ich habe ein paket mit genesungswünschen bekommen – und was adorno damit zu tun hat…

Aber erzählen sie doch baronin, sagte denys finch hatton und er sah unwahrscheinlich gut aus, als er das sagte, Sie müssen sich doch nicht dafür genieren, wenn Sie uns eine Ihrer geschichten erzählen. Ich liebe gut erzählte geschichten.

Später sollte er karen noch einen seltenen federhalter schenken, mit denen sie fortan ihre geschichten niederschrieb. …und karen erzählte von ihrer farm in afrika…

liebe freunde, ich muß euch auch eine geschichte erzählen:

es gab gerade mittagessen im krankenhaus: bauernomlett war das unheil bezeichnet, trocken wie der furz eines waldbauernbubb von karl heinrich waggerl, selbst mit einem salat geizte die krankenhausküche, lieblos hatte man uns eine salzgurke dazu serviert, sehr sauer und sehr hart – und mit knubbeln, die, an einem durchschnittlichen dildo jedenfalls sensationelle wirkung gehabt hätten.

Soeben hatte ich obendrein erfahren, daß ich auf meiner station noch bis frühestens mitte dezember ausharren müsse, da meine behindertengerechte wohnung dann erst bezugsfertig sei. Und da kommt das tranpel von hilfsschwester, etwas feist, obendrein brummig und zu keinem scherz aufgelegt – aber als ihr einige konfettiflocken aus dem paket, das sie brachte, entgenrieselten, wurde selbst sie weich und es stahl -stahl wie hart mit den drei ringen – sich kurz ein lächeln über die lippen…

ja, und was befand sich in dem paket, fragte fynch hatton und er sah mit seinem blonden schopf so unverschämt gut aus wie die satten grasebenen der n´gongberge in der regenzeit.

„Geduld, geduld“, beruhigte ihn Karen… es war Post von ganz vielen meiner freunde…vornab prangte die postkarte einer etwas üppigeren marlene im tasselkleid mit schwanenpelz aus den 50ern als sie noch im café de paris sang und nicht in den großen theatern. Damals entstand die mär, sie würde in die kleider von jean louis einenäht, damit ihre formen beeindruckend zur geltung kamen. Später, als das alter selbst ihr, der unsterblichen „kraut“ wie hemmingway sagte, zusetzte, mußte man mit polstern darunter nachhelfen…

und auf der rückseite der mappe, die ich dem wunderpaket entnahm, fand sich noch eine weitere postkarte von joan crawford wie sie in „sudden fear“ endlich ihren so widerlich-attraktiven ehemann, jack palance, erschießt, der moment des schusses….mit dem blitz der entscheidung…mit dem bild wird auch klar, warum francois truffaut hoan beim wunderschönen altern für immer männlicher hielt.

Eigentlich mußte sie ein mann sein – denn in diesenm bild läßt sie einen cum-shot los wie ihn keiner der großbestückten stars von lucas entertainment raushauen kann – es ist der ultimative schuß…

…und dann kamen noch bilder von alida valli und danielle darrieux zum vorscheinen…und ich wußte, daß ich noch mehr solche schönheiten für meine freunde porträtieren mußte…und würde…

denys finch hatton lächelte verschmitzt: „das ist ja alles sehr schön, karen, aber, was ist die geschichte dahinter?“

„Wirst du wohl stll sein und abwarten, denys!“, ermahnte ihn karen wie häuptling kinjanjui seinen ungeduldigen enkel mit einer tadelden geste zurückwies…

die geschichte ist wie immer komplizierter…

wie du weißt, mußte ich meine freunde um hilfe bitten, da meine bibliothek vernichtet werden sollte. Sie kamen zu meiner rettung…und in diesem paket stecken ihre guten wünsche dazu…

ein sehr weiser mann, der mich gar nicht kennen konnte, aber eben doch kannte, hat dazu im voraus etwas kommentiert…

…und tatsächlich hatte ich in den letzten tagen „adorno“ gelesen, ja, stell dir vor, den trockenen mit der dialektischen aufklärung. Damals, als er noch im biederen frankfurt weilte, machte er sich, vor 60 jahren gedanken über die“erotik des ohrs“…

führt das jetzt nicht ein bißchen zuz weit, das tasselkleid und der apoleget schönbergs, fiel denys finch hatton dazwischen. „nein, lieber denys“, erwiderte ich und strich ihm zärtlich übers kinn, das wie stets – er war eben gentleman, blau rasiert war –

adorno, der mithilfe von schönberg den eigenen eklektischen musikgeschmack versteht zwischebn kühler intellektualität ud früher leidenschaft, sagt etwa geniales und ich sehe, er ment damit auch das kind, das ich war…

jaja, spottete denys und dabei sah er so prächtig aus, daß ich ihn hätte küssen mögen,wenn adorno was Geniakes über dich sagte, dann erklärt das ja womöglich einiges…

ja, erwidere ich ihm – ihr wißt doch, wenn ihr meine letzten posts über meine früh-kindliche literaturbegeisterung gelesen habt, wie ich eintauchte in geschichten bis ich sie selbst erfand – der urgrund für meine liebe zu meiner bibliothek.

Adorno sagt dazu:

„die euphorische teilhabe des kindes am gelesenen beruht weder auf naiver verwechselung von fiktion und realität noch auf fehlender geschmacksbildung, sondern auf der fähigkeit zu mimesis, die nicht darauf zielt mit dem gelesenen zu verschnelzen, sonden sich mit ihm zu mischen, mischung impliziert ähnlichkeit, nicht identtät.

Ich war als kind so euphorisch, daß ich des nachts singen mußte, weil ich in der literatur etwas bergebdes anderes fand. Und so geht es mir jetzt,“sage ich und streiche zärtlich über die vielen glückwünsche, die mir mit diesem paket zugesandt werden: ganz viele andere, unter denen ich mich so geborgen fühle, daß ich nachts voller euphorie singen möchte. Wir sind einander ähnlich und darin bestärken wir uns…

oder wie luther sagte: sie erkennen einander…

„das ist ja wunderbar!“ sagte denys ohne jeden spott.

Ja, sagte ich, ich lese all die genesungswünsche wie ein kind, das ein buch liest, mit begeisterung und bin mehr als gerührt – ich bin berührt!

Arletty…

wird in „les enfants du paradis“, nachdem sie mit ihrem liebhaber auf dessen schloß in schottland gelebt hat, von einem weiteren ehemaligen liebhaber gefragt:“und, ist es schön diese schottland?“ – und in ihren schönen, verschleierten augen teht zu lesen, daß sie einen dritten, ganz andren liebt, der wieder eine andere liebt…. kino, liebe und augen – welch bittere ironie, daß ausgerechnet arletty am ende ihres lebens erblindete…

loch lomond…

WAS BEDEUTET DIESER sh-Fetzen – TS Eliot

So this is SCOTLANDSo this is Scotland –

Meine Träume vom Weltuntergang und dem Retten des Kindes…

Angst vor der Nacht…

die fesselung und die alpe der op nichts gemerkt von wegen… fesselung äther und oder verrat

oder The bonnie bonnie banks Loch Lomond

Ich gelte als übler Sardoniker – und ich gebe schamlos zu, ich bin es…

Es gibt keine Liebe unter den Menschen und auf Hoffnung können wir nicht hoffen – Verstand und Hellsichtigkeit haben wir längst auf die Müllhalde der Geschichte gekippt, die aussieht wie Alice Weidel!- Ich glaube nicht, daß es jemals etwas anderes geben kann außer Einsamkeit, Trauer und Verzweifelung über die Dummheit und Liebelosigkeit der Menschen. Das wußte ich schon mit zehn Jahren als meine Großmutter starb, von der ich den fatalen Eindruck hatte, sie würde mich lieben – was sie jedoch in mir liebte war aber das Abbild ihres dreijährig an Typhus gestorbenen eigenen Kindes.- Aber ich nahm, was ich kriegen konnte und war dankbar für das., was sie zu geben vermochte.

Liebe, Zuneigung und Götter gibt es nicht – ihre Gläubigen drängen sich uns auf und man kann sich kaum wehren…das habe ich schon in frühester Kindheit gespürt als ich jede Nacht kontrolliert wurde, ob ich auch „richtig“ schlief – nämlich mit den Händen auf der Bettdecke, dabei wachte ich auf und man erklärte mir, man habe doch nur Sorge um mich. Ich wollte nicht jede Nacht kontrolliert werden und hielt mich wach und so wurde Schlaflosigkeit, der Unwillen zum Schlaf, mein Lebensbegleiter.

Noch heute, so viele Jahrzehnte später, wehre ich mich gegen den Schlaf. Aals Kind entdeckte ich die Sprache als Mittel zum Durchhalten: ich erzählte mir selbst Geschichten, erst die vorgelesenen, dann die selbstgelesenen und schließlich Geschichten, die ich an den nächsten Tagen aufschrieb. Fast jede Zeile, die ich schreibe, wird des Nachts konzipiert und durchgespielt, denn sie muß klingen!. Das Erzählen damals war laut: – ich sprach gegen den Schlaf an und zog damit den Zorn der Familie auf mich. Ich störte deren gerechten Schlaf. Sie wollte nicht aufgeregt werden – deshalb erwartete sie von mir Stille, Hinnehmen, Schlucken.

Aber die Nächte waren damals und sind heute noch immer einsam und dunkel und ohne Zärtlichkeit, von den Tagen rede ich erst gar nicht…

Die Sprache der Literatur hat dagegen geholfen und später die Sprache dess Kino, um das um das Schwarze Loch zu füllen, denn das Schwarze Loch dieser Nächte, in das ich zu fallen drohte bedeutete immer den Tod, und der Tod war die Sprachlosigkeit, war vertriebene und verbannte Bilder das Nicht-Mehr-Erzählen dürfen. Nur mit Sprache und Bildern konnte ich den sicheren Tod verbannen Tod. Aber es hatte keinen Sinn den anderen vom Tod zu erzählen, damals, man hätte dem Kind nicht gelaubt.

Vom Kino und seiner Macht in diesen Nächten, davon habe ich hier oft geschrieben: Marlene Dietrich, die Vollendung des Gesichts schlechthin im Nordlicht des Scheinwerfers, Danielle Darrieux, die Schönheit und Liebe glaubhaft spielen konnte, Peter Cushing, ein englischer Landedelmann, dessen Lächeln so schmal war und vieldeutig wie der Sadomasochismus – und dann die „Full versions“ von alten Filmen in meiner DVD-Sammlung oder heute auf „Youtube“, die einzig caritative Einrichtung, die ich anerkenne.

Manchmal halte ich mich so über zwei menschenlose Tage und länger wach und habe dann bis zu zwölf Filme gesehen oder solche Trouvaillen im späten TV wie das Aznavour-Konzert aus dem Olympia – von dem ich anläßlich seines Todes auch geschrieben – ; wieder lauerte also der Tod, gegen den ich ansprechen mußte!

Ich hasse den Schlaf, den Weißclown des Todes , der mich wehrlos macht und dem Unbewußten ausliefert, dem man sich nicht hingeben darf, es wäre wie eine Drogensucht – und ich habe kein Suchtgen.

Alle Clowns sind fürchterlich und besonders im Mondlicht, wie der erste große Darsteller von Horrorgestalten, Lon Chaney sagte – „ein Clown im Mondlicht ist nicht mehr komisch“ – und umso mehr der im Mondlicht augenblendend kalt glänzende Weißclown.

Man muß auf der Hut sein in den Nächten, denn man ist zu Anfang den Eltern ausgeliefert oder später seinen Träumen von den Zombies der Familie oder womöglich einem Menschen, der neben einem atmet.

Hellwach muß man sein in solchen Nächten – das geringste Geräusch, das Rascheln des Laubwerks der Kastanie vor meinem Fester oder ein Lichtflimmern der Straßenlaterne oder die Güterzüge, die den fernen Bahnhof passieren – Nachtzüge gibt es ja sonst nicht mehr, all diese .

diese Eindrücke bringen Erinnerungen und Assoziationen mit sich und manchmal summe ich sie…wenn sie zu sehnsüchtig sind…wie vor ein paar Tagen als sich das kleine Stacheltier der Gicht in meinen Füßen ankündigte und bereits grinste…das ja immer am liebsten zur Nacht einbricht in den Körper – auch ein Herold des Todes…dessen Bisse nur durch die oft schwache Waffe Diclofenac verscheucht werden kann.

Und in dem Schmerz, der so war als würde mir eine Geigensaite durch die Mittelfußknochen gezogen und in der verdichteten Dunkelheit summte ich plötzlich angeweht: „For me and my true love will nevermeet again on the bonnie bonnie banks of Loch Lomond.“

Eine Zeile aus einem Lied, das ein Volkslied zu nennen, ihm Unrecht täte – es ist viel mehr: wir Deutschen haben das Genre der Volkslieder biedermeierlich verhunzt.

Loch Lomond… für mich aber gab es nie eine „true love“ , dafür stets den Verzicht und am Loch Lomond war ich auch nie gewesen….

Aber der eine Vers reichte aus, um eine ganze Welt der Dunkelheit entgegenzusetzen…eine Melodie, die ich dem Weißclown, der immer nur grelle Fanfaren auf seiner Jericho-Trompete blies entgegenhalten konnte. Ein Lied zum Durchhalten und durchstehen.

Die schottische Hymne vin Tapferkeit und Durchhalten gegen die Unterdrücker – Bonnie Prince Charlie…

—- Schottland – Dr. Watson, Holmes – der Sänger. Der Bariton – das schmale Gesicht – die Verführung geht durch Auge und Ohr…

Bonnie Prince Charlie – und die Liebe von zwei Soldaten…n

Die Werwolfgescjichte – und Reise nach island – und die widmung – weshalb

Wenn man mit 13 Jahren den Macbeth zu seinem Liebslingsstück auswählt. Mag man das kein gutes Omen nennen – aber auch kein schlechtes – denn es… Sprache, Dramaturgie, Stimmung .- Konsequenz beim Geschichtenerzählen,. Die Vielschichtigkeit und#das Polanksi-Schottland…

Ich kann es bis heute noch auswendig – wenn ich einen guten Souffle

uer habe…

Meine Macbeth-Rezitation#

von der Magie???? der Sprache…aber es gibt keine Magie, es gibt nur die Sprache…

und ich habe so mit ihr meine Kämpfe zu durchstehen – denn was einem schriftsteller am schwesrsten fällt ist die sprache – Kostbarkeit maschenabertausendweit…

das Scots brae afore ye – es versetzt mir immer einen Stich ins Herz, diesen unzuverlässigen Muskel – Les enfant du Paradie – Aletty: Ist es schön dieses Schottland?

Belami in Venezia

„Und nun,“ sprach schmeichelnd der geschickte Friseur, indem er dem Hairweaving den letzten Knoten verpaßte und über die glänzend aschblonde Mähne strich, „dürfen Sie sich verlieben!“ Jösta Schutt, der jahrelang unter der Kahlheit seines immer sichtbarer werdenden Kopfes gelitten hatte, erblickte verblüfft im Spiegel der Frisierkabine, wie sehr das Haarteil ihn wieder jugendlich und damit ansehbar machte. Der hinter ihm stehende Haarkünstler entblößte seine ganze Zahnpracht, so als ob er gar keine Lippen besäße. Dieses Lächeln gab dem mageren, fast fleischlosen Gesicht, einen morbiden Ausdruck. Schutt beachtete es kaum, denn er war verwandelt. Diese Friseurskabine war eine Hexenkammer. Ihm war leuchtendes Karmesin in die Wangen geschossen. Mit standesssicherem Lächeln nahm der Friseur den Scheck über dreitausend Euro entgegen, den der Schriftsteller ihm hinreichte. „Aber sehen Sie sich vor, Herr Schutt,“ murmelte er. „Es hat in den letzten Tagen einige Übergriffe drüben im Park auf alleinstehende Herren gegeben!“ Der überwältigte Kunde überhörte den Hinweis und mochte sein Spiegelbild im schimmernden Glas der Salontür kaum wiedererkennen. Jösta Schutt hatte sich entschlossen, die Honorare, die er für seinen letzten Roman und eine daraus entwickelte Fernsehserie über den Niedergang einer Kaufhausbesitzersfamilie erhalten hatte, für eine Revitalisierung zu verwenden. Neben dem Hairweaving leistete er sich einen personal trainer, der ihm zergend und zusetzend dabei half, die Unform seines alternden Leibes in einen Körper zurückzuverwandeln. Als Erfolg war der Verlust von enorm viel Fett um die Leibesmitte und der Gewinn an Muskelmasse um Bizeps und Glutaeus zu verbuchen. Deshalb gönnte sich der Schriftsteller enger sitzende Jeans und taillierte Hemden von Joop. Er fühlte sich attraktiv-frisch und begann sein Spiegelbild in den Schaufensterscheiben wieder zu mögen. Jösta Schutt lenkte seine Schritte einem Eiscafé mit einer rotweißgrün gestreiften Markise zu, auf der in violetter Schrift der Namenszug Venezia prangte. Der Schriftsteller, der sich in den letzten Jahren wegen der Kahlheit seines Schädels und des kleinen Embonpoints lieber am Rande aufgehalten hatte, faßte seine Courage zusammen und setzte sich an einen Einzeltisch in der Mitte eines bunten Treibens. Man hörte hier allerlei balkanische Sprachen, und die Betreiber des Eiscafés warfen italienische Brocken darüber. An der Grenze zum nächsten Geschäft, einem Schnellbäcker, hatte ein Stehgeiger Aufstellung genommen und intonierte den Walzer aus der Lustigen Witwe. Schutt ließ seine Blicke über die Menge schweifen: wenige Familien, die ihren Kindern ein Spaghettieis gönnten, zumeist jeunesse dorée: Hipster mit Salafistenbärten und Veganer, die Mandelmilcheis bestellten. In einer Gruppe von recht grobschlächtigen Halbwüchsigen, einige mit Narben, fast alle die Arme bis zur Achsel tätowiert, fiel Schutt ein junger Mann auf, der urplötzlich seine ganze Aufmerksamkeit anzog. Der Junge schien ihm vollkommen schön. Ein völlig ebenmäßiges Gesicht, vormännlich nahezu noch, aber schon der pubertären Unförmigkeit entwachsen. Ein langer, zum Streicheln einladender aschblonder Schopf hing ihm ins ungewöhnlich blasse Gesicht; mochte der Junge etwas leidend sein? Auch sprach er kaum, aber entblößte dabei eine Reihe vollendeter Zähne, die gewiß gemacht waren, wie man so sagte – angesichts seiner Kumpane mochte man denken, seine eigentlichen wären ihm bei einer Enquete ausgeschlagen worden… Der Junge erinnerte ihn an die klassische Schönheit eines vollendeten Darstellers aus einer Reihe von Filmen, die eine tschechoslowakische Videofirma produzierte – und dessen entblößter Körper und seine erotischen Paroxysmen ihm bei wiederholtem Anschauen fast um den Verstand gebracht hatten. Kein Wunder, trug doch die Firma den Namen eines bestrickenden Maupassant-Helden. Jetzt lächelte der Junge herüber, mit diesen perfekten Zähnen und mit grünblauen Augen. Man darf nicht so lächeln, raunte Schutt ganz leise, so daß ihn nicht mal die Leute am Nachbartisch vernahmen. Der Junge hielt dem starrend-verzaubertem Blick Schutts stand. Ja, er erweiterte sein Lächeln durch einen Augenaufschlag, der signalisierte, er habe verstanden. Dann zog er, wie Schutt mit Aufregung vermerkte, die Brauen hoch, erhob sich, verhandelte mit seinen Freunden, sie mögen für ihn bezahlen und ging demonstrativ langsam an Schutts Tisch vorbei, so daß der eine Woge vom süßlichen Kouros in seiner Nase verspürte. Am Bordstein blieb der höchstens neunzehnjährige Junge stehen und sah sich auffordernd nach Schutt um…der beschloß, ihm zu folgen. Vorbei an den Taxiständen, wo der unverschämte Chauffeur, der ihn vorhin in betrügerischer Absicht auf Umwegen zum Salon gefahren hatte, an seinem Wagen lehnte und grinste, seine Kappe in der einen Hand und eine Kippe im Munde. Was sollte sich der verwandelte Schutt jetzt noch wegen des hohen Fahrpreises ärgern, der Junge, der vor ihm den Zebrastreifen zum Park hin überquerte, war jetzt wichtiger. Wie sich die Globen seines Gesäßes in der engen Hose sacht gegeneinander bewegten und wie ein schmaler Streifen weißer Rückenhaut zwischen T-Shirt und Gürtel sichtbar wurde… Dieser Schwung Nacken und Rücken und dann das Profil, wenn der Junge den Kopf umwandte, um sich zu versichern, daß Schutt ihm folgte. Gleitende Bewegung und nachsteigende Sehnsucht wurden eins. Wo der Junge war, war auch Schutts Blick. Das endete in einem Birkenwäldchen, das jetzt im Spätsommer mit üppig rosafarbenem Heidegesträuch prangte. An den Wacholderzypressen glänzten die herben Beeren und die ersten vergilbten Blätter trudelten schon durch feine Spinnweben zu Boden. Eine übersatte Wärme hatte sich auf den Abend gesenkt. Der Junge saß auf einer Bank, den einen Arm auf der Lehne ausgestreckt. Sein Blick ging ins Weite der leeren Parkanlage. In der horizontlosen Ferne eine Peitschenleuchte über einem roten Kiesweg, an der die Reste einer vandalisierten Überwachungskamera im warmen Wind baumelten. Jösta Schutt ließ sich – und sein Herz zersprang fast – neben dem Jungen auf der Bank nieder. Würde seine Verwandlung bestehen? Sein Blick war der eines Diätpatienten, dem Delikatessen strengstens verboten waren und der nun eine Schale leuchtend roter, gezuckerter und mit Rahm überschwemmten Erdbeeren vor sich erblickte. Schutt beugte sich vor, um den jungen Mann, der mit halbgeöffnetem Mund, erwartungsvoll wie es ihm schien, neben ihm saß, zu berühren. Für einen Moment blickte er in dessen grüne Augen und meinte, sich selbst, wie er einmal in diesem Alter gewesen war, zu erspähen. Doch noch bevor sich sein Mund mit dem des Jungen verband, packten den Benommenen zwei harte Hände an den Schultern, drängten ihn beiseite und warfen ihn von der Bank in den Staub. Die Freundesclique des jungen Mannes tauchte unvermittelt hinter den aufgeschossenen Wacholderbüschen auf, umringte und trat Schutt, hob ihn an, stieß ihn zurück und Faustschläge prasselten auf sein Gesicht. Grob packte ihm einer ins Haar und Schhutt begriff, was er dort in der Hand hielt; er zog und schüttelte und riß so schmerzhaft das verwebte Haarteil vom Kopf, daß Schutt meinte, ihm würde ein Dornenkranz in die Haut gedrückt. Einige Fäden Bluts rannen ihm bis in den Hemdkragen. Ein bösartiges Lachen gluckerte um den vor der Bank kauernden Schutt. Der strahlende junge Mann hielt die Brieftasche des Verprügelten als Trophäe hoch über seinen Kopf mit einer kraftvoll, jungen, hitzigen Bewegung. Noch einmal lachten alle auf und riefen einander in einer Sprache, die Schutt nicht kannte, Ermunterungen oder Schimpfwörter zu und rannten davon. Am nächsten Tage las eine moderat empörte Öffentlichkeit in Boulevardblättern von einem gewalttätigen Übergriff, wie es schon so viele in diesem Park gegeben hatte, der diesmal den erst kurz zuvor mit viel kosmetischem Aufwand verjüngten Schriftsteller zurückließ als zerschlagenen, verdreckten und alten Mann.

