Wo man gesund wird

von Wolfgang Brosche

Lohe die Nacht, augenversengend, blutrot, magenta, brombeerdunkel, caput mortuum und dann schwarz der Himmel, jetzt sternlos, verhangen. November.

Die schönen Worte für all die flammendroten Farben hatte er von einem englischen Maler gelernt. Dem stellte er die Staffelei bei Sonnenuntergang zwischen die Palmen vor dem italienischen Hotel nach Westen. Er sollte bleiben und die Kappe abnehmen und durfte zusehen wie der die Farben immer aufs Neue mischte. Aber der Maler brachte wenig auf die Leinwand, lieber bewunderte der das hier selten blonde Haar im Licht und betrachtete die Spiegelung der Gluten in den Wellen. Und plötzlich war die Sonne versunken, ein Glimmen noch und vorbei war die gewaltige Laterna Magica über dem Golf von Neapel. Und der Maler strich ihm übers Haar und über die Wange, drückte ihm großzügig Lirescheine in die Hand und bedankte sich auf italienisch und auf deutsch und verlangte nie mehr. Der wußte Bescheid und wollte anderen nicht ins Gehege kommen.

Solche Sonne wie in Neapel war dies nicht, was ihn jetzt wach hielt morgens um vier in seiner Kammer mit der vorhanglosen kleinen Luke unter dem Dach des Hotels in Essen. Über die ganze Stadt wölbte sich die Lohe der Nachtschicht, der Widerschein des Roheisens, das sich aus dem Ofen in den Fuchs ergoß: ein höllischer Strom, weiß und chrom, heiß und tödlich, dem die Männer mit ihren großen Schutzhüten und der weißgrauen Montur ausgesetzt waren, wenn er glomm und glühte. Die Hitze war unerträglich, nichts schützte vor dem Brand, die Luft war nicht zu atmen, sie versengte die Nasenhöhlen und die Lunge.

An seinem ersten und einzigen Tag im Werk stand er noch weit von den Hochöfnern, er sollte als Handlanger ihnen zu trinken bringen, so hatte auch der Vater hier angefangen – rasch waren Augen und Atmen wie verbrannt und er brach zusammen in der Gluthitze. Man trug ihn beiseite auf die Unfallstation und lachte, ihn konnten sie hier nicht gebrauchen, den Schwächling. Das ausgerechnet an dem Tag, als die hohen Herrn vom Ministerium weit weg und oben im Gängegewirr des Ofens zuschauten; da oben ging´s um Stahl und Kanonen und unten um Glut.

Dort oben brach auch einer zusammen, obwohl der doch in luftiger Höhe, wo Wind wehte, dem Spektakel zusah, der kriegte die Luft, die verbrauchte, nicht aus der Lunge, die steckte ihm fest und er hustete um sein Leben. Auch den Herrn brachten sie zur Station hinunter. Zwei Prokuristen stützten den Keuchenden im Gehrock, sie hatten ihm den Plastron gelockert und den Kragen.

Was ein Plastron war, wußte er damals noch nicht, das lernte er später. Er lag bereits auf dem Behandlungstisch, halbausgezogen und glühte und zitterte zugleich. Die kühle Luft hier unten versöhnte langsam seinen Körper. Sie wollten ihn gleich fortschaffen, damit der Anblick seiner jungen Nacktheit den Herrn nicht belästigte. Der aber winkte ab und jappste, man möge den jungen Mann dort ruhig lassen, der wäre ja beinah verbrannt, er müsse sich nur setzen und zu Atem kommen.

Der mittelalte Herr kam eher zu Atem als sein versengter junger Körper zur Kühle. Das Laken konnte er auf der Haut nicht ertragen und schob es hinunter. Der Herr im Gehrock musterte ihn durch seine Brillengläser, dann gab er seinem Prokuristen einen Wink, der beugte sich hinab und nickte, nachdem ihm was ins Ohr geflüstert worden war.

Die Sanitäter standen stramm als die Entourage des Asthmatikers, schwarz die Gehröcke und die Zylinder, den Raum verließen.

