Die jungen Zahmen – Ziemiak, Amthor, Spahn und Kuban

Es ist lang geworden – aber nur das Ausführliche ist wirklich unterhaltsam…

Es wird Zeit, den Bürgerlich-Konservativen die Clownsmaske herunter zu reißen, um festzustellen: „Ein Clown im Mondlicht ist nicht komisch!“ – Das sagte übrigens der erste Große Horrordarsteller des Stummfilms, Lon Chaney sr.  („Das Phantom der Oper“) – und der mußte es wissen, denn bevor er fürs Kino entdeckt wurde, war er Zirkus Artist gewesen.

Dieses Stück paßte nicht ganz in eine Essaysammlung, die in Kürze herauskommt; ich wollt´s aber meinen Freunden nicht vorenthalten.

 

 

Jung und Alt

Die Jungen Zahmen aus der CDU

 

„[…] der Typus, den ihr darstellt, muß sich abnutzen: dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers. Noch ist er nicht abgenutzt. Nach den Vätern, die sich zerrackerten und Hurra schrien, kommen Söhne mit Armbändern und Monokeln , ein Stand von Formvollen Freigelassenen, der sehnsüchtig im Schatten des Adels lebt.“

Heinrich Mann, 1911 über seinen Roman „Der Untertan“

 

 

Der Titel dieses Beitrags ist unbescheiden großspurig gemeint; es geht durchaus um widerstrebende existenzielle Kräfte etwa wie bei Stendhals „Rot und Schwarz“, Dostojewskis „Verbrechen und Sühne“ oder Tolstois „Krieg und Frieden“; die Frontlinien sind allerdings nicht ganz klar, verwischen oder überlappen sich.

 

 

Paul Ziemiak, Generalsekretär  

Im Februar 2019 meinte der junge CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sich in wenigen Zeilen über die mit 16 Jahren halb so alte schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg mokieren zu https://www.welt.de/vermischtes/article188389013/Kritik-an-Deutschland-Greta-Thunberg-findet-Kohleabkommen-absurd.html

müssen. Sie hatte den weit in die Zukunft verschobenen Kohleausstieg in Deutschland, der erst im Jahre 2038 stattfinden soll, als unverantwortlich und absurd bezeichnet. Ziemiak twitterte darauf: „Oh, man [sic!] kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur Pure Ideologie. Arme Greta!“

Damit schloß sich Ziemiak dem Tsunami an Aufregung und regelrechter Verbalvernichtung an, der im Internet auf Greta niederprasselte. Ihre Empörung über die Ignoranz, die Lippendienste und tatsächliche Untätigkeit der Industriestaaten und ihrer Politiker in Sachen Klimawandel führt weltweit zu Protesten von jungen Menschen, meist Schülern. Diese plötzliche Aufmüpfigkeit einer bisher angepaßten und konsumistischen Generation beunruhigt die Älteren und sie reagieren mit Ratlosigkeit und Aggression, vor allem weil die Jungen mit Schulstreiks den generationellen Gehorsam verweigern und zwar auf eine entschlossene Weise wie seit 1968 nicht mehr.

Konservative bis neorechte Kreise machten sich lustig über Gretas berechtigte Kritik an der besinnungslosen Umweltzerstörung, die ja auf eine Menschenzerstörung hinausläuft, man verspottete die durchaus vernünftige und wohlartikulierte junge Frau als ängstliches kleines Mädchen, stellte – offenbar geht es nicht ohne –  billige Verschwörungstheorien auf, sie werde von ihrem Vater, einem Umweltaktivisten benutzt und gesteuert. Manche Journalisten, wie der völlig haltlos gewordene Henrik Broder erdreisteten sich gar sie das Opfer einer neuen Art von Kindesmißbrauch zu nennen  oder man wehrte ihre immer wieder eloquent vorgetragenen Bedenken schlicht als Panikreaktion aufgrund ihres schäbig geleakten Asberger-Syndroms ab, womit man sie als psychisch gestört abstempelte.

Gretas Auftreten und ihre dringlichen Appelle beunruhigen die Elterngeneration des „Weiter so“! Denn sie macht endlich das, was Stéphane Hessel

https://de.wikipedia.org/wiki/Emp%C3%B6rt_Euch!

bereits 2010 in seinem kleinen Essay „Indignez Vous“ gefordert hatte. Der damals 93 Jahre junge Autor rief den Jungen Menschen zu: “Empört Euch“ – und „Widerstand leisten, heißt Neues schaffen!“. Die Fortsetzung dieses Aufrufs trug den Titel „Engagiert Euch“. Und das machen Greta und Millionen Jugendliche auf dem ganzen Globus jetzt.

Hessel, Überlebender des KZ Buchenwald und Resistance-Kämpfer hatte nach 1945 an der Erarbeitung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bei der UN mitgewirkt und sah diese Menschenrechte und den Sozialstaat durch die indolente Politik des „weiter so“ und   die rücksichtslose Kapitalisierung aller Lebensbereiche gefährdet.

Politische Protestbewegungen in Spanien, Portugal und Griechenland berufen sich auf ihn. Nun also erweitern Greta Thunberg und mit ihr hunderttausende junge Menschen den Aufruf zur Empörung auch auf das Thema Klima und Umwelt. Denn es ist ihre Welt von morgen, die durch zu späte, zaghafte oder ignorant verweigerte politische Weichenstellung verspielt wird.

Was nun aber insbesondere die Gegenempörung der Konservativen und Rechten entfachte, war dieser jugendliche Überschwang, der Griff der Jungen nach der Verantwortung, die Klemme der Ungeduld, in die sie gedrängt wurden. Daß es sich um die schäbige Gegenempörung alter Männer handelt, läßt sich vielleicht am besten an einem Facebook – Post von Martin Renner ablesen, der für die AfD im Bundestag sitzt :

https://web.facebook.com/permalink.php?story_fbid=2210172555903719&id=100007329880766

„Viele Medien, viele Presseorgane berichten mit bekehrungssatter Emphase davon, daß das Fräulein Greta (16 Jahre, aber auf den ersten Blick so etwa acht Jahre alt) es für unverantwortlich hält, daß Deutschland erst im Jahr 2938 ganz aus der Kohle aussteigen möchte. Sie kritisiert das Ausstiegsdatum, sie fordert von der Bunderegierung ein „Signal“ an die Welt zum Thema Klimaschutz zu geben. Ja, Greta wird schon als künftige Nobelpreisträgerin angehimmelt.

Liebe Journalisten, Presseleute ,Medien“schaffende“, was reitet Sie, was treibt sie an? Muss die bislang schon kaum erträgliche Irrationalität, also die mit dem Verstand nicht faßbare, dem logischen Denken nicht zugängliche Unvernunft  – noch weiter auf die Spitze getrieben werden? Ein 16jähriges Mädel, welches wie acht wirkt, wird pressegemeinschaftlich zur Jeanne d´Arc der Klimareligion der links-grünen Gehirnentrindeten, wird mediengemeinschaftlich zur Anführerin des neuzeitlichen, postmodernen Kinderkreuzzuges hochgejazzt.
Liebe Journalisten, Presseleute, Medienschaffende, Ich, Martin E. Renner biete Ihnen selbstlos und entgeldfrei  ein alternatives Medienprojekt an. Vergeßt das minderjährige Opfermädel Greta und das mit ihr zusammenhängende PR-Konzept, bei dem die „Vereinigte Irrationale bei jeder neuen Publikation zur NKWuW (neue Klima-,Welt und Wahnreligion), eine steil-männliche Erektion , einen weiblichen G-Punkt-Orgasmus und eine diverse Hormonentladung (leider fällt mir beim diversen Geschlecht nichts Griffigeres ein) bekommt.

