Der neue – alte Kampf gegen Homosexuelle

Die „Kinderschützer“ sind keine Kinderschützer

 

Mein Beitrag zur Chimäre der „Frühsexualisierung“…

http://diekolumnisten.de/2016/06/23/fruehsexualisierung-und-antihomosexuelle-propaganda/

…hat für Aufruhr gesorgt. Schon am Tag seines Erscheinens fand er bald 6000 Leser. Die Zustimmung überwog, aber es gab auch üble Angriffe auf mich; reaktionäre und ignorante. Sie zeigen wie tief verfangen sowohl im christlichen als auch im politisch-rechten Wahn die Gegner der gender-Ideen und vor allem der LGBTI-Menschen  sind.

Gewiß sind sie verbiestert und verbissen – man kann  ihren Haß noch so oft als das erklären was er ist: die Abwertung, Pathologisierung und sogar Kriminalisierung anderer Menschen zugunsten der eigenen psychischen und gesellschaftlichen Aufwertung; aber sie werden nicht aufhören Haß zu verbreiten, denn ihre Ziele sind zwanghaft-zwangsläufig tödlich. Deshalb muß man sie in die Schranken weisen.

Im tiefsten Grunde geht es natürlich um die Deutungshoheit über das Leben anderer und eine rigide Normierung der Lebensweisen, die christliche Organisationen genauso brauchen wie politisch reaktionäre: die Normierung der Sexualität alleinig zur Fortpflanzung, als sexuelle Basis völkischer Konzepte, muß natürlich Frauen-, Kinder- und LGBTI-Rechte (und Gleichstellung) sabotieren, um ein phantasiertes totalitäres Weltbild festzuschreiben. Nicht umsonst hat sich ja Hedwig von Beverfoerde, die Anführerin der Anti-Homosexuellen Bewegung, für den deutschsprachigen Raum an die Spitze einer europaweiten Bewegung gesetzt, die die EU drängen will, einzig die Ehe zwischen Mann und Frau als gesellschaftlich-juristische Norm festzusetzen.

http://www.queer.de/detail.php?article_id=25239

Für meine Aussage Beverfoerdes „Demo für Alle“  und ähnlich gelagerte Organisationen interessiere der Kinderschutz mit dem sie hausieren gehen, nicht im Geringsten und der ganze Aufruhr, den sie betrieben, diene eigentlich der Herrschaft der Eltern über die Sexualorgane der Kinder, wurde ich bitter gescholten: ich ginge zu weit.

Mit der „Herrschaft der Eltern“ ist erweitert natürlich die politische Reaktion, das rechte autoritäre Lager gemeint. Die Beschimpfungen die ich erhielt, zeigen auch deutlich wie die Chimäre des asexuellen, unschuldigen und reinen Kindes die Gesellschaft so beherrscht, daß jeder, der sie anzweifelt, gleich in den Ruch des Pädophilen gerät.

Eine ignorante Kritikerin bezweifelte sogar, daß es überhaupt eine kindliche Sexualität gäbe und diese eher eine Erfindung von Pädophilen sei, um sich leichter Zugang zu Kindern zu verschaffen…

Es war mir, als weigerten sich diese Kritiker die Erkenntnisse von Freud bis Foucault überhaupt zur Kenntnis zu nehmen; was ja allerdings auch mit der noch immer virulenten christlich-völkisch-klassistischen Sicht auf die Sexualität zu tun hat.

 

 

Also von vorne:

Die Homo-Hasser und Gegner der weiblichen Emanzipation und der Gleichberechtigung sexueller Minderheiten, sind ohne Zweifel vor allem Gegner ihrer Kinder, ja der nächsten Generation, wie alle Reaktionäre. Die Nichtanerkennung einer jeweils persönlichen, individuellen Sexualität ist ein Kernprojekt der Antimoderne. Wer darauf besteht, den Menschen nach Sexualitäten, Hautfarben, Ethnien zu kategorisieren, will normieren, Rangfolgen und Klassen einführen. Speziell die Verweigerung einer persönlichen Sexualität dient der Verhinderung des Individuellen, das ja als Individuelles auch nicht mehr normiert und beherrscht werden kann.

