Sie hätte so gern auch einmal getanzt

And now to something completely different…
Dies war mein Geschenk zum 80.Geburtstag meiner Freundin Ingrid Dierkes. Sie ist die Witwe des Bildhauers Karl-Josef Dierkes, mit dem mich auch eine enge Freundschaft verband. Ingrid bemüht sich bewegend um seine Erbe und darum sein umfangreiches Werk lebendig zu erhalten: monumentale Bronzeskulpturen, eine große Anzahl kleinerer Werke und die zahlreichen Bände mit Lyrik, die in seinen letzten Lebensjahren entstanden, als seine körperliche Verfassung die schwere Bildhauerarbeit nicht mehr zuließ.
Beide haben mir oft aus ihrem Leben erzählt – und mit dieser Geschichte habe ich versucht, mich bei ihnen für dieses Vertrauen zu bedanken.
Da diese Geschichte so schlecht in einen Anthologieband paßt -aber warum eigentlich nicht? – Setz ich sie mal hier her, damit sie mehr Leser findet….

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_J._Dierkes

Bild: „Die Liegende“ – copyright Neue Westfälische

Musik liegt in der Luft
Wenn Du in meiner Nähe bist
Und ich spür diesen heimlichen Zauber
Den man einmal erlebt
Und dann nie vergißt
Musik liegt in der Luft
Wenn du durch meine Träume gehst
Und ein Lied klingt in mir
Und klingt bald auch in Dir
Denn Musik liegt in der Luft…

