Bischof Huonders feuchte Träume – so könnten sie aussehen:

Nur zum Spaß, nur zum Spiel habe ich vor einem Jahr einen „Unterhaltungsroman“ begonnen, der vom theokratisch und rechtsnational beherrschten Europa in 15 bis 20 Jahren handelt… Nachdem am vergangenen Wochenende Bischof Vitus Huonder auf dem 15. Kongreß des „Forums Deutscher Katholiken“ in Fulda endlich ganz offen die Kriegserklärung gegen Homosexuelle verkündete, als er von der Todesstrafe faselte, bin ich mir nicht so sicher, daß es sich bei meinem Roman bloß um eine Dystopie handelt. Rußland ist nahe daran, diese Forderung durchzuseetzen, in den USA fordert ein evangelikaler Rechtsanwalt bei vollem Verstand, daß es erlaubt sein müßte für jedermann, homosexuelle Menschen standrechtlich zu erschießen, in einigen afrikanischen  Staaten liebäugelt man damit, die bisher drakonischen Gefängnisstrafen mit der Todesstrafe zu stoppen; der IS und der Iran richten massenhaft Homosexuelle im Namen Gottes hin – und nun noch Huonder, der schleimig zurückrudert und bloß falsch verstanden worden sein will, während ihm die Kongreßteilnehmer begeistert applaudierten…..

SO könnte es in ein paar Jahren aussehen, davon träumen fundamentale Katholiken und Evangelikale. Da der Einfluß der katholischen Kirche vor allem ungebrochen ist, hat es bisher noch kein Verlag gewagt, dieses Manuskript zu drucken.

Anmerkungen sind übrigens sehr willkommen…

Duerer-1-DW-Kultur-Washington

 

Der Schwulenjäger
ein polemischer Roman von
Wolfgang Brosche

Kapitel I

Liebe Gläubige, anstelle des Schmerzvollen Rosenkranzes bringen wir nun einen Direktbericht von der würdevollen Hinrichtung dreier in der letzten Nacht entlarvten und verurteilten Sodomiten. Unser Berichterstatter von der Saale ist unser allseits beliebter Chefredakteur Matthäus Gerber!
Gelobt sei Jesus Christus

„Meine lieben Zuhörer: Hier hallen die Hammerschläge im Namen des Herrn durch das Tal. Da fließt die Saale, dort blühen Apfel und Kirsche und die Laubwälder leuchten in jungem Grün. Darüber der verheißungsvolle Himmel Mai. Die Landschaft ist wieder neu und das Holz wie der Maibaum im Ort ganz frisch und gerade geschlagen. Damit zimmern sie Galgen für die Sodomiten, die sollen dran hängen, weil sie nicht sind wie die Gehorsamen und die Gerechten, die nur sich begatten im Namen des Herrn, seinen Ruhm zu mehren, indem sie Kinder zeugen, neue Gläubige, die ewige Reihe der Gottesfurcht. Jeder Hammerschlag der Zimmerleute – auch der Herr Jesus war ein Zimmermann – ein Geschoß: Nagel ins Holz, so wie der Herr starb Nagel durch Fleisch ins Holz.
Doch die Sodomiten sollen nicht den Märtyrertod sterben, die sollen hängen als Verbrecher, denn die fallen aus der Gnade der Welt. Die erlangen nicht die Liebe des Herrn, denn die können nicht lieben.
Liebe ist nur, was die Kirche Liebe nennt. Die dem nicht folgen, sollen sich bekennen krank, pervers, untertan, dann wird ihnen Gnade zuteil. Wenn sie aber nicht die Gnade des Herrn annehmen und starrsinnig verbleiben im Unrat ihrer Sünden, dann sollen sie sterben. Das ist die Notwehr des Herrn. Die Sodomiten sollen nicht das Abendland in Sünde stürzen, Erbsünde, Sünde an Unschuld und Wahrheit. Die sind nicht so wie wir, die gehören ausgemerzt von Gottes Erde.
Die Schafe der Unschuld weiden dort drüben auf der Wiese wo die Schaulustigen warten, die darf man nicht stören, die sollen grasen bis in alle Ewigkeit und während sie grasen erschallen die Hammerschläge des Herrn. Die Hämmer in den Händen der Büttel und die Stricke werden befehligt von den Weisen im Herrn.
Baumeln sollen sie, die der Natur des Herrn und seiner Diener widersprechen. Dies ist ein Akt der Liebe Gottes, der uns damit bewahrt vor der Sünde und denen, die sündigen!
Hier endet die Stadt. Dort die Pappelallee mit dem Kreuzweg, der führt auf den Richtplatz. Die Stationen des Leidens; das hat der Herr gelitten, daran führen sie die Sodomiten vorbei, damit die wissen, was wahres Leiden ist, was wahre Liebe ist. Die sollen sich beugen an jeder Station – ein Schlag in den Nacken, damit sie auf die Knie fallen in den Schmutz und den Staub, wohin sie gehören und woraus sie gemacht sind.