Paranoia in ORWO-Color die Verschwörungstheoretikerin Vera Lengsfeld und ihre schäumende Wut

Vera Lengsfeld geifert und keift alle paar Tage auf „The European“ herum – es geht ihr längst nicht mehr um Wahrheit – sie ist eine Fanaterikerin des Hasses und der Dummheit wie man auch an diesem Beitrag über die „Corona-Politik“ erkennen kann.
Vor allem hat sie sich festbegissen in ihrem allumfassenden Haß auf Angela Merkel – das ist natürlich persönlich: eine private Kaputtheit und Idiosynkrasie wird so zum Brechmittel der Politik.
In meinem Buch „Panoptikum des Grauens“ habe ich ein Porträt Lengsfeld gewagt – und finde, auch ein Jahr nach seinem Erscheinen, alles bestätigt…
Darüber hinaus repräsentiert Lengsfeld auch den „Destruktiven Charakter“ (nach Benjamin) jener AfD-Apologeten, die „ nur noch afd-seufzend“ in den braunen Pfühl sinken und durch ihre Ihnoranz und ihren unbändigen Haß, die Demokratie in den Orkus stürzen wollen.

Zu Sigmund Freud kam am Beginn seiner Laufbahn einmal ein Patient, der nicht aufhören konnte von den abenteuerlichsten Intrigen, Rankünen und Verschwörungen zu erzählen, die angeblich gegen ihn ins Werk gesetzt wurden. Stundenlang ließ er sich höchst agitiert darüber aus, bis Freud der Kragen platzte und den Jammernden anfuhr: „S´ans stad, Sie san ja verrückt!“In einer anderen Psychoanalyse-Anekdote mit Freud verspätet sich ein schwerer Paranoiker. Der Psychiater bemerkte trocken: „Sie kommen zu spät! Ihr Verfolgungswahn war heute schon vor Ihnen da.“

…and now to something completely different:

Der Filmregisseur Alfred Hitchcock war unübertroffen im Erzeugen von Angst, Alptraum und Aggression. Seine Meisterschaft in der Manipulation der Gefühle der Zuschauer ist auch noch heute, vierzig Jahre nach seinem Tod, unbestritten. Hitchcocks Themen waren die Themen des 20. Jahrhunderts schlechthin: Verlust des Ichs, quälende Schuld und das diffuse oder sehr berechtigte Gefühl ständiger Bedrohung und Unsicherheit.
1955 produzierte Hitchcock auch eine Fernsehserie. Eine einstündige Episode trug den Titel „Revenge“ („Rache“ – auf das Rachemotiv kommen wir noch zurück), sie erzählte von Angst und Bedrohung, die zu Paranoia werden und ins Desaster führen. Eine junge Frau kommt aus dem Krankenhaus, wohin man sie nach einem Nervenzusammenbruch eingeliefert hatte. Einige Tage später findet sie ihr Ehemann, als er von der Arbeit nach Hause zurückkehrt, bewußtlos vor. Sie behauptet, jemand sei in die Wohnung eingedrungen und habe sie überfallen. Ihr behandelnder Psychiater warnt vor einem Rückfall in die Nervenkrise und rät zu einer Reise, der Ortwechsel würde helfen. Also fährt das Ehepaar mit dem Auto in Urlaub. Plötzlich entdeckt die junge Frau auf der Straße einen Passanten und schreit völlig aufgelöst: „Das ist er, das ist der Kerl!“ Kurzerhand nimmt ihr Mann die Verfolgung auf bis zum Hotelzimmer des Beschuldigten und erschlägt ihn dort, dann kehrt er in seinen Wagen zurück und beruhigt seine Frau, daß jetzt alles in Ordnung sei.
Die Eheleutesetzen ihre Reise fort bis auf einmal die Frau erneut einen Fußgänger erspäht und hysterisch losschreit: „Das ist er…das ist der Mann!“. Entsetzt begreift der Ehemann, was er getan hat – von Ferne hallen bereits die Sirenen der anrückenden Polizei. Vordergründig scheint es, als wolle Hitchcock bloß mit schwarzem Humor eine bitterböse Geschichte erzählen. Wenn man nur auf das Ende schaut, stimmt das auch. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß die Frau bereits zu Beginn psychisch affiziert war. Womöglich ist die Geschichte vom Überfall nur ein Produkt ihrer Phantasie. Doch sie ist so überzeugend, daß sie ihren Mann und sogar den Psychiater darin einspinnen kann. Zu einer romantischeren Zeit nannte man diesen Zustand „folie à deux“. Heute aber fällt das Urteil der Psychiatrie zurecht härter aus: es handelt sich um„induziertes Irresein“. Sind mehr als zwei Personen beteiligt, spricht man von „Massenhysterie“.
Das vordringliche Charakteristikum von folie à deux, induziertem Irresein und Massenhysterie ist der Verfolgungswahn und ausgerechnet die Neuen Medien, die den Zugriff auf Information eigentlich so leicht machen, dienen dazu, massenhaft paranoiden Irrsinn zu verbreiten. Der paranoide Aufregungspegel wird permanent angeheizt und um immer neue Schraubendrehungen gesteigert.

Turn of the Screw

Eine, die sich auf solcherlei Schraubendrehungen, aufs an- und einheizen ausgezeichnet versteht, ist die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld. Ein tragischer Fall, denn sie betreibt heute genau das mit Inbrunst, was einmalder einstige Staatssicherheitsdienst perfekt beherrschte: Angst erzeugen, falsche Verdächtigungen verbreiten, Gegner in Mißkredit bringen und quasi die ganze Welt als Feind betrachten.Einst kleinbürgerliche Regungen eines noch kleinlicheren Staates, heute offenbar der desolate Geisteszustand ganzer Bevölkerungsgruppen.
In der DDR gab es kein Laissez-faire, keine Großzügigkeit, keine Nonchalance, wie denn ja Kleinbürger auch nicht locker lassen können, immer auf verbissene Weise angespannt sind, weil sie fürchten, sie könnten übers Ohr gehauen werden. Beim Erbsenzählen denken sie nicht an Aschenputtel, sondern ans infantil-verdruckste Aufrechnen kleiner Kinder, die aufs Gramm genau die gleiche Anzahl an Schokoladenstückchen haben wollen wie die anderen. Dazu kommt das haarspalterisch-ewige Mißtrauen gegenüber gebildeteren oder psychisch angstfreieren Menschen. Mißgünstige soziale Kontrolle war in der DDR das Instrument, das der allgegenwärtigen Stasi viel Arbeit abnahm. Ein Staat dessen krakenhafter Großer Bruder sogar metikulös mißliebigen Bürgern die getragene Unterwäsche entwendete und in Einweckgläsern luftdicht aufbewahrte, um Geruchsproben für den Einsatz von Polizeihunden parat zu haben.
Es ist ebenso traurig wie grotesk: der Überwachungsstaat DDR, der zum Überwachungsstaat wurde, weil die Herrschenden nichts und niemandem trauten und zu Verwaltern des eigenen Verfolgungswahnes wurden, hat auf selbstmörderische Weise noch post mortem Erfolg, da er seine Bürger und die einstigen Dissidenten, die er auf Schritt und Tritt überwachte, mit eben jener allumfassenden Paranoia infizierte. Die Stasi ist noch immer erfolgreich, denn bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern ist das Mißtrauen so groß, daß es sie bis an ihr Lebensende verfolgt und nicht mehr losläßt; deshalb kommen sie nicht in der freiheitlichen Demokratie an. Verfolgungswahn gleichsam als zweite Natur, was sage ich – als erste, als grundlegendes Lebensgefühl. Nur so läßt sich erklären, daß Vera Lengsfeld im Frühjahr 2018 den zugegeben nicht gerade lebendigen Zustand der BRD mit der Endphase der zerbröselnden DDR verglich. Selbst die sonst allüberall Sozialisten witternde Neue Zürcher Zeitung hielt das für abgedreht.
Dem Reinen mag alles rein sein – ist analog dazu dem gelernten DDR-Bürger, dem die emotionale und geistige Geschlossenheit des Systems von Staats wegen alles bedeuten mußte und dem sogar der Blick über den Untertassentellerrand das Selbstgefühl verunsicherte, „alles DDR“? Die Hymne von der Partei als Institution, die immer recht hat, muß natürlich einen halbwegs denkenden Menschen, ach, schon einen, der nur ein Viertel denkt, beunruhigen – und diese Beunruhigung kratzt auf der Haut wie die Dederonkunstfaser aus dem Textilkombinat Cottbus und verursacht Dauerausschlag. Aber bei Vera Lengsfeld hat die DDR-Sozialisation mehr als nur seelische Ekzeme hinterlassen.
Sozialistische Tristesse
Lengsfelds Eltern – der Vater war Major bei der Stasi und die Mutter Lehrerin– konnten gar nichts anderes als vorbildliche DDR-Bürger sein. Überwachung, Beobachtung, Kontrolle gehörten zur Grundausstattung ihrer Berufe. Ihre Tochter beschritt in ihrer Jugend einen musterhaften sozialistischen Lebensweg: sie besuchte in Berlin eine Spezialschule für Russisch und studierte zunächst „Geschichte der Arbeiterbewegung“ an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Erste Unstimmigkeiten mit Partei und Staat begannen 1975. Ab 1980 engagierte sich Lengsfeld in verschiedenen Oppositionsgruppen. Das war auch das Jahr, in dem sie ihren zweiten Mann, Knud Wollenberger, heiratete. Wollenberger. Der Lyriker Wollenberger, war von Geburt Däne, was ihm als geschätztem Autor das seltene Privileg der Reisefreiheit einbrachte. Bereits mit 20 Jahren wurde er inoffizieller Mitarbeiter der Stasi und spionierte dann seine eigene Frau während der gesamten Ehe bis zum Ende der DDR aus, die inzwischen als Gründerin der „Kirche von Unten“ zu den auch im Westen bekannteren Bürgerechtlern gehörte. Vera Lengsfeld entdeckte erst 1990 bei der Durchsicht ihrer Stasiakten, daß Wollenberger, mit dem sie zehn Jahre zusammengelebt und zwei Kinder hatte, von der Stasi auf sie angesetzt war. Sie ließ sich umgehend von ihm scheiden, verzieh ihm aber zehn Jahre später kurz von seinem Tod. Ihr gerade mal sechzehnjähriger Sohn Philippwurde 1988 von seinem Gymnasium in Ost-Berlin relegiert (Ossietzky-Affäre) nachdem er Militärparaden in der DDR kritisiert hatte. Heute ist er Mitglied der CDU und macht sich als Klimaproblemleugner einen Namen.
Daß die von der Stasi beschädigten Lebenswege und die verhinderten Lebenschancen bei Mutter und Sohn– Lengsfeld konnte ihre wissenschaftliche Karriere nicht fortsetzen und wurde aus der SED ausgeschlossen, was eine gesellschaftliche Ächtung bedeutete–tiefe psychische Verletzungen verursachten, ist unbezweifelbar. Die Überwachung und Spitzelei bis ins Intimste, führt zum schmerzhaften Verlust von Ver- und Zutrauen. Der Zusammenbruch von Verläßlichkeit und Nähe bedeutet zwangsläufig ein andauernd bedrohliches Gefühl von Ausgeliefertsein und Kontrollverlust: beides erscheint dann nur noch beherrschbar durch Übervigilanz und ein bis zur Paranoia gesteigertes Mißtrauen. Auf bittere Weise wird hier das Private politisch und der Wunsch nach Vergeltung zumindest nachvollziehbar.
Daß solche Menschen in ihren Lebenshoffnungen, auch in ihrem Lebensmut und ihren Urwünschen nach Vertrauen und Gemeinschaft zutiefst verletzt und verstört sind und Unruhe und Ruhelosigkeit sie belasten und zugleich auch antreiben, ist eine Binsenweisheit. So erklärt sich auch der zügellose politische Parforceritt Lengsfelds nach dem Ende der DDR. Noch von der Friedensbewegung der späten 80er inspiriert, trat sie erst den Grünen bei und wurde in den Bundestag gewählt. Da sie aber 1996 eine Koalition aus SPD, PDS und Grünen befürchtete, wechselte sie zur CDU.
Ein Parforceritt durch Parteien
Mit dem Parteiausschluß des CDU-Rechtsaußen Martin Hohmann, dessen Ansichten und Verhalten Lengsfeld unter der Camouflage „Meinungsfreiheit“ rechtfertigte, begann 2003 ihr bizarres Abgleiten in die rechten Untiefen. Martin Hohmann agitierte mit einer Rede im Bundestag und ähnlichen als „antisemitisch“ bezeichneten Reden und Aussagen heftig gegen den Bau des Holocaust-Denkmals in Berlin. Seine inkriminierte Bundestagsredegipfelte in dem Satz, ein Holocaustmahnmal wäre ein „monumentaler Ausdruck der Unfähigkeit uns selbst zu verzeihen!“ Recht eigentlich toppte der Alfred-Dregger-Protegé Hohmann die von Martin Walser 1998 in seiner zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels geprägte Metapher von der „Moralkeule Ausschwitz“, die inzwischen ein Topos der Neuen Rechten geworden ist. – Hohmann tendierte nach seinem Parteiausschluß immer offener zu den sich damals formierenden Neuen Rechten und ist nach weiteren antisemitischen Ausfällen, der ostentativen Ablehnung des Antidiskriminierungsgesetzes, reaktionärem Geraune über Sittenverfall durch Homosexualität und Abtreibung und einem rassistischem Facebook-Post – „Meine Nächsten sind nicht die jungen Männer aus Afrika“ – inzwischen folgerichtig bei der AfD angekommen.
2003 bezeichnete Vera Lengsfeld den Parteiausschluß Hohmanns und die Diskussionen um sein Verhalten ausgerechnet in der neurechten Jungen Freiheit als „inszenierte Treibjagd“. Auch wenn sie, wie sie damals noch konzedierte, seine Äußerungen als „unpassend“ empfand, empörte sie sich über die Beschneidung der Meinungsfreiheit. Zur Bundestagswahl Im Jahr 2009 überschritt sie selbst eine Grenze des politischen Benimms, als sie auf einem Plakat mit Großaufnahmen ihres eigenen und des Dekolletees von Angela Merkel in Abendrobe bei den Bayreuther Festspielen warb, versehen mit dem Slogan: „Wir haben mehr zu bieten.“ Lengsfeld erzielte ihr Direktmandat nicht, aber war über die Kritik am Plakat – „dämliche Selbstverclownung!“ – zumindest vergrätzt, zumal die obendrein auch von den Frauen in der CDU kam.2
Wohlgemerkt – niemand hat Martin Hohmann seine verschwiemelt bis offenen antisemitischen Äußerungen verboten und ihm damit seine wenn auch schäbige Meinung beschnitten und keine/r hat Lengsfeld zum Abhängen ihrer Plakate gedrängt. Natürlich besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen kaum verklausuliertem Antisemitismus und einer mißglückten Plakataktion – aber Lengsfelds Verhalten deutet an, daß hier Maßstäbe verrutschen. Aus einem jovial-derben „habt Euch nicht so“ wird im Laufe der Jahre ein erbitterter Kampf gegen die „political correctness.“
Political correctness – ein Kampfbegriff der Neuen Rechten
Die „politische Korrektheit“ ist tatsächlich ein Kampfbegriff der Neuen Rechten, die die Felle ihrer Verbalaggression davon schwimmen sah. Das Überdenken und Vermeiden von rassistischen oder sexistischen Beleidigungen und Kränkungen beraubt ja die Vertreter von Ungleichheit eines großen Teils ihrer Kampfmittel. Also schlugen jene zurück und schwadronierten von Zensur und Einschränkung der Meinungsfreiheit. Die Kritik der Rechten war keineswegs sprachwissenschaftlich fundiert und schon gar nicht xx gemeint. Der Politologe Samuel Salzborn schreibt dazu in seinem Buch „Angriff der Antidemokraten“: beim Kampfbegriff der Political Correctness handele es sich um ein „ausschließlich instrumentelles Verständnis von Meinungsfreiheit […]bei dem lediglich antidemokratische und antipluralistische Positionen wieder salonfähig gemacht werden sollen. “Dabei werde ignoriert, „[…] daß es Kern der Demokratie ist, die politischen und rechtlichen Grenzen des Sagbaren zu definieren, um ihren eigenen Bestand zu garantieren.“3
Vera Lengsfeld wütet mit heiligem Zorn auf ihrem Blog4 gegen alle Erscheinungsformen der Political Correctness, vor allem aber gegen Personen, die sie als deren Propagandisten identifiziert – und sie gibt Gastautoren die Möglichkeit sich in ihrem Sinne zu äußern. Da wird Koppheister durcheinander wie mit Sturmgeschützen auf Claudia Roth geschossen, auf die Grünen, gegen die angeblich links-liberale „Mainstream Presse“ oder längst klapprige Schreckgespenster wie den „Kulturmarxismus“!
Lengsfeld sieht also durch ihre traurige Lebenserfahrung geprägt allüberall Verbote, Hemmnisse und Überwachung und im Grunde immer noch das Prinzip Stasi dräuen. Ihre Titelei für einen übernommenen Beitrag eines rechten Blogs macht deutlich, von welchen Nachtgespenstern sie gejagt wird: „Auch DIE ZEIT fördert Stasi-Methoden im politisch korrekten Kampf gegen Rechts.“ Ziel dieses Angriffs war Anetta Kahane von der Antonio-Amadeu-Stiftung.5
Leider steht Lengsfeld trotz ihrer Erfahrung wohl stellvertretend für viele einstige DDR-Bürger, die nicht erkennen können oder wollen, daß der Kern der Demokratie der humanistische, rationale mithin aufgeklärte Widerspruch ist und nicht bloß das Fußaufstampfen des Vorurteils. Ja, mehr noch: offenbar sitzt den DDR-Geschädigten die stalinistische Dampframme der Gedankenkontrolle noch so in den Knochen, daß sie im bitteren Wortsinne ihr „Heil“ bei den Neofaschisten suchen.
Die spezielle DDR-Romantik des Nationalen
Tag für Tag meint Lengsfeld auf ihrem Blog und anderswo atemlos und getrieben die „kulturmarxistische“ Durchdringung aller Lebensbereiche aufdecken zu müssen und erweist sich dabei auch als das, was Alexander Gauland, eine Nationalromantikerin nennen würde. Während Vera Lengsfeld, wie die gesamte DDR-Bevölkerung der nahezu perfekten Kontrolle durch den Stasi ausgeliefert war, gab es keine kulturelle Liberalität, geschweige denn kosmopolitische Ansätze im Miteinander, eine Offenheit für das Fremde und Neue. Die bereits erwähnte kleinbürgerliche Verdruckstheit, die spießige Muffigkeit, die intellektuelle und menschliche Beschränktheit, die solchen Repräsentanten wie Walter Ulbricht, Erich Honecker und noch Egon Krenz aus den Bügelfalten dünstete, führte zur national-kulturellen Mittelschichtsbeduseltheit, zu einem Bildungs-Kleinbürgertum.
Die Kleingeistigkeit des Arbeiter- und Bauernstaates hatte in den 50ern selbst den herzkranken Bert Brecht zum Rückzug in die schwiemelige Innerlichkeit geführt, von wo er lyrische Ergebenheitsadressen an den Staat verfaßte oder sie brachte dann in den letzten zwei Jahrzehnten der stalinistischen Senilität solch traurige Figuren wie den Schriftsteller Sascha Anderson hervor, der zwischen gleisnerisch vorgetragener Dissidenz- und seiner Stasi-Informantenrolle changierte und chargierte.
Unverfänglich schienen im Land der Leisetreterei allein die kulturellen Klassiker als Nationalerbe. Der Aufbau-Verlag brachte –auch weil sie inzwischen rechtefrei waren –von Anzengruber über Heine, Goethe und Schiller bis Wieland – in seiner Reihe „Bibliothek Deutscher Klassiker“ 150 Bände heraus und gemeindete damit die deutsche Klassik und Romantik für den Sozialismus ein, dessen eigene Klassiker nur pflichtgemäß erworben wurden und auf den Regalen verschimmelten. Mit einer Auflage von sieben Millionen war die „Bibliothek“ durchaus lukrativ. Die äußerst sorgfältig edierten Bücher, verkauften sich preisgünstig auch im Westen. Aber die Leinenbände hatten mit ihrer schlichten Gestaltung und matten Farbigkeit dennoch etwas Fadenscheiniges. Hier waren die abgeschlossenen Epochen der Klassik und Romantik gleichsam sozialistisch erschlossen, konserviert, kanonisiert und zu vergangener Größe geronnen wie nicht mehr frische Milch.
Da der DDR ökonomische Fortune und kulturelle Avantgarde fehlten – vom Politischen ganz zu schweigen und sie in der Wissenschaft sich mit Manfred von Ardenne zufrieden geben mußte –, deshalb auch das dauernde Beschwören vom „Weltniveau“, konnte man immerhin mit solchen Verlagsprojekten auf die gloriose Vergangenheit der zu spät gekommenen Dichter- und Denkernation verweisen. So mag man sich die Affinität auch Vera Lengsfelds, die nach dem jähen Ende ihrer wissenschaftlichen Laufbahn im Verlagswesen tätig war, für die Nationalschwärmereien der nachnapoleonischen Zeit erklären.
Nationale Schwärmereien
Im Mai 2018 hält Lengsfeld eine programmatische Rede auf dem wiederbelebten Hambacher Fest. Dabei rekurriert sie weniger auf die Freiheitsbestrebungen des Jahres 1832, sondern auf die nationale Tümelei bis Trunkenheit in der damaligen Kleinstaaterei. Sie zitiert eine Rede von Jacob Friedrich Siebenpfeiffer, der vor 190 Jahren begann, das Gift des deutschen Nationalismus auszusäen. Er beklagte damals:
„Die Regungen der Vaterlandsliebe sind uns unbekannt, die Erforschung dessen, was dem Vaterlande Noth thut, ist Hochverrat, selbst der leiseste Wunsch, nur erst wieder ein Vaterland, eine frei-menschliche Heimat zu erstreben, ist Verbrechen. […] aber knechtisch beugen wir den Nacken unter das Joch der eigenen Dränger; wenn der Despotismus auszieht zu fremder Unterdrückung, bieten wir noch Arm und unsere Habe; die eigene Reformbill entsinkt unseren ohnmächtigen Händen…“
Und die Brandrednerin Lengsfeld setzt hinzu: „Ein paar kleine Änderungen nur und wir haben den aktuellen Zustand Deutschlands.“Lengsfeld liebt offenbar hinkende Vergleiche – so wie den bereits erwähnten von der angeblichen Ähnlichkeit zwischen der aktuellen BRD und der untergehenden DDR. Bei all ihrer Abwehr des Stasistaates, hat sie aber dessen Tümelei von Volk und Vaterland, dessen bildungshuberische und politische Klassik-und Romantikrezeption ohne Nachdenken, schlicht übernommen. Der biedermeierliche Minderwertigkeitskomplex der kleinstaaterischen Deutschen in einem nationalistischen Konkurrenzeuropa führte ja – das kann heute keiner mehr bestreiten, es sei denn er/sie hätten genau das wieder im Sinne – zur besinnungslosen Hingabe an die Dezivilisierung als „Sendung des Schicksals“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.1841, fast ein Jahrzehnt nach dem Hambacher Fest, dichtete Heinrich Hoffmann, solchen nationalistischen Fieberträumen frenetisch erlegen, das Urgift des spätromantischen Deutschtums: „Deutschland, Deutschland über Alles!“
Wer mit solch patriotischem Seelengewaber aber ins 21.Jahrhundert ziehen will, muß sich ernsthaft fragen lassen, ob er/sie absichtlich blind und taub oder schlicht dumm ist. Lengsfeld jedenfalls ist längst nicht im 21.Jahrhundert angekommen – wie viele andere, die sich vor den gewaltigen politischen, kulturellen, sozialen und ökologischen Aufgaben der Zukunft fürchten, die nicht mehr lokal, regional oder national zu lösen sind, sondern nur noch in globaler Kooperation. Lengsfeld ist in der sonst von ihr bekämpften DDR steckengeblieben, in deren Nationalromantik und sie wird irregeleitet von ihrer verbiesterten Abwehr des Internationalismus – den sie natürlich nur als Feindbild des Sozialistischen Internationalismus wahrnimmt.
Erklärung 2018
Wie anders ließe sich sonst die von ihr initiierte „Gemeinsame Erklärung 2018“ erklären?! Oder ist es schlichte Dummheit und Panik, die Lengsfeld und Kumpane antreibt bis zur Massenhysterie. Denn ist das romantisierte Deutschlandbild nicht längst ein fauliger Vorwand für die Rückkehr nationalistischer Arroganz und autoritärer Alpträume?
„Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, daß die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“
Diese zwei dürren Sätze enthalten soviel Dummes und jene gefährliche Paranoia, von der zu Beginn die Rede war, daß sie, einmal so unbedacht in die Welt hinausposaunt, tatsächlich eine „folie á tous“, auslösten, jene Massenhysterie, die aberwitzigen Phantasien, hinter jedem Busch lauere ein arabischer Vergewaltiger, ein „Messermann“ aus Afrika oder es kröchen Asylanten und Flüchtlinge hervor, um Hartzern oder Rentnern die Sozialhilfe wegzufressen oder die Wohnungen vor der Nase wegzuschnappen.
Mit dieser unterkomplexen Angst, die sich weigert, die weltweiten Flüchtlingsbewegungen, die Erosion der westlichen Demokratien und den Siegeszug der Autokraten als Folge des metastasierenden Kapitalismus zu sehen, kann eine Prominente wie Vera Lengsfeld nicht zuletzt aufgrund ihres Opferstatus als Dissidentin eines Unrechtssystems, zahllose andere anstecken. Lengsfeld schreit gleichsam wie die verwirrte junge Frau in jenem Hitchcockfilm „Da ist der Mann…“ – und jeder, der ihr vor Augen kommt und nicht ihr Wahnsystem bedient, wird dieses „Das ist der Mann“ auch in die Ohren geschrien bekommen…
Lengsfeld infizierte sozusagen als weitere Missionare ihrer Botschaft innerhalb von vierzehn Tagen über 50.000 Unterzeichner der Erklärung. Unter ihnen befanden sich: Henryk M. Broder, Eva Herman, Michael Klonovsky, Andreas Lombard, Mathias Matussek, Thilo Sarrazin, Uwe Tellkamp, Alexander Wendt – alles vorsichtig gesagt „Konservative“, ältere Herrschaften mit bekannten Sympathien fürs Autoritäre, vor allem Männer (nur 15 Prozent der Unterzeichner waren Frauen) und zumeist Personen aus dem gediegenen Bildungsbürgertum. Ganz offensichtliche Rechtsradikale wie Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld-Lethen waren auch dabei. Alexander Gauland und der spiritus rector der neuen Rechten, Götz Kubitschek, spendeten zustimmenden Beifall. Mit Genugtuung betrachtete die Hauspostille Kubitscheks, die Sezession, die Veröffentlichung der „Erklärung 2018“ – dort hieß es, sie löse „eine Welle der Bekenntnislust“ aus. Bekenntnis zu was? – Zu eben jenem suizidalen nationalen Taumel, mit dem die Neue Rechte Geiz, Gier, Neid, und ihre breiviksche Sehnsucht nach Gewalt wie jener als Sorge ums Vaterland camoufliert.7
„San‘S stad, Sie san ja verrückt!“
Vera Lengsfeld ist mit der „Erklärung 2018“ endgültig dort angekommen, wohin sie auf ihrem Zickzackkurszusteuerte: bei der AfD, wenngleich sie der Partei (noch) nicht beigetreten ist. Mit ihrem Blog jedoch verbreitet sie die Weltuntergangs-Positionen speziell der AfD und anderer neurechter Organisationen und macht sie salonfähig. Manche ihrer verschwörungstheoretischen „folies“ sind auf den ersten Blick lächerlich bis dumm – so zum Beispiel, wenn sie über ein Verbot der klassischen Musik raunend räsoniert: auch Mao habe schließlich in der Kulturrevolution klassische Musik verboten.8Geradezu grotesk sind Lengsfelds Schimpfkanonaden auf Kanzlerin Merkel, die sie gleichsam als Urheberin allen Übels persönlich verantwortlich macht. Ob sie Merkel als „Mutter des Brexits“ ausguckt oder bereits ihr Totenglöcklein bimmeln hört oder die Kanzlerin als Kapitänin der Titanic imaginiert:
…man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Lengsfeld habe einen endlosen Showdown mit Angela Merkel durchzustehen, so unerbittlich und rachsüchtig, wie in den schlechtesten B-Western. Man muß gar kein Befürworter Merkels sein, wenn man deren Unberührtheit in Sachen Lengsfelds Toben – „Merkel muß weg“ –begrüßt.
Täuschen wir uns aber nicht, wie am Gekeife der jungen Frau im Hitchcockfilm ist an Lengsfelds maßloser Hetze im täglichen Stakkato nichts Komisches, ihr dramatisch-theatralischer Abstieg in das Höhlensystem rechter Infamien – immer noch eine weitere unterirdische dunkle Höhle wird von ihr erkundet –führt letztendlich in die Katakomben kältester Menschenverachtung.
Abgründe der Menschenverachtung
Wenige Tage vor dem Redaktionsschluß dieses Buches veröffentlicht Lengsfeld auf ihrer Seite einen Aufsatz von Karl-Albrecht Schachtschneider, der an der Basis des Grundgesetzes und an den Menschenrechten selbst rüttelt und dessen völkische Gesinnung nicht mißzuverstehen ist. Der ehemalige Staatrechtslehrer, Mitglied im Kuratorium der „Desiderius-Stiftung“ der AfD, Mitbegründer der Kampagne „Ein Prozent für unser Land“, des verschwörungsideologischen Zusammenschlusses „Wissenschaftsmanufaktur“ und Referent auf Veranstaltungen der NPD oder beim „Institut für Staatskunde“, entwickelt in seinem Aufsatz systematisch juristische Wege, zur Aushöhlung der Menschenrechte auf völkischer Basis, die an die schlimmsten Jahre deutscher Geschichte erinnern, in denen per Gesetz ganzen Menschengruppen ihre Rechte abgesprochen und ihre Gleichheit vor dem Gesetz abgeschafft wurden.
Während Schachtschneider auch von seinen Juristenkollegen längst entlarvt worden ist als völkisch-elitär, autoritär und antidemokratisch –finden sich auf seiner eigenen Webpräsenz noch weitere Beiträge im selben Tenor. Aber Lengsfelds Übernahme seiner Ungeheuerlichkeiten macht ihn womöglich zu einem widerständigen, tapferen älteren Herrn, der „um sein Vaterland“ besorgt ist. Eine Fahrkarte auf der auch Gestalten wie Alexander Gauland oder Henryk M. Broder reisen; und nicht gerade im Bummel-, sondern im Hochgeschwindigkeitszug der Menschenverachtung. Schachtschneider hangelt sich von Erörterungen zur Religionsfreiheit und deren Einschränkung, über die Abtreibung, den Abschuß einer Passagiermaschine, die von Terroristen entführt wurde, schließlich zur Verweigerung von gleichen sozialen Zuwendungen für Asylanten oder Flüchtlinge, auf der Basis einer gleisnerisch ausgelegten Kantischen Rechtsphilosophie. Seine Überlegungen gemahnen an die gnadenlose Selbstermächtigung und die Inhumanität der kleineren und großen „Willigen Vollstrecker“ der Nazizeit. Mit Sätzen wie den folgenden entlarvt sich Schachtschneider als ein „Furchtbarer Jurist“ unseligen Angedenkens:
„Die Sogwirkung der Sozialleistungen nach Deutschland ist überaus stark. Angesichts des bislang unzureichenden Grenzschutzes, verfassungs- ja, staatswidrig[…] und der Weigerung der großen Mehrheit der politisches Klasse […] die Invasion in das Land eines dekadenten Volkes zu unterbinden, wird in absehbarer Zeit Deutschland islamisieren. Jeder weiß das und wer es weiß,aber nicht unterbindet, obwohl er die Macht dazu hat, will diese Umwandlung.“
Schließlich gipfelt die tollkühne Themen-Melange Schachtschneiders in einer Aushebelung der Menschrechte mithilfe der Menschenrechte (wen diese Aushebelung als erstes treffen soll, läßt sich nach der Desasterposaune von der „islamischen Invasion“ unschwer erraten):
„Wer wegen übergesetzlichen Notstandes getötet wird, wird nicht in seiner Würde beeinträchtigt, wird nicht zum Objekt degradiert, sondern bleibt Subjekt des Geschehens, nämlich Gesetzgeber des Handelns. […] Die Überhöhung des Lebensschutzes mittels des Würdeprinzips ist ein dogmatischer Fehler.“
Zwar bezieht sich der Autor hier oberflächlich auf das längst nicht ausdiskutierte Recht des Staates ein von Terroristen entführtes Flugzeug abzuschießen – worauf aber seine ungeheuerlichen Argumentationen wirklich hinauslaufen, müßte selbst Vera Lengsfeld klar sein.
Paranoia in ORWO-Color
Nach ihren Lebenserfahrungen sollte Vera Lengsfeld sehr genau wissen, welche Folgen ihr hemmungsloses Zündeln und ihre Hetze haben. Da sie aber wie die Paranoikerin in Hitchcocks Fernsehfilm vermutlich zwanghaft handelt, kann man ihr auch ein zugleich rasend schmerzendesnagendes und völlig diffuses Rachegelüst unterstellen –da wird jeder gebissen! Dieses Rachegelüst ist ja bei vielen Charakteren der Neuen Rechten der alles beherrschende Antrieb. Lengsfeld ist wie viele andere durch die Wühlarbeit der Stasi im Unrechtsstaat lebensgeschichtlich zu kurz gekommen. Aber Trauer, Wut und Zorn wendet sie – ebenso wie so viele andere im Leben zu kurz gekommene Anhänger der Rechten (man denke nur an Björn Höcke, der so verzweifelst seine verloren gegangene Männlichkeit sucht)- in abstoßend-erschreckendem Vernichtungswillen gegen andere, die nicht die Urheber des Leids sind und richtet damit nur noch mehr Leid an. Letztendlich schadet sie mit dem hemmungslosen Ausleben des Rachetriebes, wie die junge Frau im Film, nur sich selbst. Wir erinnern uns, der Originaltitel lautete „Revenge“.
Ohne aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen, gestehe ich, daß ich es angesichts ihrer Aktivitäten und deren politischer Destruktivität, nicht einmal mehr bedauere, daß sie ihr Ansehen als Dissidentin so katastrophal zerstört hat; denn da ist kein Aufbruch, kein Versuch etwas Neues zu schaffen beim Rückgriff auf das alte Gift von Nationalismus und völkischem Vaterland, sondern nur noch morose Menschenverachtung.  Lengsfelds Treiben mutet an wie jene alten Fernsehfilme im ausgewaschenen Farbsystem des DDR-Fernsehens, die uns einen trüben, schlaffen, ausgepowerten Staat und seine ebenso ausgewrungenen und ausgebleichten Bürger zeigten, einen Staat und einen Alltag ohne Glanz, in dem nicht nur die Luft überall so stickig-trist wie in Bitterfeld war, sondern auch die gesellschaftliche Atmosphäre ewig grau und erstickend: Paranoia in ORWO-Color.

