Josef Fritzl – Ein Schutzpatron für die „Demo für Alle“

Die besorgten Eltern der „Demo für Alle“ könnten einen Schutzpatron gebrauchen, denn es läuft nicht gut beim jüngsten Coup von Hedwig Beverfoerde und ihrer Truppe: in einem riesigen Reisebus mit zugeklebten Fenstern, damit man nicht hinaus in die Welt, die Welt aber auch nicht in das Dunkle darin schauen kann, touren Beverfoerde und Kumpane durch zehn deutsche Städte. Auf dem Bus aufgemalt DIN-Norm-Darstellungen dessen, was diese Leute für Jungen, Mädchen und Familien halten – und die Mahnung „Laß dich nicht verunsichern“.
Die Hoffnung, die dahinter steckt: man könnte vielleicht doch noch irgendwie über eine Verfassungsklage, die die „Demo“ als Organisation selbst nicht einreichen kann, die „Ehe für Alle“ verhindern. Deshalb hielt man auch mit erhoffter Symbolkraft am vergangenen Freitag vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Doch auch hier, wie in den anderen bisher angefahrenen Städten, Stuttgart, Wiesbaden und Köln waren sowohl das Interesse wie die Anzahl der Anhänger gering. Aber in jedem Ort wurde der Bus der Menschenverunglimpfung und Verdummung von einigen Hundert Gegendemonstranten empfangen, was umso erstaunlicher ist, da Hedwig Beverfoerde das Projekt geheimnisvoll wie ein Kommandounternehmen organisiert hat. Erst wenige Tage vor dem Erscheinen des Busses werden Ort und Ankunft öffentlich bekannt gegeben – natürlich mit der Absicht solche Gegenproteste so klein wie möglich zu halten, weil man hoffte die Zeit diese zu organisieren würde knapp werden.
Trotzdem, überall, auch am Samstag, ausgerechnet vor dem Kölner Dom, fanden sich mehrere Hundert Menschen ein, die sich wehrten gegen Homosexuellen- und Transfeinde.
Natürlich war Hedwig von Beverfoerde die Menschenverachtung für eine legitime Meinung hält, höchlich empört über den Gegenprotest. Sie nennt ihr Propagandavehikel einen „Bus der Meinungsfreiheit“ und sieht sich in diktatorischer Manier bedroht, weil man ihr es nicht durchgehen lassen will, eine Zweiklassengesellschaft zu propagieren, die Menschen mit anderem als heterosexuellem Empfinden, Bürgerrechte verweigert.
Es geht der „Demo für Alle“, die diese Bus-Aktion gemeinsam mit verschiedenen anderen reaktionären Organisationen durchführt (siehe dazu: http://www.queer.de/detail.php?article_id=29648), um durchaus mehr als nur die Rücknahme der Ehe für Alle und den Dauerbrenner der Demo, der Verhinderung von Aufklärung über geschlechtliche Identitäten in der Schule.
Gut gemeint, aber naiv fragen noch immer viele: die Ehe für Alle, nehme doch niemandem etwas weg. Aber selbstverständlich nimmt die „Ehe für Alle“ den Hassern etwas weg: die Deutungshoheit – ja noch mehr… Frauke Petry von der AfD hat es dieser Tage deutlich gesagt: „Privilegien für Alle, sind Privilegien für keinen!“; und machte so klar, daß es um eine Bevorzugung von Heterosexuellen als den besseren Menschen geht. – Ja, naturlich verlieren die Kämpfer um Beverfoerde ihre Privilegien, Menschen mit nicht-heterosexuellem Empfinden abqualifizieren zu können, auf sie genüßlich-verächtlich spucken zu dürfen, um sich selber als besser aufzuwerten. Besonders für eine Adlige muß diese erreichte menschliche Gleichheit schmerzhaft sein – das gleiche Privileg auf andere hinabzuschauen, sie auszuschließen, auszubeuten, sie zu mißachten verlor der Adel ja bereits mehrfach. Erst in der französischen Revolution und dann als nach dem ersten Weltkrieg der Adel und damit seine Privilegien in den meisten demokratischen Staaten abgeschafft wurden.
Nicht zuletzt war der Faschismus ein grausiger Versuch, eine neue Klassengesellschaft einzuführen, die einer sich erhaben fühlenden Gruppe wieder das Recht gab, mit den anderen, die eben nicht so „erstklassig“ waren, schalten und walten zu können, wie zuvor – und Mord und Totschlag wurden so Mittel des Staates.
Es geht also beim Kampf gegen homosexuelle Männer und Frauen und Transmenschen um weitaus mehr als Sexualität – es geht um die Befriedigung von Macht- und Gewaltgelüsten. Als Tarnung dieser Tatsache führt man den „Kinderschutz“ an.
Ein Kinderschützer, der in den letzten Monaten aus dem Schatten tritt, in dem er sich bisher klammheimlich wohl fühlte, war auch in Karlsruhe zugegen: Mathias von Gersdorff. Hatte sich Gersdorff noch vor Jahren lächerlich gemacht mit Aktionen gegen BRAVO oder Internetauftritten bei youtube, in denen er langweilig-linkisch im Ohrensessel hockend vor dem Untergang des Abendlandes warnte durch die Entsittlichung der Medien, so wird er – und werden seine Gesinnungsgenossen – seit dem immer lauteren Auftreten etwa der AfD und anderer rechter Zusammenschlüsse – fortgesetzt selbstsicherer.
Daß es Gersdorff nur indirekt um Kinder geht, erfährt man, wenn man die von ihm lancierte Webseite der rechtskatholischen Organisation „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“ besucht. http://www.tfp-deutschland.de/
Die deutsche Gesellschaft ist Teil eines international agierenden reaktionären, antidemokratischen Netzwerkes, das den katholischen Ständestaat propagiert. Artikel auf der Website von „TFP“ bezeugen ganz offen die Ablehnung der freiheitlichen Gesellschaft und den Wunsch nach einer autoritären und klassistischen Staatsstruktur, die Ungleichheit der Menschen befördert bis ins Private: der Mann vor der Frau, Vater und Mutter über dem Kind Besitzende über dem Fußvolk Klerus und Adel über allen…und Menschen mit anderem als heterosexuellem Empfinden als verachtete allenfalls als Kranke und zu behandelnde Außenseiter. – Es macht anekelnde Mühe die Artikel auf der Webseite zu lesen – aber man muß es tun: know your enemy!
Es geht um mehr als Gegnerschaft gegen Homosexuelle, Feminismus und „Gender“ – es geht um Macht, männlich zumal, um parentale und patriarchale Macht. Es geht um die Abschaffung von Menschenrechten und Mitgefühl und die Einnordung der jungen Generation auf die Kälte und das Raubtierwesen der älteren.
Das wird bei Gersdorff und Beverfoerde mit ihrer Religion begründet – bei den Alliierten mit gleichen Zielen, den rechten Parteien und Zusammenschlüssen (in Deutschland mit der AfD, NPD oder Pegida) mit den Chimären von Nation, Männlichkeit und Blut- und Boden. Nicht umsonst schwätzt Björn Höcke in seinen albernen Reden immer wieder beschwörend vom „Verlust der Männlichkeit“…und drückt damit seine Verachtung des Weiblichen aus und der Menschlichkeit, die all diese Herrschaften als Weichheit ansehen, die angeblich ihre Herrschaft als Männer, arische Germanen, Vermögende, Aristokraten, Heterosexuelle oder sonstwie Auserwählte bedroht.
Es ist kein Wunder, daß sich die Rechten in der ganzen Welt auf die Political Correctness einschießen, die ja gerade ein Ausdruck ist des Versuchs der Humanisierung der Gesellschaften seit 1968; doch tatsächlich zielt der Haß noch viel weiter zurück: sie wollen die Ideale der französischen Revolution, die längst nicht verwirklicht sind, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit völlig diskreditieren.
Und am leichtesten – und zwar indem man sie als erstes den Schwächsten verweigert – gelingt das bei Kindern. Deshalb stürzen sich Hedwig von Beverfoerde und ihre Kumpane eben auf Kinder!