Bis zur Erfindung der monotheistischen Religionen, die ihre Erosphobie

im Christentum und später im Islam zur Apotheose brachten, gab es so etwas wie Sexualität als Unterscheidungsmerkmal des Menschlichen nicht. Die frühen christlichen Fanatiker, die im Katholizismus u.a. Kirchenväter genannt werden, erfanden erst die Natürlichkeit – die etwas anderes ist als die Natur. Das christliche Naturrecht erst schafft die absurde Unterscheidung von natürlich und unnatürlich. Solche Unterscheidungen dienten der jeweiligen Pastoralmacht, wie Foucault die christlich/religiös Herrschenden und ihre Macht nannte. Mit dem Entstehen der modernen Wissenschaften, des Krankhauses, des Gefängnisbetriebes schienen alte rigorose Normierungen, die sanktioniert wurden durch Folter und Todesstrafe, humaner durchtränkt.

Was einmal widernatürlich war, wurde nun pathologisiert. Insofern geben sich die Homohasser um Hedwig von Beverfoerde, Birgit Kelle Gabriele Kuby etc. nur nach außen humaner, wenn sie nahezu manisch Homosexualität als psychisch-emotionales Defizit, ja als Krankheit bezeichnen. Der gesellschaftliche Zivilisierungsprozeß drängt sie dazu, ihren irrationalen Haß zu zügeln und mit solchen Termini zu camouflieren. In einer Gesellschaft ohne humanistisches Grundgesetz würden diese Leute die früher rigorose Vernichtung des Anderen wie es heute noch immer der IS, erneut als Spektakel der Erbauung ihrer eigenen Bigotterie und Abschreckung für Zweifler inszenieren.

Die Art und Weise wie etwa Hedwig von Beverfoerde die Präsentation des Unschwulen Marcel bei den Demos für Alle zelebriert, läßt das vermuten. Hier führt eine Dompteurin das gebrochene Raubtier vor, die gezähmte Anomalität.

http://www.queer.de/detail.php?article_id=24800

 

Als exemplarische Beispiele für Anomalität – die immer etwas Bedrohliches enthalten muß, damit man durch das Bedrohliche die Norm beschwören und die phantasierte Normalität herbeiführen kann – nennt Michel Foucault „Sodomiten“, Behinderte, Hermaphroditen, „korrekturbedürftige Individuen“, also die, die man als Verbrecher bezeichnet oder Undisziplinierte, Nervöse, Unausgeglichene und auch das Kind, dessen Sexualität man meint überwachen zu müssen. Diese Überwachung und Beherrschung der Kinder beginnt im 19. Jahrhundert mit dem Kampf gegen die Onanie. Ein Kind, das sich außerhalb der elterlichen Sphäre, also unabhängig davon, selbst Lust verschafft, ist eine Bedrohung der elterlichen Herrschaft – und damit der gesamten maskulin-autoritären Herrschaftsstruktur auch des Staates. Deshalb entsteht die Lügenlegende von reinen, unbefleckten Kind  zu Beginn des 19. Jahrhunderts. (Und deshalb beschwören die „Kinderfreunde“ und Homohasser wieder  gern die Gefährdung der gesamten Zivilisation durch die befreite Sexualität – wie man sehr unschön bei Gabriele Kuby nachlesen kann, deren Machwerk „Die globale sexuelle Revolution“ ein einziger Ruf mit Donnerhall nach der, wie sie es nennt, „gezügelten Sexualität“!)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts also, in der das menschliche Zusammenleben durch die industrielle Revolution völlig neuen Unter-Ordnungen unterworfen wird, entsteht das von der „Demo für Alle“ in der bereits erwähnten europaweiten Kampagne genutzte Bild der PapaMamaKind-Familie – und zwar in dieser hierarchischen Reihenfolge. Es ist ein Klebebild (und ein klebriges) fürs Poesiealbum, aber keines, das seit ewigen Zeiten existiert und etwa durch das Abrakadabra des Naturrechtes gerechtfertigt ist.

