Das Pläsier

Meine lieben Freunde und Freundinnen,

ich versprach noch etwas über meine Bücher zu schreiben, die Ihr gerettet habt…hier ist es:

DAS PLÄSIER

„Wenn du mir das nochmal vorliest, dann auch mit den Stimmen!,“ verlangte ich von der Oma; obwohl sie kein sonderlich schauspielerisches Talent hatte, liebte ich es wie sie die Stimme verstellte: piepsig für die Prinzessin, brummig für Mutzemann, den Bären, näselnd für den Schutzmann. Das war mein erster noch unwissender Kontakt mit dem Theater, der Literatur – daß es so etwas gab, wußte ich ja noch nicht. Aber wie war dieser phantastische Eindruck festzuhalten, vor allem, zu wiederholen? Ich mußte mir selbst was erzählen wann immer es ging, also erzählte ich mir nicht nur mit den Kasperpuppen Geschichten, sondern mit allem: den Matchboxautos, den Teddybären… Ich bestand darauf sofort lesen zu lernen in der untrüglichen Hoffnung, daß mir die Welt, na, jedenfalls neue Geschichten erschlossen würden.

„Nein Kind“, war die ablehnend-enttäuschende Antwort, „wenn du schon was weißt, dann bist du in der Schule unaufmerksam wenn man dir das Lesen beibringen will…“

Was war zu tun? Da lagen schon die Fibeln, sechs dünne Hefte, fürs erste Schuljahr herum, die mußten daran glauben: war doch gar nicht so schwierig- das gleichzeitige Eintrichtern von Gendernormen – so war das damals: das ist Heiner, stand da unter dem entsprechenden Bild. Heiner ist ein Junge. Desgleichen mit Mareike, dem Mädchen…und dann so fort, bis ich die Systematik der 24 Buchstaben begriff – war ich nicht ein helles Köpfchen? Und bald schon konnte ich ohne das Stocken der anderen vom Blatt lesen.

Das beförderte meinen Literaturkonsum, ich erweiterte meine Reichweite vom „kleinen Bären Mutzemann“ über „Doktor Seidelbast“ zu Wilhelm Busch, den ich in den „Bertelsmann Auswahlbänden“ meiner Mutter wegen der Bilder entdeckte, um dann bei seinen Reimen hängen zu bleiben. Das Spielen mit der Sprache begann hier.

„Aber zuviel lesen solltest du auch nicht,“ mahnte mein Vater, „Wissen ist zwar Macht, solltest du dir merken, aber ein Bücherwurm darfst du mir auch nicht werden“

Daß Wissen auch Ohnmacht bedeutet, mußte ich später erfahren, denn es half nicht bei abgewiesener Liebe – und daß ich alles wurde, was mein Vater nicht verstand und verabscheute ebenso. Lesenlernen war also die Scheidewand zwischen uns. Er selbst las – das ist wahr und k/ein Klischee höchstens mal die preiswerten Landserhetchen vom Kiok bei dem er auch die Ernte23 kaufte oder HB – HB bevorzugte er. Aber diese Amischmiererei, diese Micky-Maus-Hefte, die kamen ihm nicht ins Haus, höchstens mal ein „Fix-und- Foxi“ mit der Welt des Rolf Kauka: Oma Eusebia und dem listigen-schmierigen Fuchs Lupo – ich bitte Euch, was war das gegen Disney-Onkel Dagobert und Kater Karlo? Ich erschlich mir bei Schulkollegen die Erfahrungen mit den „Disney-Heften“ und Kauka schmierte ab. Ich erlaubte mirTaschengeld einmal im Monat ein Tarzenheft, die ersten Bilder von einem muskelgestählten fast nackten Mann, der sich dynamisch durch den Urwald schwang. Ich wußte von Anfang an – ja eigentlich noch früher was mein Herz und mein später schamhaarumsproßtes Geschlechtsteil verlangten. Daß mit diesen Tarzancomics was nicht stimmte, war klar, denn angeregt durch meine Mutter. Die all das genauestens und eifersüchtig im Blick hatte und bekämpfte – damit der Junge nicht abglitt- lenkte sie des Vaters Zorn auf eben diese Tarzanhefte – in einem theatralischen Akt zerriß er sie vor meinen Augen. Vorwand: zwei verbaute Klausuren in Latein und Mathe mit denen ich an einem Tag nach Haus kam. Besonders die miserable Mathearbeit kränkte ihn als Techniker . Und was Latein betraf: „nun geben wir dir schon die Möglichkeit ein Gymnasium zu besuchen – und dann sowas!

Die zerrissenen Hefte sollten ja auch schmerzen, daß sie mein erworbenes Eigentum waren, scherte ihn nicht.

So ging es zu mit Leserlichem in unserem Haushalt.

Zur gleichen Zeit hortete ich die ersten Bücher: ich verleibte mir den einen Wilhelmbuschband ebenso ein wie den ersten Roman, den ich je gelesen hatte: Mikka Waltaris „Sinhue der Ägypter“, der mich für alle Zeiten zum Abhängigen machte.

