Gestern Abend bin ich einer der Preisträger im Literaturwettbewerb „COMING OUT“ des „Geest-Verlages“ in Berlin geworden….

Dies ist mein Beitrag – nachzulesen in dieser Anthologie, die ab heute im Handel ist….übrigens lohnen auch einige andere Stücke das Lesen, keine Frage…

https://www.amazon.de/Weil-ich-bin-Coming-out-Geschichten-verschiedener/dp/3866856687/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1521916937&sr=8-1&keywords=weil+ich+so+bin+geest+verlag

Taschenbuch, 284 Seiten
„Weil ich so bin“
Geest Verlag
Hrsg..Stephan Hölscher, Alfred Büngen,Jens Korthals
Texte verschiedener Autoren

 

 

covercomingout

„Weil ich so bin“

 

 

 

Strathaus

Wir nahmen ihn nicht ernst, denn er war nachsichtig und fair. Alte Schule – nicht unsere. Einmal hatten die üblichen Verdächtigen, gleich fünf an der Zahl, in einer Reihe hockend die Lateinklausur so blöd voneinander abgeschrieben, daß alle die gleichen Fehler gemacht hatten. Natürlich hatte er das gemerkt. Er schlug ihnen vor, eine fünf für den Betrug oder Nichtwertung falls sie ihm in die Hand versprächen, es nicht wieder zu tun. Fragt noch jemand, wofür sie sich entschieden?
Er hatte noch nicht mal einen Spitznamen, mit dem man sich sonst gegen die Unerträglichen wehrte. Der zackige Chemielehrer: der uns regelmäßig erlaubte über seine Kasernenhofwitze kurz und militärisch zu lachen und dann erzählte wie er als Laborant die Möhnetalsperre zum Schutz vor Angriffen vernebelt hatte, kriegte den Namen Eisenfuß verpaßt, weil er kriegsversehrt hinkte. Und Willi Schmitz, bei dem wir Deutsch hatten, hieß Schmatz Wallach – wohl weil wir ahnten, wie impotent er zu Knaben neigte. Er drosch mit den Knöcheln auf die Bänke, daß sie wie ein Kanonenschlag knallten. Seine Fingerknochen strahlten blaurot und gichtig, er genoß diesen Schmerz, weil wir erschraken, und genoß es noch mehr Träumer im Unterricht von hinten anzuschleichen, sie in den Schwitzkasten zu nehmen, unter seine verschwitzte Achsel zu drücken und ihr Gesicht an seiner Pollunderbrust zu reiben. Die müffelte nach Mottenpulver.
Strathaus war anders. In sich gekehrt, oft versunken. Mehr als einmal passierte es, daß er die Lateinstunde auf Englisch begann, weil er sich im Fach geirrt hatte. Ich bewunderte seine Sprachkenntnis: Latein, Griechisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Selbst die alten Sprachen beherrschte er fließend. Er zitierte aus französischen Romanen, den Shakespeare leichter Hand und summte Passagen aus Verdiopern – die meisten versuchten dabei nicht mal ihr Grinsen zu verbergen. Man konnte ihn zum Erzählen bringen, so daß er seine eigentliche Aufgabe vergaß – aber welche war das? – und er sprach von seinen Kriegserlebnissen unter Rommel in Nordafrika. Er erzählte von den Wüstenkämpfen, der Erschöpfung, die ihn im Stehen schlafen ließ oder von dem geheimen Besuch auf einem Sklavenmarkt in Tunis. Es wurde nie so ganz klar, ob er diese Zeit fürchterlich fand oder doch befreiend, weil sie ihn fortgeführt hatte aus der Enge unserer gemeinsamen Heimatstadt. Mit Stichworten zur klassischen Geschichte konnte man ihn anregen: Titus Manlius Torquatus, Wanderer kommst du… – und einmal warf einer aus der Klausurbetrügerclique mit Grinsen „Knabenliebe“ in den Klassenraum. Er zuckte kaum merklich und hielt einen Vortrag über den pädagogischen Eros. Eine große antike verschollene Sache aus mythischen Zeiten. Die Clique hörte gar nicht zu – immerhin: kein Latein an jenem Morgen.
Für uns war er alt – über fünfzig, grau wie sein Anzug mit obligatorischer, schmaler Krawatte. Er lockerte sie nie. Nie sah man ihn im Sommer mit hochgekrempelten Ärmeln. Er roch nach Hoffmanns Wäschestärke und Old Spice. Seine Kollegen machten in anderen Unterrichtsstunden mokante Bemerkungen über ihn: ein Sonderling und Einzelgänger, keine Frau. Er lebte mit seiner Schwester zusammen. Die führte ihm den Haushalt in einem Bungalow weit draußen außerhalb der Kernstadt. Ein Auto besaß er nicht – jeden Morgen kam er acht Kilometer stramm marschierend zu Fuß und ging am Nachmittag acht Kilometer im gleichen Schritt zurück, nur manchmal gestattete er sich dann einen kaum merklichen Schlenderrhythmus, und die alte Aktentasche schien ihm leichter als auf den Hinweg.