 

Ein weiterer gruseliger Faktor bestimmt die Erfindung des „unschuldigen Kindes“.

Die christliche Unsinnslehre von der Erbsünde (die ihrerseits wieder das grausamste Kampfmittel zur Unterdrückung der Menschen ist), behauptet es gäbe keinen reinen, unschuldigen Menschen, selbst die gerade geborenen Kinder seien erbsündig belastet. Natürlich leuchtet es heute selbst verbissenen Gläubigen ein, daß kleine Kinder sich nun wirklich nichts haben zu Schulden kommen lassen. Dennoch funktioniert die christliche Sexualphobie (die immer weiter hochgehalten wird) nur, wenn all den Schmutzigkeiten ein Zustand der Reinheit gegenüber gestellt ist. Das intrinsisch schlechte Gewissen, das Sexualität auch in unseren angeblich säkularen Gesellschaften noch immer macht,  stammt aus den eigentlich finsteren Reinheitsmanien der Religionen. Unrein sind nicht bloß schmutzige Füße, sondern auch die Regel der Frau, der nicht zur Zeugung vergossene Same, aber auch schon gewisse Gedanken, geschweige denn Handlungen. Sexuelles ist per se unrein, in allen monotheistischen Religionen. So gilt derjenige, der Analverkehr ausübt, aus der islamischen Glaubensgemeinschaft als ausgeschlossen; wer in Richtung Mekka pinkelt, versündigt sich. Bis vor nicht allzu langer Zeit durften menstruierende Frauen nicht am Abendmahl teilnehmen. Und orthodoxe Juden danken Gott dafür, daß sie nicht als Frau geboren wurden, die als nur lüstern gilt.

(Leicht lesbaren Aufschluß über den „sexuellen“ Reinheitswahn der monotheistischen Religionen gibt das Kapitel „Die Reinheitsmanie“ in dem Buch „Wir brauchen keinen Gott“ von Michel Onfray.)

Vernünftige Hygiene, persönlicher Ekel und raffinierte Herrschaftstechniken gehen im Reinheitswahn eine üble Synthese ein. Gegen all die daraus entwickelten Ge- und Verbote, können Kinder aber noch nicht wissentlich verstoßen – und deshalb dichtet man ihnen – die kognitive Dissonanz ist deutlich – auch eine fast transzendente Reinheit an.

Die Denkweisen der „Demo für Alle“ und der Homofeinde sind zutiefst irrational, aber religiös motiviert. Ihr Kampf gegen Homosexuelle ist also ein Kampf für eine imaginierte Reinlichkeit im Zwischenmenschlichen und im Staat, den eine unregulierte schmutzige Sexualität bedrohen soll – und dieser Kampf muß bereits beim Feind Kind, jenem gefährlich freien und unschuldigen Kind beginnen. Der fast nicht mehr für möglich gehaltene Widerstand gegen Homosexuelle, ist also auch eine Fortsetzung des erwähnten Kampfes gegen die Onanie.

Übrigens ist einer der lautstärksten Organisationen, die die Beseitigung des Homosexuellen durch die quacksalberische Homo-Heilung vertritt, das evangelikale „Weise Kreuz“, daß um 1900 eigentlich gegründet wurde, um die „Unsitte der Onanie unter wandernden Handwerksgesellen“ zu bekämpfen. – Die Traditionslinien sind deutlich. – Da der Kampf gegen den Arbeiter durch die Bekämpfung seiner Lust, hier der Kampf gegen Homosexuelle, die allein mit ihrer Existenz, das absurde Bild des alles wissenden, allmächtigen und allgnädigen Gottes gefährden. Gott kann ja bei ihrer Schöpfung keinen Fehler gemacht haben – der Fehler liegt bei den Homosexuellen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fes_Kreuz

 