Machen Sie doch mit mir eine solche schicke Influencer-Kampagne zu diesem Thema. Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Versprochen!

Es ist für ihre Glaubwürdigkeit doch alle Mal besser, wenn sie mich dazu heranziehen.

Und damit sie sehen können, daß meine menschlichen, fachlichen , persönlichen ,charakterlichen Qualifikationen mindestens mit Greta Eigenschaften Schritt halten können, hier meine kurze CV:

Ich bin jenseits der 60 Jahre, also mit entsprechender Lebenserfahrung. Ich aber mein Betriebswirtschaftsstudium, darunter zwei Gastsemester in Frankreich – erfolgreich beendet, wobei ich dieses Studium durch Erwerbsarbeit in der Freizeit größtenteils selbst finanziert habe. Bereits mit 28 Jahren war ich dann als Marketingdirektor in einem großen Pharmazie- und Kosmetikkonzern tätig. Mit 34 Jahren gründete ich ein Beratungsunternehmen im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Ich trug Verantwortung für rund 20 hochengagierte Mitarbeiter , zumeist Akademiker, die mit mir zusammen die anspruchsvolle Arbeit leisteten.

 

Meine Gemeinsinnsorientierung brachte mich dazu, daß ich über 20 Jahre im kirchlichen Bereich (Kirchenvorstand als Kämmerer) und im sozialen Bereich /Lions Club (engagiert war. Mein immer vorhandenes Interesse für politische Zusammenhänge brachte es mit sich, daß ich bei der rationalen (nein, kein Verschreibe)  „Alternative für Deutschland  als Gründer mitwirkte.

Summa summarum läßt sich wohl zusammenfassen; ich bin lebenserfahren, mathematisch-naturwissenschaftlich kenne mich mit ökonomischen Sachverhalten bestens aus; bin verantwortungsbewußter Ehemann, Vater und Großvater in einer multinationalen Familie und habe mich Zeit meines Lebens mit Philosophie, Literatur, Kunst und Religionen beschäftigt.

Liebe Journalisten, Presseleute und Medienschaffende ,

also noch einmal die Aufforderung Sie, laßt uns zusammen ein kommunikationsstrategisches Konzept entwickeln, welches die unsägliche Greta-Garbo- Show – Quatsch, bitte um Verzeihung- die Greta-Thunberg-Show ablöst und ersetzt. Die vernunftorientierten Mitbürger unseres Landes werden Ihre Umkehr und Einsicht zu schätzen wissen. und – vielleicht – Ihre Medienprodukte und Publikationen dann wieder verstärkt kaufen.

„Rechte Rationalität versus links-rot-grün-schwarze Irrationalität“ so sollte der Titel unseres gemeinsamen und gemeinschaftlichen Medienprojektes lauten.“

Ich habe diesen peinlichen Facebook-Post ganz zitiert, weil an ihm – obwohl Renner ihn als Satire bezeichnet – grimmig-deutlich wird, was wirklich hinter der konservativen, rechten bis faschistischen Renaissance steckt:  faul-dumme Ranküne der Älteren, die das beseitigen wollen, was sie an gegenwärtigen und zukünftigen politischen Problemen nicht verstehen oder nicht  bereit sind zu bewältigen.  Sie wollen schlafen; aber der Schlaf der Selbst-Gerechtigkeit – denn auch die Klimafrage ist eine der Gerechtigkeit – wie Goya bereits wußte, gebiert Ungeheuer.

Es ist eine Generationenfrage der Gerechtigkeit, den Klimawandel zu leugnen, denn es werden die jetzt noch Jungen, in 30 Jahren vermehrt an Lungenkrebs sterben oder wegen des Anstiegs des Meeresspiegels auf den Südseeinseln ersaufen.

Mit der als Ironie getarnten Arroganz ( tatsächlich eine Aggroganz ) eines schwarzpädagogischen Familienvaters kanzelt Martin Renner die junge Greta, überhaupt die jungen, selbstständig denkenden  Menschen ab. Was er da hinausbläst ist eine  Drohung: „Solange du deine Füße noch unter meinen Tisch stellst…!“, gegründet auf eine geblähte Unform paternalistischer Kleinbürgerlichkeit.

Es ist jene mittel-ständige-städtische Spießigkeit, der seit je auch die Parteiorganisationen der CDU charakterisiert – und tatsächlich  war Martin Renner von 1998 bis 2005 Mitglied dieser Partei, bis er sich, mit seiner schwäbischen Häuslebauer-Mentalität, gegen den EU-Rettungsschirm dem europafeindlichen, politisch kleinlichen Bernd Lucke anschloß und zu den 15 Gründungsmitgliedern der AfD gehörte; er hat also eine sehr niedrige Parteinummer.

Aber Renner ist eben nicht jener soignierte ältere Herr als der er sich ausgibt. Er ist neidisch-vergrätzt über die Medienaufmerksamkeit, die Gretas Jugend zuteil wird; wie denn Neid, vor allem auf die Jugend selbst, die man verpaßt hat,  eine Hauptantriebsfeder der Rechten ist.  Schon gar nicht zeugt seine Tirade von erfahrener Gelassenheit, im Gegenteil: sie ist spätpubertär gewöhnliche Bramabasiererei, mit der er seine Anhänger zu Ungeheuerlichkeiten anstachelt, die ihm selbst als Bundestagsabgeordneten nicht gut bekommen würden. Er setzt sich gleichsam mit ungewaschenen Händen zu Tisch, stützt die Ellenbogen beim Essen auf und überläßt die schlimmen Unarten wie es so oft die Anführer von kriminellen Banden  halten, seinen Gefolgsleuten, die sich ja heutzutage in den Facebookkommentaren austoben.

Die harmloseste Anmerkung zur Greta Thunberg ist da noch: „dumme Göre“. Mit sadistisch-diebischer Freude wird ihrer Mutter eine verheerende Sucht angedichtet: „Fetales Alkoholsyndrom“ Und die neue antisemitische Haßfigur der Neofaschisten darf dabei auch nicht fehlen: „Wird sie auch von Soros gesponsort?“ fragt einer und stimmt damit das alte Schmutzlied von den Juden an, die an allem schuld sind und überall ihre Finger drinstecken hätten.

So wie seine wildgewordenen AfDfans dem – nach Bekenntnis – rechten Martin Renner die ganz schmutzigen Verbalausfälle abnehmen, die er gezielt herbeigeschrieben hat, nimmt Renner wiederum den Konservativen wie Paul Ziemiak die Schmutzarbeit ab. Die CDU-CSU träumt nicht erst seit Alexander Dobrindts Proklamation der neuen „Konservativen Revolution“ von der wohligen Antimoderne der 50er. Sie übersieht geflissentlich oder weiß es schlicht nicht, daß dieses Paradox der „konservativen Revolution“ bereits aus dem 19.Jahrhundert stammt und dann aufgewärmt und wie Brennstäbe in der Zeit des Vorfaschismus mit weiterer Reaktion angereichert wurde. Die CDU-Konservativen müßten eigentlich froh sein über solche Figuren wie Renner, die mit ihren Ausfällen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während sie die Gänge auf rückwärts schalten.  Die Empörung über die nicht stubenreine AfD ist verlogen. Denn eigentlich schreibt Ziemiak, nur lakonischer, genau dasselbe über Greta Thunberg wie der Renner aus der AfD-Führerclique. Was sie unterscheidet, sind einzig die Tischsitten.

