Ihre Angst ist berechtigt…

Kultur und Zivilisation – Konservatismus und Evolution
Erste Gedanken zu einer radikal neuen Gesellschaftsordnung

Es verging in den letzten Wochen kaum ein Tag, an dem es kein Ereignis gab, keine dumme Einlassung von prominenteren oder weniger prominenten Christen, Nazis, Menschenhassern, über die ich nicht gern ein Ceterum Censeo geschmettert hätte…
Da ist die unerhörte Bestallung von Birgit Kelle zur Expertin für Homophobie durch die sächsische CDU, die sprachlos machenden Einlassungen des Kurienkardinal Robert Sarah, Homosexualität sei ein Problem für die Menschheit und der Kampf um gleiche Rechte und freiheitliches Ausleben seiner Sexualität und Gefühle sei ein neues Kolonialprojekt der westlichen Staaten – und dann noch Papst Franziskus, der dieser faschistischen Umdeutung der Menschenrechte seines Kardinals vor der UN-Vollversammlung beipflichtet – und dann sind da die unsagbar dummen und denkfaulen Behauptungen über Flüchtlinge, die für mich in einem kurzen Statement einer Wutbürgerin gipfelten „Orbán hat Recht!“
Werfe ich die neofaschistischen Hetzereien, die Angriffe der neuen SA-Organisationen, das Beharren der hartleibigen Christen auf dem Naturrecht und seinen mörderischen Folgen durcheinander? Nein, gewiß nicht!
Denn was passiert in den letzten zwei Jahrzehnten, in denen die Entwicklungen und der Zugang zur IT-Technik und zum Internet, der Zugang auch zur Kakophonie der Medien, eine immense Unübersichtlichkeit auf den Gebieten der Information/Kommunikation, des Sozialen und Politischen herbeigeführt haben? Die meisten Menschen sind überfordert – überfordert aber auch, weil sie sich standhaft weigern, etwas zu verifizieren und ihre Meinungen zu grundieren. Fiktion wird immer wichtiger als Fakten. Und gerade die Zugänglichkeit von Fakten ist gleichzeitig leichter und unübersichtlich geworden und der Umgang mit ihnen immer schwerer. Was früher zurecht Vorurteil genannt wurde und damit auch negativ konnotiert war, wird jetzt zur sakrosankten Meinung stilisiert – man jammert, wenn sie nicht unwidersprochen bleibt und sieht zugleich die Meinungsfreiheit bedroht.
Aber das ist fast ein Nebenthema – Informationen sind ja nicht nur Nachrichten. Die neuen Medien haben auch zu einer schier unübersichtlichen cancerogenen Wucherung des Kapitalismus geführt: Waren, vor allem aber Geld (nicht nur tatsächliches, noch viel mehr fiktives) rasen um die Welt und steigern Einkommen in ungeahnte Höhen; gleichzeitig aber stürzen auch immer mehr Menschen, Organisationen, Staaten in diesem undurchschaubaren und für gottgleich erklärten System ab. Das löst Angst aus und Panik.
Der Fortschritt der Wissenschaft ist bereits seit der Atombombe nicht mehr ein goldenes Kalb, dessen Verehrung auch humanen Fortschritt verspricht. Aber Wissenschaftsdisziplinen wie Chemie, Physik, Genetik etc. sind so ungeheuer komplex geworden, daß die Forschungsavantgarde nur aus wenigen Leuten besteht, die ihr Verständnis entweder eifersüchtig hüten oder ihre Forschungen und Entwicklungen wirklich so komplex, daß Menschen mit durchschnittlicher Bildung – und leider ist die Masse der Menschen tatsächlich unterdurchschnittlich gebildet, gemessen an den Verständnisanforderungen der Moderne – da nicht mehr mithalten können. Das I-Phone können auch Dumme, die einmal gelernte Schritte immer wieder sklavisch ausführen, bedienen – aber sie sind eben so dumm, eins zu bauen! IS-Mörder nutzen Handys, Breivik kann ein mörderisches Manifest im Internet installieren, aber mehr als Köpfen oder einfache Bomben bauen können sie nicht – aber das reicht ja auch um skrupellos ungezählte Menschen zu ermorden.