Diese Leute wollen herrschen, Macht behalten – das gelingt nur wenn man erklärt, daß die Menschen böse sind und mit Strenge und Disziplin erzogen werden müßten. Und das wiederum gelingt nur, wenn man der nächsten Generation das natürliche Mitgefühl aberzieht, wenn man es zerstört, indem man die Kinder von Beginn an zerstört, zerstörerisch in der Elternfaust umklammert und sie in dieser Umklammerung nicht zum Atmen kommen läßt. Jeder Versuch, die Individualität der Menschen zu bestätigen, den Weg dahin zu erleichtern, wie z.B. durch die bekämpften Bildungspläne, müssen solche Eltern und patriarchalen Organisationen natürlich als großen Angriff und Kränkung auf ihre Macht empfinden. Bestrebungen die Menschen, mithin schon die Kinder in ihrer Individualität zu fördern, ihnen ein Leben mit weniger Leiden und sozialer Bedrängnis zu ermöglichen, müssen durch die Disziplinierung und Zerstörung des Selbstgefühls schon im kleinen Kind vernichtet werden.
Der wundervolle Arno Grün hat in seinem Buch “Der Verlust des Mitgefühls“, München 1997, eindrucksvoll aufgezeigt, wie und wo Verbrechen und Grausamkeit gesät werden: nämlich schon in den ersten Kinderjahren in der Familie – und das wird dann auch noch positiv von der Gesellschaft sanktioniert als Erziehungsleistung der Eltern.
Schon kleinste Kinder spüren empört wenn sie ungerecht und grausam behandelt werden. Aber dieses Gefühl wird ihnen systematisch ausgetrieben. Alice Miller hat diesen Kniff der Eltern und der patriarchalen Gesellschaft (Foucault hätte das die Gouvernementalität genannt) in dem Satz „Du sollst nicht merken“, siehe auch ihr Buch mit dem gleichen Titel (Frankfurt 2007), präzise beschrieben. Man macht den Kinder vor, diese Beschneidung und Vergewaltigung ihrer Gefühle geschähe zu ihrem Besten – und sofern die Kinder das glauben – und wir alle haben das geglaubt und die meisten glauben es noch heute und werden zaghafte, opportunistische Konservative oder strebsame und angepaßte Mitläufer oder selbst wieder solche Gewalt Ausübende wie die neuen Rechten .- sofern also Kinder das glauben, müssen sie ihr eigenes Gefühl verdrängen und zerstören damit auch die Fähigkeit zum Mitgefühl. Der einfache Reim sagt ex positivo das was tatsächlich ex negativo geschieht: „Was du nicht willst, daß man dir tu das füg auch keinem anderen zu!“
Darum vermissen wir bei den Schreckgestalten wie etwa Hedwig von Beverfoerde oder Beatrix von Storch – sieh deren Äußerungen zu Schießbefehl auf Flüchtlinge – jedes Mitgefühl. Ihre ganze Lebenseinstellung ist die des „uns hat ja eine Ohrfeige auch nicht geschadet“. – Erscheinungen wie die AfD sind im Übrigen das Resultat einer solchen Lebenseinstellung.
Das Gegreine z.B. der „Demo-für-Alle-Eltern“ um ihre Kinder ist bloß Sentimentalität – sie haben längst das echte Gefühl für diese Kinder verloren. Ja noch mehr, sie wollen es auch in ihren Kindern zerstören… aber das ist die Absicht aller Autoritären. Sie erklären die Welt sei wölfisch und die Kinder müßten schon früh so zurechtgestutzt werden indem sie damit zurechtkommen. Nichts ist für die Demo-Eltern – und alle anderen Autoritären, vor allem auch bei der Neuen Rechten, zu der ja Beverfoerde und Konsorten politisch tendieren – bedrohlicher und gefährlicher als ein eigenständiges denkendes und liebendes Kind. Nur mit Druck und Tabus, mit Verboten und Strafen läßt sich ihre Welt aufrecht erhalten. Und – mit Feinden.
So wie der Rassismus aus den gleichen Gründen neu aufflammt, flammt bei der „Demo“ in Deutschland, bei „Manif pour tous“ in Frankreich oder weltweit bei Evangeli-und Katholiban gemeinsam mit den Neofaschisten der Schwulen und Transhaß so heftig auf wie wir es vor zehn Jahren noch nicht vermutet hätten. Nur mit äußeren Feinden – das zeigt jeder diktatorische Staat – kann man die Gesellschaft innen unter Kontrolle und in Schach halten.
So wie z.B. Rassisten die gleichberechtigte Menschlichkeit von Juden oder Schwarzen leugnen, so wird die gleichberechtigte Menschlichkeit von Homosexuellen und Transmenschen geleugnet, um sie leichter hassen zu können. Wer die Schmerzen der anderen mitempfindet der kann nicht hassen. Aber diese Leute wollen herrschen wollen Ungleichheit. Nur Haß ermöglicht Ungleichheit – Haß ist das Ergebnis geleugneten Mitgefühls. Echtes Mitgefühl, so beschreibt es Arno Gruen, entsteht aber nur auf gleicher Augenhöhe – nur wenn man sich in die Position eines anderen einfühlen und eindenken kann. Mitleid ist Sentimentalität und dient nur zur Aufwertung der Eitelkeit.
Wenn also von den Gegnern von Homosexuellen und Transmenschen – und aktuell von den Gegnern der Ehe für Alle – der unerhörte Satz angeführt wird: Ungleiches kann man nicht gleich machen, so geht es um die Macht sich selbst zu erhöhen und als den besseren Menschen darzustellen – und als besserer Mensch darf man sich dann auch den Genuß der Macht zuschreiben.
So wie es den Rechten, Neofaschisten, Patrioten usw. nicht um das angeführte Wohl der Menschen als Individuen geht – deshalb schwätzen und schreien sie ja auch nie von Menschen sondern immer nur von Volk und Vaterland – so geht es den Herrschaften der „Demo für Alle“ et alii nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die Selbstbestätigung das Selbstgefühl der eigenen unfreien und machtgierigen Person, nicht Persönlichkeit, es geht um Objekte nicht um Subjekte, um Normen die sie als Tradition unendlich verlängern wollen.
Nach jenem Motto „uns hat eine Ohrfeige ja auch nicht geschadet“ wollen sie weiter schlagen, kleinkriegen, unterdrücken, weil sie das für den Normalzustand halten. Darum wird ja auch soviel von „Normalität“ geraunt, der sich die Homosexuellen und Transmenschen angeblich nicht unterwerfen wollen.
Der Patron, der ihnen zustände, von dem ich zu Anfang sprach, der diese Haltung in grausamer Vollendung repräsentiert, ist Josef Fritzl. Was? Jener Österreicher, der seine Tochter ein Vierteljahrhundert im Keller gefangen hielt, sie regelmäßig vergewaltigte und mit ihr sogar etliche Kinder zeugte – und einige davon womöglich sterben ließ und im Ofen verbrannte?
Genau der – Fritzl stellte die zuende gedachte Elternmacht dar. Bei seinem Prozeß zeigte er seine Unfähigkeit auch nur ansatzweise zu begreifen, was er getan hatte, als er erklärte, er habe in seinem Keller eine Leitung angelegt, mit der er seine Tochter und Kinderenkel auch hätte vergasen können wenn er gewollt hätte. Habe er aber nicht – das zeige doch, wie er seine Tochter – die er ja nur vor dem Abgleiten in Drogensucht und Prostitution bewahren wollte – liebe.
Fritzl hatte nicht Angst um seine Tochter, sondern vor ihr. Vor ihrem eigenen Leben, vor ihrer Lebendigkeit, vor ihrer Andersartigkeit – und deshalb hat er sie eingesperrt. Sie blieb ihm so eine Verlängerung des Eigengefühls.
„I can make you and I can break you“ – mit seinen Vergewaltigungen zeigte er ihr, wer der Herrscher und Besitzer dieser Tochter war. Aber all die Sexualakte, die er ihr verbrecherisch antat, waren recht eigentlich besinnungs- und schonungslose Akte der Masturbation. Sie dienten nur seinem Eigengefühl – der Selbstbefriedigung und Stabilität seines Selbstbildes als Herrscher – über die Tochter.
Sein Selbstgefühl gab es nicht mehr, es mußte stets neu durch Gewalt, Verleugnung und Zerstörung des Selbstgefühls seiner Tochter gestützt und errungen werden. Seine ganze Lebensernergie gewann er 25 Jahre durch das Aussaugen des Lebens dieser Tochter. Sein ganzes Leben war darauf ausgerichtet, dieses grausige Arrangement aufrecht zu erhalten. Er ist ein völlig verbissen-verbohrter und grämlicher Mensch gewesen.
Und jetzt müßte eigentlich klar sein, weshalb die Homo- und Transgegner so verbissen und verbohrt sind – wie es sich auch bei ihrer Bustour erneut erweist. Sie ziehen grotesken Gewinn und Lebenskraft aus der Leugnung der Lebendigkeit anderer Menschen, aus dem Niedermachen einer Gruppe von Menschen, aus der fanatischen Verhinderung und Zerstörung des Glücks anderer.
Ja – wahrlich – Fritzl wäre ein guter Patron.