.. wie sich der Ohrwurm eingeschlichen hatte, es war, als steckte er schon in den Falten der Kleider. Seit gestern summte und sang das Lehrmädchen diesen Schlager von Catarina Valente und steckte damit alle an. Er ging niemanden mehr aus dem Kopf. Die ganze Belegschaft war wie infiziert, selbst die Direktrice, die sonst immer so streng blickte – das reichte schon, um sich zurückzunehmen – wiegte den Kopf und brummte Häppchen der Melodie und wenn sie jemand dabei ertappte, verschluckte sie die letzten Töne, aber es war sicher, daß sie in ihr nachklangen. Das ganze Geschäft war beschwingt und es fehlte nicht viel, daß in den Gängen zwischen Warenregalen und auf dem Platz vor den Tresen getanzt wurde.
Eine leichtfertige Beschwingtheit hatte die Belegschaft ergriffen und wenn sie sicher gewesen wäre, daß keiner zuschaute, hätte sie sich womöglich auch in den Hüften und Schultern gewiegt und mit den Fingern den Takt auf der Theke getrommelt – aber noch steckte ihr die Erkältung der letzten Tage in den Knochen. Die Nase triefte aber schon nicht mehr so haltlos wie gestern und die Augen waren am Morgen bereits nicht mehr gerötet und tränten kaum noch. Auch in der Brust ballte sich nicht mehr der Husten wie Vortags – das Atmen war freier geworden.
Sie hatten geholfen, die Mittel, die der große Mann mit dem westfälischen Schädel ihr urplötzlich in die Hände gedrückt hatte. Durch den feuchten Schleier ihres Grippeblicks hatte sie ihn kaum ins Geschäft kommen sehen. Statt ihn als Kunden anzulächeln nieste sie ihn an. Ihr war es peinlich, er lachte, aber nicht gehässig, eher vergnügt und sie spürte seinen Blick, der von oben bis unten Maß nahm…einen Blick, wie sie später feststellte, für Proportionen…
Bevor sie ihn nach seinen Wünschen fragen konnte, hustete sie ihm etwas. Er zuckte nicht zurück – überhaupt sah er so stabil aus, als könne ihm ein schäbiger Schnupfen nichts anhaben – er hob die Rechte leicht zu einer beschwichtigen Geste und rief mit einer kräftigen, nicht unfreundlichen Stimme: „Einen Augenblick! Da ist doch eine Apotheke nebenan, oder?“ und war mit ein paar ungewandten Schritten schon wieder zur Tür hinaus.
Sie warf ihrer Kollegin einen fragenden Blick zu und hob die Schultern an…war das ein unentschlossener Kunde oder bloß ein fahriger Kauz, der sich in der Ladentür geirrt hatte? Das Lehrmädchen schürzte die Lippen und tippte sich an die Stirn.
Sie putzte sich, zum wievielten Mal heute? , die Nase und mühte sich vergeblich, leiser zu schnäuzen. Sie brauchte ein neues Taschentuch und eilte fort aus dem Laden nach hinten in den Aufenthaltsraum fürs Personal, um das dritte Tuch für diesen Morgen, das sie vorsorglich eingesteckt hatte, aus ihrer Handtasche zu holen.
Sie ließ sich auf den Cocktailsessel mit dem gelben Kunsttoffbezug sinken und stellte die Tasche auf der Glasplatte des Nierentisches davor ab. Vielleicht sollte sie doch den Nachmittag freinehmen und sich ins Bett legen; so schniefend konnte sie eigentlich keine Kunden mehr bedienen. Sie schloß die Augen und massierte sich mit der Rechten den steifen Nacken.
„Aber Sie können doch nicht hier herein, mein Herr“, hörte sie die strenge Stimme der Direktrice auf dem Flur.
„Ist es das hier?,“ fragte der Mann, der eben das Geschäft fast fluchtartig verlassen hatte und stand schon im Türrahmen, die Tür hatte man herausgehoben und mit einem Druckvorhang versehen – bunte Scherenschnitte aus Italien, venezianische Gondeln und die Rialtobrücke. Der Mann zog die touristischen Sehnsuchtsbilder, wer konnte sich damals schon eine Urlaubsreise nach Venedig leisten, ungehemmt zur Seite, setzte einen schweren Schritt in den Raum, kümmerte sich gar nicht um die aufgelöste Direktrice hinter ihm und hielt der im Sessel Schniefenden eine Apothekertüte entgegen.
„Hier, Fräulein“, sagte er bestimmt und freundlich: „Jetzt gehen Sie mal nach Hause und nehmen das. Und dann sind Sie morgen wieder auf dem Damm! Ich komme und erkundige mich dann nach Ihnen!“, das sagte er so bestimmt, daß man es ihm glauben mußte.
Er machte noch einen weiteren leicht unbeholfenen Schritt auf sie zu, was ihr nur angesichts seines großen und schweren Körpers auffiel, der sich leicht zur Seite neigte und stellte die Tüte auf dem Tisch ab. Er holte eine Flasche Hustensaft heraus, einen Tiegel Wick Eukalyptussalbe zum Einreiben und ein Päckchen „Erkältungstee“ – wie auf dem Aufkleber zu lesen war. Er kippte die Tüte ein wenig: eine Großpackung Tempo-Tücher rutschte noch heraus – und ein Röhrchen Halsbonbons.