Paul Ziemiak hat übrigens etwas Ähnliches wie der Marketingmann Renner studiert: Unternehmenskommunikation; er brach das Studium anders als jener ab. Aber da er bereits mit 14 Jahren in die Junge Union eintrat, deren Vorsitzender er 2014 wurde und damit Philipp Mißfelder ablöste, dem mit diesem Amt lukrative Nebentätigkeiten und einflußreiche Funktionen zuwuchsen (vor allem im Vorstand der „Atlantik-Brücke“), widmete sich Ziemiak nach dem Vorbild als er sah, was dort zu gewinnen war, völlig seiner Arbeit in der CDU-Jugendorganisation. Er brachte sie auf konservativen Vordermann.

Das Römisch-Katholische – Ziemiak lebt im sauerländischen Iserlohn, das zum erzkatholischen Bistum Paderborn gehört – mag er von seinen 1988 aus dem Polen des Papstes Wojtyla nach Deutschland übergesiedelten Eltern übernommen haben; die besondere Sozialisation im westfälischen Kleinstadt-Katholizismus, der strenger ist als etwa der in Bayern und in der Jugendorganisation der CDU formten ihn zu einem „Konservativen Leistungsträger“, wie ihn der Cicero bezeichnete, während ihn die Rheinische Post einen JU-Opportunisten mit unbändigem Aufstiegswillen nannte. Dient doch die Kofferträgerei in der CDU  vor allem zum Stillhalten der Jungen, die so wohlerzogen – will heißen gestutzt – in spätere Parteiämter hineinwachsen.

https://rp-online.de/politik/deutschland/paul-ziemiak-polit-talent-schwiegersohn-typ-opportunist_aid-35008909

https://www.cicero.de/innenpolitik/paul-ziemiak-cdu-generalsekretaer-akk-parteitag-hamburg-konservativ-migration/plus

 

So kam es nicht von ungefähr, daß es in der CDU munkelte, der Sauerländer Ziemiak habe den ebenfalls aus dem Sauerland stammenden Friedrich Merz vielleicht nicht zum neuen Parteivorsitzenden – und damit sein Anhängertrupp aus der JU ebenso nicht –  weil Annegret Kramp-Karrenbauer ihm möglicherweise angeboten habe, ihn als  Generalsekretär vorzuschlagen.

Immerhin, Ziemiak wurde auf dem Parteitag im Dezember 2019 als einziger Kandidat, aber nur mit 62, 8 Prozent der Delegiertenstimmen zum Generalsekretär gewählt; Jubelorgien mit denn die Parteien solche internen Wahlen mit absurd-hohen Zustimmungswerten feiern, gab es nicht.

Ziemiaks kurzer Tweet über Greta Thunberg zeigt, daß er in sozio-ökonomischen Fragen weit hinter den Realitäten und den Sorgen der Menschen hinterherhinkt. Seine Ökonomievorstellungen sind immer noch geprägt von der Arbeits-Prostitutionswelt, von den Arbeitsplatzverlust- und Energienot – Erpressungsdrohungen der Industrie und Wirtschaft. Wer die Sorge der jungen Menschen, ob es für sie auch eine lebenswerte Welt geben wird – denn was nutzt schlicht der schönste Arbeitsplatz, wenn man nicht atmen kann – als pure Ideologie bezeichnet, steckt immer noch in uralten, ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen oder in Lobbyverhältnissen.

In der Tat stellt Greta Thunberg die Systemfrage – das erschreckt schläfrige Konservative im Kern ihres Wesens. Wer Umweltprobleme und soziale Ungerechtigkeit angehen will, muß zuerst die Frage nach Besitzverhältnissen im neoliberalen Kapitalismus stellen. Diesen Fragen verweigert sich Paul Ziemiak ungelenk – so ein Kukul wie Martin Renner, hält sich Augen und Ohren zu und beißt die Frager weg. Das ist der wahre Unterschied zwischen beiden.

Kukul, so heißt der Ausputzer, der Mann fürs Grobe, der Sargtischler des Vampirgrafen Krolock  in Roman Polanskis superber Gruselkomödie „Tanz der Vampire“ – die hat aber kein Happy-End. Kukul ist der Erfüllungsgehilfe für die sinisteren Pläne des Grafen, der vollendete Manieren und Tischsitten hat, aber den mißgestalteten und rohen Kukul braucht, um seine Pläne zur Aussauger/Ausbeuter-Weltherrschaft der Vampire ins Werk zu setzen. Und das gelingt ihm, ohne, daß er sich die manikürten Finger schmutzig machen muß.

Ziemiak macht sich nicht mal die Mühe auch nur ansatzweise den Zorn der jungen Menschen zu verstehen. Was er da absondert klingt wie eine Pflichtübung – seine Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat bereits verlauten lassen, daß sie das Schulschwänzen als Klimaprotest nicht goutiert, sie verlangt es nach gehorsamen Schülern. Wenn das deutsche Bürgertum überhaupt einmal protestieren wollte, hat es sich ja immer erst eine Bahnsteigkarte gekauft.

Mit dem Geraune über Versorgungssicherheit und dem Dräuen vom Arbeitsplatzverlust kann sich Paul Ziemiak bestimmt auch nicht als Wirtschaftskonservativer profilieren, er ist eben einer jener bläßlichen Opportunisten, die in der JU schon immer herangezogen werden.  Immerhin hat ihn die Jasagerei  Amt und Würden eines Parteisekretärs eingebracht – oh, ich vergaß den „General“. Ein Parteigeneralsekretär hat die Aufgabe rangniedrigere Mitglieder auf jene Linie zu bringen, auf die er zuvor selbst eingeschwenkt ist, um Sekretär zu werden.

Ziemiak gilt bei gesellschaftlichen Themen als gemäßigt, u.a. weil er sich für die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften und die Adoption durch homosexuelle Paare ausgesprochen hat. Im Grunde aber verhält er sich auch da ausgesprochen konservativ und opportunistisch, denn er hat ganz nach konservativer Manier den Widerstand gegen den Fortschritt aufgeben, der ihn längst überholt hat.

 

 

Philipp Amthor, Bundestagsabgeordneter

 

Wie fängt so eine Karriere in der CDU an? Dafür müssen wir uns einen konservativen Jungspund ansehen, den die taz „Merkels Embryo“ nannte. Dabei ließ sie außer Acht, daß ein Embryo ein noch unfertiger Nachwuchs ist, eine Zygote, ein Zellklumpen, für sich allein nicht lebensfähig, ohne Ichbewußtsein und Charakter.

http://www.taz.de/!5495644/

Wir müssen auch mal den bewußt gestalteten Habitus unter die Lupe nehmen: Philipp Amthor, sieht aus als sei er als Klassenprimus auf die Welt gekommen; und zwar ein Klassenprimus, der niemals abschreiben läßt und die, die es versuchen, beim Herrn Lehrer verpetzt. Der H & M-Anzug: bloß nicht auf Taille geschneidert, der langweilige Schlips, jedem kecken Farbakzent abhold, das Brillenstrebergestell, alles bleibt – ohne Zweifel mit Absicht – fade, unpersönlich und artig wie bei einem Sparkassenangestellten. Dieser Habitus also hat noch nicht einmal das Schwiegersohnhafte von Paul Ziemiak. Diese Hoffnung der Union. bleibt auf ewig ein altkluges Kind, das immer brav seine Hausaufgaben gleich nach dem Mittagessen macht und nicht erst zum Spielen rausrennt.  Im  Erscheinungsbild wirkt Amthor wie ein Klon von Wolfgang Bosbach – auch ein erzkonservativ gescheitelter CDU-Mann, der sich allerdings, anders als der geistig ebenso alte Jüngling, die Keckheit eines Anzuges in helleren Farben leistet und gelegentlich eingeschnappt aus Talkshows flüchtet.

