Freunde, Römer, Leute….

Ich brauch Eure Meinung…

Hier dürft Ihr mal in meine Werkstatt gucken:

Dies sind die ersten Kapitel eines neuen Romanes – keine Kunst, ein Potboiler; eine düstere Zukunftsvision, ein Horrorstück! Das letzte Kapitel wird ziemlich blutig…

 

Und das kommt so:

Als ich vor sieben, acht Jahren die ersten unglaublichen Tiraden von Gabriele Kuby las – damals wurde sie noch für eine Kreischhenne aus den Sümpfen der Catholica gehalten, ahnte ich jedoch schon, was wir nun seit vier Wochen genau wissen. Ich mußte mir seinerzeit bloß die trüben Kontakte die Frau anschauen – sie traf und zitiert immer wieder Scott Livley, der mit Geldzuwendungen und Juristisch-Fachmännischem Rat Dritte Welt Staaten dazu „überreden“ wollte, die Todesstrafe für Homosexuelle einzuführen; Kuby trieb sich auf „Familienkongressen“ unter der Schirmherrschaft Putins erum, wo sie sich über die Anti-Homogesetzgebung in Rußland informierte, wurde Gallionsfigur der „Demo für Alle“ und ähnlicher Zusammenrottungen von Anti-Homo-Fanatikern usw. usf.  – aber sie ist ja nicht allein:

Vor vier Wochen machte uns dankenswerterweise Andres Kemper mit einem Bericht aus dem EU-Parlament bekannt. Dieser Bericht beschreibt, wie zahlreiche internationale Haß-Organisationen sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit vernetzen, finanziell und ideell unterstützt von Fanatikern aus den USA und Rußland – und wie sie inzwischen gemeinsame Sache machen mit Europas neofaschistischen Parteien, um – so der Titel der Absichtserklärung von „Agenda Europe“, „die natürliche Ordnung wiederherzustellen.“

Hier die EU-Dokumentation:

https://www.epfweb.org/sites/epfweb.org/files/rtno_epf_book_lores.pdf

Es geht also um mehr als einige unbeholfene Bustouren der „Demo für Alle“. Die herbeiphantasierte „schwule Weltverschwörung“ gibt es natürlich nicht – aber es gibt eine clandestine internationale Zusammenarbeit namens „Agenda Europe“, um mindestens wieder die „Strafbarkeit von Homosexualität“ zu erreichen; Frauenrechte zurückzuschrauben, Abtreibung und Ehescheidung zu verbieten etc. – Und man macht gemeinsame Sache mit den neofaschistischen Parteien; Hedwig von Beverfoerde empfiehlt ganz offen die AfD.

Ich habe das damals schon geahnt, hatte aber nicht die Mittel, die in Brüssel bereit stehen, um das nachzuweisen.

Es ist also kein Zufall mehr, daß die AfD in einigen Bundesländern nicht nur Behinderte, sondern auch Schwule „zählen“ lassen will, kein Zufall mehr, daß ein deutscher Weihbischof davon schwadroniert, daß Schwule „den Tod brächten“, daß der evangelikale Geistliche Tim Behrensmeier bei  CitizenGO, eine der Organisationen des Netzwerkes „Agenda Europe“ wenige Tage nach IDAHOT behauptet, die „internationale Homolobby“ sei u.a. verantwortlich für Abtreibungen in der BRD und „damit an tausendfachem Tod“, es ist längst kein Zufall mehr, daß ausgerechnet am 17. 5. Ein AfD-Abgeordneter im Berliner Senat Homo-und Transsexuelle  „Abarten des menschlichen Lebens nennt!“

http://www.queer.de/detail.php?article_id=31203

http://www.queer.de/detail.php?article_id=31192

 

Vor acht Jahren schon habe ich gesagt: hier werden Auslöschungsphantasien vorformuliert. Ich wollte damals einen Roman schreiben mit dem Arbeitstitel „Der Sodomitenjäger“. Die „Agenda Europe will den Schandbegriff „Sodomit“ wieder einführen.

Es scheint, daß meine Geschichte dieses „Jägers“ doch erzählt werden muß: sie spielt in naher Zukunft, in der die Neofaschisten überall in Europa „die Macht ergriffen“ und die EU, die Menschen-, Frauen-, Kinder- und Homo-und Transrechte sowieso geschliffen haben und mit Hilfe der Religiösen ein strenges „Sittensystem“ durchdrücken, vom dem sie glauben, daß es der christlichen, „natürlicen“ Staatsordnung des 4. Jahrhunderts gleicht, von der ganz explizit amerikanische Evangelikale und Katholiken träumen – im 4. Jahrhundert hatte sich das Christentum als römische Staatsreligion durchgesetzt und der Niedergang des römischen Reiches begann.

Wer wissen will wie soetwas aussehen kann, der möge sich auf der Webseite des „Demo für Alle“ –Unterstützers Matthias von Gersdorff informieren – er ist Mitglied der „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“, einer aus Südamerika eingeschleppten Sektenorganisation, die solvent und meinungsstark ist; da ist das Opus Die fast schon eine Klosterschule dagegen. – Da heißt es: Der Mann über der Frau und den Kindern, nur die Familie als Lebensform, die Heterosexuellen über allen anderen, der Adel/die Besitzenden über dem Rest.

http://www.tfp-deutschland.de/

Besonders interessant sind diese Aufsätze, die seit Jahr und Tag ungeniert aadie antidemokratisch-menschenfeindliche Gesinnung dieser Frömmler offen darstellen:

http://www.tfp-deutschland.de/hintergrund/hg1_2.html

http://www.tfp-deutschland.de/hintergrund/hg3_3.html

 

Vor ein paar Tagen habe ich „Bergfest“gefeiert (um im christlichhen Jargon zu bleiben). Die Hälfte des Romanes ist geschafft.

Und deshalb frage ich Euch mal, meine Lieben…wollt Ihr das lesen? Soll ich weiter schreiben?

 

 

Der Sodomitenjäger

ein polemischer Roman von

Wolfgang Brosche

 

 

I.

 

Liebe Gläubige, der Sender Gloria-Maria bringt Ihnen nun in seiner Kirchensendung anstelle des Schmerzvollen Rosenkranzes einen Direktbericht von der würdevollen Hinrichtung dreier in der letzten Nacht entlarvten und verurteilten Sodomiten. Unser Berichterstatter von der Saale ist unser allseits beliebter Chefredakteur Matthäus Gerber!

Gelobt sei Jesus Christus

 

„Meine lieben Zuhörer: Hier hallen die Hammerschläge im Namen des Herrn und des Gesetzes durch das Tal. Da fließt die Saale, dort blühen Apfel und Kirsche und die Laubwälder leuchten in jungem Grün. Darüber der verheißungsvolle Himmel Mai. Die Landschaft ist wieder neu und das Holz wie der Maibaum im Ort ganz frisch und gerade geschlagen. Damit zimmern sie Galgen für die Sodomiten, die sollen dran hängen, weil sie nicht sind wie die Gehorsamen und die Gerechten, die nur sich begatten im Namen des Herrn, seinen Ruhm zu mehren, indem sie Kinder zeugen, neue Gläubige, die ewige Reihe der Gottesfurcht. Jeder Hammerschlag der Zimmerleute – auch der Herr Jesus war ein Zimmermann – ein Geschoß: Nagel ins Holz, so wie der Herr starb Nagel durchs Fleisch ins Holz.

Doch die Sodomiten sollen nicht den Märtyrertod sterben, die sollen hängen als Verbrecher, denn die fallen aus der Gnade der Welt, die sie verderben wollen. Sie erlangen nicht die Liebe des Herrn, denn die können nicht lieben.

Liebe ist nur, was die Kirche Liebe nennt. Die dem nicht folgen, sollen sich bekennen krank, pervers, untertan, dann wird ihnen Gnade zuteil. Wenn sie aber nicht die Gnade des Herrn annehmen und starrsinnig verbleiben im Unrat ihrer Sünden, dann sollen sie sterben, wie es auch das weltliche Gesetz vorsieht. Das ist die Notwehr des Herrn und des Staates. Die Sodomiten sollen nicht das Abendland in Sünde stürzen, Erbsünde, Sünde an Unschuld und Wahrheit. Die sind nicht so wie wir, die gehören ausgemerzt von Gottes Erde.

Die Schafe der Unschuld weiden dort drüben auf der Wiese wo die Schaulustigen warten, die darf man nicht stören, die sollen grasen bis in alle Ewigkeit und während sie grasen erschallen die Hammerschläge des Herrn. Die Hämmer in den Händen der Büttel und die Stricke werden befehligt von den Weisen im Herrn und den Weisen des Staates.

Baumeln sollen sie, die der Natur des Herrn und seiner Diener widersprechen. Dies ist ein Akt der Liebe Gottes, der uns damit bewahrt vor der Sünde und denen, die sündigen! Dies ist auch ein Akt der Notwehr des Staates, der die aussortieren muß, die ihn bedrohen!

Hier endet die Stadt. Dort die Pappelallee mit dem Kreuzweg, der führt auf den Richtplatz. Die Stationen des Leidens; das hat der Herr gelitten, daran führen sie die Sodomiten vorbei, damit die wissen, was wahres Leiden ist, was wahre Liebe ist. Die sollen sich beugen an jeder Station – ein Schlag in den Nacken, damit sie auf die Knie fallen in den Schmutz und den Staub, wohin sie gehören und woraus sie gemacht sind.

Jetzt zieht man ihre Köpfe am Haar, damit ihr Blick auf die Reliefs in den Kreuzwegstationen fällt, die in Stein gegrabenen Schmerzen des Herrn – die sollen auch sie spüren – deshalb haben Ministranten vorhin spitzigen Kies vor jede Station gestreut und der Büttel hat den Delinquenten die Hosenbeine abgeschnitten, damit die Haut der Knie aufreißt und sie bluten wie der Herr. Aber die bluten nur sündiges Blut, krankes Blut, das Blut des Widerwillens, das Blut des Ungehorsams, das bleibt auf ewig vergebens vergossen.  

So geht der Zug hinaus: da die ertappten, widerspenstigen Perversen, Kotstecher, Knabenverführer, Analkrebsverbreiter, die Blindgänger der Fortpflanzung, die Kranken, die sich nicht kurieren lassen, die müssen ausgemerzt werden vom Antlitz der Erde im Namen des Herrn und das ist gut getan!

