Belami in Venezia

Ach, ich hatte Lust, diesen Text ans Licht des Wochendes zu bringen, en sie fürs erotische Jahrbuch nicht haben wollten. Dann eben nicht!


„Und nun,“ sprach schmeichelnd der geschickte Friseur, in dem er dem Hairweaving den letzten Knoten verpaßte und über die glänzend aschblonde Mähne strich, „dürfen Sie sich verlieben!“
Jösta Schutt, der jahrelang unter der Kahlheit seines immer sichtbarer werdenden Kopfes gelitten hatte, erblickte verblüfft im Spiegel der Frisierkabine, wie sehr das Haarteil ihn wieder jugendlich und damit ansehbar machte. Der hinter ihm stehende Haarkünstler entblößte seine ganze Zahnpracht, so als ob er gar keine Lippen besäße. Dieses Lächeln gab dem mageren, fast fleischlosen Gesicht, einen morbiden Ausdruck. Schutt beachtete es kaum, denn er war verwandelt. Diese Kabine war eine Hexenkammer. Ihm war leuchtendes Karmesin in die Wangen geschossen.
Mit standesssicherem Lächeln nahm der Friseur den Scheck über dreitausend Euro entgegen, den der Schriftsteller ihm hinreichte. „Aber sehen Sie sich vor, Herr Schutt,“ murmelte er. „Es hat in den letzten Tagen einige Übergriffe drüben im Park auf alleinstehende Herren gegeben!“ Der überwältigte Kunde überhörte den Hinweis und mochte sein Spiegelbild im schimmernden Glas der Salontür kaum wiedererkennen.
Jösta Schutt hatte sich entschlossen, die Honorare, die er für seinen letzten Roman und eine daraus entwickelte Fernsehserie über den Niedergang einer Kaufhausbesitzersfamilie erhalten hatte, für eine Revitalisierung zu verwenden. Neben dem Hairweaving leistete er sich einen personal trainer, der ihm zergend und zusetzend dabei half, die Unform seines alternden Leibes in einen Körper zurückzuverwandeln. Als Erfolg war der Verlust von enorm viel Fett um die Leibesmitte und der Gewinn an Muskelmasse um Bizeps und Glutaeus zu verbuchen. Deshalb gönnte sich der Schriftsteller enger sitzende Jeans und taillierte Hemden von Joop. Er fühlte sich attraktiv-frisch und begann sein Spiegelbild in den Schaufensterscheiben wieder zu mögen.
Jösta Schutt lenkte seine Schritte einem Eiscafé mit einer rotweißgrün gestreiften Markise zu, auf der in violetter Schrift der Namenszug Venezia prangte. Der Schriftsteller, der sich in den letzten Jahren wegen der Kahlheit seines Schädels und des kleinen Embonpoints lieber am Rande aufgehalten hatte, faßte seine Courage zusammen und setzte sich an einen Einzeltisch in der Mitte eines bunten Treibens. Man hörte hier allerlei balkanische Sprachen, und die Betreiber des Eiscafés warfen italienische Brocken darüber. An der Grenze zum nächsten Geschäft, einem Schnellbäcker, hatte ein Stehgeiger Aufstellung genommen und intonierte den Walzer aus der Lustigen Witwe.
Schutt ließ seine Blicke über die Menge schweifen: wenige Familien, die ihren Kindern ein Spaghettieis gönnten, zumeist jeunesse dorée: Hipster mit Salafistenbärten und Veganer, die Mandelmilcheis bestellten. In einer Gruppe von recht grobschlächtigen Halbwüchsigen, einige mit Narben, fast alle die Arme bis zur Achsel tätowiert, fiel Schutt ein junger Mann auf, der urplötzlich seine ganze Aufmerksamkeit anzog. Der Junge schien ihm vollkommen schön. Ein völlig ebenmäßiges Gesicht, vormännlich nahezu noch, aber schon der pubertären Unförmigkeit entwachsen. Ein langer, zum Streicheln einladender aschblonder Schopf hing ihm ins ungewöhnlich blasse Gesicht; mochte der Junge etwas leidend sein? Auch sprach er kaum, aber entblößte dabei eine Reihe vollendeter Zähne, die gewiß gemacht waren, wie man so sagte – angesichts seiner Kumpane mochte man denken, seine eigentlichen wären ihm bei einer Enquete ausgeschlagen worden… Der Junge erinnerte ihn an die klassische Schönheit eines vollendeten Darstellers aus einer Reihe von Filmen, die eine tschechoslowakische Videofirma produzierte – und dessen entblößter Körper und seine erotischen Paroxysmen ihm bei wiederholtem Anschauen fast um den Verstand gebracht hatten. Kein Wunder, trug doch die Firma den Namen eines bestrickenden Maupassant-Helden.
