Josef Fritzl – Ein Schutzpatron für die „Demo für Alle“

Die besorgten Eltern der „Demo für Alle“ könnten einen Schutzpatron gebrauchen, denn es läuft nicht gut beim jüngsten Coup von Hedwig Beverfoerde und ihrer Truppe: in einem riesigen Reisebus mit zugeklebten Fenstern, damit man nicht hinaus in die Welt, die Welt aber auch nicht in das Dunkle darin schauen kann, touren Beverfoerde und Kumpane durch zehn deutsche Städte. Auf dem Bus aufgemalt DIN-Norm-Darstellungen dessen, was diese Leute für Jungen, Mädchen und Familien halten – und die Mahnung „Laß dich nicht verunsichern“.
Die Hoffnung, die dahinter steckt: man könnte vielleicht doch noch irgendwie über eine Verfassungsklage, die die „Demo“ als Organisation selbst nicht einreichen kann, die „Ehe für Alle“ verhindern. Deshalb hielt man auch mit erhoffter Symbolkraft am vergangenen Freitag vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Doch auch hier, wie in den anderen bisher angefahrenen Städten, Stuttgart, Wiesbaden und Köln waren sowohl das Interesse wie die Anzahl der Anhänger gering. Aber in jedem Ort wurde der Bus der Menschenverunglimpfung und Verdummung von einigen Hundert Gegendemonstranten empfangen, was umso erstaunlicher ist, da Hedwig Beverfoerde das Projekt geheimnisvoll wie ein Kommandounternehmen organisiert hat. Erst wenige Tage vor dem Erscheinen des Busses werden Ort und Ankunft öffentlich bekannt gegeben – natürlich mit der Absicht solche Gegenproteste so klein wie möglich zu halten, weil man hoffte die Zeit diese zu organisieren würde knapp werden.
Trotzdem, überall, auch am Samstag, ausgerechnet vor dem Kölner Dom, fanden sich mehrere Hundert Menschen ein, die sich wehrten gegen Homosexuellen- und Transfeinde.
Natürlich war Hedwig von Beverfoerde die Menschenverachtung für eine legitime Meinung hält, höchlich empört über den Gegenprotest. Sie nennt ihr Propagandavehikel einen „Bus der Meinungsfreiheit“ und sieht sich in diktatorischer Manier bedroht, weil man ihr es nicht durchgehen lassen will, eine Zweiklassengesellschaft zu propagieren, die Menschen mit anderem als heterosexuellem Empfinden, Bürgerrechte verweigert.
Es geht der „Demo für Alle“, die diese Bus-Aktion gemeinsam mit verschiedenen anderen reaktionären Organisationen durchführt (siehe dazu: http://www.queer.de/detail.php?article_id=29648), um durchaus mehr als nur die Rücknahme der Ehe für Alle und den Dauerbrenner der Demo, der Verhinderung von Aufklärung über geschlechtliche Identitäten in der Schule.
Gut gemeint, aber naiv fragen noch immer viele: die Ehe für Alle, nehme doch niemandem etwas weg. Aber selbstverständlich nimmt die „Ehe für Alle“ den Hassern etwas weg: die Deutungshoheit – ja noch mehr… Frauke Petry von der AfD hat es dieser Tage deutlich gesagt: „Privilegien für Alle, sind Privilegien für keinen!“; und machte so klar, daß es um eine Bevorzugung von Heterosexuellen als den besseren Menschen geht. – Ja, naturlich verlieren die Kämpfer um Beverfoerde ihre Privilegien, Menschen mit nicht-heterosexuellem Empfinden abqualifizieren zu können, auf sie genüßlich-verächtlich spucken zu dürfen, um sich selber als besser aufzuwerten. Besonders für eine Adlige muß diese erreichte menschliche Gleichheit schmerzhaft sein – das gleiche Privileg auf andere hinabzuschauen, sie auszuschließen, auszubeuten, sie zu mißachten verlor der Adel ja bereits mehrfach. Erst in der französischen Revolution und dann als nach dem ersten Weltkrieg der Adel und damit seine Privilegien in den meisten demokratischen Staaten abgeschafft wurden.
Nicht zuletzt war der Faschismus ein grausiger Versuch, eine neue Klassengesellschaft einzuführen, die einer sich erhaben fühlenden Gruppe wieder das Recht gab, mit den anderen, die eben nicht so „erstklassig“ waren, schalten und walten zu können, wie zuvor – und Mord und Totschlag wurden so Mittel des Staates.