Sie erreichen den Festplatz, getrampelte Erde und Klee und die Unzahl Marienblümchen, die weißen Punkte im Gras. Die Unschuldsblumen mit dem Namen der Jungfrau, der Himmelskönigin, die den Schmutz des menschlichen Körpers, die Begattung, nicht kennt, nicht erleben mußte, weil der Herr sich ihrer erbarmte und bediente, die Unschuldige, die ewige Jungfrau – ach bitte für uns…

Was für ein Wetter, ein himmlisches Blau, nicht eine Wolke, nichts Trübes und im sanften Maiwind die Glocken der Stadt, die läuten ihr himmlisches Moll, streng und mahnend. Dennoch freut sich die Menge, denn dies ist ein Feiertag; der Tag des Gerichts, die Arbeit ruht, man drängt heran und holt sich von den fliegenden Händlern Zuckerwaren und Brezeln und Bier. Und Wetten schließt man ab, wer am längsten baumelt, bis er den letzten Seufzer ausstößt. Sogar der Küster setzt mit.

Die Tribünen waren gestern bereits gezimmert und aufgestellt worden. Wer keinen Platz auf den Bänken findet, der drängt sich im Pulk und schwätzt aufgeregt mit den Nachbarn, wer denn heute den sodomitischen Hals in die Schlinge steckt.

Durch das Geläut von der Stadt schallen noch immer die Hämmer – die Zimmerleute richten den Balken auf dem Podest: die letzen Nägel hinein in das Fichtenholz, das riecht noch, es wurde nicht lange gelagert, nach Harz.

Da naht schon der Bürgermeister heran mit dem Ehrengast, der unsere Stadt von den letzten Sodomiten befreite; in seiner würdigen Soutane und dem breitkrempigen Hut auf dem Haupt, der Sodomitenfänger, Monsignore Basil von Echs…“

 

Der Radioreporter, ein freigestellter Priester mit einer Neigung zu blumiger Sprache, der er auch in seinen Predigten frönte – die Gemeinde war ganz begeistert und bedauerte sehr, daß er zu Gloria-Maria gewechselt hatte – schnappt endlich nach Luft, eilt auf die Abteilung der Stadtväter zu und drängt ihnen sein altertümliches Mikrophon unter die Nasen.

„Herr Bürgermeister! Ein Wort an unsere Hörer im ganzen Land…“

Der Bürgermeister wirft einen fragenden Seitenblick auf den Monsignore, der nickt gönnerisch zustimmend, will heißen: Ich laß Ihnen den Vortritt!

Der behäbige, untersetzte Mann räuspert sich, er ist es nicht gewöhnt im Radio zu sprechen und dann auch noch ganz frei. Natürlich nicht ganz frei; er hat sich noch in der Nacht, nach der letzten Sitzung des Gerichtes, vorsorglich ein paar Worte zurechtgelegt. Er konnte sie dem Monsignore nicht mehr unterbreiten, aber der vertraut darauf, daß der Bürgermeister schon das Richtige sagt:

„Nun ist auch unsere Stadt sodomitenfrei! Wer hätte gedacht, daß es selbst in unseren Mauern noch Sodomiten gäbe… Aber Monsignore von Echs hat sie aufgespürt und entlarvt. Sie konnten sich nicht verstecken. Jetzt können wir freier atmen. Wir sind befreit von der Seuche und danken dem Monsignore von Herzen und sagen Vergelt´s Gott!“

Die Umstehenden, die Entourage des Bürgermeisters von der Stadtverwaltung, applaudieren, dann fällt pflichtgemäß auch die Menge ein in den Beifall. Der Mann ist froh, daß er seine Zeilen ohne Stottern hinter sich gebracht hat und seufzt erleichtert. Aber gleich denkt er daran, daß der Monsignore sich natürlich nicht mit dem öffentlichen Vergelt´s Gott zufrieden geben wird. Heut Abend wird er im Amt sein Honorar abholen; ein stattliches. Es wird eine tiefe Lücke ins ohnehin klamme öffentliche Säckel reißen.

Der reportierende Priester wendet sich dem Sodomitenjäger zu; dem kann er nicht mit einer Wortlawine kommen. Er muß ihm kurze und knappe Fragen stellen. Eigentlich liegt ihm dieser Teil seiner Radioarbeit ganz und gar nicht:

„Monsignore, wieder einmal haben Sie Erfolg gehabt. Und wieder einmal eine Stadt gerettet… das muß Sie doch mit Stolz erfüllen!“

Der Monsignore nimmt den Hut ab. Jetzt ist sein Gesicht erkennbar: hagere Züge, tiefe Furchen neben der Nase, eine trockene auf den Wangenknochen schuppige Haut und ein eisgrauer Bart ums Kinn. Kein junger Mann mehr – aber seine Augen, taubengrau, mit einigen Splittern Grün darin, sind ganz klar, er braucht keine Brille,. Diese Augen fixieren das Gegenüber wie ein Jäger die Beute vor dem Schuß. Wie schade, denkt der Reporter, daß wir kein Fernsehen mehr haben, dann könnte man zeigen, wie durchbohrend dieser Blick ist. Das ist der richtige Mann am richtigen Platz.

„Stolz“, der Monsignore wägt und wiegt das Wort im Mund. Seine Stimme ist nahezu angenehm, aber hin und wieder klingt da ein blecherner Ton aus dem Rachen, als niste dort schon länger ein Husten, den er nicht loswird.

„Stolz bin ich, daß ich das Werk des Herrn verrichten kann. Das sicher. Aber ich bin eben nur ein Werkzeug. Doch zugegeben, die da, “ er weist mit dem Kopf in Richtung der Delinquenten, „haben es mir nicht einfach gemacht. Es sind ja Rückfällige, die schon einmal in Behandlung waren und sich nicht beherrschen wollten oder konnten. Die wissen, wie man sich tarnt und normal gibt.

Es ist ja nicht so, daß man sie leicht erkennen könnte an ihrem Gehabe oder ihrer Kleidung wie früher. Sie haben sich angepasst und versuchen, nicht immer glückt es ihnen, das weibische Gehabe abzulegen. Sie haben sich versteckt und im Geheimen verschworen, um ihren Schmutzigkeiten nachzugehen. Es ist schwer geworden, sie zu entlarven.“

Der Monsignore erhebt die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger, eine schmale Hand, manikürt und fast alabasterweiß, seine Geste hat Ähnlichkeit mit der von Johannes dem Täufer auf dem Grünewaldaltar, leicht gedreht die Hand und anmutig ausgestreckt, das könnte man malen. Wie gut, daß man schon am Collegium Germanicum bischöfliche Gesten einstudiert hatte. 

Die Pause verschafft dem nächsten Satz des Monsignores erschreckendes Gewicht: „Aber das ist ja gerade die ärgste List des Satans, uns glauben zu machen, er existiere nicht!“

 „Wollen Sie uns nicht erzählen, wie Sie die Sodomiten überführt haben?“ fragt der Reporter.

Der Monsignore schüttelt den Kopf: „ich glaube nicht, daß wir das über den Rundfunk verbreiten sollten. Es hören ja auch Kinder zu. Ich will einzig sagen, daß ich sie nach langer Observation in flagranti ertappte; es war so eindeutig, daß wir bloß noch einmal in ihren Akten nachsehen mußten, welche Vorstrafen sie bereits hatten. Dann konnten wir sie der weltlichen Gerichtsbarkeit dieser Stadt übergeben. Und wenn ich Wir sage, dann meine ich meinen lieben Assistenten Vinanser,“ er wandte sich um und winkte einen hoch gewachsenen, athletischen Mann heran. Nicht mehr im  ersten Drittel seines Lebens, aber jugendlich, sportlich das kräftige Kinn glatt rasiert, ein Beau mit melierten Schläfen. Er hatte noch immer die Frische seiner Jugend und Heimat, kam er doch aus einem Tiroler Bergdorf – fromm und bauernschlau –  mit einem Stipendium nach Rom, wo der Breitschultrige Basil von Echs früh aufgefallen war. Gustl Vinanser trug nie eine Soutane, der schwarze Anzug auf Taille geschneidert, der war nicht billig, stand ihm besser. Er war schon mit so einem maßgeschneiderten Anzug nach Italien gereist. Der Generalvikar seiner Diözese hatte ihn dem jungen Mann gekauft. Er sollte doch im Vatikan bona figura machen. Auch duftete Vinanser nach einem der seltenen Eau de Toilettes für Männer – Parfums waren ohnehin der pure Luxus – er hatte es von einer Romreise mitgebracht. Der Heilige Vater hatte erlaubt, daß ein für ihn kreierter Duft in den Andenkenläden verkauft werden durfte. Es war ein letztes, kostbares Päckchen an Flacons, das er ergattert hatte…. 

Hätte man das noch sagen dürfen, aber der Sprachgebrauch war verpönt, dann würde man Vinanser einen schönen Mann nennen. Doch das schickte sich seit einigen Jahren nicht mehr, seit dem Sprachregelungsgesetz; es war höchstens gestattet das Leidensantlitz des Herrn Jesus am Kreuz als schön zu bezeichnen. Denn sein Leiden hatte ja auch etwas unendlich Schönes. Wie ja das Leiden immer eine eigene Schönheit besitzt, besonders bei den Armen. Und auch die Verwendung von Duftwässern für Herren war eigentlich nur noch dem Klerus vorbehalten, der über jeden Zweifel erhaben war. Der an sich so männliche Vinanser benutzte es sicherlich, um Sodomiten anzulocken. 

Vinanser kam nicht dazu, etwas ins Mikrophon zu sprechen, denn von hinten näherte sich nun der Zug mit den Todeskandidaten: drei noch sehr junge Männer, keiner älter als fünfundzwanzig. Sie hatten einmal Frisuren gehabt, die nicht dem vorgeschriebenen Fassonschnitt entsprachen. Lange Haare waren Männern eigentlich verboten, sowie Kurzhaarfrisuren den Frauen. Schon die nordkoreanische Führung wußte: die Aufweichung der Geschlechter begann im Frisiersalon. Damit sie halbwegs büßerhaft aussahen, hatte man ihnen die Mähnen noch vor wenigen Minuten im Gefängnis grobschlächtig gekürzt und nun waren sie gestutzt, mit Scharten und Kanten in den Tollen, heruntergekommen wie Straßenpenner.

Die Köpfe hielten sie gesenkt, ärgerlich vor allem für die vielen jungen Mädchen der Hauswirtschaftsschule, die in Klassenstärke hergeführt worden waren. Sie hätten gerne einmal einen Blick geworfen auf die Gesichter. Sodomiten, wurde getuschelt, sollten zumeist sehr hübsche Männer sein. Aber hübsche Männer durfte es ja nicht mehr geben.

Der Trupp mit den Bewachern hielt vor dem Gerüst. Einer der jungen Männer wagte es aufzublicken und in die Runde. Schwarz, traurig aber noch immer verwegen.