Jetzt zieht man ihre Köpfe am Haar, damit ihr Blick auf die Reliefs in den Kreuzwegstationen fällt, die in Stein gegrabenen Schmerzen des Herrn – die sollen auch sie spüren – deshalb haben Ministranten vorhin spitzigen Kies vor jede Station gestreut und der Büttel hat den Delinquenten die Hosenbeine abgeschnitten, damit die Haut der Knie aufreißt und sie bluten wie der Herr. Aber die bluten nur sündiges Blut, krankes Blut, das Blut des Widerwillens, das Blut des Ungehorsams, das bleibt auf ewig vergebens vergossen.
So geht der Zug hinaus: da die ertappten, widerspenstigen Perversen, Kotstecher, Knabenverführer, Analkrebsverbreiter, die Kranken, die sich nicht kurieren lassen, die müssen ausgemerzt werden vom Antlitz der Erde im Namen des Herrn und das ist gut getan!
Sie erreichen den Festplatz, getrampelte Erde und Klee und die Unzahl Marienblümchen, die weißen Punkte im Gras. Die Unschuldsblumen mit dem Namen der Jungfrau, der Himmelskönigin, die den Schmutz des menschlichen Körpers, die Begattung, nicht kennt, nicht erleben mußte, weil der Herr sich ihrer erbarmte und bediente, die Unschuldige, die ewige Jungfrau – ach bitte für uns…
Was für ein Wetter, ein himmlisches Blau, nicht eine Wolke, nichts Trübes und im sanften Maiwind die Glocken der Stadt, die läuten ihr himmlisches Moll, streng und mahnend. Dennoch freut sich die Menge, denn dies ist ein Feiertag; der Tag des Gerichts, die Arbeit ruht, man drängt heran und holt sich von den fliegenden Händlern Zuckerwaren und Brezeln und Bier. Und Wetten schließt man ab, wer am längsten baumelt, bis er den letzten Seufzer ausstößt. Sogar der Küster setzt mit.
Die Tribünen waren gestern bereits gezimmert und aufgestellt worden. Wer keinen Platz auf den Bänken findet, der drängt sich im Pulk und schwätzt aufgeregt mit den Nachbarn, wer denn heute den sodomitischen Hals in die Schlinge steckt.
Durch das Geläut von der Stadt schallen noch immer die Hämmer – die Zimmerleute richten den Balken auf dem Podest: die letzen Nägel hinein in das Fichtenholz, das riecht noch, es wurde nicht lange gelagert, nach Harz.
Da naht schon der Bürgermeister heran mit dem Ehrengast, der unsere Stadt von den letzten Sodomiten befreite; in seiner würdigen Soutane und dem breitkrempigen Hut auf dem Haupt, der Sodomitenfänger, Monsignore Basil von Echs…“
Der Radioreporter, ein freigestellter Priester mit einer Neigung zu blumiger Sprache, der er auch in seinen Predigten frönte – die Gemeinde war ganz begeistert und bedauerte sehr, daß er zu kath.radio gewechselt hatte – schnappt endlich nach Luft, eilt auf die Abteilung der Stadtväter zu und drängt ihnen sein altertümliches Mikrophon unter die Nasen.
„Herr Bürgermeister! Ein Wort an unsere Hörer im ganzen Land…“
Der Bürgermeister wirft einen fragenden Seitenblick auf den Monsignore, der nickt gönnerisch zustimmend, will heißen: Ich laß Ihnen den Vortritt!
Der behäbige, untersetzte Mann räuspert sich, er ist es nicht gewöhnt im Radio zu sprechen und dann auch noch ganz frei. Natürlich nicht ganz frei; er hat sich noch in der Nacht, nach der letzten Sitzung des Gerichtes, vorsorglich ein paar Worte zurechtgelegt. Er konnte sie dem Monsignore nicht mehr unterbreiten, aber der vertraut darauf, daß der Bürgermeister schon das Richtige sagt:
„Nun ist auch unsere Stadt schwulenfrei! Wer hätte gedacht, daß es selbst in unseren Mauern noch Schwule gäbe… Aber Monsignore von Echs hat sie aufgespürt und entlarvt. Sie konnten sich nicht verstecken. Jetzt können wir freier atmen. Wir sind befreit von der Seuche und danken dem Monsignore von Herzen und sagen Vergelt´s Gott!“
Die Umstehenden, die Entourage des Bürgermeisters von der Stadtverwaltung, applaudieren, dann fällt pflichtgemäß auch die Menge ein in den Beifall. Der Mann ist froh, daß er seine Zeilen ohne Stottern hinter sich gebracht hat und seufzt erleichtert. Aber gleich denkt er daran, daß der Monsignore sich natürlich nicht mit dem öffentlichen Vergelt´s Gott zufrieden geben wird. Heut abend wird er im Amt sein Honorar abholen; ein stattliches. Es wird eine tiefe Lücke ins ohnehin klamme öffentliche Säckel reißen.