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Das Ludwig – Fragment

Ich habe mich mal wieder nicht im Zaume halten können: https://diekolumnisten.de/2017/08/25/das-ludwig-fragment/DAS LUDWIG-FRAGMENT
Von Wolfgang Brosche

Kolumnisten-Kollege Henning Hirsch verdanke ich diese Reminiszenz. Er machte mich auf den 172. Geburtstag von König Ludwig II. aufmerksam und nannte ihn ein Beispiel für den Niedergang der europäischen Monarchien. Ich empfand schon als ganz junger Mensch eine brüderlich-absurde Bewunderung für den unglücklichen König. Deshalb finde ich es angebracht, seiner eben nicht an einem glanzvoll-runden sondern an einem schiefen Datum – eben dem 172. Geburtstag – dem 25. August – zu erinnern. Denn Leben und Überleben ist ausschließlich Erinnerung vor allem an das, was nicht geschehen ist.

„Salut le seul vrai Roi de ce Siècle!“
Paul Verlaine
“Je vous salue, mon Roi!”
W.B.

Majestät, sie nennen mich noch immer Majestät, doch das ist alles, was sie an Ehrerbietung, nur floskelhaft, mir noch entgegenbringen.
Ein feiner Streifen grauen Lichtes fällt durch einen Riß im Vorhang schräg durch die Dunkelheit im Wagen. Der Regen trommelt ohne Unterlaß seit achtzehn Stunden auf das Dach und rinnt am Schlag hinab und über das Emblem des Königs.
Das Licht reicht gerade aus, um zu erkennen, daß dieser Schlag von innen keine Griffe hat. Man hat sie abgeschraubt aus Vorsicht. Man will verhindern, daß er flieht.
Ich flieh nicht mehr – wohin auch? –. Ich baute eine Fluchtburg nach der anderen und sie erreichten mich gleichwohl. Die Residenz war kalt und zugig, es wehten Geister dort, lebendige Gespenster. Ob Linderhof, ob Herrenchiemsee, so weit von München und von all den Menschen, man ließ mich nicht allein, man kroch mir nach bis in mein Innerstes. Und selbst die Einsamkeit von Pöllatschlucht und Bergen, vom Schloß mit Palas, Sängersaal und Bergfried hoch oben über Tal und Ebene, Neuhohenschwangau*, war nicht mehr weit genug entfernt, als daß nicht schwarze Männer, mich zu holen, zu mir heraufgestiegen kamen.
Ich mag nicht mehr vor ihnen fliehen. Es gibt kein Heil mehr in der Flucht. Ganz gleich – ich flöhe oder bliebe – sie nehmen mich und binden mich; sie lassen mich nicht aus. Und alle Pracht und Herrlichkeit und Arbeit, ob Schlösser, ob Musik, ist so vergeblich. Sie sehen nicht und hören nicht, was ich zu sehn und hörn imstande bin. Sie nehmen mir, was ich erreichen könnte und was ich liebe; schon damals, als sie mir die Landschildkröte nahmen, die kleine Kröte, die nicht sprach, nur kroch und nur Salat fraß, die aber ihren Kopf nicht einzog in den Panzer, bei keinem andren war das so, wenn ich nach ihr die Hand ausstreckte. Sie ließ es sich von mir gefallen. Das aber war dem Vater schon zuviel. Er wollte nicht, daß ich mein Herz dran hinge an dieses seelenlose Tier. Man schaffte es hinweg, das kleine Panzertier aus Griechenland. Ich müsse lernen, sagte er, daß dieses Leben auch Enttäuschungen bereiten werde. Er tat wohl gut daran…
Die Kutsche hält nach achtzehn Stunden Fahrt.
Da sind wir nun in Berg.
Der König beugt sich vor, löst das Rolleau und schaut durch eine Scheibe – mit einem langen Riß – hinaus. Im Glas erblickt mit müdem Schrecken er sein eigenes Gesicht: das war wohl einmal schön gedacht, nun ist es aufgedunsen, die Augen rotgerändert und blaß der Teint und fettig, auch ein paar Pusteln auf der Haut und graue Stoppeln um seinen sonst noch schwarzen Bart. Er öffnet nicht den Mund, er weiß, darin vermodern schwarze, braune Stumpen; die schönen weißen Zähne sind verrottet von zuviel Arrak und Likör und Süßigkeiten, von denen er als Kind nur träumen konnte, die ihm die Mutter und der Vater stets verwehrten. Ein Prinz, der muß verzichten können, ein wenig Hunger muß er immer spüren!
Die Zähne waren einmal makellos – er weiß noch wie er selbst und Otto, sein junger Bruder, sich heimlich vom Unterrichte absentierten, bei einem Zahnarzt auf der Maximilianstraße Einlaß erheischten, der kannte wohl die Prinzen gleich – sie boten ihm die schönen Zähne an, er möge sie für Entgelt ihnen ziehen. Sie hatten reden hören, daß dafür Bedarf bestände, wenn man Gebisse fertigt. Sie wollten von dem Geld nur einmal sich Profiteroles und Naschwerk leisten. Der Zahnarzt aber schickte gleich zur Residenz, sie wurden abgeholt und ohne Vesper in ihr Bett gebracht. Zuvor jedoch ließ sich der Herr Papa herab, der König selbst, ganz eigenhändig, die Hintern seiner Söhne zu versohlen. Sie schieden von ihm mit Verbeugung und mit Dank für diesen Schmerz und für die Scham. Wie hatten sie die königlichen Eltern mit einem solchen Bubenstück verletzt!
Profiteroles, die schmeckten wunderbar, als er, ein junger König jetzt, sie sich bestellen durfte – und nicht nur die, er ließ sich alles kommen, was man ihm vorenthalten hatte, es wurd im Lauf der Jahre immer mehr, es mußte immer mehr und mehr doch werden, es mußte ein Genuß dabei sein, der ihn sättigte. Man brachte ihm aus der Auvergne die Pasteten und foie gras, confit canard, pruneaux d´Agent, gigot á la bretonne, souffle glacé, die grande cuisine á la Careme, aus Wien kandierte Veilchen, Kastanien aus Sardinien und Caviar vom Don und Trüffel aus dem Perigord, Chartreuse und Riesling und Tokajer, Moet Chandon und weißen Port und Rotwein aus Burgund, all die Genüsse fremder Länder und all die Weine vom Rhein, der Mosel und der Rhone, und die Liköre und die Brände aus der Schweiz und Arrak aus Konstantinopel und Rum aus der Karibik. Das ging hinein, das ging hindurch durch seinen großen Körper. All das aß er allein, trank er allein in kalten Nächten in Linderhof an seinem Tischchen, das man versenken konnte. Da lud er sich die Pompadour dazu und Louis Seize, den unglücklichen König und manchen Ritter aus dem Sagenbuch und manchmal schöne dunkle Burschen mit vollem schwarzen Haar, behaarter Brust und einem langen Kunis**. Die soffen Enzian zur Nacht und dösten auf der Chaiselongue halb ausgezogen, manchmal nackt. Dann ließen sie es zu, betäubt vom Schnaps, daß sie ihr Souverän berührte, den Kunis und den Pectoralis und den Glutaeus Maximus. Die Worte hatte er in seiner Jugend bei einem Vortrag an der Universität, bei einem Anatom, mit Wonne aufgeschnappt, sie schmolzen auf der Zunge.
Am nächsten Morgen erhielten diese Männer, noch übernächtigt, vom Haushofmeister, reiche Gaben, Manschettenknöpfe mit dem Schwanenwappen, Golduhren mit Emaille und Siegelringe, fünfhundert oder tausend Mark und ein Gebot zum Schweigen.