Sie war sprachlos, nicht nur, weil ein Huster ihr die Stimme verrauhte…Die Direktrice war perplex hinter dem Mann stehen geblieben und wandte sich hilflos zum Gang, wo wohl die beiden Kolleginnen standen, die hinterher gelaufen waren und alle staunten über den heilsamen eukalyptischen Ringelblumenreichtum auf dem Tisch.
„Das ist ja“, stammelte die Direktrice verblüfft, “ sehr freundlich, mein Herr…aber…“ doch ihr fiel nichts ein, was sie wirklich einwenden konnte gegen diese Erkältungs-Erste-Hilfe.
„Sie können doch die junge Frau nicht so stark erkältet hier im Laden husten und schniefen lassen…da muß man doch was machen…“ sagte der Mann mit fester Stimme.
Wie sie da verblüfft in ihrem Sessel kauerte, wunderte sie sich, womit sie diese freundliche Anteilnahme verdient hatte. Die sprachlose Verwirrung wich einigen verlegenen Dankesworten, zum Plaudern blieb nicht viel Zeit, im Laden ertönte die Türglocke und die Kolleginnen eilten zurück in den Verkaufsraum. Die Direktrice machte hinter dem Rücken des Kunden eine Geste mit dem Kopf, die wohl bedeutete: bedanken und dann rauskomplimentieren.
Sie erhob sich aus dem Sessel, ging zwei Schritte auf den Medikamentenmann zu, blieb stehen und vermied, ihm die Hand zu geben. Heiser brachte sie hervor, sie wolle ihn nicht anstecken, und er hatte wohl begriffen, daß es jetzt besser war, zu gehen. Er reichte zurück an den Türrahmen, wie um Halt zu suchen für eine Drehung auf dem Absatz, die er vollführte, schaute sie dabei unverwandt an und sagte mit einer bestimmten Keckheit: „aber morgen komme ich wieder und erkundige mich, wie es Ihnen geht! Es muß Ihnen morgen besser gehen“, bestimmte er heiter!
Tatsächlich am nächsten Tag fühlte sie sich schon weitaus besser und ließ sich von dem Summen der anderen anstecken…
..Musik liegt in der Luft
Wenn du in meiner Nähe bist…
Er wird nicht kommen, sagte sie sich schon am frühen Morgen und ertappte sich dabei wie sie manchmal über die Auslagen im Schaufenster hinaus auf die Straße spähte. Natürlich war sie wieder im Aufenthaltsraum, als er am Nachmittag das Geschäft betrat. Das Läuten der Türglocke war wie bei allen Kunden, aber es war als könnte sie die Verwunderung ihrer Kolleginnen spüren, darüber daß der kuriose Mann gekommen war wie er es angekündigt hatte.
Sie sprang auf, huschte beim Spiegel vorüber, strich sich übers Haar, zupfte den Blusenkragen zurecht und war wohl noch nie mit so wenigen Schritten im Laden gewesen. Da stand er vor dem Tresen, aufrecht, mit breiten Schultern, mehr als einen ganzen Kopf größer als sie und lachte.
„Sie sehen schon viel besser aus als gestern,“ freute er sich.
Die neugierigen Blicke der gesamten Belegschaft waren zu spüren. Sie stammelte unbeholfen etwas von Dank und Verlegenheit, fragte wie denn ein Fremder auf so freundliche Ideen käme, er winkte ab, sie versuchte zu antworten, er ließ ihre Schüchternheit nicht gelten und erst als das Glockenspiel der Tür verhallt und er längst wieder auf der Straße war, schoß es ihr durch den Kopf. “Was habe ich denn da gemacht? Ich hab mich von einem wildfremden Mann zum Essen einladen lassen!“
Die Kolleginnen, die Direktrice und das Lehrmädchen redeten auf sie ein, das sei ja ein doller Kunde, der habe sie überrumpeln können, sie sei doch sonst nicht auf den Kopf gefallen, wer weiß, was solche dreisten Kerle vorhätten, sie dürfte bestimmt die Verabredung nicht einhalten – aber sie wußte, sie wollte es auf jeden Fall und das erneute Schellen der Glocke, das neue Kunden in den Laden begleitete, zerstreute alle Ahnungen von Abenteuer und Verwegenheit für den Moment.
Damals nannte man solche Männer noch Kavalier. Nein, er kam nicht auf einem Schimmel geritten, hatte kein Bukett Rosen im Arm oder legte gar seinen Mantel über eine Straßenpfütze wie sie es einmal in einem Ritterfilm gesehen hatte. Er holte sie vom Geschäft mit seinem Ford ab – ein roter auch noch, wie verwegen – und fuhr mit ihr zu einem der damals wenigen besseren Restaurants in Kassel nahe der Wilhelmshöhe. Sie war noch niemals dort gewesen, es war ziemlich kostspielig. Der Kellner half ihr aus dem Mantel und schritt erhaben vor ihnen zum Tisch…eine junge Pianistin saß auf einem Podest am Flügel und intonierte einen Walzer; nach ein paar Takten sang sie unaufdringlich den französischen Text:

Tournent, tournent beaux paysages
La terre tourne, tourne jour et nuit,
l´ eaux de pluie se change en nuage,
et le nuage tombes en pluie….

Die Unterhaltung am Tisch begann ohne Verlegenheit und was sie sagten, schmiegte sich leicht aneinander. Der große Mann kam aus einem winzigen Örtchen im Weserbergland und war Bildhauer, ein Mann von Welt, ein Bildhauer, ein Künstler, der war herumgereist, der war älter und hatte was erlebt, was wollte der von ihr, sie war Verkäuferin in einer besseren Lederwarenhandlung nebst erlesener Parfümerie, das schon…doch sie spürte sich nicht unterlegen, er ging auf sie ein, er hörte ihr zu und aus der Unterhaltung wurde ein Gespräch und aus der Verabredung eine Begegnung.

Tourne, tourne le ciel en fète
Tourne la lune et le soleil
Tourne tourne vielle planète
Tourne la vie et l´arc en ciel….

Erst als er sie sicher wieder zuhause abgesetzt hatte, fiel ihr ein, daß sie doch verlobt war…
Ein paar Tage später kam ein Brief von ihm, in einer großzügigen, raumgreifenden, eigenwilligen Handschrift. Was er schrieb, war wie ansteckend, aber nicht aufdringlich, er nannte sie beim Vornamen, doch immer blieb er beim Sie! Wie konnte sie sich dem entziehen was er schrieb…sie ließ sich wieder ausführen und diesmal waren sie noch schneller verbunden als am ersten Abend…

Coeurs brisés, quand passe la ronde
Tourne la phase, c´ est ton jour
Elle tournes pour tout le monde
Voici la ronde de l´amour

Während sie miteinander sprachen wiegte sie sich mit einer großen Lust zum Tanzen. Das ging zwar nicht in diesem Restaurant, aber er spürte, daß sie so gerne getanzt hätte. Da gestand er, daß das eines der wenigen Dinge war, die er nicht konnte. Als blutjungem Meldereiter hatten sie ihm in Rußland das Bein zerschossen. Es lag da begraben. So grausam das war, das hatte ihn aber auch vor Stalingrad bewahrt. Das also war der Grund, weshalb seine Bewegungen beim Gehen etwas ungelenk waren, was aber nur dem genauen Beobachter auffiel. Er beherrschte sein künstliches Bein fast wie sein eignes. Und mit diesen beiden Beinen war er entschieden seinen Weg gegangen – ob in dem Dörfchen im Weserbergland, das erst nach dem Krieg nach und nach elektrische Leitungen bekam – oder auf der Akademie, wo man ihm anfangs nicht zutraute, er könne den athletischen Beruf des Bildhauers ausüben, gar durchhalten. Was konnte sie ihm erzählen von ihrem normalen, gewöhnlichen Leben. Aber sie war doch auch wer! So unscheinbar nicht. „Wie Sie zuhören können,“ sagte er und tippte ihr an die Stirn… “Sie denken mit, Sie bringen mich auf Ideen…“ Und erzählte von einem neuen Projekt und sie fragte und ließ erklären und wagte etwas vorzuschlagen und er strahlte und die Pianistin spielte den Walzer.

C´est l´amour qui méne la ronde
Pour la danser main dans la mains
La grisette, la femme du monde
S´en vont par un meme chemin

Es kamen weitere Briefe; unzweifelbar weshalb er sie schrieb. Er wollte, daß sie zu ihm käme, daß sie heirateten, er fühlte sich ihr zugehörig. Er sah sich an ihrer Seite. Aber sie war doch verlobt, die Heirat schon festgesetzt. Sie hatte einen Beruf, bald einen Mann, ein Leben in Kassel als Ehefrau mit Wohnung und Haustür und Küche und Briefkasten und vielleicht einmal Kindern alles im Lot, auf dem Weg unter Dach und Fach. Und das mußte sie ihm sagen und nahm den Mut zusammen, woher nahm sie den Mut Ihrer Entschlossenheit, traute sich lange nicht, aber sie sagte es beim letzten Abendessen als die Pianistin erklärte, sie singe jetzt auf Wunsch eines Gastes die deutsche Version des Liedes. Die sonst so fließenden Gespräche stockten und sie stockte wegen dieser schmerzenden Notwendigkeit, die Wahrheit sagen zu müssen. Die Wahrheit und die Notwendigkeit, beides verabscheute sie…sie sagte: Sie müssen doch verstehen, es geht nicht, ich bin verlobt, es ist vorbei…
…und die junge Pianistin sang auf Deutsch:

Dreht euch, dreht euch, dreht euch im Reigen,
die Erde dreht sich Tag und Nacht
laßt mich im Reigen die Liebe euch zeigen,
denn auch die Liebe ist kreisrund gemacht.
Dreht euch liebt euch, tanzet den Reigen,
ich tanz ihn vor und ihr tanzt mit.
Laßt mich im Reigen die Liebe euch zeigen,
tanzt ihn zu zweit und tanzt ihn zu dritt.

Ja, da war noch ein dritter im Hintergrund, der keine Gestalt hatte, aber einen langen, schweren Schatten.

Eins zwei drei – die Liebe kommt
Eins zwei drei schnell herbei
Eins zwei drei die Liebe geht
Eins zwei drei Vorbei…