Der reportierende Priester wendet sich dem Schwulenjäger zu; dem kann er nicht mit einer Wortlawine kommen. Er muß ihm kurze und knappe Fragen stellen. Eigentlich liegt ihm dieser Teil seiner Radioarbeit ganz und gar nicht:
„Monsignore, wieder einmal haben Sie Erfolg gehabt. Und wieder einmal eine Stadt gerettet… das muß Sie doch mit Stolz erfüllen!“
Der Monsignore nimmt den Hut ab. Jetzt ist sein Gesicht erkennbar: hagere Züge, tiefe Furchen neben der Nase, eine trockene auf den Wangenknochen schuppige Haut und ein eisgrauer Bart ums Kinn. Kein junger Mann mehr – aber seine Augen sind ganz klar, er braucht keine Brille, taubengrau, mit einigen Splittern Grün darin. Diese Augen fixieren das Gegenüber wie ein Jäger die Beute vor dem Schuß. Ganz scharfe Augen. Wie schade, denkt der Reporter, daß wir kein Fernsehen mehr haben, dann könnte man zeigen, wie durchbohrend dieser Blick ist. Das ist der richtige Mann am richtigen Platz.
„Stolz,“ der Monsignore wägt und wiegt das Wort im Mund. Seine Stimme ist nahezu angenehm, aber hin und wieder klingt da ein blecherner Ton aus dem Rachen, als niste dort schon länger ein Husten, den er nicht loswird.
„Stolz bin ich, daß ich das Werk des Herrn verrichten kann. Das sicher. Aber ich bin eben nur ein Werkzeug. Doch zugegeben, die da,“ er weist mit dem Kopf in Richtung der Delinquenten, „haben es mir nicht einfach gemacht. Es sind ja Rückfällige, die schon einmal in Behandlung waren und sich nicht beherrschen wollten oder konnten. Die wissen, wie man sich tarnt und normal gibt.
Es ist ja nicht so, daß man sie leicht erkennen könnte an ihrem Gehabe oder ihrer Kleidung wie früher. Sie haben sich angepasst und versuchen, nicht immer glückt es ihnen, das weibische Gehabe abzulegen. Sie haben sich versteckt und im Geheimen verschworen, um ihren Schmutzigkeiten nachzugehen. Es ist schwer geworden, sie zu entlarven.“
Der Monsignore erhebt die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger, eine schmale Hand, manikürt und fast alabasterweiß, seine Geste hat Ähnlichkeit mit der von Johannes dem Täufer auf dem Grünewaldaltar, leicht gedreht die Hand und anmutig ausgestreckt, das könnte man malen. Wie gut, daß man schon am Collegium Germanicum bischöfliche Gesten einstudiert hatte. Die Pause verschafft dem nächsten Satz des Monsignores erschreckendes Gewicht: „Aber das ist ja gerade die ärgste List des Satans, uns glauben zu machen, er existiere nicht!“
„Wollen Sie uns nicht erzählen, wie Sie die Sodomiten überführt haben?“ fragt der Reporter.
Der Monsignore schüttelt den Kopf: „ich glaube nicht, daß wir das über den Rundfunk verbreiten sollten. Es hören ja auch Kinder zu. Ich will einzig sagen, daß ich sie nach langer Observation in flagranti ertappte; es war so eindeutig, daß wir bloß noch einmal in ihren Akten nachsehen mußten, welche Vorstrafen sie bereits hatten. Dann konnten wir sie der weltlichen Gerichtsbarkeit dieser Stadt übergeben. Und wenn ich Wir sage, dann meine ich meinen lieben Assistenten Vinanser,“ er wandte sich um und winkte einen hoch gewachsenen, athletischen Mann heran. Nicht mehr im ersten Drittel seines Lebens, aber jugendlich, sportlich das kräftige Kinn glatt rasiert, ein Beau mit melierten Schläfen. Er hatte noch immer die Frische seiner Jugend und Heimat, kam er doch aus einem Tiroler Bergdorf – fromm und bauernschlau – mit einem Stipendium nach Rom, wo der Breitschultrige Basil von Echs früh aufgefallen war. Gustl Vinanser trug nie eine Soutane, der schwarze Anzug auf Taille geschneidert, der war nicht billig, stand ihm besser. Er war schon mit so einem maßgeschneiderten Anzug nach Italien gereist. Der Generalvikar seiner Diözese hatte ihn dem jungen Mann gekauft. Er sollte doch im Vatikan bona figura machen. Auch duftete Vinanser nach einem der seltenen Eau de Toilettes für Männer – Parfums waren ohnehin der pure Luxus – er hatte es von einer Romreise mitgebracht. Der heilige Vater hatte erlaubt, daß ein für ihn kreierter Duft in den Andenkenläden verkauft werden durfte.
Hätte man das noch sagen dürfen, aber der Sprachgebrauch war verpönt, dann würde man Vinanser einen schönen Mann nennen. Doch das schickte sich seit einigen Jahren nicht mehr, seit dem Sprachregelungsgesetz; es war höchstens gestattet das Leidensantlitz des Herrn Jesus am Kreuz als schön zu bezeichnen. Denn sein Leiden hatte ja auch etwas unendlich Schönes. Wie ja das Leiden immer eine eigene Schönheit besitzt, besonders bei den Armen. Und auch die Verwendung von Duftwässern für Herren war eigentlich nur noch dem Klerus vorbehalten, der über jeden Zweifel erhaben war. Der an sich so männliche Vinanser benutzte es wahrscheinlich, um Sodomiten anzulocken.