Nichts kann man dem ansehen, dachte eines der Mädchen. Sie erkannte in ihm den Organisten der Domkirche, der auch als Klavierlehrer an ihrer Schule arbeitete. Sie hatten ihn alle gemocht, den jungen Mann mit dem wüsten schwarzen Haar und den schlanken Händen, die so geschickt über die Tasten eilten. Nun, die Schülerinnen sollten ja nicht Pianistinnen werden, sondern höchstens Chöre beim Singenachmittag begleiten können oder bei Altennachmittagen aufspielen. In die Kirche gehörten keine Frauenstimmen, Knaben- und Männerchöre gefielen dem Klerus und Gott bei weitem besser.

Jetzt war das Gesicht des Klavierlehrers müde und leer. Er und die beiden anderen jungen Männer waren wohl durch Nächte verhört worden. Schade, das Mädchen konnte in diesen Gesichtern nichts Sodomitisches erkennen, die waren noch immer jung und hübsch, sogar trotz der rotgeränderten Augen und der getrockneten Tränen auf den Wangen.

Da kann man mal sehen, wie der Teufel sich tarnt – hübsche Fratzen und unschuldige Blicke, aber hinter dieser Maske: homosexuell. Sie starrte den Todeskandidaten an und biß in eine Salzbrezel. Die Krümel rieselten auf ihre weiße Bluse.

Ein Aufhebens mit letzten Worten war nicht vorgesehen. Als die öffentlichen Hinrichtungen eingeführt worden waren, nutzen einige der Delinquenten ihre letzten Worte zu blasphemischen Manifestationen. Das mußte man unterbinden.

Ein Pater aus dem Benediktinerkloster sprach die entsprechenden Gebete. Seinen sonstigen Beistand hatten die drei empörenderweise abgelehnt. Sodomiten und Atheisten, schlimmer konnte es kaum kommen. Und wozu der geistliche Beistand, was hätten sie auch zu hoffen gehabt? Sie verließen im Zustand schwerster Sünde die Welt und würden niemals vor Gottes Angesicht treten. Es ging mit ihnen todsicher gleich abwärts ins Purgatorium und nie wieder hinaus.

Die Beamten der Ortspolizei, die sie hergeführt hatten, drängten die jungen Männer aufs Schafott hinauf. Einer stolperte auf der eben noch zusammen gezimmerten Treppe, weniger ein Fehltritt als der Angst geschuldet. Sein Bewacher half ihm auf. Das Glockengeläut war abgeebbt und als die drei Delinquenten unter den Stricken angekommen waren, versiegte auch das Gerede und Geschwätz der Menge, ohne daß jemand zum Schweigen aufgefordert hätte.

Aus der Entourage des Bürgermeisters drängte sich der Gerichtspräsident des Ortes heran, stieg nun die Treppe zum Hochgerüst hinauf, stellte sich vor ein Mikrophon und tappte mit dem Finger darauf. Über den Festplatz schallten die dumpfen Geräusche auf dem metallenen Netz. Er räusperte sich; auch das war auf dem ganzen Gelände zu vernehmen; man hatte sechs Verstärker im Kreis verteilt. Zwei hatte Radio Gloria-Maria zur Verfügung gestellt, die restlichen vier waren aus verschiedenen Kirchen der Stadt herbei geschafft worden.

Der Gerichtspräsident war ein alter Mann. Er hatte noch vor den bürgerkriegsartigen Unruhen, die dann durch die erste nationalreligiöse Regierung beendet worden waren, Jura studiert. Die vielen neuen Gesetze und Änderungen der vergangenen fünfzehn Jahre konnte er sich nicht mehr merken und mußte sich deshalb mit zahlreichen Notizzetteln behelfen, die in all seinen Taschen steckten. Er hatte seinerzeit bei der Einführung der Todesstrafe für unbelehrbare Sodomiten eine Rede aufgesetzt und vom Parteisekretär und Generalvikar abgesegnet bekommen. Eine Rede für alle Fälle. Aus seiner Brusttasche zog er das oft schon ge- und entfaltete Blatt. Das war damals noch in großen Lettern von einem Drucker ausgespuckt worden, der dann bald darauf den Geist aufgab; es gab niemanden, der ihn reparieren konnte. Und neue Computer schon gar nicht. Was noch an Büroelektronik funktionierte, war landesweit konfisziert worden, ebenso wie die privaten Rechner. Jetzt schrieb man wieder auf alten Schreibmaschinen. Einmal im Jahr brachte man sie zur Schriftprobe ins Generalvikariat. Diese einfache Maßnahme zur Überwachung der renitenten Bevölkerung hatte man schon zu Zeiten Ceaucescus in Rumänien angewandt, alte Securitate-Leute aus den heimatverbundenen Kreisen der Deutschrumänen hatten sich ihrer Methoden erinnert und an die Behörden weitergegeben. Im Generalvikariat gab es noch einen Zentralcomputer, der allerdings in den letzten Monaten immer öfter abstürzte. Es dauerte Tage, bis vom Regierungssitz in der Landeshauptstadt zuverlässige Ingenieurspatres zur Reparatur hergeschickt wurden. Sie reisten ständig umher und hatten viel zu tun den überalterten Computerbestand der Behörden zumeist nur notdürftig in Funktion zu setzen.

Der Gerichtspräsident konnte die kleingetippten Buchstaben der Schreibmaschine aus seinem Büro nicht mehr lesen, seit die letzte Brillenzuteilung für Kassenpatienten auf sich warten ließ. Brillenkontingente gingen erst einmal an den Klerus und an höhere Parteifunktionäre. Deshalb war der brillenlose Gerichtspräsident über den großen Druck auf seinem Blatt sehr froh.

„Wir sind hier“, begann er bedachtsam sprechend, „zu einer traurigen Pflicht versammelt. Traurig, denn wir machen dies nicht gern. Aber es muß sein: wir können Sodomiten nicht mehr in unseren Reihen dulden. Wir haben Mitleid mit ihnen und fordern sie auf, wie andere Kranke, sich behandeln zu lassen. Aber wenn sie erneut auffällig und rückfällig werden, hat jede Behandlung und Disziplinierungsmaßnahme ein Ende. Wir können nicht dulden, daß die widernatürlichen Triebe sich ausbreiten und damit die Familien, die Kinder und den Staat gefährden. Wir mußten die Legalisierung des Bösen, wie unser erster deutscher Papst sagte, beenden und deshalb richten wir die, die dem Bösen verfallen sind nach dem Naturrecht und schließen sie aus der Gemeinschaft aus – durch die höchste Strafe, die Gott erlassen hat. Wir haben keine andere Möglichkeit die Kirche, den Klerus, den Staat und die Familie vor dem Widernatürlichen zu schützen und deshalb müssen wir die Sodomiten züchtigen und zuletzt, wenn sie unverbesserlich sind, die Todesstrafe verhängen. Damit erfüllen wir den Willen des Herrn, denn wie steht es geschrieben bei Mose : „Schläft einer mit einem Mann wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Greueltat begangen, beide werden mit dem Tode bestraft“!

Und selbst diese Strafe ist immer noch ein Zeugnis für die Liebe des Herrn. Denn er wäre kein liebender Vater, wenn er jene nicht strafen und uns andere damit warnen, mahnen und schützen würde. Diese Strafe soll andere abschrecken, abschrecken, sich verführen zu lassen vom Satan zu widernatürlichem Verkehr. Denn nichts anderes ist dies; ein Verstoß gegen die Natur, das Sittengesetz, den Staat und gegen die Kirche und Gott. Ein Verstoß gegen die Menschenwürde, gegen die göttliche Ganzheit des Menschen in Mann und Weib – aber Sodomiten sind nicht ganz, nicht natürlich, sie sind ein Fehler der Natur! Wir sind aufgerufen, ihn zu korrigieren!

Und so vollziehen wir heute den Willen des Herrn durch Erhängen an den Verurteilten…“ und er nannte die drei Namen – und ein Raunen ging durch die weiter weg stehende Menge, die die Gesichter nicht erkennen konnte. Es waren in der Stadt wohlbekannte Namen; eine Schande für die Familien, die ihre Söhne nicht richtig in Gottesfurcht und Vaterlandsgehorsam erzogen hatten.

„Diese jungen Männer,“ fuhr der Gerichtspräsident fort, „waren nun einmal unbelehrbar und wollten sich nicht ändern. Deshalb konnten wir keine Gnade mehr walten lassen, wie denn auch der Herr ihnen keine Gnade mehr zukommen lassen kann.“

Darauf nickte er dem Henker zu, der während seiner Ansprache unbemerkt aufs Schafott gestiegen war. Der Henker trug eine scharlachfarbene Kapuze, die sein Gesicht verbarg, wie in früheren Zeiten der Inquisition. Die führte, seitdem sie vor mehr als 30 Jahren unter deutsche Leitung gekommen war, auch wieder ihren angestammten Namen und hieß nicht mehr Glaubenskongregation. Dafür hatte der deutsche Kardinal Meier-Rottweil, der ihr jetzt vorstand, gesorgt. Auch das Aufgabengebiet der neuen heiligen Inquisition war inzwischen wieder das angestammte: Indizierung schädlicher und falscher Kunst, Philosophie und Wissenschaft und Entlarvung von Blasphemikern und Apostaten.

Wer zuvor die breiten Schultern Vinansers bewundert hatte, der erkannte nun seine kraftvolle Silhouette unter der spitzen bis auf Rücken und Brust reichenden scharlachroten Haube. Vinanser legte gern selbst Hand an, um so eine Sodomitenjagd zu beenden. Erst wenn die Sodomiten baumelten, war für ihn die Jagd abgeschlossen. Und sie baumelten immer, Basil von Echs sorgte dafür – sie waren immer schuldig, weil sie immer widernatürlich waren. Sie dienten nicht dem Herrn und nicht den Menschen, sie waren Blindgänger, sie zeugten nicht, die hatten nur Lust. Anstatt sich für ihr Land um Nachwuchs zu mühen, damit dem arabischen und afrikanischen Reproduktionstypus durch Zeugung Widerstand geleistet wurde, wie es der Fortpflanzungs- und Verteidigungsminister ständig forderte,   verweigerten sie sich der Aufgabe, Kinder hervorzubringen. Also sah sich Vinanser in höherer Pflicht, wenn er den Abgeurteilten den Strick um den Hals legte.

Durch die Schlitze der Kapuze erblickte er wie jedes Mal den Monsignore vor dem Schafott unter den Würdenträgern der Stadt, dem Bürgermeister, den Ratsherren, dem Abt des Klosters und der Äbtissin der Klosterschule. Der Monsignore lächelte wie immer bei Hinrichtungen, kaum merklich – man sollte ihm keine Freude nachsagen an den ultimativen Minuten seines Amtes. Doch Vinanser wußte, dies Lächeln war von einem schiefen Zug des Neids durchwoben – wahrscheinlich hätte Basil von Echs gern selbst Hand angelegt, aber das vertrug sich nicht mit seinem Rang und Ansehen.