Leberwurst

Die Ereignisse in der deutschen Fleischindustrie brachten mir eine alte Geschichte in Erinnerung, die ich Euch nicht vorenthalten möchte….

 

 

Die Glocke der Ladentür klang schärfer als gewöhnlich, denn die Kundin hatte sie heftig aufgestoßen und stürzte fast ins Geschäft hinein, ihr Hut wurde nur noch von einer Nadel gehalten und rutschte von der zerzausten Frisur ins Gesicht. Die hagere Frau fing sich im letzten Moment und umklammerte die Lehne des einfachen alten Küchenstuhles, der vor der Theke stand.
„Um Gottes Willen, Frau Gumpel“, erschrak die Ladenbesitzerin. „Was ist Ihnen denn geschehen?“
Mit der einen Hand griff sich die Kundin an die Brust und zog mit der anderen den Hut aus der Stirn. Sie schnappte nach Luft: „ich muß erst einmal zu Atem kommen…“
„Setzen Sie sich“, die Ladenbesitzerin kam hinter der Theke hervor und half der aufgelösten Frau auf den Stuhl. Die Kundin, die gerade bedient worden war, beobachtete die Szene neugierig.
Frau Gumpel beruhigte sich allmählich und strich die Haare zurück. „Beim Kröpcke,“ stieß sie hervor, “beim Café Kröpcke…auf einmal, ganz plötzlich ein Trupp Kommunisten und einer von den Nazis, mit Fahnen und Transparenten, grölend gehen die aufeinander los. Man konnte sich gar nicht so schnell in Sicherheit bringen.“
„Wieder eine Demonstration?“ fragte die andere Kundin erschrocken.
„Ja, sicher, eine Kundgebung, ich wollte bloß am Rand vorbei, kam gerade aus dem Kaufhof, da gab´s ein Sonderangebot Bettwäsche… und urplötzlich legen die los und prügeln aufeinander ein. Ich sag Ihnen, da sind die Fäuste geflogen, ohne Rücksicht auf Verluste, wie die Berserker!“
Die Ladenbesitzerin stemmte die Hände dahin wo ihre Hüften liegen mußten; ihr weißer Kittel spannte sich wulstig um ihren umfangreichen Körper. „Diese Banditen, verdammich. Kann denn da keiner durchgreifen? Was sind das nur für Zeiten! Haben Sie sich auch nicht verletzt, Frau Gumpel?“
„Gott sei Dank nicht“, hauchte die Frau und betrachtete ihren zerquetschten Hut. „Aber hier, “ sie hielt den Frauen den grauen Filz mit einer halb abgerissenen blauen Seideniris an der Krempe entgegen…“ der ist ganz neu, den hat mein Mann mir zum Geburtstag geschenkt… Hinüber,“ greinte sie und schüttelte betrübt den Kopf, berichtete aber sofort weiter:
„Diese Verbrecher hatten sogar Schlagstöcke dabei und Zaunlatten. Vor meinen Augen haben sie einem auf den Kopf gehauen, daß er blutüberströmt zusammensackte. Ich hab ja noch Glück gehabt, daß ich da heil rausgekommen bin… Nur der Hut…“ jammerte sie.
Die Ladenbesitzerin holte aus einem Regal eine Flasche mit rotem Etikett herunter. „Moment mal“, ließ sie verlauten und verschwand durch einen Perlenvorhang ins Hinterzimmer. Die Schnüre aus Bakelit-Kügelchen schlugen klackernd gegeneinander und noch bevor sie wieder ausgehangen waren, kehrte die Ladenbesitzerin zurück mit einem Schnapsglas in der Hand und schenkte den Schierker Feuerstein ein. „Trinken Sie das mal, Frau Gumpel, das wird Ihnen gut tun auf den Schreck.“
Begehrlich beobachte die andere Kundin wie Frau Gumpel dankbar das angebotene Glas entgegen nahm, den Magenschnaps auf einen Zug hinunterstürzte, dann tief durchatmete und ein zufriedenes Grummeln hören ließ: „Jetzt geht´s mir besser!“ Ein Lächeln huschte ihr durchs Gesicht und mit einem gespielt klagenden Unterton sagte sie:
„Und das alles nur wegen Ihrer Leberwurst, Frau Grams!“
„Unsere Leberwurst?“ ließ die Ladenbesitzerin Grams erstaunt vernehmen.
„Ja, natürlich. Ich bin doch nur gekommen, wegen der Leberwurst. Mein Mann wollte heute Morgen unbedingt Leberwurststullen ins Amt mitnehmen. Aber wir hatten keine Leberwurst mehr zuhaus. Käsebrote hab ich ihm gemacht und darüber hat er ziemlich gemault.
Er liebt Ihre Leberwurst; also hab ich mich eigens auf den Weg gemacht, damit er wenigstens zum Abendbrot welche kriegt. Sie ist ja auch sehr lecker, deswegen lauf ich sogar ein paar Straßen weiter…so kam das dann, daß ich da am Kröpcke rein geraten bin!“
„Oooch“, tönte die Ladenbesitzerin Grams. Ein nicht ganz ernst gemeintes Bedauern für die Kundin und berechtigter Stolz auf ihre Ware schwangen gemeinsam darin.
„Die ist ja auch gut, unsere Landleberwurst. Ich bin froh, daß wir diesen neuen Lieferanten gefunden haben. Bei den Fleischpreisen heutzutage war das nicht so einfach. Aber die Qualität seiner Sachen hat sich schnell rumgesprochen. Auch die Sülze ist hervorragend, die Leute kaufen sie wie nix…“ und sie wies auf eine fast geleerte Schale in einer modernen Kühltheke, „… ist auch nur noch ein Viertelpfündchen da… Für die Wurst“, fuhr sie fort, „haben wir uns ja extra diese Kühltheke angeschafft!“
Die Kundinnen musterten den Neuerwerb in Grams Lebensmittelgeschäft gebührend respektvoll. Auf dem klinisch weißen Unterteil – emailliertes Blech – prangte der Schriftzug Linde-Kühltechnik. Den gläsernen Aufsatz polierte Frau Grams mehrmals am Tag, damit nur ja keine Patschfingerabdrücke zu sehen waren.
„Das war nicht einfach für uns, das zu stemmen in diesen Zeiten. Wäre die Geldreform nicht gekommen, hätten wir uns das überhaupt nicht leisten können. Aber mein Mann wollte das Sortiment erweitern und an frische Ware, Wurst und Käse, kommt man ja jetzt ran, wo das Geld wieder was wert ist…“ sie wischte mit einem strahlend weißen Lappen schon wieder über die Frontscheibe, hinter der ein halber Goudakäselaib prangte, ein Stapel Limburger unter einer Glocke, Griebenschmalz in einer Terrine und auf einer Platte ein Dutzend Frankfurter Würstchen.
„Es ist alles immer so schnell aus. Ich hab leider gar keine Leberwurst mehr. Frau Rehbock hier,“ und endlich wandte sie sich der anderen, bisher schweigenden Kundin zu, “wollte auch Leberwurst einholen. Aber die Leberwurst, die Fleischwurst und die Sülze…reißender Absatz. Ich hatte schon heute Morgen kaum noch was, wie Sie sehen. Ich hätte ja meinen Lieferanten antelephoniert…, “ und sie betonte das Wort, damit die beiden ja mitbekamen, daß sie sich mit dem Aufschwung auch einen Apparat, leisten konnte.
„…aber mein Lieferant hat natürlich noch kein Telephon. Da hab ich ihm vorhin unseren Lehrjungen hingeschickt, unsern Sohn, den Paul. Schönes Stückchen Weg. Der Mann lebt drüben in der Calenberger Neustadt, kommt aber immer sofort, wenn man ihm Bescheid gibt. Sehr zuverlässig. Es kann nicht mehr lange dauern. Wenn Sie sich also noch einen Augenblick gedulden wollen…er kommt bestimmt gleich, “ beteuerte sie.
Die bisher stumme Kundin, Frau Rehbock, blickte auf ihre blecherne Armbanduhr. Eine bessere, die sie vor dem Krieg von ihrem Mann zum Hochzeitstag geschenkt bekommen hatte, war in der Inflation als Tauschobjekt an einen Bauern am Ith draufgegangen.
Die Ladenbesitzerin gab sich einen Ruck, es waren ja Stammkundinnen. „Wissen Sie was“, sie schlüpfte wieder durch den Perlenvorhang ins Hinterzimmer und kam diesmal mit zwei weiteren Schnapsgläschen zurück, „Damit uns die Zeit schneller vergeht und auf den Schrecken von vorhin dürfen wir uns ruhig noch was gönnen!“
Frau Rehbocks Gesicht hellte sich auf, als ihr der Stamper in die Hand gedrückt wurde, auch Frau Gumpel hielt den ihren noch einmal zum Auffüllen hin.
„Aber diesmal, “ betonte die Ladenbesitzerin, „probieren wir ein Likörchen!“ Sie bückte sich und holte unter der Theke eine bauchige Flasche hervor, schüttelte sie leicht und darin wirbelten goldene Funken auf. „Danziger Goldwasser gefällig? Nur für geschätzte Stammkunden!“
Die beiden Kundinnen ließen sich einschenken.
„Prösterchen, meine Damen!“
Genießerisch leerten alle drei ihre Gläser zur Hälfte, spitzten die Schnäuzchen – in der Tat spross auf Frau Rehbocks Oberlippe ein feiner Damenflaum – und genossen wie der edle Likör ihre Kehlen hinabrann.
„Ich glaub, das letzte Mal, daß ich Danziger Goldwasser getrunken habe“, erinnerte sich Frau Gumpel, „… war vor dem Krieg Das muß fünfzehn Jahre her sein. Da haben wir die Eltern meines Mannes besucht, er stammt ja aus Danzig! Mein Gott, das waren noch Zeiten.“
„Unter dem Kaiser, das war wirklich die gute alte Zeit“, Frau Rehbock hatte einen schwärmerischen Unterton in der Stimme. Die anderen nickten beifällig.
„Jaaaa“, schnurrte die Ladenbesitzerin und leerte ihr Glas. „Da ging´s uns noch Gold. Aber dann — mein Mann ist ja gleich eingezogen worden im August ´14…“
„Meiner auch, “ fiel ihr Frau Gumpel ins Wort. „Er kam schnell in französische Gefangenschaft. Da hat er den ganzen Krieg gesessen.“
Die Ladenbesitzerin Grams hatte auch eine soldatische Geschichte in petto: „Mein Mann ist dann verwundet worden; bei Verdun, gleich zu Anfang. Steife Hand, aber das hat ihm wohl das Leben gerettet. Wer weiß, was passiert wäre, wenn er da hätte länger ausharren müssen im Graben an der Front. Und auch wenn er als Invalide zurückkam, er konnte doch wieder ins Geschäft. Allein hätte ich das nicht alles geschafft, den Laden so durchzubringen. Es gab ja kaum Ware damals“.
„Meiner ist gefallen, bei Ypern“, flocht Frau Rehbock gedämpft ein. Die traurige Mitteilung hemmte den Redefluß der Ladenbesitzerin nur kurz. Sie hob gleich wieder an: „Mein Mann hat ja Gott sei Dank eine starke Konstitution,“ sie sagte „Konschtitution“. „Selbst nach dem Krieg, als diese mörderische Grippe wütete, hat er´s gut überstanden. Dann konnte ihm die Inflation nicht mehr viel ausmachen, wenn wir´s auch schwer gehabt haben – jedermann wollte anschreiben lassen, weil ihm ja seine Milliarden, die er morgens in der Lohntüte hatte, abends nichts mehr nutzten. Altpapier! Am schlimmsten aber war es wohl im vergangenen Jahr, im Ruhrkampf, da wurde es wirklich eng…“
Frau Gumpel leerte ihre Neige Danziger Goldwasser, leckte sich die Lippen nach und nickte. „Gut daß mein Mann Beamter ist, den konnten sie nicht entlassen!“
Frau Rehbock schwieg und dachte sich ihr Teil. Sie hatte als Kriegerwitwe ganz allein die schweren Zeiten durchstehen müssen.
„Aber jetzt“, frohlockte die Ladenbesitzerin, „wo der Stresemann am Ruder ist, geht es aufwärts. Sonst hätten wir uns ja auch nicht diese Kühltheke geleistet, “ schon wieder wienerte sie das Glas.
„Da kommt kein Eis rein, wie bei diesen altmodischen Dingern, die läuft mit Strom, “ erklärte sie.
„Ja, alles schön und gut“, empörte sich Frau Gumpel. „Aber was tut der Stresemann gegen diese vielen Verbrechen und den politischen Aufruhr auf der Straße. Ruhe und Ordnung sind doch noch längst nicht wieder hergestellt. Ich hab das ja heute am eigenen Leibe erfahren müssen“, und sie wies auf ihren derangierten Hut.
Jetzt beteiligte sich auch Frau Rehbock am Gespräch. Unruhe lag in ihrer Stimme: „Ja, die Verbrechen. Es ist als wären die Menschen toll geworden! Haben Sie´s heute Morgen in der Zeitung gelesen? Die Polizei will das Wasser in der Leine mit einem Wehr absenken!“
„Und was soll das bringen? “ fragte die Ladenbesitzerin Grams.
Frau Rehbock senkte Stimme und Kopf; flüsternd erklärte sie: „es sind doch schon wieder Knochen in der Leine gefunden worden! Men-schen-Kno-chen!“ und sie betonte jede Silbe einzeln.
„Hm, “ murmelte Frau Gumpel, „in solchen Nachkriegszeiten, sagt mein Mann, verschwinden eine Menge Menschen. Der weiß das ja genau, der kennt die Vermißtenanzeigen. Arbeitet doch bei der Staatsanwaltschaft. Die können sich gar nicht retten vor Fällen. Vor allem ganz junge Leute gehen verschütt, auf Nimmerwiedersehen. In solchen Nachkriegszeiten geraten eben viele aus dem Lot.
Als ich vorhin am Hauptbahnhof vorbeikam, da lungerte wieder so ein Gesindel herum. Abends könnte sich eine Frau da nicht allein hinwagen. Unterm Kaiser wäre das nicht passiert, da hätte man kurzen Prozess gemacht“, sagt mein Mann. „Aber jetzt sind wir ja Republik,“ stieß sie verächtlich hinterdrein.
„Das ist wohl wahr“, stimmte ihr Frau Rehbock zu. „Ich bin froh, daß ich schon während des Krieges aus Klein-Venedig weg bin. Das ist jetzt das verrufenste Viertel.“ Sie senkte die Stimme erneut und flüsterte fast, “ Sie wissen schon, besonders diese Seidenweichen treiben sich da rum und ganz viel junges Volk, Ausreißer und die Söhne von Gefallenen, die auf die schiefe Bahn geraten sind, weil die väterliche harte Hand fehlt…“
„Es sind vielleicht auch ein paar arme Kerle darunter“, auch Frau Gumpel senkte die Stimme ab. „Wer weiß, auf wen die jungen Männer da reingefallen sind, von denen die Polizei die Knochen gefunden hat!“ Sie legte den Zeigefinger auf den Mund. „Pscht, “ machte sie, “ behalten Sie das für sich. Mein Mann muß ja genau diese Akten kopieren. Der hat mir Sachen erzählt…“
Das weckte natürlich gruselig-wohlige Neugier der anderen beiden und sie kamen noch näher. Frau Gumpel nahm das als Aufforderung ungeniert weiter im Flüsterton zu berichten.
„Man hat festgestellt, daß die Knochen alle, durch die Bank, von ganz jungen Menschen stammen und mit Fleischeraxt und Säge zerlegt worden sind. Es muß jedesmal ein richtiges Blutbad gewesen sein. Anschließend hat der Unhold die Reste in die Leine geschmissen. Er muß völlig skrupellos sein…!“
„Ja“, hauchte Frau Rehbock, „ein Ungeheuer! Ich kann ja nicht mal mehr mit meinem Dackel an der Leine spazieren gehen. Man stelle sich nur vor, der findet so einen Knochen…“ sie schüttelte sich. „Dann muß ich dem Hund diesen Knochen womöglich noch aus der Schnauze ziehen und zur Polizei bringen…“, sie zog ein angewidertes Gesicht.
„Aber meine Damen“, die Ladenbesitzerin Grams erhob ihre Stimme, um die Düsternis zu vertreiben, „so geht das aber nicht, Sie machen mir ja schon am hellichten Tage Angst.“ Sie überwand den letzten Rest ihrer Knauserigkeit und zog noch einmal die Flasche Danziger Goldwasser unter der Theke hervor, denn sie brauchte jetzt selbst noch einen Schnaps.
„Dieses Grauen müssen wir jetzt herunterspülen. Und dann kein Wort mehr davon.“ Lächelnd stimmten ihre Kundinnen zu und ließen sich nicht zwei Mal bitten. Sie erhoben ihre Gläser.
„Dann also Prosit“, die Ladenbesitzerin versuchte fröhlich zu klingen, um die finsteren Bilder, die allen durch den Kopf geisterten, zu vertreiben.
Frau Grams kam aber nicht dazu einzuschenken, denn das Türgeläut erscholl, diesmal munter und heiter; die Ladentür wurde mit sanftem Schwung geöffnet.
„Ah, wunderbar, daß Sie endlich da sind, “ rief die Ladenbesitzerin Grams, „wir haben gerade von Ihnen gesprochen…“
Ein freundliches Lächeln übers ganze Gesicht, die Finger der Rechten unter die Schnur eines großen, in Wachspapier eingeschlagenen Paketes geklemmt, stand in der Tür ein kräftiger Mann, nicht sonderlich groß, aber mit breiten Schultern, darauf ein quadratisch-bäurischer Schädel. Sein sympathischer Blick flößte Vertrauen ein. Mit der Linken zog er den Hut vom Kopf und nickte den Damen sacht zu.
„Da ist sie ja unsere Wurst“, Frau Grams lief ihm entgegen und streckte schon beide Hände aus, um das Paket in Empfang zu nehmen, aber der Mann wehrte sie sacht ab und hievte seine Lieferung auf den Tresen.