Vinanser kam nicht dazu, etwas ins Mikrophon zu sprechen, denn von hinten näherte sich nun der Zug mit den Todeskandidaten: drei noch sehr junge Männer, keiner älter als fünfundzwanzig. Sie hatten einmal Frisuren gehabt, die nicht dem vorgeschriebenen Fassonschnitt entsprachen. Lange Haare waren Männern eigentlich verboten, sowie Kurzhaarfrisuren den Frauen. Die Aufweichung der Geschlechter begann im Frisiersalon.
Die Haare der Delinquenten waren beim Verhör in Unordnung geraten, die standen ihnen wohl auch zu Berge, weil es jetzt ans Ende ging. Die Köpfe hielten sie gesenkt, ärgerlich vor allem für die vielen jungen Mädchen der Hauswirtschaftsschule, die in Klassenstärke hergeführt worden waren. Sie hätten gerne einmal einen Blick geworfen auf die Gesichter. Sodomiten, wurde getuschelt, sollten zumeist sehr hübsche Männer sein. Aber hübsche Männer durfte es ja nicht mehr geben.
Der Trupp mit den Bewachern hielt vor dem Gerüst. Einer der jungen Männer wagte es aufzublicken und in die Runde. Schwarz, traurig aber noch immer verwegen.
Nichts kann man dem ansehen, dachte eines der Mädchen. Sie erkannte in ihm den Organisten der Domkirche, der auch als Klavierlehrer an ihrer Schule arbeitete. Sie hatten ihn alle gemocht, den jungen Mann mit dem wüsten schwarzen Haar und den schlanken Händen, die so geschickt über die Tasten eilten. Nun, die Schülerinnen sollten ja nicht Pianistinnen werden, sondern höchstens Chöre beim Singenachmittag begleiten können oder bei Altennachmittagen aufspielen. In die Kirche gehörten keine Frauenstimmen, Knaben- und Männerchöre gefielen dem Klerus und Gott bei weitem besser.
Jetzt war das Gesicht des Klavierlehrers müde und leer. Er und die beiden anderen jungen Männer waren wohl durch Nächte verhört worden. Schade, das Mädchen konnte in diesen Gesichtern nichts Sodomitisches erkennen, die waren noch immer jung und hübsch, sogar trotz der rotgeränderten Augen und der getrockneten Tränen auf den Wangen. Da kann man mal sehen, wie der Teufel sich tarnt – hübsche Fratzen und unschuldige Blicke, aber hinter dieser Maske: homosexuell. Sie starrte den Todeskandidaten an und biß in eine Salzbrezel. Die Krümel rieselten auf ihre weiße Bluse.
Ein Aufhebens mit letzten Worten war nicht vorgesehen. Als die öffentlichen Hinrichtungen eingeführt worden waren, nutzen einige der Delinquenten ihre letzten Worte zu blasphemischen Manifestationen. Das mußte man unterbinden.
Ein Pater aus dem Benediktinerkloster sprach die entsprechenden Gebete. Seinen sonstigen Beistand hatten die drei empörenderweise abgelehnt. Schwul und atheistisch, schlimmer konnte es kaum kommen. Und wozu der geistliche Beistand, was hätten sie auch zu hoffen gehabt, sie verließen im Zustand schwerster Sünde die Erde und würden niemals vor Gottes Angesicht treten. Es ging mit ihnen todsicher gleich abwärts ins Purgatorium und nie wieder hinaus.
Die Beamten der Ortspolizei, die sie hergeführt hatten, drängten die jungen Männer aufs Schafott hinauf. Einer stolperte auf der gerade noch zusammen gezimmerten Treppe, weniger ein Fehltritt als der Angst geschuldet. Sein Bewacher half ihm auf. Das Glockengeläut war abgeebbt und als die drei Delinquenten unter den Stricken angekommen waren, versiegte auch das Gerede und Geschwätz der Menge, ohne daß jemand zum Schweigen aufgefordert hätte.
Aus der Entourage des Bürgermeisters drängte sich der Gerichtspräsident des Ortes heran, stieg nun die Treppe zum Hochgerüst hinauf, stellte sich vor ein Mikrophon und tappte mit dem Finger darauf. Über den Festplatz schallten die dumpfen Geräusche auf dem metallenen Netz. Er räusperte sich; auch das war auf dem ganzen Gelände zu vernehmen; man hatte sechs Verstärker im Kreis verteilt. Zwei hatte kath.radio zur Verfügung gestellt, die restlichen vier waren aus verschiedenen Kirchen der Stadt herbei geschafft worden.
