzt ist, die auflehnenden Kräfte im Menschen, setzt durch das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikfähigkeit; kurz: ihr Ziel ist die Herstellung des an die privateigentümliche Ordnung angepaßten, trotz Not und Erniedrigung sie duldenden Staatsbürgers.“ (Reich, Massenpsychologie des Faschismus. Kopenhagen 1933) 

Und damit wären die lustvolle Freude des Reichen an der Beherrschung, Unterdrückung und Erniedrigung des Armen und der zwangshafte Wille, die nächste Generation im eigenen Kinde zu beherrschen und dessen Lebensbeschränkung, die Unterdrückung der Sexualität, ja sogar des Wissens über sie, der gleichen Quelle entsprungen. Die einen kämpfen darum, auch weiterhin den Genuß an der kapitalistischen Existenz durch die Verhöhnung der Armen zu genießen („Das Schönste am Reichtum sind die Armen“) und die anderen darum, das Schönste an der angeblich natürlichen Bipolarität der Geschlechter/der Heterosexualität weiter zu behalten: die kranken instabilen, unnormalen, schwachen, wankelmütigen und Kinder gefährdenden Schwulen als Objekte des Hasses und der Selbstbestätigung.  

Die Verteidiger des Neoliberalismus sind gar nicht interessiert daran, Ausbeutung, Wohnungsnot, Umweltzerstörung (und vieles andere) zu beseitigen, denn all das festigt, rechtfertigt und bestätigt ja ihren Status als Besitzende; wie man zur Zeit auch wieder sehr schön an der sich zu Wort meldenden FDP erfahren kann – aus deren Fleisch Teile der AfD geschnitten wurden. Wohltätigkeit und angeblicher Sozialstaat sind ja nur Palliativmedizin, die man sich als Armer auch noch „verdienen“ muß (siehe die calvinistische Moral: „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – und Arbeit meint hier immer den Nutzen des Besitzenden). Und die angeblichen Verteidiger der Kindheit bekämpfen als Kinderschützer die Symptome der Zukunft mit den Verkrustungen ihrer Vergangenheit.

 Ihr Kampf gegen Frühsexualisierung dient ausschließlich der Disziplinierung und Normierung  der jungen Körper, des jungen Verstandes zur Bestätigung des toten Selbstbildes der Alten… Als Pasolini vor 40 Jahren das mit tiefster Trauerkonstatierte, lachte man ihn aus – sei „Saló“ – Film war dann das Testament dieser Trauer; und erst heute fange wir an, dieses Testament ansatzweise zu begreifen.

 

Quarantäne und Ausgrenzung

Ich will mich nicht schon wieder im Einzelnen mit dem ganzen Minderbemitteltheiten im neuen Feldzug gegen die angebliche Sexualisierung auseinandersetzen – das ist ja der Trick dieser Kreise: so wie der Kapitalist durch Wohltätigkeit von sich positiv reden machen will, um von seiner wahren Natur abzulenken, sind LGBTIQ-Menschen (und Genderwissenschaft und Politik) immer wieder aufs Neue und vergebens beschäftigt,  die Vorwürfe der Sexualisierung, die kaum verhohlen eigentlich Pädophilie meinen, abzuwehren. 

Hinter den ganzen Vorwürfen steckt vor allem eines: der ewig erstunken- und erlogene Verdacht der Ansteckung und damit Krankheit, stecken die Ideen von Quarantäne und Ausgrenzung, steckt die Behauptung, das Andere sei minderwertiger als man selbst und deshalb dürfe man ihm nicht die gleichen Recht zugestehen. Auch die Armen gelten ja wegen ihrer Armut als minderwertig.

Die „Demo für Alle“ und ihre Anhänger und ihre weltweit agierenden Kumpane – z.B. die die Evangelikalen in den USA, die Fundamentalkatholiken (wie Mathias von Gersdorff – zu dessen politischen Absichten in Richtung aristokratischer Ständestaat ein anderes Mal einiges ausführlicher gesagt werden muß), die russischen Antihomonationalisten usw. brauchen dringend Homosexuelle, um ihre wackelige Normheterosexualisierung, die zur Zucht, Züchtigung und Beherrschung  der kommenden, freier leben wollenden Generation dient, zu rechtfertigen mit der entsetzlichen Lüge von der Bedrohung der Kinder.

So wie die neorechte Internationale eine Bewegung der patriarchal und autoritär denkenden Älteren ist, ist es auch die angeblich gegen Sexualisierung kämpfende Internationale. Sie ist nichts weniger als eine Bewegung gegen die Jungen, die Lebendigen, gegen die Zuversichtlichen, die die Zukunft miteinander gestalten wollen, die erkennen, daß Nationalismus, Rassismus, Kapitalismus, Naturausbeutung die wirklichen und drängenden Probleme sind, gegen die Tabus, Einschränkungen, Unterdrückung, Aussperrung, Mauern und Verleugnung und das Alpträumen von einem autoritären, patriarchalen, männlichen Früher (und Führer)  nicht zur Bewältigung der Probleme beitragen, sondern sie zementieren, ja verschärfen und zur Explosion bringen.

Es geht der Rechten ja auch gar nicht um Problemlösungen, sondern um die Selbstrechtfertigung ihrer fortgesetzten Gier, ihres Nationalismus, ihres Herrschaftsanspruchs. Tatsächlich wollen sie keine Probleme wie Demokratisierung, Globalisierung, Digitalisierung oder gar Hunger lösen – so lange es diese Probleme gibt, fühlen sie sich bestätigt. In gleicher Manier geht es den Kämpfern gegen die angebliche Sexualisierung der Jugend nicht um die nächste Generation, sondern bloß um die Bewahrung ihres eigenen Starrsinns und ihrer eigenen Sexual- und Menschenangst.