Er selber wollte nicht mehr wissen, was in der Nacht zuvor, die längst vergangen, geschehen war. Doch kein Gebet nahm ihm die Scham und Schuld. Er ließ zur nächsten Nacht die Kutsche oder seinen Schlitten kommen und fuhr durch dunkle Wälder, die nicht bargen. Es war nur Pracht und Gaslicht und Gespann…und bald darauf ein neuer Jüngling, der seinen Ekel nur mit Arrak oder Rum und Enzian überwand.
Selbst das ist jetzt vorbei – in Berg wird man ihn zügeln, wird nicht erlauben, daß er trinkt und ißt und Körper unbekannter Burschen zur Nacht berührt, damit ihm Schlaf kommt und Vergessen.
Man öffnet jetzt den Schlag der Kutsche: da liegt nun Berg im nassen Abendlicht. Der stete Regen erster Junitage hat Weg und Beete aufgeweicht; und was schon blühte, ist zerrupft und braun. Die Blumen sind verdorben.
Die Wachen vor der Tür sind keine Zierde königlicher Macht, sie sind Gefängniswärter.
Frühsommerregen prasselt unaufhörlich auf Schloß und Bäume, eben erst erblüht, und auf den See im Hintergrund. Ein fingerfeines stakkato, unendlich und ermüdend, doch immerfort und immer da und stets den Schlaf behindernd und verwehrend.
Am Ufer in der Ferne ragt ein schwarzer Stamm in diesen Regen auf – da hat der Blitz sein Werk getan – der hat gebrannt und ist verkohlt und wird wohl bald gefällt.
Mit seinem schwarzen Schirm, den er nicht aufspannt, tritt Doktor Gudden näher. Er stützt sich auf, ganz wie ein Fährmann auf die Ruderstange, die der bis in den Grund durchs Wasser niederdrückt.
Er spricht nicht, deutet mit der Hand zum Eingang des Gebäudes. Er weist mit Gesten seinen König an. Der ist entmündigt und hat sich zu fügen.
Der eine Zerberus der Wache vor dem Schloß ist dem Entmündigten bekannt – schlecht sitzt die graue Uniform an dessen Körper, dem einmal maßgeschneidert die Livree in Linderhof Gold, Glanz und Würde gab.
Aus dem Lakaien, der mich einst bediente, ist ein Gendarm geworden. Der salutiert nur stumm, doch wenn ich ihn berühre, muß er doch lächeln wenigstens als Geste der Erinnerung.
„Sie sind es, Sauer,“ und Ludwig tippt mit seiner Hand dem Manne auf den Ärmel. „Sie haben mich verlassen, und ich verlor Sie aus den Augen. Hier sehen wir uns wieder.“ Der Angesprochne lächelt, doch verlegen.
Der wacht jetzt über meinen dünnen Schlaf, damit die Ärzte sorglos schlafen können. Ich werde bitten, Sauer zu entfernen. Der ist ein Wächter vorm Verbotenen Palast, in den man nicht hineindarf, weil einen drin der Tod ereilt. Hier allerdings ist es wohl umgekehrt, denn ich darf nicht hinaus.
Der schwarze Zug von Arzt und König und zwei Assistenten bleibt schweigend in der Halle stehn. Der Arzt – im schwarzen frac, schwarz das gilet und schwarz auch der Zylinder in der Rechten – weist mit dem Hut zur Treppe. Purpurrot beläufert steigt die hinauf zum Krankenzimmertrakt. Dort oben wartet schon der nächste Assistent; den schlanken Körper hüllt ein weißer Kittel ein. Den Blick des Königs kann er nicht bestehen. Lag eben noch die Hand auf dem Geländer, drückt er sie jetzt gleich an die Hosennaht und wird für einen Augenblick noch einmal Untertan. Doch dann besinnt er sich – er ist der Pfleger und kann im Schloß den Schlüssel hinter seinem König drehn.
Der Zug der schwarzen Ärzte, dahinter lilienweiß der Pfleger, durchschreitet eine schwere Doppeltür, an die man wohl ein neues Schloß montiert hat – das hat von außen nur ein Schlüsselloch und keine Klinke.
Die Fenster des Salons hat man vergittert – man fürchtet, daß der König sich hinausstürzt. Kein Spiegel mehr, ja nicht mal eine Vase, nichts was in Scherben gehen könnte und einen scharfen Schnitt ermöglichte.
Dann kommt die Tür zum Schlafgemach: die hat man ausgestattet mit Klappe und Spion. So bleibt noch nicht einmal der Schlaf des Königs dem schwarzen Arzt verborgen. – Als ob er schlafen könnte, da er doch weiß, daß fremde Blicke ihn belauern.
Nach achtzehn Stunden Fahrt im Regen ist dies die Klause für den Rest der Zeit. Noch immer schweigen alle.
„Sie könnten es mit mir wie mit dem Sultan machen, Herr Doktor Gudden. Das ginge schneller und es machte Ihnen keine Schererei…“
Der Doktor weicht zurück, fühlt sich ertappt: „Ich bitte, Majestät, dies alles schmerzt mich mehr als Sie. Ich will doch nur Ihr Bestes!“
„Schon gut, mich hat die Fahrt sehr angestrengt. Darf ich ein wenig allein sein?“
Der Arzt zieht dienernd sich zurück, verbeugt sich nochmals an der Tür – was soll dies Spiel? – und schließt sie hinter sich. Und gleich erlischt das Licht im Fokus des Spions: man hat sofort ein Auge auf den König.
Der König setzt den Reithut ab, fühlt an der Krempe bis zum Helm hinauf. Selbst die Agraffe haben sie mir abgenommen. Nicht einmal diese Zierde haben sie gelassen. Die Nadel selbst schien ihnen zu gefährlich. Der Stein war ein Smaragd, der brach das Licht in seinem Schliff. Der spiegelte die Welt in grünen Schatten und machte sie erst schön. Ein Spielzeug und ein kühler, glatter Trost zuzeiten. Ein Spiel mit Licht und Transparenz, das nichts bedeutet.
Als ob ein solcher Stein und all die Schlösser und all die Opern Wagners, die ich zahlte, wirklich trösten könnten. Sie lenkten ab von Scham und Einsamkeit. In diesem Glanz verloren sich die Schlacken der Begierde – au nom du Pére, du Fils et Saint Esprit!
Das ließ mich der Versuchung widerstehen, bis ich erneut versagte. Die Unaussprechlichkeit all der Begierden nach Nacken, Händen, Haaransatz, nach einem Bariton und männlichem Profil. Ich konnte sie nur königlich umwerben, doch nicht als Ludwig, nicht als Mann – das mußte immer scheitern. Darauf lag Sünde und lag Fluch. Ich durfte immer nur von Ferne lieben.
Man sagte, ich sei schön gewesen, was aber nützte diese Schönheit, wenn sie sich immer nur verbergen mußte, da sie nur Camouflage- Gewand des Königs war. Anbetung blieb mir nur von Weitem, zaghafte Schatten nie erfüllter Nähe. Ich mußte mich beherrschen, doch das gelang mir nicht; ich herrsche nicht einmal mehr über mich.
Wie stark der Regen heute abend fällt. Das ist kein Frühling. Das ist ein Herbst, zu spät gekommen. Es kommt kein Sommer mehr – die Wachen draußen und die Ärzte, die lassen keinen Sommer mehr hinein.
Dann eben eine letzte Promenade, im Regen, durch den Schlamm des Ufers, die Schirme aufgespannt, mit Dr. Gudden, diesem Charon, neben mir und diesen schwarzen Wachen in der Ferne. Es bleibt der See, der schäumt im Regen, der See ist tief, man sinkt hinunter wenn man das Atmen aufgibt. Und dann ist Ruhe und übers Ufer rauscht die Gischt…