Also mußte er, Vinanser, die Stricke um die Hälse legen; ein eigenartiges Gefühl der Macht, den Hanf in den Händen zu spüren und die Haut der Hälse, zumeist zarte, junge Haut wie heute. Fast immer entlarvte Monsignore von Echs junge Invertierte, die schon einmal Erziehungsmaßnahmen genossen hatten, aber nicht von ihrem Laster lassen konnten. Die älteren, so sagte er, seien geschickter, die wüßten sich besser zu verstellen. Da wäre ihm auch schon mancher entwischt; und so hatte er sich spezialisiert auf die Jungen. Die wären allzu oft von ihrem Trieb überwältigt und begingen Fehler, die zur Entdeckung führten. Aber manches Mal machte er sich einen Sport daraus, auch einen älteren, verstockten Sodomiten zu überführen; wie ein Schachspiel war das für ihn. Eine intellektuelle Herausforderung den aufs Glatteis zu führen. Und er siegte immer, spätestens bei der strengeren Befragung.

Vinanser lächelte unter seiner Kapuze. Er fand es fast poetisch wie eine Mundkommunion, was er hier tat: er fügte Hanf und Hals zueinander. So wie der Mund nicht mehr widersprechen kann, wenn er die Hostie aufgenommen hat, so konnten sich diese Zwanzigjährigen nicht mehr wehren, wenn der Strick ihnen um die zarte Haut des Halses spannte. Mit den Fingerspitzen spürte Vinanser, daß sie noch warm war, die gleich kalt werden würde, die Haut der jungen Männer.

Die sind heute schweigsam. Kein Ton, kein Wimmern oder Flehen. Die kriegen auch keine Kapuzen, die Menge soll die Gesichter des Todes sehen, soll sehen, wie Sodomiten sterben. Wenn sie doch nur jammern würden, das würde ihre Weichlichkeit und Weibischkeit bezeugen. Diese drei aber stehen gerade und starren in die Menge mit ihren irren Augen, gerötet von der durchwachten Verhörnacht. Schau´n die sich noch nach Komplizen um, denen letzte Blicke zuzuwerfen?

Die Alumnen vom Priesterseminar haben sich unter die Menge gemischt, schlanke schwarze Soutanen wie Ausrufezeichen zwischen den übrigen Menschen. Die haben Acht wen die letzten Blicke vom Schafott treffen mögen. Das würden die nächsten, die man verhören muß. Es wird immer genug Arbeit geben, Sodomiten wachsen in jeder Generation nach, Vinanser macht sich da keine Sorgen und tritt zum schweren Eichenhebel am Rande des Podestes, packt ihn mit der heißen, harten Hand und drückt ihn nieder. Die Falltür öffnet sich in ihrer ganzen Länge, die Menge seufzt und aaht, die Hälse rucken und die Körper zucken, ein Würgen aus den Mündern, die ringen um letzte Luft und dann baumeln sie, ein Gehänge Leiber über dem Nichts. Die Sodomiten sind tot. Die Menge applaudiert, die ist befreit von den Sündern und Trägern der Seuche.

Ein hagerer Priesterkandidat mit hoher Stirn und schwarzer Hornbrille krümmt sich nach vorn und streckt den Arm, die Hand, den Finger aus.

„Da, „schreit er, “der da weint. Der hat Mitleid!“ und Stimme und denunzierender Finger treffen auf einen Jungen, kaum zwanzig, ein Blondschopf, hochgewachsen und schlank mit einem noch weichen Gesicht. Dem rinnen die Tränen über die Wangen, der kannte einen der Hängenden. Wenn man den jetzt ergreift, dann ist er vielleicht der nächste, mit Gottes Segen der letzte Sodomit in dieser Stadt.

Der dürre Kandidat springt auf den jungen Mann zu, doch die enge Soutane hindert ihn, er stolpert und fällt und will den Jungen noch im Sturz ergreifen, entblößt vor Eifer die Zähne, das Zahnfleisch, das rote, das bleckt. Schon prallt er auf den Boden und begräbt einen Fleck Marienblumen unter sich. Die anderen Alumnen eilen herbei.

Basil von Echs gibt Vinanser mit einem Zucken des Kopfes, kaum merklich, ein Zeichen; die Augen sagen „Den will ich. Hol ihn mir!“ und Vinanser springt hinab vom Schafott und reißt sich im Springen die Henkerskapuze herunter. Das ist nicht regelgerecht, aber wer sollte den Jungen sonst packen – der dürre Priesteramtskandidat? Der hält den Jungen nicht. Auch nicht die übrigen Studenten, die haben den Willen, aber nicht die Kraft.

Der Junge rennt davon durch die Menge – die weicht zurück, überrascht und erschrocken – und stürzt über einen Brezelverkäufer, dem fällt der Korb aus der Hand und das Gebäck prasselt umher auf den Boden. Kinder springen heran und schnappen sich die Kringel. Der Junge rappelt sich auf und ist schon hinter der Biegung zur Stadt verschwunden. Atemlos übern Kirchhof, ein wieselndes spitziges schwarzes Dreieck aus Priesterstudenten hinter ihm her, das fuchtelt und ist erschrocken über sich selbst, daß es Jagd macht auf Sünder… Mit Riesensprüngen Vinanser hinterher.

Die Menge johlt. Die noch warm im Winde baumeln, sind nicht mehr interessant, man starrt den Abhang hinab wie der blonde Junge da unten über die Gräber hetzt und hechtet. Und die Hoffnung der Altäre hinter ihm her. Das war nicht vorgesehen, die überkommt der Eifer, die Jagdlust, manch einer wäre gern Exorzist, ein anderer, matterer, beleibter und im Laufen ungeschickt zurückfallend, träumt vom zukünftigen Bischofssitz, den meisten reichte eine Pfarre, die sie versorgt, aber einige führten auch gern das Wanderleben des Schodomitenjägers. Hier könnten sie sich beweisen für Höheres!

Kopphalster, das geht dem Flüchtenden hinterdrein, den kann man hetzen, der schlägt schon Haken an der Totenhalle, da geht´s zur Grenzmauer des Gymnasiums, dann auf die andere Straßenseite, vorbei am Laden für Paramenten und Parteiabzeichen, dann kommt das Geschäft für christliche Kunst mit Kruzifixen und Krippen, die werden im Ort geschnitzt, eine wichtige Einnahmequelle, seit n jedem Gebäude an Kreuz hängen muß. Ein Drehkarussel davor mit Ketten und Rosenkränzen, die streift der Junge beim Vorüberlaufen und reißt sie hinab und all die heiligen Perlen, gedrechselt aus Holz, aus Elfenbein geschliffen, aus Glas getropft, spritzen davon übern Asphalt.

Die Menge jubelt vom Richtplatz hinunter, kein Pferderennen könnte spannender sein. Die schwarzen Priesterraben kreisen den jungen Mann ein. Vinanser erreicht die studentischen Soutanen und schiebt sie beiseite mit seinen Pranken, er will nach vorn und sich den Burschen selber packen.

Jetzt schlägt es von der Kathedrale drei. Der Junge erreicht die Altstadt, er keucht und schnappt nach Luft, die bleibt ihm fort, er muß aber atemlos weiter und er taucht ab in den alten Gassen zwischen dem Fachwerk, weiß gekälkt und schwarze Balken und so viel Schmutz auf dem Kopfsteinpflaster. Mülltonnen überfüllt, die Stadtverwaltung aus Diakonen kriegt die Abfuhr nicht geregelt, seit Jahren nicht. Die Ministranten werden dienstbefohlen, die aber drücken sich und aus den Ascheimern quillt der Unrat auf die schmalen Straßen. Früher hatte man für Touristen ein Kanalsystem wie Zierrat angelegt mit eingemauerten Rinnsalen und kleinen Brunnen in der Fußgängerzone, die sind längst versiegt und zu Stolperfallen geworden.

Droht da ein Schatten in seinem Rücken, der Junge dreht den Kopf nach hinten. Nichts ist da zu sehen, wer weiß, was das war. Er hört die Rufe seiner Verfolger, die kommen näher. In einem der gemauerten Gräben verfängt sich sein Fuß, er stürzt aufs Gesicht, das verschrammt. Da packen ihn zwei Hände an den Schultern und ziehen ihn hoch. Er schrickt zusammen: Sie haben ihn gefaßt.

Ein kräftiger Mann, aber nicht in Soutane, ein grauer Anzug, grauer Hut tief in die Stirn gezogen, so bleibt sein Gesicht im Schatten der Krempe.

„Komm,“ raunzt der Mann und zieht ihn an den Schultern in eine enge Gasse vor eine Eichentür, die öffnet er, ein Hintereingang, schiebt ihn hinein in eine Abstellkammer und drückt ihm Oberkörper und Gesicht auf den Boden. Sie kauern übereinander, und die Nachmittagsschatten der Verfolger huschen durchs Fenster auf die Wand und die Regale voller Lebensmittel. Die Laufschritte draußen verhallen.

Der Junge will sich befreien von der Wucht des auf ihm lastenden Körpers. „Still“ zischt der Mann über ihm und preßt ihm die Hand vor den Mund. Dann läßt er los, steht auf und lugt durchs Fenster in die Gasse. Sie sind entkommen. 

Das ist das Gesicht seines Retters: der Junge hockt auf und schaut ihn von unten an. Vielleicht dreißig oder etwas älter. Aschfarbenes Haar,  aschfarbener Kinn- und Schnurrbart, selbst die Brauen sind asch, aber die Augen grün – die sehen streng auf ihn hinab. Der Mann nimmt den Hut vom Kopf, schlägt ihn zornig gegen sein Bein und schimpft:

„Verdammt, das war nicht vorgesehen!“

Jetzt kommt dem Jungen erst die Sprache wieder. „Was war nicht vorgesehen?“

„Daß ich dich rette!“

„Retten!,“ spuckt der Junge sarkastisch. „Irgendeiner hat mich doch bestimmt erkannt. Wenn sie mich jetzt nicht finden, dann müssen sie doch nur vor meiner Wohnung warten. Und dann werde ich verhaftet und zur Umerziehung geschickt!“

Der Mann seufzt und fährt sich ratlos durchs Haar. „Höchstwahrscheinlich! Wenn du nach Haus gehst, landest du im Lager. Das heißt, du bist also vorher noch nicht aufgefallen?“

Der Junge schüttelt den Kopf. „Aufgefallen bin ich noch nicht, aber ich will nicht ins Lager!“

„Na, dann müssen wir wohl oder übel sehen, was wir dagegen tun können! Als ob ich nicht genug um die Ohren hätte. Sowas wie Dich kann ich gar nicht brauchen, “ der Mann klingt erschöpft und resigniert.