Weißt du denn nicht, wer das war, fragte einer, der ihm den Oberkörper mit einem nassen Leintuch kühlte. Das weißt Du nicht? Das war der Herr über alles und jeden, der Kanonenbaron. Dem gehört jede Schraube und Du auch! Man sollte glauben, es gäbe einen Gott, was nützt dem der ganze Reichtum, wenn er nicht atmen kann. Luft kann man sich nicht kaufen. Jetzt ruh dich unter deinen nassen Tüchern aus bis du nicht mehr glühst und geh nach Haus. Dich können sie hier nicht brauchen. Du bist zu schwach!

Was soll ich machen? Ich muß arbeiten, ganz gleich was. Der Vater hustet sich die Lunge aus dem Leib. Ich hab´ vier Geschwister, die Mutter ist mit dem fünften gestorben. Die setzten uns, als Vater Invalide wurde und nicht mehr in die Grube fahren konnte, vom einen Tag zum andern aus dem Altenhof. Anrecht hatte er noch nicht auf Rente vom Werk. Ich muß das Geld verdienen.

Die Tür schwang wieder auf, im schwarzen Straßenanzug, der Kragen Zelluloid, am Rand verschwitzt, ein Schreiber vom Kontor am Werkseingang. Wo ist der Junge, der zusammenbrach? Du?! Das ist für dich. Und drückt ihm ein Couvert in seine Hand. Du sollst dich dort melden, er weist auf den Brief und dreht sich auf dem Absatz um und eilt hier fortzukommen, wo´s nach Karbol riecht, nach Schmerz und nach Verwundung.

Auf einer Karte mit dem Firmenzeichen, drei Ringe ineinander verschlungen; darunter in sauberem Sütterlin: Sie sind nicht geeignet für die grobe Arbeit in der Hütte. Melden Sie sich morgen um zehn Hotel Reichskrone am Viehofer Platz beim Portier. Er weiß Bescheid und weist Sie ein! Gezeichnet…

So kam er in die Kammer unterm Dach: und trug von da das rote Käppi, paspeliert, und eine rote Jacke etwas weit an der Taille mit goldenen Knöpfen und weiße Handschuh, die wurden jeden Tag gewechselt. Man habe sich für ihn verbürgt vom Werk aus. Er solle sich glücklich schätzen, er würde protegiert.

Aber, sagte der Portier, dem wuchs der graue Bart über die Lippen, die sah man nicht beim Sprechen, es war als spräche das Haar im Gesicht, glaub ja nicht, ich ließe Schlendrian zu. Schon grad nicht bei einem Protegierten. Wer weiß überhaupt, wie lange du bleibst. Ich kenne deinesgleichen. Du bist nicht die erste hübsche Fratze, die man uns schickt! Füg dich ein, sei anstellig…dann kannst Du´s weit bringen!

Koffer tragen, Hunde ausführen, mit einer Tafel in der Hand Telephongespräche ausrufen im Café, die Drehtür schwenken, Zigarren holen in der Stadt oder vom Kiosk am Bahnhof ausländische Blätter, die trug er dann auf einem Silbertablett bis in die Zimmer, das gab einen Groschen Trinkgeld, den durfte er nicht behalten, den kassierten die Dienstälteren immer von den Jüngsten. Den Lift zu führen gestattete ihm der Portier erst nach Wochen. Manchmal tuschelte das Personal in seinem Rücken; er wurde mit den anderen Pagen nicht warm; das lag wohl an den Umständen, die ihn hergebracht hatten.

Da liegt ein Brief auf seinem Bord. Der kam gestern aus Italien. Er hat ihn noch nicht geöffnet. Kein Absender. Er ahnte aber von wem, denn es war nicht der erste. Der Stempel: Taormina.

Du hast Post aus Italien, schon wieder – scheinst Eindruck gemacht zu haben bei deinem Aufenthalt dort, sagte der Portier und man sah nicht, wie der den Mund verzog hinter all seinem Bartgekräusel, es war sicher, daß der ihn mißbilligend verzog…und drückte ihm das Couvert in die Hand. Laß die anderen nicht wissen, daß du solche Post bekommst…

Er nimmt ein Buch, er hat deren zwei Dutzend auf seinem Bord – ein Page und Bücher, die anderen machten sich lustig – und steckt den Brief zwischen die Seiten, violett eingebunden und mit Goldschnitt, in Englisch, das spricht er noch kaum bis auf die paar Worte, die ihn der Maler aus London gelehrt hatte. Von ihm hatte er den Roman bekommen: Teleny. Das ist ihm noch nur Klang, verstehen kann er die fremde Sprache noch kaum, aber das will er lernen. Er braucht die Sprachen wenn er im Hotel bleiben will. Französisch steht auch noch an – und die zwei Monate auf Capri hatten schon italienische Spuren hinterlassen.