„Ich mußte, “ sagte er mit sanfter Stimme“, leider einen Umweg machen, deshalb hab ich mich etwas verspätet. Ich hatte schon am Bahnhof was raunen hören, daß beim Café Kröpcke was los sei. Da bin ich dann ein paar Straßen weiter gelaufen, es kamen uns schon eine Menge Leute entgegen, auch Polizei. Und dabei habe ich Ihren Paul aus den Augen verloren, Frau Grams.“
„Der wird doch nicht in die Schlägerei mit den Kommunisten und Nazis geraten sein“, stieß die Ladenbesitzerin besorgt hervor.
„Ich glaube nicht“, beschwichtigte der Lieferant. „Er hat ja auch noch das zweite Päckchen mit dem Wurstebrei. Er wird schon drauf aufpassen. Er ist ein schlauer Junge.“
Der Lieferant zog sein Taschenmesser aus dem enggeschnürten Mantel – Frau Gumpel fand, so zusammengezwängt in seinem Trench hatte er das Aussehen eines Sülzenpresskopps, aber sie sagte es nicht. Sie bekam Appetit und glaubte, sich auch eine dicke Scheibe Sülze gönnen zu können.
„Es ist Paul bestimmt nichts passiert. Wär doch schade, wenn er was abkriegen sollte,“ beruhigte der Mann Frau Grams und schnitt mit eleganter Bewegung, als mache er nie etwas anderes, die Paketschnur gleich an mehreren Stellen entzwei.
„Er hat auch ein so hübsches Gesicht, der Paul“, fuhr der Mann fort und stach in das Wachspapier, um es mit einem langen und geraden Schnitt aufzutrennen. Darunter kamen weitere Päckchen in Wachspapier zum Vorschein, einige länglich, mehrere von Armdicke und Länge – das mochten die Blut- und die Leberwürste sein – und einige kleine Pakete, die noch einmal eigens mit Schnürband umwickelt waren, damit die Gefäße darin ihre Deckel nicht verloren und die verschiedenen Delikatessen nicht herausrutschen konnten.
„Na, Sie haben sich aber ins Zeug gelegt, mein Lieber“, freute sich die Ladenbesitzerin.
„Ja, eine richtige Großlieferung“, sagte der Mann mit einem zufriedenen Lächeln. „Ich hatte Glück, konnte gestern erst wieder ordentlich schlachten und wursten. Es hat ganz herrlich gerochen in der Nachbarschaft als alles in den Kessel wanderte. Schmackhafter Sud…“
„Ach, “ seufzte Frau Rehbock, „früher, vor dem Krieg, bin ich oft zu Verwandten rausgefahren aufs Land, zum Schlachtetag. Da gab´s immer eine gute Brühe von den Würsten. Und wir hatten da auch so einen Spruch, “ sagte sie leutselig und mit einer gewissen Absicht: „so bald dat Swin am Haken hängt, wird erst Mal einer eingeschenkt!“
Frau Grams begriff. Sie war ja noch nicht dazu gekommen, das Goldwasser einzuschenken. Bevor sie aber zur Tat schreiten konnte, läutete die Türglocke wieder und ein Jüngling mit offener Joppe sprang herein. Ein hoch aufgeschossener Sechzehnjähriger, man hätte ihn nicht für ihren Sohn halten können, schlank, blond und mit einem hübschen Gesicht.
„Da bist Du ja, mein Lieber“, rief ihm der Lieferant zu und strahlte ihn an. „Wir haben uns schon richtig angefreundet“, erklärte er der Mutter und strich dem Jungen übers Blondhaar. „Hast Du dich richtig in Sicherheit gebracht? Nächstes Mal weichst du mir nicht von der Seite! Ich paß dann auf Dich auf!“ Jovial und verschmitzt hob er den Zeigefinger, „damit Dir nichts passiert!“
„Na, es war knapp, ich bin um zwei Ecken abgehauen“, sagte der Junge. „Es stürmte auch ein Trupp Schupos an. Da hab ich dann einen Bogen ums Kröpcke geschlagen.“
„Gott sei Dank“, brachte Frau Grams erleichtert hervor. „Junge, ich hab mir schon schwere Sorgen gemacht!
„Müssen Sie nicht, Frau Grams, “ beruhigte sie der Mann, „wenn ich dabei bin, wird der Junge nicht vertrimmt!“ Und er packte seine Pakete auf den Tresen.
Die Ladenbesitzerin entfernte das Wachspapier und legte den Inhalt in ihre neue Kühltheke. Mit jedem Stück stieß sie ein freudiges Oh und Ah aus: „das ist die Sülze“, und die Gallertmasse mit großen rosafarbenen Fleischstücken wurde auf eine Porzellanplatte gelegt und mit einem Sträußchen Petersilie verziert. „Und das ist Ihre Leberwurst, meine Damen“, und sie hielt ihnen einen prallen und fettglänzenden Darm entgegen.
„Und hier, Mama, hab ich noch einen ordentlichen Pott Wurstebrei“, Paul öffnete auch ein Päckchen und reichte seiner Mutter eine große Schale mit der graurosa Fleischmasse.
„Nach westfälischem Rezept“, betonte der Mann nicht ohne Stolz.
Die Ladenbesitzerin Grams schnüffelte genüßlich an der Schale, bevor sie sie zu den anderen Wurstwaren in die neue gläserne Theke legte. „Wunderbar“, schwärmte sie und wandte sich an ihre Kundinnen.
„Wurstebrei…mit Gürkchen und Bratkartoffeln“, schmachtete Frau Rehbock mit großen Augen. Ihr lief das Wasser im Munde zusammen, sie liebte Hausmannskost. „Also gut, “ entschloß sie sich, „geben Sie mir mal ein halbes Pfund, Frau Grams. Mehr brauch ich nicht, ich bin ja allein. Aber jetzt muß ich nicht mehr lange nachdenken, was ich morgen koche. Für sich allein macht man´s ja doch eher einfach!“
„Aber gut“, nickte die Ladenbesitzerin und wog das halbe Pfund ab. „Und vergessen sie nicht Ihre Leberwurst, Frau Rehbock, dafür sind Sie doch eigens gekommen.“ Sie ergriff eine der neuen Leberwürste, legte sie aufs Schneidebrett und maß mit der scharfen Messerklinge ein nur kurzes Stück ab. „Oder darf´s ein bißchen mehr sein, Frau Rehbock?“
„Na“, säuselte die Kundin, “dann wollen wir uns mal was gönnen. Ein Bißchen mehr geht noch. Ja, genau so. Und dann noch eine fingerdicke Scheibe Sülze, und das ist dann alles!“
Frau Grams wickelte Leberwurst und Sülze in Butterbrotspapier und zusammen mit dem Wurstebrei in einen blaßroten Bogen. Dann reichte sie das delikate Päckchen ihrer Kundin.
„Sehen Sie, “ wandte sie sich ihrem Lieferanten zu, „Ihre Wurst ist bei meiner Kundschaft sehr beliebt!“
„Besonders diese Leberwurst“, bestätigte Frau Gumpel. „Also, wie Sie die machen, so würzig. Das ist einmalig, sagt auch mein Mann. Auf Bauernstuten ist sie wirklich lecker! Haben Sie da einen besonderen Kniff oder eine raffinierte Zutat?“
Der Mann lächelte bescheiden und bedankte sich leise. „Leider kann ich das Rezept nicht verraten, das muß schon mein Geheimnis bleiben. Aber ich kann sagen, daß ich nur frischestes Fleisch verwende, das liegt nicht lange bei mir unverwertet rum“, er legte den Kopf versonnen zur Seite.
„Und“, hob er schelmisch die Stimme: „seit ich eine gebrauchte Wurstmaschine kaufen konnte, kann ich jetzt auch mehr machen. Da geht die Masse ruckzuck in den Darm; die Maschine hat einen Fußschalter: Drauftreten und zack, sind auf einen Schlag dreißig Zentimeter Pelle voll.“ Dem Manne leuchteten die Augen.
„Das würd ich gerne mal sehen“, meldete sich der bisher schweigsame Paul zu Wort.
Dem Lieferanten huschte ein Lächeln übers Gesicht. „Interessierst Du Dich fürs Fleischerhandwerk?“
„Das weniger, “ erklärte Paul, „aber so ´ne Mechanik find ich spannend.“
„Du bleibst schön hier im Geschäft und lernst Kaufmann, das ist doch ein sauberer Beruf, nicht so wie Fleischer mit all dem Blut“ und seine Mutter drohte scherzhaft mit erhobenem Zeigefinger. „Wir wollen doch den Laden einmal an dich übergeben…“
„Ich könnte Dir trotzdem gern meine Maschinen zeigen und wie sie funktionieren, wenn Du das nächste Mal kommst, um…“ sagte der Mann freundlich zu Paul, „…Wurst abzuholen. Meinen elektrischen Wolf für Mett und Fleischbrät hab ich auch noch nicht lange. Interessanter kleiner leistungsstarker Motor! Sein früherer Besitzer ist in der Inflation pleite gegangen!“
Der Junge strahlte spitzbübisch: „knorke, das wär Klasse! Für Maschinenbau hab ich mich schon immer interessiert.“
Der Mann nickte dem Jungen aufmunternd zu, schlug den Mantelkragen hoch und wandte sich schon der Tür zu. „Dagegen werden Sie doch nicht einzuwenden haben, Frau Grams, daß er zu mir kommt?“ fragte er, „Ihr Paul ist doch ein zu netter Junge, er macht sicher keine Dummheiten!“
In der geöffneten Tür, die Hand auf der Klinke, wartete der sanfte Lieferant einen kurzen Augenblick auf die Zustimmung der Ladenbesitzerin und Mutter.
„Natürlich können Sie ihm was zeigen, wenn er das nächste Mal kommt. Ich hab doch nichts dagegen, wenn er was lernt. Und bei Ihnen ist er ja in besten Händen! Und die Abrechnung macht dann mein Mann!“ sie nickte ihrem Lieferanten freudig zu. Die Kundinnen lächelten ihm hinterher und Frau Grams rief: „Bis zum nächsten Mal, Herr Haarmann!“

Die jungen Zahmen – Ziemiak, Amthor, Spahn und Kuban

Es ist lang geworden – aber nur das Ausführliche ist wirklich unterhaltsam…

Es wird Zeit, den Bürgerlich-Konservativen die Clownsmaske herunter zu reißen, um festzustellen: „Ein Clown im Mondlicht ist nicht komisch!“ – Das sagte übrigens der erste Große Horrordarsteller des Stummfilms, Lon Chaney sr.  („Das Phantom der Oper“) – und der mußte es wissen, denn bevor er fürs Kino entdeckt wurde, war er Zirkus Artist gewesen.

Dieses Stück paßte nicht ganz in eine Essaysammlung, die in Kürze herauskommt; ich wollt´s aber meinen Freunden nicht vorenthalten.

 

 

Jung und Alt

Die Jungen Zahmen aus der CDU

 

„[…] der Typus, den ihr darstellt, muß sich abnutzen: dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers. Noch ist er nicht abgenutzt. Nach den Vätern, die sich zerrackerten und Hurra schrien, kommen Söhne mit Armbändern und Monokeln , ein Stand von Formvollen Freigelassenen, der sehnsüchtig im Schatten des Adels lebt.“

Heinrich Mann, 1911 über seinen Roman „Der Untertan“

 

 

Der Titel dieses Beitrags ist unbescheiden großspurig gemeint; es geht durchaus um widerstrebende existenzielle Kräfte etwa wie bei Stendhals „Rot und Schwarz“, Dostojewskis „Verbrechen und Sühne“ oder Tolstois „Krieg und Frieden“; die Frontlinien sind allerdings nicht ganz klar, verwischen oder überlappen sich.

 

 

Paul Ziemiak, Generalsekretär  

Im Februar 2019 meinte der junge CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sich in wenigen Zeilen über die mit 16 Jahren halb so alte schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg mokieren zu https://www.welt.de/vermischtes/article188389013/Kritik-an-Deutschland-Greta-Thunberg-findet-Kohleabkommen-absurd.html

müssen. Sie hatte den weit in die Zukunft verschobenen Kohleausstieg in Deutschland, der erst im Jahre 2038 stattfinden soll, als unverantwortlich und absurd bezeichnet. Ziemiak twitterte darauf: „Oh, man [sic!] kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur Pure Ideologie. Arme Greta!“

Damit schloß sich Ziemiak dem Tsunami an Aufregung und regelrechter Verbalvernichtung an, der im Internet auf Greta niederprasselte. Ihre Empörung über die Ignoranz, die Lippendienste und tatsächliche Untätigkeit der Industriestaaten und ihrer Politiker in Sachen Klimawandel führt weltweit zu Protesten von jungen Menschen, meist Schülern. Diese plötzliche Aufmüpfigkeit einer bisher angepaßten und konsumistischen Generation beunruhigt die Älteren und sie reagieren mit Ratlosigkeit und Aggression, vor allem weil die Jungen mit Schulstreiks den generationellen Gehorsam verweigern und zwar auf eine entschlossene Weise wie seit 1968 nicht mehr.

Konservative bis neorechte Kreise machten sich lustig über Gretas berechtigte Kritik an der besinnungslosen Umweltzerstörung, die ja auf eine Menschenzerstörung hinausläuft, man verspottete die durchaus vernünftige und wohlartikulierte junge Frau als ängstliches kleines Mädchen, stellte – offenbar geht es nicht ohne –  billige Verschwörungstheorien auf, sie werde von ihrem Vater, einem Umweltaktivisten benutzt und gesteuert. Manche Journalisten, wie der völlig haltlos gewordene Henrik Broder erdreisteten sich gar sie das Opfer einer neuen Art von Kindesmißbrauch zu nennen  oder man wehrte ihre immer wieder eloquent vorgetragenen Bedenken schlicht als Panikreaktion aufgrund ihres schäbig geleakten Asberger-Syndroms ab, womit man sie als psychisch gestört abstempelte.

Gretas Auftreten und ihre dringlichen Appelle beunruhigen die Elterngeneration des „Weiter so“! Denn sie macht endlich das, was Stéphane Hessel

https://de.wikipedia.org/wiki/Emp%C3%B6rt_Euch!

bereits 2010 in seinem kleinen Essay „Indignez Vous“ gefordert hatte. Der damals 93 Jahre junge Autor rief den Jungen Menschen zu: “Empört Euch“ – und „Widerstand leisten, heißt Neues schaffen!“. Die Fortsetzung dieses Aufrufs trug den Titel „Engagiert Euch“. Und das machen Greta und Millionen Jugendliche auf dem ganzen Globus jetzt.

Hessel, Überlebender des KZ Buchenwald und Resistance-Kämpfer hatte nach 1945 an der Erarbeitung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bei der UN mitgewirkt und sah diese Menschenrechte und den Sozialstaat durch die indolente Politik des „weiter so“ und   die rücksichtslose Kapitalisierung aller Lebensbereiche gefährdet.

Politische Protestbewegungen in Spanien, Portugal und Griechenland berufen sich auf ihn. Nun also erweitern Greta Thunberg und mit ihr hunderttausende junge Menschen den Aufruf zur Empörung auch auf das Thema Klima und Umwelt. Denn es ist ihre Welt von morgen, die durch zu späte, zaghafte oder ignorant verweigerte politische Weichenstellung verspielt wird.

Was nun aber insbesondere die Gegenempörung der Konservativen und Rechten entfachte, war dieser jugendliche Überschwang, der Griff der Jungen nach der Verantwortung, die Klemme der Ungeduld, in die sie gedrängt wurden. Daß es sich um die schäbige Gegenempörung alter Männer handelt, läßt sich vielleicht am besten an einem Facebook – Post von Martin Renner ablesen, der für die AfD im Bundestag sitzt :

https://web.facebook.com/permalink.php?story_fbid=2210172555903719&id=100007329880766

„Viele Medien, viele Presseorgane berichten mit bekehrungssatter Emphase davon, daß das Fräulein Greta (16 Jahre, aber auf den ersten Blick so etwa acht Jahre alt) es für unverantwortlich hält, daß Deutschland erst im Jahr 2938 ganz aus der Kohle aussteigen möchte. Sie kritisiert das Ausstiegsdatum, sie fordert von der Bunderegierung ein „Signal“ an die Welt zum Thema Klimaschutz zu geben. Ja, Greta wird schon als künftige Nobelpreisträgerin angehimmelt.

Liebe Journalisten, Presseleute ,Medien“schaffende“, was reitet Sie, was treibt sie an? Muss die bislang schon kaum erträgliche Irrationalität, also die mit dem Verstand nicht faßbare, dem logischen Denken nicht zugängliche Unvernunft  – noch weiter auf die Spitze getrieben werden? Ein 16jähriges Mädel, welches wie acht wirkt, wird pressegemeinschaftlich zur Jeanne d´Arc der Klimareligion der links-grünen Gehirnentrindeten, wird mediengemeinschaftlich zur Anführerin des neuzeitlichen, postmodernen Kinderkreuzzuges hochgejazzt.
Liebe Journalisten, Presseleute, Medienschaffende, Ich, Martin E. Renner biete Ihnen selbstlos und entgeldfrei  ein alternatives Medienprojekt an. Vergeßt das minderjährige Opfermädel Greta und das mit ihr zusammenhängende PR-Konzept, bei dem die „Vereinigte Irrationale bei jeder neuen Publikation zur NKWuW (neue Klima-,Welt und Wahnreligion), eine steil-männliche Erektion , einen weiblichen G-Punkt-Orgasmus und eine diverse Hormonentladung (leider fällt mir beim diversen Geschlecht nichts Griffigeres ein) bekommt.