Der Gerichtspräsident war ein alter Mann. Er hatte noch vor den bürgerkriegsartigen Unruhen, die dann durch die erste religiöse Regierung beendet worden waren, Jura studiert. Die vielen neuen Gesetze und Änderungen der vergangenen fünfzehn Jahre konnte er sich nicht mehr merken und mußte sich deshalb mit zahlreichen Notizzetteln behelfen, die in all seinen Taschen steckten. Er hatte seinerzeit bei der Einführung der Todesstrafe für unbelehrbare Sodomiten eine Rede aufgesetzt und vom Generalvikar abgesegnet bekommen. Eine Rede für alle Fälle. Aus seiner Brusttasche zog er das oft schon ge- und entfaltete Blatt. Das war damals noch in großen Lettern von einem Drucker ausgespuckt worden, der dann bald darauf den Geist aufgab; es gab niemanden, der ihn reparieren konnte. Und neue Computer schon gar nicht. Was noch an Büroelektronik funktionierte, war landesweit konfisziert worden, ebenso wie die privaten Rechner. Jetzt schrieb man wieder auf alten Schreibmaschinen. Einmal im Jahr brachte man sie zur Schriftprobe ins Generalvikariat. Diese einfache Maßnahme zur Überwachung der renitenten Bevölkerung hatte man schon zu Zeiten Ceaucescus in Rumnien angewandt. Im Generalvikariat gab es noch einen Zentralcomputer, der allerdings in den letzten Monaten immer öfter abstürzte. Es dauerte Tage, bis vom Regierungssitz in der Landeshauptstadt zuverlässige Ingenieurspatres zur Reparatur hergeschickt wurden. Sie reisten ständig umher und hatten viel zu tun den überalterten Computerbestand der Behörden zumeist nur notdürftig instand zu setzen.
Der Gerichtspräsident konnte die kleingetippten Buchstaben der Schreibmaschine in seinem Büro nicht mehr lesen, seit die letzte Brillenzuteilung für Kassenpatienten auf sich warten ließ. Brillenkontingente gingen erst einmal an den Klerus. Deshalb war der brillenlose Gerichtspräsident über den großen Druck auf seinem Blatt sehr froh.
„Wir sind hier,“ begann er bedachtsam sprechend, „zu einer traurigen Pflicht versammelt. Traurig, denn wir machen dies nicht gern. Aber es muß sein: wir können Homosexuelle nicht mehr in unseren Reihen dulden. Wir haben Mitleid mit ihnen und fordern sie auf, wie andere Kranke, sich behandeln zu lassen. Aber wenn sie erneut auffällig und rückfällig werden, hat jede Behandlung und Disziplinierungsmaßnahme ein Ende. Wir können nicht dulden, daß die widernatürlichen Triebe sich ausbreiten. Wir mußten die Legalisierung des Bösen, wie unser erster deutscher Papst sagte, beenden und deshalb richten wir die, die dem Bösen verfallen sind nach dem Naturrecht und schließen sie aus der Gemeinschaft aus -durch die höchste Strafe, die Gott erlassen hat. Wir haben keine andere Möglichkeit die Kirche, den Klerus, den Staat und die Familie vor dem Widernatürlichen zu schützen und deshalb müssen wir die Sodomiten züchtigen und zuletzt, wenn sie unverbesserlich sind, die Todesstrafe verhängen. Damit erfüllen wir den Willen des Herrn, denn wie steht es geschrieben bei Mose : „Schläft einer mit einem Mann wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Greueltat begangen, beide werden mit dem Tode bestraft“!
Und selbst diese Strafe ist immer noch ein Zeugnis für die Liebe des Herrn. Denn er wäre kein liebender Vater, wenn er jene nicht strafen und uns andere damit warnen, mahnen und schützen würde. Diese Strafe soll andere abschrecken, abschrecken, sich verführen zu lassen vom Satan zu widernatürlichem Verkehr. Denn nichts anderes ist dies; ein Verstoß gegen die Natur, das Sittengesetz und gegen die Kirche und Gott. Ein Verstoß gegen die Menschenwürde, gegen die göttliche Ganzheit des Menschen in Mann und Weib – aber Homosexuelle sind nicht ganz, nicht natürlich, sie sind ein Fehler der Natur! Wir sind aufgerufen, ihn zu korrigieren!
Und so vollziehen wir heute den Willen des Herrn durch Erhängen an den Verurteilten…“ und nannte die drei Namen – und ein Raunen ging durch die weiter weg stehende Menge, die die Gesichter nicht erkennen konnte. Es waren in der Stadt wohlbekannte Namen; eine Schande für die Familien, die ihre Söhne nicht richtig in Gottesfurcht erzogen hatten.
„Diese jungen Männer,“ fuhr der Gerichtspräsident fort, „waren nun einmal unbelehrbar und wollten sich nicht ändern. Deshalb konnten wir keine Gnade mehr walten lassen, wie denn auch der Herr ihnen keine Gnade mehr zukommen lassen kann.“
Darauf nickte er dem Henker zu, der während seiner Ansprache unbemerkt aufs Schafott gestiegen war. Der Henker trug eine scharlachfarbene Kapuze, die sein Gesicht verbarg, wie in früheren Zeiten der Inquisition. Die führte, seitdem sie vor mehr als 30 Jahren unter deutsche Leitung gekommen war, auch wieder ihren angestammten Namen und hieß nicht mehr Glaubenskongregation. Dafür hatte der deutsche Kardinal Meier-Rottweil, der ihr jetzt vorstand, gesorgt. Auch das Aufgabengebiet der neuen heiligen Inquisition war inzwischen wieder das angestammte: Indizierung schädlicher und falscher Kunst, Philosophie und Wissenschaft und Entlarvung von Blasphemikern und Apostaten.