Das unschuldige, reine Kind, das man angeblich verteidigen müsse, hat es nie gegeben. Wer Philippe Ariés „Geschichte der Kindheit“ kennt, weiß, daß dies eine Spukgestalt, eine Chimäre ist, die dem Reinheitswahn der Erwachsenen dienten soll. Ja, selbst diejenigen, die diese Reinheit besonders bedrohen, die Pädophilen, sind diesem Spuk aufgesessen – behaupten sie doch immer wieder, es reize sie gerade die Unschuld der Kinder…

Daß mit der Bewahrung des reinen Kindes, das eben nicht „frühsexualisiert“ sei, recht eigentlich die Selbstvergewisserung der Erwachsenen gemeint ist, die Ausgrenzung der angeblich nicht normgerechten Sexualität überhaupt, die als Einfallstor des Individuellen und Anarchischen gilt und nicht allein die Abwehr der Pädophilen, sollte jetzt deutlich sein. Es geht um die Gefährdung von Macht und Herrschaft.

Es ist deshalb auch kein Wunder, daß gerade die Exponenten des Homohasses immer wieder Homosexualität und Pädophilie – so weit es die Regeln der Zivilisiertheit noch zulassen, aber sie gingen auch gerne weiter – in Deckung bringen. Die Lüge der homosexuellen Verführung im Einzelfall, das Bedrohungsszenario der Verschwulung der gesamten Gesellschaft im Großen,  geistert von Kuby bis Kelle, von Beverfoerde bis Pirincci durch all deren Publikationen und Denken.

Und dies ganz deutlich, damit auch kein falscher Zungenschlag aufkommt: sexuelle Übergriffe auf Kinder sind keine „Verführung“, es sind Vergewaltigungen der kindlichen Eigenständig- und Unabhängigkeit. Es sind Gewalttaten, keine sexuellen.

 

Die Abwehr des Sexuellen im Kinde, gilt eigentlich der Abwehr des Sexuellen im Erwachsenen selbst, das als bedrohlich wahrgenommen wird und höchstens in strikter gesellschaftlicher Norm akzeptiert wird. Gabriele Kubys ganzes Wirken zum Beispiel läuft auf die Begrenzung und eigentlich die Abschaffung der Sexualität hinaus; aufs Eunuchentum, wie etwa bei den Skopzen, die sich kastrierten, nachdem sie Kinder gezeugt hatten – das einzige, wofür sie die Sexualorgane nötig erachteten; nach dem christlichen Naturrecht handelten die Skopzen also „natürlich“.

Der Normierung der Sexualität, die aus den monotheistischen Religionen hervorgegangen ist, führt dann auch zu den Normierungsinstitutionen von Ehe und Familie, die die „Demo für Alle“ in Deutschland und ähnliche Fanatiker in ganz Europa und den USA als einzig akzeptable Lebensweise allen aufzwingen wollen.

Nun sind die Homosexuellen ihnen schon so weit entgegengekommen, daß sie am liebsten heiraten wollen und Kinder kriegen – aber selbst dieses Opfer der Anpassung, wird ihnen erbittert vor die Füße geworfen.

 

Daß nun längst überwunden geglaubte repressive Ansichten zur Sexualität wieder an Boden gewinnen und die erneute Unterdrückung von Homosexuellen nicht ausgeschlossen ist, hat seinen Grund in einer sich abzeichnenden Zeitenwende. Wissenschaft, technische, medizinische, soziale und ethische Weiterentwicklungen verändern unser Leben rasant. Das Korsett des sexuellen und emotionalen Selbsthasses, der Menschen in Normen zwingt, kann aber weiteren Liberalisierungen nicht widerstehen. Seine reaktionäre Widerstandfähigkeit ist an ihre Grenze gelangt und explodiert:  Frauen- und Kinderrechte, die Abschaffung zahlreicher Paragraphen des normierenden Sexualstrafrechts, die Pille, die Möglichkeit der Schwangerschaftsunterbrechung  und viele weitere Entwicklungen, die die Sexualität, die Psyche und die Körper der Menschen nicht mehr einengen und zu größerer Freiheit führen, bedrohen die autoritär-patriarchale Welt. Sie schlägt unerbittlich zurück.

