Ungeklärter Todesfall

diese Geschichte erschien im Sammeband „ungelöst“

Jetzt wieder diese dämlichen Schnürsenkel. Solange sie noch lebte, hatte Lisbeth sie ihm gebunden. Auch als sie nur noch auf dem Sofa lag und darauf wartete, daß alles vorbei war. Er blieb gegenüber im Sessel sitzen und hob den Fuß auf die Polsterkante der Couch. Ihr fiel es mit jedem Tag schwerer, sich ihm zuzuwenden und aufzurichten, damit sie die Schuhe binden konnte, einen nach dem anderen. Gewiss, sie verzog dabei ihr Gesicht und oft stöhnte sie, weil ihr wieder die Schmerzen durch den Unterleib rissen, den leergeräumten. Aber es war ja sonst keiner da, der ihm die Senkel band. Allein mit der Linken ging das nicht, die Rechte war doch steifrotes Gelump, diese Krampfklaue. Sie wollten´s ihm beibringen im Lazarett, wie man mit einer Hand Krawatten bindet oder eben Schnürsenkel oder sogar schreiben mit der gesunden Linken. Aber das war nichts für ihn, das konnte er nicht und das wollte er nicht! Seine drei Krawatten hatte ihm Lisbeth schon vor langer Zeit gebunden und er achtete darauf, die Knoten nie zu lösen und zwängte sie sich über den Kopf um den Hals.

Er fummelte die Senkel mit links unter die Lasche und zurrte sie fest; das würde reichen, bis er bei der Tochter angelangt war. Die band ihm nun jeden Morgen die Schuhe zu. Konnte sie ja auch machen als seine Tochter. Er hatte sich vieles selbst beigebracht seit Lisbeth gestorben war – morgens selbst Kaffee machen mit einer Hand: er klemmte die Nescafédose mit dem steifen Arm vor den Bauch und drehte den Deckel ab. Zwei Teelöffel Pulver in die Tasse und den Tauchsieder ins Henkeltöpfchen mit dem Wasser. Das konnte er auch mit einer Hand erledigen. Aber das Abwaschen, das mußte dann die Tochter machen, wenn sie einmal in der Woche zum Putzen kam. Sieben Tassen standen dann aufgereiht in der Spüle und daneben die kippenvollen Aschenbecher. Er vergaß immer sie auszuleeren. Die Tochter machte das sowieso und spülte die dann auch.

Rauchen ging auch noch mit einer Hand. Nur das Aufpfriemeln der Zigarettenschachteln gelang ihm nicht. Er kam nicht mit dem Fingernagel unter das verklebte Cellophan und auch die Banderole ließ sich kaum aufreißen, vom Alu ganz zu schweigen. Röttges würde das für ihn machen, im Kiosk, wenn er sich seine Stuyvesant holte, der Duft der großen weiten Welt. Es waren nur noch drei Zigaretten in der Packung. Also gleich welche kaufen.

Die Schwaden der ersten Zigaretten nach dem Aufstehen hingen noch im Licht der frühen Morgensonne, das durchs Küchenfenster einfiel. Er wollte nicht mehr lüften, nur raus aus der Wohnung, wie jeden Morgen. Abends hing dann immer der erkaltete Rauch in den Gardinen und hatte sich auf die Tapeten gelegt.

Im Schlafzimmer schnappte er sich das Jackett, das er jeden Abend über dem Stuhl drapierte; meist schief, nur mit der Linken eben. Wie jeden Morgen die gleiche Quälerei in das Ding reinzukommen und die rechte Hälfte über die Schulter zu werfen. Er haßte das; früher hatte ihm Lisbeth dabei geholfen. Aber Lisbeth war nicht mehr da. Das unberührte Federbett neben dem seinen, das er auch heute wieder unaufgeschüttelt liegen ließ, machte ihm das täglich klar. Einmal in der Woche wechselte die Tochter die Laken und Bezüge beider Betten; die war ordentlich. Sie hatte schon oft gefragt, ob sie nicht Oberbett und Kopfkissen von der linken Seite wegnehmen sollte, es wäre doch Verschwendung, die saubere Wäsche dauernd zu wechseln, aber da war er jedesmal fuchtig geworden, er wollte doch kein kahles Lager neben sich.

Ein Blick noch in den Spiegel vom Toilettentisch. Sein Haar war dünn geworden, aber er hatte noch keine kahle Stelle. Er griff die Bürste von Lisbeths Garnitur aus der Glasschale und kämmte sich den Schopf streng zurück. So sah er noch immer aus wie vor dreißig Jahren als Kellner, da hielt er mit Pomade das Haar in Form. Das waren noch Zeiten, vor dem Krieg, als er im Casino in seiner weißen Jacke, die Serviette über dem rechten Arm – der machte damals was er wollte – die Offiziere bediente. Die schwarze Schurwollhose gehörte mit zu seiner Kellnererscheinung, wie eine Uniform, immer scharf auf Kante gebügelt. Jetzt kriegte er abends die Längsfalten nicht mehr so akkurat übereinander wie es sich gehörte; Lisbeth hatte seine Trevirahosen immer in den Spezialbügel eingespannt, damit sie sich über Nacht aushängen konnten. Jetzt warf er sie nur noch achtlos über den Stuhl.

Er legte die Haarbürste zurück in die lilafarbene Glasschale. Genauso lilafarben waren die Taftrüschchen auf dem Seifenpüppchen. Lisbeth hatte es vom Enkel geschenkt bekommen. Sie liebte diesen Kitsch. Ein nacktes, kleines Babypüppchen umschäumt von Rüschen, in eine Mousonseife mit Nadeln eingestochen. Der Enkel machte sowas im Kindergarten. Nicht gerade eine Bastelei für Jungen.

Er griff das Püppchen und hielt es unter seine Nase. Die Seife duftete schon lange nicht mehr. Eigentlich ein nutzloser Staubfänger, sagte seine Tochter, aber er mochte ihn trotzdem nicht wegwerfen.

Mit zwei Fingern fischte er sein Gebiß aus dem Kukidentglas neben der lilafarbenen Schale und pappte die Zähne mühselig in den Oberkiefer. Unten waren die Beißer auch nicht die besten, ob er sich da noch einen Ersatz machen lassen sollte? Es war eine Viecherei gewesen als der Zahnarzt ihm die restlichen Stumpen aus dem Oberkiefer gerissen hatte. Nein, kein zweites Mal, es lohnte nicht mehr. Die obere Gebißhälfte saß auch nie ganz richtig, selbst nachdem sie korrigiert worden war. Keine neuen Zähne mehr, beschloß er.

Zuletzt nahm er sein Portemonnaie von der Frisiertoilette; er zog es abends immer aus der Gesäßtasche, es beulte sie aus. Viel war nicht mehr drin; aber heute war ja auch der erste, er würde gleich seine Rente abholen.

Als er am Bett vorbeilief zur Tür, fiel sein Blick wie jeden Morgen, auf das paßkleine Photo vom Arthurlein, das auf seiner Kommode lag. Seit bald einem Jahr. Er hatte nicht gewußt, wohin damit. Es war zu klein, zu alt und zu zerknittert, um es in das einzige Photoalbum einzukleben, das er besaß. Da drin waren die letzten Photos von Lisbeth, aufgenommen in der Kur. Er streckte vor der Kamera seine Hand aus, die gesunde, die schlanke, die bewegliche und Lisbeth, in der Ferne auf der Promenade markierte, sie blicke zu ihm hinauf. Und er blickte auf seine Handfläche mit der langen Lebenslinie…nachher wirkte das im Bild so, als trüge er die Zwergin auf Händen. Ein Scherz.

Das winzige Photo vom Arthurlein, das hatte die Lisbeth fünfunddreißig Jahre in ihrer Börse stecken. Es war das einzige, das sie von dem Kind hatten. Eine Kamera konnten sie sich damals nicht leisten. Er wußte schon nicht mehr, wer das Bild gemacht und ihnen den kleinen Abzug geschenkt hatte, von dem Söhnchen, gerade mal drei, in dunkelblauer Jacke und dunkelblauer Hose und schwarzen Schühchen – an die gedeckten dunklen Farbtöne konnte er sich noch genau erinnern. Das Arthurlein lacht nicht und schaut ernst in die Welt. Ein paar Wochen darauf ist er an Diphtherie gestorben. Der hatte sich gequält in seinen letzten Tagen, der Blondschopf, das einzige Söhnchen, dann kam zwei Jahre später die Tochter, die hatte nicht so ein zartes Gesicht.

Vorsichtig faßte er mit zwei Fingern ein Eckchen des Photos und steckte das Bild behutsam in die Brusttasche. Er konnte es doch da auf der Kommode nicht liegen lassen für immer.

Neben der Tür hingen Wohnungs- und Hausschlüssel an einem geschnitzten Holzbrettchen. Das hatten sie von ihrem einzigen kurzen Urlaub – eine Woche – mitgebracht: der Titisee, eine blau angemalte Vertiefung, rundherum die dunklen Tannen und darüber in geschwungener Goldschrift: Gruß vom Titisee. Er griff den Schlüsselbund, öffnete die Tür und zog gleich wieder hinter sich zu. Warum er immer so sorgfältig abschloß, es gab doch bei ihm nichts zu holen. Aber das wußten Einbrecher ja nicht. Und hier im Treppenhaus waren schon öfter merkwürdige Gestalten von der Kneipe im Parterre aufgestiegen, nachdem sie unten auf dem Klo gewesen waren. Das lag auf der ersten halben Treppe. So besoffen konnte man doch nicht sein, daß man die Treppe hinauf- statt wieder hinunterlief zur Verbindungstür in die Kneipe, das waren sicher irgendwelche Gauner gewesen. Trotzdem, es war ihm egal, er wollte nicht mehr den Schlüssel mit links ins Loch bugsieren. Die Hand war ja in Ordnung, gesund, intakt, wie der Doktor sagte, aber sie begann leicht zu zittern und ungeschickt war sie sowieso! Links eben. Er war Rechtshänder gewesen. Rechtshänder! Bis heute schallte ihm die Mahnung seiner Mutter im Ohr: willst du wohl das richtige Händchen geben? Wie sich das gehört? Und dann streckte der kleine Junge rasch und errötend die Rechte aus, die richtige Hand und machte einen Diener. Wenn jetzt aber auch noch die Linke anfing, die nichtsnutzige Ersatzhand, zu versagen… mit der Rechten konnte er aber nicht einmal nach dem Holzgeländer greifen. Und eines auf der linken Seite gab es nicht, nur diese schmierige geölte Wand, aus der die getrockneten Farbtropfen sich wie kleine Zinken ausmachten. Daran konnte man sich die Haut aufreißen. Andersrum die Treppe rauf war ja nicht so schwer, da mochte er sich noch hinaufziehen. Aber dieses Balancieren auf der Treppe nach unten fiel ihm immer schwerer. Es gab ja nicht mal gescheite Lampen, keine Fenster im Treppenhaus und dann tags und nachts über dieses miese gelbe Licht aus den Kugelleuchten, zwanzig Watt. Der Hauswirt war zu geizig. Das waren noch immer die gleichen Lampen wie damals als sie eingezogen waren vier Jahre nach dem Krieg, endlich zurück aus der Evakuierung in den Nissenhütten vor der Stadt. Das Haus hatte nicht viel abgekriegt, keine einzige Bombe, nur die Fenster waren draufgegangen. Glück gehabt, die waren schnell repariert. Das Geld war bald dafür da, denn die Kneipe unten im Parterre war auch heil geblieben und brachte rasch wieder Pacht für den Hauswirt, gesoffen wurde immer.