„Dann hätten Sie mich ja nicht retten müssen! Das wird Ihnen nur Ärger einbringen, wenn Sie einem Sodomiten helfen. Da fällt der Verdacht doch gleich auch auf Sie!“

Der Mann winkt ab, „geschenkt!“ und legt erneut den Finger auf die Lippen. „Da kommen zwei zurück“, zischt er und drängt sich ans Fenster, um hinauszuspähen.

Draußen stehen ratlos zwei Kandidaten in ihren Soutanen, die Hüte in Händen und wischen sich den Schweiß von der Stirn. Die Hetzjagd ist stimulierend, sie haben rote Gesichter und atmen erregt. Spannender kann die Treibjagd auch nicht sein, zu der der Regens im Herbst immer einlädt – wer übers Jahr nicht beim Onanieren erwischt wurde, darf zur Belohnung und zum Ausgleich Wildschweine und Rehe schießen. Die anderen, die sich befleckt haben, müssen die Treiber machen und riskieren, eine Schrotladung abzukriegen. Jetzt aber jagen sie das menschliche Tier, einen Sodomiten, das gefährlichste Großwild von allen.

„Die können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben“, jeimelt einer der beiden Kandidaten.

„Sicher nicht, die stecken bestimmt noch hier. Wir müssen das ganze Viertel systematisch durchsuchen!“ das sagt der andere laut und mit dem Brustton der Überzeugung, dabei macht er seinem Kommilitonen Zeichen und weist auf die Hintertür.  Der schüttelt erschrocken den Kopf und murmelt, „sollten wir nicht lieber warten, bis wir den Assistenten vom Monsignore herbeigeholt haben.“

„Dann sind die über alle Berge“, flüstert der Übermutigere und ist schon ein paar Schritte weiter zur Tür vorgerückt. Die Sodomitenjagd macht tollkühn, so kurz vor der Weihe.

„Die müssen da drin sein, woanders konnten sie nicht unterschlupfen!“

Der Mann mit dem aschblonden Haar wirft seinen Hut auf ein Bord mit Konserven und winkt den Jungen hinüber zur anderen Seite der Tür. Fast unhörbar flüstert er: “wir müssen die beiden schachmatt setzen, traust du dir das zu? Das ist nicht schwer. Mach genau das, was ich mache!“

Der Junge zieht die Schultern an und hebt die Hände und bedeutet damit: „Habe ich eine andere Wahl?“

Draußen streckt einer seine zukünftigen Priesterhände der Klinke entgegen, drückt sie ganz vorsichtig und öffnet die Tür, geduckt hinter ihm sein weniger tollkühner Mitstreiter. Sie tasten sich behutsam aus dem sonnigen Nachmittag in den verschatteten Vorrat.

„Jetzt“, kommandiert der Aschblonde, stürzt vor aus dem Schatten, packt den einen Kandidaten am Kragen und zieht ihn blitzschnell in den Raum hinein. In Bruchteilen von Sekunden macht`s ihm der Junge nach und hat den Zaghafteren, Fülligeren an der Soutane im Griff. Und noch ehe einer von beiden Studenten einen Schreckenslaut von sich geben kann, kriegen sie schon einen Faustschlag ins Gesicht verpaßt. Der Junge hat noch nie geboxt, in seine Knöchel schießt der Schmerz als er aufs schlecht rasierte Kinn seines Kandidaten trifft. Die Angst, die Wut, die Verzweifelung geben ihm Kraft. Und noch einmal ein Schlag und mit der anderen Hand zugleich den Arm des Dicklichen auf den Rücken gedreht. Jetzt gibt es Schmerzenslaute. Mit dem Fuß tritt der Aschblonde die Tür zu und zieht eine Waffe aus der Jackentasche: „Kein Laut, werte Brüder“, raunzt er. „Alle beide da in die Ecke. Dreht euch um, die Hände auf den Rücken!“

„In Gottes Namen“, jeimelt der Feistere. Der dürre Kandidat schweigt.

„Halt den Mund. Ich werd´ nicht zögern, zu schießen. Wir haben dann noch immer Zeit genug, uns aus dem Staub machen…“ und zu dem Jungen gewendet: “da in der Ecke liegt ´ne Wäscheleine. Binde denen damit die Hände auf dem Rücken.“

Der Junge greift sich die Plastikschnur und fesselt die beiden Kandidaten. Dann zwingt der Aschblonde sie auf den Boden und stopft ihnen, die sich alles gefallen lassen, Trockentücher, die liegen im Stapel auf einem Regal, in die Münder. Er nimmt dem Jungen die lange Schnur aus der Hand und windet sie weiter um die Oberkörper, die Hälse bis er an den Mündern anlangt. Jetzt können sie die Knebel nicht mehr ausspucken.

„Pakete fürs Seminar,“ spottet der Aschblonde. „Unfrankiert, Porto bezahlt der Empfänger. “

Der Junge ist völlig verblüfft über das, was er getan hat, so etwas hatte er sich nicht zugetraut. „Aber jetzt, „fragt er, „Was jetzt?“

„Jetzt muß ich dich wohl oder übel mitnehmen,“ stellt der Mann fest. „Hier kann ich dich ja schlecht lassen…komm!“ Und er späht durch den Spalt der Tür.

Die Luft ist rein, kein Verfolger zu sehen. Sie schlüpfen hinaus in die Gasse. Wie gut, daß der Himmel sich jetzt bezieht. Mairegen bringt Segen; stumpfgraue Wolken und dahinter der bedrohliche Widerschein der verborgenen Sonne, gleißend wie ein Hochofenabstich. Schon pladdert´s die dicken Frühlingstropfen lauwarm aufs Pflaster.

„Komm“, sagt er nochmal und zieht den Zögerlichen am Ärmel vorwärts. „Nur zwei Straßen weiter!“

Sie schleichen noch bis zur Ecke, dann sind sie auf der ehemaligen Fußgängerzone angelangt und bewegen sich wie unbeteiligte Passanten. Hier ist schon seit Jahren nichts mehr ausgebessert worden, die Stadt verfällt. Vom Richtplatz sind erst wenige heruntergekommen, der beginnende Regen treibt sie gleich in die Häuser. Ausnahmsweise keine Soutane zu sehen.

Schon wird der Junge wieder am Ärmel gezogen in eine Seitengasse zu einer Treppe hinab, vor eine Eisentür. Die Inschrift Parkhaus Hotel – Saale kann man kaum noch lesen, so sehr ist die Farbe abgeblättert.  Hier stellten früher, vor zwanzig  Jahren, die zahlreichen Gäste ihre Wagen ab. Jetzt sind fast alle Buchten leer, Touristen gibt es kaum noch. Die Reisebranche ist zum Erliegen gekommen. Da ist nur der schwarze Mercedes des Monsignore: den erkennt der Junge und er weicht zurück. Der Monsignore und sein Assistent sind im Hotel abgestiegen. Es ist das beste im Ort und wird fast nur von geistlichen Herren frequentiert.

Der Junge mustert seinen Retter, der errät, was der Blick bedeutet und schüttelt den Kopf, „ich bin kein Priester oder Pater. Keine Sorge. Ich wohne hier im Hotel. Hatte hier zu tun in der Stadt… Das da ist mein Wagen, “ und er weist stolz auf einen Citroen, ein Oldtimer, bestimmt mehr als fünfundzwanzig Jahre alt, der wird längst nicht mehr hergestellt: weiß, geschwungen, französisch, eigenwillig.

Der Mann öffnet die Tür zu den Rücksitzen. „Da legst du dich jetzt drauf, bis ich zurückkomme. Ich wollte sowieso heut Abend fahren, fahr ich eben etwas früher. Hier bist du sicher, hier wird keiner nach dir suchen. Ich hole meine Sachen, zahle meine Rechnung und dann hauen wir ab!“

„Und wohin? Wo soll ich denn jetzt hin!“ Die erste Aufregung hat sich gelegt, jetzt begreift der Junge erst, was er vorhin nur unbedacht gesagt hat, er kann nicht mehr zurück. Man würde ihn verhaften und ohne Aufhebens in ein Umerziehungslager schaffen.

„Wie heißt du eigentlich?“ fragt ihn der Mann.

„Elian, “ sagt er, „eigentlich heiß ich Erich, aber ich hasse den Namen und Elian habe ich mal in einem Legendenbuch gelesen, der Name gefiel mir. Aber das ist jetzt völlig egal. Wo soll ich denn hin? Und wieso sollte ich mit Ihnen fahren?“

„Ich fürchte, du hast keine andere Wahl!“

Der Aschblonde streckt ihm die Hand entgegen, mit der er eben noch entschlossen die beiden Kandidaten geknebelt hatte. Eine große, schlanke Hand. „Willkommen“, sagt er, „Willkommen im schwulen Maquis!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese dämlichen Alumnen. Sie hatten die ganze Hinrichtung verdorben mit ihrem Übereifer. Monsignore Basil von Echs warf wütend seinen Hut aufs Bett. Bis eben noch hatte er sich beherrschen können, solange ihm die Delegation der Stadt das Geleit auf dem Weg ins Hotel gegeben hatte. Jetzt, da er die Tür schloß, mußte sein Zorn heraus. Er lockerte den engen Kragen, um durchatmen zu können. Diesem dummen Pack hatte er gestern noch einen Vortrag über seine Arbeit gehalten, hatte ihnen Hinweise gegeben, wie Sodomiten zu entdecken waren, wie man sie verhören mußte, auf welche Weise man beurteilen konnte, wie tief sie bereits in der Sünde steckten und wann sie dem Satan endgültig verfallen und damit eine Gefahr für Kirche und Öffentlichkeit geworden waren.

Er liebte diese Gruselgeschichten und erzählte sie je nach Zuhörern ein wenig anders. Dies war die erste Generation, der man wieder mit dem Satan legitim Angst einjagen konnte. Die Studenten, vor denen er gestern gesprochen hatte, waren naiv genug, um die schaurigen Geschichten von moralisch-luziferischer Verderbtheit für bare Münze zu nehmen; es war ihm eine Freude gewesen, seine Erzählungen diesmal mit ein paar Andeutungen auf abenteuerliche sodomitische Sexualpraktiken auszustatten, um die jungen Männer zum Erröten zu bringen. Aber er war wohl etwas übers Ziel hinausgeschossen und hatte ihre Phantasie und ihren Ekel zu stark angeregt. Diese blöden Priesteramtskandidaten hatten nichts Besseres zu tun, als ausgerechnet eine feierliche Hinrichtung, die das Volk wieder ordentlich einschüchtern sollte, zu sabotieren. Von Zeit zu Zeit mußte man auch in Kleinstädten für die Disziplinierung der Gläubigen sorgen. Ihren Jagdeifer hätten sich die Burschen auch bis nach seiner Abreise aufsparen können: sie sollten stolz durch die Straßen paradieren mit offenen Augen. Wenn auch noch nicht geweiht, hatten sie doch schon längst eine Berufung und einen Auftrag und vor einer Soutane, auch wenn sie noch so schwächlich, untersetzt oder zerknittert daherkam, hatten die Menschen jetzt doch wieder Respekt. Das Amt galt, das Gewand und die Weihe – aber heutzutage wurde ja jeder Idiot geweiht!