Du willst wohl hoch hinaus, brummte der Vater und hustete hinterdrein, als er ihm vom Glücksfall der Stelle in der Reichskrone berichtete. Du machst dich nicht schmutzig im Hotel, das ist keine ehrliche Arbeit. Und jetzt auch noch Sprachen lernen, wo soll das hinführen, wir sind redliche Leute aus Polen! Willst du höher hinaus und anders sein als dein Vater?

Gewiß, schmutzige Hände holte er sich im Hotel nicht. Im Gegenteil, er mußte darauf achten, daß er die Handschuh´ nicht befleckte. Die Handschuh nicht und nicht die Uniform – das wurde jeden Morgen kontrolliert. Appell: stramm stehen wie beim Militär, Hände an der Hosennaht. Waren die Haare gekämmt, die Ohren gewaschen, die Stiefel poliert? Der Portier nahm die Mannschaft genau unter die Lupe. Es setzte Donnerwetter wenn seine Zucht und Ordnung nicht eingehalten wurden.

Das gab´s im Quisisana nicht, war etwas nicht korrekt am Bolero, saß das Käppchen zu verwegen – so war´s dort aber oft, den Gästen gefiel das – winkte der Portier die Pagen in Nische und Schatten, drohte scherzhaft mit dem Finger und rückte alles selber zurecht. Und tätschelte ihnen die Wange. Der schmunzelte dabei als wollte er sagen: wie schmuck du bist! Behielt es aber für sich. In Essen die Ordnung, auf Capri die Diskretion.

Hinter seinem Dutzend Büchern war der Vorwärts der vorigen Woche versteckt. Jetzt zieht er die Zeitung heraus. Die hatte er sich verstohlen bei der Rückkunft am Hauptbahnhof besorgt. Das Sozialistenblatt durfte keiner im Hause sehen, das gehörte nicht hierher, die Arbeiterzeitung, das Proletengeschmier wie der Portier einmal schimpfte. Auch Herr von Gloeden lästerte derart über dieses Sozialistenblatt als er in die Suite im Quisisana stürmte und mit jener Nachricht von Gewährsleuten aus Deutschland empört herumfuchtelte, die dann der Grund war für den überstürzten Aufbruch zurück nach Essen. Wie damals im gigantischen Hochofengerüst verschlug es dem Herrn als er die Depesche las, den Atem.

Denunziantes Revolverblatt stieß er noch hervor. Man kann dem Arbeiterpack noch so viele Wohltaten erweisen, nie sind sie zufrieden.

Und hatte der nicht Recht gehabt? Eine schmale Kolumne Gedrucktes und doch so machtvoll. Da ist der böse Artikel: „Herr K. hatte sich nicht Capri gewählt, um die Insel mit Straßen zu beglücken, sondern weil das italienische Gesetzbuch keinen besonderen Paragraphen 175 kennt!“

Aber die Straße gab es doch, die gestiftete, es war die schönste der Welt –auf ihr gab es nur Aussicht und Aufstieg. Diese Straße fuhren sie hinauf bei ihrem ersten Ausflug. In der offenen Kutsche. Der Herr trug ganz anders als im Werk weder steifen Kragen noch Plastron, auch den Zylinder trug er nicht, sondern einen Panamahut und einen blühend weißen Anzug. Er durfte neben ihm sitzen und staunte in die Sonnenwelt des Golfs von Neapel. Die Straße stieg immer steiler an nach jeder Haarnadelkurve, Gestein und Moose und Gebüsch zu beiden Seiten und unten das Meer, weit und betörend und oben erwarteten sie die Augustus-Gärten.