Machen Sie doch mit mir eine solche schicke Influencer-Kampagne zu diesem Thema. Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Versprochen!

Es ist für ihre Glaubwürdigkeit doch alle Mal besser, wenn sie mich dazu heranziehen.

Und damit sie sehen können, daß meine menschlichen, fachlichen , persönlichen ,charakterlichen Qualifikationen mindestens mit Greta Eigenschaften Schritt halten können, hier meine kurze CV:

Ich bin jenseits der 60 Jahre, also mit entsprechender Lebenserfahrung. Ich aber mein Betriebswirtschaftsstudium, darunter zwei Gastsemester in Frankreich – erfolgreich beendet, wobei ich dieses Studium durch Erwerbsarbeit in der Freizeit größtenteils selbst finanziert habe. Bereits mit 28 Jahren war ich dann als Marketingdirektor in einem großen Pharmazie- und Kosmetikkonzern tätig. Mit 34 Jahren gründete ich ein Beratungsunternehmen im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Ich trug Verantwortung für rund 20 hochengagierte Mitarbeiter , zumeist Akademiker, die mit mir zusammen die anspruchsvolle Arbeit leisteten.

 

Meine Gemeinsinnsorientierung brachte mich dazu, daß ich über 20 Jahre im kirchlichen Bereich (Kirchenvorstand als Kämmerer) und im sozialen Bereich /Lions Club (engagiert war. Mein immer vorhandenes Interesse für politische Zusammenhänge brachte es mit sich, daß ich bei der rationalen (nein, kein Verschreibe)  „Alternative für Deutschland  als Gründer mitwirkte.

Summa summarum läßt sich wohl zusammenfassen; ich bin lebenserfahren, mathematisch-naturwissenschaftlich kenne mich mit ökonomischen Sachverhalten bestens aus; bin verantwortungsbewußter Ehemann, Vater und Großvater in einer multinationalen Familie und habe mich Zeit meines Lebens mit Philosophie, Literatur, Kunst und Religionen beschäftigt.

Liebe Journalisten, Presseleute und Medienschaffende ,

also noch einmal die Aufforderung Sie, laßt uns zusammen ein kommunikationsstrategisches Konzept entwickeln, welches die unsägliche Greta-Garbo- Show – Quatsch, bitte um Verzeihung- die Greta-Thunberg-Show ablöst und ersetzt. Die vernunftorientierten Mitbürger unseres Landes werden Ihre Umkehr und Einsicht zu schätzen wissen. und – vielleicht – Ihre Medienprodukte und Publikationen dann wieder verstärkt kaufen.

„Rechte Rationalität versus links-rot-grün-schwarze Irrationalität“ so sollte der Titel unseres gemeinsamen und gemeinschaftlichen Medienprojektes lauten.“

Ich habe diesen peinlichen Facebook-Post ganz zitiert, weil an ihm – obwohl Renner ihn als Satire bezeichnet – grimmig-deutlich wird, was wirklich hinter der konservativen, rechten bis faschistischen Renaissance steckt:  faul-dumme Ranküne der Älteren, die das beseitigen wollen, was sie an gegenwärtigen und zukünftigen politischen Problemen nicht verstehen oder nicht  bereit sind zu bewältigen.  Sie wollen schlafen; aber der Schlaf der Selbst-Gerechtigkeit – denn auch die Klimafrage ist eine der Gerechtigkeit – wie Goya bereits wußte, gebiert Ungeheuer.

Es ist eine Generationenfrage der Gerechtigkeit, den Klimawandel zu leugnen, denn es werden die jetzt noch Jungen, in 30 Jahren vermehrt an Lungenkrebs sterben oder wegen des Anstiegs des Meeresspiegels auf den Südseeinseln ersaufen.

Mit der als Ironie getarnten Arroganz ( tatsächlich eine Aggroganz ) eines schwarzpädagogischen Familienvaters kanzelt Martin Renner die junge Greta, überhaupt die jungen, selbstständig denkenden  Menschen ab. Was er da hinausbläst ist eine  Drohung: „Solange du deine Füße noch unter meinen Tisch stellst…!“, gegründet auf eine geblähte Unform paternalistischer Kleinbürgerlichkeit.

Es ist jene mittel-ständige-städtische Spießigkeit, der seit je auch die Parteiorganisationen der CDU charakterisiert – und tatsächlich  war Martin Renner von 1998 bis 2005 Mitglied dieser Partei, bis er sich, mit seiner schwäbischen Häuslebauer-Mentalität, gegen den EU-Rettungsschirm dem europafeindlichen, politisch kleinlichen Bernd Lucke anschloß und zu den 15 Gründungsmitgliedern der AfD gehörte; er hat also eine sehr niedrige Parteinummer.

Aber Renner ist eben nicht jener soignierte ältere Herr als der er sich ausgibt. Er ist neidisch-vergrätzt über die Medienaufmerksamkeit, die Gretas Jugend zuteil wird; wie denn Neid, vor allem auf die Jugend selbst, die man verpaßt hat,  eine Hauptantriebsfeder der Rechten ist.  Schon gar nicht zeugt seine Tirade von erfahrener Gelassenheit, im Gegenteil: sie ist spätpubertär gewöhnliche Bramabasiererei, mit der er seine Anhänger zu Ungeheuerlichkeiten anstachelt, die ihm selbst als Bundestagsabgeordneten nicht gut bekommen würden. Er setzt sich gleichsam mit ungewaschenen Händen zu Tisch, stützt die Ellenbogen beim Essen auf und überläßt die schlimmen Unarten wie es so oft die Anführer von kriminellen Banden  halten, seinen Gefolgsleuten, die sich ja heutzutage in den Facebookkommentaren austoben.

Die harmloseste Anmerkung zur Greta Thunberg ist da noch: „dumme Göre“. Mit sadistisch-diebischer Freude wird ihrer Mutter eine verheerende Sucht angedichtet: „Fetales Alkoholsyndrom“ Und die neue antisemitische Haßfigur der Neofaschisten darf dabei auch nicht fehlen: „Wird sie auch von Soros gesponsort?“ fragt einer und stimmt damit das alte Schmutzlied von den Juden an, die an allem schuld sind und überall ihre Finger drinstecken hätten.

So wie seine wildgewordenen AfDfans dem – nach Bekenntnis – rechten Martin Renner die ganz schmutzigen Verbalausfälle abnehmen, die er gezielt herbeigeschrieben hat, nimmt Renner wiederum den Konservativen wie Paul Ziemiak die Schmutzarbeit ab. Die CDU-CSU träumt nicht erst seit Alexander Dobrindts Proklamation der neuen „Konservativen Revolution“ von der wohligen Antimoderne der 50er. Sie übersieht geflissentlich oder weiß es schlicht nicht, daß dieses Paradox der „konservativen Revolution“ bereits aus dem 19.Jahrhundert stammt und dann aufgewärmt und wie Brennstäbe in der Zeit des Vorfaschismus mit weiterer Reaktion angereichert wurde. Die CDU-Konservativen müßten eigentlich froh sein über solche Figuren wie Renner, die mit ihren Ausfällen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während sie die Gänge auf rückwärts schalten.  Die Empörung über die nicht stubenreine AfD ist verlogen. Denn eigentlich schreibt Ziemiak, nur lakonischer, genau dasselbe über Greta Thunberg wie der Renner aus der AfD-Führerclique. Was sie unterscheidet, sind einzig die Tischsitten.

Paul Ziemiak hat übrigens etwas Ähnliches wie der Marketingmann Renner studiert: Unternehmenskommunikation; er brach das Studium anders als jener ab. Aber da er bereits mit 14 Jahren in die Junge Union eintrat, deren Vorsitzender er 2014 wurde und damit Philipp Mißfelder ablöste, dem mit diesem Amt lukrative Nebentätigkeiten und einflußreiche Funktionen zuwuchsen (vor allem im Vorstand der „Atlantik-Brücke“), widmete sich Ziemiak nach dem Vorbild als er sah, was dort zu gewinnen war, völlig seiner Arbeit in der CDU-Jugendorganisation. Er brachte sie auf konservativen Vordermann.

Das Römisch-Katholische – Ziemiak lebt im sauerländischen Iserlohn, das zum erzkatholischen Bistum Paderborn gehört – mag er von seinen 1988 aus dem Polen des Papstes Wojtyla nach Deutschland übergesiedelten Eltern übernommen haben; die besondere Sozialisation im westfälischen Kleinstadt-Katholizismus, der strenger ist als etwa der in Bayern und in der Jugendorganisation der CDU formten ihn zu einem „Konservativen Leistungsträger“, wie ihn der Cicero bezeichnete, während ihn die Rheinische Post einen JU-Opportunisten mit unbändigem Aufstiegswillen nannte. Dient doch die Kofferträgerei in der CDU  vor allem zum Stillhalten der Jungen, die so wohlerzogen – will heißen gestutzt – in spätere Parteiämter hineinwachsen.

https://rp-online.de/politik/deutschland/paul-ziemiak-polit-talent-schwiegersohn-typ-opportunist_aid-35008909

https://www.cicero.de/innenpolitik/paul-ziemiak-cdu-generalsekretaer-akk-parteitag-hamburg-konservativ-migration/plus

 

So kam es nicht von ungefähr, daß es in der CDU munkelte, der Sauerländer Ziemiak habe den ebenfalls aus dem Sauerland stammenden Friedrich Merz vielleicht nicht zum neuen Parteivorsitzenden – und damit sein Anhängertrupp aus der JU ebenso nicht –  weil Annegret Kramp-Karrenbauer ihm möglicherweise angeboten habe, ihn als  Generalsekretär vorzuschlagen.

Immerhin, Ziemiak wurde auf dem Parteitag im Dezember 2019 als einziger Kandidat, aber nur mit 62, 8 Prozent der Delegiertenstimmen zum Generalsekretär gewählt; Jubelorgien mit denn die Parteien solche internen Wahlen mit absurd-hohen Zustimmungswerten feiern, gab es nicht.

Ziemiaks kurzer Tweet über Greta Thunberg zeigt, daß er in sozio-ökonomischen Fragen weit hinter den Realitäten und den Sorgen der Menschen hinterherhinkt. Seine Ökonomievorstellungen sind immer noch geprägt von der Arbeits-Prostitutionswelt, von den Arbeitsplatzverlust- und Energienot – Erpressungsdrohungen der Industrie und Wirtschaft. Wer die Sorge der jungen Menschen, ob es für sie auch eine lebenswerte Welt geben wird – denn was nutzt schlicht der schönste Arbeitsplatz, wenn man nicht atmen kann – als pure Ideologie bezeichnet, steckt immer noch in uralten, ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen oder in Lobbyverhältnissen.

In der Tat stellt Greta Thunberg die Systemfrage – das erschreckt schläfrige Konservative im Kern ihres Wesens. Wer Umweltprobleme und soziale Ungerechtigkeit angehen will, muß zuerst die Frage nach Besitzverhältnissen im neoliberalen Kapitalismus stellen. Diesen Fragen verweigert sich Paul Ziemiak ungelenk – so ein Kukul wie Martin Renner, hält sich Augen und Ohren zu und beißt die Frager weg. Das ist der wahre Unterschied zwischen beiden.

Kukul, so heißt der Ausputzer, der Mann fürs Grobe, der Sargtischler des Vampirgrafen Krolock  in Roman Polanskis superber Gruselkomödie „Tanz der Vampire“ – die hat aber kein Happy-End. Kukul ist der Erfüllungsgehilfe für die sinisteren Pläne des Grafen, der vollendete Manieren und Tischsitten hat, aber den mißgestalteten und rohen Kukul braucht, um seine Pläne zur Aussauger/Ausbeuter-Weltherrschaft der Vampire ins Werk zu setzen. Und das gelingt ihm, ohne, daß er sich die manikürten Finger schmutzig machen muß.

Ziemiak macht sich nicht mal die Mühe auch nur ansatzweise den Zorn der jungen Menschen zu verstehen. Was er da absondert klingt wie eine Pflichtübung – seine Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat bereits verlauten lassen, daß sie das Schulschwänzen als Klimaprotest nicht goutiert, sie verlangt es nach gehorsamen Schülern. Wenn das deutsche Bürgertum überhaupt einmal protestieren wollte, hat es sich ja immer erst eine Bahnsteigkarte gekauft.

Mit dem Geraune über Versorgungssicherheit und dem Dräuen vom Arbeitsplatzverlust kann sich Paul Ziemiak bestimmt auch nicht als Wirtschaftskonservativer profilieren, er ist eben einer jener bläßlichen Opportunisten, die in der JU schon immer herangezogen werden.  Immerhin hat ihn die Jasagerei  Amt und Würden eines Parteisekretärs eingebracht – oh, ich vergaß den „General“. Ein Parteigeneralsekretär hat die Aufgabe rangniedrigere Mitglieder auf jene Linie zu bringen, auf die er zuvor selbst eingeschwenkt ist, um Sekretär zu werden.

Ziemiak gilt bei gesellschaftlichen Themen als gemäßigt, u.a. weil er sich für die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften und die Adoption durch homosexuelle Paare ausgesprochen hat. Im Grunde aber verhält er sich auch da ausgesprochen konservativ und opportunistisch, denn er hat ganz nach konservativer Manier den Widerstand gegen den Fortschritt aufgeben, der ihn längst überholt hat.

 

 

Philipp Amthor, Bundestagsabgeordneter

 

Wie fängt so eine Karriere in der CDU an? Dafür müssen wir uns einen konservativen Jungspund ansehen, den die taz „Merkels Embryo“ nannte. Dabei ließ sie außer Acht, daß ein Embryo ein noch unfertiger Nachwuchs ist, eine Zygote, ein Zellklumpen, für sich allein nicht lebensfähig, ohne Ichbewußtsein und Charakter.

http://www.taz.de/!5495644/

Wir müssen auch mal den bewußt gestalteten Habitus unter die Lupe nehmen: Philipp Amthor, sieht aus als sei er als Klassenprimus auf die Welt gekommen; und zwar ein Klassenprimus, der niemals abschreiben läßt und die, die es versuchen, beim Herrn Lehrer verpetzt. Der H & M-Anzug: bloß nicht auf Taille geschneidert, der langweilige Schlips, jedem kecken Farbakzent abhold, das Brillenstrebergestell, alles bleibt – ohne Zweifel mit Absicht – fade, unpersönlich und artig wie bei einem Sparkassenangestellten. Dieser Habitus also hat noch nicht einmal das Schwiegersohnhafte von Paul Ziemiak. Diese Hoffnung der Union. bleibt auf ewig ein altkluges Kind, das immer brav seine Hausaufgaben gleich nach dem Mittagessen macht und nicht erst zum Spielen rausrennt.  Im  Erscheinungsbild wirkt Amthor wie ein Klon von Wolfgang Bosbach – auch ein erzkonservativ gescheitelter CDU-Mann, der sich allerdings, anders als der geistig ebenso alte Jüngling, die Keckheit eines Anzuges in helleren Farben leistet und gelegentlich eingeschnappt aus Talkshows flüchtet.

Als der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Amthor 2017 Mitglied des deutschen Bundestags wurde, galt er, gerade 25jährig, für kurze Zeit als jüngster Abgeordneter, bis sich herausstellte, daß ein FDP-Kollege noch ein paar Tage jünger ist.

Wie so oft entwickelte der Sohn einer alleinerziehenden Mutter atemnehmenden Ehrgeiz und legte nach Rekordstudienzeit sein Juraexamen in Greifswald ab. (Wie sagte mein früherer Lateinlehrer, ehemals Korpsstudent: „In Greifswald, da greifst du´s bald!)

Amthor arbeitet neben der Politik an seiner Dissertation und für eine amerikanische Wirtschaftskanzlei – ob hier bereits wieder zartatlantische Brückenpflänzchen gesät werden? Seine Nebeneinkünfte macht er transparent: sie betragen nur bescheidene 1000- 1500 Euro im Monat.

Da wo einige andere Politiker ein Gewissen haben, hat Philipp Amthor einen Coach, der ihm zweifellos beibrachte, erst dann seine Meinung zu sagen, wenn der bereits einmal erwähnte Ranghöhere die seine von sich gegeben hat. So läßt sich auch erklären, weshalb Amthor seine Beiträge in Talk-Shows fast immer mit dem Halbsatz „…wir von der CDU sind der Meinung…“ beginnt.

https://weltexpress.info/philipp-amthor-die-fleisch-gewordene-herrenklasse-der-cdu/

Nun könnte man mir vorwerfen, ich hielte mich zu lange mit Amthors Habitus auf – aber der ist tatsächlich Programm; der Abgeordnete offenbarte des öfteren in Interviews seine Ansicht: wem Gott einen Anzug gibt, dem gibt er auch ein Amt. Und genau das meint er auch, wenn er sich über den Jusovorsitzenden mokiert:

„Kevin Kühnert trägt selbst bei seriösen Veranstaltungen immer Turnschuhe und Kapuzenpullover und beschwert sich dann, daß er nicht ernst genommen wird. Die Kleidung muß auch der Würde des Amts entsprechen!“

https://www.pressreader.com/germany/der-tagesspiegel/20190119/page/32/textview

https://www.jetzt.de/politik/philipp-amthor-ueber-die-cdu-und-den-umgang-mit-der-afd

Die Kleiderordnung hat für Amthor die gleiche Bedeutung wie politische Unterschiede: Zuerst einmal kommt die Frage des konservativen Benimms, der selbst die gewichtigsten Probleme im „sowohl-als-auch-Smalltalk“ gerinnen läßt.

Und so kommt aus Amthor die alte, muffige Floskelsprache der Union heraus, mit der man beabsichtigt seine Rentnerwähler zu beruhigen, aber jeden unter 75 in die Flucht schlägt:

https://www.zeit.de/2018/14/philipp-amthor-cdu-ueckermuende-bundestagsabgeordneter

„Konservativ sein heißt für mich eine wertegebundene Politik zu vertreten. Dazu gehören der starke Staat, Verfassungstreue, Nationalstolz,  Einstehen für sein Land!“

Gefragt nach Glück und Gerechtigkeit antwortet Amthor bis ins Mark konservativ: „Das ist eine Kategorie jenseits des Politischen.“

Wenn man diesem Altherrengeschwätz länger zuhört, beginnt man sich mit Ohrensausen vor Peinlichkeit zu winden: Vokabular des 19.Jahrhunderts, von dem junge Menschen wie Greta Thunberg, die nach Gerechtigkeit verlangen, nichts mehr hören wollen, weil diese Hohlformeln  nicht ein Gran ihrer Wirklichkeit beschreiben, sondern nur zum Nachmittagsschläfchen einlullen..

Aber wie könnte der alte Mann Amthor sich auch der Realität junger Menschen zuwenden, wenn er schon seit der Mittelstufe nichts anderes wollte, als Politiker zu werden? Wenn er kokett gesteht, „Faust“ und „Effi Briest“ seien seine Lieblingsbücher und Wagner sein Lieblingskomponist. Und obwohl Goethe und Wagner mit Teilen ihrer jungen Lebenswege ja auch fürs Rebellische stehen, ist mit der Nennung ihrer Namen nur das Bildungshuberisch-Bürgerliche und Kanonisierte gemeint. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Amthor die zotigen Stellen der Walpurgisnacht kennt. Und ihm zu erklären, daß der nicht enden wollende Liebestod von Tristan und Isolde einen letalen Dauerorgasmus bedeutet, geht vermutlich über seinen Horizont.

Hoch gelobt wurde Amthor für eine Rede im Bundestag, von der man glaubte, er führe damit die AfD vor. Ein fataler Irrtum.  Amthor reagierte mit dieser Rede auf einen von der Rechtspartei eingebrachten Antrag auf ein Burka-Verbot.

Altklug begann er: „Hören Sie mir mal zu, dann können Sie noch was lernen über die Verfassung.“ Der Antrag verletze den sensiblen Bereich der Religionsfreiheit, argumentierte Amthor, sei voll von dilettantischen Fehlern und deshalb abzulehnen. Es ging also wie immer bei den Konservativen um Verfahrensfragen, den Benimm, das Formale, die geordnete Toilette, das Bitte-Danke, den Diener und Knix, um „Küß die Hand und den Allerwertesten!“ – Inhaltlich hatte Amthor nichts einzuwenden; er gab zu, auch er sei gegen Vollverschleierung, Burka und Niqab – die entsprächen nicht „seiner Vorstellung von Rechtsstaat und deutscher Wertekultur.“

Wie fulminant wäre an dieser Stelle endlich einmal eine Rede über den Unsinn der Religionen gewesen, die im 21.Jahrhundert noch immer opponieren gegen Gleichberechtigung und Minderheitenrechte.

Übrigens hatte im Jahr 2006 an gleicher Stelle – im Bundestag – Papst Benedikt-Ratzinger über die „Religionsfreiheit“ als angeblich wichtigstes Menschenrecht räsoniert und nicht enden wollenden Applaus dafür vom gesamten Plenum dafür erhalten. Dabei verschleierte er das tatsächlich Menschenfeindliche aller Religionen zur höheren Ehre erfundener Götter und den Anspruch der Kleriker auf Welterklärung.

Eine Rede dazu hätte den an Jahren jungen Amthor überfordert; und als Mitglied einer religiös fundierten Partei, wäre er dazu sowieso nicht fähig gewesen. Daß das konfessionelle Christentum sich im Grunde ebenso wenig wie der Islam um Frauen- oder Kinderrechte schert, müssen wir zur Zeit entsetzt beobachten, da wir nahezu täglich von den Mißbräuchen erfahren, deren Aufklärung der Kirche überlassen und nicht den zuständigen Behörden übertragen wird. Längst wäre der Bundestag in der Pflicht die patriarchalen Ansprüche der Kirche legal einzuschränken. Aber diese durchaus heiklen Themen würden CDU-Juristen wie Amthor nicht angehen; das gilt ebenso für die SPD,  die sich noch im März 2019 nicht einmal dazu durchringen konnte, einen Arbeitskreis für Atheisten einzurichten.

http://www.taz.de/!5579302/

Und so lange bestimmten Religionen im und durch den Bundestag der Vorzug gegeben wird, solange die Religion nicht strikt, wie z.B. in Frankreich als Privatsache angesehen werden, so lange wird es auch immer wieder Auseinandersetzungen über die Burka oder die Kreuzpflicht in Bayrischen Amtsstuben geben.

Übrigens lagen irrten Viele Kommentatoren und jene, die der Amthorrede heftig applaudierten völlig fasch; sie war keine dringend nötige Attacke gegen die AfD – Amthor selbst wehrte sich gegen diese Interpretation und betonte, sie sei eine Rede für die Verfassung gewesen. So ziehen sich Konservative aus der Bredouille, in diese sie eine eindeutig antifaschistische Haltung bringen mag, wenn es einmal zur Gretchenfrage der Koalition zischen AfD und CDU kommen sollte.

https://www.zeit.de/2018/14/philipp-amthor-cdu-ueckermuende-bundestagsabgeordneter

 

 

Mit solch Uneindeutigkeit, die ihm als Leistung ausgelegt wurde machte der Jungabgeordnete Amthor von sich reden und erhielt Zuspruch von einem, der 1980 auch einmal, mit gerade 22 Jahren, jüngster CDU-Abgeordneter im Bundestag war:

„Wenn er sich treu bleibt, neugierig bleibt und fleißig ist, kann er hier viel bewegen.“

Daß das Lob etwas karg ausfiel ist wohl dem natürlichen Mißtrauen geschuldet, das ein Karrierist gegenüber dem anderen hegt. Die CDU ist seit Adenauers Zeiten dafür bekannt und berüchtigt, daß es keine Freundschaften unter Parteimitgliedern gibt, wie der bereits erwähnte Wolfgang Bosbach nach seinem Rückzug aus dem Bundestag mal wieder bestätigte. Die Tugend des bürgerlichen Anstandes mit der Bordüre von Glaube, Sitte und Heimat ist in der konservativen Partei nur ein Karrierehemmschuh.