*Neuhohenschwangau hieß das erst nach Ludwigs Tod in Neuschwanstein umbenannte Schloß in der Planungs- und Bauphase

**Kunis ist ein altbayrisches Dialektwort für den Penis

Hedwig von Beverfoerde spielt boshaft über Bande….

Ein letzter Post von Wolfgang Brosche

 

Hedwig von Beverfoerde hat es nicht selbst gesagt, sie spielt über Bande und zitiert aus einem Artikel der Kolumnistin Tamara Wernlis von der „Basler Zeitung“, der auf dem rechten Blog „Achse des Guten“ wiederholt wurde, aber das Zitat entlarvt die ganze Boshaftigkeit der LGBTI-Gegner, die sich benehmen, als ginge es um Menschenrechte für Primaten.

In typisch rechter Wortklitterung werden im Artikel von Tamara Wernlis Forderungen nach gleichen Rechten und schon nach menschlichem Anstand denunziert als despotische Erhebung von LGBTI-Menschen über die „Mehrheit“ der Heterosexuellen. Es geht dabei um mehr als den zerstörerischen Kampf der Reaktionäre gegen die gescholtene „Political Correctness“.

Hedwig von Beverfoerde zitiert den Kernsatz des Artikels und macht sich mit ihm gemein – und das in jeder Hinsicht. Während sie und die Autorin Wernlis vorgeben, es ginge ihnen um das Recht zur freien Meinungsäußerung, gar die Bedrohung der Demokratie und die Gefährdung der „Mehrheit“, enthüllen beide, die eine, die ihn ausgebrütet hat und die andere die ihn füttert, völlig schamlos ihre Menschenverachtung mit eben diesem Satz:

 

„Das Problem sind jene LGBT-Aktivisten, denen alltägliches aneinander vorbei oder zusammenleben nicht genügt, die nach anhaltender universaler Umarmung verlangen und mit einem abstrusen Forderungskatalog das aktive Mittun der gesamten Gesellschaft erzwingen wollen.“

Beverfoerde wie Wernlis behaupten, sie würden per Gesetz gezwungen „Ihre moralischen Werte aufzugeben“…  Was speziell Beverfoerde damit meint, hat sie schon im vorigen Jahr klar gemacht, als sie auf ihrer Webseite „Demo für Alle“ postete: „Toleranz – Duldung eines Übels!“

Immer wieder höre ich die naive Floskel, gleiche Rechte für Alle z.B. durch den Zugang zur Ehe für Alle, nähmen doch niemandem etwas weg. Das stimmt nicht! Beverfoerde macht ganz klar: solche Rechte nähmen ihr etwas weg: nämlich die Definitionshoheit über richtige und falsche Sexualität und Gefühle, über richtiges und falsches Leben. Sie und ihresgleichen brauchen LGBTI-Menschen, um sich selbst aufzuwerten, indem sie eine bestimmte Gruppe abwerten. Darum kämpft sie mit ihrer tatsächlich nicht homophoben sondern offen hassenden Organisation gegen LGBTI-Menschen und ihre InteressenvertrerInnen.

Gleiche Rechte für Alle – nichts mehr aber auch nichts weniger – fordern die gescholtenen Organisationen und die betroffenen Menschen hoffen diese Rechte würden sie endlich legal und menschlich gleich stellen. Es muß für eine Adlige wie Beverfoerde ohnehin schon schwer sein zu akzeptieren, wenn nach dem demokratischen Grundgesetz alle Bürger die gleichen Rechte haben, aber für eine erzkonservative Katholikin noch viel kränkender, wenn sie nicht mehr behaupten darf, sie sei gottgelittener weil heterosexuell. Nichts anderes heißt „Toleranz – Duldung eines Übels“: ich bin mehr wert als Ihr!

Beverfoerde will auch weiterhin Menschen zweiter Klasse. Darum kämpft sie verbissen nicht nur gegen die „Ehe für Alle“ und gegen die Aufklärung über die gleichen Lebensrechte für LGBTI-Menschen in der Schule, sondern sie bemüht sich wie so viele andere Feinde der LGBTI-Menschen darum, diese als krank und unnatürlich darzustellen. Das würde ihr durch gleiche Rechte erschwert. Die „Ehe für Alle“ ist ein Schritt diese Abwertung nach Jahrtausendende der Dummheit, Rohheit und des Hasses zu beenden. Es wird Generationen dauern.

Denn worauf dieser Kampf gegen LGBTI-Menschen, der sich gesellschaftlich gibt, tatsächlich abzielt, ist die langsame Zermürbung und seelische Vernichtung. Denn was bedeutet die ungeheuerlich aufgebauschte zynische Formel von der „universalen Umarmung“, die man nicht zu leisten bereit ist, sonst?

Ich will gar nicht von Frau Beverfoerde oder Frau Wernlis umarmt werden – die sollen umarmen, wen sie lieber herzen möchten; ich fürchtete ihre Dolche im Rücken und vor allem in ihren Augen. Aber ich bin schon ganz froh, daß sie offen sagen, was sie wollen.

Wir müssen erkennen, was solche Aussagen tatsächlich bedeuten – und zwar im Menschlichen, im Miteinander, auf das das Zitat rekurriert. Die Damen geben sich quasi-tolerant und großzügig, aber ihre verlogene Toleranz ist am Ende vernichtend.

 

Das Persönliche ist politisch – darum will ich das aus eigenem Erleben klarstellen:

Nach zermürbenden Kämpfen, immer neuen Versuchen zu einer Einigung mit meinen Eltern über den Umgang mit ihrem homosexuellen Sohn, kam es vermeintlich zu etwas, was wie ein Waffenstillstand aussah. Nach monatelangem Schweigen meines Vaters, der mit mir nicht mehr reden oder mir die Hand reichen wollte, nach Ekelanfällen meiner Mutter, die nicht fähig war, mich zu berühren – sie hatte das ganz deutlich gesagt: ich kann dich nicht mehr anfassen…. Nach Attacken selbst auf meine Trauer und Erinnerungen über meine verstorbene Großmutter – wir hatten einander sehr geliebt –  die in dem Satz gipfelten: „würde deine Oma noch leben, würde sie dich auch nicht lieben so wie du bist!“…

Nach apodiktischen Sätzen die mich als Vernichter der Menschheit bezeichneten (wie soll ein 16jähriger, der solcherart bedrängt wird, das anders verstehen?): „Wenn alle so wären wie du, dann würde die Menschheit aussterben!“….

Nach Beschuldigungen, die mich für den dysfunktionalen Zustand der Familie und ihrer Mitglieder  brandmarkten: „Du bist schuld, daß unsere Familie am Abgrund steht und deine Mutter an so schlimmen Krankheiten leidet!“…

Nach enthüllenden Anklagen, die mich als Urgrund allen Übels von Beginn an ausguckten: „Noch als Du im Kindergarten warst, wußte ich, daß Du so werde werden würdest, nur um mich  zu verletzen und die Familie zu zerstören“…. (was so bedeutete wurde niemals ausgesprochen, es war das Unwort schlechthin und verurteilte mich zum Unwert)…

…kam es zum großzügigen „Nachgeben“ meiner Eltern, denn das war es schon für sie: „Also gut lebe Dein Leben, aber behellige uns niemals mit „dieser Sache“. Damit meinten sie mein „unnatürliches, schädliches, krankes Leben, das ansteckt, krank macht, Ekel erzeugt – sie meinten „das Übel!“  Und schließlich waren sie sich ihrer eigenen Richtigkeit so sicher, daß sie mir auch noch auf den Weg gaben: „So einer wie Du wird niemals glücklich und geliebt werden.“ – Sie tarnten diese Vernichtung als Sorge –  tatsächlich war das natürlich eine Drohung, aber vor allem ein mißgünstiger vielleicht auch triumphaler Wunsch.

Alles, wirklich alles, was in ihrem Leben schief lief, sie nicht zufriedenstellte, was sie unglücklich machte, konnte so mir in die Schuhe geschoben werden. Heute weiß ich, daß sie mich unbedingt brauchten, um nicht ihr Unbehagen aneinander und ihr Überkreuzsein mit der Welt  bearbeiten zu müssen. Ich war ihr klassischer Sündenbock…

Zu allem Überfluß beteuerten sie mir, daß sie mich trotzdem liebten. Ich konnte mich dieser „Liebe“ nur entziehen, indem ich mich ihnen entzog. Zwanzig Jahre gab es nur noch  von Scham- und Schuldgefühlen auf beiden Seiten gemarterten zufälligen Kontakt. Bis zu ihrem Tod hat vor allem meine Mutter nicht verstanden, weshalb ich die Begegnung mit ihr mied: um mich und letztlich auch sie zu schonen. An dieser nie behandelten Wunde starb sie, nicht an dem diagnostizierten Herzinfarkt, mit gerade mal 64 Jahren.

Ich zweifele nicht, daß viele LGBTI-Menschen an ähnlichen Konflikten leiden. Dabei geht es nicht einmal um die von Beverfoerde geschmähte „Toleranz“ – es geht um die von Wernlis, ihrer Souffleuse der Boshaftigkeit, noch weitaus geschmähtere Umarmung, um die verweigerte Liebe. Und es geht um die Macht, die man ausübt, wenn man Liebe verweigert… Das ist eine unter Umständen tödliche Macht, wie ich am Beispiel meiner Mutter erkannt habe, die letztlich daran gestorben ist.

Natürlich weiß ich, daß man Liebe nicht erzwingen kann, weder emotional, noch  –  da haben die Homohasser sogar recht – durch Gesetze. Aber sie könnten schweigen, den bösen Mund halten, einen Punkt setzen. Meine Eltern wollten mich aber nicht ziehen lassen, sie brauchten den gefallenen Sohn immer wieder und weiter, um ihr emotionales Elend zu rechtfertigen. So wie Beverfoerde und Co. auch sich selbst rechtfertigen und als die besseren Menschen bezeichnen wollen, indem sie auf andere mit dem Finger zeigen, auf sie spucken – und sie wollen das in Ewigkeit so weiter treiben. Das ist das Moment des tiefsten, unreifsten und irrationalsten Hasses ihrer Bewegung.