Es geht also beim Kampf gegen homosexuelle Männer und Frauen und Transmenschen um weitaus mehr als Sexualität – es geht um die Befriedigung von Macht- und Gewaltgelüsten. Als Tarnung dieser Tatsache führt man den „Kinderschutz“ an.
Ein Kinderschützer, der in den letzten Monaten aus dem Schatten tritt, in dem er sich bisher klammheimlich wohl fühlte, war auch in Karlsruhe zugegen: Mathias von Gersdorff. Hatte sich Gersdorff noch vor Jahren lächerlich gemacht mit Aktionen gegen BRAVO oder Internetauftritten bei youtube, in denen er langweilig-linkisch im Ohrensessel hockend vor dem Untergang des Abendlandes warnte durch die Entsittlichung der Medien, so wird er – und werden seine Gesinnungsgenossen – seit dem immer lauteren Auftreten etwa der AfD und anderer rechter Zusammenschlüsse – fortgesetzt selbstsicherer.
Daß es Gersdorff nur indirekt um Kinder geht, erfährt man, wenn man die von ihm lancierte Webseite der rechtskatholischen Organisation „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“ besucht. http://www.tfp-deutschland.de/
Die deutsche Gesellschaft ist Teil eines international agierenden reaktionären, antidemokratischen Netzwerkes, das den katholischen Ständestaat propagiert. Artikel auf der Website von „TFP“ bezeugen ganz offen die Ablehnung der freiheitlichen Gesellschaft und den Wunsch nach einer autoritären und klassistischen Staatsstruktur, die Ungleichheit der Menschen befördert bis ins Private: der Mann vor der Frau, Vater und Mutter über dem Kind Besitzende über dem Fußvolk Klerus und Adel über allen…und Menschen mit anderem als heterosexuellem Empfinden als verachtete allenfalls als Kranke und zu behandelnde Außenseiter. – Es macht anekelnde Mühe die Artikel auf der Webseite zu lesen – aber man muß es tun: know your enemy!
Es geht um mehr als Gegnerschaft gegen Homosexuelle, Feminismus und „Gender“ – es geht um Macht, männlich zumal, um parentale und patriarchale Macht. Es geht um die Abschaffung von Menschenrechten und Mitgefühl und die Einnordung der jungen Generation auf die Kälte und das Raubtierwesen der älteren.
Das wird bei Gersdorff und Beverfoerde mit ihrer Religion begründet – bei den Alliierten mit gleichen Zielen, den rechten Parteien und Zusammenschlüssen (in Deutschland mit der AfD, NPD oder Pegida) mit den Chimären von Nation, Männlichkeit und Blut- und Boden. Nicht umsonst schwätzt Björn Höcke in seinen albernen Reden immer wieder beschwörend vom „Verlust der Männlichkeit“…und drückt damit seine Verachtung des Weiblichen aus und der Menschlichkeit, die all diese Herrschaften als Weichheit ansehen, die angeblich ihre Herrschaft als Männer, arische Germanen, Vermögende, Aristokraten, Heterosexuelle oder sonstwie Auserwählte bedroht.
Es ist kein Wunder, daß sich die Rechten in der ganzen Welt auf die Political Correctness einschießen, die ja gerade ein Ausdruck ist des Versuchs der Humanisierung der Gesellschaften seit 1968; doch tatsächlich zielt der Haß noch viel weiter zurück: sie wollen die Ideale der französischen Revolution, die längst nicht verwirklicht sind, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit völlig diskreditieren.
Und am leichtesten – und zwar indem man sie als erstes den Schwächsten verweigert – gelingt das bei Kindern. Deshalb stürzen sich Hedwig von Beverfoerde und ihre Kumpane eben auf Kinder!
Diese Leute wollen herrschen, Macht behalten – das gelingt nur wenn man erklärt, daß die Menschen böse sind und mit Strenge und Disziplin erzogen werden müßten. Und das wiederum gelingt nur, wenn man der nächsten Generation das natürliche Mitgefühl aberzieht, wenn man es zerstört, indem man die Kinder von Beginn an zerstört, zerstörerisch in der Elternfaust umklammert und sie in dieser Umklammerung nicht zum Atmen kommen läßt. Jeder Versuch, die Individualität der Menschen zu bestätigen, den Weg dahin zu erleichtern, wie z.B. durch die bekämpften Bildungspläne, müssen solche Eltern und patriarchalen Organisationen natürlich als großen Angriff und Kränkung auf ihre Macht empfinden. Bestrebungen die Menschen, mithin schon die Kinder in ihrer Individualität zu fördern, ihnen ein Leben mit weniger Leiden und sozialer Bedrängnis zu ermöglichen, müssen durch die Disziplinierung und Zerstörung des Selbstgefühls schon im kleinen Kind vernichtet werden.