Eine Woche davor Anfang Oktober hatte der Portier ihn in sein Bureau gerufen. Es sei Order gekommen: Er habe sich bereit zu machen, sein Köfferchen zu packen. Er solle feine Welt schnuppern, das nütze ihm bei seiner Ausbildung.

Halte die Augen offen und lerne und schicke dich – es wird dein Schade nicht sein. wenn du dich anstellst! Man holt dich nach Italien, Junge. Dabei bist du doch erst ein Vierteljährchen hier… sprach er mit Ernst durch seinen Bart …in Wartestellung! Jetzt kommt dein eigentlicher Einsatz, sagte das Haar um die verborgenen Lippen.

Der Portier überreichte ihm ein Portefeuille – darin ein Bahnbillet, ein Reisepaß und ein Couvert mit Zweihundertfünfzig Reichsmark für die Reise, soviel hatte der Vater im Jahr verdient. Ein Brief mit Anweisungen : wohin er aufzubrechen habe, zweiter Klasse, nach Neapel und dann weiter auf die Insel Capri. Aus Essen war er nie herausgekommen und jetzt sollte er allein durch halb Europa fahren. Ihm schlug das Herz so laut – merkwürdig, daß die andern Pagen das nicht hörten.

Drei Tage: Essen, Köln und Frankfurt, nach München, Wien, Venedig, Rom – Neapel. Vor den Alpen Oktobernebel und Regen, Schleier und Grau, das rauschte beim Fenster vorbei, doch hinter den Alpen Licht und Farben. Das war die andere Welt. An diesen Reisetagen schlief er kaum vor Aufregung, so wie er heute Nacht, der Nacht vor der Beisetzung, nicht hatte schlafen können. Er war allein und fragte sich die ganze Zeit im Zug und in der Dachkammer was mit ihm am jeweils nächsten Tag geschehen würde.

In Italien waren die Hochöfen weit, die Kohlengruben, das Schuheputzen und das Ausführen der Hunde, weit waren der nörgelnde Portier und der murrende Vater. Junge Männer auf den Bahnstationen waren lässiger, die lehnten an den Laternen und rauchten. Es gab auch nackte Kinder, die spielten in den Bächen und an den Hängen des Apennin in den Dörfern. Die waren nicht so ordentlich wie die Altenhof-Siedlung, und es lag dort ein anderer Schmutz als der auf den Straßen zuhaus.

Schließlich setzte er das erste Mal übers Meer auf die Insel. Mit einem Eselskarren fuhr er vom Strand hinauf: oben leuchtete weiß das Hotel, ein Palast mit hohen Fenstern und Loggien und drüber wehte die Fahne des Königreiches Italien. Das war Quisisana.

Verständigen mußte er sich mit Händen und Füßen, hier sprach man kein Deutsch wie im Café zum Kater Hiddigeigel an der Via Hohenzollern. Das lernte er später noch kennen, den Treffpunkt mit all den Herrn, den deutschen Emigranten, die Licht und schöne Knaben im Süden suchten.

Im Quisisana sollte er Dienst tun wie in der Reichskrone: man steckte ihn in eine Uniform, die aber war nicht aus dem Fundus, die war auf Taille geschneidert. Er wurde in einem Zimmer mit einem Luchino untergebracht: so hieß der Junge, nicht älter als er selbst. Er hielt ihn erst für einen Ägypter; einmal hatte er in Essen ein Plakat gesehen für Hagenbecks Wandernde Völkerschau, das warb mit dem ebenmäßigen Gesicht eines Knaben aus Kairo. Doch Luchino kam aus einem Dorf bei Verona, das erklärte der wortreich mit Brocken Französisch und Englisch und Deutsch, aus jedem dritten wurde er klug mit der Zeit. Luchino war ihm fast wie ein junger Pharao erschienen: was für ein Antlitz mit der hohen Stirn und dem gekräuselten Haar, dem geschwungenen Mund, der braunen Haut und den dunklen Augen. Die waren warm wie Luchinos Haut, das spürte er in der ersten Nacht als er verwirrt und verloren und erschöpft nach der Reise im Bett lag und ihn das Zittern übermannte. Es war genauso wie ein Vierteljahr zuvor auf dem Behandlungstisch als er glühte und bebte. Luchino setzte sich nackt auf sein Bett und flüsterte ihm etwas Fremdes ins Ohr. Das war, die er nicht kannte, die betörende Sprache der Furchtlosigkeit. Wie konnte er sich da noch wehren, als der andere sich an ihn schmiegte, damit er lerne wozu sein Körper fähig war?