Ihre gönnerhafte Haltung – siehe Frau Wernlis – mit ihrer Erwähnung des gnädigen „Aneinander Vorbeilebens“ – bedeutet letztendlich: bleibt ihr da unten, unter unseren Sohlen, in den Schatten, im Halbdunkel der Kriminalität, der Klappen und der schmutzigen Sexualität – das ist alles, was sie sich überhaupt zur Homosexualität vorstellen wollen und können. Liebe, Zuneigung, Fröhlichkeit, Miteinander, aber auch Trauer, Schmerzen und Verletzungen werden uns nicht zugestanden.

Das meint „Das Private ist politisch“ – wehe es sagt noch ein LGBTI-Mensch: was ich im Bett mache, geht nur mich was an, um sich damit den Feinden zu fügen… Es geht verdammt nochmal am wenigsten ums Bett: Wenn wir unser Leben und Lieben, unsere Fröhlichkeit und Trauer wie die Heterosexuellen in den Alltag aller tragen, würden unsere Gefühle, eben unsere Leben,, nach und nach über Generationen und Jahrzehnte vielleicht endlich selbstverständlich – übrigens auch für uns – und wir würden uns weniger selbst verachten und selbst hassen. Zu was für grotesken Verzerrungen der eingeimpfte Selbsthaß führt, sieht man im Augenblick an Personen wie Alice Weidel, Mirko Welsch oder vor allen David Berger – die in anderen Homosexuellen ganz verborgen und verkleidet sich selbst hassen wie die Pest.

So wie die falsche und gönnerhafte Toleranz, die man zum Beispiel Schwarzen in den USA entgegenbrachte, zu den grotesken Figuren etwa des literarischen „Onkel Tom“ oder des realen „O.J. Simpson“ geführt hat (Repräsentanten der Gönnerhaftigkeit oder der Mißgunst)   führt die „Duldung des homosexuellen Übels“ á la Beverfoerde eben auch zu Zerrfiguren des homosexuellen Selbsthasses.

Diese Zerrfiguren sind Spiegelbilder der angeblichen Normalität: der verwachsene Mensch sieht halbwegs „normal“ (was immer das auch ist) im Zerrspiegel aus. Deshalb brauchen Leute wie Beverfoerde die Homosexuellen auch als Lebensversicherung – will heißen Lebensbestätigung – sie sind lebensnotwendige Zerrspiegel für ihre Buckel des Hasses.

Aber jetzt – da es endlich die „Ehe für Alle“ gibt – die eben nur ein erster Schritt ist zur Selbstverständlichkeit – müssen wir ihnen aktiv verweigern, sie weiter zu spiegeln. Kein Mensch, kein Gesetz, fordert von ihnen uns zu lieben und zu umarmen. Aber wir werden für sie nicht mehr jene Zerrspiegel sein.

Sie sollen uns unsere Liebe und unsre Umarmungen lassen….sie sagen das täten sie – nein, sie setzen sie herab, sie erklären sie und damit uns für minderwertig. Aber DAS ist es, was sie nicht mehr dürfen und was wir ihnen verweigern müssen!

Da spiele ich nicht mehr über Bande, sondern fordere den klaren und eindeutigen (Vor)-Stoß ins Schwarze Loch ihrer Menschenverachtung. Die Zeiten der Zweite-Klasse-Menschen müssen vorbei sein!

 

http://www.achgut.com/artikel/transphobisches_stueck_scheisse

https://web.facebook.com/demofueralle/posts/2007580029461019

 

 

Dieser Text entstand vor zwei Wochen…ich würde ich heute nicht mehr kämpferisch enden lassen. Aber diese (vermeintliche) Kampfeslust war doch eher Verzweifelung…

…heute weiß ich, daß all diese „privaten“ Einimpfungen (die keinesfalls „privat“ waren, sondern gesellschaftlich institutionalisiert), gewirkt haben. Ich habe schon als Pubertierender meinen Gefühlen nicht getraut und erklärt, ich existierte nur vom Hals aufwärts und daß ich in jeder Hinsicht allein bleiben werde. Und so ist es gekommen. Diese zynische Contenance mit der ich mich durch so viele geschleppt habe, kann ich nicht mehr aufrecht erhalten. Es läßt sich daran auch nichts mehr ändern. Alles, was ich geschrieben habe,, war vergeblich…ich bin allein geblieben. Es hat keinen Sinn mehr… sie haben erreicht, was sie wollten. Es ist schön, daß die anderen sich z.B. in Berlin heute feiern…ich habe nie dazu gehört. Ich habe meinen Zorn noch nicht einmal professionalisiert wie viele andere, dahin tragen können, wohin er gehört. Ich hab keine Ressourcen mehr – in jeder Hinsicht.

Danke für die digitale Begleitung…

Das Schönste an der Heterosexualität- Sind die Schwulen…. Von Wolfgang Brosche

 

 

Anfang März starb 70jährig der amerikanische Psychologe und Autor Joseph Nicolosi, der behauptete, man könne mit seiner „Reparativtherapie“ Homosexuelle heilen. Sein Leben lang hat er sich manisch damit beschäftigt, Homosexuelle als nicht von Gott so vorgesehen zu erklären und deren Lieben und Begehren als unmännlich, unnatürlich und krankhaft zu definieren – daraus leitete er folgerichtig  die Berechtigung, ja die Notwendigkeit ab, sie „heilen“ zu müssen. Er stürzte sich schon auf Kinder (sein jüngster Patient war sieben Jahren alt), um sie auf seinen rechten Weg zu bringen. Seine scharlatanischen Pseudoforschungen werden weltweit von seriösen Wissenschaftlern abgelehnt. Damit er sie ungeschoren führen und verbreiten konnte, sie haben keine wissenschaftliche Grundlage, gründete er sogar seine eigene Klinik: was übrigens David Berger freuen wird, der ja über Thomas von Aquin promoviert hat, die ST. Thomas Aquinas Psychological Clinic in Kalifornien.

Auf Nicolosi berufen sich weltweit alle Feinde der Homosexuellen bei den Evangelikalen wie den Fundamentalkatholiken. Auch die deutschen Homosexuellengegner von der „Demo für Alle“ führen ihn immer wieder im (Kampf-)Schilde.

Dieser Text war eigentlich entstanden, um darzulegen, warum noch heute soviele Fanatiker Homosexuelle für krank, verfehlt und als Menschen zweiter Klasse bezeichnen – und meinte damit natürlich die deutsche Kampforganisation gegen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Die „Demo für Alle“.

Der Tod Nicolosis läßt die Frage nach den wirklichen Motivationen der Homosexuellenfeinde noch einmal ganz virulent werden: denn gleichzeitig mit der Todesnachricht wurde auch bekannt, daß es allein in den USA rund 2000 christliche Zentren und Organisationen gibt, in denen die menschenverachtende Reparativtherapie und ähnliches zur Anwendung kommen. In Deutschland scheiterte dieser Tage im Bundestag erneut der Versuch, „Homo-Heilung“ zu verbieten.

Warum müssen Homosexuelle in der ganzen Welt noch immer um die menschliche Gleichberechtigung kämpfen?

 

Tanz für mich!

 

In der ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ vom 7. März hielt der Kabarettist Till Reiners einen Monolog über die „Vorzüge des Reichseins“, der sich vor allem dadurch auszeichnete, daß er keineswegs zynisch, sondern grundehrlich war – aber das ist in diesem Fall dasselbe!

Der Text gipfelte in einer vollkommen denkbaren Phantasie: zu behaupten, daß es Besseres gäbe als Reichtum – z.B. Liebe – könne man leicht widerlegen. Reiners beschrieb die Lust eines Superreichen, der mit seinem Luxussportwagen einen Armen in einer Nuckelpinne auf der Autobahn erst bedrängte, dann zu Klump fuhr, ausstieg, beschimpfte, schließlich mit großkotziger Geste den Geschädigten mit Geld überhäufte und dann aufforderte „Tanz für mich!“ – „Es gibt“, stellte Reiners mit leuchtenden Augen fest: „nichts Besseres. Das Schönste am Reichtum, sind die Armen!“

Eigentlich wußte man es schon immer: die Frage der materiellen Verteilung ist eine Frage der Macht – Marx hat das nur zum ersten Mal deutlich formuliert. Zuckergußbegriffe wie Barmherzigkeit oder Wohltätigkeit – das zeigt der schneidend klare Texte des Kabarettisten – verkleben die Realität. Es geht um die Deutungshoheit, die Wertung der Lebensumstände, um die eigene Aufwertung durch die Abwertung anderer. Scham- und skrupellos angewandter  Reichtum ist ein Mittel, das zu dieser Selbstaufwertung und damit Selbstbefriedigung durch das Niedermachen anderer verhilft.