Der wundervolle Arno Grün hat in seinem Buch “Der Verlust des Mitgefühls“, München 1997, eindrucksvoll aufgezeigt, wie und wo Verbrechen und Grausamkeit gesät werden: nämlich schon in den ersten Kinderjahren in der Familie – und das wird dann auch noch positiv von der Gesellschaft sanktioniert als Erziehungsleistung der Eltern.
Schon kleinste Kinder spüren empört wenn sie ungerecht und grausam behandelt werden. Aber dieses Gefühl wird ihnen systematisch ausgetrieben. Alice Miller hat diesen Kniff der Eltern und der patriarchalen Gesellschaft (Foucault hätte das die Gouvernementalität genannt) in dem Satz „Du sollst nicht merken“, siehe auch ihr Buch mit dem gleichen Titel (Frankfurt 2007), präzise beschrieben. Man macht den Kinder vor, diese Beschneidung und Vergewaltigung ihrer Gefühle geschähe zu ihrem Besten – und sofern die Kinder das glauben – und wir alle haben das geglaubt und die meisten glauben es noch heute und werden zaghafte, opportunistische Konservative oder strebsame und angepaßte Mitläufer oder selbst wieder solche Gewalt Ausübende wie die neuen Rechten .- sofern also Kinder das glauben, müssen sie ihr eigenes Gefühl verdrängen und zerstören damit auch die Fähigkeit zum Mitgefühl. Der einfache Reim sagt ex positivo das was tatsächlich ex negativo geschieht: „Was du nicht willst, daß man dir tu das füg auch keinem anderen zu!“
Darum vermissen wir bei den Schreckgestalten wie etwa Hedwig von Beverfoerde oder Beatrix von Storch – sieh deren Äußerungen zu Schießbefehl auf Flüchtlinge – jedes Mitgefühl. Ihre ganze Lebenseinstellung ist die des „uns hat ja eine Ohrfeige auch nicht geschadet“. – Erscheinungen wie die AfD sind im Übrigen das Resultat einer solchen Lebenseinstellung.
Das Gegreine z.B. der „Demo-für-Alle-Eltern“ um ihre Kinder ist bloß Sentimentalität – sie haben längst das echte Gefühl für diese Kinder verloren. Ja noch mehr, sie wollen es auch in ihren Kindern zerstören… aber das ist die Absicht aller Autoritären. Sie erklären die Welt sei wölfisch und die Kinder müßten schon früh so zurechtgestutzt werden indem sie damit zurechtkommen. Nichts ist für die Demo-Eltern – und alle anderen Autoritären, vor allem auch bei der Neuen Rechten, zu der ja Beverfoerde und Konsorten politisch tendieren – bedrohlicher und gefährlicher als ein eigenständiges denkendes und liebendes Kind. Nur mit Druck und Tabus, mit Verboten und Strafen läßt sich ihre Welt aufrecht erhalten. Und – mit Feinden.
So wie der Rassismus aus den gleichen Gründen neu aufflammt, flammt bei der „Demo“ in Deutschland, bei „Manif pour tous“ in Frankreich oder weltweit bei Evangeli-und Katholiban gemeinsam mit den Neofaschisten der Schwulen und Transhaß so heftig auf wie wir es vor zehn Jahren noch nicht vermutet hätten. Nur mit äußeren Feinden – das zeigt jeder diktatorische Staat – kann man die Gesellschaft innen unter Kontrolle und in Schach halten.
So wie z.B. Rassisten die gleichberechtigte Menschlichkeit von Juden oder Schwarzen leugnen, so wird die gleichberechtigte Menschlichkeit von Homosexuellen und Transmenschen geleugnet, um sie leichter hassen zu können. Wer die Schmerzen der anderen mitempfindet der kann nicht hassen. Aber diese Leute wollen herrschen wollen Ungleichheit. Nur Haß ermöglicht Ungleichheit – Haß ist das Ergebnis geleugneten Mitgefühls. Echtes Mitgefühl, so beschreibt es Arno Gruen, entsteht aber nur auf gleicher Augenhöhe – nur wenn man sich in die Position eines anderen einfühlen und eindenken kann. Mitleid ist Sentimentalität und dient nur zur Aufwertung der Eitelkeit.