Und ich las endlich selbst das Andersenbuch mit dem „-Häßlichen Entlein“, der „Kleinen Seejungfrau“ und dem einsamen Weihnachtsbaum. Bisher war ich ja darauf angewiesen gewesen, daß mir jemand daraus vorlas – was selten geschah, denn das in Leinen eingebundene Buch war sakrosant, war es doch ein Geschenk der Chefin meiner Mutter als sie der noch eine folgsame Verkäuferin gewesen war. Wenn diese strengescheitelte und schwarzhaarige Frau im Taftrock zu Besuch kam, herrschte in den Stunden zuvor Aufregung; es sollte nichts schiefgehen; die Hefeteilchen – dann fiel auch ein Amerikaner für mich ab – standen bereit und die dünnwandigen Sammeltassen. Ich wurde ins Kinderzimmer verbannt, denn was zwischen ehemaliger Verkäuferin und Ditectrice stattfand sollte ich nicht mitkriegen, ich störte. Also ging ich lesen.

Jules Vernes „20.000 Meilen unterm Meer“ war eines der ersten Bücher, die ich mir im Bertelsmannladen gekauft hatte, vor allem auch wegen der Illustrationen von Riou…und dann die ersten Goethebände mit Kunstledereinband und Goldschnitt, auf die ich sehr stolz war – so konnte ich schon mit 12 den Faust lesen. Oder den Shakespeare in einem Band, den ich, kaum des Englischen kundig im Original mit denm Wörterbuch daneben verschlang.

Was machte ich mit all dem Reichtum? Reichtum denn, so empfand ich es schon als Kind, ich erntete tatsächlich Lesefrüchte.

Ich ahmte die Literatur nach, ich sprach sie laut für mich hin nach – breitete sie keinem imaginärem Freund aus, es sollte bei und mit mir bleiben. Adorno weist auf das Glück des Kindes beim Nachahmen von Erzählstimmen, denn es erschließt sich ja die Welt und eignet sich auf mimetische Weise an.

Es machte mich glücklich, mir selbst zu erzählen was ich kannte: der „Hamlet“, den ich mir mit Teenagerstentorstimme nachts im Bett vortrug, mußte auch dafür herhalten, daß ich kaum ins Theater kam – das hing ab vom Taschengeld und vom geringen Angebot in der Kleinstadt, der kleinen Stadt.

Die wenigen Opern, die ich hören konnte wurden nachgesummt und im Makulatursopran nachgesungen – diese akustischen Darbietungen, zumeist in den langweiligen Nachtstunden – bis ich 16 war, mußte ich stets jeden Abend un acht ins B – machten natürlich die Familie rebellisch. Der Bruder meckerte, die Schwester hämmerte gegen die Zimmerwand, die Eltern sprachen vade retro aus : ich sollte schweigen.Bis heute aber bereitet es mir kein größeres Pläsier als den Poe´schen „Raben“ oder den Rilke´schen „Panther“ zum Klingen, Krächzen und Springen zu bringen. Schon damals in jenen durchsprochenen Nächten spürte ich: ich spreche auch gegen den Tod an, Es waren jene einsamen Jahre nach dem Tode der Leseoma; ich begriff, sie kehrt nie wieder – schon deshalb mußte ich mit Erzählung ihre Erinnerung beschwören. Ich begriff früh das Endgültige des Todes – und nur die Sprache kann uns darüber hinwegtrösten; Zärtlichkeit war mir unbekannt seit jenem Todesfall. Sich aber selbst etwas zu erzählen ist ein Fall von Autoerotik, die sanfeste Form der Selbstbefriedigung. Ich entschied mich, ein raunender Beschwörer des Imperfektes zu werde, mich erinnernd, sprechend, schreibend – und nicht wahr, das Leben besteht aus der Vergangenheit – Leuten wie mir ist die Zukunft verwehrt. Nach vorne muß man schreien, ich raunte in die Vergangenheit. Deshalb entwickelte ich auch eine Leidenschaft für 19. Jahrhundert und fürs fin de siécle, vergangene Zeiten, abgeschlossen, voller ausufernder Prosa und exemplarischen Geschichten; von Ludwig II. bis Oscar Wilde.

Ein paar Mal machte ich sogar Versuche vor Publikum in der Stadtbibliothek: ich las natürlich den „Tod in Venedig“ und „Maurice“ von E. M. Forster…das machte mich glücklich.

Eines Abends vernahm ich im Fernsehen die sonore Stimme Adolf Wohlbrücks…in „Pläsier“ Max Ophüls Preis der Erzählkunst Maupassants – 19. Jahrhundert eben, Wohlbrück war der Erzähler eines Episodenfilms, der einzig entstanden war, weil Max Ophüls die Maupassantgeschichte vom „Haus Tellier“ verfilmen wollte, jenem gemütlich-freundlichen Landbordell, dessen Prostituierte noch Damen genannt wurden. Die Geschichte voller Ironie und Wärme, ja das geht zusammen, wenn die Ironie das Herz vor den Verlogenheiten der Kleinbürgerlichkeit abschirmt, wurde zu meinem liebsten Stück Literatur, der Inbegriff des Erzählens. So wagte ich, das „Haus Tellier“ vor Publikum zu sprechen, ich gab ihm eine, meine Stimme – mit französischem Akzent… es war das reinste Glück. Menschen, denen das Glück mit anderen verwehrt ist, können so das inningste Glück empfinden.

Und das erklärt meine Leidenschaft für meine Bücher, die ich schützen mußte vor der Vernichtung – mit eurer Hilfe. Meine Freundinnen und Freunde. Es war eine Lebensrettung, danke – allen voran Dank an Clemens Heni und Susanne, die das ganze organisierten.

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