Jetzt lächelte der Junge herüber, mit diesen perfekten Zähnen und mit grünblauen Augen. Man darf nicht so lächeln, raunte Schutt ganz leise, so daß ihn nicht mal die Leute am Nachbartisch vernahmen. Der Junge hielt dem starrend-verzaubertem Blick Schutts stand. Ja, er erweiterte sein Lächeln durch einen Augenaufschlag, der signalisierte, er habe verstanden. Dann zog er, wie Schutt mit Aufregung vermerkte, die Brauen hoch, erhob sich, verhandelte mit seinen Freunden, sie mögen für ihn bezahlen und ging demonstrativ langsam an Schutts Tisch vorbei, so daß der eine Woge vom süßlichen Kouros in seiner Nase verspürte. Am Bordstein blieb der höchstens neunzehnjährige Junge stehen und sah sich auffordernd nach Schutt um…der beschloß, ihm zu folgen.
Vorbei an den Taxiständen, wo der unverschämte Chauffeur, der ihn vorhin in betrügerischer Absicht auf Umwegen zum Salon gefahren hatte, an seinem Wagen lehnte und grinste, seine Kappe in der einen Hand und eine Kippe im Munde. Was sollte sich der verwandelte Schutt jetzt noch wegen des hohen Fahrpreises ärgern, der Junge, der vor ihm den Zebrastreifen zum Park hin überquerte, war jetzt wichtiger. Wie sich die Globen seines Gesäßes in der engen Hose sacht gegeneinander bewegten und wie ein schmaler Streifen weißer Rückenhaut zwischen T-Shirt und Gürtel sichtbar wurde… Dieser Schwung Nacken und Rücken und dann das Profil, wenn der Junge den Kopf umwandte, um sich zu versichern, daß Schutt ihm folgte. Gleitende Bewegung und nachsteigende Sehnsucht wurden eins. Wo der Junge war, war auch Schutts Blick.
Das endete in einem Birkenwäldchen, das jetzt im Spätsommer mit üppig rosafarbenem Heidegesträuch prangte. An den Wacholderzypressen glänzten die herben Beeren und die ersten vergilbten Blätter trudelten schon durch feine Spinnweben zu Boden. Eine übersatte Wärme hatte sich auf den Abend gesenkt.
Der Junge saß auf einer Bank, den einen Arm auf der Lehne ausgestreckt. Sein Blick ging ins Weite der leeren Parkanlage. In der horizontlosen Ferne eine Peitschenleuchte über einem roten Kiesweg, an der die Reste einer vandalisierten Überwachungskamera im warmen Wind baumelten.
Jösta Schutt ließ sich – und sein Herz zersprang fast – neben dem Jungen auf der Bank nieder. Würde seine Verwandlung bestehen? Sein Blick war der eines Diätpatienten, dem Delikatessen strengstens verboten waren und der nun eine Schale leuchtend roter, gezuckerter und mit Rahm überschwemmten Erdbeeren vor sich erblickte.
Schutt beugte sich vor, um den jungen Mann, der mit halbgeöffnetem Mund, erwartungsvoll wie es ihm schien, neben ihm saß, zu berühren. Für einen Moment blickte er in dessen grüne Augen und meinte, sich selbst, wie er einmal in diesem Alter gewesen war, zu erspähen. Doch noch bevor sich sein Mund mit dem des Jungen verband, packten den Benommenen zwei harte Hände an den Schultern, drängten ihn beiseite und warfen ihn von der Bank in den Staub. Die Freundesclique des jungen Mannes tauchte unvermittelt hinter den aufgeschossenen Wacholderbüschen auf, umringte und trat Schutt, hob ihn an, stieß ihn zurück und Faustschläge prasselten auf sein Gesicht. Grob packte ihm einer ins Haar und begriff, was er dort in der Hand hielt; er zog und schüttelte und riß so schmerzhaft das verwebte Haarteil vom Kopf, daß Schutt meinte, ihm würde ein Dornenkranz in die Haut gedrückt. Einige Fäden Bluts rannen ihm bis in den Hemdkragen.
Ein bösartiges Lachen gluckerte um den vor der Bank kauernden Schutt. Der strahlende junge Mann hielt die Brieftasche des Verprügelten als Trophäe hoch über seinen Kopf mit einer kraftvoll, jungen, hitzigen Bewegung. Noch einmal lachten alle auf und riefen einander in einer Sprache, die Schutt nicht kannte, Ermunterungen oder Schimpfwörter zu und rannten davon.
Am nächsten Tage las eine moderat empörte Öffentlichkeit in Boulevardblättern von einem gewalttätigen Übergriff, wie es schon so viele in diesem Park gegeben hatte, der diesmal den erst kurz zuvor mit viel kosmetischem Aufwand verjüngten Schriftsteller zurückließ als zerschlagenen, verdreckten und alten Mann. 

 

 

 

 

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