Das Bier mußte nicht weit hertransportiert werden. Schräg über die Straße lag die Brauerei, von den Trümmern war schon lange nichts mehr zu sehen – die Fässer wurden von da bloß über die Straße zur Kneipe gerollt. Immer mittwochs roch das ganze Viertel nach dem neu angesetzten Sud, süß und klebrig hing die Luft in den Straßen und in den Zimmern, besonders im Sommer. Es hatte keinen Sinn, die Fenster geschlossen zu halten, der Geruch zog durch alle Ritzen. Lisbeth ekelte das nur noch in ihren letzten Wochen, wenn sie tagsüber auf der Couch lag.

Ein anderer Geruch kroch vom ersten Stock bis nach unten in den Hausflur: dieses Gemisch aus Männerpisse und Urinstein, beides beißend. Den Gestank kriegte man nicht mehr aus den Toiletten auf dem Zwischengeschoß zwischen Parterre und erster Etage heraus. Man hätte sie wohl ganz wegreißen müssen. Die Pissbecken hatten sogar den letzten Angriff heil überstanden, das war ja auch noch Vorkriegsware gewesen.

Die Lichtkugel im Eingangsbereich des Hausflurs war blind, hier gab es nur das Licht, das durch die farbigen Butzenscheiben der Haustür zu Straße hereinfiel. Gelbe und rote und grüne Flecken auf dem Marmorboden, ein billiger Marmor mit vielen Einschlüssen wie ungezählte Leberflecken.

Auf der vorletzten Stufe knickte er mit dem Fuß um und konnte sich gerade noch auffangen. Es war als wäre er über das Mosaik aus Licht gestolpert. Er hatte sich erschrocken, denn die Verbindungstür zur Kneipe wurde hart aufgestoßen. Die Putzfrau schob ihren scheppernden Eimer mit dem Fuß vor sich her. Auch sie erschrak weil jemand aus dem Schatten der Treppe auf sie zustürzte. Aber sie erkannte ihn sofort. „So früh schon unterwegs?“ fragte sie ohne große Neugier.

„Es ist Zeit“, erwiderte er. „Wir haben den ersten. Ich muß meine Rente holen!“

„Schön, daß Sie noch eine haben“, knurrte sie. „Sie sehen ja selbst, “ und stieß mit dem Schrubber gegen ihren Blecheimer“, ich muß mir noch was dazu verdienen! Es geht nicht anders!“

Er nickte der rabenartigen Gestalt zu. Zerzaustes graues Haar und keine Zähne mehr im Mund. Die konnte sich kein Gebiß leisten. Er selbst mußte sich auch etwas dazu verdienen. Die Invalidenrente war ein Witz. Seit sie Lisbeth vor einem Jahr aus der Klinik entlassen und nach Haus gebracht hatten, damit sie die letzten Wochen auf dem Sofa verbrachte, in vertrauter Umgebung wie der Doktor sagte, der alle Tage kam, um ihr was zu spritzen, was dann auch nicht mehr besonders gegen die Schmerzen half, seit also Lisbeth nur noch auf dem Sofa lag und dahindämmerte, konnte er nicht mehr ins Kino. Das war eine einfache Arbeit gewesen, die schaffte er sogar mit der linken Hand. Platzanweiser mit großer Taschenlampe, fast wie ein leuchtender Marschallstab: er war der Marschall von Loge, Sperrsitz, Parkett…das gefiel ihm.

Hier fühlte er sich selbst im Dunkeln auf dem glatt gebohnerten Parkettboden sicher. Schon im Krieg hatte er als Invalide hier gearbeitet. Dafür taugte er noch. Fünfundzwanzig Jahre war er die Stufen zum Balkon den verspäteten Besuchern vorausgegangen, dafür brauchte er keine rechte Hand. Jetzt vermißte er den besonderen Geruch, der aus den Polstern und den kunstseidenen Stoffwellen an den Wänden strömte. Das war der Geruch des Residenz-Kinos. Den hatte er zuerst gerochen, als er das allererste Mal, noch ein Junge von 15 Jahren, hineingestolpert war. Damals war es längst nicht so luxuriös gewesen, ein Kintopp eben: ein ehemaliger Festsaal mit bierfleckigen Wänden, nun mit zehn Reihen an Polstersesseln und im Parkett nur einfache Holzstühle. Es gab noch keinen Vorhang, der mit einer Motorvorrichtung zurückgezogen wurde, wie heute. Nur das weiße Leinen, auf die schwarz getünchte Wand aufgeklebt. Er hatte sich die zwei Groschen für den Eintritt abgezwackt von seinem Lohn bei Küddelfegers Anton, dem er half die Pferdescheiße zu sammeln. Wertvolles Heizmaterial im ersten Krieg. Vor der Leinwand klimperte ein Klavierspieler auf seinem Instrument und dann erlosch das Licht und ein Schattenspiel erschien. Das hatte er nie vergessen – er mußte viel lesen, die Zwischentitel. Das haßte er damals. Zweimal kleben geblieben und mit zwölf aus der Schule ohne Zeugnis. Aber wenn man nicht las, dann verstand man nicht, was da ablief im Golem. Was für eine düstere Gestalt, ein Ungeheuer, tapsig und steif, als hätte es kein Gefühl, als wären die Gliedmaßen wie gelähmt, fast unbeweglich. Und in dem Gesicht ohne Mienenspiel rollten nur die Augen und es war, als spräche der Mann aus Lehm mit diesen Augen, denn eine Stimme gönnte ihm der Stummfilm nicht.

Das war sein erster Film, so verwirrend und fesselnd wie der Geruch vom Nebensitz; es roch nach Knize. Den Duft kannte er von den jungen Leutnants, denen seine Mutter die Uniformen wusch. Da hockte neben ihm ein Gymnasiast vom Altsprachlichen, der zerknauschte, wenn’s gruselig wurde, seine Kappe zwischen den Fingern. Wie der rein und angenehm roch, nach Seife und Parfum. Der hatte ein schönes Gesicht, das konnte er selbst im Zwielicht erkennen, ordentlich gekämmt, der Kragen sauber und einmal lächelte der sogar herüber. Er schämte sich für seine Zerzaustheit und fürchtete, man könnte vielleicht die Pferdeäpfel riechen, die Spuren an seinen Hosenbeinen hinterlassen hatten. Er selbst nahm den Gestank schon lange nicht mehr wahr, aber der neue Geruch von diesem schönen Gymnasiasten ging ihm nicht aus der Nase. Niemals, genauso wie der Geruch des Kinos.

Als er, der Invalide, mitten im zweiten Krieg im Residenz Platzanweiser wurde, der mittags, bevor die Vorstellungen begannen, noch mit der Bohnermaschine durch den Saal fuhr – das machte Mühe, aber ließ sich auch mit einer Hand bewerkstelligen – war es ein Nachhause kommen. Natürlich drucksten da längst keine Gymnasiasten mehr in den letzten Reihen, die ihre Kappen zerknautschten. Landser auf Heimaturlaub stierten notgeil Zarah Leander an und La Jana. Sowas wie den Golem zeigten sie nicht mehr. Und nachdem das Residenz mühselig und schnell wieder zusammengezimmert worden war, saßen im Parkett ganze und halbe Familien, um sich die bunten Filme aus den Alpen anzuschauen.

Wenn der Saal voll war und der Hauptfilm lief, dann stellte er sich zur Kassiererin in den Glaskiosk im Foyer, ließ sich von ihr aus der Thermoskanne Kaffee einschenken, unterhielt sich mit ihr über die alten Filme, die auch sie noch kannte, und streichelte ihren grauen Zwergpudel.

Als es mit Lisbeth rapide bergab ging und man sie nicht mehr im Krankenhaus behalten wollte, weil nichts mehr zu machen war, so daß sie nur noch matt und mit Morphin vollgepumpt auf dem Sofa lag, mußte er die Arbeit aufgeben. Nachdem sie gestorben war, fragte er nach, ob er wieder anfangen könnte, aber der Besitzer hatte bedauernd mit den Schultern gezuckt, die Stelle sei schon mit einem jungen Mann besetzt und er sei ja nun auch schon Rentner und solle sich doch eine ruhige Zeit machen.

Kein Kino mehr! Der blöde Metzapparat, den ihm seine Tochter und sein Schwiegersohn angeschleppt hatten, konnte doch das Kino nicht ersetzen, es gab keine perlmutterbesprenkelte Leinwand, keinen roten Samtvorhang und vor allem nicht den Geruch, der aus den kunstseidenen Stoffwellen an den Wänden strömte und manchmal eine Spur von Knize, die aus der Loge herüber wehte. Da saßen die besseren Leute.

Er trat aus der Haustür, die hinter ihm durch den Gewichtsmechanismus zugedrückt klickend ins Schloß fiel. Das war eine saubere Morgenluft. Der Sprengwagen war noch nicht lange vorüber und der Asphalt glänzte feucht. Aber morgen, morgen würde wieder dieser leicht aasige Geruch des Biersuds herüberwehen. Im Hochsommer vor fünfundzwanzig Jahren, als er das Lazarett in Belgien zu Spaziergängen verlassen durfte, und die Hitze auf dem ganzen Gelände lastete, stank es aus einer Baracke fast ebenso so süßlich. Da lagerten sie die Leichen; die begannen schnell zu stinken und mit dem Beerdigen kamen sie nicht nach.

