SEMPER SEQUOIA Tristan

Redwoods Trail

 

 

S E M P E R   S E Q U O I A Tristan

 

Wind über dem Silt zaghaft dissonant wie Celli und Oboen. Noch kriecht der Sand über den Boden, dann überschlägt er im Dreisprung. Und Wind und Sand wird Sturm und wirbelt über die verkohlten Stämme, die aschenen Kronen, das verbrannte Geäst und trägt fort was er kann vom Grenzwald bis in die Schlucht.

Rot und hoch hatte der Brand gewütet in den kümmerlichen Fichten zwei Jahre nach dem Krieg; wer hatte da eingeschlagen? Ein Sommerblitz oder ein Ungewitter aus Hitze und Wut, das Flammen an die dürren Kiefern legte. Wollte wer nicht, daß die Niederländer im Grenzwald, ihrer Sperrzone, fällten das dürre Gehölz auf dem Sand: Reparationen.

Sommerhitze oder Sabotage – ganz gleich, der Brand fraß alles Holz und übrig blieben Asche und Schluff. Sandstürme trugen das fort nach Westen: da lag Brabant, das sandige Land, flach und weit, wo sich die Wolken türmten über den Niederlanden wie bei Frans Hals, Vermeer und Hobbema. – Heute ist die Grenze nicht mehr, und Wolken waren niemals holländisch oder deutsch. Die wehen heute abend mit dem Westwind über die neuen Forsten herüber. Die Bäume sind mal gerade sechzig Jahre alt und halten jetzt den Sand mit ihren Wurzeln. Keine Stürme mehr.

Der alte Mann steigt mühsam aus der Taxe, er zieht sich an der Türe hoch. Der Taxifahrer reicht dem Alten den Stock. Ob er nicht warten solle, es sei doch niemand da um diese Zeit, das Arboretum längst geschlossen. Der Alte schüttelt den Kopf, die Gegend sei ihm bekannt, von früher. Er komme schon allein zurecht – und zahlt und sieht dem Taxi nicht mehr nach, wie es um eine Birkenbiegung fährt und fort ist. Davor wogt Rhododendron violett wie an den Wällen des Sieks auf den Schwelmer Höhen.

Der Wind weht Fetzen von Papier herüber, das ist die Spur zur Erlenhöhe hoch. Der Boden ist schon klamm, die Erde riecht nach Moos und Pilzen. Warnt da ein Eichelhäher durch den Forst? Jetzt ist es still! Ein Licht für Füchse, die können sich darin verbergen, liegt gold und rot, auf dem gefärbten Laub. Doch dieser Fuchs kommt ihm nicht aus. Der Fähnleinführer Horst hockt in der Erlenhöhle. Da dürfen die anderen nicht hin, das hat der Fähnleinführer befohlen als die Schnitzeljagd begann. Nie war er in der Erlenhöhle, dort spukt es, sagt man, und da ist ein Sumpf, wer einmal falsch tritt, sinkt hinab in Ewigkeit und taucht nie wieder auf. Dort wo die Sonne nicht mehr lodert, hockt Horst auf dem Boden und wartet auf ihn. Blond ein Schwung an Stirn und Scheitel, im Nacken ausrasiert, die Haut ist braungebrannt vom Sommer und seine Augen haben fast das gleiche goldene Braun wie seine Haut.

Menschen mit braunen Augen darfst du nicht trauen, mahnte Marlies den Sohn. Er wollte ihr dazwischen gehen: wie sie dem Sohn solchen Unsinn beibringen könnte? Er tat´s aber nicht und sprach nicht mit ihr. Die machte dem Sohn den Freund schlecht. Den konnte sie nicht leiden, den braungebrannten, aschblonden, den braunäugigen, der hätte Zigeuneraugen, der taugte nicht als Freund für den Sohn, der war zu frech und zu schön, der lachte so dreist und der Sohn war ganz verschossen in ihn. Da liefe was schief, das könnte sie nicht dulden. Zum Sohn war sie hart, damit der nicht weich würde. Da hatte sie wohl recht. Er kannte es auch nicht anders, und vor den braunen Zigeuneraugen hatte auch ihn seine Mutter gewarnt. Die konnte den Horst nicht leiden. Der wäre nicht der richtige Umgang; doch, was richtete sie aus gegen den Fähnleinführer der Pimpfe. Da mußte die Mutter schweigen. Die schwieg immer, sobald sie ein Parteiabzeichen sah und eine braune Uniform.