Ich weiß bis heute seinen Vornamen nicht. Meinen kannte er wohl – aber bis zum Ende der Mittelstufe – so war das üblich – wurden wir nur beim Nachnamen genannt. Ab der Obersekunda galt noch immer bloß der Nachname, aber auch das „Sie“. Im Leistungskurs Englisch – ich war froh, daß er ihn leitete – nannte er mich manchmal bei meinem vollen Namen. Die anderen, denen das nicht widerfuhr, merkten es gar nicht. Das begann als wir endlich Shakespeare lasen – wie hatte ich das herbeigesehnt; leider nicht, wie im Parallelkurs „Macbeth“ – denn es gab bloß jeweils einen klassenstarken Satz an Peguinausgaben; für meinen Kurs blieb nur der „Julius Cäsar“.
Das war das Jahr, in dem ich „aufgeflogen“ war. Meine Mutter, die regelmäßig meine Sachen durchschnüffelte, hatte ein paar Ausgaben „HIM“ gefunden. Jeden Monatsanfang schlich ich unter Herzklopfen zum Kiosk am Bahnhof und schmuggelte von dort das neue Heft in mein Schreibtischfach. Seitdem wußte ich, daß Geheimnis und Verbergen zu mir gehörten.
Die Mutter rannte zum Pfarrer, damit er mir „das“ und die andere Neigung zur Literatur austrieb. Dann kamen Verhör, Verurteilung – Absonderung. „So einer wie Du wird nie Freunde finden. Du wirst nie glücklich. Selbst deine tote Großmutter, die du so geliebt hast, mehr als mich“, sagte meine Mutter, „das weiß ich ja genau, würde dich ekelhaft finden. Und außerdem machst Du das doch nur um mich zu verletzen…“ Mein Vater schwieg ein halbes Jahr, nicht mal einen „Guten Tag“ erwiderte er und sah mir nicht mehr ins Gesicht… Erst als er alt war und Witwer blickte er mich wieder an und nannte mich, meinen Namen hatte er seit damals nicht mehr ausgesprochen, manchmal zaghaft „Wolfgang!“.
So wie Strathaus – er war der einzige Lehrer, der mich beim Vornamen nannte: „Wolfgang, würden Sie bitte für morgen die Rede des Mark Anton vorbereiten?“ Aber natürlich! – Er wußte mit welcher Freude ich „Friends, Romans, Countrymen…“ deklamierte; er sagte, ich hätte Talent. Bis zum Abitur war ich der einzige, der Monologe, Gedichte oder Romanpassagen mit schottischen „r“ vortragen durfte. Ich spürte ein kleines Gefühl von Sprachglück – mehr würde es nie geben, war mir klar – während die anderen gähnend mit den Schultern zuckten.
Einmal wagte ich es, ihm den Übersetzungsversuch eines Novalis-Gedichtes zu reichen. Was er davon hielte?
Hinüber wall ich und jede Pein
wird einst ein Stachel der Wollust sein…
…das wollüstige Schmerzgedicht eines todessehnsüchtigen Schwulen; aber das wußte ich noch nicht damals. Was ich wußte, war was ich empfand: die große Einsamkeit, in die ich mich eingewöhnte wie in eine Rüstung. Wenn es schon keine Liebe gab, dann sollte man glauben, daß ich auch ohne sie auskäme. Es war glaubhaft.
Eines Tages, nach der Rückgabe einer Klausur, die wie immer und selbstverständlich die beste des Kurses war – nur einmal gab es eine Eins minus weil „Sie es noch etwas besser hätten machen können, ich bin überzeugt, Wolfgang!“ – überreichte mir Strathaus, als wir in die Pause stürmten, einen dünnen englischen Band übers Lyrikschreiben von Auden, der würde mir sicher viel Anregung geben können. Er hatte ihn wohl erworben, als er so alt war wie ich. Wie schmallippig, leinengebunden, in Book Antiqua gedruckt, eine Schrift in der ich noch heute alle meine Texte schreibe..
Soviele Jahre später bin ich überzeugt, er ahnte wie es mir ging, aber er vermochte längst nicht mehr als ein Buch anzubieten. Und das war für mich schon reichlich, ich war bereits bescheiden geworden. Es war undenkbar, daß nur ein Gran mehr an Zuwendung hätte geschehen können. Er hatte sein Leben längst abgelegt und gegen Haltung eingetauscht, sonst hätte er womöglich nicht überlebt – er wurde zum Vorbild.
Vor einiger Zeit traf ich zufällig jüngere Kollegen von ihm, nun auch schon Rentner. Die machten sich noch heute über ihn lustig, sprachen „es“ nicht aus – de mortuis nil nisi bene hätte er gesagt – aber da wurde mir klar, daß sie ihn damals durchschaut hatten, was sie von ihm gehalten hatten, obwohl er das sprachlose „es“ doch so gut verbergen konnte.
Einmal noch, nach dem Abitur, sind wir uns begegnet. Ich fuhr mit dem Fahrrad von einem Semesterferienjob durch das Außenviertel, in dem er lebte. Ich erkannte ihn schon von weitem an seinem typischen Heimwegschritt, er hatte mich erst gar nicht bemerkt und schreckte hoch als ich ihn beim Namen grüßte. Und dann lächelte er, kaum merklich, weil wir einander erkannt hatten. Ich lächelte auch kaum merklich zurück – jeder ging seines Wegs – und das war alles.

Advertisements

„Coming Out“ – Strathaus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s