Der Monsignore knöpfte seine Soutane weiter auf; jetzt wurde ihm die Brust freier. Vinanser würde noch eine Weile beschäftigt sein mit der Hatz auf den jungen Mann und den übergeschnappten Kandidaten hoffentlich zuvor kommen.

Basil Von Echs wischte sich mit den Händen den Schweiß von der Stirn. Ihm rann stets der Schweiß bei Hinrichtungen, dabei war es heute gar nicht mal warm gewesen und der Gewitterschauer hatte dazu einen Temperatursturz gebracht. Hinrichtungen jagten seinen Blutdruck hinauf; sie erregten ihn auf angenehme Art: was für eine Erschütterung, daß er als Kleriker endlich wieder Gewalt über das Leben von Menschen hatte, so wie es früher einmal, lange vor dem Konzil, gewesen war. Und dann auch noch diese ultimative Gewalt über Leben und Tod. Dafür war doch die Weihe da, diese Erniedrigung, sich auf den Marmorboden eines Domes zu werfen, im weißen, unschuldigen Hemd, eine Demutsgeste, um etwas Besonderes zu werden, ein Berufener, der doch immer mehr war als die Menge der Laien da unten auf den hölzernen Bänken der Kirchenschiffe, die ehrfürchtig hinaufschaute zum Altar. Basil von Echs wurde durch die Weihe zum wichtigsten Akteur im Altarraum, den die Ungeweihten nicht betreten durften. Das heilige Theater der wieder eingeführten lateinischen Messe, es überwältigte ihn zuweilen immer noch, besonders wenn der Weihrauch eine gute Qualität aufwies. Diese Gefühle der Erhabenheit und Ausgesuchtheit hatten immer Auswirkungen auf seinen Kreislauf, seine Atmung, seinen Blutfluß. Priester zu sein, der die Menschen in schlecht und gut einteilen, Verdorbene und Gerechte durfte, war schon etwas Berauschendes.

Aber er mußte sich nach diesen Erlebnissen seiner Besonderheit auch wieder beruhigen. Dafür gab es halb-profane Mittel: hier das Spirituelle, pflegte er gern zu sagen, wenn Alkohol angeboten wurde, da die Spirituosen; und tippte sich auf Stirn und Herz und zwar in dieser Reihenfolge. Ein Witzchen, aber es traf ja zu.

Er beugte sich quer übers Bett, um zur Nachtkonsole hinüberzulangen. Darin hielt er seinen französischen Cognac vor Vinanser versteckt. In den Geschäften in der Provinz kaum zu kriegen, die führten nur die billigen deutschen Marken aus Rüdesheim. Diese Flasche hatte er von einem alten Studienkollegen zugesandt bekommen, mit dem er in Rom am Collegium Germanicum studiert hatte. Der lebte nun seit vielen Jahren in Frankreich, nachdem er dorthin geschickt worden war, um die damaligen Demonstrationen des Manif pour Tous zu studieren und herauszufinden, wie man auch in Deutschland die Massen auf die Straßen gegen Homoeroten und Genderwahn bringen konnte. Es stellte sich aber, eine Ironie der Geschichte, heraus, daß die tapferen französischen Vorkämpfer für die rechtmäßige Diskriminierung der Sodomiten tatsächlich von den Deutschen gelernt hatten. Sie orientierten sich an den Montagsdemonstrationen der Bürgerbewegung in der versunkenen  DDR, die dann auch wieder die tapferen Proteste der Verteidiger von Glauben, Abend- und Vaterland gegen die Muslimisierung inspirierten.

 

Man mußte den Leuten die Parolen von der Bedrohung der Freiheit und der Familie durch die Sodomiten nur lange genug wiederholen; einzelne Helden hatten jahrelang unter dem Gespött der Linksliberalen unbeirrt diesen entbehrungsreichen Weg eingeschlagen und alle Diffamierungen ausgehalten, wie die wagemutige Gabriele Kuby, die für ihren tapferen fast dreißig Jahre währenden Kampf gegen die verderbt-verderbende Sodomie und den Genderwahn in einigen Tagen für ihre Lebensleistung in Aachen den neuen Karlspreis für die Rettung des Europas der Vaterländer erhalten sollte.

Inzwischen glaubte das Volk, die Abscheu vor den Sodomiten war durchgesickert bis zu den Depravierten, den Arbeitslosen, den Familien, die wirtschaftlich abzurutschen drohten, ergriff ganze Scharen von Männern, die den Verlust ihrer Männlichkeit fürchteten, Angst hatten von Sodomiten verführt oder zu verweiblichten Gendergeschöpfen kastriert zu werden. Als zum ersten Mal bei einer Aufklärungsveranstaltung der Ruf „Wir wollen Arbeit und keine Homoehe“ ertönte,  waren sich von Echs und sein in Frankreich lebender Amtskollege einig,  daß diese zeitraubende, aber zermürbende Taktik Erfolg gehabt hatte.

Einige Jahre später dann, als die mit allem Unzufriedenen, die Lamentierbürger, sich zu gemeinsamen Demonstrationen mit den Vaterländischen, die längst nicht mehr glatzköpfig herumstolzierten, in den östlichen Bundesländern einfanden, um das christliche Abendland vor den Sodomiten, Feministinnen, der linken Presse und der postmodernen Kultur zu beschützen, und vor allem vor den sich wie Karnickel fortpflanzenden Mohammedanern und Afrikanern, konnte man sicher sein, daß die lang keimende Saat der Furcht aufgegangen war. Der Amtsbruder hatte mit Genugtuung erlebt, wie Marine LePen in Frankreich nach langen Jahren des Kampfes ihren gescheiterten Vorgänger als Präsidentin ablöste und dann dieses Amt dynastisch an ihren Sohn weitergab. Beide machten aus Frankreich wieder ein katholisches Land mit Nationalstolz, ohne Mohammedaner und jene aufgeweichte linksliberale Gesellschaft; jetzt durfte man endlich wieder nicht Normgerechtes im Namen des Herrn gerecht diskriminieren – und nachdem die Fremden vertrieben worden waren, machte man sich zügig an die Vernichtung der Sodomiten.

Es war für jenen Freund damals eine angenehme Aufgabe gewesen, über die französischen Vorgänge Bericht zu erstatten und schließlich sogar die Gegner der Sodomitenrechte mit Logistik und finanzieller Schützenhilfe aus dem Vatikan zu unterstützen, so wie einmal der polnische Papst seine Gesandten mit Diplomatenkoffern ins kommunistische Polen schickte, in denen – auf diese Weise ungeprüft – Zuwendungen für die Solidarnosz verborgen blieben. Daß sogar von den orthodoxen Brüdern aus dem putinschen Kreml nicht unbeträchtliche Summen für diese Zwecke herübergeschickt wurden, war eine schmeichelhafte Ironie der Geschichte. Kein Wunder, daß der damalige Kremlchef auch heute noch in seinem hohen Alter von über neunzig sich großer Wertschätzung erfreute. Er würde ex aequo mit Gabriele Kuby den neuen Karlspreis erhalten; ab und an mußte auch mal eine Frau geehrt werden, denn die Frauen hatten sich noch nicht so ganz wieder mit ihrer von der Natur, der Kirche und dem Staat zugewiesenen Rolle als Kinds-und Hausmütter abgefunden. Solche kleinen Zugeständnisse wie diese Preisverleihung entschärften Vorhaben wie die Streichung des Wahlrechtes für Frauen. Eine Idee, die ein junger Mann aus der wieder nach Deutschland eingegliederten katholischen Ostmark bereits vor zwanzig Jahren angeregt hatte. Frauen, hatte der junge Kämpfer für das robuste Vaterland, überzeugend dargelegt, waren einfach zu emotional, um mit notwendiger Härte die Maßnahmengegen Fremde und Sodomiten durchzusetzen, die nötig waren. Deshalb müsse man ihnen die Last der politischen Verantwortung abnehmen. Der Mann hatte es inzwischen bis zum Bildungsminister gebracht.

Vor einigen Jahren zog es von Echs´ Studienkollegen zum Ruhestand zurück nach Frankreich, wo der Kampf gegen die Sodomitisierung und Islamisierung desAbendlandes seinen Anfang genommen hatte. Es gefiel ihm dort, wie Gott in Frankreich eben – Gott war gewiß ein Kleriker und Gourmand. Schon als junger Student hatte von Echs´ Freund eine Neigung zur Fettleibigkeit; jeder versuchte auf seine Weise mit dem Zölibat fertig zu werden, jener eben entwickelte Appetit und Durst – und nun schickte er Basil von Echs von Zeit zu Zeit einen uralten Cognac aus einem Klostergut, manchmal auch Benedictine und Armagnac, Foie Gras und Bressehühner, die leider in Deutschland seit dem Machtübernahme der nationalkatholischen Regierung nicht mehr zu bezahlen waren. Immer mal wieder lag auch ein Photo dabei, aufgenommen bei der Ernte auf dem Gut, mit kräftigen Novizen und Arbeitern, die sich um die Weinberge des Klosters kümmerten und im sattwarmen Oktober die Hemden heruntergezogen und um die Hüften gebunden hatten. Ihre braungebrannten Oberkörper glänzten vor Kraft und Schweiß. Hübsche Franzosen mit buschigen schwarzen Schöpfen und einem zweideutigen mediterranen Lächeln.

Basil von Echs schenkte sich einen bronzefarbenen Cognac ein, einen doppelstöckigen und leerte das Glas in einem Zug. Dann füllte er den Schwenker erneut. Diese nicht geplante Treibjagd hatte die ernste Stimmung am Richtplatz gesprengt, nicht nur die Alumnen gerieten in Fieber, auch die Gaffer aus der Stadt. Die hatten die Verfolgung des Jungen vom Berg aus beobachtet, bis er in den Gassen der Altstadt verschwunden war. Die Schieferdächer verbargen den Fluchtweg und wenn am einen oder anderen Ende des Viertels, an dem jeweils eine breite Umgehungsstraße vorbeiführte, eine Kandidatensoutane auftauchte, dann wurde gejohlt und applaudiert.