Das Haus am Ende des Heckenweges ist neu. Fachwerk aus neuem Lehm und Stroh und neuem Eichenholz, das fügt sich unter die Linden. Wacholder gibt es auch. Der Wind weht von Holland, der alte Mann spürt warm den Geruch von Heide und Moor.

So roch es an der Schäferkate, dem kleinen Fachwerkwiemen. Dort wartete die Mutter vor den Bomben aus Schwelm hier an die Grenze zu Holland in die Heide evakuiert auf ihre Söhne. Der älteste blieb ihr in Rußland, den konnten sie nicht in der gefrorenen Erde begraben. Der zweite lag, ein leichenloses Kreuz, an der Somme, bloß er kam zurück aus dem französischen Depot. Die Mutter nickte nur als er kam und schwieg und scheuchte die einzige Tochter durch die Baracke zum Putzen.

Abends hielt er es in der Kate nicht aus. Er hockte sich in die Heide. Der war noch immer so sandig der Boden im Grenzland zur Maas. Den mußten sie verbessern, als Arbeitsmänner, erdbraun die Uniformen. Die wurden ihnen zu warm, und Horst zog Rock aus und Hemd und wurde noch brauner, so kräftig die Schultern. Die berührte er abends wie aus Versehen. Horst wandte sich ihm zu und lächelte bloß. Er drehte sich weg, rot im Gesicht und dachte an die braunen Augen und ihre Gefahr.

Was hockst du hier jäiden Abend im Jraas und läßt mich allaijn? Den Königsberger Akzent hatte die Mutter nicht verloren, nachdem der Mann aus Schwelm sie geheiratet hatte. Däijn Vater ist tot und daijne Brüder auch, du bist jazzt der äijnzije Mann in der Famillje. Sie schnürte sich den Dutt streng auf dem Hinterkopf. Sieh dich nach Arrbeijt um und traijm mir nich die Nächte durch. Das bringt uns nuscht!

Die Schritte schwer auf dem Kiesweg. Der Birkenhain raschelt. Kein Mensch um zehn, im Abendlicht im Arboretum. Die Birken und die Rhododendronhecken, der Tulpenbaum da drüben mit den gelben Kelchen wie aus Wachs – alles neu.

Das gab es damals nicht als sie Humus ausbrachten, die Spaten kloppend beim Ehrendienst am Volke. Tagsüber graben, abends zur Klampfe singen und rasch die Lagerfeuer löschen wenn fern die Christbäume leuchteten – dann brummten bald die britischen Bomber zum Ruhrgebiet hinüber. Sie kauerten in den verdunkelten Nissenhütten. Einmal griff er erschrocken Horsts vom Graben schwielige Hand – der hockte neben ihm, die anderen sahen es nicht – als wie zum Spaß ein Bomber auf dem Rückflug, das was er nicht losgeworden war, auf Kaldenkirchen hinab ließ.

Die Marlies kannte das Gefühl so todeserschrocken zu sein: das brachte sie einander näher. Der war die ganze Stadt von Phosphorbomben am Karfreitag, es war eine katholische Stadt, zerborsten. Der Mutter gefiel die Marlies nicht, auch wenn sie sich die Haare brav zum Dutt band und keine braunen, doch grüne Augen hatte. Ein Schatten Braun war darin, ganz fein. Der fiel der Mutter auf und darum konnte sie die Schwiegertochter ein Leben lang nicht leiden. Nur den Enkel liebte sie, auch wenn der die Augen der Mutter hatte und die Brauen so feingeschwungen wie der Horst. Den Enkel hätschelte sie, verwöhnte den mit Königsberger Marzipan – geflämmt – und warnte ihn vor schönen Menschen und vor braunen Augen, auch wenn das beim Sohn nichts genützt hatte.