 

 

 

Jens Spahn, Gesundheitsminister

Oder „Das Private IST politisch“

 

Mit Jens Spahn läßt sich trefflich demonstrieren wie konservative Bigotterie entsteht und zur Grundlage intensivsten Networkings in alle möglichen Richtungen wird. Der Zweck: zielstrebiger Aufstieg. Die Mittel, die man dafür haben muß und die man nicht mit Charakterstärke verwechseln darf, sind unter anderem: Windschnittigkeit, Drängeln, Schubsen und Schieben und das Talent, immer die Nähe der richtigen Leute zu finden. Wer in die tiefe Katholizität des Münsterlandes hineingeboren wird, aufwächst zwischen Kommunion, Katechismus und den Krippen aus Telgte, wer mit dem Erwachen der Sexualität gleichwohl in die CDU eintritt und sich obendrein zum Bankkaufmann ausbilden läßt, der eignet sich diese Fähigkeiten als zweite Natur an. Das Ergebnis nennt man Konservatismus hat einen schlüssigen Grund, der aber auch gleichzeitig Spahns Achillesferse ist: seine Homosexualität.

Wie alle Konservativen frönte das ganz junge, aufstrebende CDU-Mitglied der falschen Annahme, das Private sei nicht politisch, bis Spahn 21jährig allerdings nur kurzfristig Bitter-Besseren belehrt wurde. Einer jener wohlmeinenden Parteifreunde drohte 2001 ihn zu outen; also mußte er die Flucht nach vorn wagen und informierte seine Partei in Wowereit-Manier, denn er wollte ja in und mit ihr  Karriere machen.

Spahn zitiert in Sachen Homosexualität den britischen Premier David Cameron (Tories): „Ich bin für die Homoehe – nicht obwohl ich Konservativer bin, sondern weil ich Konservativer bin.“

Er erläutert seine Einstellung so: „Als Konservative können wir uns darüber freuen, wenn zwei Menschen rechtlich verbindlich füreinander Verantwortung übernehmen, in guten wie in schlechten Zeiten. Gibt es einen bürgerlicheren Lebensweg?“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-89672221.html

Und weiter um Anerkennung bettelnd erwähnt Spahn im gleichen Interview den Kölner Kardinal Woelki: „Ich bin ein gläubiger Mensch, deswegen halte ich meiner Kirche die Treue. […] Und wenn ein Mann wie […] Woelki sagt, daß auch in schwulen Partnerschaften Werte gelebt werden, dann sieht man doch: Da ist ein Prozeß im Gange.“

Im Grunde lügt sich Spahn in die bigotte Tasche – denn was heißt das wirklich: wir sind, bis auf einen klitzekleinen Unterschied, genauso brav und spießig wie Ihr Heterosexuellen auch – die er so als tatsächliche und vorbildhafte Normale hochleben läßt. Auch als homosexuelles CDU-Mitglied bleibt Spahn der angepaßte und frömmelnde Kreissparkassenspießer Spießer, der er seit seinen Münsterländer Anfängen war.

Schon 1972 haben die Aktivisten Rosa von Praunheim und Martin Dannecker diese Haltung ante festum entlarvt und Spahn quasi vorausgeahnt; in ihrem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ heißt es:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nicht_der_Homosexuelle_ist_pervers,_sondern_die_Situation,_in_der_er_lebt

„Die Mehrzahl der Homosexuellen gleicht dem Typ des unauffälligen Sohnes aus gutem Hause […].“

„Schwule wollen nicht schwul sein, sondern sie wollen so spießig sein und kitschig sein wie der Durchschnittsbürger. Sie sehnen sich nach einem trauten Heim, in dem sie mit einem ehrlichen und treuen Freund unauffällig ein eheähnliches Verhältnis eingehen können. Der ideale Partner muß sauber ehrlich und natürlich sein […].

Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie noch spießiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden. Sie […] verhalten sich konservativ als Dank dafür, daß sie nicht totgeschlagen werden.“

Wie sehr Jens Spahn Überanpassung und Spießigkeit zelebriert dokumentieren die Berichte über ihn und seinen Ehemann in der „Yellow Press“; die eben doch nicht so aussehen wie die heterosexuellen Bussi-Bussi-Photostrecken; die ja auch verlogen sind. So sehen saubere, anständige, akademische Schwule jenseits des Friseurklischees aus.

https://uebermedien.de/28530/mein-freund-seine-exzellenz/

Es geht mir gar nicht um Spahns unsichtbar gemachte Homosexualität, das ist sein Problem. Sein stattdessen wohlfeil zur Schau getragener „moderner Konservatismus“ (ja, ich weiß, das  IST ein Paradox)  ist das Ergebnis der Dressur und der Heimholung so vieler Jugendrebellionen, aus denen marktkonforme Waren und konsumierbare Produkte wurden; sei es die Rockmusik, die Öko-Bewegung oder Versuch neuen Miteinanders in Kommunen oder Wohngemeinschaften. Sollten die ersten „Friday-for-Future“-Streikenden als „Shopping-Queen“ im TV auftauchen, dann  wird auch diese Hoffnung auf eine neue jugendliche Lebendigkeit von ihrer Elterngeneration korrumpiert sein.

 

EXKURS – dafür ein Biblisches Beispiel:

Es gibt wohl keine traurigere Geschichte vom Triumph der Elterngeneration und dem Brechen   der Jungen als das Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“; die uns leider immer in der patriarchalen Organisation Kirche als Glorifizierung der Väterlichkeit verkauft wird.

Lukas 15, 11 – 32

Erst als der Sohn, dessen Scheitern in der Welt vorprogrammiert war durch die Verächtlichmachung eines eigenständigen Lebens, gebrochen zum Vater zurückkriecht, ist der Vater glücklich – ja mehr noch. Er zieht den gebrochenen Sohn unterwirft, dem anderen vor, der nie gegen ihn rebelliert hatte.

 

DAS übrigens ist auch der Kern jener wütenden Ausfälle gegen die Jungen – damals zur Zeit der 68er und heute wenn die Klimademonstranten niedergemacht werden. Und der Herold der „konservativen Revolution“,  Alexander Dobrindt, der ja einen Rebellionsversuch, der vor einem halben Jahrhundert stattfand nachträglich auslöschen will, ist eine kleinmütig-schäbige Figur wie jener zweite, brave Sohn.

 

Jens Spahns gesamte politische Arbeit besteht aus vorauseilenden Gehorsam, um bloß nicht „der verlorene Sohn“ zu werden und für der gut gelittene, mit Vater-Gaben überschüttete angepaßte, willfährige Sohn zu bleiben. Das macht zweierlei mit dem im Grunde ängstlichen Charakter: Korruption heißt ja auf der einen Seite kriecherisch-devot zu sein und auf der anderen, sich für die dabei erlittenen Kränkungen an Schwächeren mit Arroganz schadlos zu halten.

So erklärt sich, warum Spahn kaum, daß der neue amerikanische Trump-Botschafter, Richard Grenell, in Berlin eingetroffen war – das offizielle Berlin beäugte ihn mit Degout, weil der sich als knallharter Rechter und Freund von Steve Bannon geoutet hatte – bei dem Diplomaten antichambrierte. Spahn aber wurde folgerichtig (tit for tat) von Grenell ans Weiße Haus als „kommender Mann“ der deutschen Politik empfohlen – zwar dort nicht vom amerikanischen Präsidenten empfangen, aber zu Gesprächen über Sicherheitsfragen begrüßt, die ja eigentlich nicht zum Aufgabenbereich des Gesundheitsministers gehören. Über irgendwas mußte man ja mit penetranten Gast reden.  Natürlich hatte dieser Profilierungscoup nichts damit zu tun, daß Spahns Ehemann, Daniel Funke, Journalist im Hauptstadtbüro der BUNTEN die erste Homestory über den neuen Botschafter machte –oder doch?

http://www.taz.de/!5508586/

Jens Spahn ist ein Beutegreifer. Bereits vor der Bundestagswahl 2017 zählte ihn der Siegel zur „Kanzlerreserve“ – der offene Angriff auf die Kanzlerin , das war ihm wohl bewußt, wäre ihm schlecht bekommen. Aber er zergte und nervte so sehr, daß sie ihm nach ihrer bewährten Methode, die zu umarmen, die zum Schuß ansetzen, vom Staatsekretär zum Gesundheitsminister beförderte.

Spahn brauchte noch nicht einmal der Machoclique des Andenpaktes beizutreten, denn bei der heterosexuellen Altherrenriege, hätte er keinen Blumentopf gewinnen können. https://www.sueddeutsche.de/politik/migrationspakt-merkel-spahn-1.4217217

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/cdu-politiker-spahn-die-gegen-uns-a-1164358.html

Seiner gleichwohl patriarchal folgsame Misogynie konnte er dann als Gesundheitsminister frönen: er befürwortete die Beibehaltung der Rezeptpflicht für die „Pille danach“ aus und warf den Frauen in der von christlichen Lebensschützern neu befeuerten Debatte über den § 219a vor, sie vergäßen, daß es  um „ungeborenes menschliches Leben gehe“. Gleich darauf machte er 5 Millionen Euro locker, um damit eine überflüssige Studie über die angeblichen psychischen Spätfolgen von Abtreibungen  zu untersuchen.

Getragen von der populistischen „Merkel-muß-weg-Stimmung“ , wagte er auch Sticheleien gegen die Migrationspakt-Pläne der Kanzlerin und sprach von einer „Disruption des Staates“, wofür ihn Alexander Gauland in einem offenen Brief lobte. Daß er sich über islamische Prüderie beschwerte, da vor allem türkische Mitglieder seines Berliner Fitnesstudios nur mit Badehose duschen, war dann nur noch eine der vielen populären Bordüren seines Weltbildes, das so zäh ist und rauh wie 100 Jahre altes Linnengewebe, das die westfälischen Bauern im Münsterland noch immer in den Bauernschränken aufbewahren.

Ausgeteilt wurde von Spahn auch gegen HartzIV-Empfänger auf dem Umweg des Lobes für die Tafeln und des Sozialsystemes überhaupt, das er „eines der besten der Welt“ nannte, als er behauptete, jeder bekäme in Deutschland, was er zum Leben brauche. Darauf forderten ihn über 200.000 Menschen mit einer Petition auf, doch einmal vier Wochen von Hartz IV zu leben.

https://www.tagesspiegel.de/politik/treffen-mit-gesundheitsminister-hartz-iv-kritikerin-uebergibt-petition-an-spahn/21226070.html

Die Krone setzte Spahn auf all diesen verächtlichen Ausfälle gegen sozial Schwache – in einer Maybritt-Illner-Talkshow, in der er wie ein Hausvater, der mit dem Spruch „Arbeit adelt und hat mir auch nicht geschadet“ behauptete, er wäre sich auch nicht zu schade, wenn nötig, Klos zu putzen.

http://www.spiegel.de/kultur/tv/maybrit-illner-mit-jens-spahn-und-robert-habeck-ausflug-in-die-welt-der-fantasie-a-1241123.html

Darüber geriet er ausgerechnet mit einemanderen neuen Stern am Polit-Himmel, mit Robert Habeck von den Grünen, in Streit, den Habeck nach Punkten gewann..

Andere zündende Ideen zur Senkung etwa des Rentenniveaus, die Weigerung, die Sterbehilfe endlich zuzulassen oder seine Empörung über englisch sprechende Hiptser in der Weltstadt Berlin, kann man sich mit wenigen Klicks im Internet zur Erheiterung zu Gemüte führen. Alles Versuche die Aufmerksamkeit jenes konservativen Vaters zu erregen, dessen Verlorener Sohn er auf keinen Fall werden will, um getragen von den Wellen der populistischen Zustimmung seine Karriere voranzutreiben.

Wie wichtig Spahn solche Aufmerksamkeit konservativer Kreise ist, die ihn vielleicht einmal doch die Kanzlerschaft antragen könnten trotz seiner Achillesferse – wenn er sich da mal nicht irrt – zeigte er mit seiner Rede am politischen Aschermittwoch 2019.  Er sprang seiner Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer, die sich noch immer nicht mit der Ehe für Alle abfinden kann bei und wertete  die politische Beschäftigung mit Genderfragen ganz in ihrem Sinne als „Blümchenthemen“ ab;  damit er befand sich ganz nebenbei auf der gleichen Parteilinie wie der frisch gewählte Nachfolger von Paul Ziemiak – der in diesem Sinne dem neuen JU-Vorsitzenden, Tilman Kuban eine Grußbotschaft schickte. (siehe unten)

https://www.queer.de/detail.php?article_id=33163

Kubans Bewerbungsrede auf dem Deutschlandtag der sogenannten Jugendorganisation der CDU gipfelte in der polemischen Kampfansage: „[…] wenn Diskussionen über veganes Essen oder das dritte Klo wichtiger sind als der Schutz des Lebens, dann kann ich nur sagen: diese Chaoten dürfen niemals Verantwortung für unser Land tragen!“

https://www.queer.de/detail.php?article_id=33214

Gemeint war natürlich die humanistische Linke insgesamt; Mit der Verächtlichmachung von Gender- oder Ökofragen können die, denen diese Themen über den Zusammenhalt und gar das Überleben der Gesellschaft schlicht zu komplex sind, sich als „konservative Revolutionäre“ darstellen, die einen heldenhaften Kampf gegen Mainstream und Moderne führen und ihre Ressentiments als freie Meinungsäußerung tarnen.

 

Nein –  Figuren wie Paul Ziemiak, Philipp Amthor oder Tilman Kuban stoßen die Türen weit auf nach rechts, zur AfD. mit ihrem bigotten, korrupt-konservativen, reaktionären Ansichten und ihrem verlogenen Verhalten  sind nicht jung. Sie sind genauso wie die alten Eliten. Mit ihnen ist kein Staat zu machen; sie bieten nichts Neues, sondern nur Zaghaftigkeit und den alten Opportunismus. Ihre Fassade ist brüchig, ihre altbackene Maquillage blättert wie die Schminke der Marquise Merteuil am Ende der gefährlichen Liebschaften – gefährliche Liebschaften mit der Reaktion liefern sie sich ja auch und die alten Pockennarben der neoliberalen bis faschistoiden Menschenverachtung kommen darunter zutage. Wie kann man sich vor dieser Ansteckung schützen?

Die Kollegin Jule Schulte vom STERN und andere Kolleginnen des Feministischen Magazin „Edition F“ empfahlen dazu im Februar 2019:

„Lebe so, daß Jens Spahn etwas dagegen hätte!“

https://www.stern.de/neon/wilde-welt/politik/jens-spahn–ihre-frauenfeindlichkeit-wird-langsam-laecherlich-

 

 

 

KLUMPFUSSNOTE

Tilman Kuban – angeblich Junger Vorsitzender

 

Diederich Heßling V. erklomm das Rednerpult. Ein Handlauf wäre gut gewesen, an dem er sich hätte hinaufziehen können. Aber seit geraumer Zeit war die Neumode aufgekommen, auf so etwas zu verzichten. Freie Bewegung auf den Podesten und Bühnen mache sich offener, erklärten die Berater, man wirke auf diese Weise  unbefangener und zugänglicher beim Publikum hieß es. Diederich fand, das treffe nicht auf ihn zu; sein seit frühester Jugend zur Unform neigender Körper, „amorph“ hörte er seinen alten Biologielehrer näseln, „amorph“, als der ihn und seine Klassenkameraden in die Welt der Einzeller einführte – und so kam er sich auch vor, wenn er es im Turnunterricht wieder mal nicht über den Bock schaffte und als einzige eine Plautze darüber hing oder vom Reck auf die harten und stinkigen Matten plumpste, „amorph“.

Diederich V. hatte schon früh herausgefunden, daß weitgeschnittene Hemden, mindestens vier Nummern über seiner Größe und Kragenweite, das Wurstartige dieses Körper verdeckten und tröstete sich, daß sein großes Vorbild, der unschlagbare und mächtige Pfälzer einen ebenso ausufernden Körper sein eigen nannte. Nicht jeder konnte wie der linke Justizminister mit dem Schuhlöffel in die Hosen steigen.

Gott sei Dank waren es vom Bühnenrand bis zum Pult nur ein paar Schritte – darauf jedenfalls hatte die Parteitagsregie nicht verzichtet: das Pult, von dem aus er die Delegierten im Blick hatte, an dem er sich festhalten konnte und gleichzeitig dozieren durfte war nicht verbannt worden-

Schon als eben sein Name durch den Lautsprecher angekündigt worden war, schwoll ein heftiger Beifall von den Delegierten aus Niedersachen und Bayern auf und trug ihn bin in die Mitte der Bühne, jetzt war er zum Brausen angewachsen.

Nun Volk steh auf und Sturm brich los, dachte er und konnte sich nicht mehr entsinnen, wo er den Spruch aufgeschnappt hatte. Wichtig war aber, daß sie am Ende seiner Rede von den Sitzen gerissen waren.

Deutschlandtag stand da in riesigen Lettern über ihm allein am: und daneben die Projektion der schwarz-rot-golden e Fahne des Vaterlandes. Ja – er gebrauchte noch solche Worte wie „Vaterland“, obwohl die Coaches ihn ermahnt hatten, es nicht zu häufig zu benutzen, sondern  gezielt und am besten mit verwandten Begriffen stabreimend einzusetzen: „Familie, Volk und Vaterland!“ – das war sein Programm! Aufgrund einer leichten Rechtschreibschwäche hatte er noch in seinem Abituraufsatze alle drei Vokabeln mit dem nämlichen „F“ geschrieben – aber jetzt mußte er ja reden und nicht schreiben!

Er nickte jovial und hob die Hand zum Zeichen, daß er beginnen wolle. Ein erhebender Moment…sein UrUrUrUrgroßvater war noch jubelnd und Hurraschreiend  dem Monarchen mit gebeugtem Nacken und den Hut schwenkend nachgelaufen und jener hatte ihm wohlwollend vom Landauer auf hinabblickend gedankt für die Huldigungen. Diese damalige Ehrung durch den Kaiser war 150 Jahre über alle Generationen überliefert worden und blieb in der Familie für immer ein epochales Ereignis.  Ja, es hatte diese Generationen gebraucht, aber nun war er es, Diederich V., der Enkel, dem gehuldigt wurde. Es war Wahlvolk, das da im Saale saß, ebenso amorph wie er selbst – aber er mußte ihm schmeicheln – und so kam ihm die Anrede „Liebe Freunde“ seidenweich von den aufgeworfenen Lippen.

Oh, da saßen in der dritten Reihe die Corpskollegen, einige hatten gar die bunten Bänder angelegt, die sich über den Bäuchen spannten. Eine schöne Demonstration bündischer Solidarität. Die Jungens mußte er grüßen – und er winkte zu ihnen hinüber und wies, wie er es dem amerikanischen Präsidenten abgeschaut hatte, mit dem Zeigefinger auf sie und hob dann den Daumen als Victoryzeichen. Standen für „Victory“ nicht eigentlich die gespreizten Zeige-und Mittelfinger…? Egal, damit konnte er sic nicht aufhalten. Die Corpsabordnung applaudierte noch einmal, einer pfiff sogar auf den Fingern.

Also…“Liebe Freunde“…das mußte eine Donner-Bewerbungsrede um den Vorsitz der Jungen Parteimitglieder werden. Da hatte es gar keinen Zweck sacht anzufangen. Gleich die Lautstärke hochschrauben… Sch… doch drauf, wenn er nachher heiser war; gewinnen mußte er, um jeden Preis. In der Hosentasche steckte das kleine Röhrchen mit den Phosphorpillen zum Gurgeln, sie schmeckten ekelhaft, aber vorhin hatte er auf der Herrentoilette gleich drei in das Gurgelwasser eingeworfen. Er hatte es beim Kneipen, als er als Fuchs das erste Mal eine Rede halten mußte auch mit Bier versucht – aber das Phosphorzeug verdarb den Geschmack des Gerstensaftes.

Er sprach nicht ganz frei, denn er mußte sich noch zügeln naja – einen Spickzettel hatte er vor sich, damit er nicht den Faden verlor.

Als erstes mußte er natürlich loswerden, daß er seinem Vaterlande und seiner Partei dienen wolle, weil unsre „schöne Heimat es wert ist“. Und dann, daß mit ihm ein frischen Wind von früher wieder aufkommen würde.

Ja, natürlich, natürlich verehre er den Inhaber des Kanzleramtes – es ging ihm einfach nicht über Lippen dieses „In“ am Ende vom „Kanzler“. Lange genug war das jetzt eine Frau gewesen, die konnte kein Idol sein, jetzt mußten endlich wieder die Männer ran – aber auch das durfte er noch nicht deutlich aussprechen, denn selbst den Vorsitz der Partei hatte ja bereits wieder eine Frau gekapert. Die entsprach zwar in vielen Bereichen auch seinem Denken, aber sie war halt doch mur eine Frau. Er mußte die Hoffnung der Männer in der Partei verkörpern; dazu wieder paßt seine wuchtige Statur. Ein Kerl von altem Schrot und Korn.

Man konnte es mit dem Feminismus auch übertreiben. Mit ihm würde es keine Quoten geben. Und dann diese Blümchenthemen: Genderismus, also wirklich, es gibt Mann und Frau und dazwischen vielleicht nur noch ein paar verwirrte Schwule. Und diese Homoehe; das war ein Fernziel, die wieder zu kippen, als Jurist würde er schon was finden, um die Verfassungsmäßigkeit anzuzweifeln, und dieser Jungspund mit der schwarzen Hornbrille aus Mecklenburg hatte so sicher schon einige Ideen in petto.

Da mußte sowieso rangegangen werden an die Verfassung, dieser ganze Quark mit den ausufernden Menschenrechten, vor allem beim Asyl. Das Land mußte wieder sicherer werden – Autsch, er biß sich in die Zunge, beinahe wäre ihm die Sache mit den Messermännern rausgerutscht. Gerade noch gut gegangen. Aber diese lästige Konkurrenzpartei, die den Begriff aufgebracht hatte, war ja eigentlich auf der richtigen Fährte, wenn sie aus dem Asyl ein Gnadenrecht machen wollte; in ein, zwei Jahren, wenn endlich diese Frau Kanzler abgewirtschaftet hatte, würden die Aussichten für noch mehr Gemeinsamkeiten günstiger stehen. Und wer weiß, welche Koalitionen dann möglich wären, jeden falls durfte es keine mehr mit den schwindsüchtigen Sozis geben.

Aber wir müssen unsere Heimat, die Familien und Frauen schützen vor kriminellen Ausländern und vor dem Zugriff einer toll gewordenen EU in Brüssel. Europa der Vaterländer schrie er und haute mit der Faust aufs Pult. Donnernder Applaus!

In der Politik, liebe Freunde, hub Diedrich V. nach einer Kunstpause neu an, muß es wieder um die harten, Themen gehen, den Schutz unseres Wohlstandes auch morgen und nicht um das Klima in zwanzig Jahren. Um Arbeitsplätze muß es gehen, um das Ende der sozialen Hängematten – es ist nicht mehr genug für Alle da, einer mußte doch endlich Tacheles reden in dieser Sozialistenrepublik. Die angebliche Armut ist eine  Charakterschwäche; mangelnde Erwerbstüchtigkeit – eine Krankheit“ Er hatte sich ja selbst auch hochgearbeitet in Partei und Wirtschaft.