Immer mehr Menschen fühlen sich abgehängt von der Wissenschaft und Forschung, aber auch vom religiös gehüteten Finanzsystem. So entstehen die Mythen von „denen da oben“ – vom Banker zum Politiker. Man sieht seinen Vorgarten bedroht, sein Sofa, sein Sparkonto… Aber es ist zu beschwerlich ist, die Urheber dieser Tatsachen (Tatsachen, die sich oft genug als Machenschaften herausstellen) zu konfrontieren, denn das hieße ja eine gründliche Auseinandersetzung mit dem, was einem nicht paßt, verfallen die Menschen wieder in jene uralten Verhaltensweisen, nämlich auf denen herumzuhacken, die ihnen zwar deutlich unterlegen sind und auf denen man dann Leichterdings herum trampeln kann: Flüchtlinge, Asylanten, Homosexuelle etc.
So ist es für die meisten Menschen auch eine Zumutung, sich z.B. mit den Ursachen der Flüchtlingsströme auseinanderzusetzen, denn das ist kompliziert, könnte aber auch zu Tatsachen führen, die ihnen nicht gefallen. So lange unser Staat z.B. Geschäfte macht mit Saudi-Arabien, darf man sich nicht wundern, daß die Herrschaft des dortigen Königshauses gefestigt bleibt und die Unterstützung von Terrororganisationen ebenso fortgesetzt wird, wie der Terror mit dem sie die eigene Bevölkerung überziehen.
Die Politik behandelt Konflikte vom Nahen Osten bis zur Ukraine immer noch mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts: kurzfristige Stabilisierung der eigenen Interessen, Nationalismus, Krieg. Immer deutlicher wird, daß diese überkommenen Lösungen – die ja damals auch nicht funktionierten, nur für eine kurze Weile bis zur Explosion des langen 19. Jahrhunderts 1. Weltkrieg – völlig ungeeignet sind – zumal auch neue Probleme der Ökonomie, der Ökologie und des Sozialen aufgetaucht sind, die nur noch global, aber nicht mehr regional gelöst werden können – und nebenbei bemerkt, schon gar nicht religiös. Nichts ist dümmer – wie es z.B. die Evangelikalen oder die Islamverbände machen, als nach noch mehr Religion zu schreien!
Aber die Problemlösungen des 19. Jahrhunderts sind Lösungen der Gemütlichkeit – was kümmert´s mich wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen?
Inzwischen sind „die Völker“, sind die fernen Probleme längst vor unserer Haustür angelangt. Die Reaktion: Abschottung und Unmenschlichkeit, die natürlich auch nur eine kurze Atempause für die geistige, empathielosen Couchpotatoes und Sesselfaschisten bedeuten.
(Sesselfaschisten sind die, die nachher von nichts gewußt haben oder nur Befehle befolgten!)
Jedem det seine, mir det mehrste (wie Zuckmayer das Motto Friedrichs II. ummünzte, das dann, eigentlich nicht mehr zitierbar – das Motto über den Gittertüren der KZ wurde). So denken Nationalisten und Religiöse!
Die Dumpfdeutschen machen die Leidenden verantwortlich für die schiefen Verhältnisse, zünden deren Notunterkünfte an, verhetzen und prügeln sie oder bringen sie sogar um – womit sie das Ende der nationalistischen Fahnenstange des 19. Jahrhunderts wieder erreicht haben – das schon vor 80 Jahren in weltweiten Mord und Totschlag mit der Ausrottung von Sündenböcken gipfelte.
Ja, sie haben Angst um ihre Sparkonten und Vorgärten und um ihren schäbig erkauften Seelenfrieden. Sie beharren auf überkommenen Verhältnissen und verhalten sich konservativ bis reaktionär.
Ebenso machen es die Repräsentanten des fiktiven Gottes. Was die Kurienkardinäle Sarah und Müller (und viele andere Kleriker) – und jetzt komme ich wieder zu meinen Lieblingsfeinden – Beatrix von Storch, Hedwig von Beverfoerde, Birgit Kelle und mit ihnen so viele Homohasser mit putinesker geistiger Beklemmung und Bescheidenheit fürchten, ist der tatsächliche Fortschritt auch im Sozialen. Ja, sie müssen sich davor fürchten, daß sie nun endlich nicht mehr länger sozusagen von Amts wegen, wegen ihrer angeblich überlegenen Heterosexualität, ungestraft weiter z.B. Homosexuelle diskriminieren, verfolgen oder umbringen können. Der