Als der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Amthor 2017 Mitglied des deutschen Bundestags wurde, galt er, gerade 25jährig, für kurze Zeit als jüngster Abgeordneter, bis sich herausstellte, daß ein FDP-Kollege noch ein paar Tage jünger ist.

Wie so oft entwickelte der Sohn einer alleinerziehenden Mutter atemnehmenden Ehrgeiz und legte nach Rekordstudienzeit sein Juraexamen in Greifswald ab. (Wie sagte mein früherer Lateinlehrer, ehemals Korpsstudent: „In Greifswald, da greifst du´s bald!)

Amthor arbeitet neben der Politik an seiner Dissertation und für eine amerikanische Wirtschaftskanzlei – ob hier bereits wieder zartatlantische Brückenpflänzchen gesät werden? Seine Nebeneinkünfte macht er transparent: sie betragen nur bescheidene 1000- 1500 Euro im Monat.

Da wo einige andere Politiker ein Gewissen haben, hat Philipp Amthor einen Coach, der ihm zweifellos beibrachte, erst dann seine Meinung zu sagen, wenn der bereits einmal erwähnte Ranghöhere die seine von sich gegeben hat. So läßt sich auch erklären, weshalb Amthor seine Beiträge in Talk-Shows fast immer mit dem Halbsatz „…wir von der CDU sind der Meinung…“ beginnt.

https://weltexpress.info/philipp-amthor-die-fleisch-gewordene-herrenklasse-der-cdu/

Nun könnte man mir vorwerfen, ich hielte mich zu lange mit Amthors Habitus auf – aber der ist tatsächlich Programm; der Abgeordnete offenbarte des öfteren in Interviews seine Ansicht: wem Gott einen Anzug gibt, dem gibt er auch ein Amt. Und genau das meint er auch, wenn er sich über den Jusovorsitzenden mokiert:

„Kevin Kühnert trägt selbst bei seriösen Veranstaltungen immer Turnschuhe und Kapuzenpullover und beschwert sich dann, daß er nicht ernst genommen wird. Die Kleidung muß auch der Würde des Amts entsprechen!“

https://www.pressreader.com/germany/der-tagesspiegel/20190119/page/32/textview

https://www.jetzt.de/politik/philipp-amthor-ueber-die-cdu-und-den-umgang-mit-der-afd

Die Kleiderordnung hat für Amthor die gleiche Bedeutung wie politische Unterschiede: Zuerst einmal kommt die Frage des konservativen Benimms, der selbst die gewichtigsten Probleme im „sowohl-als-auch-Smalltalk“ gerinnen läßt.

Und so kommt aus Amthor die alte, muffige Floskelsprache der Union heraus, mit der man beabsichtigt seine Rentnerwähler zu beruhigen, aber jeden unter 75 in die Flucht schlägt:

https://www.zeit.de/2018/14/philipp-amthor-cdu-ueckermuende-bundestagsabgeordneter

„Konservativ sein heißt für mich eine wertegebundene Politik zu vertreten. Dazu gehören der starke Staat, Verfassungstreue, Nationalstolz,  Einstehen für sein Land!“

Gefragt nach Glück und Gerechtigkeit antwortet Amthor bis ins Mark konservativ: „Das ist eine Kategorie jenseits des Politischen.“

Wenn man diesem Altherrengeschwätz länger zuhört, beginnt man sich mit Ohrensausen vor Peinlichkeit zu winden: Vokabular des 19.Jahrhunderts, von dem junge Menschen wie Greta Thunberg, die nach Gerechtigkeit verlangen, nichts mehr hören wollen, weil diese Hohlformeln  nicht ein Gran ihrer Wirklichkeit beschreiben, sondern nur zum Nachmittagsschläfchen einlullen..

Aber wie könnte der alte Mann Amthor sich auch der Realität junger Menschen zuwenden, wenn er schon seit der Mittelstufe nichts anderes wollte, als Politiker zu werden? Wenn er kokett gesteht, „Faust“ und „Effi Briest“ seien seine Lieblingsbücher und Wagner sein Lieblingskomponist. Und obwohl Goethe und Wagner mit Teilen ihrer jungen Lebenswege ja auch fürs Rebellische stehen, ist mit der Nennung ihrer Namen nur das Bildungshuberisch-Bürgerliche und Kanonisierte gemeint. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Amthor die zotigen Stellen der Walpurgisnacht kennt. Und ihm zu erklären, daß der nicht enden wollende Liebestod von Tristan und Isolde einen letalen Dauerorgasmus bedeutet, geht vermutlich über seinen Horizont.

Hoch gelobt wurde Amthor für eine Rede im Bundestag, von der man glaubte, er führe damit die AfD vor. Ein fataler Irrtum.  Amthor reagierte mit dieser Rede auf einen von der Rechtspartei eingebrachten Antrag auf ein Burka-Verbot.

Altklug begann er: „Hören Sie mir mal zu, dann können Sie noch was lernen über die Verfassung.“ Der Antrag verletze den sensiblen Bereich der Religionsfreiheit, argumentierte Amthor, sei voll von dilettantischen Fehlern und deshalb abzulehnen. Es ging also wie immer bei den Konservativen um Verfahrensfragen, den Benimm, das Formale, die geordnete Toilette, das Bitte-Danke, den Diener und Knix, um „Küß die Hand und den Allerwertesten!“ – Inhaltlich hatte Amthor nichts einzuwenden; er gab zu, auch er sei gegen Vollverschleierung, Burka und Niqab – die entsprächen nicht „seiner Vorstellung von Rechtsstaat und deutscher Wertekultur.“

Wie fulminant wäre an dieser Stelle endlich einmal eine Rede über den Unsinn der Religionen gewesen, die im 21.Jahrhundert noch immer opponieren gegen Gleichberechtigung und Minderheitenrechte.

Übrigens hatte im Jahr 2006 an gleicher Stelle – im Bundestag – Papst Benedikt-Ratzinger über die „Religionsfreiheit“ als angeblich wichtigstes Menschenrecht räsoniert und nicht enden wollenden Applaus dafür vom gesamten Plenum dafür erhalten. Dabei verschleierte er das tatsächlich Menschenfeindliche aller Religionen zur höheren Ehre erfundener Götter und den Anspruch der Kleriker auf Welterklärung.