Der Ausschluß der Flüchtlinge, der/des Fremden, der Anderen, die Abgrenzung der Armen, die Mauern der Hartherzigkeit,   ermöglichen für eine Weile noch die Illusion es bliebe alles „so wie früher“, aber es sind die Sterbenden, es sind die Tötenden, die das Leben an sich reißen wollen.

 

Kapo-Mentalität

Natürlich gibt es auch unter LGBTIQ-Menschen die Menge, die sich weigern, in die Zukunft zu denken, die sich mit Kapo-Mentalität anpassen, um die Brosamen vom Tisch der Lagerkommandanten, zu erhaschen. Sie stimmen die gleichen Gesänge an wie Herrschenden, anstatt sich ihnen zu verweigern. Politisch oder ökonomisch heißt das, daß sie wider besseres Wissen, in der Hoffnung, verschont zu bleiben im mörderischen Ausleseprozeß des Sozialdarwinismus, die AfD, Trump oder den Front National zujubeln. Sie wollen sich auch besser fühlen wie jener am Anfang erwähnte Porschefahrer, der den angefahrenen Kleinwagenmenschen zum Tanzen nach seiner Pfeife zwingt.

Ein Beispiel für einen solcher Überläufer aus Eigennutz in Sachen demokratische, emotionale und sexuelle Gleichberechtigung, der aber nur an die Befriedigung seines materielle Eigennutzes und seiner Selbstverliebtheit dachte, ist der jüngst grandios gescheiterte Milo Yiannopoulos in den USA, den letztendlich der Vorwurf (in diesem Fall völlig ungerechtfertigt) der Pädophilieverteidigung zu Fall brachte; ein Standard-Vorwurf aus dem Repertoire der Rechten und Kinderschützer.

Weniger charismatisch und verrückterweise auch weniger sexy betreibt diesen Maulkampf in Deutschland David Berger; perfiderweise gerade weil weniger flamboyant, sondern deutschtümelnd-enervierender womöglich mit noch größerem Anpassungserfolg, weil er in vorauseilendem Gehorsam die Pädophilievorwürfe gegen Homosexuelle  von den „Kinderschützern“ übernahm.  Und so führt er als U-Boot der Fundamentalkatholiken (er selbst nennt sie „Katholiban“) die Kämpfe dieser Kinderschützer von der „Demo für Alle“ bis zur AfD hinein in die fortschrittlichen Milieus und Kreise, um sie von innen zu sprengen, im unausgesprochenen Auftrag ihrer dankbareren Gegner. Noch klopft ihm sogar Hedwig von Beverfoerde verbal auf die Schulter; aber auch ihn wird man bald wieder daran erinnern, daß er nur ein vermaledeiter Homo ist, da mag er sich anbiedern wie er will.

 

 

Angst vor der Zukunft

So wie also der Reiche seinen Lustgewinn am Reichtum steigert, indem er ein Bißchen abgibt, um den Armen zu korrumpieren und sich daran umso mehr berauscht, so wie er den Armen braucht zur Befriedigung seiner Lustbedürfnisse, brauchen  die „Besorgten Eltern“, die „Demo für alle“, die Homo-Heiler  etc. die Homosexuellen (und alle Menschen mit anderer Geschlechtlichkeit) um ihre gemeine und morose, lebensängstliche, eindimensionale Zwangsexistenz zu rechtfertigen und zu genießen. Die Angst vor der Zukunft, der Lebendigkeit, der Sexualität, der bigotte Verzicht auf wirkliche Zukunft, macht nur dann Spaß, wenn man andere dessen bezichtigt, was man sich selbst verbietet – so wie der Verzicht des Reichen auf ein Bißchen Reichtum, den er „wohltätig“ spendet, tatsächlich das Vergnügen am ganzen Reichtum erhöht.

https://diekolumnisten.de/2017/03/19/das-schoenste-an-der-heterosexualitaet-sind-die-schwulen/

 

 

 

Raus aus dem Winterschlaf….

ungeloest_9783954413157Jetzt wird´s aber Zeit, daß ich nach langer Zeit wieder verstärkt hier poste, worum ich mich aus Krankheitsgründen zu lange gedrückt habe….

Allererstens – es gibt schon ein paar Wochen etwas Neues Literarisches…meinen Beitrag zu diesem Buch: die rätselhafte und wahre Geschichte um den mysteriösen Tod meies Großvaters Arthur…

…und in den nächsten Tagen wird´s von neuen Beiträgen wimmeln…

Der neue – alte Kampf gegen Homosexuelle

Die „Kinderschützer“ sind keine Kinderschützer

 

Mein Beitrag zur Chimäre der „Frühsexualisierung“…

http://diekolumnisten.de/2016/06/23/fruehsexualisierung-und-antihomosexuelle-propaganda/

…hat für Aufruhr gesorgt. Schon am Tag seines Erscheinens fand er bald 6000 Leser. Die Zustimmung überwog, aber es gab auch üble Angriffe auf mich; reaktionäre und ignorante. Sie zeigen wie tief verfangen sowohl im christlichen als auch im politisch-rechten Wahn die Gegner der gender-Ideen und vor allem der LGBTI-Menschen  sind.