Was sich als angeblicher Freiheitskampf gegen Homosexuelle, gender und noch immer gegen Frauen- und Kinderrechte geriert, ist eigentlich im alten sexuellen Selbsthaß begründet. Selbsthaß in Sachen der Sexualität, die furchtbare Angst, der sexuellen Norm nicht zu genügen. So lange man von dieser Angst in Schach gehalten wird, die die ganze Gesellschaft durchdringt, wird totalitär-autoritäre, patriarchale Herrschaft, nahezu unerkannt bleiben. Weil eben – wie beim Thema Vergewaltigung – die Fragen der Macht und Gewalt ausgeblendet werden. Aber so wie die bisher Unterdrückten sichtbarer werden, erkennen die Menschen auch immer deutlicher ihre Unterdrücker…so erklärt sich Übrigen auch das Aufbrechen neuer-alter faschistisch-totalitärer Strömungen.

 

Wie sehr Sexualität und politische Macht verknüpft sind u.a. durch die Definitionshoheit über richtige und falsche Sexualität hat der  Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch in seinem Buch „Sexualitäten“ deutlich benannt:

https://de.wikipedia.org/wiki/Volkmar_Sigusch

 

„Das Sexuelle ist immer eingespeist in Systeme, die über es verfügen, mal so, mal anders, aber es immer beherrschen, sich seiner bemächtigen.“

Wer das Sexuelle kontrolliert, der kontrolliert den Umgang der Menschen miteinander, zwingt sie sich zu Gruppen zu bekennen und ihnen unterzuordnen.

So diente die „Sexualregelung“ durch die   Struktur der kleinbürgerlichen Familie zu Beginn der industriellen Revolution dazu, die Arbeitskräfte einzupassen in den Prozeß  der Produktion und Reproduktion (Kinder bedeuten neue Arbeitskräfte, der Zwang seine Familie als Einzelner zu ernähren, brachte den Arbeiter in Zucht und Abhängigkeit). Diese Regelung kann in Zeiten der digitalen Revolution nicht mehr aufrecht erhalten werden; die Berufung auf die Kleinfamilie als uralte und einzig akzeptable Lebensform ist eine Lüge zur Zementierung von Machtverhältnissen, die im speziellen Fall der antihomosexuellen Bewegung, nur die Ansprüche auf politisch-soziale Bevorzugung und skrupellosen Antifeminismus, Rassismus und Klassismus festigen soll.

Apropos – es ist  ja interessant, daß gerade in der antihomosexuellen Fronde so viele Adelige – Hedwig von Beverfoerde, Beatrix von Storch, Mathias von Gersdorff etc. – aktiv sind…daß ihr Kampf gegen Homosexuelle eingebettet ist in eine Sehnsucht nach dem Ständestaat, kann man, so man starke Nerven hat, auf der Webseite der „Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum“ des Mathias von Gersdorff nachlesen:       http://www.tfp-deutschland.de/ – ein einziger Aufruf zur Vernichtung der Demokratie und Unterdrückung der Menschen zugunsten solcher Charaktere wie sie diese Vereinigung vertritt.

 

Der Kampf gegen Homosexuelle und für „uralte Familienstrukturen“ ist ein Pseudokampf. Er soll den Blickwinkel verlagern, von den Herrschaftsverhältnissen auf Sündenböcke.

Familienstrukturen sind immer dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen gewesen. Die augenblicklich als Tradition geltende wird natürlich nicht durch Homosexuelle zerstört, die sie recht eigentlich auch für sich erobern möchten, um dem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen. Das Leben in Gemeinschaft – wie auch immer gestaltet – wird tatsächlich bedroht durch die Erfindung der allzeit bereiten digitalen Arbeitsmonade die uneingedenk ihrer sozialen, emotionalen, örtlichen Bindungen allein und jederzeit bereit ist, durch die Welt ziehen, bis sie, nicht mehr leistungsfähig, abgelöst wird von der nächsten bereit stehenden Monade. – Diese Gestalt des Menschenmaterials ist recht eigentlich das Ziel der neokapitalistischen Gesellschaft. Eine Normfigur, ein Model, eine Ausstanzform, bar jeder Individualität.