Wenig Dienst gab es im Quisisana in den nächsten Tagen, bis zur Ankunft eines bedeutenden Gastes. Am Vortag kam zum ersten Mal Unruhe ins Haus. Hausdame und Portier scheuchten Zimmermädchen, Köche, Kaltmamsell und Kellner.

So wie gestern den ganzen Tag gescheucht wurde und getrieben. Bis in den Abend trafen wichtige Gäste ein, die Reichskrone war voll wie ein Ei kurz vorm Schlüpfen. Alle Welt kam zur Beisetzung. Kein Zimmer war in Essen mehr zu kriegen, selbst in Bochum, Dortmund und Duisburg waren die Hotels bis unter das Dach mit vornehmsten Gästen aus dem ganzen Reich angefüllt. Sogar der Kaiser wurde erwartet. Es war als müßte das Personal deshalb doppelt stramm stehn.

Das nächtliche Glühen über der Stadt hat nachgelassen. Der Novembertag dämmert. Auf dem Flur: das Huschen der Hilfsköche, die eilen hinunter in die Küche, das erste Frühstück muß vorbereitet werden. Sein Zimmerkamerad schaut herein. Es ist erstsechs, der muß noch bis acht den Lift bedienen, dann endet sein Dienst und er seufzt:

Das ist die ganze Nacht ein Betrieb gewesen, es kamen immer noch Gäste an. Sowas hab ich noch nie erlebt. Ich muß gleich wieder runter. Du sollst dich um acht melden beim Portier, soll ich dir bestellen. Und sei auf dem Quivive, der war brummig und mürrisch wie nie. Und schließt schon wieder die Tür hinter sich.

Beim italienischen Portier mußte er sich auch melden nachdem der Palast Quisisana zum Glänzen gebracht worden war. Signore tedesco, sagte der spöttisch und legte ihm die Hand auf die Schulter, Sie werden erwartet! Ich habe die Ehre… und begleitete ihn in den zweiten Stock zur größten Suite, klopfte und zog sich gleich zurück, discretione!.

Eine schmale Stimme rief ihn herein. Da saß auf dem seidenen Sofa der Herr aus dem Sanitätszimmer: über vierzig bestimmt, schon weißes Haar an den Schläfen, aber der Es-ist-erreicht noch dunkel aschblond. Die dicken Brillengläser machten seine Augen größer.

Es gefällt dir hier, mein Junge? Er nickte bloß. Das will ich hoffen. Dies ist Italien, wie kann man es nicht lieben – hier ist die Luft wärmer und freier. Ich kann hier besser atmen. Willst du dich nicht setzen?

Er schüttelte den Kopf, er sei nur Page. Der Herr erklärte ihm die Lage, wie der es nannte. Es stünde ihm frei, er könne bleiben oder gehen, zurück nach Essen. Dort habe er ein wenig Anfangsschliff erlernt, bevor er hierher transferiert worden sei als seine persönliche Begleitung. Er wolle für ihn sorgen, wenn er bliebe. Er sei ein ungewöhnlich schöner junger Mann, schöner als die braunen Italiener. Sein Gesicht sei die pure Verheißung, noch nicht ganz erwachsen…aber ließe schon den Mann erahnen! Was nur alles aus ihm werden könne, beim Pagen müsse es nicht bleiben, wer weiß, vielleicht wird er sogar ein Meeresforscher wie ich, schlug der Herr vor.

Und daß er nicht so unbefangen sei wie die Capresen und so zurückhaltend scheu, sei sehr erfrischend. Ob der junge Mann mit ihm die augusteischen Gärten besuchen wolle. Sofort? Sofort, er sei vom Dienste freigestellt.

In einem Nebenzimmer lag auf dem Bett ein weißer Ausgehanzug, davor die weißen Schuhe, ein flacher Hut aus Stroh, ein Seidenhemd, ein roter mit Goldfäden durchwirkter Plastron – das alles sei für ihn.