Gewiß sind sie verbiestert und verbissen – man kann  ihren Haß noch so oft als das erklären was er ist: die Abwertung, Pathologisierung und sogar Kriminalisierung anderer Menschen zugunsten der eigenen psychischen und gesellschaftlichen Aufwertung; aber sie werden nicht aufhören Haß zu verbreiten, denn ihre Ziele sind zwanghaft-zwangsläufig tödlich. Deshalb muß man sie in die Schranken weisen.

Im tiefsten Grunde geht es natürlich um die Deutungshoheit über das Leben anderer und eine rigide Normierung der Lebensweisen, die christliche Organisationen genauso brauchen wie politisch reaktionäre: die Normierung der Sexualität alleinig zur Fortpflanzung, als sexuelle Basis völkischer Konzepte, muß natürlich Frauen-, Kinder- und LGBTI-Rechte (und Gleichstellung) sabotieren, um ein phantasiertes totalitäres Weltbild festzuschreiben. Nicht umsonst hat sich ja Hedwig von Beverfoerde, die Anführerin der Anti-Homosexuellen Bewegung, für den deutschsprachigen Raum an die Spitze einer europaweiten Bewegung gesetzt, die die EU drängen will, einzig die Ehe zwischen Mann und Frau als gesellschaftlich-juristische Norm festzusetzen.

http://www.queer.de/detail.php?article_id=25239

Für meine Aussage Beverfoerdes „Demo für Alle“  und ähnlich gelagerte Organisationen interessiere der Kinderschutz mit dem sie hausieren gehen, nicht im Geringsten und der ganze Aufruhr, den sie betrieben, diene eigentlich der Herrschaft der Eltern über die Sexualorgane der Kinder, wurde ich bitter gescholten: ich ginge zu weit.

Mit der „Herrschaft der Eltern“ ist erweitert natürlich die politische Reaktion, das rechte autoritäre Lager gemeint. Die Beschimpfungen die ich erhielt, zeigen auch deutlich wie die Chimäre des asexuellen, unschuldigen und reinen Kindes die Gesellschaft so beherrscht, daß jeder, der sie anzweifelt, gleich in den Ruch des Pädophilen gerät.

Eine ignorante Kritikerin bezweifelte sogar, daß es überhaupt eine kindliche Sexualität gäbe und diese eher eine Erfindung von Pädophilen sei, um sich leichter Zugang zu Kindern zu verschaffen…

Es war mir, als weigerten sich diese Kritiker die Erkenntnisse von Freud bis Foucault überhaupt zur Kenntnis zu nehmen; was ja allerdings auch mit der noch immer virulenten christlich-völkisch-klassistischen Sicht auf die Sexualität zu tun hat.

 

 

Also von vorne:

Die Homo-Hasser und Gegner der weiblichen Emanzipation und der Gleichberechtigung sexueller Minderheiten, sind ohne Zweifel vor allem Gegner ihrer Kinder, ja der nächsten Generation, wie alle Reaktionäre. Die Nichtanerkennung einer jeweils persönlichen, individuellen Sexualität ist ein Kernprojekt der Antimoderne. Wer darauf besteht, den Menschen nach Sexualitäten, Hautfarben, Ethnien zu kategorisieren, will normieren, Rangfolgen und Klassen einführen. Speziell die Verweigerung einer persönlichen Sexualität dient der Verhinderung des Individuellen, das ja als Individuelles auch nicht mehr normiert und beherrscht werden kann.

Bis zur Erfindung der monotheistischen Religionen, die ihre Erosphobie

im Christentum und später im Islam zur Apotheose brachten, gab es so etwas wie Sexualität als Unterscheidungsmerkmal des Menschlichen nicht. Die frühen christlichen Fanatiker, die im Katholizismus u.a. Kirchenväter genannt werden, erfanden erst die Natürlichkeit – die etwas anderes ist als die Natur. Das christliche Naturrecht erst schafft die absurde Unterscheidung von natürlich und unnatürlich. Solche Unterscheidungen dienten der jeweiligen Pastoralmacht, wie Foucault die christlich/religiös Herrschenden und ihre Macht nannte. Mit dem Entstehen der modernen Wissenschaften, des Krankhauses, des Gefängnisbetriebes schienen alte rigorose Normierungen, die sanktioniert wurden durch Folter und Todesstrafe, humaner durchtränkt.

Was einmal widernatürlich war, wurde nun pathologisiert. Insofern geben sich die Homohasser um Hedwig von Beverfoerde, Birgit Kelle Gabriele Kuby etc. nur nach außen humaner, wenn sie nahezu manisch Homosexualität als psychisch-emotionales Defizit, ja als Krankheit bezeichnen. Der gesellschaftliche Zivilisierungsprozeß drängt sie dazu, ihren irrationalen Haß zu zügeln und mit solchen Termini zu camouflieren. In einer Gesellschaft ohne humanistisches Grundgesetz würden diese Leute die früher rigorose Vernichtung des Anderen wie es heute noch immer der IS, erneut als Spektakel der Erbauung ihrer eigenen Bigotterie und Abschreckung für Zweifler inszenieren.