An der Straßenecke, über dem Eingang, bäumte sich, groß wie ein Schaukelpferd das „Weiße Rössl“ aus bemalten Holz, das der Kneipe den Namen gab, in seinem Eisenring und schwankte sacht im Wind. Nie hatte er sich Gedanken gemacht, ob es herunterfallen könnte. Es war sicher schwer und hätte einen Menschen bestimmt erschlagen. Selbst die Bomben hatten ihm nichts antun können. Es blieb da oben hängen, immer im Sprung, das weiße Roß.

Um die Ecke herum zum Kiosk von Röttges. Der schnallte gerade verschiedene Zeitungen, die um fünf angeliefert worden waren, in die Halterungen. Er hörte im zweiten Stock stets, wenn das Fenster geöffnet war, wie die Packen vor die Tür geschmissen wurden.-

„Morgen Arthur, bist ja heute sehr früh!“ grüßte Röttges.

„Heute ist der erste“, antwortete er knapp und Röttges verstand – Rente abholen, zur Tochter wie immer! Rentner haben es eilig!

Röttges fischte eine BILD vom Stapel und faltete sie so zusammen, daß man sie bequem in die Jackettasche schieben konnte.

„Und Stuyvesant!“

„Nur eine, Arthur? Du willst doch nicht auf deine alten Tage mit dem Schmöken aufhören?! Lohnt nicht mehr!“ und Röttges gackelte über seinen müden Witz.

„Eine reicht mir heute. Machst Du mir sie auf?“

„Aber klar doch, wie immer“, und Röttges nestelte am Cellophan, zog einige Zigaretten heraus und bot sie seinem Kunden an. Er nahm eine und ließ sie sich von Röttges mit einem der Benzinfeuerzeuge anzünden, die in einer kleinen Glasvitrine auf der Theke zum Kauf angeboten wurden.

„Is´ vielleicht auch nicht das Schlechteste, sich ein bißchen einzuschränken mit dem Rauchen. Seit der Magenoperation darf ich ja eigentlich überhaupt nicht mehr,“ Röttges rieb mit der Hand über seinen Oberbauch; früher hatte das Hemd gespannt, jetzt war es viel zu weit und der Gürtel darunter hatte noch ein paar Löcher mehr gestanzt bekommen, damit die schlackernde Hose auf seinen Hüften hielt. „Nich´ so einfach, sich zusammen zu nehmen, auch wenn du nur noch einen halben Magen hast, das kann ich dir sagen!“

Er hörte sich Röttges übliche Predigt über seine Operation an, die immer damit endete, daß er dem Düwel gerade noch mal von der Schüppe gehopst sei. Bisher war er selbst von diesen Krankheiten verschont geblieben. Überall hörte er nur von Herzklabustern und Krebs; und er hatte das Elend ja auch jahrelang vor Augen gehabt: wie Lisbeth immer weniger wurde, im wahrsten Sinne des Wortes, bis sie ihr nichts mehr herausschneiden konnten; die Blase, die Nieren, ach der ganze Unterleib fast rausgeholt und bestrahlt, doch immer wieder kam die Scheiße von Neuem. Röttges hatte noch Glück gehabt, bisher keine Metastasen. Der konnte sich noch genüßlich die Narbe am Bauch reiben und sogar ab und zu eine Kippe genehmigen. Lisbeth war Stück für Stück weniger geworden, am Schluß fiel ihr selbst das Trinken schwer, denn wenn das wieder rauskam, dann nur noch unter Schmerzen.

Während Röttges von dem ganz großartigen Professor soundso in der Universitätsklinik in Münster faselte, klaubte er aus seiner Hosentasche mit links einen Fünfer und hielt das Geldstück Röttges hin. Endlich unterbrach der seinen Schwall, zog die Kassenschublade auf, drückte ihm das Wechselgeld in die ausgetreckte Hand und dazu die geöffnete Stuyvesantpackung.

„Ach, beinahe hätten wir´s vergessen. Der Lottoschein, Arthur“, Röttges wies auf das Drahtgestell mit den Tippscheinen für Lotto und Toto.

Er hatte schon gar nicht mehr daran gedacht und warf einen abschätzigen Blick auf die Formulare; dann schüttelte er den Kopf:“Nein, danke, heute nicht!“

„Oh, was ist los? Keine Lust mehr, endlich doch noch ´ne Million zu gewinnen?“

„Heute nicht“, wiederholte er mit Nachdruck und machte einen großen Schritt auf die Tür zu.

„Na, dann nicht, Arthur, schönen Tach… und viele Grüße an deine Tochter!“

In das Gebimmel, das die kleine Türglocke über ihm ausschüttete, murmelte er einen halbherzigen Gruß zurück und verließ den Kiosk. Auf dem Trottoir davor blieb er stehen und blickte die ganze lange Straße hinab. Die Häuser in der Ferne verschwammen im aufsteigenden Dunst. Die Güterbahnhofstraße – auf der einen Seite Einfamilienhäuser, die vor zehn, fünfzehn Jahren gebaut worden waren, auf der anderen das endlos lange Bahndepot aus altem, rotem Backstein, den hatten die Frauen nach dem Krieg aufgeklaubt und vom Speis gereinigt mit Hämmern, die Frauen. Er konnte ja nicht. Lisbeth war auch darunter gewesen mit der Tochter. Das brachte ein paar Mark.

Ganz weit dahinten stand auch noch an einen Lattenzaun angelehnt die alte verpichte Bretterkate, in der sie nach den Bombenangriffen kurz untergekommen waren bevor sie in die Nissenhütten zogen. Da wohnte noch immer seine Mutter. Er war schon seit Wochen nicht mehr bei ihr gewesen. Aber was hätte er mit ihr reden sollen. Die wurde von der Gemeindeschwester versorgt und dämmerte den ganzen Tag in ihrem Sessel vor sich hin. Verstand war nicht mehr viel übrig geblieben, die Angst in den Bombennächten hatte ihr den ausgetrieben. Die hatte zu viel Angst gehabt in ihrem Leben, schon im ersten Krieg, als der Mann und zwei Söhne im Felde geblieben waren. Und der zweite Krieg war dann einfach zu viel für sie gewesen. Die mußte bei der Hand genommen werden wie ein Kind. Was für eine dürre und knochige Hand die eigentlich hatte. Als er ein Junge gewesen war, hatte er Respekt vor dieser Hand gehabt; was hatte die ihn verprügelt mit der rohen Wäscherinnenhand ins Gesicht, auf den Rücken, wohin sie auch traf, als sie rausbekommen hatte, daß er die zwanzig Pfenning, die am Lohn von Küddelfegers Anton fehlten, abgezweigt hatte fürs Kino. Erst vor ein paar Jahren stellte er verwundert fest, daß die Mutter viel kleiner war als er, einen ganzen Kopf und die Hand, mit der sie ihn geprügelt hatte, war grau geworden, fleckig und sehnig. Die war wie ein Kind mit alter Haut.

Zuzeiten drehte sie durch. Wenn eine Ladung Stahl am Güterbahnhof gegenüber mit großem Getöse abgeladen wurde, dann hielt es sie nicht mehr in ihrem Ohrensessel, in dem sie den ganzen Tag verdöste. Neulich war sie aufgesprungen und wollte mit ungeahnter letzter Kraft aus dem Fenster springen. Die Gemeindeschwester, die zufällig hereinkam, konnte sie gerade noch am Rockschoß packen. Sie wehrte sich mit unerwarteter Stärke, die sonst so schwache alte Frau. „Laßt mich in Ruhe“, kreischte sie, „ich will Schluß machen!“ Dann sank sie wieder in ihren Lehnsessel zurück und jammerte noch eine ganze Weile, bis sie den Vorfall wohl wieder vergessen hatte. Es war ihr nichts geschehen, bei dem Versuch, sich in den Vorgarten zu stürzen, aber sie hatte ihren Dutt und ihr Gebiß verloren. Der Dutt fand sich in den Rosenbüschen, aber ihre Zähne waren nicht aufzufinden.

Er mußte lachen, dazu gehörte wohl schon was, sein Gebiß zu verlieren. Was sollte er noch bei der alten Frau ohne Verstand, die würde im nächsten Jahr neunzig werden! Neunzig! Keiner in seiner Familie war je so alt geworden. Er schüttelte den Kopf und seufzte; als die ein Kind war, gab es noch nicht einmal elektrisches Licht. Und er hatte vor ein paar Wochen des Nachts vor dem Fernseher gesessen und zugeschaut wie zwei Amis aus einem seltsamen Gestell herausstiegen und die Oberfläche des Mondes betraten. Das war so weit weg. Das konnte doch alles nicht wahr sein!

Nein, er würde seine Mutter heute wieder nicht besuchen, die war versorgt und wenn die aus dem Fenster steigen würde, dann landete die in den Rosen, aber nicht im Mondstaub. Er blickte auf die Armbanduhr, die er nur bei seiner Tochter ablegte, damit die sie ihm aufzog. Kurz nach neun. Die Post hatte geöffnet. Jetzt konnte er seine Rente abholen. Immer der gleiche Weg dahin: wieder zurück ums Kneipeneck bis zur neuen Überführung über die Ausfallstraße, die aus der Stadt führte, von da schräg über den Stadtwall und durch ein Gäßchen bis zur Hauptstraße und zur Post.

In der Mitte der Brücke über die Bundesstraße blieb er stehen und lehnte sich an das grün gestrichene Geländer: unter ihm huschten die Wagen durch die Senke. Eine Kuhle im Gelände, eigens tiefer ausgehoben als vor dem Krieg, da reichte eine einfache Straße, eine einfache gemauerte Überführung für die Fußgänger und die Bahn. Jetzt war das Ganze ein Riesending aus Stahl und Beton. Aber auch eine Falle. Vor drei Jahren, er vergaß es nicht, mitten im Sommer, der Enkel war da und spielte mit Lisbeth „Mensch ärgere dich nicht“ und die ließ den doch immer gewinnen und es gefiel ihr, für den Enkel zu verlieren, der so aussah wie das Arthurlein, sie war ganz vernarrt in den, während die beiden noch würfelten also, und Lisbeth dabei mogelte, um zu verlieren, kam ein Wolkenbruch herunter wie er ihn noch nie erlebt hatte. Man konnte gar nicht so schnell gucken, wie diese Straßenkuhle unter der Überführung voll lief. Ein Auto steckte darin fest, ein Volkswagen von irgendeinem Altenheim, das Wasser schwappte über das Dach. Der Fahrer konnte sich retten, der tauchte irgendwie auf durch das Schmutzwasser. Aber die Frau, die er gefahren hatte, ertrank darin. Sie hatten es gar nicht bemerkt als sie aus dem Fenster starrten, Lisbeth, der Enkel und er. Es war nur die Wucht des braunen Wassers zu sehen, das in der Senke wogte. Und erst am nächsten Tag las er in der Zeitung, daß da vor seinen Augen, eine Rentnerin ertrunken war, kaum älter als er selbst.