Eine Rede dazu hätte den an Jahren jungen Amthor überfordert; und als Mitglied einer religiös fundierten Partei, wäre er dazu sowieso nicht fähig gewesen. Daß das konfessionelle Christentum sich im Grunde ebenso wenig wie der Islam um Frauen- oder Kinderrechte schert, müssen wir zur Zeit entsetzt beobachten, da wir nahezu täglich von den Mißbräuchen erfahren, deren Aufklärung der Kirche überlassen und nicht den zuständigen Behörden übertragen wird. Längst wäre der Bundestag in der Pflicht die patriarchalen Ansprüche der Kirche legal einzuschränken. Aber diese durchaus heiklen Themen würden CDU-Juristen wie Amthor nicht angehen; das gilt ebenso für die SPD,  die sich noch im März 2019 nicht einmal dazu durchringen konnte, einen Arbeitskreis für Atheisten einzurichten.

http://www.taz.de/!5579302/

Und so lange bestimmten Religionen im und durch den Bundestag der Vorzug gegeben wird, solange die Religion nicht strikt, wie z.B. in Frankreich als Privatsache angesehen werden, so lange wird es auch immer wieder Auseinandersetzungen über die Burka oder die Kreuzpflicht in Bayrischen Amtsstuben geben.

Übrigens lagen irrten Viele Kommentatoren und jene, die der Amthorrede heftig applaudierten völlig fasch; sie war keine dringend nötige Attacke gegen die AfD – Amthor selbst wehrte sich gegen diese Interpretation und betonte, sie sei eine Rede für die Verfassung gewesen. So ziehen sich Konservative aus der Bredouille, in diese sie eine eindeutig antifaschistische Haltung bringen mag, wenn es einmal zur Gretchenfrage der Koalition zischen AfD und CDU kommen sollte.

https://www.zeit.de/2018/14/philipp-amthor-cdu-ueckermuende-bundestagsabgeordneter

 

 

Mit solch Uneindeutigkeit, die ihm als Leistung ausgelegt wurde machte der Jungabgeordnete Amthor von sich reden und erhielt Zuspruch von einem, der 1980 auch einmal, mit gerade 22 Jahren, jüngster CDU-Abgeordneter im Bundestag war:

„Wenn er sich treu bleibt, neugierig bleibt und fleißig ist, kann er hier viel bewegen.“

Daß das Lob etwas karg ausfiel ist wohl dem natürlichen Mißtrauen geschuldet, das ein Karrierist gegenüber dem anderen hegt. Die CDU ist seit Adenauers Zeiten dafür bekannt und berüchtigt, daß es keine Freundschaften unter Parteimitgliedern gibt, wie der bereits erwähnte Wolfgang Bosbach nach seinem Rückzug aus dem Bundestag mal wieder bestätigte. Die Tugend des bürgerlichen Anstandes mit der Bordüre von Glaube, Sitte und Heimat ist in der konservativen Partei nur ein Karrierehemmschuh.

 

 

 

Jens Spahn, Gesundheitsminister

Oder „Das Private IST politisch“

 

Mit Jens Spahn läßt sich trefflich demonstrieren wie konservative Bigotterie entsteht und zur Grundlage intensivsten Networkings in alle möglichen Richtungen wird. Der Zweck: zielstrebiger Aufstieg. Die Mittel, die man dafür haben muß und die man nicht mit Charakterstärke verwechseln darf, sind unter anderem: Windschnittigkeit, Drängeln, Schubsen und Schieben und das Talent, immer die Nähe der richtigen Leute zu finden. Wer in die tiefe Katholizität des Münsterlandes hineingeboren wird, aufwächst zwischen Kommunion, Katechismus und den Krippen aus Telgte, wer mit dem Erwachen der Sexualität gleichwohl in die CDU eintritt und sich obendrein zum Bankkaufmann ausbilden läßt, der eignet sich diese Fähigkeiten als zweite Natur an. Das Ergebnis nennt man Konservatismus hat einen schlüssigen Grund, der aber auch gleichzeitig Spahns Achillesferse ist: seine Homosexualität.

Wie alle Konservativen frönte das ganz junge, aufstrebende CDU-Mitglied der falschen Annahme, das Private sei nicht politisch, bis Spahn 21jährig allerdings nur kurzfristig Bitter-Besseren belehrt wurde. Einer jener wohlmeinenden Parteifreunde drohte 2001 ihn zu outen; also mußte er die Flucht nach vorn wagen und informierte seine Partei in Wowereit-Manier, denn er wollte ja in und mit ihr  Karriere machen.

Spahn zitiert in Sachen Homosexualität den britischen Premier David Cameron (Tories): „Ich bin für die Homoehe – nicht obwohl ich Konservativer bin, sondern weil ich Konservativer bin.“

Er erläutert seine Einstellung so: „Als Konservative können wir uns darüber freuen, wenn zwei Menschen rechtlich verbindlich füreinander Verantwortung übernehmen, in guten wie in schlechten Zeiten. Gibt es einen bürgerlicheren Lebensweg?“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-89672221.html

Und weiter um Anerkennung bettelnd erwähnt Spahn im gleichen Interview den Kölner Kardinal Woelki: „Ich bin ein gläubiger Mensch, deswegen halte ich meiner Kirche die Treue. […] Und wenn ein Mann wie […] Woelki sagt, daß auch in schwulen Partnerschaften Werte gelebt werden, dann sieht man doch: Da ist ein Prozeß im Gange.“

Im Grunde lügt sich Spahn in die bigotte Tasche – denn was heißt das wirklich: wir sind, bis auf einen klitzekleinen Unterschied, genauso brav und spießig wie Ihr Heterosexuellen auch – die er so als tatsächliche und vorbildhafte Normale hochleben läßt. Auch als homosexuelles CDU-Mitglied bleibt Spahn der angepaßte und frömmelnde Kreissparkassenspießer Spießer, der er seit seinen Münsterländer Anfängen war.

Schon 1972 haben die Aktivisten Rosa von Praunheim und Martin Dannecker diese Haltung ante festum entlarvt und Spahn quasi vorausgeahnt; in ihrem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ heißt es:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nicht_der_Homosexuelle_ist_pervers,_sondern_die_Situation,_in_der_er_lebt

„Die Mehrzahl der Homosexuellen gleicht dem Typ des unauffälligen Sohnes aus gutem Hause […].“

„Schwule wollen nicht schwul sein, sondern sie wollen so spießig sein und kitschig sein wie der Durchschnittsbürger. Sie sehnen sich nach einem trauten Heim, in dem sie mit einem ehrlichen und treuen Freund unauffällig ein eheähnliches Verhältnis eingehen können. Der ideale Partner muß sauber ehrlich und natürlich sein […].

Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie noch spießiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden. Sie […] verhalten sich konservativ als Dank dafür, daß sie nicht totgeschlagen werden.“

Wie sehr Jens Spahn Überanpassung und Spießigkeit zelebriert dokumentieren die Berichte über ihn und seinen Ehemann in der „Yellow Press“; die eben doch nicht so aussehen wie die heterosexuellen Bussi-Bussi-Photostrecken; die ja auch verlogen sind. So sehen saubere, anständige, akademische Schwule jenseits des Friseurklischees aus.

https://uebermedien.de/28530/mein-freund-seine-exzellenz/

Es geht mir gar nicht um Spahns unsichtbar gemachte Homosexualität, das ist sein Problem. Sein stattdessen wohlfeil zur Schau getragener „moderner Konservatismus“ (ja, ich weiß, das  IST ein Paradox)  ist das Ergebnis der Dressur und der Heimholung so vieler Jugendrebellionen, aus denen marktkonforme Waren und konsumierbare Produkte wurden; sei es die Rockmusik, die Öko-Bewegung oder Versuch neuen Miteinanders in Kommunen oder Wohngemeinschaften. Sollten die ersten „Friday-for-Future“-Streikenden als „Shopping-Queen“ im TV auftauchen, dann  wird auch diese Hoffnung auf eine neue jugendliche Lebendigkeit von ihrer Elterngeneration korrumpiert sein.