Die Art und Weise wie etwa Hedwig von Beverfoerde die Präsentation des Unschwulen Marcel bei den Demos für Alle zelebriert, läßt das vermuten. Hier führt eine Dompteurin das gebrochene Raubtier vor, die gezähmte Anomalität.

http://www.queer.de/detail.php?article_id=24800

 

Als exemplarische Beispiele für Anomalität – die immer etwas Bedrohliches enthalten muß, damit man durch das Bedrohliche die Norm beschwören und die phantasierte Normalität herbeiführen kann – nennt Michel Foucault „Sodomiten“, Behinderte, Hermaphroditen, „korrekturbedürftige Individuen“, also die, die man als Verbrecher bezeichnet oder Undisziplinierte, Nervöse, Unausgeglichene und auch das Kind, dessen Sexualität man meint überwachen zu müssen. Diese Überwachung und Beherrschung der Kinder beginnt im 19. Jahrhundert mit dem Kampf gegen die Onanie. Ein Kind, das sich außerhalb der elterlichen Sphäre, also unabhängig davon, selbst Lust verschafft, ist eine Bedrohung der elterlichen Herrschaft – und damit der gesamten maskulin-autoritären Herrschaftsstruktur auch des Staates. Deshalb entsteht die Lügenlegende von reinen, unbefleckten Kind  zu Beginn des 19. Jahrhunderts. (Und deshalb beschwören die „Kinderfreunde“ und Homohasser wieder  gern die Gefährdung der gesamten Zivilisation durch die befreite Sexualität – wie man sehr unschön bei Gabriele Kuby nachlesen kann, deren Machwerk „Die globale sexuelle Revolution“ ein einziger Ruf mit Donnerhall nach der, wie sie es nennt, „gezügelten Sexualität“!)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts also, in der das menschliche Zusammenleben durch die industrielle Revolution völlig neuen Unter-Ordnungen unterworfen wird, entsteht das von der „Demo für Alle“ in der bereits erwähnten europaweiten Kampagne genutzte Bild der PapaMamaKind-Familie – und zwar in dieser hierarchischen Reihenfolge. Es ist ein Klebebild (und ein klebriges) fürs Poesiealbum, aber keines, das seit ewigen Zeiten existiert und etwa durch das Abrakadabra des Naturrechtes gerechtfertigt ist.

 

Ein weiterer gruseliger Faktor bestimmt die Erfindung des „unschuldigen Kindes“.

Die christliche Unsinnslehre von der Erbsünde (die ihrerseits wieder das grausamste Kampfmittel zur Unterdrückung der Menschen ist), behauptet es gäbe keinen reinen, unschuldigen Menschen, selbst die gerade geborenen Kinder seien erbsündig belastet. Natürlich leuchtet es heute selbst verbissenen Gläubigen ein, daß kleine Kinder sich nun wirklich nichts haben zu Schulden kommen lassen. Dennoch funktioniert die christliche Sexualphobie (die immer weiter hochgehalten wird) nur, wenn all den Schmutzigkeiten ein Zustand der Reinheit gegenüber gestellt ist. Das intrinsisch schlechte Gewissen, das Sexualität auch in unseren angeblich säkularen Gesellschaften noch immer macht,  stammt aus den eigentlich finsteren Reinheitsmanien der Religionen. Unrein sind nicht bloß schmutzige Füße, sondern auch die Regel der Frau, der nicht zur Zeugung vergossene Same, aber auch schon gewisse Gedanken, geschweige denn Handlungen. Sexuelles ist per se unrein, in allen monotheistischen Religionen. So gilt derjenige, der Analverkehr ausübt, aus der islamischen Glaubensgemeinschaft als ausgeschlossen; wer in Richtung Mekka pinkelt, versündigt sich. Bis vor nicht allzu langer Zeit durften menstruierende Frauen nicht am Abendmahl teilnehmen. Und orthodoxe Juden danken Gott dafür, daß sie nicht als Frau geboren wurden, die als nur lüstern gilt.

(Leicht lesbaren Aufschluß über den „sexuellen“ Reinheitswahn der monotheistischen Religionen gibt das Kapitel „Die Reinheitsmanie“ in dem Buch „Wir brauchen keinen Gott“ von Michel Onfray.)

Vernünftige Hygiene, persönlicher Ekel und raffinierte Herrschaftstechniken gehen im Reinheitswahn eine üble Synthese ein. Gegen all die daraus entwickelten Ge- und Verbote, können Kinder aber noch nicht wissentlich verstoßen – und deshalb dichtet man ihnen – die kognitive Dissonanz ist deutlich – auch eine fast transzendente Reinheit an.

Die Denkweisen der „Demo für Alle“ und der Homofeinde sind zutiefst irrational, aber religiös motiviert. Ihr Kampf gegen Homosexuelle ist also ein Kampf für eine imaginierte Reinlichkeit im Zwischenmenschlichen und im Staat, den eine unregulierte schmutzige Sexualität bedrohen soll – und dieser Kampf muß bereits beim Feind Kind, jenem gefährlich freien und unschuldigen Kind beginnen. Der fast nicht mehr für möglich gehaltene Widerstand gegen Homosexuelle, ist also auch eine Fortsetzung des erwähnten Kampfes gegen die Onanie.

Übrigens ist einer der lautstärksten Organisationen, die die Beseitigung des Homosexuellen durch die quacksalberische Homo-Heilung vertritt, das evangelikale „Weise Kreuz“, daß um 1900 eigentlich gegründet wurde, um die „Unsitte der Onanie unter wandernden Handwerksgesellen“ zu bekämpfen. – Die Traditionslinien sind deutlich. – Da der Kampf gegen den Arbeiter durch die Bekämpfung seiner Lust, hier der Kampf gegen Homosexuelle, die allein mit ihrer Existenz, das absurde Bild des alles wissenden, allmächtigen und allgnädigen Gottes gefährden. Gott kann ja bei ihrer Schöpfung keinen Fehler gemacht haben – der Fehler liegt bei den Homosexuellen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fes_Kreuz

 