Inzwischen hatte man Ablaufvorrichtungen in der Unterführung eingebaut; wenn von der südlichen Hochfläche Wassermassen bei Wolkenbrüchen herunterschossen, dann konnten sie abfließen. Tote würde es da nicht mehr geben.

Der Wind war frisch heute Morgen. Der Himmel strahlte noch sommerblau, aber die Böen schoben aufgetürmte Wolken vor sich her. Er hatte das Kriegerdenkmal an der Promenade erreicht und blickte über den schwarzen, polierten Stein nach oben. Das Licht war nicht mehr ganz so leuchtend wie in den letzten Wochen. Der August war fast vorüber und wie auf Kommando färbten sich die Blattränder der Kastanien bereits. Man mußte schon genau hinsehen, um das zu entdecken, aber es entging ihm nicht. Bald würden vor dem Mahnmal die Blätter rascheln. Die vergoldeten Namen, die dort eingemeißelt waren, leuchteten ab September um diese Tageszeit, weil die Sonne in sie einfiel wie sonst nie im Jahr. Zwei Felder mit den Gefallenen der beiden Kriege: das erste groß, aber größer das Zweite. Am Ende der Liste auch Theos Name: fünfzehn Mal Schröder, der war ja nicht selten, der Name, aber nur einmal Theo. Sie waren beide schmucke Kellner gewesen in den schwarzen Schurwollhosen und den weißen Jacken und mit den Servierten überm Arm. Sie glichen einander wie Brüder, aber er war eben doch ein wenig größer. Theo reichte ihm bis zur Schulter; so konnte man sie unterscheiden – aber ansonsten: sie trugen den Scheitel auf der gleichen Seite und grinsten gleich und bedienten beide mit Charme, wie der Oberkellner spöttisch sagte. Wer wohl von beiden seine Stelle bekommen würde, wenn der Ober zum Heer mußte? Sie erfuhren es nicht und eigentlich war er froh, daß sie keine Konkurrenten wurden, denn sie waren eher eingezogen worden als der Oberkellner. Die grauen Heeresuniformen waren nicht mehr so schmuck. Und man unterschied sie jetzt nach den Orten, an die sie versetzt wurden: er wurde der Franzosen-Arthur von der Somme und Theo, Rußland-Schröder. Einmal schrieb Theo noch aus Stalingrad, bevor der Winter da drüben einsetzte.

Er überquerte den Stadtring und erreichte das Ende der engen Einkaufsstraße. Die Zulieferautos parkten auf dem schmalen Trottoir und die Fahrer entluden Waren für die Geschäfte. Auf der Straße durften sie nicht halten, da sie sonst der Straßenbahn den Weg versperrten. Das sollte ja nun alles anders werden ab dem nächsten Jahr. Dauernd waren Vermessungstrupps unterwegs in der Stadt, die Maß nahmen für die neue Fußgängerzone. Alles, alles sollte neu und weit und großzügig werden. Auch die Post. Sie war nach dem Krieg an der gleichen Stelle genauso aufgebaut worden, wie sie zuvor ausgesehen hatte. Ein imposanter grauer Bau mit einer breiten Prachttreppe davor. Die Post war ein Amt, eine Behörde. Und so wie am Eingang der späteren Fußgängerzone ein Schaukasten mit bunten Zeichnungen das kommende Bild der Straße zeigte, zeigte seit einigen Wochen ein ebensolcher Schaukasten vor der Post den Neubau, der ab Oktober in Angriff genommen werden sollte. Eine kleine Tafel daneben bat um Verständnis für die zeitweiligen Behinderungen und wies auf die Ersatzschalterräume hin, die während des Abrisses und Neubaus zur Verfügung standen. Heute würde er zum letzten Male seine Rente in diesem alten Bau abholen.

Um diese Zeit waren nur Rentner wie er im Saal. Vor dem Zahlschalter hatte sich bereits eine kleine Schlange gebildet; die wollten alle ihre Rente. Eigentlich kannte ihn der Beamte schon seit Jahren, aber mit noch drei anderen vor sich, suchte er bereits seine Brieftasche mit dem Personalausweis. Die Leute waren natürlich korrekt. Der Mann hinter dem Schalter grüßte ihn längst mit Namen, aber wollte dennoch wie immer den Ausweis sehen, um sich auch wirklich zu überzeugen, wer da vor ihm stand.

Dann erst fragte der Mann: „Wie viel wollen Sie ausbezahlt bekommen?“

„Alles! „, sagte er plötzlich knapp und entschieden.

„Alles?“ fragte der Beamte, „gleich am ersten?“

„Alles“, sagte er diesmal mit Nachdruck. Der Beamte zog die Augenbrauen in die Höhe, blätterte die lächerlich wenigen Scheine auf die Theke und zählte die Summe dabei halblaut vor.

Er nickte seinen stummen Dank, steckte das Geld in die Brusttasche und verließ die Schalterhalle. Auf der Treppe draußen blieb er einen Augenblick stehen und berührte die Jackettbrust. Das war alles für den ganzen Monat, wie immer. Rente, dazu der kleine Invalidenzuschuß von der VDK und sonst nichts. Er hatte noch nie in Geld geschwommen. Ja, damals, da gab es noch die Trinkgelder. Aber selbst die mußten die Kellner und Piccolos zusammenlegen und mit dem Oberkellner teilen; so strenge waren die Bräuche im Offizierskasino. Aber immerhin, er kam über die Runden und es reichte sogar manchmal für einen Ausflug mit Theo am Wochenende in der Straßenbahn zu den Externsteinen. Aber spätestens um zehn mußten sie zurück, denn dann fuhr die letzte Tram. Einmal waren sie übermütig gewesen, zur Sonnwendfeier und hatten wohl ein paar Biere zu viel gekippt und die Bahn verpaßt. Da blieb ihnen nichts weiter übrig, als dort im Freien zu übernachten. Ein paar verrückte Lebensbündler und Spätgermanen trieben sich da herum und bliesen morgens um vier Fanfaren und waren ganz aufgeregt, als sich die Sonne oben im Loch der Steine zeigte und ihr Licht auf die Kapellenwände warf. Sie hatten die Nacht nebeneinander zwischen ein paar Büschen verbracht, nicht viel geschlafen, sondern sich immer wieder erzählt, was sie machen würden, wenn sie eine bessere Stellung hätten, vielleicht später gemeinsam eine eigene Kneipe aufmachen oder sogar ein richtiges Wirtshaus mit Speisenangebot. Theo hatte Rosinen im Kopf und grinste als er das sagte und er verwuschelte seinem Freund mit der Rechten die sorgfältig zurückgekämmten Haare. Übernächtigt hockten sie nebeneinander und lauschten auf die durchdringenden Lurentöne, die die Bläser eines Germanenvereines da oben auf den Steinsäulen produzierten. Es war die schönste Nacht, an die er sich erinnern konnte. Keine Kirchenglocken wie in der engen Stadt, sondern weit ins Land hallende tiefe, dumpfe, männliche Töne und die Vögel, die davon geweckt worden waren und das Grün der Eichenwälder.

Er war am Marienplatz angelangt. Hier mußte er abbiegen und vorbei an der Säule mit der Gottesmutter. Auf dem Sockel brannten immer mehrere Grabkerzen; erlosch eine, wurde mit Sicherheit ein neue angezündet. Wie auf einem Friedhof. Er fand das lächerlich: ewiges Licht, ewige Anbetung. Seine Tochter war die ersten Wochen nach Lisbeths Tod jeden Tag auf den Friedhof gerannt, obwohl sie doch besseres zu tun hatte, als dort täglich so eine Kerze anzuzünden.

Was sollen denn die Verwandten denken, wenn sie zum Grab kommen und es brennt keine Kerze, sagte sie, als sie sich beklagte, er könne auch mal ein paar Mark rausrücken, damit sie neue Kerzen kaufen konnte. Er gab sie ihr, damit Ruhe war. Die Tochter war fromm; die hatte einen Evangelischen geheiratet und war übergetreten und hatte deshalb ein schlechtes Gewissen. Der junge Mann war ruhig und unauffällig, nur seine Mutter war ein ostpreußischer Besen. Ziemlich rabiates Weib. Aber er hatte ja nur damals bei der Hochzeit mit ihr zu tun und dann noch mal bei der Kindstaufe, ein paar Jahre später. Er konnte die Frau nicht leiden. Die war fast so alt wie seine Mutter, aber ein zäheres Luder. Die hatte einen Schlaganfall halbgelähmt überstanden, aber sich so zusammengerissen, daß sie jetzt wieder mit Mitte Achtzig, allein lebte ohne Hilfe. Der machte das nichts aus, allein zu leben. Die las das Ostpreußenblatt rauf und runter oder Arztromane, diese Hefte, die auch Röttges anbot für achtzig Pfennig das Stück, die strickte sich ihre Schlüpfer länger und sang dabei Lieder aus Danzig und Königsberg und „Aus der Jugendzeit“! Die roch immer etwas nach Pisse weil sie´s seit dem Schlag nicht immer halten konnte, das mochte er auf den Tod nicht leiden; wenn ihm etwas in die Unterhosen getropft wäre, nicht auszudenken. Das wäre das Ende, soweit sollte es nicht kommen.

Vor der Mariensäule stellte sich eine Nonnengruppe auf. Die wollten doch wohl nicht anfangen, zu plärren? Aber sicher, die Vorsteherin gab den Einsatz und dann legten sie los von der Himmelskönigin und Jungfrau. Was die für ein Geschiss um Jungfrauen machten. Nur deshalb hatte er Lisbeth ja geheiratet, damit es keinen Schimpf gab und keine Schande. Ihr Vater hatte ihn spätabends am Personaleingang des Offizierscasinos abgepaßt. Theo war noch drin und hängte die weiße Jacke in seinen Spint.