Bei aller Freude über seine Erfolge – immerhin drei Delinquenten in zwei Tagen – das brachte ein erkleckliches Sümmchen vom Magistrat – solche Endmaßnahmen wie die heutige Hinrichtung sollten doch etwas Feierliches behalten; schon den Verkauf von Imbissen und Getränken fand Basil von Echs obszön, aber nun noch dieses Spektakel… die Hinrichtung hatte ihre Würde verloren. Selbst der unter merkwürdigen Umständen glücklicherweise verstorbene Renegatenpapst Franziskus hatte davon gesprochen, daß Strafen mit Würde zu vollziehen wären – zwar meinte er nur das Schlagen von Kindern – aber nun dieses Gejohle und Geschrei bei einer ernsten Hinrichtung! Es wurde sogar gewettet, wen von Echs gefaßt hatte, ob es vielleicht bekannte Bürger der Stadt waren. Normalerweise achtete der Monsignore darauf, daß seine Jagden nicht die Gruppe der staatlichen und kirchlichen Amtsträger trafen. Höchstens wenn es galt, eine zu weit abdriftende Ortsregierung zu disziplinieren, wurde der sodomitische Stab auch einmal über Würdenträgern gebrochen. 

Aber mit der Würde war es eben doch eine Frage der Opportunität; doch auch wenn Sodomiten diese ihre Würde verwirkt hatten, selbst als baumelnde Leichen durfte man ihnen doch nicht die Würde ihrer Büßerrolle nehmen. Ein Christ mußte Achtung vor dem Tode haben. Das war die christliche Menschenwürde, die Geburt und Tod als gottgegeben ansah – was dazwischen lag war dem freien Willen anheim gegeben und verfiel damit sowieso der Sünde; wenn man dabei über die Klinge springen mußte – selbst Schuld.

Von Echs trank das zweite Glas in einem Zug leer. Es war nicht nur dieser Zwischenfall, der ihn ärgerte. Der blonde Junge, den sie jagten, war ihm schon aufgefallen, als ihn der Radioreporter bedrängte. Der junge Mann stieg, seine Mütze in den Händen zerkrumpelnd, als einer der ersten hinter der Gruppe der Delinquenten und ihrer Bewacher den Hügel hinauf. Der Anblick dieses ernsten Jungen erschütterte ihn. Er hatte nicht damit gerechnet, daß es ausgerechnet in dieser mediokren Stadt, einen solch schönen Knaben gab. Das war ja eine Emanation; so etwas nannte man früher Jüngling. Ein Dornauszieher, heidnisch, griechisch, Schopf, Schönheit, jung. Auf den ersten Blick war ihm klar: das konnte nur ein Sodomit sein. Solche Schönheit bei einem normalen Mann wäre an Frauen auch verschwendet gewesen. Dieses Urteil durfte natürlich nur ein Mann wie er fällen, ein Geistlicher, der für eucharistische Ästhetik Sinn hatte, Sinn auch für einen Ausflug ins Heidnisch-Antike, ins Bukolisch-Nackte. Und nackt hätte er den Jüngling gerne gesehen.

Längst hatte er es aufgegeben in Provinzstädten wie dieser auf einen solchen Anblick zu hoffen. Ganz verzweifelt hatte er gestern Abend den Blick durch die Aula des Seminars schweifen lassen, als er den Kandidaten seinen üblichen Vortrag hielt. Seine Vorurteile über theologische Trampel wurden hier bestätigt. Einen wirklich hübschen Theologiestudenten hatte er nicht ausmachen können: es war noch immer wie in seiner Zeit, die meisten waren beschränkt oder auf die eine oder andere Weise benachteiligt: krumm, unsportlich, häßlich, verpickelt, dürr oder korpulent, nachlässig mit der Körperpflege, viele reinigten nicht einmal ihre Nägel. Es gab natürlich auch hier in der Menge der Zuhörer den einen oder anderen jungen Mann aus wohlhabendem Haus, der eine maßgeschneiderte Soutane trug und das Haar etwas verwegener geschnitten, aber die meisten waren wohl Stipendiaten, die gerade so eben das große Latinum geschafft hatten; Latein – die einzige Fremdsprache, die noch unterrichtet wurde auf den Gymnasien.

Als sie sich am Ende des Vortrages um ihn drängten, wehte ausgerechnet von jenen zwei, drei Söhnen wohlhabender Eltern, er hatte es kaum anders erwartet, der Duft des päpstlichen Parfums herüber. Daß sogar Gerüche opportunistisch sein konnten, wer wußte das besser als er selbst? Der Alumne, dessen Duft ihn irritierte trug eine schwarze Hornbrille, sicher ein aus dem Antiquitätenhandel erworbenes Gestell, das jetzt nicht mehr hergestellt wurde. Früher, in Basil von Echs Jugend, nannte man das ein Designerstück. Dieser Kandidat mußte also näher betrachtet werden, als der ihm sein Buch zum Signieren aufs Pult legte.

Potztausend, der wagte sogar keck einen Kinnbart zu tragen, der glich dem spitzen Gezwirbel des Kardinals Richelieu, den von Echs in seiner bibliophilen Ausgabe der Musketiere als Kupferstich bewundert hatte. Wie erstaunlich  in der Tat: der junge Kandidat hatte ein hochmütiges Theologenprofil und exakt die nötig verschlagenen Augen und den mokanten Mund, die jene auf rücksichtslose Durchsetzungskraft schließen ließen, die man für eine klerikal-politische Karriere brauchte. Der hier würde es sicherlich weit bringen. Aber bestimmt bloß als einziger aus dem Kreis der provinziellen Zuhörer. Hübsch mochte man ihn wirklich nicht nennen, sein sehr kurz geschnittenes schwarzes Haare lichteten sich bereits zu einer hohen Stirn, die er sicher probat runzeln konnte, seine Züge waren  ein wenig slavisch angehaucht,  aber verwegen, mit einer nötigen Unerbittlichkeit im Blick und einem raffinierten Lächeln – beides prädestinierte ihn für ein Kardinals- oder Ministeramt. Seine Stimme klang unerfreulich näselnd-belehrend; aber ein guter Sprachlehrer konnte sein Organ sicher um einige Grade absenken, um es gefälliger zu machen.  –  Basil on Echs  spürte die Lust beim dem sich offensichtlich Herandrängenden auszuprobieren, zu was er für etwas Unterstützung und Avancement noch bereit war.

Ausgerechnet diesen Kandidaten hatte Basil von Echs in der tobenden schwarz berockten Alumnenmenge nicht ausmachen können. Der war sich eben richtigerweise zu schade für theologischen Übereifer und überließ die physischen Enqueten  den untergeordneten Rängen. 

Ach, das war doch das Elend, daß er eine so gute Beobachtungsgabe hatte: den einen wegen seiner zur Schau getragenen Dreistigkeit halbwegs akzeptablen Kandidaten vermisste er auf dem Hinrichtungsplatz, aber wurde entschädigt durch den jungen Blondschopf in seiner Trauer. Er war sich beim ersten Blick gewiß, daß der zu einem der Delinquenten gehörte. Vinanser sollte ihm nachstellen und ihn am Abend zu ihm führen. Aber er kam gar nicht dazu, dem diese Anordnung zuzuraunen. Das blödsinnige Jungpriesterpack in spe machte Aufruhr und Unruhe und so kam es zur  Flucht ausgerechnet dieses Jungen. Von Echs konnte Vinanser nur noch mit einer knappen Kopfbewegung andeuten, was er wirklich wollte.

Der Monsignore beäugte die Flasche. Sie war bereits halb leer. Die letzten Tage waren wegen der Verhöre sehr anstrengend gewesen. Die Saaleweine, die im Hotel zur Auswahl standen, konnte man kaum genießen. Wie gut, daß er immer ein Kistchen von den bischöflichen Weingütern in Trier mit sich führte. Er brauchte mindestens eine Flasche Ayler Kupp, um nach den ermüdenden Verhören einzuschlafen.

Zumeist liefen sie immer gleich ab, diese Befragungen. Leugnung, Starrsinn, wachsende Unruhe und dann erfreuliche Angst bei den Verdächtigen. Interessant wurde es erst, wenn Vinanser ihnen die Hemden auszog. Auch diesmal kamen, diese jungen Brustkörbe ans Licht, zwei ganz glatt und einer mit einem blonden Flaum, der sich um die Warzen kräuselte und dann hinab über den flachen Bauch in den Hosenbund hinein.

Man mußte ja längst kein Unmensch sein und sie wirklich quälen bei der Befragung. Auf seine Methoden war Basil von Echs gekommen, als er Protokolle über die Verhöre von terroristischen Muslimen in Guantanamo gelesen hatte; ein Geschenk von einem amerikanischen evangelikalen Geistlichen, der sich um die Sodomitenverfolgung erst in Uganda und dann zuhause verdient gemacht hatte. Die Ökumene wurde durch den gemeinsamen Kampf gegen die Perversen erstaunlich befeuert. Man würde sich zwar in Fragen der Eucharistie niemals einig werden, aber die Sodomitenjagd stiftete erfreuliche Gemeinsamkeiten.

Manches in den Guantanamo-Protokollen war geschmacklos, fast pornographisch wie das Waterboarding, das nahm den Schuldigen doch den Atem für ausführliche Geständnisse, und auf die kam es Basil von Echs doch gerade an. Aber der systematische Schlafentzug führte zu erstaunlichen Konfessionen, wenn auch mit matter Stimme vorgetragen. Und dann gab es Handgriffe, die nicht einmal Vinanser in seiner Bergheimat beim Ziegen- und Kühehüten und beim Melken gelernt hatte. Was er da allerdings gelernt hatte, das zeigte er beim Zupacken, waren derbe Handgriffe, sehr effektiv. Basil von Echs hob die Brauen: Handgriff, ja, schönes Wort – dafür zog er doch gern die Handschuh aus, die schwarzen und steckte sie in sein purpurnes Zingulum. Mit den bloßen Fingern war das Fleisch zwischen Brust und Achsel besser zu spüren, wenn er es drückte. Vinanser war dafür mit seinen Fäusten zu grob; von Echs hatte sich vorbehalten, diesen Griff selber zu tun. Was für feine Verzerrungen er im Gesicht der Tapferen damit hervorrufen konnte und diese so schön kardinals-violett anlaufenden Spuren auf der Haut; wenn er sich bemühte, dann konnte er mit seinen Fingernägeln feine Muster aus noch feineren Blutergüssen erzeugen. Die Delinquenten bissen sich anfangs auf die Zähne und pressten die Lippen zusammen. Die Weichlicheren rissen gleich die Mäulchen auf und stießen ihre spitzen Schreie aus. So oder so, irgendwann übermannte jeden der Schmerz. Und der Schmerz ist der Kuß Jesu, wie die inzwischen heilig gesprochene Mutter Teresa es so unvergleichlich formuliert hatte. Es reichte meist mit den Fingernägeln, den sorgsam manikürten, ins Fleisch zu drücken und dann ein wenig übern Hof der Warzen zu kratzen. Die Delinquenten fürchteten dann gleich, daß er dort erneut mit den Nägeln nachhaken würde. Irgendwann sprachen die alle – wenn gar nichts half mußten Hände und Finger und Nägel eben zwischen die Beine wandern, um die sodomitischen Organe zu packen, dort wo das Blut heftiger pulsierte in diesem Gekrös Mann. Da trafen sich dann paradiesische Nacktheit, allerdings nach dem Sündenfall und jugendliche Sündhaftigkeit im Schmerz. Das waren natürlich die vordergründigen Organe der Sünde, die durfte man quälen, damit die jungen Männer zugaben, was sie in ihrem eigentlichen Sündenorgan, dem Hirn, an schmutzigen Gefühlen mit sich trugen und an atheistischen Gedanken.

