Dr. Dalquen, Retter der Menschheit und sein Waenverdickungsmittel

Nachdem mein Kaninchen gestorben war, begann ich ein Geschlechtsverhältnis mit einer Frau. Dieses Geschlechtsverhältnis verstörte mich und machte mich völlig nervös. Vor allem traten merkwürdige Gefühle in den Waden auf. Das erinnerte mich an meinen verstorbenen Vater, der auch sein ganzes Leben unter Beinschmerzen gelitten hatte.

    Nach einer Odyssee durch diverse Kaltwasseranstalten, in denen man mich häufig der Thure-Brand-Massage der Dammgegend unterzog, kam ich endlich auf Empfehlung meines Beichtvaters in die Klinik von Dr. Dalquen.

    Hier lernte ich den Mann kennen, der nicht nur meinem Leben eine entscheidende Wendung geben sollte. – Dr. Felix Dalquen hatte seine wissenschaftliche Karriere über Jahrzehnte der Entwicklung einer epochalen Substanz geweiht: dem einmaligen Wadenverdickungsmittel.

    In gefährlichen todesverachtenden Selbstversuchen hatte er sich seine Entdeckung in die Waden injiziert, in der Hoffnung, eine Schwellung derselben zu erreichen, die so enorm war, daß die Waden mit einem Plumps neben die Füße rutschten. In einem weiteren Schritt hoffte er, dieses Mittel auch zur Verdickung von Frauen einsetzen zu können.

    Man erzähle mir nichts – unzählige Männer, die vom pubertären Kaninchen abgekommen sind, möchten doch liebend gerne in den wogenden Fleischmassen einer Dame versinken.

    Im tiefsten November wurde ich von einer privaten Zahnradbahn auf den Hohenkofel hinaufgeschafft, allwo Dr. Dalquen sein Sanatorium zur Wadenverdickung betrieb. Als ich am Abend gegen neun dort anlangte, konnte ich den berühmten Arzt noch nicht sprechen, lernte aber im Speisesaal diverse andere Patienten kennen, die sich der Kur unterzogen.

    Vor allem fiel mir ein dünner älterer Herr auf, der in einem Rollstuhl herumgeschoben wurde. Sein gesamter Körper bestand nur aus Haut und Knochen, aber seine Waden waren so monströs, daß er nicht mehr gehen konnte – deshalb der Rollstuhl. Stolz führte er den anderen Patienten seine enorm dicken Waden vor, deren Muskeln fortwährend zuckten. Seinem Munde entrang sich allerlei Unverständliches – es klang wie „Snörzen“. Ganz gleich, was er auch sagte, man verstand nur „Snörzen!“  Vielleicht lag es auch nur an mir, dem Neuling, daß mir seine Rede fremd blieb. Die anderen stimmten ihm nickend bei.

    Endlich nahm mich eine aufgeblähte Dame beiseite, die sich bereits im Endstadium der Verdickungskur befand und teilte mir mit, daß es dem dürren Herrn gefalle, wenn ihm alle zustimmten. Niemand wisse, was „Snörzen“ eigentlich bedeute. Aber das sei auch nicht so wichtig. Sie dagegen finde Gefallen am Punnen und trüge dabei eine Gummihaube. Was nun das Steckenpferd dieser kurzatmigen Dame anlangt, das Punnen, so bin ich bis heute nicht im Bilde, um was es sich eigentlich handelte. Dafür aber half sie mir über den Verlust meines Kaninchens hinweg. Kaninchen waren von Dr. Dalquen bei Strafe des Klinikausschlusses verboten worden. Wir sollten uns hier ausschließlich um die Wadenverdickung kümmern.

   In einsamen Nächten konnte man nach der Rektalschwester Irmentrud läuten; sie schaffte auf Wunsch einen Camembert oder eine Damenhandtasche herbei, der ich dann aus der Proust´schen Recherche etwelche Kapitel zu Gehör brachte.

    Noch bevor ich an meinem ersten Morgen in das Ordinationszimmer Dr. Dalquens vorgelassen wurde, begegnete ich seinem Adlatus Dr. Bumke, dem einzigen Menschen, bei dem die Wadenverdickungskur noch nicht angeschlagen hatte. Dr. Bumke widmete sich mit großem Ernst psychotherapeutischen Irrigationen und empfahl mir, mich gleich am Nachmittag bei ihm einzufinden, um mich zwei bis drei Einläufen zu unterziehen.

    „Lieber Freund“, hörte ich hinter mir eine kräftig schnarrende Stimme – es war Dr. Dalquen, der aufgrund seiner verdickten Waden nur in einer Art Laufgerüst herumgefahren werden konnte, „treten Sie ein, hier gelangen Sie an den Born jeder Weisheit, hehe, junger Racker! Und lassen Sie sich von einem alten Manne sagen, lieber dicke Waden als eine Rektalmusterung beim Marinearzt während Windstärke neun!“

    Diese deftig-derbe Sprechweise nahm mich für Dr. Dalquen sofort ein. Er setzte mir auseinander, daß ich mindestens ein Vierteljährchen bei ihm hier oben zu verbringen hätte,  bevor meine Waden  einen Umfang erreichten, der eine Rückreise ins Flachland verunmöglichte. – Noch allerlei therapeutisch Wichtiges besprachen wir, bevor er mich zum zweiten Frühstück in den Speisesaal entließ.

    Dort angekommen, traf ich die Dame mit der Gummihaube wieder, eine ordinäre Person, Witwe eines Korselettfabrikanten. Sie kam ebenso neben mir zu sitzen wie ein Herr Knöterich, bei dem die Verdickungskur leider an der falschen Stelle angeschlagen hatte, weshalb er breitbeinig an der Tafel zu sitzen gezwungen war.

    Mit Wonne verzehrten wir britische Würstchen, saure Nieren und sogar einen schmackhaften Borscht, als plötzlich ein heftiger Windstoß die Tischdecken  aufwirbelte und die Glastüre zur Terrasse scheppernd zufiel.

    Dort stand, ohne verlegen zu sein, eine junge Maorifrau, stolz ihre fazialen Tätowierungen im Gesichte und unbeschreiblich verdickt. Ich konnte meine Augen nicht von ihr wenden, denn sie erinnerte mich an einen Schulfreund, den alle nur das Klößchen genannt hatten.

    „Ist sie nicht bezaubernd, unsere Südseeprinzessin“, raunte mir die Korselettwitwe zu. „Ein schwerer Fall! Sie sträubte sich gegen die Verdickung und wird wohl noch etliche Zeit hier verbringen müssen, bevor sie nach Ohrzeanien zurückkehren kann.“

    „Ohrzeanien“ wiederholte ich und mußte feststellen, daß meine Tischnachbarin scheußlich ungebildet war. Die Maorifrau ließ sich am gegenüberliegenden Tisch nieder, dem der dürre Herr mit Rollstuhl vorsaß, und alsbald hörte ich von dort nur noch „Snörzen, Snörzen!“, und alle nickten ihm zu.

     Ja, hier würde es mir gefallen…. So manches Jährchen würde dahinziehen mit Blick auf den Hohenkofel und diesen geselligen und putzmunteren Hausgenossen. Denen drunten im Tiefland würde ich zu berichten wissen, wie gut es tat, freudig der Verdickung der Waden entgegenzusehen. Nach sieben Jahren unter meinen Kurkollegen benötigte ich auch kein Kaninchen mehr. All dies habe ich Dr. Dalquen zu verdanken, der, das werde ich in der Fortsetzung meiner Lebensgeschichte zu berichten wissen, die hungernde Menschheit mit seinem Wadenverdickungsserum rettete.

 

 

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