„Arthur“, raunte Lisbeths Vater im Schatten der Litfaßsäule „Arthur, „ und blickte sich verstohlen um. Aber es war niemand mehr in diesem Gäßchen um diese Zeit unterwegs, der sie bemerken konnte.

„Wartest du auf mich?“ fragte er und drehte sich zur Tür um, „Theo kommt gleich noch. Wir wollen noch rüber zu Wiemuths Tette und einen Schlürschluck nehmen!“

„Bin auch gleich wieder weg“, murmelte der Vater; ein Nachbar, den er seit seiner Kinderzeit kannte. „Ich muß dich sprechen, Arthur!“ Der machte es geheimnisvoll und dringend. Sie verabredeten sich auf eine Stunde später, niemand sollte von ihrem Treffen hinten auf dem Hof, im Schuppen wissen. Auch Theo sollte er nichts sagen und das behagte ihm gar nicht. Fast jeden Abend nach der Arbeit im Offizierscasino gingen sie noch hinüber zu Wiemuths Tette, dem einzigen Nachtlokal der Stadt, um ein Bier zu trinken. Dort trafen sie stets auf ein paar ihrer Gäste vom Casino, die den einzigen drei Nutten im Ort in den Armen lagen und manchmal mit einer im Hinterzimmer verschwanden. Theo liebäugelte ab und zu mit der jüngsten und das behagte ihm nicht. Aber heute Nacht war Theo sehr müde und wollte bald nach Hause. Er tätschelte ihm mit seiner damals noch gesunden Rechten die Wange und spürte die Stoppeln, die nachts schon wieder rauh und stachelig waren, obwohl Theo sich doch morgens immer ganz blau rasierte. „Nacht, Theo, mein Junge, bis morgen“ und Theo berührte seinen Arm wie jede Nacht und knurrte vor lauter Müdigkeit sein „bis morgen“ dazu.

Lisbeths Vater hockte bei einer halben Flasche Korn – die andere Hälfte hatte der bestimmt schon intus, jedenfalls roch er danach – in seinem Schuppen mit den Kanninchenkisten. Es war still, nur eine funzelige Karbidlampe gab Licht und die Augen der Karnickel leuchteten aus der Dunkelheit.

„Arthur, ich komm gleich zur Sache“, legte der Mann los, aber kippte dann doch noch einen Korn weg, denn er mußte sich Mut antrinken. „Du weißt, die Lisbeth ist schon 24 und klein und knubbelig, das ist so in ihrer Familie. Eine Schönheit ist die nicht, das geb ich zu. Aber wie die das jetzt geschafft hat, das weiß ich nicht! Die hat einen Braten in der Röhre. Und das Luder sagt nicht von wem. Ich kann´s mir schon denken, von irgendeinem dieser Reichswehroffiziere, die zu Kursen hier zur Reitschule von wer weiß woher kommen. Ich hätte nicht erlauben sollen, daß die für die Kerle die Wäsche macht!“

Er schaute den Alten in dem runtergekommenen blauen Arbeitsanzug, den er nie wechselte, wohl etwas begriffsstutzig an. Was hatte er damit zu schaffen?

Der betrogene Vater zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche: „Du weißt, Arthur, wir leben von der Hand in den Mund. Aber ein bißchen beiseite geschafft hab ich doch. Das hier sind 300 Mark, die hab ich jahrelang gespart. Mehr hab´ ich nicht. Du willst doch mit dem Theo eine eigene Kneipe aufmachen. Nimm das“, und er drückte ihm das Geldbündel in die Rechte.

„Was soll ich damit, damit kann man doch keine eigene Kneipe aufmachen!“

„Das kriegst du, wenn du Lisbeth heiratest und den Bankert da ehrlich machst!“

Für einen Augenblick war er sprachlos und starrte den Betrunkenen, der es aber todernst meinte, verwirrt an. Der beugte sich vor und raunte ihm ins Ohr: „Arthur, ich weiß doch Bescheid. Du kriegst doch sowieso keine Frau. Hast nichts an den Hacken und du bist ja zufrieden wenn du mit deinem Theo beisammen bist!“ Er zog mit einem Finger das linke Unterlid herunter, „denkste wir können nicht gucken, Arthur?! Du und der Theo, hm?“ er brummte zweideutig, „aber ich sag nix, Arthur. Das ist jetzt die Gelegenheit, nimm das Geld, ich seh zu, daß noch was nachkommt und dann ist die Lisbeth ehrlich und kriegt ein Sechsmonatskind. Und der Dompastor hält auch das Maul!“

Er wußte nicht wie ihm geschah, besonders weil auch er jetzt aus der Flasche Korn trank. Was meinte der Alte eigentlich? Ein paar Wochen später war Hochzeit und nach weiteren sechs Monaten im November war er Vater!

Die Nonnen sangen wieder was von holder Himmelsmaid und Unschuld. Lästige Weiber mit ihren Lügenchorälen. Fort von hier, vorbei an der großen alten Apotheke, die wohl auch bald abgerissen werden würde, denn die Besitzer hatten das Haus an die Stadt verkauft. Von da an wurde das Trottoir schmaler. Der große Bauzaun dahinter grenzte ein enormes Gelände ab, auf dem schon fast alle alten Häuser abgerissen waren, die meisten nach dem Krieg nur notdürftig wieder aufgebaut. Rentner wie er standen vor den eigens eingesägten Gucklöchern und vertrieben sich die Langeweile beim Beobachten der Ausschachtungsarbeiten. Hier sollte eine Tiefgarage entstehen und darüber ein sogenannter Busbahnhof im Tiefparterre und noch höher ein Komplex aus Kaufhäusern. Die Zeichnung am Rande der Baustelle sah imposant aus. Selbst das alte Gefängnis aus rotem Backstein, das einmal hier gestanden hatte, war abgerissen worden. Das war allerdings nicht so schlimm; als Kind führte sein Weg zur Schule daran vorbei und er gruselte sich ein wenig.

Einmal, er war bereits fünfzehn oder sechszehn, gab es einen Riesenauflauf vor dem Bau, der vorn eine Freitreppe hatte wie die Post. Die Polizei forderte die Leute auf, keine Anstalten zu machen und vertrieb sie. Er blieb weiter weg stehen und schaute sich das Spektakel an. Natürlich kam er zu spät zur Schule und wurde ins Klassenbuch eingetragen, nicht das erste Mal. Mittags erzählte er davon seiner Mutter. Die schüttelte und bekreuzigte sich und verschränkte die Unterarme vor dem Bauch. „Da haben sie heute Morgen einen Deserteur hingerichtet, den haben sie draußen auf den trockenen Dörfern erwischt, war ausgerückt aus der Kaserne, der sollte eigentlich zur Front. Seit fünfzig Jahren war das die erste Hinrichtung heißt es“, raunte sie und schüttelte den Kopf. Seine beiden Brüder lagen an der Somme und sein Vater saß in einem französischen Depot. Zweimal hatte der übers rote Kreuz in der Schweiz in seiner Mordsklaue kurze Briefe geschrieben.

Aber das war alles vorbei, der erste Krieg, der zweite Krieg, das Gefängnis, das Hängen…

Jetzt noch ein paar Schritte auf dem Stadtwall und dann über die breite Ringstraße und da wohnte seine Tochter. Wenn er geklingelt hatte, wartete die nicht oben im ersten Stock an der Wohnungstür auf ihn. Sie wußte ja genau, daß er jeden Morgen um zehn kam und lief, nachdem sie die Tür angelehnt hatte, zurück in die Küche, wo sie begann, das Mittagessen vorzubereiten. Wie immer zog er die Tür hinter sich leise ins Schloß und folgte der Tochter zögerlich, sie war immer so abweisend. Aber er war nun einmal auf sie angewiesen, wer sollte ihn bekochen, die Wäsche waschen und bügeln? Dafür war doch eine Tochter da. Sie saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln, ohne ihn anzublicken.

„Morgen“, raunte er und bewegte die Lippen dabei kaum. Die Tochter antwortete auf die gleiche Weise und ließ eine geschälte Kartoffel in einen mit Wasser gefüllten Topf vor sich plumpsen. Ein paar Tropfen spritzten auf das Zeitungspapier, in dem sie die Schalen sammelte; sie war ordentlich, selbst auf dem Wachstuch wollte sie keine Erdbröckchen und Flecken. Ganz aufmerksam war sie mit dem Schälen beschäftigt. Heute rückte sie mit dem Küchenstuhl nicht sofort in seine Richtung, um auf die Knie zu sinken und ihm die Schuhe zuzubinden. Verwundert aber wortlos hob er einen Fuß, balancierte auf dem anderen und stützte sich mit der linken am Büffetschrank ab.

„Die Senkel“, murmelte er dann doch und wußte nicht einmal warum er so verlegen klang. Jetzt endlich kam sie seiner Aufforderung nach und bückte sich, ging nieder auf die Knie vor ihren Vater, zog die Bänder hinter den Laschen hervor und verknotete sie zu festen Schleifen.

Mit der Hand an der Tischkante zog sich die Tochter wieder hoch und ging hinüber zum Herd, wo die Kaffeekanne aus Steingut auf der noch warmen Platte stand. Ein Kump, erinnerte er sich plötzlich; Kump sagte seine Mutter dazu. Die Tochter legte ein Küchentuch um den heißen Henkel und goß ihm Kaffee in eine wie immer längst bereit gestellte Tasse auf seinem Platz am Kopfende des Tisches. Das duftete doch ganz anders als der Nescafé aus den pappigen Körnchen; der Kaffee war von Kaiser´s. Er kam jeden Morgen am Geschäft vorbei. Bis vor wenigen Monaten wurde da sogar noch geröstet und das Aroma des frischen Kaffees lag in der Luft. Inzwischen war die Maschine abgeschafft worden und geröstet wurde nur noch in der Zentralstelle in Bremen.

Vor seiner Tasche auf einer Bastmatte – das ist ein Tischset, hatte ihm die Tochter erklärt, da gibt es keine Flecken auf der Decke – standen die Zuckerschale und auf einem Porzellanuntersetzer eine kleine Dose Bärenmarke. Er schaufelte sich vorsichtig zwei gehäufte Löffel Zucker in den Kaffee und wollte bloß kein Körnchen verlieren, denn die Tochter schaute dann immer gleich streng. Ebenso vorsichtig ließ er einen dicken Strahl Kondensmilch in die Tasse rinnen und beobachtete, wie sich die Wolken darin ausbreiteten. Er rührte um, trank genüßlich einige Schlucke, zog die zusammengefaltete BILD aus der Jackettasche, setzte seine Tasse an den äußersten Rand der Bastmatte, um Platz zu machen für seine Zeitung.