Das unschuldige, reine Kind, das man angeblich verteidigen müsse, hat es nie gegeben. Wer Philippe Ariés „Geschichte der Kindheit“ kennt, weiß, daß dies eine Spukgestalt, eine Chimäre ist, die dem Reinheitswahn der Erwachsenen dienten soll. Ja, selbst diejenigen, die diese Reinheit besonders bedrohen, die Pädophilen, sind diesem Spuk aufgesessen – behaupten sie doch immer wieder, es reize sie gerade die Unschuld der Kinder…

Daß mit der Bewahrung des reinen Kindes, das eben nicht „frühsexualisiert“ sei, recht eigentlich die Selbstvergewisserung der Erwachsenen gemeint ist, die Ausgrenzung der angeblich nicht normgerechten Sexualität überhaupt, die als Einfallstor des Individuellen und Anarchischen gilt und nicht allein die Abwehr der Pädophilen, sollte jetzt deutlich sein. Es geht um die Gefährdung von Macht und Herrschaft.

Es ist deshalb auch kein Wunder, daß gerade die Exponenten des Homohasses immer wieder Homosexualität und Pädophilie – so weit es die Regeln der Zivilisiertheit noch zulassen, aber sie gingen auch gerne weiter – in Deckung bringen. Die Lüge der homosexuellen Verführung im Einzelfall, das Bedrohungsszenario der Verschwulung der gesamten Gesellschaft im Großen,  geistert von Kuby bis Kelle, von Beverfoerde bis Pirincci durch all deren Publikationen und Denken.

Und dies ganz deutlich, damit auch kein falscher Zungenschlag aufkommt: sexuelle Übergriffe auf Kinder sind keine „Verführung“, es sind Vergewaltigungen der kindlichen Eigenständig- und Unabhängigkeit. Es sind Gewalttaten, keine sexuellen.

 

Die Abwehr des Sexuellen im Kinde, gilt eigentlich der Abwehr des Sexuellen im Erwachsenen selbst, das als bedrohlich wahrgenommen wird und höchstens in strikter gesellschaftlicher Norm akzeptiert wird. Gabriele Kubys ganzes Wirken zum Beispiel läuft auf die Begrenzung und eigentlich die Abschaffung der Sexualität hinaus; aufs Eunuchentum, wie etwa bei den Skopzen, die sich kastrierten, nachdem sie Kinder gezeugt hatten – das einzige, wofür sie die Sexualorgane nötig erachteten; nach dem christlichen Naturrecht handelten die Skopzen also „natürlich“.

Der Normierung der Sexualität, die aus den monotheistischen Religionen hervorgegangen ist, führt dann auch zu den Normierungsinstitutionen von Ehe und Familie, die die „Demo für Alle“ in Deutschland und ähnliche Fanatiker in ganz Europa und den USA als einzig akzeptable Lebensweise allen aufzwingen wollen.

Nun sind die Homosexuellen ihnen schon so weit entgegengekommen, daß sie am liebsten heiraten wollen und Kinder kriegen – aber selbst dieses Opfer der Anpassung, wird ihnen erbittert vor die Füße geworfen.

 

Daß nun längst überwunden geglaubte repressive Ansichten zur Sexualität wieder an Boden gewinnen und die erneute Unterdrückung von Homosexuellen nicht ausgeschlossen ist, hat seinen Grund in einer sich abzeichnenden Zeitenwende. Wissenschaft, technische, medizinische, soziale und ethische Weiterentwicklungen verändern unser Leben rasant. Das Korsett des sexuellen und emotionalen Selbsthasses, der Menschen in Normen zwingt, kann aber weiteren Liberalisierungen nicht widerstehen. Seine reaktionäre Widerstandfähigkeit ist an ihre Grenze gelangt und explodiert:  Frauen- und Kinderrechte, die Abschaffung zahlreicher Paragraphen des normierenden Sexualstrafrechts, die Pille, die Möglichkeit der Schwangerschaftsunterbrechung  und viele weitere Entwicklungen, die die Sexualität, die Psyche und die Körper der Menschen nicht mehr einengen und zu größerer Freiheit führen, bedrohen die autoritär-patriarchale Welt. Sie schlägt unerbittlich zurück.

Was sich als angeblicher Freiheitskampf gegen Homosexuelle, gender und noch immer gegen Frauen- und Kinderrechte geriert, ist eigentlich im alten sexuellen Selbsthaß begründet. Selbsthaß in Sachen der Sexualität, die furchtbare Angst, der sexuellen Norm nicht zu genügen. So lange man von dieser Angst in Schach gehalten wird, die die ganze Gesellschaft durchdringt, wird totalitär-autoritäre, patriarchale Herrschaft, nahezu unerkannt bleiben. Weil eben – wie beim Thema Vergewaltigung – die Fragen der Macht und Gewalt ausgeblendet werden. Aber so wie die bisher Unterdrückten sichtbarer werden, erkennen die Menschen auch immer deutlicher ihre Unterdrücker…so erklärt sich Übrigen auch das Aufbrechen neuer-alter faschistisch-totalitärer Strömungen.

 

Wie sehr Sexualität und politische Macht verknüpft sind u.a. durch die Definitionshoheit über richtige und falsche Sexualität hat der  Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch in seinem Buch „Sexualitäten“ deutlich benannt:

https://de.wikipedia.org/wiki/Volkmar_Sigusch

 

„Das Sexuelle ist immer eingespeist in Systeme, die über es verfügen, mal so, mal anders, aber es immer beherrschen, sich seiner bemächtigen.“

Wer das Sexuelle kontrolliert, der kontrolliert den Umgang der Menschen miteinander, zwingt sie sich zu Gruppen zu bekennen und ihnen unterzuordnen.