Das Licht läßt nach, bald kommt die Nacht, die kein Vergessen gibt, wie keine Nacht. Schlaflosigkeit ist sein zermürbender Begleiter der ganzen Jahre. Er dämmerte bloß und Marlies schlief. Sie hatte oft Alpträume von den Phosphorbomben, die machten den Stein ihrer Stadt zu Lava, sie träumte auch, daß er sie verließ, das ahnte er, wenn sie im Traum nach ihm schrie, sie träumte auch von dem Sohn, sie fürchtete, daß der ihr entglitt und sich sehnte nach Aschblond und braunen Augen. Und während sie unruhig schlief und er nicht schlafen konnte, rauschten vor dem Fenster im Garten die Birken, die standen im Spalier einen Gang lang im Garten wie in

´s-Hertogenbosch hinter dem Tor.

Dahin war er gefahren, er wollte die Aschengräber sehen, den Waschraum, die Baracke, das Krematorium und den Seziertisch. Die Türme stehen bis heute auf dem Brabanter Sand. Den betrat er mit achtzig, längst war Marlies tot, der Sohn war den braunen Augen gefolgt, der meldete sich nicht, verzieh ihm nicht, daß er geschwiegen hatte, als ihn die Mutter vor eben den braunen Augen warnte. Er hatte immer geschwiegen, wenn seine Frau wütete gegen den Sohn, die meinte es doch nur gut.

Noch vor dem Frühstück, sie hatten sich gerade gewaschen, bevor sie wieder ausrücken mußten zum Grenzwald und graben, wurde Horst zum Truppführer befohlen. Sie rückten aus, der Mittag kam, nur Horst nicht zurück. Am Abend nicht, am nächsten Morgen nicht. Nie mehr. Die Kameraden machten Pscht, frag nicht nach ihm. Den schicken sie, der Kamerad hob sein Kinn und wies nach Westen, ins Lager in Brabant. ´s-Hertogenbosch! Das solltest du besser nicht kennen. Grab weiter. Er grub bis zum Abend und wollte den Spaten nicht lassen als die andern längst ihr Brot und ihre Suppe aßen. Dann war Verdunkelung und die Britenbomber brummten nach Osten.

Die kräftigen Stämme, dunkelbraun und rotorange im letzten Licht, die sind erst sechzig Jahre alt und hoch schon wie ein siebenstöckiges Haus, die Mammutbäume, die wurzeln in dem Humus, den er und Horst und all die anderen aufbrachten vor noch mehr Jahren. Die sind im Arboretum nicht so hoch wie an den Hängen der Sierra Nevada. Da ragen sie mächtig und braun und grün, khaki und ocker zum Himmel und schaffen Schatten und sind immerwährend.

Er hatte sich ins Flugzeug gesetzt, nachdem Marlies tot war und seine Schwester besucht. Die hatte neunundvierzig einen Amicolonel geheiratet, um der Mutter zu entkommen. Jetzt lebte sie als solvente Witwe in San Francisco.

Komm, hatte sie ihm gesagt, besuch mich, wer weiß, wie lange wir noch leben. Wir haben uns so lange nicht gesehen.

Sie fuhren im Cable Car. Sie zeigte ihm die Castro Street, er wußte nicht warum. Dann fuhren sie in die Berge hinauf. Sie zeigte ihm die Mammutbäume. Ausbreiten mußten acht Männer ihre Arme, um die Stämme zu umfassen. Sequoia live forever war auf einem Schild zu lesen, im Schatten, braun und grün. Daneben eine Scheibe Baum mit ungezählten Ringen. Auf einen wies ein Pfeil – 1066, die Schlacht bei Hastings. Ein zweiter Pfeil auf einen weiteren Jahresring – 1939, der Kriegsbeginn. Ein dritter Pfeil am letzten Ring – 2001, der Baum gefällt. Da starb ihm seine Frau.

Hier, sagte er, und wies auf einen Ring am Rand, bin ich geboren. Wann werd ich sterben? Bald! Seine Schwester lachte in all dem Grün, in all der Ewigkeit.

Jetzt leuchtet schon der Mond, das Grün der Sequoien funkelt. Die Wacholderspitzen in der Heide funkelten genauso.