Er konnte gar nicht denken und zog sich ohne Willen, aber staunend um. Das alles galt ihm?

Der Herr blieb auf dem Sofa im Nebenzimmer sitzen und lugte vorsichtig und zufrieden durch den Türspalt zur Spiegelkommode. Dort leuchtete der junge Körper im capresischen Licht – noch weiß die deutsche Haut, aber wie ebenmäßig dieses italienische Licht seinen nackten Körper ins Glas malte und wie hell sein Haar ihm in die Stirn hing.

Oben in den Augustus-Gärten auf dem Hügel sahen sie die Sonne untergehen. Erst als der Kutscher die Lampen am Wagen entzündete, wagte es der Herr ihm den Arm um die Schultern zu legen. Er leistete keinen Widerstand. Es war alles zuviel, was er erlebte: die Welt, das Mittelmeer, die Wärme selbst im Oktober, der weiße Palast, Luchino in den Nächten zuvor, sein eigener Körper neu und begehrt, es war wie das Glühen damals am Hochofen, wie lang würde er´s jetzt aushalten?

Sie fuhren die Straße wieder hinab, den Monte Castiglione. Auf halber Höhe hielt der Wagen. Sie stiegen aus auf einen schmalen Felsenpfad zu einer Höhle. Am Eingang eingemeißelt Grotta di Fra Felice. Sie traten ein, drinnen eine Tafel in den Stein eingelassen: Parva domus – magna quies stand dort. Was konnte das heißen?

Klein das Haus und groß die Ruhe, erklärte ihm der Herr und zog sein Jackett aus. Luchino trat heran und ein anderer Junge, den hatte er bei seiner Ankunft am Strand gesehen. Sie trugen weiße Togen und halfen den beiden Ankömmlingen, dergleichen anzulegen.

Dann ging es weiter in die Höhle: lauter Herren aus Quisisana und die Pagen, die er kannte und viele andere Jungen von der Insel. Man plauderte, man trank Rosé und Spumante, gekühlt. Ein bärtiger Mann erblickte sie sofort und eilte auf sie zu.

Wen bringen Sie uns da, Friedrich? Das ist ja eine nordische Schönheit, so blaß und blond. Wo haben Sie den jungen Mann entdeckt?

Laß dich nicht von Herrn von Gloeden einspinnen, er wird dich photographieren wollen. Das aber, lieber Freund und Photograph, neckte der Herr den Heraneilenden laß ich nicht zu. Dies ist mein junger Begleiter, ihm ist noch alles neu, Sie werden ihn mir nicht abspenstig machen. Er ist meine Trouvaille. Ich mußte husten, er glühte, so lernten wir uns kennen.

Herr von Gloeden lacht meckernd wie die Ziege, die in Essen der Vater hält.

Nein wirklich, lieber Freund, es war ganz harmlos bei einem Besuch am Hochofen brach ich zusammen und erspähte ihn im Sanitätsraum. Ein glücklicher Zufall: denn das war der Grund, daß ich seitdem nicht mehr huste! Der Jüngling hat mir gleichsam Luft verschafft!

Quisisana, spottete der Photograph, wo man gesund wird! Man nennt Sie hier auf Capri nicht umsonst den Bruder Glücklich, mein Lieber Friedrich. Und was Sie betrifft, junger Mann, wir werden uns gewiß noch näher kennenlernen!

Von Gloeden wandte sich um, ließ seinen Blick über die zahlreichen Jungen schweifen, lief hinüber zu Luchino, legte dem den Arm um die Hüfte und Luchino lehnte lachend seinen Kopf an Gloedens offene Hemdbrust.

Als er das sah, spürte er einen Stich, aber bevor noch die Eifersucht aufkam, führte sein Herr in der Toga ihn hinaus an die laue Luft und küßte ihn auf den Mund. Wie konnte er sich wehren, auf Capri gab es keine kühlenden Tücher.

Und jetzt war dieser Herr nach seiner Rückkunft auf den Hügel, wo die große Villa wie ein Schloß über der Stadt thronte, plötzlich gestorben…

Es ist acht, er klopft am Bureau des Portiers.