So diente die „Sexualregelung“ durch die   Struktur der kleinbürgerlichen Familie zu Beginn der industriellen Revolution dazu, die Arbeitskräfte einzupassen in den Prozeß  der Produktion und Reproduktion (Kinder bedeuten neue Arbeitskräfte, der Zwang seine Familie als Einzelner zu ernähren, brachte den Arbeiter in Zucht und Abhängigkeit). Diese Regelung kann in Zeiten der digitalen Revolution nicht mehr aufrecht erhalten werden; die Berufung auf die Kleinfamilie als uralte und einzig akzeptable Lebensform ist eine Lüge zur Zementierung von Machtverhältnissen, die im speziellen Fall der antihomosexuellen Bewegung, nur die Ansprüche auf politisch-soziale Bevorzugung und skrupellosen Antifeminismus, Rassismus und Klassismus festigen soll.

Apropos – es ist  ja interessant, daß gerade in der antihomosexuellen Fronde so viele Adelige – Hedwig von Beverfoerde, Beatrix von Storch, Mathias von Gersdorff etc. – aktiv sind…daß ihr Kampf gegen Homosexuelle eingebettet ist in eine Sehnsucht nach dem Ständestaat, kann man, so man starke Nerven hat, auf der Webseite der „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“ des Mathias von Gersdorff nachlesen:       http://www.tfp-deutschland.de/ – ein einziger Aufruf zur Vernichtung der Demokratie und Unterdrückung der Menschen zugunsten solcher Charaktere wie sie diese Vereinigung vertritt.

 

Der Kampf gegen Homosexuelle und für „uralte Familienstrukturen“ ist ein Pseudokampf. Er soll den Blickwinkel verlagern, von den Herrschaftsverhältnissen auf Sündenböcke.

Familienstrukturen sind immer dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen gewesen. Die augenblicklich als Tradition geltende wird natürlich nicht durch Homosexuelle zerstört, die sie recht eigentlich auch für sich erobern möchten, um dem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen. Das Leben in Gemeinschaft – wie auch immer gestaltet – wird tatsächlich bedroht durch die Erfindung der allzeit bereiten digitalen Arbeitsmonade die uneingedenk ihrer sozialen, emotionalen, örtlichen Bindungen allein und jederzeit bereit ist, durch die Welt ziehen, bis sie, nicht mehr leistungsfähig, abgelöst wird von der nächsten bereit stehenden Monade. – Diese Gestalt des Menschenmaterials ist recht eigentlich das Ziel der neokapitalistischen Gesellschaft. Eine Normfigur, ein Model, eine Ausstanzform, bar jeder Individualität.

 

Nun ist es aber gerade sexuelle und emotionale Individualität, die die „Demo für Alle“, die „Besorgten Eltern“ etc. bekämpfen. Sie können Vielfalt nicht ertragen. Recht eigentlich können sie das ungenormte Leben nicht ertragen, das sie in ihren Kindern fürchten. Wie alle Reaktionäre stemmen sie sich gegen das Leben – erst die Vielfalt garantiert das Fortbestehen. Jeder Evolutionsforscher, jeder Genetiker, könnte ihnen das in wenigen Minuten erklären.

Es ist aber kein Wunder, daß sich monotheistischer Normierungs- und völkischer Reinheitswahn in den homofeindlichen Bewegungen umarmen, sie gleichen sich in den Phantasmen des „Einen“ Gottes und des rassenreinen Volkes…recht eigentlich sind beide Verfechter des Stillstandes, des Todes. Sie lehnen das Leben und die Vielfalt ab – das ist im Christentum ebenso deutlich wie im Islam, dessen Fundamentalisten so gerne den Satz „Ihr liebt das Leben, aber wir lieben den Tod“ zitieren.

 

Der in dieser Vehemenz kaum mehr für möglich gehaltene Kampf gegen Homosexuelle ist ein Teil des Kampfes gegen die Zukunft – und so muß man auch die „Demo für Alle“ nicht als Kinderschutz-Veranstaltung verstehen, sondern als eine Truppe, die tatsächlich die Kinder und damit das morgige Leben bekämpft, um ihre paternalistische Herrschaft weiter ausüben zu können.

Der Kampf gegen „die Anderen“ wird, ohne Zweifel, noch rabiater werden. Judith Butler (jawohl, die Frau, die die „gender-Idee“ entwickelt hat) hat das schon vor 20 Jahren vorausgesehen als sie die antifeministischen und antihomosexuellen Strömungen, die auch vor allem gegen Kinder und ein humanes Morgen gerichtet sind, als rassistisch und klassistisch in ihrem Buch „Haß spricht“ entlarvte:

„Die vom Rassismus signifizierte, die Selektion anleitende und bis zum Mord reichende Beziehung zwischen „uns“ und den „anderen“ ist eine imaginäre: ein Bündel von Vorstellungen, was dieser Andere sei, der auszugrenzen ist und den man allenfalls töten darf, weil man weiß beziehungsweise zu wissen glaubt, wie jene Menschen beschaffen sind, die angeblich „die Gesundheit“ des „Volkskörpers“ bedrohen oder auch sonst aus irgend einem Grunde nicht zu „uns“ gehören.“

Mit Foucault ist Butler der Ansicht, diese politische Reaktion betreibe auf diese Weise eine „völkische Biopolitik zum Vorwand der Selektion“- und zieht den Schluß, sie wolle „zum Schweigen bringen und auslöschen!“

http://www.suhrkamp.de/buecher/hass_spricht-judith_butler_12414.html

 

Und das „Zum Schweigen bringen“ und das „Auslöschen“ sind die wahren Ziele der antihomosexuellen Bewegung der „Demo für Alle“ und anderer ähnlicher Organisationen und Personen – und sie bedienen sich dabei der Mittel, die ich im eingangs erwähnten Beitrag aufzähle.