Wer zuvor die breiten Schultern Vinansers bewundert hatte, der erkannte nun auch seine kraftvolle Silhouette auch unter der spitzen bis auf Rücken und Brust reichenden scharlachroten Haube. Vinanser legte gern selbst Hand an, um so eine Sodomitenjagd zu beenden. Erst wenn die Schwulen baumelten, war für ihn die Jagd abgeschlossen. Und sie baumelten immer, Basil von Echs sorgte dafür – sie waren immer schuldig weil sie immer widernatürlich waren. Sie dienten nicht dem Herrn und nicht den Menschen, sie waren Blindgänger, sie zeugten nicht, die hatten nur Lust. Vinanser sah sich in höherer Pflicht, wenn er den Abgeurteilten den Strick um den Hals legte.
Durch die Schlitze der Kapuze erblickte er wie immer den Monsignore vor dem Schafott unter den Würdenträgern der Stadt, dem Bürgermeister, den Ratsherren, dem Abt des Klosters und der Äbtissin der Klosterschule. Der Monsignore lächelte wie immer bei Hinrichtungen, kaum merklich – man sollte ihm keine Freude nachsagen an den ultimativen Minuten seines Amtes. Aber Vinanser wußte, dies Lächeln war von einem schiefen Zug des Neids durchwoben – wahrscheinlich hätte Basil von Echs gern selbst Hand angelegt, aber das vertrug sich nicht mit seinem Rang und Ansehen.
Also mußte er, Vinanser, die Stricke um die Hälse legen; ein eigenartiges Gefühl der Macht, den Hanf in den Händen zu spüren und die Haut der Hälse, zumeist zarte, junge Haut wie heute. Fast immer entlarvte Monsignore von Echs junge Invertierte, die schon einmal Erziehungsmaßnahmen genossen hatten, aber nicht von ihrem Laster lassen konnten. Die älteren, so sagte er, seien geschickter, die wüßten sich besser zu verstellen. Da wäre ihm auch schon mancher entwischt; und so hatte er sich gleichsam spezialisiert auf die Jungen. Die wären allzu oft von ihrem Trieb überwältigt und begingen Fehler, die zur Entdeckung führten. Aber manches Mal machte er sich einen Sport daraus, auch einen älteren, verstockten Sodomiten zu überführen; wie ein Schachspiel war das für ihn. Eine intellektuelle Herausforderung sie aufs Glatteis zu führen. Und er siegte immer, spätestens bei der strengeren Befragung.
Vinanser lächelte unter seiner Kapuze. Er fand es fast poetisch wie eine Mundkommunion, was er hier tat: er fügte Hanf und Hals zueinander. So wie der Mund nicht mehr widersprechen kann, wenn er die Hostie aufgenommen hat, so konnten sich diese Zwanzigjährigen nicht mehr wehren, wenn der Strick ihnen um die zarte Haut des Halses spannte. Mit den Fingerspitzen spürte Vinanser, daß sie noch warm war, die gleich kalt werden würde, die Haut der jungen Männer.
Die sind heute schweigsam. Kein Ton, kein Wimmern oder Flehen. Die kriegen auch keine Kapuzen, die Menge soll die Gesichter des Todes sehen, soll sehen, wie Sodomiten sterben. Wenn sie doch nur jammern würden, das würde ihre Weichlichkeit und Weibischkeit bezeugen. Diese drei aber stehen gerade und starren in die Menge mit ihren irren Augen, gerötet von der durchwachten Verhörnacht. Schau´n die sich noch nach Komplizen um, denen letzte Blicke zuzuwerfen?
Die Alumnen vom Priesterseminar haben sich unter die Menge gemischt, schlanke schwarze Soutanen wie Ausrufezeichen zwischen den übrigen Menschen. Die haben Acht wen die letzten Blicke vom Schafott treffen mögen. Das wären die nächsten, die man verhören muß. Es wird immer genug Arbeit geben, Sodomiten wachsen in jeder Generation nach, Vinanser macht sich da keine Sorgen und tritt zum schweren Eichenhebel am Rande des Podestes, umfaßt ihn mit der heißen, harten Hand und drückt ihn nieder. Die Falltür öffnet sich in ihrer ganzen Länge, die Menge seufzt und aaht, die Hälse rucken und die Körper zucken, ein Würgen aus den Mündern, die ringen um letzte Luft und dann baumeln sie, ein Gehänge Leiber über dem Nichts. Die Sodomiten sind tot. Die Menge applaudiert, die ist befreit von den Sündern und Trägern der Seuche.
Ein hagerer Priesterkandidat mit hoher Stirn und schwarzer Hornbrille krümmt sich nach vorn und streckt den Arm, die Hand, den Finger aus.