Ah, gut daß Du pünktlich bist. Schließ die Tür. Ich komme gleich zur Sache. Ich habe hier einen Brief vom Hügel. Es ist eine Weisung von höchster Stelle. Die Witwe dort oben verlangt deine Entlassung. Erwarte keine Abfindung, du hast wohl genug geschenkt bekommen. Du packst deine Sachen und gehst am besten gleich. Ich will darüber weiter nichts sagen, Diskretion! Sonst hast du unendlichen Ärger! – und schiebt ihn eigenhändig hinaus.

Es ist ihm die kleine Ledertasche geblieben, mit der er nach Italien reiste, die reicht für seine Sachen. Zwei Seidenhemden sind geblieben, der weiße Anzug, eine Uhr mit Kette, ein Geschenk vom Bruder Glüklich. Ein Buch über Tiefseefauna von Anton Dohrn, einem anderen Freund des Herrn, mit dem der Meeresforschung betrieb und der Teleny. Eine Postkarte vom Quisisana. Und der Brief des Herrn von Gloeden, nicht der erste.

Er öffnet ihn endlich: darin steht nichts weiter als Komm! und beigelegt sind zweihundert Reichsmark, die sollten reichen, steht noch darunter, für das Billet nach Taormina.

Er tritt aus dem Dienstboteneingang auf den Hinterhof des Hotels. Die Düsternis der Nacht hat sich verzogen, ganz ungewöhnlich warm ist es für November und hell, aber hell wie Stahl, nicht wie Sonne. Menschenströme ergießen sich zum Bahnhof. Von dort dröhnt die Beerdigungskapelle. Die Arme hängen ihm, er hält die Reisetasche mit der Hand umklammert und läßt sich mitziehn von all dem Volk. Da kommt der Trauerzug: die Uniformen und die prächtigen Federbüsche auf den Helmen, die polierten Stiefel, die blinkenden Säbel. Ganz vorn, das muß der Kaiser sein mit der Familie, die trauert anstandsgemäß. Und dahinter eine Kolonne Schwarz, Industrielle, Adel, Diplomaten, die leitenden Angestellten, Ingenieure, Prokuristen und mit Abstand die Delegationen der Arbeiter aus den Werken. Ein Zug Trauer für einen großen, reichen Mann, den das Proletenblatt ums Leben brachte, schimpft der Kaiser, der kann sich nicht beruhigen bei seiner Rede am Bahnhof. Sie spielen Chopin. Der Trauerzug zieht zum Friedhof am Kettwiger Tor. Die Menge folgt gesenkten Hauptes, die ganze Stadt, das ganze Ruhrgebiet, das ganze Reich. Und der Trauerzug verschwindet in den grauen Straßen. Bestimmt ist der da hinterherspuckt in den Rinnstein ein schäbiger Sozialdemokrat.

Er zieht nicht mit. Wohin soll er gehen? Nicht zur Hütte, da will ihn keiner haben. Nicht in die Kohlengrube, das hielte er ebenso nicht aus. Nicht ins Hotel, da will ihn auch keiner mehr. Nicht in den Schrebergartenverschlag am Rande der Siedlung, wo sein Vater mit seinen Geschwistern und der Ziege haust, die haben ihn längst vergessen.

Den Mann, dem der Atem ausging, begraben sie gerade. Ägypter gibt es in Italien nicht. In der Hosentasche stecken der verknüllte Brief mit dem Komm!, stecken die zerdrückten Reichsmarkscheine, blau und weich.

Das wichtigste Geld ist für unsereinen immer das, was er nicht hat, sagte sein Vater. Er hat zweihundert Mark, die reichen gerade für die Reise. Er wendet sich zum Bahnhof, da wird er ein Billet erwerben, was bleibt ihm anderes übrig. Noch hat er seinen weißen Körper und sein Haar, blond in die Stirn gefallen und etwas Schliff und Pli, das hat er gelernt.

Beisetzung oder nicht – die Öfen brennen; der neue Abstich loht über der Stadt bis auf den Bahnhofsvorplatz. Dort drängen ungezählte Trauergäste, die wollen zurückfahren nach Haus.