Die Tochter schälte noch zwei Kartoffeln und schrappte eine Möhre, und schnitt alles zu mundgerechten Stücken. Am Becken wusch sie den ganzen Inhalt des Topfes ab und stellte ihn auf die Herdplatte. Aus dem Kühlschrank holte sie drei Mettenden und eine Scheibe Bauchspeck und warf das in den großen Topf dazu. Daneben, in einer Kasserole simmerten schon länger die Linsen, die sie gestern Abend eingeweicht hatte.

Es würde noch bestimmt anderthalb Stunden dauernd, bis der Enkel aus der Schule und der Schwiegersohn in seiner kurzen Mittagspause von der Arbeit kam, aber dennoch schüttete sie die Hülsenfrüchte jetzt schon in den großen Topf. Sie verkochte immer alles, nichts blieb knackig. Er hatte es nie gewagt, ihr das zu sagen. Sie hielt sich viel zugute aufs Kochen und vor allem aufs Putzen. Sie war schnell beleidigt wenn er sie kritisierte. Lisbeth hatte besser kochen können und selbst Theo hatte so einen Eintopf besser hingekriegt. Eigentlich schmeckte es ihm bei der Tochter nie ganz so richtig.

Wieso bloß der Schwiegersohn wegen eines solchen Essens jeden Mittag aus dem Werk aus dem Nachbarort herübergefahren kam: zwanzig Minuten her, zwanzig Minuten Essen, zwanzig Minuten Rückfahrt. Der behauptete, das Kantinenessen würde ihm nicht schmecken und mit den Bürokollegen ungern die Pause verbringen. Das war gelogen. Er hatte seine Tochter durchschaut: die wollte den Mann da haben, jeden Mittag, so behielt sie ihn im Auge. Sie mißtraute ihm, die mißtraute allen Männern. Und der Schwiegersohn war so dämlich, sich darein zu fügen, ohne Murren. Das sah doch ein Blinder mit Krückstock, wie der gegängelt wurde. Der kam lustlos, schlang sein Essen runter, rauchte noch schnell eine Zigarette und war schon auf dem Sprung in den Wagen, um bloß wieder fort zu kommen zur Büroarbeit im Werk. Was für ein Blödsinn, jeden Tag fünfzehn Kilometer her und wieder zurück, dreißig Kilometer hin und her, nur wegen der zerkochten Eintöpfe zu fahren.

In das Blubbern der kochenden Linsensuppe fragte die Tochter unvermittelt: „hast du noch Wäsche? Wir könnten sie heute Abend abholen; morgen ist mein Waschtag!“

Er schüttelte bestimmt den Kopf, “nein, nichts. Es lohnt nicht!“

Sie brummte nur und nickte mit dem Kopf und war schon auf dem Weg ins Wohnzimmer, wo sie den Staubsauger in Gang setzte. Immerzu saugte sie, wischte Staub oder polierte die Möbel mit Pronto, wenn er da war. Es roch in der ganzen Wohnung nach der Politur und im Bad nach diesem scheußlichen Bleach, das sie aus dem englischen Supermarkt besorgte, wo sie einmal, bevor sie geheiratet hatte, Verkäuferin gewesen war. Das kriegte man nicht in deutschen Drogerien, das roch fast wie im Krankenhaus. Es erinnerte ihn immer an die Besuche bei Lisbeth, wenn sie wieder mal operiert worden war.

Mit den Engländern hatte die Tochter es ja; schon damals als sie noch in der Nissenhütte evakuiert waren nahe bei den Thommykasernen. Da hütete sie die Kinder von irgendwelchen Leftennents und einmal sogar von einem Major, der hatte ihr später die Stelle in der Naafi verschafft. Das war nicht das schlechteste: von den Offizieren kriegte sie Zigaretten und Kemp Coffee und manchmal eine Flasche Whisky. Den hatte er damals trinken gelernt, der schmeckte besser als der schäbige, schwarzgebrannte Korn in den Jahren nach dem Krieg.

Den Whisky vermißte er. So eine Flasche Johnny Walker war zu teuer für seine Rente. Am Monatsanfang, so wie heute Abend, da gönnte er sich manchmal ein Glas Whisky im Weißen Rössl. Das ging nun schon Jahre so, aber immer wieder machte Willem der Wirt dumme Witze und fuchtelte mit der Flasche Doornkaat herum und quakte: er wäre sich wohl zu gut für sowas. Was verstand der schon – so ein Whisky, das war ein bißchen weite Welt, wie die Stuyvesant… ein bißchen Rauchen, ein bißchen Trinken, mehr blieb doch sowieso nicht!

Es klingelte, der Enkel kam aus der Schule und stürmte die Treppe hoch bis in die Küchentür, „hallo Opa, “ rief er und zog den Ranzen vom Rücken.

„Du sollst nicht so rasen. Und die Schuhe hast du auch nicht abgetreten auf der Matte. Wie oft soll ich dir das noch sagen?“ schoß die Tochter in die Begrüßung hinein. Ja, manchmal klangen ihre Worte wie Schrappnells. Der Enkel mußte in sein Zimmer laufen und dort sofort die Schuhe ausziehen. Mein Gott, es war ein warmer und trockener Tag, was hätte der an Schmutz hereinbringen können.

Durch die geöffnete Küchentür konnte er bis ins Kinderzimmer hinüber spähen und sah den Jungen dort herumspringen. Genau so hätte wohl auch das Arthurlein mit zehn Jahren ausgesehen, blond und zerzaust und vielleicht hätte der auch so gestrahlt wie der Enkel, wenn der zur Lisbeth kam, fast jeden Tag in ihren letzten Wochen. Es strengte sie an, aber sie wollte es so. Es schien als hätte sie gar keine Schmerzen, wenn sie mit dem Jungen ihm Halma spielte oder ihn beim Mensch Ärgere Dich Nicht gewinnen ließ. Und sie sangen zusammen, wie verrückt – sie hörten sich die paar Operettenplatten immer wieder an, für die sie sich wie für die Musiktruhe das Geld vom Munde abgespart hatte; jahrelang. Die beiden, Oma und Enkel, sangen zusammen: „Am Rio Negro, da steht ein kleines verträumtes Haus…“ oder „Sassa, Sassa, mein Lied, dein Lied…“ Zu Tränen gerührt war sie, wenn der Junge ihr „Es muß was Wunderbares sein von Dir geliebt zu werden…“ sang. Der konnte das alles ganz schnell auswendig. Der war helle!

„Haste was Schweres auf, “ rief er zum Enkel hinüber.

„Nö, heute kein Rechnen. Einen Aufsatz, über die Ferien, den krieg ich aber hin, das ist nicht schwer. Mach ich nachher.“ Und er drängte sich neben ihn, um einen Blick auf die Bildzeitung zu werfen, die einzige Zeitung, die hier ins Haus kam. Der Junge war versessen aufs Lesen, dem konnte er eine Riesenfreude machen, wenn er ihm ein Pixi-Büchlein aus Röttges Laden mitbrachte. Der Tochter gefiel das nicht, der Enkel sollte kein Bücherwurm werden, sondern ein richtiger Junge, kein Stubenhocker!

„Sofort nach dem Mittagessen machst du die Hausarbeiten. Sonst kommst du nicht raus!“ mahnte die Tochter, ihren Sohn. Die hatte immer einen mahnenden, klagenden Ton am Leibe.

„Und faß die Zeitung nicht an, von der Druckerschwärze kriegt du nur noch schmutzigere Hände. Geh sie waschen!“ Es war schon ein wenig wie beim Feldwebel auf dem Kasernenhof damals als sie exerzieren mußten, er und Theo.

Jetzt deckte die Tochter den Tisch, nicht ohne zuvor noch einmal übers Wachstuch gewischt zu haben: die Suppenteller auf die Bastmatten und Gabel und Löffel exakt nebeneinander, dabei kannte sie keine Nachlässigkeiten. Sie legte ein Holzbrettchen in die Mitte des Tisches, das war wie beim Militär, darauf stellte sie den großen Topf mit der dampfenden Linsensuppe und füllte dann mit einer alten Blechkelle auf, die sie aus der Kriegszeit gerettet hatte. Lisbeth legte stets großen Wert darauf, die eine Terrine, die sie durch die Bombennächte gerettet hatte, auf den Tisch zu bringen; Fürstenberg ganz weiß mit Goldrand, zweite Wahl, die hatten sie zur Hochzeit geschenkt bekommen. Die Tochter fand, der Topf reiche für die Familie, sonst müsse sie zu viel abspülen. Ja, wenn Besuch käme, dann könne man das Porzellan hervorholen.

Jetzt schloß der Schwiegersohn die Wohnungstür auf; man konnte seine Uhr danach stellen. Mit einem knappen Gruß hockte er sich an den Tisch, die Schultern wie immer vorgezogen, am Essen uninteressiert. Er sah aus, als warte er bloß darauf, sich die nächste Zigarette anzünden zu können.

Die Sitzordnung war stets dieselbe: zu seinen beiden Seiten saßen Enkel und Schwiegersohn, die Tochter ihm gegenüber an der anderen Schmalseite des Tisches. Die Tochter versuchte wie immer, Neues über die Kollegen ihres Mannes zu erfahren, aber der erzählte wenig.

War der sowieso aus dem Urlaub zurück? – Ja! War ein anderer mit seinem Hausbau weiter gekommen? Ja! Das Dach ist fertig gedeckt. Wie der das schafft, der verdient doch auch nicht mehr als andere, der macht wohl krumme Geschäfte nebenbei, auf der Messe? Weiß ich nicht! Will ich auch nicht wissen! Das ist doch ein ganz krummer Hund, laß dich bloß nicht in irgendwas reinziehen von dem! Und seine Frau, macht immer noch auf etepete!

Der Schwiegersohn löffelte den letzten Rest aus dem Teller und fischte schon seine Ernte23 aus der Hosentasche. Warte doch, bis wir fertig sind! Ich hab nicht soviel Zeit! Und er zündete sich den Glimmstengel an.

Möchte noch jemand was? Nein?