Was Marx nicht gesehen hat: es steckt noch etwas anderes darin, jenseits des Materiellen – die Gier nach existenzieller Selbstrechtfertigung und Selbstbestätigung, die natürlich jeder Mensch nötig hat, aber hier wird sie erreicht durch die Abwehr und Abwertung des Anderen, die bis zu dessen Vernichtung getrieben werden.

 

Reichtum macht erst Spaß, wenn es Arme gibt

Reichtum macht erst Spaß, wenn es Arme gibt, die man ganz nach Willkür ärmer macht, denen man huldreich und großspurig etwas zukommen läßt oder es ihnen auch wieder wegnimmt. Wichtig ist nicht, ob es dem Armen besser geht,  dessen Gefühle sind gleichgültig, wichtig ist, daß der Zustand des Armen den Reichen befriedigt und rechtfertigt. Oder um es mit historischen Beispielen zu illustrieren: König Heinrich sorgte mit seinen sogenannten Wohltaten und seiner angeblichen Mildtätigkeit weniger für die Verbesserung der Lebensumstände des armen Volkes, sondern für sein eigenes Wohlgefühl als „Guter König Henri Quatre!“.

Und die Menschen- und Tierliebe des Hl. Franziskus von Assisi versorgte ihn mit dem Hochgefühl der Selbstrechtfertigung. Er konnte sicher sein, daß sein Gott (also sein Eigengefühl)  ihn vor vielen anderen Menschen auszeichnete mit einem Sitz zur Rechten nahe am Himmelsthron.

Und um die Wahrheit des Zynismus zu toppen: es macht erst wirklich Spaß ein Nazi zu sein, wenn man seine Juden hat.

Ein solches Selbstgefühl der Auserwähltheit wiegt für die meisten Menschen mehr als Liebe, Zärtlichkeit und Sex – der vor allem nicht, gerade weil er schwer zu kriegen ist und deshalb, zum Beispiel von religiösen Fanatikern,  schlecht gemacht wird, wie der Fuchs die Trauben sauer redet. Es handelt sich aber bei dieser Verächtlichmachung der Lust und dem Lob der Keuschheit um eine Art invertierte Selbstbefriedigung ohne Befleckung. Also gleichsam um einen Orgasmus ohne Ejakulat. 

Diese psychologischen Mechanismen der Selbster- und Überhöhung auf Kosten anderer liegen nicht nur der Verstrickung von Reichtum, Armut und damit Macht zugrunde…sie gelten nicht nur für die materiellen , sondern auch für die, nennen wir sie mal, moralischen Eliten… Nehmen wir nur die Hasser der Homosexuellen; sie bloß homophob zu nennen wäre genauso falsch wie den Geld unters Volk schmeißenden Cäsaren großzügig.

Das Hirn – das „führende Sexualorgan“

Vom wem rede ich eigentlich? – Na, von den zahlreiche Organisationen der „besorgten Eltern“, allen voran von der „Demo für Alle“, und ihren Führern Hedwig von Beverfoerde, Birgit Kelle oder dem sich in den letzten Monaten immer schrill-lauter zum Unwort meldenden Matthias von Gersdorff. So wie  Reiche ein System der Wohltätigkeit (heute nennt man das „Charity“) entwickeln, ein System  von Stiftungen, Events und Armenspeisung (nichts anderes sind die schändlichen „Tafeln“, die es in diesem obszön reichen Land gibt) ,   um ihren Reichtum umso gewisser mit gutem Gewissen zu genießen und um die gefälligst dankbar zu seienden Armen Männchen machend draußen zu halten – Hartz IV als institutionalisierte Männchenmach-Dressur – , so hat die „Demo für Alle“ ein verästeltes System entwickelt – es läuft unter dem Schlagwort „Kinderschutz“, dabei dient es nur dem Schutz der angeblichen „Beschützer“, dem Schutz ihrer Chimäre von kindlicher Reinheit. So wie Wohltätigkeit  gleichzeitig das schlechte  Gewissen der Reichen beruhigt und vertreibt und ihren Reichtum rechtfertigt, so verbirgt die Chimäre von der „Frühsexualisierung“ das Mißtrauen ihrer Prediger gegen sich selbst und rechtfertigt die Herabwürdigung anderer als Preis für die Aufwertung des Selbstgefühls. 

Wir wissen längst, daß Marx Recht hatte, wir wissen also, daß Armut und Reichtum in der Gesellschaft keine akzeptablen naturgegebenen Zustände bleiben dürfen, damit wir diese zivilisierte Gesellschaft nicht durch Ausbeutung aller Ressourcen – auch der sozialen – völlig zugrunde richten. Und wir wissen andererseits längst, daß der Mensch ein ganzes Leben lang ein lustvolles und vielfältiges Wesen ist, dessen Sexualorgane – das führende ist das Hirn – nicht in Normen passen. Normen,  die nur einen Zweck haben: sie sollen die Herrschaft einiger weniger zementieren; im Falle der „Demo“ die Herrschaft der reaktionären, lebensängstlichen und oft genug schrecklich dummen und herzlosen Eltern, patriarchal und autoritär. Es sind Menschen, die ihr Leben und ihre Ängste und Dummheiten fixieren und der nächsten Generation aufdrängen wollen. Sie leben nicht für die Zukunft ihrer Kinder, von der sie schwafeln. Sie leben für die Versteinerung ihres Lebens und ihrer Auffassungen, sie sind zukunftsunfähig – und unwillig, aber herrschsüchtig: es ist kein Zufall, daß  eine Kampforganisation, der Matthias von Gersdorff vorsteht, „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“ heißt – Kinder und Frauen sind also Privateigentum der Männer, weil das schon immer so war.

 

Schlotternde Autoritäten

Der Kampf, den die „Demo für Alle“ und ihre (Volks)-Genossen von der neuen-uralten Rechten führen gegen die angebliche „Frühsexualisierung“, ist der Kampf der vor  der Zukunft schlotternden Autoritären, nicht nur gegen Homosexuelle oder Menschen mit anderen Geschlechtlichkeiten (und gegen Frauen und Genderwissenschaft und Kinderrechte) es ist ein Kampf um Besitzstände am Kind, um heterosexuelle und männliche Privilegien.

Ja – es geht tatsächlich um Privilegien; nicht, wie so oft verlogen behauptet wird, wollen die Kämpfer für gleiche Rechte (z.B. bei Ehe, Adoption und Familie) Privilegien für sich beanspruchen, sondern ihre Gegner wollen ihre Privilegien der Diffamierung und Erniedrigung anderer behalten. Der Kinderschutz ist nur eine Propagandatarnung. Diese Kinderschützer wollen, wie Wilhelm Reich es nannte, „…die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit des Kindes“ zementieren, weil diese Hemmung Kinder und damit spätere Staatsbürger „ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig und gehorsam“ macht. Diese Lebenshemmung …“lähmt, weil nunmehr jede aggressive Regung mit schwerer Angst besetzt ist, die auflehnenden Kräfte im Menschen, setzt durch das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikfähigkeit; kurz: ihr Ziel ist die Herstellung des an die privateigentümliche Ordnung angepaßten, trotz Not und Erniedrigung sie duldenden Staatsbürgers.“ (Reich, Massenpsychologie des Faschismus. Kopenhagen 1933) 

Und damit wären die lustvolle Freude des Reichen an der Beherrschung, Unterdrückung und Erniedrigung des Armen und der zwangshafte Wille, die nächste Generation im eigenen Kinde zu beherrschen und dessen Lebensbeschränkung, die Unterdrückung der Sexualität, ja sogar des Wissens über sie, der gleichen Quelle entsprungen. Die einen kämpfen darum, auch weiterhin den Genuß an der kapitalistischen Existenz durch die Verhöhnung der Armen zu genießen („Das Schönste am Reichtum sind die Armen“) und die anderen darum, das Schönste an der angeblich natürlichen Bipolarität der Geschlechter/der Heterosexualität weiter zu behalten: die kranken instabilen, unnormalen, schwachen, wankelmütigen und Kinder gefährdenden Schwulen als Objekte des Hasses und der Selbstbestätigung.  