…sie wachte auf, als wäre sie aus dem Schlaf getreten worden. Schlagwach hellwach…nach und nach gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit. Sie hatte den Vorhang am Abend nicht ganz zugezogen und durch den offen geblieben Spalt fiel das Mondlicht ein. Es war Vollmond, wenn sie sich vorbeugte, konnte sie die gleißende Scheibe über dem Tal sehen. Wie ein Vorhang aus Silber fiel das Licht ins Zimmer; auch auf den Nachttisch. Da lagen die Briefe, die er ihr damals geschrieben hatte. Vor einem halben Jahrhundert. War es schon so lange her? Doch erinnerte sie sich an alles was darin stand, das Bestimmte und Tastende, das Kluge und Vernünftige und Unvernünftige, das Träumen und Wünschen. Wie er über sich geschrieben hatte und über sie. Bin ich das alles gewesen? fragte sie sich. Wie aber auch nicht, denn sie hatte all diese Briefe ausgelöst, all die Fragen, die vielleicht unbeantwortet blieben, aber auch die Antworten, die mit den Jahren gekommen waren. Sie waren für diese Jahre auseinandergedriftet, ohne eine Ahnung sich wieder zu sehen. Ohne Laut, ohne Worte, Ungesagtes das dennoch sprach. Ungeahntes, das doch Wirklichkeit werden sollte.
Ein Windstoß brachte das Laub im Garten zum Rauschen. Der späte Septembertag war noch ungewöhnlich warm gewesen und sie hatte das Fenster aufgekippt, damit die weiche Luft ins Zimmer strömen konnte. Ein später Wagen fuhr unten durch den schmalen Ort, der sich an die steilen Hänge des Gebirgspaltes klammerte. Das waren die Falten der Weserberge, die er so sehr liebte, über die er als Kind gelaufen war mit seinem Heft. Blicke zeichnete er darin auf und Gedanken, die er der weiten Welt auf den Hügelkämmen stibitzte: die Ferne, die man eigentlich nicht zeichnen konnte und die Sehnsucht danach. Wenn Worte nicht reichten, gingen sie in Skizzen über – fast so wie viel später, nur umgekehrt wenn die letzten Aquarelle nicht reichten, die dann in diese kurzen Sätze überglitten in denen Subjekt Prädikat und Objekt kaum noch eine Rangfolge hatten, weil Worte zu Bildern und Bilder zu Worten wurden…aber das kam später. Er war so viele Jahre mit dem Sicht- und Greifbaren beschäftigt gewesen, mit der Frage ob man das Schwere auch leicht machen konnte…was für Mittel man dazu brauchte…
…Gips und Draht und die Hände. Sie hätte eine Strichliste machen sollen über die ungezählten Eimerchen Gips, die sie ihm angerührt hatte und ihm ins Atelier trug, wo er wartete. Das Fenster weit geöffnet damit die üppige Luft des Sommers hereindrang. Da stand wieder so ein Riesending mehr als mannshoch und breit, daß man es selbst mit ausgestreckten Armen nicht umfangen konnte. Ja, erst war es ein Ding, das schon im Atelier stand noch lange bevor es Gestalt angenommen hatte. Er jedenfalls sah es im Atelier nicht immer in den festesten Zügen, Ecken, Kurven und Kanten. Es mußte heraus – und hinein…woher, wohin? Hinter seiner Stirn hervor, dann vor ihn hin auf den Marmorboden dieser Werkstatt…ein bißchen ging es zu wie in einem Geburtszimmer, nicht immer mit Wonne und Sonnenschein. Flüche und Zigaretten halfen, Brummigkeit und nöckelndes Grunzen auch. Aber eine erfahrene Geburtshelferin wußte, das half – gerade bei Steißlagen…Flüche und Zigaretten halfen den gebärenden Vätern. Und so war sie aus dem Einzelhandel avanciert – Kreissaal und Atelier hatten sehr viel gemeinsam. In beiden ging es nicht immer sauber zu; da Blut Schweiß und Tränen, hier gab es: Gips, Staub, Drahtrollen Fetzen von Skizzen, schmutzige Kittel, Flecken auf dem Boden, verworfene