 

EXKURS – dafür ein Biblisches Beispiel:

Es gibt wohl keine traurigere Geschichte vom Triumph der Elterngeneration und dem Brechen   der Jungen als das Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“; die uns leider immer in der patriarchalen Organisation Kirche als Glorifizierung der Väterlichkeit verkauft wird.

Lukas 15, 11 – 32

Erst als der Sohn, dessen Scheitern in der Welt vorprogrammiert war durch die Verächtlichmachung eines eigenständigen Lebens, gebrochen zum Vater zurückkriecht, ist der Vater glücklich – ja mehr noch. Er zieht den gebrochenen Sohn unterwirft, dem anderen vor, der nie gegen ihn rebelliert hatte.

 

DAS übrigens ist auch der Kern jener wütenden Ausfälle gegen die Jungen – damals zur Zeit der 68er und heute wenn die Klimademonstranten niedergemacht werden. Und der Herold der „konservativen Revolution“,  Alexander Dobrindt, der ja einen Rebellionsversuch, der vor einem halben Jahrhundert stattfand nachträglich auslöschen will, ist eine kleinmütig-schäbige Figur wie jener zweite, brave Sohn.

 

Jens Spahns gesamte politische Arbeit besteht aus vorauseilenden Gehorsam, um bloß nicht „der verlorene Sohn“ zu werden und für der gut gelittene, mit Vater-Gaben überschüttete angepaßte, willfährige Sohn zu bleiben. Das macht zweierlei mit dem im Grunde ängstlichen Charakter: Korruption heißt ja auf der einen Seite kriecherisch-devot zu sein und auf der anderen, sich für die dabei erlittenen Kränkungen an Schwächeren mit Arroganz schadlos zu halten.

So erklärt sich, warum Spahn kaum, daß der neue amerikanische Trump-Botschafter, Richard Grenell, in Berlin eingetroffen war – das offizielle Berlin beäugte ihn mit Degout, weil der sich als knallharter Rechter und Freund von Steve Bannon geoutet hatte – bei dem Diplomaten antichambrierte. Spahn aber wurde folgerichtig (tit for tat) von Grenell ans Weiße Haus als „kommender Mann“ der deutschen Politik empfohlen – zwar dort nicht vom amerikanischen Präsidenten empfangen, aber zu Gesprächen über Sicherheitsfragen begrüßt, die ja eigentlich nicht zum Aufgabenbereich des Gesundheitsministers gehören. Über irgendwas mußte man ja mit penetranten Gast reden.  Natürlich hatte dieser Profilierungscoup nichts damit zu tun, daß Spahns Ehemann, Daniel Funke, Journalist im Hauptstadtbüro der BUNTEN die erste Homestory über den neuen Botschafter machte –oder doch?

http://www.taz.de/!5508586/

Jens Spahn ist ein Beutegreifer. Bereits vor der Bundestagswahl 2017 zählte ihn der Siegel zur „Kanzlerreserve“ – der offene Angriff auf die Kanzlerin , das war ihm wohl bewußt, wäre ihm schlecht bekommen. Aber er zergte und nervte so sehr, daß sie ihm nach ihrer bewährten Methode, die zu umarmen, die zum Schuß ansetzen, vom Staatsekretär zum Gesundheitsminister beförderte.

Spahn brauchte noch nicht einmal der Machoclique des Andenpaktes beizutreten, denn bei der heterosexuellen Altherrenriege, hätte er keinen Blumentopf gewinnen können. https://www.sueddeutsche.de/politik/migrationspakt-merkel-spahn-1.4217217

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/cdu-politiker-spahn-die-gegen-uns-a-1164358.html

Seiner gleichwohl patriarchal folgsame Misogynie konnte er dann als Gesundheitsminister frönen: er befürwortete die Beibehaltung der Rezeptpflicht für die „Pille danach“ aus und warf den Frauen in der von christlichen Lebensschützern neu befeuerten Debatte über den § 219a vor, sie vergäßen, daß es  um „ungeborenes menschliches Leben gehe“. Gleich darauf machte er 5 Millionen Euro locker, um damit eine überflüssige Studie über die angeblichen psychischen Spätfolgen von Abtreibungen  zu untersuchen.

Getragen von der populistischen „Merkel-muß-weg-Stimmung“ , wagte er auch Sticheleien gegen die Migrationspakt-Pläne der Kanzlerin und sprach von einer „Disruption des Staates“, wofür ihn Alexander Gauland in einem offenen Brief lobte. Daß er sich über islamische Prüderie beschwerte, da vor allem türkische Mitglieder seines Berliner Fitnesstudios nur mit Badehose duschen, war dann nur noch eine der vielen populären Bordüren seines Weltbildes, das so zäh ist und rauh wie 100 Jahre altes Linnengewebe, das die westfälischen Bauern im Münsterland noch immer in den Bauernschränken aufbewahren.

Ausgeteilt wurde von Spahn auch gegen HartzIV-Empfänger auf dem Umweg des Lobes für die Tafeln und des Sozialsystemes überhaupt, das er „eines der besten der Welt“ nannte, als er behauptete, jeder bekäme in Deutschland, was er zum Leben brauche. Darauf forderten ihn über 200.000 Menschen mit einer Petition auf, doch einmal vier Wochen von Hartz IV zu leben.

https://www.tagesspiegel.de/politik/treffen-mit-gesundheitsminister-hartz-iv-kritikerin-uebergibt-petition-an-spahn/21226070.html

Die Krone setzte Spahn auf all diesen verächtlichen Ausfälle gegen sozial Schwache – in einer Maybritt-Illner-Talkshow, in der er wie ein Hausvater, der mit dem Spruch „Arbeit adelt und hat mir auch nicht geschadet“ behauptete, er wäre sich auch nicht zu schade, wenn nötig, Klos zu putzen.

http://www.spiegel.de/kultur/tv/maybrit-illner-mit-jens-spahn-und-robert-habeck-ausflug-in-die-welt-der-fantasie-a-1241123.html

Darüber geriet er ausgerechnet mit einemanderen neuen Stern am Polit-Himmel, mit Robert Habeck von den Grünen, in Streit, den Habeck nach Punkten gewann..

Andere zündende Ideen zur Senkung etwa des Rentenniveaus, die Weigerung, die Sterbehilfe endlich zuzulassen oder seine Empörung über englisch sprechende Hiptser in der Weltstadt Berlin, kann man sich mit wenigen Klicks im Internet zur Erheiterung zu Gemüte führen. Alles Versuche die Aufmerksamkeit jenes konservativen Vaters zu erregen, dessen Verlorener Sohn er auf keinen Fall werden will, um getragen von den Wellen der populistischen Zustimmung seine Karriere voranzutreiben.