Der Enkel kaute und schluckte noch, da sammelte sie bereits die Teller und Löffel ein. Das machte sie immer so. Er wollte ihr heute wenigstens einmal entgegen kommen und reichte ihr seinen Teller mit der plötzlich unsicher zitternden Linken. Da rutschte sie schief mit ihrer Hand an seiner vorbei, faßte den Teller nicht und der fiel zu Boden, Gabel und Löffel klirrten im berstenden Steingut. Sie rannte sofort in die Besenkammer, um Kehrschaufel, Besen, Tuch und Eimer zu holen; einige Flecken Linsensuppe schlierten übers Linoleum.

Es war nur ein winziger Moment gewesen; er hatte seine Tochter ganz kurz berührt, aber sie war so heftig zurückgewichen wie damals in der Nissenhütte. Schuld war nur der Johnny Walker, er war nicht ganz bei Sinnen, Lisbeth war fort bei der Frau eines englischen Colonels die Wäsche machen… Drei oder vier Whisky, nicht mehr, hatte er getrunken und die waren ihm zu Kopf gestiegen. Es war warmer Spätsommer gewesen, wie heute und das Licht fiel durchs Fenster auf die nackte Schulter der Tochter, ihr war das lose Kleid halb heruntergerutscht und die obere Rundung ihrer kleinen Brust war sichtbar. Eigentlich hatte sie keine Brust und sah auch sonst aus wie Junge mit ihrem kurzen Haar. Sie beugte sich im Hohlkreuz über einen alten Rock, den sie umgeändert hatte, um große neue, rote Knöpfe anzunähen. Der Rock glitt ihr über den Schoß, sie griff danach und dabei sah er auch ihre nackte Schulter im gleißenden Licht, wie eine Knabenschulter. Sein Trumm von Hand hing schlaff herunter, aber die andere, die Linke, die streckte er aus und obwohl es doch so warm war an dem Tag, waren seine Finger ganz kalt und die zu langen Nägel, die seine Frau vergessen hatte, ihm zu schneiden, zerkratzten der Tochter die Haut. Sie sprang erschrocken auf und schrie und das Kleid fiel auf den Boden. Sie zitterte und wich zurück, starrte ihm in die Augen und wandte sich angewidert ab. Dann rannte sie hinaus und kam erst abends wieder, als Lisbeth schon längst zuhause war. .. ja, er hatte ihre Schulter und ihre Brust berührt. Sie war doch wie ein Junge, was konnte es ihr ausmachen? Lisbeths Brust hatte er nicht mehr anfassen dürfen, seit er mit der rotblauen Geschwulst an Hand aus dem Feld zurückgekommen war.

Die Tellerscherben wurden aufgesammelt, die Flecken waren weg- und nachgewischt worden; es roch nach Bleiche. Der Schwiegersohn hatte bereits die zweite Zigarette angezündet und, die Kippe im Mundwinkel, verschwand er schon wieder, seine Mittagspause war zu kurz. Der Enkel trollte sich in sein Zimmer zu seinen Hausaufgaben und er wich aus ins Wohnzimmer, wo er wie jeden Tag sich zum Nickerchen aufs Sofa legte. Die Tochter hatte eigens dafür eine grobe Wolldecke aus Armybeständen ergattert darüber ausgebreitet. So mußte er nicht die Schuhe ausziehen.

Es schien ihm, als könne er überhaupt nicht wegdösen, so oft wälzte er sich heute hin und her. Der Verkehr vorm Haus schien stärker als sonst, immer wieder störte ihn das Schnaufen bremsender Lastwagen und das Vorbeirauschen der PKWs.

Doch er mußte ein wenig eingenickt sein; denn als er erwachte zeigten die Zeiger der Standuhr schon auf fünf – vor Monaten hatte seine Tochter das Geläut abgestellt, so daß die dauernden Schläge der mannshohen Uhr ihn nicht weckten. Seine Ohren waren noch gut – und so vernahm er anfangs als er die erste Male hier schlief, sogar das regelmäßige Ticken, aber nur ein paar Tage, und dann irritierte ihn das tickende Verrinnen der Zeit nicht mehr beim Einschlafen.

Er strich sich mit der Linken ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. Die Tochter wartete bestimmt mit dem Nachmittagskaffe in der Küche auf ihn. Vorsichtig setzte er sich und blickte auf seine Schuhe hinab. Er spürte es genau, einer der Schnürsenkel war locker. Mühselig beugte er sich hinab und berührte vergeblich die Schlaufe; nur nicht ziehen, sonst würde sich der Knoten womöglich noch ganz lösen. Er stand auf und wollte hinüber zur Küche laufen, damit die Tochter ihm noch einmal den Schuh band, aber blieb im Flur stehen.

Da saß die Tochter vor eine Tasse Kaffee und starrte ins Leere. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt. Ihr Gesicht war leer, ohne Ausdruck, ganz von Fern meinte er einige Züge von Lisbeth darin zu erkennen, aber mehr vom Arthurlein. So könnte er vielleicht heute aussehen, würde er noch leben, der Sohn. Das streng zurückgekämmte Haar gab ihrem Gesicht etwas Männliches.

Jetzt bemerkte sie ihn, schreckte zusammen und erhob sich automatisch, um ihrem Vater eine Kaffeetasse aus dem Schrank zu holen.

„Laß nur“, rief er hinüber, „ich trinke heute keinen Kaffee mehr. Ich muß raus, an die Luft!“

Sie wandte sich erstaunt um und wiederholte, „fort? Willst du denn kein Abendbrot mehr?“

„Nein, danke. Ich habe gar keinen Appetit heute“, sagte er – und das stimmte sogar. „Wenn ich später doch noch Hunger habe, dann kann ich ja unten in der Kneipe einen strammen Max essen!“

„Das ist doch rausgeworfenes Geld“, tadelte die Tochter. Die käme nie auf die Idee in einer Gaststätte etwas zu essen. Rausgeworfenes Geld, das sagte sie immer, wenn er sich etwas gönnte. Sie war verletzt, wenn er woanders etwas aß.

„Du hast doch hier dein Essen. Schmeckt es dir etwa nicht?“ fragte sie vorwurfsvoll. Sie war immer gleich beleidigt und spann ganze Geschichten um eine einfache Antwort, mit der sie sich nie zufrieden gab. Was sollte er denn auf ihre Frage antworten? Die Wahrheit? – Nein, es schmeckt mir nicht! – Das hätte ein Drama gegeben. Also versuchte er zu beschwichtigen, „ich muß an die frische Luft, der Eintopf liegt mir seltsam schwer im Magen!“ Verdammt, jetzt hatte er es doch gesagt.

Eingeschnappt erwiderte sie: „da steht dein Bullrichsalz im Schrank, du hättest es ja nach dem Mittagessen nehmen können.“ Sie lief hinüber zum Büffet, öffnete die verglaste Tür mit der Innengardine, ergriff die graue Packung und holte ihm auch noch einen Löffel. Beides setzte sie mit Nachdruck auf sein Bastset und kehrte zu ihrem Platz am anderen Ende des Tisches zurück.

„Nein, danke. Ich muß davon immer so unangenehm aufstoßen. Ich brauch´s nicht! Vielleicht wird´s besser, wenn ich mich zuhause hinlege.“

„Und was ist mit dem Abendbrot? “ fragte die Tochter unwirsch.

„Ich hab keinen Appetit, danke“, wehrte er sich zaghaft. „Der Spaziergang wird mir guttun!“ und er bewegte sich schon auf die Wohnungstür zu. Wie ihm alles zusetzte heute, der strenge Blick der Tochter, diese Wohnung, die nach Putzmitteln roch, die Bastdeckchen auf dem Eßtisch in der Küche…

„Morgen geht es mir bestimmt besser. Ich hab heute Nacht auch so schlecht geschlafen. Wird mir guttun, mal früh ins Bett zu gehen, “ er spürte die kalte Klinke in seiner Linken, hielt einen Augenblick inne, und blickte zurück. Seine Tochter stand in der Küchentür: das straff zurückgekämmte Haar, der fragende Blick, die Hände in den Taschen der Schürze verborgen.

„Morgen geht´s mir bestimmt besser!“ und schon war er im Hausflur und zog die Tür hinter sich zu. Die Holzstufen im Treppenhaus knarrten; hier konnte er sich wenigstens am hölzernen Handlauf mit der Linken festhalten. Die Stufen waren eng in der Biegung, es gab keinen Treppenabsatz. Hier hatte er immer gefürchtet einmal auszugleiten und zu fallen. Aber auch diesmal kam er wie immer unbeschadet im Parterre an.

Wie schnell jetzt der Abend heraufzog Ende August, Anfang September. Er ging schneller als sonst. Seinen täglichen Weg zurück zur Wohnung im zweiten Stock über dem Weißen Rössl. Seine Tochter hatte ihm nie vorgeschlagen, bei ihnen einzuziehen; Platz wäre gewesen, es gab noch ein zweites, unbenutztes Kinderzimmer, aber er hätte es auch nie gewollt, denn so hatte er die Abende wenigstens noch für sich selbst.

Die Stadt wurde leerer. Manche Geschäfte schlossen schon um sechs. Bei Kaiser´s Kaffee schoben die Lehrlinge die großen Tafeln, auf denen der Geschäftsführer in schwungvoller Schrift die Tagesangebote auflistete, durch die noch weit geöffneten Glastüren in den Laden.

Unter der Eisenbahnbrücke rollte der Verkehr hinaus in die Vororte; dort waren in den vergangenen zehn Jahren viele Siedlungen mit Einfamilienhäusern entstanden. Als er noch ein Junge war, klangen die Namen der Dörfer, die jetzt eingemeindet waren, noch fremd und weit. Jetzt fuhr alle halbe Stunde der Bus dahin.

Es war ihm als kündigte sich heute schon der süße Geruch aus dem Sudhaus der Brauerei an; die satten Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Glaswände und versetzten die Kupferkessel dahinter in ein blendendes Glühen, das floß aufs Trottoir. Er lief durch dieses Licht auf dem Stein bis zum Eckeingang über dem das weiße Holzroß schaukelte. Abends betrat er die Kneipe immer durch den Vordereingang; damals als Kellner hatte er lange genug in die Gaststätten in denen er arbeitete, durch die Dienstbotentüren gehen müssen. Jetzt wollte er nur noch Gast sein.

Noch war nichts los im Weißen Rössl. Die Nachbarn, die hier gewöhnlich ihr abendliches Bier tranken, kehrten gerade erst von der Arbeit zurück und kamen später. Acht-Stunden-Tage, davon hatten Theo und er nur träumen können. Zwei Männer immerhin saßen an einem Ecktisch, junge Kerle mit langen Haaren bis in den Nacken, wie das jetzt Mode wurde. Er hatte sie noch nie hier gesehen. Weiche, runde Gesichter, gebräunt vom Sommer. Die hatten noch Jungmännerflaum im Gesicht und wache Augen, dunkel, Zigeuneraugen, hatte man das einmal genannt. Schlanke Jungs mit ihren schwarzen Schöpfen – so war auch einmal gewesen, vor langer Zeit, als er das Knize gerochen hatte.