Auf dem Weg zur Wartehalle kommt er an einer Gruppe Jungs vorbei, nicht älter als er selbst; sie ähneln, wie er´s bis jetzt noch nie bemerkt hat, den Jungen von Capri. Die rauchen, werfen bestimmten Herrn dreist Blicke nach und feixen ihn an, als sagten sie, du bist einer von uns!

Noch nicht! Widerspricht er ungehört. Noch nicht! Noch fahr ich nach Italien, dahin wo man gesund wird!

Anmerkungen und Erläuterungen

Friedrich Alfred Krupp (1854 – 1902) übernahm von seinem Vater die Essener Gusstahlfabrik und baute den größten deutschen Konzern mit weiteren Betrieben der Kohle-und Stahlindustrie auf. Als bedeutendster Unternehmer im Deutschen Reich und als Rüstungslieferant hatte er enge Verbindungen zum Reichskanzler Bismarck und zur Kaiserfamilie. Schon als Jugendlicher litt er an Asthma und Rheumatismus; während zahlreicher Kuraufenthalte im Süden suchte er Linderung von seinen Krankheiten. Insbesondere liebte er Capri, wo er bald als freigebiger Mäzen hohes Ansehen genoß. Er finanzierte eine Straße auf den Monte Castiglione, auf dessen Gipfel die Parkanlage der Augusteischen Gärten liegt. Diese Straße, die Via Krupp ist noch heute eine Touristenattraktion und gilt als eine der schönsten Italiens. Für seine Freunde von der „Congrega di fra Felice“ (offenbar wohlhabende Homosexuelle aus verschiedenen europäischen Ländern) ließ er eine Höhle ausbauen, in der Feste ausgerichtet wurden, die die Boulevardpresse in die Nähe päderastischer Orgien rückte. Krupps Rufname in der Congrega lautete Bruder Glücklich.

Jene Gerüchte übernahm der sozialdemokratische „Vorwärts“; als homosexuell zu gelten bedeutete im damaligen Kaiserreich, vor allem für einen politisch-ökonomisch Prominenten wie Krupp das soziale Todesurteil. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Artikel im „Vorwärts“ starb Krupp. Die offizielle Begründung: Gehirnschlag. Der Verdacht eines Suizides kam bald in der Presse auf und wurde bis heute weder widerlegt noch bestätigt.

Der Trauerzug durch Essen wurde wie beschrieben von Kaiser Wilhelm II. angeführt.

Auf Capri widmete sich Krupp der Tiefseeforschung und dabei lernte er den renommierten Wissenschaftler Felix Anton Dohrn kennen.

Krupp investierte Millionen in soziale Einrichtungen für seine Arbeiter – u.a. in die Siedlung Altenhof für ehemalige Betriebsangehörige. Allerdings erhielt man dort erst Wohnrecht, wenn man eine gewisse Anzahl von Jahren für den Konzern gearbeitet hatte.

Sozialistische Ideen wie z.B. Arbeiterräte lehnte Krupp entschieden ab. hier liegt wohl auch die Gegnerschaft vom Vorwärts begründet.

Das Hotel Reichskrone in Essen ist authentisch ebenso das Hotel Quisisana auf Capri – Quisisana bedeutet „wo man gesund wird“. Hier stieg Krupp um 1900 bei seinen Besuchen auf Capri ab.

Die Namen der zu Anfang genannten Rottöne für Malerfarben sind nach ihren Schwarzanteil aufgelistet.

Teleny ist ein berüchtigter pornographischer Roman mit homosexuellen Helden aus spätviktorianischer Zeit, der unter der Hand Oscar Wilde zugeschrieben wird.

Wilhelm von Gloeden (1856 – 1931)war ein zeitgenössischer deutscher Photograph und Maler, der in Italien vor allem auf Sizilien und in und um Neapel lebte. Nicht nur eine schwärmerische Antiken-und Klassiksehnsucht hatte ihn nach Italien gezogen; hier war es ihm auch leichter möglich seine Homosexualität auszuleben. Gloeden hinterließ ein umfangreiches Werk von über 3000 photographischen Platten – er schuf vor allem Knabenakte in der Nachahmung antiker Darstellungen. Ein Großteil dieses Nachlasses wurde von der faschistischen Regierung Mussolinis als Pornographie vernichtet.

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