Die Verteidiger des Neoliberalismus sind gar nicht interessiert daran, Ausbeutung, Wohnungsnot, Umweltzerstörung (und vieles andere) zu beseitigen, denn all das festigt, rechtfertigt und bestätigt ja ihren Status als Besitzende; wie man zur Zeit auch wieder sehr schön an der sich zu Wort meldenden FDP erfahren kann – aus deren Fleisch Teile der AfD geschnitten wurden. Wohltätigkeit und angeblicher Sozialstaat sind ja nur Palliativmedizin, die man sich als Armer auch noch „verdienen“ muß (siehe die calvinistische Moral: „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – und Arbeit meint hier immer den Nutzen des Besitzenden). Und die angeblichen Verteidiger der Kindheit bekämpfen als Kinderschützer die Symptome der Zukunft mit den Verkrustungen ihrer Vergangenheit.

 Ihr Kampf gegen Frühsexualisierung dient ausschließlich der Disziplinierung und Normierung  der jungen Körper, des jungen Verstandes zur Bestätigung des toten Selbstbildes der Alten… Als Pasolini vor 40 Jahren das mit tiefster Trauerkonstatierte, lachte man ihn aus – sei „Saló“ – Film war dann das Testament dieser Trauer; und erst heute fange wir an, dieses Testament ansatzweise zu begreifen.

 

Quarantäne und Ausgrenzung

Ich will mich nicht schon wieder im Einzelnen mit dem ganzen Minderbemitteltheiten im neuen Feldzug gegen die angebliche Sexualisierung auseinandersetzen – das ist ja der Trick dieser Kreise: so wie der Kapitalist durch Wohltätigkeit von sich positiv reden machen will, um von seiner wahren Natur abzulenken, sind LGBTIQ-Menschen (und Genderwissenschaft und Politik) immer wieder aufs Neue und vergebens beschäftigt,  die Vorwürfe der Sexualisierung, die kaum verhohlen eigentlich Pädophilie meinen, abzuwehren. 

Hinter den ganzen Vorwürfen steckt vor allem eines: der ewig erstunken- und erlogene Verdacht der Ansteckung und damit Krankheit, stecken die Ideen von Quarantäne und Ausgrenzung, steckt die Behauptung, das Andere sei minderwertiger als man selbst und deshalb dürfe man ihm nicht die gleichen Recht zugestehen. Auch die Armen gelten ja wegen ihrer Armut als minderwertig.

Die „Demo für Alle“ und ihre Anhänger und ihre weltweit agierenden Kumpane – z.B. die die Evangelikalen in den USA, die Fundamentalkatholiken (wie Mathias von Gersdorff – zu dessen politischen Absichten in Richtung aristokratischer Ständestaat ein anderes Mal einiges ausführlicher gesagt werden muß), die russischen Antihomonationalisten usw. brauchen dringend Homosexuelle, um ihre wackelige Normheterosexualisierung, die zur Zucht, Züchtigung und Beherrschung  der kommenden, freier leben wollenden Generation dient, zu rechtfertigen mit der entsetzlichen Lüge von der Bedrohung der Kinder.

So wie die neorechte Internationale eine Bewegung der patriarchal und autoritär denkenden Älteren ist, ist es auch die angeblich gegen Sexualisierung kämpfende Internationale. Sie ist nichts weniger als eine Bewegung gegen die Jungen, die Lebendigen, gegen die Zuversichtlichen, die die Zukunft miteinander gestalten wollen, die erkennen, daß Nationalismus, Rassismus, Kapitalismus, Naturausbeutung die wirklichen und drängenden Probleme sind, gegen die Tabus, Einschränkungen, Unterdrückung, Aussperrung, Mauern und Verleugnung und das Alpträumen von einem autoritären, patriarchalen, männlichen Früher (und Führer)  nicht zur Bewältigung der Probleme beitragen, sondern sie zementieren, ja verschärfen und zur Explosion bringen.

Es geht der Rechten ja auch gar nicht um Problemlösungen, sondern um die Selbstrechtfertigung ihrer fortgesetzten Gier, ihres Nationalismus, ihres Herrschaftsanspruchs. Tatsächlich wollen sie keine Probleme wie Demokratisierung, Globalisierung, Digitalisierung oder gar Hunger lösen – so lange es diese Probleme gibt, fühlen sie sich bestätigt. In gleicher Manier geht es den Kämpfern gegen die angebliche Sexualisierung der Jugend nicht um die nächste Generation, sondern bloß um die Bewahrung ihres eigenen Starrsinns und ihrer eigenen Sexual- und Menschenangst.

Der Ausschluß der Flüchtlinge, der/des Fremden, der Anderen, die Abgrenzung der Armen, die Mauern der Hartherzigkeit,   ermöglichen für eine Weile noch die Illusion es bliebe alles „so wie früher“, aber es sind die Sterbenden, es sind die Tötenden, die das Leben an sich reißen wollen.

 

Kapo-Mentalität

Natürlich gibt es auch unter LGBTIQ-Menschen die Menge, die sich weigern, in die Zukunft zu denken, die sich mit Kapo-Mentalität anpassen, um die Brosamen vom Tisch der Lagerkommandanten, zu erhaschen. Sie stimmen die gleichen Gesänge an wie Herrschenden, anstatt sich ihnen zu verweigern. Politisch oder ökonomisch heißt das, daß sie wider besseres Wissen, in der Hoffnung, verschont zu bleiben im mörderischen Ausleseprozeß des Sozialdarwinismus, die AfD, Trump oder den Front National zujubeln. Sie wollen sich auch besser fühlen wie jener am Anfang erwähnte Porschefahrer, der den angefahrenen Kleinwagenmenschen zum Tanzen nach seiner Pfeife zwingt.

Ein Beispiel für einen solcher Überläufer aus Eigennutz in Sachen demokratische, emotionale und sexuelle Gleichberechtigung, der aber nur an die Befriedigung seines materielle Eigennutzes und seiner Selbstverliebtheit dachte, ist der jüngst grandios gescheiterte Milo Yiannopoulos in den USA, den letztendlich der Vorwurf (in diesem Fall völlig ungerechtfertigt) der Pädophilieverteidigung zu Fall brachte; ein Standard-Vorwurf aus dem Repertoire der Rechten und Kinderschützer.

Weniger charismatisch und verrückterweise auch weniger sexy betreibt diesen Maulkampf in Deutschland David Berger; perfiderweise gerade weil weniger flamboyant, sondern deutschtümelnd-enervierender womöglich mit noch größerem Anpassungserfolg, weil er in vorauseilendem Gehorsam die Pädophilievorwürfe gegen Homosexuelle  von den „Kinderschützern“ übernahm.  Und so führt er als U-Boot der Fundamentalkatholiken (er selbst nennt sie „Katholiban“) die Kämpfe dieser Kinderschützer von der „Demo für Alle“ bis zur AfD hinein in die fortschrittlichen Milieus und Kreise, um sie von innen zu sprengen, im unausgesprochenen Auftrag ihrer dankbareren Gegner. Noch klopft ihm sogar Hedwig von Beverfoerde verbal auf die Schulter; aber auch ihn wird man bald wieder daran erinnern, daß er nur ein vermaledeiter Homo ist, da mag er sich anbiedern wie er will.

 

 

Angst vor der Zukunft

So wie also der Reiche seinen Lustgewinn am Reichtum steigert, indem er ein Bißchen abgibt, um den Armen zu korrumpieren und sich daran umso mehr berauscht, so wie er den Armen braucht zur Befriedigung seiner Lustbedürfnisse, brauchen  die „Besorgten Eltern“, die „Demo für alle“, die Homo-Heiler  etc. die Homosexuellen (und alle Menschen mit anderer Geschlechtlichkeit) um ihre gemeine und morose, lebensängstliche, eindimensionale Zwangsexistenz zu rechtfertigen und zu genießen. Die Angst vor der Zukunft, der Lebendigkeit, der Sexualität, der bigotte Verzicht auf wirkliche Zukunft, macht nur dann Spaß, wenn man andere dessen bezichtigt, was man sich selbst verbietet – so wie der Verzicht des Reichen auf ein Bißchen Reichtum, den er „wohltätig“ spendet, tatsächlich das Vergnügen am ganzen Reichtum erhöht.

https://diekolumnisten.de/2017/03/19/das-schoenste-an-der-heterosexualitaet-sind-die-schwulen/

 

 

 

Raus aus dem Winterschlaf….

ungeloest_9783954413157Jetzt wird´s aber Zeit, daß ich nach langer Zeit wieder verstärkt hier poste, worum ich mich aus Krankheitsgründen zu lange gedrückt habe….

Allererstens – es gibt schon ein paar Wochen etwas Neues Literarisches…meinen Beitrag zu diesem Buch: die rätselhafte und wahre Geschichte um den mysteriösen Tod meies Großvaters Arthur…

…und in den nächsten Tagen wird´s von neuen Beiträgen wimmeln…