Was hockst du hier draußen und träijmst und trauerst? Der Krieg hat mir zwäij Söhne jäijnommen. Ich kennte trauern, aber du?

Ich trauere um meinen Freund, den Horst. Den steckten sie ins Lager. Ich hab ihn nie mehr gesehen.

Ich saaje es dir äijnmal und nie wieder. Wenn der nich ins Lager jäijkommen wärr, dann du. Ich mußte mich entschäijden. Däijn Truppführer ließ mir käijne Wahl! Du oder er! Und sie drehte sich auf dem Absatz und verschwand in der Kate. Kalt, kalt wurde die Nacht und er rannte hinaus in die Heide mit seinen letzten zwei Chesterfield in der Tasche und einem Streichholzbriefchen. Und die Hölzchen brannten und die Zigaretten und die Heide war trocken und loderte, das rauschte wie die Sequoien rauschen. Das ist der Wind von Brabant, der rauschte des Nachts auch herüber, wenn sie in den Zelten lagen auf ihren Pritschen, er neben Horst und sich manchmal berührten, nicht mehr, aus Angst vor dem Licht und der Häme der andern. Das Rauschen war traut, das Rauschen war Vergessen, das löste sie los von der Welt, das hatte keinen Namen, das band sie zusammen, dessen waren sie sich nicht bewußt.

Rechts und links die Mammutbäume, auf der weichen Erde Moos im Dunkel, längst entglitt ihm der Stock aus der Hand, er geht durchs Weiche und den Duft der Nacht, er sinkt hernieder auf die Knie, die schmerzen nicht, er gleitet hinab auf den Boden, den machten sie einmal reicher mit Humus. Wie er wächst und groß wird, wie sich das Denken auflöst und endlich der Schlaf kommt. Er atmet, eine freie Brust, die ihm bis gestern noch Mühe machte, längst nicht mehr bewußt.

Am nächsten Morgen stapfen Studenten durch den Mammutbaumwald. Sie zählen den Bestand.

Scheint, als ob hier die Liste nicht ordentlich geführt wurde, ruft der eine dem anderen zu. Nach der letzten Zählung dürften hier nur sechzig Bäume sein, ich zähle einen mehr.

Unsinn, meint der Kollege und zählt noch einmal nach.

Tatsächlich, du hast Recht. Es ist einer mehr, der ist nicht auf der Liste. Und dabei ist er der größte und mächtigste und wohl der älteste.

 

 

Sequoien – das sind Mammutbäume.

Seit mehr als sechzig Jahren werden sie unweit von Kaldenkirchen auf einem ehemaligen Heidegebiet direkt an der niederländischen Grenze gezüchtet; dort gibt es auch ein Arboretum, einem Baumpark, mit einem Sequoienwald.

Nach dem Krieg hatten die Holländer dieses Heidegebiet requiriert. Es ging im Sommer 1946 in Flammen auf – ob es ein Unglück oder Brandstiftung war, ist bis heute ungeklärt.

Wenige Kilometer hinter der Grenze lag einmal das größte Konzentrationslager im Westen – s`Hertogenbosch.

 

Mammutbäume gedeihen auf sandigem Boden – am besten mit einer bestimmten Körnung, dem Silt. Den liebt besonders Sequoia semper virens, das heißt die Ewiglebende, denn sie kann bis zu 1500 Jahre alt werden. Sie ist eigentlich heimisch auf den Küstenausläufern der Rocky Mountains in Kalifornien nahe San Francisco. Dort spielt eine Schlüsselszene in Alfred Hitchcocks schönstem Film Vertigo. Der Held dieses Filmes leidet an seiner Liebe zu einer Toten. Die Musik zu Vertigo schrieb der geniale Filmkomponist Bernard Hermann als eine moderne Hommage an Richard Wagners Tristan und Isolde.  

https://www.bing.com/videos/search?q=youtube+bernard+herrmann+vertigo&view=detail&mid=CDF786B5CEA5CCBC126BCDF786B5CEA5CCBC126B&FORM=VIRE

 

Diese Erzählung ist erschienen in:

http://geest-verlag.de/news/friedenlieben-die-anthologie-der-6-berner-b%C3%BCcherwochen-der-endbearbeitung

 

 

 

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