„Da, „schreit er, “der da weint. Der hat Mitleid!“ und Stimme und denunzierender Finger treffen auf einen Jungen, kaum zwanzig, ein Blondschopf, hochgewachsen und schlank mit einem noch weichen Gesicht. Dem rinnen die Tränen über die Wangen, der kannte einen der Hängenden. Wenn man den jetzt ergreift, dann ist er vielleicht der nächste, mit Gottes Segen der letzte Sodomit in dieser Stadt.
Der dürre Kandidat springt auf den jungen Mann zu, doch die enge Soutane hindert ihn, er stolpert und fällt und will den Jungen noch im Sturz ergreifen, entblößt vor Eifer die Zähne, das Zahnfleisch, das rote, das bleckt. Schon prallt er auf den Boden und begräbt einen Fleck Marienblumen unter sich. Die anderen Alumnen eilen herbei.
Basil von Echs gibt Vinanser mit einem Zucken des Kopfes, kaum merklich, ein Zeichen; die Augen sagen „Den will ich. Hol ihn mir!“ und Vinanser springt hinab vom Schafott und reißt sich im Springen die Henkerskapuze herunter. Das ist nicht regelgerecht, aber wer sollte den Jungen sonst packen – der dürre Priesteramtskandidat? Der hält den Jungen nicht. Auch nicht die übrigen Studenten, die haben den Willen, aber nicht die Kraft.
Der Junge rennt davon durch die Menge – die weicht zurück, überrascht und erschrocken – und stürzt fast über einen Brezelverkäufer, dem fällt der Korb aus der Hand und das Gebäck prasselt umher auf den Boden. Kinder springen heran und schnappen sich die Kringel. Der Junge rappelt sich auf und ist schon hinter der Biegung zur Stadt verschwunden. Atemlos übern Kirchhof, ein wieselndes spitziges schwarzes Dreieck aus Priesterstudenten hinter ihm her, das fuchtelt und ist erschrocken über sich selbst, daß es Jagd macht auf Sünder… Mit Riesensprüngen Vinanser hinterher.
Die Menge johlt. Die noch warm im Winde baumeln, sind nicht mehr interessant, man starrt den Abhang hinab wie der blonde Junge da unten über die Gräber hetzt und hechtet. Und die Hoffnung der Altäre hinter ihm her. Das war nicht vorgesehen, die überkommt der Eifer, die Jagdlust, manch einer wäre gern Exorzist, ein anderer, matterer, beleibter und im Laufen ungeschickt zurückfallend, träumt vom zukünftigen Bischofssitz, den meisten reichte eine Pfarre, die sie versorgt, aber einige führten auch gern das Wanderleben des Schwulenjägers. Hier könnten sie sich beweisen für Höheres!
Kopphalster, das geht dem Flüchtenden hinterdrein, den kann man hetzen, der schlägt schon Haken an der Totenhalle, da geht´s zur Grenzmauer des Gymnasiums, dann auf die andere Straßenseite, vorbei am Paramentenladen, dann kommt das Geschäft für christliche Kunst mit Kruzifixen und Krippen, die werden im Ort geschnitzt, eine wichtige Einnahmequelle. Ein Drehkarussel davor mit Ketten und Rosenkränzen, die streift der Junge beim Vorüberlaufen und reißt sie hinab und all die heiligen Perlen, gedrechselt aus Holz, aus Elfenbein geschliffen, aus Glas getropft, spritzen davon übern Asphalt.
Die Menge jubelt vom Richtplatz hinunter, kein Pferderennen könnte spannender sein. Die schwarzen Priesterraben kreisen den jungen Mann ein. Vinanser erreicht die studentischen Soutanen und schiebt sie beiseite mit seinen Pranken, der will nach vorn und sich den Burschen selber packen.
Jetzt schlägt es von der Kathedrale drei. Der Junge erreicht die Altstadt, er keucht und schnappt nach Luft, die bleibt ihm fort, er muß aber atemlos weiter und er taucht ab in den alten Gassen zwischen dem Fachwerk, weiß gekälkt und schwarze Balken und so viel Schmutz auf dem Kopfsteinpflaster. Mülltonnen überfüllt, die Stadtverwaltung aus Diakonen kriegt die Abfuhr nicht geregelt, seit Jahren nicht. Die Ministranten werden dienstbefohlen, die aber drücken sich und aus den Ascheimern quillt der Unrat auf die schmalen Straßen. Früher hatte man für Touristen ein Kanalsystem wie Zierrat angelegt mit eingemauerten Rinnsalen und kleinen Brunnen in der Fußgängerzone, die sind längst versiegt und zu Stolperfallen geworden.
Droht da ein Schatten in seinem Rücken, der Junge dreht den Kopf nach hinten. Nichts ist da zu sehen, wer weiß, was das war. Er hört die Rufe seiner Verfolger, die kommen näher. In einem der gemauerten Gräben verfängt sich sein Fuß, er stürzt aufs Gesicht, das verschrammt. Da packen ihn zwei Hände an den Schultern und ziehen ihn hoch. Er schrickt zusammen: Sie haben ihn gefaßt.
Ein kräftiger Mann, aber nicht in Soutane, ein grauer Anzug, grauer Hut tief in die Stirn gezogen, so bleibt sein Gesicht im Schatten der Krempe.