Was Tüchtigkeit ist, das hatte er in seiner Verbindung gelernt; gut, man mußte auch mal einstecken können, den Mund halten und manches schlucken. Aber nur so kam man voran. Wes Brot ich eß, des Lied ich sing – das werden wir den Gewerkschaften auch noch beibringen. Der junge Kanzler im Nachbarland, nur ein paar Jahre älter als er selbst, hatte da beachtliche Erfolge gefeiert.

Und überall dieser Linksextremismus, Antifaschismus, ja linke Terrorismus, damit mußte schluß sein. Die Partei müsse sich wieder um die deutschen Werte kümmern: von wegen Vegetarismus und dritte Schultoilette, Schul schwänzen für linksextreme Klimademos – und vor allem diese hunderttausendfachen Kindstötungen, die Frauen können doch nicht machen, was sie wollen –des ist das christliche Menschenbild! Man würde Paragraphen der Zeit anpassen und wieder strenger fassen..

Der Applaus umbrandete ihn. Er wäre ja gern deutlicher geworden, aber der Zettel hatte ihn gebremst, seine Gedanken in ihrer ganzen Fülle auszubreiten, er hatte sich gezügelt…

Aber die da unten, die Sturmflut der konservativen Jugend, hatte ihn verstanden. Jetzt jubelten sie ihm zu, wie sein UrUrUrUrgroßvater einmal dem Monarchen zugejauchzt hatte. Das Konservative war eben doch auch die zukünftige Kraft, besonders dann, wenn die Jungen so würden wie die Alten.

Diederich Heßling V. verließ in Bächen schwitzend das Podium und ergab sich dem Applaus der Menge und dem Schulterklopfen seines Landesverbandes. Er wurde gewählt, wie auch anders – denn der Gegenkandidat,  wenngleich noch schneidiger als er selbst und sogar Mitglied einer schlagende Verbindung, unterlag ihm. Diederich Heßling V. sagte es nicht laut wie das meiste, das er eigentlich hätte sagen wollen, dieser Konkurrent eben doch ein warmer Bruder, die sich selbst in seiner Partei ins Rampenlicht drängten. Er selbst war, wie sich das gehörte richtig verheiratet und belästigte niemanden mit seiner Frau; das war privat und gehörte nicht in die Öffentlichkeit.  Und so  wusch er sich nach dem obligatorischen Händedruck mit diesem Gegner rasch die Hände. Auf dem Rückweg von der Toilette in den Saal traf er einige seiner Verbindungsbrüder mit denen er dann auf die Bierschwemme des Kongreßhauses zusteuerte. Seine rauschende Wahl mußte gefeiert werden.

Da kam doch an der Theke neben ihm der Berichterstatter eines linksextremen Schmierblattes zu stehen und sagte zu einem Kollegen, bestimmt nicht ohne Absicht so laut, daß Diederich es hören sollte: „Fürs Wirtshaus taugt er schon mal!“

Damit er nicht losplatzte und einen Skandal verursachte, taumelte Diederich schweißnaß und in Hemdärmeln auf den Parkplatz hinaus zu seinem Wagen und geriet aus der wohlig-umarmenden  Wärme des Parteitages in den kühlen Abendwind. Obwohl er so robust wirkte, war er  gegen Infekte nicht immun und so kam es, daß er sich trotz des ihn überschwemmenden Hochgefühls der Selbstzufriedenheit am nächsten Tage  unpäßlich fühlte. Post coitum animal triste hätte sein Lateinlehrer gesagt.

http://www.taz.de/!5580893/

https://www.queer.de/detail.php?article_id=33214

 

 

Frau Lambrecht, Sie wissen nicht, was Sie reden

 

Eine Erwiderung auf eine Programmbeschwerde

 

„Im Französischen gibt es den eigenwilligen Ausdruck, „une porte condamnée“. Wörtlich übersetzt : eine verurteilte Tür. Gemeint ist eine Tür, die unpassierbar ist, blockiert. So ein vernageltes Tor hängt auch bei mir, hängt vor jeder Herzkammer, die an meinem Geburtstag verbarrikadiert wurde. Auf ewig. Keine Roßkur, auch keine Schreibkunst wird sie aufbrechen. Auch nicht der Mensch, der bereit wäre, mich zu lieben, schaffte sie – die Tür eben dieses Wissens der Wertlosigkeit  – aus der Welt. Denn ich und jeder andere mit einer ähnlich vernichtenden Erfahrung, würde die Liebe nicht zulassen. Riecht sie doch nach Unheil, nach  Todesangst. Sie ist nicht Liebe, sie ist der Tod.  Sich der Liebe ausliefern als Liebender oder als Geliebter hieße, ins offene Messer rennen. Deshalb die Tür. All diejenigen, die bedenkenlos und unverbrüchlich geliebt wurden, nennen unsereins einen Feigling. Sie wissen nicht, was Sie reden.“

Andres Altmann, „Das Scheißleben meines Vater, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ (2011)

 

 

  • 219a bei Anne Will

In der Anne Will-Sendung vom 3. Februar diskutierten Franziska Giffey (SPD), Sabine Leutheuser-Schnarrenberger (FDP), Christina Hänel, Ärztin, Theresa Bücker, Chefredakteurin des feministisches Magazins „Edition F“ und als einziger Mann der Politikerdarsteller Phillip Amthor (CDU) über die „Nichtabschaffung des Paragraphen 219a“, der die Werbung für Schwangerschaftsabbrüche, so nennen es die „Lebensschützer“,  unter Strafe stellt.  Nebenbei gesagt, ein Paragraph der den völkischen Zuchtwahn der Nazis schon 1933 im Gesetzbuch implementierte.

Die Ärztin Christina Hänel, die auf ihrer Praxiswebseite bloß darauf hinweis, daß sie Abbrüche vornehme, wurde von fanatischen Abtreibungsgegnern bereits mehrfach aufgrund des Paragraphen 219a verklagt und sogar verurteilt. Sie ging an die Öffentlichkeit, was zu einer erneuten politischen Diskussion des Paragraphen führte, die aber realiter keine Veränderung bewirkte, schon gar keine Streichung.
Im Grunde versuchen die Lebensschützer die seit bald 50 Jahren andauernde Diskussion um den Hauptparagraphen 218 am Kochen zu halten. Sie kommen mit den immer gleichen Argumenten angekrochen, um ihren Hoheitsanspruch auf die Körper und das Selbstbestimmungsrecht der Frauen zu behaupten. Es handelt sich dabei um gebetsmühlenartig vorgetragene Versatzstücke eines Schattenkampfes für die Zygote.

Um nicht gar zu reaktionär zu wirken als einziger Mann in der Frauentalkrunde konnte sich Philipp Amthor immerhin zu einem sowohl als auch durchringen und outete sich sowohl als Gegner der Abtreibung, aber auch als Befürworter des Zugangs der Frauen zu kompetenter medizinischer Versorgung und Aufklärung über den Eingriff.

Da Männer und männerfolgsame Frauen ihre Projektionen zur Fortpflanzung und deren Unterlassung nicht aufgeben wollen und immer weiter mit Gedanken, Werken und Worten in den Unterleibern der Frauen herumwühlen, suchen sie permanent und penetrant nach Mitteln und Wegen ihre Vorstellungen allen aufzudrücken. Neuerdings kommt aus dem Hause Spahn die Nachricht, daß schon wieder eine Studie erstellt werden soll über die längst widerlegten depressiven Langzeitfolgen der Abtreibung für die Frauen. – Zu vermuten steht, daß es eher die Männer sind, die an solchen Langzeitfolgen ihrer gekränkten Männlichkeit leiden.

 

Programmbeschwerde von Lebensschützern

Nun interessiert mich das müßige TV-Geplänkel überhaupt nicht, sondern eine Reaktion darauf, die die Verlogenheit der Frömmler entlarvt.

Die bayrische Landesvorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“, Christiane Lambrecht (CDL), hat sich so über die Anne-Willsendung empört, die ja nun wirklich nicht ein Gran Neues bot, wie der Grabenkrieg vor Verdun, daß sie eine Programmbeschwerde bei der ARD eineichte.

Darin, ich kann es nicht anders bezeichnen, und nein, ich bin auch nicht mehr freundlich, findet sich das übliche Salbadern der patriarchalen Lebensschützer, die ständig vom „ungeborenen“ Leben schwätzen, die aber das geborene nicht einen Deut interessiert.

Ein Aspekt ist allerdings neu – ein Aspekt, den Frau Lambrecht auf böswillige Weise verdreht und mit dem sie ihren Lebensschutzfanatismus entlarvt. Die Ärztin Christina Hänel hatte das Schlußwort in der Sendung und betonte, sie könne Frauen, für die die ungewollte Schwangerschaft Sorge und Not bedeutet, nicht allein lassen. Und dann sagte sie den entscheidenden Satz FÜR das Leben: sie wolle, „…daß Kinder, die auf die Welt kommen, gewollt sind, daß sie geliebt sind! […] Das ist mein Traum!“

Die Bösartigkeit der Frau Lambrecht macht daraus in ihrer Programmbeschwerde, daß Abtreibung selbst „ein schöner Traum werde!“    Und sie versteigt sich zu der infamen  Pseudoschlußfolgerung: „Nicht geliebte Kinder dürfen [also] mit gutem Gewissen abgetrieben werden!“  –  Und wieder gibt sie eine Zygote als Kind aus!!!

Nebenbei hantiert sie noch mit den Menschenrechten und fuchtelt herum mit der Forderung, Abtreibung dürfe kein Menschenrecht werden!

 

„Apage spiritu!“

Hier schleudere ich ihr und den Lebensrechtlern mein „apage spiritu“ aus dem Exorzismus-Ritus entgegen; da sie zumeist fanatische Rechts-Katholiken und Evangelikale sind, werden sie sich damit auskennen.

Nur am Rande empört mich Frau Lambrechts Wissens- und Wissenschaftsfeindlichkeit, die sich am deutlichsten zeigt in der Ablehnung der Evolutionsforschung (die längst keine Theorie mehr ist, sondern tausendfach belegte Gewißheit), aber eben auch zeigt im Falle der Abtreibung; denn es wird kein Kind abgetrieben, sondern eine nicht selbsttätig lebende Zygote. Offenbar hängen die Lebensschützer noch immer fest an der patriarchalen Vorstellung, mit der Leuwenhoek als erster aufräumte. Der konnte nämlich mit seinem Mikroskop nachweisen, daß sich im Ejakulat des Mannes keine kleinen Homunculi befanden, die in die Frau zum Ausbrüten eingespritzt werden, wie man bis dahin glaubte – womit dann auch noch die Hierarchie der Geschlechter zunichte war. Wenngleich – es braucht ja noch 250 Jhre bis zum Beginn der Frauenbewegung.

In einem Punkt aber hat Frau Lambrecht Recht: die Abtreibung soll in der Tat ein späteres Kind verhindern. Ein Kind, das nicht gewollt ist – aus welchen Gründen auch immer. Die Gründe dafür sind jeweils andere und individuell; ich habe kein Recht, eine Frau dafür sie zu kritisieren, daß sie keinen Nachwuchs will, ob zu einem bestimmten Zeitpunkt oder überhaupt.

 

Das nicht-gewollte Kind ist immer ein ungeliebtes!

Ein nicht-gewolltes Kind ist immer ein ungeliebtes, im besten Falle halbgeliebtes, mit Widerwillen geliebtes – NEIN, ich muß es deutlicher sagen: es gibt keine Halbliebe, Liebe mit Widerwillen exerziert. Ein solcher Mensch ist, wird und bleibt nicht angenommen.

Dieses Nicht-Angenommensein ist die größte Hypothek des Lebens. Ein nicht angenommener Mensch wird niemals glücklich werden. Darum hat Schiller Recht, wenn er sagte „Das Leben ist der Güter höchstes nicht!“!

Ein solcher Mensch leidet an seinem Leben; die Psychologie und die Erforschung der Kindheit haben nachgewiesen, daß das Unglücklichwerden im und am Leben, ein früher Auftrag der Eltern ist, an dem  diese Kinder und die späteren Erwachsenen mitarbeiten. Darum laufen auch soviele unglückliche und verzweifelte  Menschen durchs Leben. Bei vielen schlägt dieses Minderwertigkeitsgefühl, das nie wirklich aufgelöst werden kann, in Aggression um und schadet auch noch anderen. Wir finden diese Menschen überall: da ist der kleine Schulhofbully, der miese Chef, da sind die durch die Bank destruktiven und rachsüchtigen AfDler oder die Ikonen der Unmenschlichkeit wie Hitler, Pol Pot oder Stalin.

Ja – die Legenden, in denen behauptet wird, all diese Leute hätten eine liebevolle Kindheit gehabt, sind von A bis Z erstunken und erlogen – ich verweise hier immer  auf die schrecklichen Fallbeispiele, die Alice Miller in ihrem gesamten Werk immer wieder anführt:  den Sohn von Moritz Schreber, den schrecklichen Mörder Jürgen Bartsch oder  eben auch Adolf Hitler…. Sie alle waren ungeliebte Kinder, die sich für die in sie gepflanzte Wertlosigkeit schadlos hielten an ihren Opfern, die sie entwerteten, wie sie selbst einmal entwertet wurden. Sie alle haben auch ihr ganzes Leben lang gezeigt: die Wunde der Wertlosigkeit, der Ungeliebtheit, heilt niemals und wird zum gefräßigen schwarzen Loch  in der Gesellschaft.

Zumeist aber sind diese Ungeliebten ihr eigenes Schlachtfeld oder wüten in ihrer nächsten Umgebung, bei ihren Freunden oder ihrer Familie.

DAS hat Cristina Hänel gemeint, als sie von ihrem Traum sprach: daß nämlich nur gewollte Kinder geboren würden! Das würde nicht bloß für den einzelnen Menschen von Vorteil, sondern vor allem für die gesamte Gesellschaft.

 

 

 

Lügenmärchen von der Liebe

Frau Lambrecht und die Lebensschützer haben ihrer Frömmelei nur Lügenmärchen von der Liebe zu bieten und Vorwürfe an die prospektiven Mütter, denen sie ein schlechtes Gewissen machen, wenn sie kein Kind bekommen wollen, wenn sie „dieses“ Kind nicht bekommen wollen – die Väter bleiben bei ihnen sowieso draußen.

Mütterliche/väterliche/elterliche Liebe kann man nicht erzwingen, weder durch Gesetze oder durch naive Gebote wie „Liebet Euren Nächsten!“ – denn Eltern sind immer ein Produkt der Umwelt, die mit solchen Schandmärchen von der Mutterliebe die Menschen in Bedrängnis bringt.

Die fanatische Lebensschützerin Birgit Kelle nannte genau in solcher Manier ihr letztes Buch „Muttertier“ und beschwor damit das schauerhafte Bild der „Mutter dentata“, der Mutter, die dem Kind kein Leben läßt, die sich nur übers Kind definiert. Vor allem setzte sie die Begriffe Mutter und Liebe in Eins.

Diese Hypothek aus Kitsch, Frömmelei und Zwang bedrückt aber nicht nur die Kinder, sondern zuerst die potenziellen Mütter. Darum ziehe ich vor jeder Frau, die sagt, sie verweigere sich diesem giftigen Ideal, meinen Hut. Die Frauen aus der Generation meiner Großmutter und Mutter sind oft genug daran kaputtgegangen. Kaputtgegangen an den Zwangslebensvorschriften, die den Lebensschützern im Kopfe herumspuken. Und ich fürchte, es geht auch heute noch vielen Frauen so, denn das Leid, das daraus hervorgeht, setzt sich als Tradition über Generationen fort!

Traditionslinien der Lebens-und Liebeslügen

Meine Großmutter wurde 1926 ungewollt und unverheiratet im erzkatholischen Paderborn schwanger. Um „die Schande“ auf keinen Fall publik werden zu lassen, wurde sie Hals-über-Kopf verheiratet mit einem Mann, der sie gar nicht wollte und den sie nicht wollte.

Konnte sie das Kind, daß sie erwarten mußte, überhaupt lieben? Sie hat es nicht geliebt – und der Sohn, den sie bekam, war ein so traurig ungeliebtes Kind, daß er die größte Geborgenheit bei der Hitlerjugend fand und sein Leben lang seine uneheliche Geburt als Scham empfand und noch mit achtzig Jahren darüber in Tränen ausbrach;  lebenslänglich ein weinerliches, ungetröstetes Kind geblieben, das niemand zu trösten vermochte.

Auf ihr zweites Kind projizierte meine Großmutter all ihre Hoffnungen, da es doch ehelich geboren werden sollte, also mehr wert war als der erste Sohn. Aber dieses zweite Kind starb nicht mal dreijährig an Diphtherie. Da mußte das dritte herhalten, aber es war „nur“ eine Tochter und konnte einen reinen Sohn nie ersetzen. Diese Tochter, meine Mutter, versuchte ihr ganzes Leben lang, ein Junge zu sein, der von seiner Mutter geliebt wurde und scheiterte daran… Als sie dann als Junge Frau mich bekam, verlegte meine Großmutter, zu meiner Freude ihre ganze Liebe auf mich. Und meine Mutter, die die Jungen haßte, die sie selbst nicht werden konnte, haßte mich, weil sie soviel Schmerz und Zurückweisung erleiden mußte, weil sie selbst kein Junge war –Jungen also waren für sie der Hort der Mißachtung. Und obendrein verachtete meine Mutter sich selbst, weil sie die Mutter nicht sein konnte war, die zu sein die Gesellschaft und das Umfeld ihr auftrugen..

Heute, zwanzig Jahre nach ihrem frühen Tod, empfinde ich für ihr Dilemma tiefes Mitleid, aber keine Liebe. Denn wie konnte ich sie lieben, wenn sie sich selbst so verachtete und mit sich selbst auch mich. Daran ist sie psychisch und physisch, kaputtgegangen. Sie wollte diesen Sohn nicht und zwar schon ganz früh, seit dem ersten Tag, an dem sie merkte, daß sie schwanger war.  Zwangsgeborene Kinder, die diese Hypothek mit ins Leben bekommen, können nicht glücklich werden.

 

So einfach allerwerteste Frau Lambrecht, ist das also nicht mit der Schwanger-und Mutterschaft, mit der Liebe, die angeblich alle Probleme löst. Das tut sie NICHT. Sie schwebt nicht im Raum herum, damit man sie fangen könnte – sondern ist immer gebunden an die Erfahrungen der jeweiligen Menschen. Liebe kann man nicht in Gang setzen wie einen Apparat…

 

 

Das Scheißleben…

 

Der Schriftsteller Peter Andreas Altmann hat ein schwarzes Buch über die fehlende Liebe geschrieben, über die falschen Erwartungen, den quälenden Zwang und das lebenslange Gefühl nicht dazu zugehören, nicht angenommen zu sein – und zwar vom Moment der Zeugung an.

„Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißeben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend,“ (2011) beschreibt die grausamen Rituale des verlogen-strengen Katholizismus, der ja angeblich die Religion der Liebe ist – das ist er nicht, er ist die Religion der Herrschaft – wie alle Religionen.

Altmann wurde über Jahrzehnte von düsteren Gefühlen und Ängsten verfolgt – bis er seine Mutter nach völlig sinnlosen Therapien, aber gedrängt ahnungsvoll zur Rede stellte und sie eingestand – sie habe unmittelbar nach der Geburt, weil sie ihr Kind zutiefst verabscheute, ja haßte, versucht, ihn noch im Krankenhaus zu ersticken. Der Autor erzählt über Ursachen und Gründe dieses Hasses und beschreibt die Not seiner Mutter. All das wäre nicht passiert – und ja, der Geborene Altmann hätte nicht lebenslang leiden müssen –  wenn seine Mutter die Zygote aus ihrem Leib gekriegt hätte.

 

Das Leben ist der Güter höchstes nicht“

Und da schleudere ich Frau Lambrecht, Ihnen und Ihren Kombattanten ins Gesicht: es wäre in der Tat besser, daß die Ungeliebten, die   erst zukünftigen Kinder, nicht geboren wären. Sie würden nicht leiden; jetzt leiden sie an der Ignoranz und Arroganz der Lebensschützer, an deren Drang zur Herrschaft über Zygote und Uterus. Oder, um  es  mit Emil Cioran noch deutlicher zu sagen: „Es hat keinen Wert Suizid zu begehen, weil man sich immer zu spät umbringt!“

Nur die fanatisch Gläubigen rührt das Leid der Ungeliebten nicht. In diesem Sinne ist der von Christiane Lambrecht so niederträchtig umgedeutete „schöne Traum“ von Christina Hänel, daß ausschließlich Kinder auf die Welt kommen, die gewollt und geliebt sind, ein Satz  der denkbar größten Humanität und Lebensschutzes.

 

Die Programmbeschwerde von Christiane Lambrecht (CDL)

http://www.kath.net/news/mobile/66867

 

Leseproben aus dem Buch von Andreas Altmann:

http://www.andreas-altmann.com/leseproben/das-scheissleben-meines-vaters

Dr. Dalquen, Retter der Menschheit und sein Waenverdickungsmittel

Nachdem mein Kaninchen gestorben war, begann ich ein Geschlechtsverhältnis mit einer Frau. Dieses Geschlechtsverhältnis verstörte mich und machte mich völlig nervös. Vor allem traten merkwürdige Gefühle in den Waden auf. Das erinnerte mich an meinen verstorbenen Vater, der auch sein ganzes Leben unter Beinschmerzen gelitten hatte.

    Nach einer Odyssee durch diverse Kaltwasseranstalten, in denen man mich häufig der Thure-Brand-Massage der Dammgegend unterzog, kam ich endlich auf Empfehlung meines Beichtvaters in die Klinik von Dr. Dalquen.

    Hier lernte ich den Mann kennen, der nicht nur meinem Leben eine entscheidende Wendung geben sollte. – Dr. Felix Dalquen hatte seine wissenschaftliche Karriere über Jahrzehnte der Entwicklung einer epochalen Substanz geweiht: dem einmaligen Wadenverdickungsmittel.

    In gefährlichen todesverachtenden Selbstversuchen hatte er sich seine Entdeckung in die Waden injiziert, in der Hoffnung, eine Schwellung derselben zu erreichen, die so enorm war, daß die Waden mit einem Plumps neben die Füße rutschten. In einem weiteren Schritt hoffte er, dieses Mittel auch zur Verdickung von Frauen einsetzen zu können.

    Man erzähle mir nichts – unzählige Männer, die vom pubertären Kaninchen abgekommen sind, möchten doch liebend gerne in den wogenden Fleischmassen einer Dame versinken.

    Im tiefsten November wurde ich von einer privaten Zahnradbahn auf den Hohenkofel hinaufgeschafft, allwo Dr. Dalquen sein Sanatorium zur Wadenverdickung betrieb. Als ich am Abend gegen neun dort anlangte, konnte ich den berühmten Arzt noch nicht sprechen, lernte aber im Speisesaal diverse andere Patienten kennen, die sich der Kur unterzogen.

    Vor allem fiel mir ein dünner älterer Herr auf, der in einem Rollstuhl herumgeschoben wurde. Sein gesamter Körper bestand nur aus Haut und Knochen, aber seine Waden waren so monströs, daß er nicht mehr gehen konnte – deshalb der Rollstuhl. Stolz führte er den anderen Patienten seine enorm dicken Waden vor, deren Muskeln fortwährend zuckten. Seinem Munde entrang sich allerlei Unverständliches – es klang wie „Snörzen“. Ganz gleich, was er auch sagte, man verstand nur „Snörzen!“  Vielleicht lag es auch nur an mir, dem Neuling, daß mir seine Rede fremd blieb. Die anderen stimmten ihm nickend bei.