Fortschritt der Wissenschaft und Humanität bringt ihr Weltbild, das noch älter ist als das der Nationalisten und Faschisten, zum Einsturz. Sie müssen erkennen, daß es keine endgültigen Wahrheiten über Liebe, Gefühle, ja über das das Leben im Allgemeinen gibt. Die Erkenntnis, daß freizügigere Gesellschaften friedlicher sind und sozialer kann ihnen nicht passen, denn das bedrohte ja ihre bisher mit Zähnen und Klauen verteidigte Vormachtstellung. Es ist kein Wunder, daß gerade religiöse Menschen deshalb die Evolutionsforschung ablehnen oder wie einmal nationalistische und faschistische Strömungen bewußt falsch verstehen als Lehre von der Herrschaft des Stärkeren, die natürlich immer sie selbst sind aufgrund etwa ihres Biodeutschtums oder ihrer Christlichkeit.
Überleben wird aber der Fitteste –der, der Wege findet, sich mit Hindernissen und Bedrohungen auseinander zu setzen. Eine faschistische Ideologie, die von der Herrschaft des Stärkeren träumt – und das Christentum, der Islam und alle anderen Religion sind im Grunde und zuende gedacht, faschistische Ideologien – sorgt dafür, daß ihre Anhänger sich am Ende selbst ausrotten. – Wir erleben das heute tagtäglich wenn die Konfessionen einander erklären, sie wären nicht wirklich christlich oder muslimisch; und immer nur der eigene Glaube ist gottgefällig oder führerkonform!
Ein Wesen, das vorausschauende Denkfähigkeit hat, wie der Mensch (will ich doch hoffen, sonst kann ich einpacken), kann feststellen, daß die Symbiose für alle zu besseren Lösungen führt als die Konfrontation, als das kurzfristige Vernichten des Anderen, der in vielem anders sein kann, aber doch den gleichen Lebenswillen und die gleichen Sehnsüchte hat wie man selbst. (Jaja, die Juden, der Asiate, der Muslim, der Evangele – die sind nicht so wie wir; nehmt also die Wäsche von der Leine, wenn sie in unser geistiges Dorf kommen!)
Und hier treffen sich die Neofaschisten – die euphemistisch von vielen Politikern beschwichtigend „Besorgte Bürger“ genannt werden – und religiöse Hetzer wie Kardinal Sarah und Konsorten… es geht um ihre Privilegien, um ihre Vorherrschaft, die die einen mit dem gegrölten „Doitschland“ rechtfertigen (oder mit Unsinn wie – die Asylanten rauben uns sogar noch unser HartzIV) und die anderen mit dem „Willen Gottes“ – die Religiösen sind sogar ein wenig raffinierter, denn sie erfinden eine unangreifbare Entität, die so zur Unantastbarkeit stilisiert wurde, daß in ihrem Namen alles möglich wurde, von Kreuzritterlichen Beutezügen bis zur Ausrottung der Juden…
Ach, was sage ich, die wie eine Monstranz vor sich hergetragene Nation (die nur ein anderer Begriff für das eigene Portemonnaie ist, den eigenen Suppentopf und das eigene Gedankenklo) ist ja ebenso sakrosankt. Wer daherschwätzt „Deutschland schafft sich ab!“ – ist ebenso religiös wie der, der von der intrinsischen Sündhaftigkeit jedes Menschen schwafelt.

Sie haben also Recht, die Paniker, Hysteriker, Angsthasen, ob sie´s nun mit der Liebe zum immer selbstgebastelten Gott, zum eigenen Land, der eigenen Familie oder zur eigenen Gemeinschaft begründen – sie haben Angst um Vorherrschaft, Privilegien oder das, was sie für Privilegien halten, sie haben Angst, nicht mehr diskriminieren, ausgrenzen und töten zu können im Namen eines Herrn im Himmel oder eines Herrn Hitler, Ratzinger, Bergolio, Höcke oder einer Frau Petry…sie sind konservativ , reaktionär bis faschistisch weil sie einen status quo, der sie begünstigte, verteidigen – aber er begünstigte sie immer auf Kosten von anderen, die jetzt als Flüchtlinge, Asylanten, Atheisten oder Homosexuellen etc. pp. sich endlich zu Wort melden. Sie sind nicht zukunftsfähig und auch nicht gesellschaftsfähig.

Fortsetzung folgt

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