Versuche, Reste die herumlagen – und dennoch wurde aus dem Durcheinander, den Schmerzen und Flüchen und Tränen einmal ein ganzer vollständiger Mensch und bei ihnen ein ganzes, eigenes Werk aus Bronze, strahlend, wuchtig oder luftig, lastend oder schwebend, schwer oder leicht, aber niemals starr und stumm. Immer wollte man´s berühren, weil´s anzog und lockte und weil es soviel zu Recht stolze Mühe gemacht hatte, die eigentlich keine Mühe gewesen war, wenn man´s am End anschaute. Was heißt Ende? Selbst wenn die Skulpturen weit weg aufgestellt worden waren, sah man sie auch nach Jahren wieder, gab es kein Ende, die erzählten noch immer etwas Neues, von sich, von ihm und von ihr. Konnte es sein, daß er sie mit hinein gearbeitet hatte zu seinen Gedanken, Wünschen und Träumen dazu ihre Gedanken, Wünsche und Träume?
Warum hatte sie damals nur gesagt: Vorbei? Sie waren ihrer Wege gegangen. Kein Wort mehr, kein Brief, er hatte sich daran gehalten. Er lebte ein Leben dahinten im Weserbergland und sie hatte geheiratet – alles wie geplant, alles wie vorgesehen, alles wie es sein sollte. Alles verlief in Rinnsalen des Vergessens. Aber es versickerte nicht und trocknete nicht aus wie die lebendig grüne Schicht zwischen der Rinde und dem Holz eines Zweiges. Ohne dieses nährende Grün könnte der Zweig im nächsten Frühjahr nicht mehr ausschlagen. Manchmal überspringt eine Pflanze auch eine Saison oder mehrere.
Worüber man nicht sprechen kann, muß man schweigen, hatte sie später in einem der philosophischen Bücher gelesen, die er sich angeschafft hatte. Aber Schweigen heißt ja nicht, daß da was verstummt – und der Zweig treibt aus, wenn er reif ist.
Fünf Jahre später – saß sie wieder auf dem gelben Cocktailsessel im Aufenthaltsraum der Belegschaft – der Cocktailsessel sah inzwischen doch etwas mitgenommen aus. Hier wurde zuviel geraucht und zu wenig gelüftet, es fehlte überhaupt an Luft, das Fenster wurde kaum geöffnet, das Lehrmädchen war längst ausgebildet und hatte eine neue Anstellung in einer anderen Stadt gefunden, es sang und summte also auch keiner mehr, da zog er plötzlich den inzwischen altmodisch gewordenen Vorhang mit den Venedig-Scherenschnitten beiseite und noch bevor sie protestieren konnte, sagte er: „Jetzt kommst du mit!“
Wie hätte er ahnen können, daß ihre Ehe nicht gehalten hatte? Auch seine Welt hatte sich verändert, es hatte eine andere Frau gegeben, aber die war dann noch die richtige gewesen.
Er nahm sie einfach mit – und sie zeigte keinen Widerstand, kein Frösteln vor der Zukunft – in seinen kleinen Ort im Weserbergland, hinter den sieben Bergen, in sein Haus am Hang mit dem Atelier und dem Gips und den Bronzen, weit fort von den Leder- und Parfümerieartikeln, die, das wußte sie jetzt, keinesfalls ihr Leben ausmachen konnten und sollten. Und es kamen Leute herbei mit ganz anderen Gedanken und Wünschen als die Kunden im Geschäft, die wollten nicht kaufen, nichts erwerben, keinen Besitz, keine Gegenstände – die wollten Gedanken und Ideen und Gespräch. Und sie fuhren zu all diesen Leuten, um ihnen zu begegnen, zu Ausstellungen, in Museen, in andere Ateliers, und der Wind wehte durchs offene Fenster und mit ihm die satten Gerüche der blühenden Bäume und das Rauschen der Wälder auf den Berghöhen und es war eine unterbrochene Bewegung ein Reigen und einige Jahre sehr schnell, selbst wenn er eine Pause brauchte, das Radio andrehte und sich setzen mußte, weil das Stehen auf dem einen Bein soviel Kraft erforderte…
„Hier ist WDR 3 mit aktuellen Chansons von Jaques Brel…“