    Endlich nahm mich eine aufgeblähte Dame beiseite, die sich bereits im Endstadium der Verdickungskur befand und teilte mir mit, daß es dem dürren Herrn gefalle, wenn ihm alle zustimmten. Niemand wisse, was „Snörzen“ eigentlich bedeute. Aber das sei auch nicht so wichtig. Sie dagegen finde Gefallen am Punnen und trüge dabei eine Gummihaube. Was nun das Steckenpferd dieser kurzatmigen Dame anlangt, das Punnen, so bin ich bis heute nicht im Bilde, um was es sich eigentlich handelte. Dafür aber half sie mir über den Verlust meines Kaninchens hinweg. Kaninchen waren von Dr. Dalquen bei Strafe des Klinikausschlusses verboten worden. Wir sollten uns hier ausschließlich um die Wadenverdickung kümmern.

   In einsamen Nächten konnte man nach der Rektalschwester Irmentrud läuten; sie schaffte auf Wunsch einen Camembert oder eine Damenhandtasche herbei, der ich dann aus der Proust´schen Recherche etwelche Kapitel zu Gehör brachte.

    Noch bevor ich an meinem ersten Morgen in das Ordinationszimmer Dr. Dalquens vorgelassen wurde, begegnete ich seinem Adlatus Dr. Bumke, dem einzigen Menschen, bei dem die Wadenverdickungskur noch nicht angeschlagen hatte. Dr. Bumke widmete sich mit großem Ernst psychotherapeutischen Irrigationen und empfahl mir, mich gleich am Nachmittag bei ihm einzufinden, um mich zwei bis drei Einläufen zu unterziehen.

    „Lieber Freund“, hörte ich hinter mir eine kräftig schnarrende Stimme – es war Dr. Dalquen, der aufgrund seiner verdickten Waden nur in einer Art Laufgerüst herumgefahren werden konnte, „treten Sie ein, hier gelangen Sie an den Born jeder Weisheit, hehe, junger Racker! Und lassen Sie sich von einem alten Manne sagen, lieber dicke Waden als eine Rektalmusterung beim Marinearzt während Windstärke neun!“

    Diese deftig-derbe Sprechweise nahm mich für Dr. Dalquen sofort ein. Er setzte mir auseinander, daß ich mindestens ein Vierteljährchen bei ihm hier oben zu verbringen hätte,  bevor meine Waden  einen Umfang erreichten, der eine Rückreise ins Flachland verunmöglichte. – Noch allerlei therapeutisch Wichtiges besprachen wir, bevor er mich zum zweiten Frühstück in den Speisesaal entließ.

    Dort angekommen, traf ich die Dame mit der Gummihaube wieder, eine ordinäre Person, Witwe eines Korselettfabrikanten. Sie kam ebenso neben mir zu sitzen wie ein Herr Knöterich, bei dem die Verdickungskur leider an der falschen Stelle angeschlagen hatte, weshalb er breitbeinig an der Tafel zu sitzen gezwungen war.

    Mit Wonne verzehrten wir britische Würstchen, saure Nieren und sogar einen schmackhaften Borscht, als plötzlich ein heftiger Windstoß die Tischdecken  aufwirbelte und die Glastüre zur Terrasse scheppernd zufiel.

    Dort stand, ohne verlegen zu sein, eine junge Maorifrau, stolz ihre fazialen Tätowierungen im Gesichte und unbeschreiblich verdickt. Ich konnte meine Augen nicht von ihr wenden, denn sie erinnerte mich an einen Schulfreund, den alle nur das Klößchen genannt hatten.

    „Ist sie nicht bezaubernd, unsere Südseeprinzessin“, raunte mir die Korselettwitwe zu. „Ein schwerer Fall! Sie sträubte sich gegen die Verdickung und wird wohl noch etliche Zeit hier verbringen müssen, bevor sie nach Ohrzeanien zurückkehren kann.“

    „Ohrzeanien“ wiederholte ich und mußte feststellen, daß meine Tischnachbarin scheußlich ungebildet war. Die Maorifrau ließ sich am gegenüberliegenden Tisch nieder, dem der dürre Herr mit Rollstuhl vorsaß, und alsbald hörte ich von dort nur noch „Snörzen, Snörzen!“, und alle nickten ihm zu.

     Ja, hier würde es mir gefallen…. So manches Jährchen würde dahinziehen mit Blick auf den Hohenkofel und diesen geselligen und putzmunteren Hausgenossen. Denen drunten im Tiefland würde ich zu berichten wissen, wie gut es tat, freudig der Verdickung der Waden entgegenzusehen. Nach sieben Jahren unter meinen Kurkollegen benötigte ich auch kein Kaninchen mehr. All dies habe ich Dr. Dalquen zu verdanken, der, das werde ich in der Fortsetzung meiner Lebensgeschichte zu berichten wissen, die hungernde Menschheit mit seinem Wadenverdickungsserum rettete.

 

Im Zwielicht – von Wolfgang Brosche

Für Christian, Stefan, Katharina

 

Das Photo eines kleinen Jungen: fremd zwischen Einzelteilen der Märklinbahn. Im Hintergrund der Tannenbaum wie jedes Jahr geschmückt nach dem Willen der Mutter mit Silberkugeln und Lametta. Das Photo – Schwarz-Weiß. Farbe lohnt nicht. In dieser Familie ist Weihnachten nicht bunt.

Der Junge schaut ratlos, nicht bloß weil der Vater mit der Eisenbahn mehr anfangen kann als er, er blickt auch enttäuscht, denn viel lieber hätt´ er ein Kaspertheater gehabt. Das aber wollt´ ihm die Mutter nicht schenken, denn dazu gehören ja Puppen – und Jungens spielen nicht mit Puppen, sagt sie.

Ein paar Jahre später haben die Großeltern seinem Betteln nachgeben – sein ganzer Stolz: ein blaues Klapptheater mit Rollvorhang und sechs Puppen; Weichplastikköpfe – kein Holz: Kasper, König, Krokodil, Prinzessin, Polizist und Großmutter. Schenkt man ihm Puppen dazu, am Geburtstag, zum guten Zeugnis, leuchten seine Augen.

Er spielt Märchen nach, erfindet Stegreifstücke, läßt die Prinzessin das Krokodil heiraten und lacht sich drüber kringelig. Die Mutter schüttelt den Kopf. Er bastelt aus Pappe und Leukoplast Dekoration – die Mutter versteht das nicht, denn das Theater hat doch den auswechselbaren Prospekt: auf der einen Seite die Biedermeierstraße, die Gute Stube auf der andern – das muß doch reichen!

Wenn die Kinder aus der Nachbarschaft nicht mehr zuschauen wollen und lieber im Sandkasten wühlen, spielt er für sich weiter allein und findet es schade, daß er noch nicht schreiben kann, um seine Ideen aufzuzeichnen. Aber er hat ja ein prima Gedächtnis, lernt leicht Gedichte und Reime und merkt sich alles.

Spielt er so für sich allein, nennt ihn die Mutter Stubenhocker, drängt ihn nach draußen auf den Hof – was soll er da? Sinnlos hinter Bällen herjagen oder Kinder, die kreischen, fangen? Die Mutter nennt ihn Mäkelheini. So wird er doch nie Freunde haben. Anpassen muß er sich schon mal, sich unterordnen, nicht immer die erste Geige spielen mit seinem Theater.

Die Sorge der Mutter schlingt sich um ihn. Der schürft sich nicht wie die Nachbarsbuben die Knie auf und klettert nicht auf Bäume. Der hockt auf der Gartenbank und verkriecht sich in ein Buch. Sie schimpft ihn Sissy – bevor er kam, hat sie gearbeitet als Kindermädchen für britische Besatzungssoldaten. Deshalb spricht sie  Englisch und kennt solche Wörter wie Sissy – aber sie sagt ihm nie, was das bedeutet, Sissy. So wie sie´s zischt, kann es nichts Gutes, nichts Lustiges sein. Du Sissyboy!

Die Jungen gleichen Alters in der Straße spielen Fußball und rasen mit den Rädern um die Wette und stürzen und zeigen stolz ihren Schorf an den Knien. Fußball ödet ihn an, atemlos hinter dem Ball herhetzen, Quatsch. Aufs Fahrrad steigt er wie ein Mädchen, sagt seine Mutter, im Stand – er ist schon verkehrt mit dem Roller gefahren und trat mit dem rechten Fuß, wie ein Mädchen, nicht mit dem linken wie sich´s gehört für einen Jungen.

Du stehst auch immer da wie ein Mädchen, ein Junge hält den Arm nicht so wie du – angewinkelt vor dem Bauch wie eine Primaballerina. Wein nicht, wenn ich mit dir schimpfe, das ist nur zu deinem Besten. Ich schimpf mit ihm und der weint auch noch wie ein Mädchen! Du wirst nie ein richtiger Junge!

Warum zeigt der Friseur von nebenan nur Plakate mit Frauen, aber nicht mit Männern? Weil Frauen sich für Männer schönmachen müssen, Kind! Stell doch solche Fragen nicht! Männer müssen nicht schön sein! Die Mutter kriegt düstere Augen wenn er so etwas fragt. Er merkt sich´s und fragt bald nicht mehr.

Bevor er in die erste Klasse kommt, an einem Morgen im März, sagt die Mutter ernst: Wir gehen jetzt zum Onkel Doktor – und nimmt ihn fest bei der Hand, damit er nicht weglaufen kann.

Warum? Ich bin doch nicht krank!

Das verstehst du nicht, das muß sein, sonst kannst du nicht in die Schule! Sonst wirst du kein Mann!

In der Praxis riecht´s komisch, alles ist weiß und gewischt und gewienert. Das müßte der Mutter gefallen. Die zieht ihm seine Hosen aus. Vergeblich krallt er sich in den Bund.

Jammer nicht, soll denn der Doktor denken, du wärest ein Waschlappen?

Festgebunden auf dem Tisch kann er sich nicht mehr rühren. Die Schwester hält ihm einen Wattebausch über die Nase und träufelt Stinkendes darauf. Ob er schon zählen könne?

Das kann er doch: eins, zwei und drei, was kommt nach dr…?

Zuhaus im Bett erwacht er. Pipi machen muß er. Er kommt allein nicht hoch, es wird ihm schwarz vor Augen. Die Mutter stützt ihn zur Toilette, zieht große Wattebäusche von seinem Männlein. Die letzte Schicht blutig, da tut´s ihm weh, das Männlein; und als der  Strahl herausschießt, schreit er. Das brennt, das Pipi, wie Feuer.

Nun mach nicht so ein Theater, das kann dir gar nicht wehtun, das ist doch noch betäubt. Benimm dich wie ein Junge.

Vom Wohnzimmer ruft der Vater, der hat mal geboxt, der muß es wissen: Ein Indianer kennt keinen Schmerz!

Na, dann kannst du dich mal um das Gebaumele kümmern, du bist doch der Vater, das müßt ihr Männer unter euch ausmachen, mit euren Dingern!

Nee, Mutter, das kann ich nicht, das Blut, du weißt doch, kann ich nicht sehen.

Memme, mahlt die Mutter zwischen den Lippen, ganz leis, damit der Vater das nicht hört – oder hat sie den Sohn gemeint?

Keiner erklärt ihm, warum man da unten geschnitten hat und genäht, er entdeckt die blutig verkrusteten Fäden. Auswendig lernt er den Anblick wie die Reime und Verse, wie seine Kaspertheaterstücke.

Vier Wochen danach in Nachbars Garten. Er ist erst sechs, der Sohn der Nachbarn dreizehn. Der Jochen ist groß und so stark, der baut Zelte auf für die Kinder der Nachbarschaft, mit bloßem Oberkörper. Das blonde Haar fließt dem leuchtend in die Stirn mit dem Schweiß. Der Jochen ist viel stärker und schöner als er. Ob man dem auch am Männlein geschnitten hat – er faßt all seinen Mut und fragt ihn, ob der mal sein Männlein sehen will, das operierte, und ob er das seine betrachten darf. Der Jochen tut, als würd er das nicht hören.

Tage später fragt er ihn noch mal, der Jochen aber windet sich.

Der Nachbar schickt den Jockel aus, doch der kommt nicht nach Haus, fällt ihm im Bett am Abend ein, wenn er an Jochen denkt.

Und erst als er´s das dritte Mal wagt zu fragen, halbdunkel ist das Zelt aus Decken über Äste geworfen und dunstig, sie hocken allein darin, zeigt ihm der Jochen sein Männlein. Da ist keine Naht, keine Narbe. Wie groß es ist und schön und wie hart es wird – er würd´s so gerne berühren, doch Jochen zieht schnell wie der Blitz seinen Schlitz wieder zu.

Auch das ist ein Bild, das er behält, lange Jahre mit schlechtem Gewissen: das darf die Mutter nicht wissen. Das Männlein ist zum Pipimachen da, danach muß man die Hände waschen. Da sind Bakterien dran, die sieht man nicht, die sind gefährlich. Krank könnt man werden, krank von dem Gebaumel da unten.

Das Jochenbild verblaßt als er beim Schwimmunterricht die drei Klassenidioten erblickt – nur Sport und nichts sonst dahinter, richtige Jungens – die sind braungebrannt, aalen sich den ganzen Tag im Freibad, die haben schon richtige Männermuskeln und tragen ganz winzige Badehosen. Er kann den Blick von ihnen nicht wenden; er nennt sie Delphine. Delphine gefallen ihm, doch er weiß tief drinnen, darüber darf man nicht reden. Das ist sissy, er ist Sissy, wenn das rauskommt.

Konfirmationsunterricht. Der Pfarrer erklärt, Schaumklümpchen im Mundwinkel, man könne mit Gott über alles sprechen – wenigstens mit dem. So betet er abends im Bett, daß der Liebe Gott ihm das – er hat keine Worte dafür – wegnehmen möge. Er betet und betet und betet – aber der Liebe Gott antwortet nicht.

Ein hitzig-heißer Sommertag. Damit er mal an die Luft kommt, besucht er mit der Mutter deren Freundin, die besitzt einen Gärtnerhof, bewacht von Hasso, dem Schäferhund. Ob dem die Hitze zu Kopf stieg? Aus heiterem Himmel springt Hasso ihn an und beißt ihn in den Hosenlatz. Aufruhr. Die Gärtnereibesitzerin bringt eine Flasche Jod. Die Mutter, zitternd, zieht ihm die Hose herunter, schon wieder muß sie sich ums Glied des Sohnes kümmern. Der schämt sich, ist er doch schon dreizehn. Die Mutter träufelt das Jod auf den Biss im Männlein; sie sagt immer noch Männlein und hält das Glied in der Hand als wär es das ihre und zieht und wendet es, um weitre verletzte Stellen zu suchen.

Das war das letzte Mal, daß sie sein Geschlecht sah. Bald drauf reden die Delphine vom Schwanz – er übernimmt das Wort für sich – nie wieder sagt er Männlein.

Jetzt sagt er Schwanz; der wird hart wie der vom Jochen und macht Spaß. Dafür entschuldigt er sich beim Lieben Gott. Der antwortet abermals nicht. Der antwortet auch nicht als er ihn anbettelt, er möge die sterbende Oma am Leben lassen. Die hat ihn doch so geliebt wie ihren eigenen kleinen Sohn. Der starb mit drei Jahren an Typhus. Noch dreißig Jahre später trägt sie das einzige Kinderbild ihres Söhnchens im Portemonnaie – sie sagt immer, ihr Enkel gliche ihm bis aufs Haar.

Zum vierzehnten Geburtstag wünscht er sich eine Opernkarte.

Was willst du denn dort, du schläfst doch ein im Theater, da jodeln die in schrillen Tönen und verbiegen sich wie Tunten. Der Vater verrenkt die Hände mit abgespreizten Fingern und lacht. Sein Sohn geht trotzdem in die Oper und hört als erstes: „Traviata“.

Daß er von nun an ständig ins Theater geht, er bezahlt´s vom Taschengeld, ist seiner Mutter einerseits nicht recht – doch andererseits: das ist ja auch Bildung, und der Vater nickt. Das habe er in der Schule gelernt: Wissen ist Macht!

Bei einem Freund im Fernsehen sieht er Die Bettwurst, zuhause ginge das nicht. Er begreift ganz neue Wörter und nennt den Film grotesk und liberal, satirisch und camp. Der Mutter erzählt er die Handlung beim Putzen und lacht – sie unterbricht ihr Putzen und sein Lachen: du weißt doch, daß der Regisseur ein Homo ist?

Na, und – der Film ist doch gut. Die Mutter schüttelt den Kopf und schickt ihn in sein Zimmer, als hielte sie´s in seiner Nähe nicht mehr aus.

Im Fernsehen laufen Tarzanfilme, die liebt er heiß und innig. Im Bett spielt er bei Nacht die Szenen nach, in denen Gordon Scott, der hat so pralle Muskeln, auf seiner Jane liegt und sie küßt. Er ist der Herr des Urwalds nicht, er ist er selbst und liegt in Tarzans Armen.

Alle paar Wochen, zurückgekehrt mittags von der Schule, findet er den Inhalt seines Schreibtisches im Haufen auf dem Boden. So fordert die Mutter ihn auf, Ordnung zu schaffen. Und den Schlüssel zur einzigen Lade will sie auch. Wer weiß, wie´s drin aussieht oder was du da vor mir verbirgst. Maul nicht, ich bin deine Mutter, ich habe dazu das Recht.

Er bittet sie mit fünfzehn anzuklopfen, wenn sie in sein Zimmer will. Wie käm ich denn dazu in meinem eigenen Haus, bei meinem eigenen Sohn zu klopfen – wo kämen wir denn da hin?

Sechzehn ist er und seine jüngeren Geschwister schlafen bereits, so kriegen sie´s nicht mit, als seine Mutter ihn des abend um neun aus dem Bett holt – ist mir ganz gleich, wie alt ihr seid, du bist noch ein Kind und Kinder haben um acht im Bett zu sein -.

Die Mutter fand eine Kerze in seiner Schreibtischlade. Was er denn damit mache? Sie wisse es genau! Die Verdauung machst du dir kaputt damit! Im Aschenbecher drückt der schweigende Vater die zehnte Ernte23 heute abend aus, springt auf und rast ins Bad, wo er sich brühend heißes Wasser einlässt, bis alles dampft. Der kommt erst nach zwei Stunden wieder raus, krebsrot.

Kennst du solche Männer? Die Mutter thront im Sessel. Er steht davor, er darf nicht sitzen. Hab ich dich falsch erzogen? Weißt du eigentlich welche Schande du mir bereitest? Das steht schon in der Bibel, daß das sündig ist! Ich werde jetzt andere Saiten aufziehn! Ich mag dich gar nicht anfassen. Ab ins Bett, ih bäh!

Am Morgen grüßt ihn der Vater nicht, der grüßt auch am Tag darauf nicht, der spricht mit ihm ein halbes Jahr lang nicht, als ob er schon durchs Sprechen sich Lepra von seinem Sohn holen könnte oder was anderes Ansteckendes, das er fürchtet.

Weißt Du, was du angerichtet hast? Dein Vater hat die ganze Nacht geweint. Der hat noch nicht einmal beim Begräbnis seiner eigenen Mutter geweint. Warum straft mich der liebe Gott damit? Das machst du nur, um mich zu verletzen! Ich hab die ganze Nacht gegrübelt und gegrübelt – und dran gedacht, mich umzubringen wegen des eigenen Sohnes!

Du gibst jetzt keine Nachhilfe mehr. Wenn da was rauskommt, dann denken die Leute doch, du willst ihre Söhne anfassen. Taschengeld ist gestrichen. Ich konfisziere den Kloschlüssel – ich weiß ja, daß ihr Jungs da Schweinereien treibt. Das werde ich jetzt unterbinden. Und mit diesem Theater- und Kinogehen ist ein für alle Mal Schluß. Vielleicht kann ein Psychiater das wegmachen!

Da hat er Glück, dort muß er nicht hin – nicht auszudenken, käm das raus, der Sohn beim Psychiater!

Und glaub ja nicht, du Sissy, deine Großmutter, würd sie noch leben, hätt dich noch lieb. Die würde dir was husten. Die hat im Gestapokeller gesessen, weil sie einmal gesagt hat, in der SA wären Leute wie Du! Die wär ums Leben gekommen, wenn dein Opa nicht darum gebettelt hätte, der war ja selber Gruppenleiter.

Die Mutter schämt sich, weil sie was falsch gemacht hat in der Erziehung, sie ist zu sanft und zu lasch gewesen, härter hätte sie durchgreifen müssen. Sie schämt sich, daß ihr Mann weinte. Sie schämt sich vor den Nachbarn. Sie schweigt sich fast zu Tode. Es krallt sie im Unterleib: Entzündungen, Myome, Krebs. Erst als sie völlig ausgeräumt ist, lassen die Krankheiten ab von ihr.

Der Sohn schämt sich: denn das Leid hat er seiner Mutter angetan. Er schweigt still und stumm und von Delphinen träumt er nur. Zehn Jahre trinkt er mit den Eltern weiter Kaffee, am Sonntag obligat der Lummerbraten und später Gugelhupf. Ein exzellentes Zeugnis nach dem anderen, dann seine Studienscheine mit Stern. Das reicht vielleicht um einmal was zu sagen. Er bittet seine Eltern zum Gespräch. Die hätten doch den jungen Mann erlebt, mit dem er viel unternehme. Der sei sein Freund und er wünsche, daß er das sagen, ihn mit nach Hause bringen dürfe. Gleich läßt der Vater sich wieder ein Bad ein, die Mutter stürzt in einen Weinkrampf. Du bist unser Sohn, so weit sind wir tolerant, kannst immer zu uns kommen, aber allein, wir wollen davon nichts hören und sehen, das mach mit dir allein ab. Verschon uns damit.

Also geht er fort und bleibt fort, bis seine Mutter erneut erkrankt; diesmal das Herz. Er kehrt zurück und schweigt und plaudert, sie wird wieder gesund, entdeckt seine Kasperpuppen, verstaubt, im Keller. Die nehmen doch nur Platz weg. Und wenn sie der Verwandtschaft zum Namens- oder Geburtstag eine Flasche Frühstückskorn schenkt, setzt sie zur Zierde einen Kasperpuppenkopf darauf und gibt so sein ganzes Ensemble fort. Das landet bei den Beschenkten im Mülleimer.

Kaffee schenkt die Mutter dem Sohn immer weiter ein und setzt ihm Bienenstich vor. Er plaudert zum hundertsten Mal mit dem Vater über die blöden Politiker da oben und über Autos und übers Fernsehprogramm, immer dasselbe, nicht wahr? Und er nickt!

Vatermutterkind wird fad und immer fader. Er bleibt – erstickend am schlechten Gewissen – wieder weg; die Mutter wird wieder krank. Ihre Augen, die schwarzen, schärfen ihm ein: wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß, sonst sterbe ich. Da bleibt er fort für immer.

Am Abend bevor er in eine andere Stadt zieht – das haben die Geschwister der Mutter gesteckt – stirbt sie das letzte Mal.

Daß es da noch einen Sohn gibt, wispert´s im Trauerzug auf dem Friedhof, das hab ich gar nicht gewußt. Sie hat von ihm nie erzählt. Warum ist der allein? Verheiratet wohl nicht! Doch, doch, es gibt einen Sohn, die Ärmste hat immer gesagt, er hat keine Zeit für Frau und Familie, die Arbeit nähm ihn so sehr ein. Vielsagend lächelt die Wispernde: wir haben immer so getan, als würden wir ihr glauben.

Er ging allein zur Beerdigung, er kommt allein von der Beerdigung, er betritt seine Wohnung allein, darin lebt er allein – er lebt in den Schatten und schämt sich. Ein Kaspertheater hat er kein zweites Mal bekommen. Sein Leben ist ein Schwarz-Weiß-Bild, noch nicht mal mit Lametta.

Er läßt sich nie mehr photographieren.