 

Nun ist es aber gerade sexuelle und emotionale Individualität, die die „Demo für Alle“, die „Besorgten Eltern“ etc. bekämpfen. Sie können Vielfalt nicht ertragen. Recht eigentlich können sie das ungenormte Leben nicht ertragen, das sie in ihren Kindern fürchten. Wie alle Reaktionäre stemmen sie sich gegen das Leben – erst die Vielfalt garantiert das Fortbestehen. Jeder Evolutionsforscher, jeder Genetiker, könnte ihnen das in wenigen Minuten erklären.

Es ist aber kein Wunder, daß sich monotheistischer Normierungs- und völkischer Reinheitswahn in den homofeindlichen Bewegungen umarmen, sie gleichen sich in den Phantasmen des „Einen“ Gottes und des rassenreinen Volkes…recht eigentlich sind beide Verfechter des Stillstandes, des Todes. Sie lehnen das Leben und die Vielfalt ab – das ist im Christentum ebenso deutlich wie im Islam, dessen Fundamentalisten so gerne den Satz „Ihr liebt das Leben, aber wir lieben den Tod“ zitieren.

 

Der in dieser Vehemenz kaum mehr für möglich gehaltene Kampf gegen Homosexuelle ist ein Teil des Kampfes gegen die Zukunft – und so muß man auch die „Demo für Alle“ nicht als Kinderschutz-Veranstaltung verstehen, sondern als eine Truppe, die tatsächlich die Kinder und damit das morgige Leben bekämpft, um ihre paternalistische Herrschaft weiter ausüben zu können.

Der Kampf gegen „die Anderen“ wird, ohne Zweifel, noch rabiater werden. Judith Butler (jawohl, die Frau, die die „gender-Idee“ entwickelt hat) hat das schon vor 20 Jahren vorausgesehen als sie die antifeministischen und antihomosexuellen Strömungen, die auch vor allem gegen Kinder und ein humanes Morgen gerichtet sind, als rassistisch und klassistisch in ihrem Buch „Haß spricht“ entlarvte:

„Die vom Rassismus signifizierte, die Selektion anleitende und bis zum Mord reichende Beziehung zwischen „uns“ und den „anderen“ ist eine imaginäre: ein Bündel von Vorstellungen, was dieser Andere sei, der auszugrenzen ist und den man allenfalls töten darf, weil man weiß beziehungsweise zu wissen glaubt, wie jene Menschen beschaffen sind, die angeblich „die Gesundheit“ des „Volkskörpers“ bedrohen oder auch sonst aus irgend einem Grunde nicht zu „uns“ gehören.“

Mit Foucault ist Butler der Ansicht, diese politische Reaktion betreibe auf diese Weise eine „völkische Biopolitik zum Vorwand der Selektion“- und zieht den Schluß, sie wolle „zum Schweigen bringen und auslöschen!“

http://www.suhrkamp.de/buecher/hass_spricht-judith_butler_12414.html

 

Und das „Zum Schweigen bringen“ und das „Auslöschen“ sind die wahren Ziele der antihomosexuellen Bewegung der „Demo für Alle“ und anderer ähnlicher Organisationen und Personen – und sie bedienen sich dabei der Mittel, die ich im eingangs erwähnten Beitrag aufzähle.

 

P.S. – wie erbittert der Kurs der Auslöschung verfolgt wird, war an einer herablassenden Antwort von Birgit Kelle zu spüren. Als ihr angeboten wurde, auf meinen Beitrag eine Erwiderung zu schreiben, ließ sie wissen, sie spiele in einer anderen journalistischen Liga und dieser und auch einige andere Artikel, die ich gegen ihr Wirken geschrieben habe, seien rein therapeutisch.

In der Tat sind sie das – das will ich gar nicht leugnen. Denn was Birgit Kelle und die ihre Mitstreiter permanent veranstalten, sind Beleidigungen, Verletzungen, Nichtigerklärungen menschlicher Regungen und Wünsche, Vorstufen der Vernichtung; denn sie werden es dabei nicht belassen.  Sie schlagen ununterbrochen Wunden – irgendeiner muß sich ja darum kümmern.