 

P.S. – wie erbittert der Kurs der Auslöschung verfolgt wird, war an einer herablassenden Antwort von Birgit Kelle zu spüren. Als ihr angeboten wurde, auf meinen Beitrag eine Erwiderung zu schreiben, ließ sie wissen, sie spiele in einer anderen journalistischen Liga und dieser und auch einige andere Artikel, die ich gegen ihr Wirken geschrieben habe, seien rein therapeutisch.

In der Tat sind sie das – das will ich gar nicht leugnen. Denn was Birgit Kelle und die ihre Mitstreiter permanent veranstalten, sind Beleidigungen, Verletzungen, Nichtigerklärungen menschlicher Regungen und Wünsche, Vorstufen der Vernichtung; denn sie werden es dabei nicht belassen.  Sie schlagen ununterbrochen Wunden – irgendeiner muß sich ja darum kümmern.

 

Wer sich speziell über die Methoden und Ziele der „Kinderschützer“ informieren möchte, der ist ausgezeichnet bedient mit der aufschlußreichen Aufsatzsammlung:

Anja Hennigsen, Elisabeth Tuider, Stefan Timmermanns (Hrsg.), Sexualpädagogik kontrovers. Beltz Verlag. 2016

Belami in Venezia

Ach, ich hatte Lust, diesen Text ans Licht des Wochendes zu bringen, en sie fürs erotische Jahrbuch nicht haben wollten. Dann eben nicht!