Wie wichtig Spahn solche Aufmerksamkeit konservativer Kreise ist, die ihn vielleicht einmal doch die Kanzlerschaft antragen könnten trotz seiner Achillesferse – wenn er sich da mal nicht irrt – zeigte er mit seiner Rede am politischen Aschermittwoch 2019.  Er sprang seiner Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer, die sich noch immer nicht mit der Ehe für Alle abfinden kann bei und wertete  die politische Beschäftigung mit Genderfragen ganz in ihrem Sinne als „Blümchenthemen“ ab;  damit er befand sich ganz nebenbei auf der gleichen Parteilinie wie der frisch gewählte Nachfolger von Paul Ziemiak – der in diesem Sinne dem neuen JU-Vorsitzenden, Tilman Kuban eine Grußbotschaft schickte. (siehe unten)

https://www.queer.de/detail.php?article_id=33163

Kubans Bewerbungsrede auf dem Deutschlandtag der sogenannten Jugendorganisation der CDU gipfelte in der polemischen Kampfansage: „[…] wenn Diskussionen über veganes Essen oder das dritte Klo wichtiger sind als der Schutz des Lebens, dann kann ich nur sagen: diese Chaoten dürfen niemals Verantwortung für unser Land tragen!“

https://www.queer.de/detail.php?article_id=33214

Gemeint war natürlich die humanistische Linke insgesamt; Mit der Verächtlichmachung von Gender- oder Ökofragen können die, denen diese Themen über den Zusammenhalt und gar das Überleben der Gesellschaft schlicht zu komplex sind, sich als „konservative Revolutionäre“ darstellen, die einen heldenhaften Kampf gegen Mainstream und Moderne führen und ihre Ressentiments als freie Meinungsäußerung tarnen.

 

Nein –  Figuren wie Paul Ziemiak, Philipp Amthor oder Tilman Kuban stoßen die Türen weit auf nach rechts, zur AfD. mit ihrem bigotten, korrupt-konservativen, reaktionären Ansichten und ihrem verlogenen Verhalten  sind nicht jung. Sie sind genauso wie die alten Eliten. Mit ihnen ist kein Staat zu machen; sie bieten nichts Neues, sondern nur Zaghaftigkeit und den alten Opportunismus. Ihre Fassade ist brüchig, ihre altbackene Maquillage blättert wie die Schminke der Marquise Merteuil am Ende der gefährlichen Liebschaften – gefährliche Liebschaften mit der Reaktion liefern sie sich ja auch und die alten Pockennarben der neoliberalen bis faschistoiden Menschenverachtung kommen darunter zutage. Wie kann man sich vor dieser Ansteckung schützen?

Die Kollegin Jule Schulte vom STERN und andere Kolleginnen des Feministischen Magazin „Edition F“ empfahlen dazu im Februar 2019:

„Lebe so, daß Jens Spahn etwas dagegen hätte!“

https://www.stern.de/neon/wilde-welt/politik/jens-spahn–ihre-frauenfeindlichkeit-wird-langsam-laecherlich-

 

 

 

KLUMPFUSSNOTE

Tilman Kuban – angeblich Junger Vorsitzender

 

Diederich Heßling V. erklomm das Rednerpult. Ein Handlauf wäre gut gewesen, an dem er sich hätte hinaufziehen können. Aber seit geraumer Zeit war die Neumode aufgekommen, auf so etwas zu verzichten. Freie Bewegung auf den Podesten und Bühnen mache sich offener, erklärten die Berater, man wirke auf diese Weise  unbefangener und zugänglicher beim Publikum hieß es. Diederich fand, das treffe nicht auf ihn zu; sein seit frühester Jugend zur Unform neigender Körper, „amorph“ hörte er seinen alten Biologielehrer näseln, „amorph“, als der ihn und seine Klassenkameraden in die Welt der Einzeller einführte – und so kam er sich auch vor, wenn er es im Turnunterricht wieder mal nicht über den Bock schaffte und als einzige eine Plautze darüber hing oder vom Reck auf die harten und stinkigen Matten plumpste, „amorph“.

Diederich V. hatte schon früh herausgefunden, daß weitgeschnittene Hemden, mindestens vier Nummern über seiner Größe und Kragenweite, das Wurstartige dieses Körper verdeckten und tröstete sich, daß sein großes Vorbild, der unschlagbare und mächtige Pfälzer einen ebenso ausufernden Körper sein eigen nannte. Nicht jeder konnte wie der linke Justizminister mit dem Schuhlöffel in die Hosen steigen.

Gott sei Dank waren es vom Bühnenrand bis zum Pult nur ein paar Schritte – darauf jedenfalls hatte die Parteitagsregie nicht verzichtet: das Pult, von dem aus er die Delegierten im Blick hatte, an dem er sich festhalten konnte und gleichzeitig dozieren durfte war nicht verbannt worden-

Schon als eben sein Name durch den Lautsprecher angekündigt worden war, schwoll ein heftiger Beifall von den Delegierten aus Niedersachen und Bayern auf und trug ihn bin in die Mitte der Bühne, jetzt war er zum Brausen angewachsen.

Nun Volk steh auf und Sturm brich los, dachte er und konnte sich nicht mehr entsinnen, wo er den Spruch aufgeschnappt hatte. Wichtig war aber, daß sie am Ende seiner Rede von den Sitzen gerissen waren.

Deutschlandtag stand da in riesigen Lettern über ihm allein am: und daneben die Projektion der schwarz-rot-golden e Fahne des Vaterlandes. Ja – er gebrauchte noch solche Worte wie „Vaterland“, obwohl die Coaches ihn ermahnt hatten, es nicht zu häufig zu benutzen, sondern  gezielt und am besten mit verwandten Begriffen stabreimend einzusetzen: „Familie, Volk und Vaterland!“ – das war sein Programm! Aufgrund einer leichten Rechtschreibschwäche hatte er noch in seinem Abituraufsatze alle drei Vokabeln mit dem nämlichen „F“ geschrieben – aber jetzt mußte er ja reden und nicht schreiben!

Er nickte jovial und hob die Hand zum Zeichen, daß er beginnen wolle. Ein erhebender Moment…sein UrUrUrUrgroßvater war noch jubelnd und Hurraschreiend  dem Monarchen mit gebeugtem Nacken und den Hut schwenkend nachgelaufen und jener hatte ihm wohlwollend vom Landauer auf hinabblickend gedankt für die Huldigungen. Diese damalige Ehrung durch den Kaiser war 150 Jahre über alle Generationen überliefert worden und blieb in der Familie für immer ein epochales Ereignis.  Ja, es hatte diese Generationen gebraucht, aber nun war er es, Diederich V., der Enkel, dem gehuldigt wurde. Es war Wahlvolk, das da im Saale saß, ebenso amorph wie er selbst – aber er mußte ihm schmeicheln – und so kam ihm die Anrede „Liebe Freunde“ seidenweich von den aufgeworfenen Lippen.

Oh, da saßen in der dritten Reihe die Corpskollegen, einige hatten gar die bunten Bänder angelegt, die sich über den Bäuchen spannten. Eine schöne Demonstration bündischer Solidarität. Die Jungens mußte er grüßen – und er winkte zu ihnen hinüber und wies, wie er es dem amerikanischen Präsidenten abgeschaut hatte, mit dem Zeigefinger auf sie und hob dann den Daumen als Victoryzeichen. Standen für „Victory“ nicht eigentlich die gespreizten Zeige-und Mittelfinger…? Egal, damit konnte er sic nicht aufhalten. Die Corpsabordnung applaudierte noch einmal, einer pfiff sogar auf den Fingern.

Also…“Liebe Freunde“…das mußte eine Donner-Bewerbungsrede um den Vorsitz der Jungen Parteimitglieder werden. Da hatte es gar keinen Zweck sacht anzufangen. Gleich die Lautstärke hochschrauben… Sch… doch drauf, wenn er nachher heiser war; gewinnen mußte er, um jeden Preis. In der Hosentasche steckte das kleine Röhrchen mit den Phosphorpillen zum Gurgeln, sie schmeckten ekelhaft, aber vorhin hatte er auf der Herrentoilette gleich drei in das Gurgelwasser eingeworfen. Er hatte es beim Kneipen, als er als Fuchs das erste Mal eine Rede halten mußte auch mit Bier versucht – aber das Phosphorzeug verdarb den Geschmack des Gerstensaftes.