Ach, er verlor sich in den Verhören vom Vortag. Die gab´s doch im Protokoll, das würde man ihm morgen gebunden überreichen für sein Archiv. Manchmal überwältigten ihn die Erfahrungen bei diesen Verhören. Vor Jahren hatte er sich, während er einen engelsgleichen Siebzehnjährigen befragte, unter dessen himmlischer Larve doch der Satan saß, so sehr konzentriert, selbst in die Zunge gebissen. Das Blut strömte hervor; ein gewissenhafter Arzt war so schnell auf dem Lande nicht aufzutreiben und so war der Muskel im Mund aufgrund einer nachlässig geführten Naht nicht vollständig wieder zusammengewachsen. Ein kleiner Spalt war geblieben und hinderte ihn zuweilen an der sauberenr Artikulation der Zischlaute. Die gespaltene Zunge fiel kaum jemandem auf – aber ihn selbst störte es. Er nahm so viele Details an sich und anderen wahr: Sein Verstand, sein Gefühl waren zu offen für alle möglichen Eindrücke… das überwältigte ihn jedes Mal: Verhör und strenge Befragung und schließlich das Ende. Wie rasch das kam – manchmal stand er nahe genug, um das Knacken der Genicke zu vernehmen.

Das also ist das Geräusch der Endlichkeit. Aus. Vorbei. Perdu. Die kamen auch nicht in die Hölle. Mit was für Ammenmärchen man noch immer, nach über zweitausend Jahren die Menschen in Schach halten konnte. Es gab auch keinen Himmel. Was gab es? Seine länger gewachsenen Nägel gab es, gefeilt und poliert von so einem Mädelchen im Orte, einer kleinen, dummen Maniküre; seine Nägel also für das Fleisch der jungen Sodomiten. Das verschaffte ihm Ansehen und den Lohn der frommen Bürger. Das gab es: Untertänigkeit und Geld und Körper, wie der des Herrn, gequält. Eine Glaubensbefriedigung!

Das war das Leben, kein schlechtes, das er gewählt hatte. All diese katholischen Paraphernalien waren oft lästig, aber er mußte sie akzeptieren und mußte mitspielen: abgesehen von seiner geliebten Eucharistiefeier mit dem wonnigen Hostienhokuspokus, bei dem man vom Herrn kosten durfte, waren Andachten und Messen, Hochgebete und Rosenkränze, ein stupides sich immer wiederholendes Schmierentheater; wie gut, daß wenigstens die Kostüme wechselten im Laufe des Kirchenjahres; von den Gesängen wollte er lieber schweigen, die die Gemeinden mit halber Lunge aus dem Sursum Corda röchelten zu den schiefen Tönen vernachlässigter und schlecht gepflegter Orgeln.

Aber ein Priester zu sein, ein Monsignore mit Aussichten und jetzt schon erklecklichem Einkommen – das war in diesen Zeiten das Erstrebenswerteste.

Das wievielte Glas schenkte er sich jetzt ein? Bloß richtig bei Sinnen bleiben. Heute Abend würde noch abgerechnet werden im Rathaus.

Ja, er dachte zu viel und zu oft in alle Richtungen. Aber wenn er dort bleiben wollte, wo er sich befand oder gar avancieren, dann mußte er umsichtig sein. Der Aufruhr, die unglückliche Exekution, das ärgerte ihn, aber beunruhigt hatte ihn etwas anderes: nicht nur der blonde, entwischte Junge war ihm aufgefallen…

In der Menge, die sich um das Schafott versammelt hatte, entdeckte er eine hohe Silhouette, anthrazit und das Gesicht im Schatten unter dem breitkrempigen Hut. Ein verwegener Hut, ein Borsalino, wenn er sich recht erinnerte, so etwas trug heute kaum noch einer. Als die Delinquenten herangeführt wurden, nahm der Träger seinen Hut ab. War das ein Gruß oder wußte der bloß, was sich gehörte, da hier doch Gottes Wille vollzogen wurde? Die Herren vom Magistrat, sofern sie Hüte trugen, zogen die erst vom Haupt, als der Gerichtspräsident ans Ende seiner Rede gekommen war. Der da ragte, selbst ohne Hut noch über die spektakelhungrigen Bürger der Stadt. Der war nicht mehr ganz jung, jung noch, aber nicht so jung, daß es Basil von Echs zu ästhetisch sublimierten Gedanken angeregt hätte. Aber der hatte ein verwegenes Gesicht, auch einen Kinn- und Schnurrbart – der erinnerte ihn erneut an seinen Dumas – diesmal aber an die Haudegen, die Musketiere, die natürlichen Feinde der Kirche. Die Haare waren nicht vorschriftsmäßig, kein Männerschnitt, kein Fasson, im Gegenteil, die wellten ihm um den Kopf bis in den Nacken. Männer sollten doch keine so langen Haare tragen; das war verpönt. Jedoch es waren nicht die Haare, die Basil von Echs verwirrten, wenn auch diese Frisur selten war, es war der Blick. Es waren die Augen. Die waren ihm bekannt, die großen Augen. Waren die etwa grün? Er war zu weit weg, um das genau auszumachen. Er konnte auch nicht die ganze Zeit auf den Hünen im anthrazitfarbenen Anzug starren, er mußte wenigstens anstandshalber den Anschein erwecken, daß er die Zeremonie verfolgte. Und als er beim nächsten möglichen Male hinüberblickte, da war der Mann schon verschwunden.

Aber diese Augen, die lagen auf ihm die ganze Zeit; er spürte es, die beobachteten ihn, als der Aufruhr losging, sich die Menge auflöste, und er hinunter geleitet wurde von den Bütteln in den Ort – dessen war er sich gewiß – der Mann hatte ihn durchdringend fixiert. Wessen Augen waren das? Das D´Artagnangesicht war ihm nicht genau erinnerlich, aber diese Augen, dieser Blick, die Beobachtungsgabe…

Seine kleine Pendülenuhr, die er überall hin mitnahm, auf der Konsole, läutete gläsern und dünn. Es war schon sieben. Er mußte sich zurecht machen. Um acht erwartete man ihn im Rathaus, um ihm sein Honorar zu überreichen.

Verdammt, war denn dieser Vinanser immer noch nicht zurück? Basil von Echs knöpfte die Soutane zu und spritzte sich im Bad kaltes Wasser ins Gesicht. Es konnte auch nicht schaden, mit einem Mundwasser zu spülen; er hatte eine Cognacfahne.

Auf dem Weg ins Hotelfoyer hinunter, klopfte er an Vinansers Zimmertür. Keine Antwort. Der Trottel war also noch immer auf der Jagd; die war wohl vergeblich, wie man vermuten mußte. Hoffentlich war Vinanser so gescheit, sich gleich im Rathaus einzufinden. Der geflohene Junge würde sich auch später noch ergreifen lassen; die Alumnen waren zweifellos zu ungeschickt dafür.

Als er aus dem ächzenden Fahrstuhl in die Lobby trat, entdeckte er vor der Portiersloge den großen, aschblonden Mann im anthrazitfarbenen Anzug, diesen D´Artagnan. Den Haudegen hatte Basil von Echs, obwohl er sich doch auf der sicheren Seite des Kardinals Richelieu finden sollte, schon als Kind gemocht – ungestüm, noch nicht gescheit, aber verwegen. Da stand der Traum seiner Jugend und bezahlte offensichtlich seine Hotelrechnung.

Von Echs legte seinen Schlüssel auf die Theke und bat den Portier: „wenn mein Sekretär und Assistent eintreffen sollte, dann sagen Sie ihm, daß ich bereits ins Rathaus gegangen bin. Er soll doch bitte nachkommen.“

Der Portier nahm den Schlüssel an sich und raunte devot, „selbstverständlich, Monsignore!“

Basil von Echs wandte sich so um, daß er dem Aschblond-Verwegenen ins Gesicht sehen mußte. Er wollte jetzt diese Augen von nahem überprüfen. Der Mann deutete mit einem leichten Nicken einen beiläufigen Gruß an, wie man ihn einem Fremden zuteil werden läßt und schaute dann wieder auf die Scheine, die er bar auf den Tresen blätterte. Das ganze Kreditkartenwesen war schon vor Jahren zusammengebrochen.

Der kurze Augenblick hatte genügt. Es war in der Tat ein Augenblick gewesen. Es waren die gleichen Augen gewesen. Es waren die Augen von damals gewesen – wie hätten sie sich auch verändern können.

Basil von Echs wußte im Moment, das konnte kein Zufall sein. Der Mann war nicht ohne Absicht hier. Das waren die gleichen grünen Augen gewesen wie vor zwanzig und mehr Jahren. Schon damals keine Kinderaugen; das war es ja gerade, was er an ihnen geliebt hatte, dieses Moment des Erwachsenseins in den Augen, während der Körper noch so zart war, ganz weich, mit dem Beginn des Flaums auf den Armen, der Brust und den Beinen. Nicht mehr ganz Kind und noch nicht erwachsen.

Der hatte ihn angestarrt auf dem Richtplatz mit diesen Augen von damals. Und jetzt zahlte der, als sei nichts gewesen, ergriff seinen Koffer und verschwand zur Treppe in den Parkkeller. Der würde wegfahren. Und er konnte ihn nicht daran hindern.

Wo steckte bloß Vinanser. Der mußte was unternehmen. Dieser Blick bedeutete Gefahr! Der Mann mußte aus dem Weg!

 

Copyright – Wolfgang Brosche –

 

 

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