„Und nun,“ sprach schmeichelnd der geschickte Friseur, in dem er dem Hairweaving den letzten Knoten verpaßte und über die glänzend aschblonde Mähne strich, „dürfen Sie sich verlieben!“
Jösta Schutt, der jahrelang unter der Kahlheit seines immer sichtbarer werdenden Kopfes gelitten hatte, erblickte verblüfft im Spiegel der Frisierkabine, wie sehr das Haarteil ihn wieder jugendlich und damit ansehbar machte. Der hinter ihm stehende Haarkünstler entblößte seine ganze Zahnpracht, so als ob er gar keine Lippen besäße. Dieses Lächeln gab dem mageren, fast fleischlosen Gesicht, einen morbiden Ausdruck. Schutt beachtete es kaum, denn er war verwandelt. Diese Kabine war eine Hexenkammer. Ihm war leuchtendes Karmesin in die Wangen geschossen.
Mit standesssicherem Lächeln nahm der Friseur den Scheck über dreitausend Euro entgegen, den der Schriftsteller ihm hinreichte. „Aber sehen Sie sich vor, Herr Schutt,“ murmelte er. „Es hat in den letzten Tagen einige Übergriffe drüben im Park auf alleinstehende Herren gegeben!“ Der überwältigte Kunde überhörte den Hinweis und mochte sein Spiegelbild im schimmernden Glas der Salontür kaum wiedererkennen.
Jösta Schutt hatte sich entschlossen, die Honorare, die er für seinen letzten Roman und eine daraus entwickelte Fernsehserie über den Niedergang einer Kaufhausbesitzersfamilie erhalten hatte, für eine Revitalisierung zu verwenden. Neben dem Hairweaving leistete er sich einen personal trainer, der ihm zergend und zusetzend dabei half, die Unform seines alternden Leibes in einen Körper zurückzuverwandeln. Als Erfolg war der Verlust von enorm viel Fett um die Leibesmitte und der Gewinn an Muskelmasse um Bizeps und Glutaeus zu verbuchen. Deshalb gönnte sich der Schriftsteller enger sitzende Jeans und taillierte Hemden von Joop. Er fühlte sich attraktiv-frisch und begann sein Spiegelbild in den Schaufensterscheiben wieder zu mögen.
Jösta Schutt lenkte seine Schritte einem Eiscafé mit einer rotweißgrün gestreiften Markise zu, auf der in violetter Schrift der Namenszug Venezia prangte. Der Schriftsteller, der sich in den letzten Jahren wegen der Kahlheit seines Schädels und des kleinen Embonpoints lieber am Rande aufgehalten hatte, faßte seine Courage zusammen und setzte sich an einen Einzeltisch in der Mitte eines bunten Treibens. Man hörte hier allerlei balkanische Sprachen, und die Betreiber des Eiscafés warfen italienische Brocken darüber. An der Grenze zum nächsten Geschäft, einem Schnellbäcker, hatte ein Stehgeiger Aufstellung genommen und intonierte den Walzer aus der Lustigen Witwe.
Schutt ließ seine Blicke über die Menge schweifen: wenige Familien, die ihren Kindern ein Spaghettieis gönnten, zumeist jeunesse dorée: Hipster mit Salafistenbärten und Veganer, die Mandelmilcheis bestellten. In einer Gruppe von recht grobschlächtigen Halbwüchsigen, einige mit Narben, fast alle die Arme bis zur Achsel tätowiert, fiel Schutt ein junger Mann auf, der urplötzlich seine ganze Aufmerksamkeit anzog. Der Junge schien ihm vollkommen schön. Ein völlig ebenmäßiges Gesicht, vormännlich nahezu noch, aber schon der pubertären Unförmigkeit entwachsen. Ein langer, zum Streicheln einladender aschblonder Schopf hing ihm ins ungewöhnlich blasse Gesicht; mochte der Junge etwas leidend sein? Auch sprach er kaum, aber entblößte dabei eine Reihe vollendeter Zähne, die gewiß gemacht waren, wie man so sagte – angesichts seiner Kumpane mochte man denken, seine eigentlichen wären ihm bei einer Enquete ausgeschlagen worden… Der Junge erinnerte ihn an die klassische Schönheit eines vollendeten Darstellers aus einer Reihe von Filmen, die eine tschechoslowakische Videofirma produzierte – und dessen entblößter Körper und seine erotischen Paroxysmen ihm bei wiederholtem Anschauen fast um den Verstand gebracht hatten. Kein Wunder, trug doch die Firma den Namen eines bestrickenden Maupassant-Helden.
Jetzt lächelte der Junge herüber, mit diesen perfekten Zähnen und mit grünblauen Augen. Man darf nicht so lächeln, raunte Schutt ganz leise, so daß ihn nicht mal die Leute am Nachbartisch vernahmen. Der Junge hielt dem starrend-verzaubertem Blick Schutts stand. Ja, er erweiterte sein Lächeln durch einen Augenaufschlag, der signalisierte, er habe verstanden. Dann zog er, wie Schutt mit Aufregung vermerkte, die Brauen hoch, erhob sich, verhandelte mit seinen Freunden, sie mögen für ihn bezahlen und ging demonstrativ langsam an Schutts Tisch vorbei, so daß der eine Woge vom süßlichen Kouros in seiner Nase verspürte. Am Bordstein blieb der höchstens neunzehnjährige Junge stehen und sah sich auffordernd nach Schutt um…der beschloß, ihm zu folgen.
Vorbei an den Taxiständen, wo der unverschämte Chauffeur, der ihn vorhin in betrügerischer Absicht auf Umwegen zum Salon gefahren hatte, an seinem Wagen lehnte und grinste, seine Kappe in der einen Hand und eine Kippe im Munde. Was sollte sich der verwandelte Schutt jetzt noch wegen des hohen Fahrpreises ärgern, der Junge, der vor ihm den Zebrastreifen zum Park hin überquerte, war jetzt wichtiger. Wie sich die Globen seines Gesäßes in der engen Hose sacht gegeneinander bewegten und wie ein schmaler Streifen weißer Rückenhaut zwischen T-Shirt und Gürtel sichtbar wurde… Dieser Schwung Nacken und Rücken und dann das Profil, wenn der Junge den Kopf umwandte, um sich zu versichern, daß Schutt ihm folgte. Gleitende Bewegung und nachsteigende Sehnsucht wurden eins. Wo der Junge war, war auch Schutts Blick.
Das endete in einem Birkenwäldchen, das jetzt im Spätsommer mit üppig rosafarbenem Heidegesträuch prangte. An den Wacholderzypressen glänzten die herben Beeren und die ersten vergilbten Blätter trudelten schon durch feine Spinnweben zu Boden. Eine übersatte Wärme hatte sich auf den Abend gesenkt.
Der Junge saß auf einer Bank, den einen Arm auf der Lehne ausgestreckt. Sein Blick ging ins Weite der leeren Parkanlage. In der horizontlosen Ferne eine Peitschenleuchte über einem roten Kiesweg, an der die Reste einer vandalisierten Überwachungskamera im warmen Wind baumelten.
Jösta Schutt ließ sich – und sein Herz zersprang fast – neben dem Jungen auf der Bank nieder. Würde seine Verwandlung bestehen? Sein Blick war der eines Diätpatienten, dem Delikatessen strengstens verboten waren und der nun eine Schale leuchtend roter, gezuckerter und mit Rahm überschwemmten Erdbeeren vor sich erblickte.
Schutt beugte sich vor, um den jungen Mann, der mit halbgeöffnetem Mund, erwartungsvoll wie es ihm schien, neben ihm saß, zu berühren. Für einen Moment blickte er in dessen grüne Augen und meinte, sich selbst, wie er einmal in diesem Alter gewesen war, zu erspähen. Doch noch bevor sich sein Mund mit dem des Jungen verband, packten den Benommenen zwei harte Hände an den Schultern, drängten ihn beiseite und warfen ihn von der Bank in den Staub. Die Freundesclique des jungen Mannes tauchte unvermittelt hinter den aufgeschossenen Wacholderbüschen auf, umringte und trat Schutt, hob ihn an, stieß ihn zurück und Faustschläge prasselten auf sein Gesicht. Grob packte ihm einer ins Haar und begriff, was er dort in der Hand hielt; er zog und schüttelte und riß so schmerzhaft das verwebte Haarteil vom Kopf, daß Schutt meinte, ihm würde ein Dornenkranz in die Haut gedrückt. Einige Fäden Bluts rannen ihm bis in den Hemdkragen.
Ein bösartiges Lachen gluckerte um den vor der Bank kauernden Schutt. Der strahlende junge Mann hielt die Brieftasche des Verprügelten als Trophäe hoch über seinen Kopf mit einer kraftvoll, jungen, hitzigen Bewegung. Noch einmal lachten alle auf und riefen einander in einer Sprache, die Schutt nicht kannte, Ermunterungen oder Schimpfwörter zu und rannten davon.
Am nächsten Tage las eine moderat empörte Öffentlichkeit in Boulevardblättern von einem gewalttätigen Übergriff, wie es schon so viele in diesem Park gegeben hatte, der diesmal den erst kurz zuvor mit viel kosmetischem Aufwand verjüngten Schriftsteller zurückließ als zerschlagenen, verdreckten und alten Mann.