Er sprach nicht ganz frei, denn er mußte sich noch zügeln naja – einen Spickzettel hatte er vor sich, damit er nicht den Faden verlor.

Als erstes mußte er natürlich loswerden, daß er seinem Vaterlande und seiner Partei dienen wolle, weil unsre „schöne Heimat es wert ist“. Und dann, daß mit ihm ein frischen Wind von früher wieder aufkommen würde.

Ja, natürlich, natürlich verehre er den Inhaber des Kanzleramtes – es ging ihm einfach nicht über Lippen dieses „In“ am Ende vom „Kanzler“. Lange genug war das jetzt eine Frau gewesen, die konnte kein Idol sein, jetzt mußten endlich wieder die Männer ran – aber auch das durfte er noch nicht deutlich aussprechen, denn selbst den Vorsitz der Partei hatte ja bereits wieder eine Frau gekapert. Die entsprach zwar in vielen Bereichen auch seinem Denken, aber sie war halt doch mur eine Frau. Er mußte die Hoffnung der Männer in der Partei verkörpern; dazu wieder paßt seine wuchtige Statur. Ein Kerl von altem Schrot und Korn.

Man konnte es mit dem Feminismus auch übertreiben. Mit ihm würde es keine Quoten geben. Und dann diese Blümchenthemen: Genderismus, also wirklich, es gibt Mann und Frau und dazwischen vielleicht nur noch ein paar verwirrte Schwule. Und diese Homoehe; das war ein Fernziel, die wieder zu kippen, als Jurist würde er schon was finden, um die Verfassungsmäßigkeit anzuzweifeln, und dieser Jungspund mit der schwarzen Hornbrille aus Mecklenburg hatte so sicher schon einige Ideen in petto.

Da mußte sowieso rangegangen werden an die Verfassung, dieser ganze Quark mit den ausufernden Menschenrechten, vor allem beim Asyl. Das Land mußte wieder sicherer werden – Autsch, er biß sich in die Zunge, beinahe wäre ihm die Sache mit den Messermännern rausgerutscht. Gerade noch gut gegangen. Aber diese lästige Konkurrenzpartei, die den Begriff aufgebracht hatte, war ja eigentlich auf der richtigen Fährte, wenn sie aus dem Asyl ein Gnadenrecht machen wollte; in ein, zwei Jahren, wenn endlich diese Frau Kanzler abgewirtschaftet hatte, würden die Aussichten für noch mehr Gemeinsamkeiten günstiger stehen. Und wer weiß, welche Koalitionen dann möglich wären, jeden falls durfte es keine mehr mit den schwindsüchtigen Sozis geben.

Aber wir müssen unsere Heimat, die Familien und Frauen schützen vor kriminellen Ausländern und vor dem Zugriff einer toll gewordenen EU in Brüssel. Europa der Vaterländer schrie er und haute mit der Faust aufs Pult. Donnernder Applaus!

In der Politik, liebe Freunde, hub Diedrich V. nach einer Kunstpause neu an, muß es wieder um die harten, Themen gehen, den Schutz unseres Wohlstandes auch morgen und nicht um das Klima in zwanzig Jahren. Um Arbeitsplätze muß es gehen, um das Ende der sozialen Hängematten – es ist nicht mehr genug für Alle da, einer mußte doch endlich Tacheles reden in dieser Sozialistenrepublik. Die angebliche Armut ist eine  Charakterschwäche; mangelnde Erwerbstüchtigkeit – eine Krankheit“ Er hatte sich ja selbst auch hochgearbeitet in Partei und Wirtschaft.

Was Tüchtigkeit ist, das hatte er in seiner Verbindung gelernt; gut, man mußte auch mal einstecken können, den Mund halten und manches schlucken. Aber nur so kam man voran. Wes Brot ich eß, des Lied ich sing – das werden wir den Gewerkschaften auch noch beibringen. Der junge Kanzler im Nachbarland, nur ein paar Jahre älter als er selbst, hatte da beachtliche Erfolge gefeiert.

Und überall dieser Linksextremismus, Antifaschismus, ja linke Terrorismus, damit mußte schluß sein. Die Partei müsse sich wieder um die deutschen Werte kümmern: von wegen Vegetarismus und dritte Schultoilette, Schul schwänzen für linksextreme Klimademos – und vor allem diese hunderttausendfachen Kindstötungen, die Frauen können doch nicht machen, was sie wollen –des ist das christliche Menschenbild! Man würde Paragraphen der Zeit anpassen und wieder strenger fassen..

Der Applaus umbrandete ihn. Er wäre ja gern deutlicher geworden, aber der Zettel hatte ihn gebremst, seine Gedanken in ihrer ganzen Fülle auszubreiten, er hatte sich gezügelt…

Aber die da unten, die Sturmflut der konservativen Jugend, hatte ihn verstanden. Jetzt jubelten sie ihm zu, wie sein UrUrUrUrgroßvater einmal dem Monarchen zugejauchzt hatte. Das Konservative war eben doch auch die zukünftige Kraft, besonders dann, wenn die Jungen so würden wie die Alten.

Diederich Heßling V. verließ in Bächen schwitzend das Podium und ergab sich dem Applaus der Menge und dem Schulterklopfen seines Landesverbandes. Er wurde gewählt, wie auch anders – denn der Gegenkandidat,  wenngleich noch schneidiger als er selbst und sogar Mitglied einer schlagende Verbindung, unterlag ihm. Diederich Heßling V. sagte es nicht laut wie das meiste, das er eigentlich hätte sagen wollen, dieser Konkurrent eben doch ein warmer Bruder, die sich selbst in seiner Partei ins Rampenlicht drängten. Er selbst war, wie sich das gehörte richtig verheiratet und belästigte niemanden mit seiner Frau; das war privat und gehörte nicht in die Öffentlichkeit.  Und so  wusch er sich nach dem obligatorischen Händedruck mit diesem Gegner rasch die Hände. Auf dem Rückweg von der Toilette in den Saal traf er einige seiner Verbindungsbrüder mit denen er dann auf die Bierschwemme des Kongreßhauses zusteuerte. Seine rauschende Wahl mußte gefeiert werden.

Da kam doch an der Theke neben ihm der Berichterstatter eines linksextremen Schmierblattes zu stehen und sagte zu einem Kollegen, bestimmt nicht ohne Absicht so laut, daß Diederich es hören sollte: „Fürs Wirtshaus taugt er schon mal!“

Damit er nicht losplatzte und einen Skandal verursachte, taumelte Diederich schweißnaß und in Hemdärmeln auf den Parkplatz hinaus zu seinem Wagen und geriet aus der wohlig-umarmenden  Wärme des Parteitages in den kühlen Abendwind. Obwohl er so robust wirkte, war er  gegen Infekte nicht immun und so kam es, daß er sich trotz des ihn überschwemmenden Hochgefühls der Selbstzufriedenheit am nächsten Tage  unpäßlich fühlte. Post coitum animal triste hätte sein Lateinlehrer gesagt.

http://www.taz.de/!5580893/

https://www.queer.de/detail.php?article_id=33214

 

 

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