Ja wenn sich alles dreht,
ja, wenn sich alles dreht,
ja, wenn sich alles dreht,
da will die Phantasie
daß dieser Taumel nie
an dir vorrübergeht
bevor das Spiel beginnt
da bist du wie Kind
da bist du wie ein Kind
dem sich vor einem Bild
der große Traum erfüllt
daß Bilder Leben sind
Ja wenn sich alles dreht
Ja, wenn sich alles dreht
Ja, wenn sich alles dreht
Da will die Phantasie
Daß dieser Taumel nie
An dir vorrübergeht
Bevor das Spiel beginnt
Da bist du wie ein Kind
Da bist du wie ein Kind,
dem sich vor einem Bild
Der große Traum erfüllt
Daß Bilder Leben sind…
Tam tata tam da lalampam…

Woher kam die Musik, wer in der Nachbarschaft spielte um sechs Uhr morgens noch so laut und bei offenem Fenster Musik? Oder reichte diese Melodie noch aus dem Traum herüber?
Draußen färbte sich der Tag wie mit ganz schwachen Aquarellfarben. Noch hing das klare, dunkele Morgenblau über dem Tal. Das Licht – eher noch eine Ahnung und Erwartung.
Die Musik war erloschen. Es war eine Traummusik gewesen – nicht die einzige in dieser Nacht – die sie aus dem Träumen ins Wachsein begleitet hatte. Wie still es jetzt in diesen ganz frühen Morgenstunden war. Aber war es tatsächlich ganz still?
Ein Plopp von der anderen Straßenseite fiel in diese Stille und noch einmal, ein Plopp und ein kleiner blecherner Ton. Der Wind hatte die ersten Kastanien von den Zweigen gelöst und sie schlugen auf einen Wagen, den jemand unvernünftigerweise unter dem üppigen Baum geparkt hatte.
Unten im Tal, durch den langgestreckten Ort, rauschte ein früher Wagen. Sie konnte sogar seine Fahrtrichtung ausmachen. Das Motorengeräusch verebbte in den Westen hinein.
Von der Stille und der Ruhe hatte er in den letzten Jahren oft gesprochen und geschrieben. Er selber war ruhiger geworden. Die ganz großen Skulpturen, die soviel körperliche Kraft verlangten, lagen hinter ihm. All dieser äußere Aufwand, die Betriebsamkeit des Umfangreichen, das Menschenmaß überstieg, größer wurde als sein eigener Köper, raumgreifender und schwerer…nahm er zurück. Sie hatte seine Neigung zur Größe und wie er versuchte, den Raum zu erobern über die Jahre beobachtet und dann endlich spürte sie plötzlich die Grenze. Das Atelier wurde immer enger: sie mußten sich herumdrücken um die mächtige Plastik. Als die Spedition kam, um die Gußform für die größte und mächtigste Arbeit abzuholen und zum Gießer zu transportieren, stellten sie fest: sie paßte nicht durch das Tor… drinnen war es dicht geworden, aber die Skulptur sollte doch hinaus in die Welt. Ärger, Flüche, vergebliche Versuche und neues Handanlegen – es half nichts: sie mußten die Form zerteilen, verkleinern und später wieder zusammensetzen.
Als der Tieflader den Berg hinunterfuhr zur Hauptstraße, die mächtige Arbeit darauf fest verzurrt, beobachtete sie, wie er ihm nachsah, an die Hauswand angelehnt. Seinen Rücken erfaßte plötzlich eine Art Wellenbewegung, so als wüchse in ihm ein bisher unterdrücktes Lächeln und Lachen. Er wandte sich zu ihr um und streckte die Hand nach ihr aus. Sie trat heran, unter seinen Arm, den er auf ihre Schultern legte und sich abstützte. Sein Lächeln ebbte nicht ab, sondern wuchs. „Schön blöd“ sagte er. Und sie war sich sicher, er war nicht nur erleichtert, daß sie es doch geschafft hatten, die Arbeit aus dem Atelier auf den Wagen zu bekommen – da war noch etwas anderes. „Viel zu groß“ brummte und schmunzelte er. „Viel zu groß!“ Sie spürte unter der heiteren Erleichterung auch einen Anflug von Erschöpfung.
Unten im Ort bog der Tieflader ab in Richtung Autobahn und war um die Ecke verschwunden. Von nun an wurden die Formate kleiner. Und abstrakter. War es damals gewesen, als sie ihn zu ersten Mal Väterchen genannt hatte? Es war kein kindliches Väterchen, das sie da sagte, es war gleichsam ein russisches Väääterchen. Obwohl er in Rußland den ersten großen und nahezu tödlichen Schlag auf sein Leben erfahren hatte, liebte er doch die Unendlichkeit der russischen Weiten, das ganz Andere, das eben so ganz anders war als seine Weserberge – die andere Welt. Ganz weit weg, hinter den Horizonten. Zuweilen träumte er vom Kaukasus und den asiatischen Wüsten und den noch ferneren Fernen. Die hatten längst keine Gestalt mehr, die irgendein Bildhauer hätte einfangen können, auch er nicht. Er suchte nach Worten wie Klängen. Einmal hatte er in einem Fernsehbericht eine Musikerin gesehen, die jenes seltsame Instrument spielte – ein Russe natürlich hatte es erfunden, das Theremin. Dieses Instrument erzeugt ein elektrisches Feld und wenn man hineingriff – in die Luft, in das Nichts – entstanden Töne; die junge Frau holte sie aus dem Nichts ins Hören, ins Leben. Das war auch eine Art Bildhauerei, ach was Hauerei, das war filigran, das war wie Leben erschaffen.
Wo kam all das her und wohin verhallte es? Ihr Väterchen war auch ein richtiger Vater in einer ersten Ehe gewesen, aber der ganz junge, kaum ins Leben wachsende Sohn war gestorben, Jahre bevor sie ihn kennengelernt hatte. So schön und geheimnisvoll dieses Ergreifen und Verschwinden von Tönen auf dem Theremin war, ebenso geheimnisvoll, aber grausam, war das Verschwinden dieses Sohnes gewesen. Es hatte keine Gestalt mehr, aber einen Schmerz.
So wie ganz früh, als er als junger Mann auf den Weserhügeln umherstreifte und in sein Heft neben die Skizzen Worte setzte, suchte er jetzt nach Worten, die wie so ein Griff in die elektrisch geladene Luft Töne und unmal- ja, unformbare, aber lebendige Bilder auslösten.
Älterwerden, hatte sie einmal gelesen, ist nichts für Feiglinge. Die großen Skulpturen lagen hinter ihm, seine Kräfte ließen nach – das eine gebliebene Bein, das er so beansprucht hatte, als hätte er zwei, versagte schließlich. Aber das Schreiben nahm jetzt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch – und er plante und entwarf und gestaltete mit Schwung und Bogen und Atem und ausholend wie früher. Das erste Buch sollte doch keine kleine Broschüre werden; nein – das wurde ein Atlant, ein Foliant auf handgeschöpftem Papier, von Hand gebunden und von Hand geschrieben in seiner ausladenden, großzügigen Hand-Schrift.
Damit dieses Buch in die Welt kam, holte er Freunde und Fachleute heran und eine neue Betriebsamkeit wuchs in dem Atelier, das längst zur Schreibstube geworden war. Hier fand das Leben statt. Er thronte auch ein bißchen, gewiß, hinter seinem Schreibtisch, auf dem sie ihm alles, was er brauchte, in Griffbereitschaft drapiert hatte: die Bögen geschöpften Papiers, die Schreibutensilien, die Bücher, die ihm wichtig waren, die Proben vom Drucker oder Buchbinder, und im Kreis herum die Sessel für die vielen Gäste, soviele junge darunter, die jetzt in dem Alter waren, in dem sein Sohn hätte sein können.
Eines Morgens fand sie auf ihrem Nachttisch ein Blatt. In seiner weitherzigen Handschrift, jedem Wort seine eigene Zeile gönnend:

Dich
gedacht
Dich
geatmet
Gespürt
Dich
zärtlich
Berührt
Dich
Gedacht

… als hätte er mit den Händen die Worte aus dem scheinbaren Nichts herausgegriffen.
Sein großer schwerer Körper war müde geworden und mit den Jahren immer weniger beweglich. Einmal hatte er geseufzt, „Du hättest auch gerne einmal getanzt, nicht wahr?“ – Bald darauf war er gegangen.
Aber sie konnte die Hände nicht in den Schoß legen und einfach Witwe sein. Es gab soviel noch zu tun. Ausstellungen, Lesungen Bücher, Bilder, Erinnerungen, Gespräche, Begegnungen, allüberall seine Arbeiten verstreut, zu denen sie den Gips angerührt, den Draht geformt, die Skizzen verwaltet, für die sie die Fenster geöffnet hatte, damit Luft hereinkam, die unsichtbare Freiheit und die ungeahnte Ferne.
Einmal bei einer Ausstellungseröffnung unterhielten sich in ihrer Nähe zwei Besucher ohne sie zu bemerken. Einer sagte: „der Mann hatte soviel Energie, der hätte überall und jederzeit ein Werk geschaffen!“ Da entdeckte der Andere sie, wies lächelnd auf die Skulpturen auf ihren Stelen, hob sein Sektglas in ihre Richtung und sprach sie an: “ …aber dieses Werk nicht ohne Sie!“

Die ersten Sonnenstrahlen hatten den Kamm der Berge erobert und fielen in ihr Schlafzimmer, ganz klar und warm und morgendlich-bronzefarben wie es sich für den September gehörte.
Sie summte auf einmal wie damals das Lehrmädchen…

Tourne tourne le ciel en fete
Tourne la lune et le soleil
Tourne tourne vielle planéte
Tourne la vie et l´arc en ciel

Jetzt wußte sie: sie hatten ihr ganzes Leben gemeinsam getanzt.

Coeurs brisés quand passe la ronde
Tourne la phase c´est ton jour

…und die Musik spielte noch immer…

Elle tourne pour tout le monde
Voici la ronde de l´amour…
Lalalalala lala la la la laaaaa

Wolfgang Brosche im Oktober 2016

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