Wenn also von den Gegnern von Homosexuellen und Transmenschen – und aktuell von den Gegnern der Ehe für Alle – der unerhörte Satz angeführt wird: Ungleiches kann man nicht gleich machen, so geht es um die Macht sich selbst zu erhöhen und als den besseren Menschen darzustellen – und als besserer Mensch darf man sich dann auch den Genuß der Macht zuschreiben.
So wie es den Rechten, Neofaschisten, Patrioten usw. nicht um das angeführte Wohl der Menschen als Individuen geht – deshalb schwätzen und schreien sie ja auch nie von Menschen sondern immer nur von Volk und Vaterland – so geht es den Herrschaften der „Demo für Alle“ et alii nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die Selbstbestätigung das Selbstgefühl der eigenen unfreien und machtgierigen Person, nicht Persönlichkeit, es geht um Objekte nicht um Subjekte, um Normen die sie als Tradition unendlich verlängern wollen.
Nach jenem Motto „uns hat eine Ohrfeige ja auch nicht geschadet“ wollen sie weiter schlagen, kleinkriegen, unterdrücken, weil sie das für den Normalzustand halten. Darum wird ja auch soviel von „Normalität“ geraunt, der sich die Homosexuellen und Transmenschen angeblich nicht unterwerfen wollen.
Der Patron, der ihnen zustände, von dem ich zu Anfang sprach, der diese Haltung in grausamer Vollendung repräsentiert, ist Josef Fritzl. Was? Jener Österreicher, der seine Tochter ein Vierteljahrhundert im Keller gefangen hielt, sie regelmäßig vergewaltigte und mit ihr sogar etliche Kinder zeugte – und einige davon womöglich sterben ließ und im Ofen verbrannte?
Genau der – Fritzl stellte die zuende gedachte Elternmacht dar. Bei seinem Prozeß zeigte er seine Unfähigkeit auch nur ansatzweise zu begreifen, was er getan hatte, als er erklärte, er habe in seinem Keller eine Leitung angelegt, mit der er seine Tochter und Kinderenkel auch hätte vergasen können wenn er gewollt hätte. Habe er aber nicht – das zeige doch, wie er seine Tochter – die er ja nur vor dem Abgleiten in Drogensucht und Prostitution bewahren wollte – liebe.
Fritzl hatte nicht Angst um seine Tochter, sondern vor ihr. Vor ihrem eigenen Leben, vor ihrer Lebendigkeit, vor ihrer Andersartigkeit – und deshalb hat er sie eingesperrt. Sie blieb ihm so eine Verlängerung des Eigengefühls.
„I can make you and I can break you“ – mit seinen Vergewaltigungen zeigte er ihr, wer der Herrscher und Besitzer dieser Tochter war. Aber all die Sexualakte, die er ihr verbrecherisch antat, waren recht eigentlich besinnungs- und schonungslose Akte der Masturbation. Sie dienten nur seinem Eigengefühl – der Selbstbefriedigung und Stabilität seines Selbstbildes als Herrscher – über die Tochter.
Sein Selbstgefühl gab es nicht mehr, es mußte stets neu durch Gewalt, Verleugnung und Zerstörung des Selbstgefühls seiner Tochter gestützt und errungen werden. Seine ganze Lebensernergie gewann er 25 Jahre durch das Aussaugen des Lebens dieser Tochter. Sein ganzes Leben war darauf ausgerichtet, dieses grausige Arrangement aufrecht zu erhalten. Er ist ein völlig verbissen-verbohrter und grämlicher Mensch gewesen.
Und jetzt müßte eigentlich klar sein, weshalb die Homo- und Transgegner so verbissen und verbohrt sind – wie es sich auch bei ihrer Bustour erneut erweist. Sie ziehen grotesken Gewinn und Lebenskraft aus der Leugnung der Lebendigkeit anderer Menschen, aus dem Niedermachen einer Gruppe von Menschen, aus der fanatischen Verhinderung und Zerstörung des Glücks anderer.
Ja – wahrlich – Fritzl wäre ein guter Patron.

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2 Gedanken zu “Josef Fritzl – Ein Schutzpatron für die „Demo für Alle“

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