Als er sich auf einen der schwarzen Barhocker mühte, bemerkte er, daß sich die Schlaufe des Senkels, der vorhin bloß locker gewesen war, endgültig gelöst hatte. Hier konnte er niemand bitten, das zu richten, keiner würde auf seine Schuhe schauen.

Willem, der Wirt grüßte müde: „N´abend Arthur.“

Das war sein Stammplatz an der Ecke der Theke. An Tischen wäre er sich verloren vorgekommen. Da mochten die Jungen sitzen…

„Bist aber früh heute, “ staunte Willem und setzte gleich fort“, Pils, wie immer?!?“

„Wie immer, Pils, “ antwortete er, klopfte leicht mit der Linken auf der Tresen, dann fischte er die Packung Stuyvesant aus der Jackentasche und schüttelte sie vorsichtig, damit eine Kippe herausrutschte. Wie so oft gelang es ihm nicht, manchmal purzelten zu viele Zigaretten heraus, diesmal klemmten sie. Willem kam ihm zu Hilfe, auch wie so oft und fummelte eine Zigarette halb aus der Packung. Der Wirt ließ sein Benzinfeuerzeug klicken und er zog den Rauch ganz tief in de Lungen. Er sagte nichts, nickte nur dankbar Willem zu. Anzünden können hätte er sich den Glimmstengel dann eigentlich auch wieder selbst, so invalide war er dann doch nicht.

Er stützte den Kopf auf die Linke, den Zigarettenfilter zwischen Zeige- und Mittefinger, nah an der Schläfe. Die unnütze Rechte baumelte an der Seite. Wenn er abends hier so saß, seine Tochter wußte nichts davon, daß er fast jeden Abend hier saß, spürte er immer ein Ungleichgewicht im Körper, nichts hielt ihn mehr gerade. Er mußte sich jetzt immer öfter zusammennehmen, um nicht nach rechts wegzurutschen. Vielleicht wäre er sogar auf den Boden gefallen.

Rechts steckte das Geld in der Brusttasche. So konnte er mit der tauglichen Hand hinein fahren und das dünne Bündel Rente herausziehen. Er ließ es auf die Theke fallen und suchte nach einem Zehner.

Willem drehte den beiden jungen Gästen den Rücken zu und beugte sich vor: „Arthur, wedel nicht so mit deinen Moneten, “ ich kenn die Jungs da drüben nicht, “ und er wies mit dem Kopf in deren Richtung.

„Ach, wer soll mir denn die paar Flöhe klauen“, raunzte er mit der Zigarette im Mundwinkel. „Hier“, und er hielt Willem den Zehner hin, “ heute will ich’s wissen. Gib mir mal zehn Markstücke!“

„Na, wenn Du Dich wie Krösus aufführen willst“, griente Willem, und wechselte den blauen Schein, während die anderen wieder in der Brusttasche verschwanden.

Das Silbergeld zählte der Wirt auf die Theke und ließ die Münzen jedesmal auf dem Holz knacken. Sein Gast klaubte sie mit der Linken auf und steckte sie in die Jackettasche, trank einen großen Zug aus seinem Glas und mühte sich vom Hocker herunter, nur um sich gleich wieder auf dem anderen Hocker vor dem Spielautomaten niederzulassen.

Er spielte jeden Abend um ein paar Mark, aber zehn auf einmal hatte er noch nie riskiert. Er warf ein Markstück ein, es klackerte seinen Weg in die Tiefen des Automaten. Drei rote Tasten leuchteten auf: Start, Stop, Weiter und oberhalb der drei Sichtfenster hinter denen sich die Glücksräder mit den Kartenfarben und Zahlen drehten leuchtete auch der Name des Gerätes: Passiance Royal. Er drückte die Starttaste und die eingeworfene Mark, rutschte mit einem scheppernden Geräusch noch tiefer in den Bauch des Gerätes. Die Rollen begannen sich in einem aberwitzigen Tempo zu drehen. Er konnte nicht mehr ausmachen, ob Kreuz, Pik, Herz oder Karos herumwirbelten oder irgendwelche Zahlen, einzig rot und schwarz flackerte vor seinen Augen. Ob der Druck seiner linken Hand ein anderer war, als der seiner rechten? Ganz bestimmt, denn obwohl er schon so viele Jahre mit der Linken hantieren mußte, wußte er genau, daß sie nie so kraftvoll sein konnte wie die Rechte – und nie so schnell, denn offensichtlich hatte er drei Herzen um nur ein Bißchen verpaßt. Zwei Herzen zitterten in den Sichtfenstern und wenn er ins dritte hineinlugte, dann konnte, er, verdammt, das dritte nötige Herz unterm Rand erspähen.

Der Automat klackerte und rechnete ein Spiel ab. Neun hatte er jetzt noch. Das Ding ließ ihm nur eine einzige Entscheidung: weiter von der Stellung der Rollen oder ganz neu spielen. Er drückte auf weiter, das machte er immer.

Die Kneipe wurde voller. Die ersten Nachbarn kamen vom Abendbrot. Der Stammtisch füllte sich in der nächsten halben Stunde. Er bestellte noch ein Pils. Export, wie die jungen Männer da drüben mit den langen Strähnen, hätte er nie getrunken, das war wirklich ein Arme-Leute-Gesöff. Am Stammtisch bestellten sie auch Korn, den hatte er eigentlich nie gemocht, Whisky, ja oder Scharlachberg, das war schon eher was für ihn, auch nicht schlechter als französischer Cognac, hatte Theo immer gesagt. Lisbeth trank gerne Eierlikör: Er hatte ihr noch eine Flasche besorgt, als man sie zum letzten Mal aus dem Krankenhaus entließ. Verpoorten! Das konnte ihr dann wohl auch nicht mehr schaden. Immerhin wurde sie selbst von dem schwachen Zeugs rasch beduselt. Es half ja sonst nichts mehr!

Auf einmal rasselte ein Münzenstrom aus dem Automaten und klickerte und klackerte in das Gerede der Gäste; die blickten für einen Moment auf, als auch noch ein paar penetrante Fanfarentöne erklangen.

„Heute ist wohl dein Glückstag“, rief Willem vom Zapfhahn herüber. Mit der gesunden Hand wühlte er in den Markstücken, die der Automat ausgespuckt hatte, es mochten zwanzig sein. Soviel hatte er dem Ding noch nie entlockt.

„Hier „ und er zeigte auf den Schatz, “ Willem, fisch das mal raus. Und dann mach mal eine Lokalrunde…“, es überkam ihn plötzlich, spendabel zu sein.

„Auch noch großzügig heute“, brummte Willem erfreut und klaubte die Münzen auf. Es gab Hallo und ein Zuprosten durch die ganze Kneipe. Der Rauch der Zigaretten legte sich über alles: den Stammtisch, den Tisch mit den beiden jungen Männern und die anderen Gäste, auf die Kakteen, die auf den Fensterbänken standen, wohl die einzigen Pflanzen die das länger mitmachten, und auf die längst vergilbten Gardinen.

Nach seiner Runde folgte eine weitere und eine dritte, er wußte nicht mehr, wer sie spendiert hatte. Das Bier stieg ihm zu Kopf, er hatte kein Abendbrot gehabt…

Er mühte sich vom Hocker und schwankte fast ein wenig. War er denn nichts mehr gewohnt? Einen Moment hielt er inne, ließ seinen Blick durch die jetzt gefüllte Kneipe schweifen, die meisten Gäste kannte er nicht, und machte sich auf zur Tür, die auf den Hausflur und zur Treppe zu den Toiletten führte. Als er sie hinter sich schloß, verebbte auch das Gerede im Gastraum.

Drinnen klackerte der Automat klackerte schon wieder und spuckte zum zweiten Mal heute Abend einen Schwall glänzender Markstücke aus. Die Männer an den Tischen und am Tresen ließen Ohs und Ahs hören. Er grinste – er hatte einmal Glück!

„Da hat aber einer richtig Dalles heute Abend“ rief Willem durch die gedrängt volle Kneipe und mußte sich anstrengen, das Gerede und Geraune zu übertönen, in das abrupt laute Männerstimmen vom Flur herüberdrangen; man konnte den Streit aber nicht deutlich verstehen. Dann ein abgrundtiefer fürchterlicher Schrei und ein dumpfes Geräusch wie nach einem Fall.

Willem kapierte als erster: es war etwas passiert im Flur und rannte zur Verbindungstür. Nicht alle Gäste hatten den Lärm mitbekommen und so drangen ihr Geschwätz und das Kneipenlicht in den dunklen Flur, dessen kaputte Kuppelleuchte schwarz blieb.

Willem kniete am Boden und tätschelte das Gesicht des Gestürzten, „Arthur, Arthur, ist dir was geschehen…?“ Er wußte sofort, daß er keine Antwort mehr bekommen würde, denn aus dem Streifen Licht auf dem Marmorboden rann ein Strom dunkelroten Blutes in den Schatten.

Er wollte dem Gestürzten Luft verschaffen und nestelte mit fliegenden Händen an der Krawatte herum. Endlich gelang es ihm, den Knoten vollends zu lösen. Der dunkelblaue Treviraschlips schlängelte sich übers Revers. Willem bemerkte, daß die Brusttasche des Jacketts angerissen war. Das Futter hing leer übers Hemd. Man hatte ihm wohl die Brieftasche rabiat geklaut.

Gäste, die nah an der Tür gesessen hatten, wagten sich nun zögerlich ins Treppenhaus. Einer rief in den Gastraum, man solle einen Krankenwagen rufen. Nach und nach verstummte die ganze Gesellschaft, nur der Automat spielte seine vorgegeben Runden bis zum Ende durch. Aber er spuckte keinen Gewinn mehr aus. Die jungen Männer am Ecktisch waren verschwunden.

Willem strich dem Verletzen fahrig über die eingefallenen und schlecht rasierten Wangen. Sein Mund klaffte offen und schwarz und zahnlos. Ihm war wohl das Gebiß bei dem Sturz aus herausgerutscht. Der Wirt blickte suchend umher, aber es war nirgends zu finden.

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