 

Wer sich speziell über die Methoden und Ziele der „Kinderschützer“ informieren möchte, der ist ausgezeichnet bedient mit der aufschlußreichen Aufsatzsammlung:

Anja Hennigsen, Elisabeth Tuider, Stefan Timmermanns (Hrsg.), Sexualpädagogik kontrovers. Beltz Verlag. 2016

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6 Gedanken zu “Der neue – alte Kampf gegen Homosexuelle

  1. Wolfgang, wie so oft ist dir wieder ein Beitrag gelungen, der in die schmerzhafte Kategorie „Was wir nicht hören wollen, solange alles einigermaßen erträglich ist“ fällt.

    Du schreibst:
    „Sie können Vielfalt nicht ertragen. Recht eigentlich können sie das ungenormte Leben nicht ertragen, das sie in ihren Kindern fürchten.“

    Ich meine dazu:
    Und „sie“ fürchten dies ungenormte Leben in ihren Kindern zu Recht – muss es ihnen doch die Vielfältigkeit, Uneindeutigkeit, Veränderlichkeit ihrer eigenen Natur vor Augen führen, also alle das, was sie als pathologisch rigide Reflektionsverweigerer unter keinen Umständen sehen wollen, weil es ihr gesamtes Selbstbild ins Wanken bringen würde.

    Was ist das für ein skandalöser Affront der „Natur“ gegen die mühsamen Normierungsbestrebungen der Suprematisten in ihrer Definition des „Natürlichen“,…
    – dass mit jedem Menschenleben das Anderssein und die Kraft zur Emanzipation des Anderen neu geboren wird?
    – Und dass sich in jedem Lebensweg diese Kraft neu ihren Weg bahnt – bis zum Sichtbar-Werden (Coming Out) und zum Einfordern von Rechten und Besetzen von Räumen (Emanzipation)?
    – Ungeachtet der Tatsache, dass die Umgebung alles tut, um gegen die Selbstentfaltung des Anderen eine maximal feindselige (z.B. weiß-männlich-cis-hetero-normierte) Umwelt zu schaffen?

    Es ist der Affront der Natur, dass die Idee von Anderssein neu entsteht mit jedem neuen Menschen, der geboren wird und aufwächst – wie Pflanzen, die durch den Asphalt wachsen. Vor 2.000.000 Jahren, vor 2.000 Jahren, heute, in 2.000 Jahren und in 2.000.000 Jahren.

    Dazu gibt es gerade einen konzisen Beitrag auf doctorpeng (Link: http://www.doktorpeng.de/queertrotzbrainwash/).

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    • Leider gabs Serverprobleme, so daß ich mich erst jetzt für den Zuspruch bedanken kann: auch für die Zusatzinfo…
      Ich habe schon länger vor, ausführlich über den „Kampf“ gegen das eigene Kind etwas zu schreiben…das ermutigt mich dazu…

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  2. Ich hab´s gerade bei einer dieser pseudoverständnisvollen paradechristlichen Homophobikerinnen https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/04/09/splitter-balken-die-homoehe-und-so/#comment-186 so versucht:

    Ich schnappe bei sowas immer nach Luft. Einmal vom offenkundigen Problem der Leihmutterschaft (egal ob für heterosexuelle oder homosexuelle Paare) abgesehen und bei allem Respekt:
    Religiöse Menschen müßten umgehend damit aufhören, sich in das Intimleben anderer Leute einzumischen und zuallererst einmal die peinliche Scham über das nicht wiedergutzumachende Elend und Leiden lernen, das mit religiösen Reinheitsideologien und kirchlichen Sexuallehren in die Welt kam.
    Dabei würden sie auch erfahren, wie sehr ihre Indoktrinationssucht korreliert mit ihrer eigenen gestörten psychosexuellen Entwicklung und welche Dynamik sie antreibt, aus ihrem eigenen verdrängten Leiden aus Kindheit und Jugend die „Produktion des Bösen“ (Alice Miller) voranzutreiben.
    Dieses „Böse“ liegt in der Entfremdung des Menschen mit sich selbst.
    Im Rahmen der kath. Sexuallehre ist ein spielerischer, liebevoller Umgang mit der kindlichen und pubertären Geschlechtlichkeit schlichtweg nicht möglich, diese lustvoll fühlbare Geschlechtlichkeit hat ganz einfach nicht zu existieren. Über Jahrhunderte hinweg wurden so unzählige Menschen tief mit sich selbst gespalten, mit völlig unabsehbaren Folgen!
    Sprechen wir es klar an: Kindliche und jugendliche sexuelle Selbstbefriedigung hat über Jahrhunderte hinweg in einem Rahmen stattgefunden, innerhalb dessen sich der junge Mensch ungeliebt vorkommen mußte, ebenso bei einer eventuellen nichtheterosexuellen Entwicklung. Nocheinmal: Das zentrale Moment emotionaler Entwicklung fand außerhalb des Erlebens personaler Liebe statt: DAS ist eine Todsünde.
    Daraus ergibt sich kurz zusammengefasst unter anderem der, mit Verlaub, vollendete Größenwahn, daß ein Mensch seinem Mitmenschen – von „Gott“ her! – einreden will, die jeweilige Frage nach Zärtlichkeit, Erotik, Partnerschaft und Liebe sei gewissermassen vorgegeben, vorbelastet, und wäre irgendwie abhängig von der Konstellation der Geschlechtsorgane.
    Demnach dürfe ein Mensch nur dann Zärtlichkeit und Sexualität erleben, wenn der in Frage kommende Partner andere Geschlechtsorgane habe als er selbst, ansonsten müsse er – ohne Ansehen der Person – einfachhin mal gerade so sein ganzes Leben lang auf Zärtlichkeit und Sexualität verzichten. Das begründet der indoktrinierende Mensch mit seinem „Gott“, dessen Willen er angeblich aus der „Natur“ ableitet.
    Welche Grausamkeit daraus generiert wird, erlebt man zur Zeit unmittelbar bei den Horroraufzügen von „Demo für Alle“ und dem daran anschließenden politischen Arm „AfD“.
    Demnach dürfe man keine Politik für eine „verschwindende Minderheit“ (Gabriele Kuby) nichtheterosexueller Menschen machen, sondern sich am Erleben quasi der völkischen Mehrheit orientieren.
    Wenn in wesentlichen religiösen Passagen ursprünglich – vom Menschen her! – angedacht war, daß gerade der Minderheit, ja, sogar dem EINEN verlorengegangenen Menschenschäfchen, evolutionsmäßig genaugenommen dem Menschenäffchen, nachgegangen werden soll, präsentiert sich bei den „Naturrechtlern“ um Ratzinger und dergleichen herum gerade das Gegenteil einer menschlich-menschenwürdigen, oder, wenn man so will, christlichen Haltung.
    Grausamkeiten aber haben wir uns im blutigen Übermaß angetan, und kein Natur – oder Kirchengott hat das je verhindert.
    Das transzendent gesetzte höchste menschliche Ideal, „Gott“, darf für uns Menschen nichts anderes mehr sein als die personal und mitfühlend liebende zugeneigte Gegenüberhaftigkeit als solche.
    Gott, das sei die Menschlichkeit als das innerste Moment intercerebralen, interpersonalen Wohlwollens.

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  3. Lieber Wolfgang,

    steht eigentlich bei Onfray oder Ariés etwas über die schauerlichen Apparaturen, die man früher an kindlichen Genitalien anbrachte zur Abhaltung von der „Sünde“, jene Apparaturen übrigens, deren nachweisliche Existenz die Mär von der kindlichen „Unschuld“ krachend widerlegen, die strengreinen Paradechristen der damaligen Zeit haben ihre Kinder schließlich deshalb damit gefoltert, weil ihnen die „Schuld“ ihrer Kinder evident geworden war. Ich wasche gerade einer naßforschen Religiotin den Kopf, da kann ich einschlägige Infos gut gebrauchen.

    Gruß

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