„Komm,“ raunzt der Mann und zieht ihn an den Schultern in eine enge Gasse vor eine Eichentür, die öffnet er, ein Hintereingang, schiebt ihn hinein in eine Abstellkammer und drückt ihm Oberkörper und Gesicht auf den Boden. Sie kauern übereinander, und die Nachmittagsschatten der Verfolger huschen durchs Fenster auf die Wand und die Regale voller Lebensmittel. Die Laufschritte draußen verhallen.
Der Junge will sich befreien von der Wucht des auf ihm lastenden Körpers. „Still“ zischt der Mann über ihm und preßt ihm die Hand vor den Mund. Dann läßt er los, steht auf und lugt durchs Fenster in die Gasse. Sie sind entkommen.
Das ist das Gesicht seines Retters: der Junge hockt auf und schaut ihn von unten an. Vielleicht dreißig oder etwas älter. Aschfarbenes Haar, aschfarbener Kinn- und Schnurrbart, selbst die Brauen sind asch, aber die Augen grün – die sehen streng auf ihn hinab. Der Mann nimmt den Hut vom Kopf schlägt ihn zornig gegen sein Bein und schimpft:
„Verdammt, das war nicht vorgesehen!“
Jetzt kommt dem Jungen erst die Sprache wieder. „Was war nicht vorgesehen?“
„Daß ich dich rette!“
„Retten!,“ spuckt er sarkastisch. „Irgendeiner hat mich doch bestimmt erkannt. Wenn sie mich jetzt nicht finden, dann müssen sie doch nur vor meiner Wohnung warten. Und dann werde ich verhaftet und zur Umerziehung geschickt!“
Der Mann seufzt und fährt sich ratlos durchs Haar. „Höchstwahrscheinlich! Wenn du nach Haus gehst, landest du im Lager. Das heißt, du bist also vorher noch nicht aufgefallen?“
Der Junge schüttelt den Kopf. „Aufgefallen bin ich noch nicht, aber ich will nicht ins Lager!“
„Na, dann müssen wir wohl sehen, was wir dagegen tun können! Als ob ich nicht genug um die Ohren hätte. Sowas wie Dich kann ich gar nicht brauchen,“ der Mann klingt erschöpft und resigniert.
„Dann hätten Sie mich ja nicht retten müssen! Das wird Ihnen nur Ärger einbringen, wenn Sie einem Schwulen helfen. Da fällt der Verdacht doch gleich auch auf Sie!“
Der Mann winkt ab, „geschenkt!“ und legt erneut den Finger auf die Lippen. „Da kommen zwei zurück,“ zischt er und drängt sich ans Fenster, um hinauszuspähen.
Draußen stehen ratlos zwei Kandidaten in ihren Soutanen, die Hüte in Händen und wischen sich den Schweiß von der Stirn. Die Hetzjagd ist stimulierend, sie haben rote Gesichter und atmen erregt. Spannender kann die Treibjagd auch nicht sein, zu der der Regens im Herbst immer einlädt – wer übers Jahr nicht beim Onanieren erwischt wurde, darf zur Belohnung und zum Ausgleich Wildschweine und Rehe schießen. Die anderen, die sich befleckt haben, müssen die Treiber machen und riskieren, eine Schrotladung abzukriegen. Jetzt aber jagen sie das menschliche Tier, einen Schwulen, das gefährlichste Großwild von allen.
„Die können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben,“ jeimelt einer der beiden Kandidaten.
„Sicher nicht, die stecken bestimmt noch hier. Wir müssen das ganze Viertel systematisch durchsuchen!“ das sagt der andere laut und mit dem Brustton der Überzeugung, dabei macht er seinem Kommilitonen Zeichen und weist auf die Hintertür. Der schüttelt erschrocken den Kopf und murmelt, „sollten wir nicht lieber warten, bis wir den Assistenten vom Monsignore herbeigeholt haben.“
„Dann sind die über alle Berge,“ flüstert der Übermutigere und ist schon ein paar Schritte weiter zur Tür vorgerückt. Die Schwulenjagd macht tollkühn, so kurz vor der Weihe.
„Die müssen da drin sein, woanders konnten sie nicht unterschlupfen!“
Der Mann mit dem aschblonden Haar wirft seinen Hut auf ein Bord mit Konserven und winkt den Jungen hinüber zur anderen Seite der Tür. Fast unhörbar flüstert er: “wir müssen die beiden schachmatt setzen, traust du dir das zu? Das ist nicht schwer. Mach genau das, was ich mache!“
Der Junge zieht die Schultern an und hebt die Hände und bedeutet damit: „Habe ich eine andere Wahl?“
Draußen streckt einer seine zukünftigen Priesterhände der Klinke entgegen, drückt sie ganz vorsichtig und öffnet die Tür, geduckt hinter ihm sein weniger tollkühner Mitstreiter. Sie tasten sich behutsam aus dem sonnigen Nachmittag in den verschatteten Vorrat.
„Jetzt,“ kommandiert der Aschblonde, stürzt vor aus dem Schatten, packt den einen Kandidaten am Kragen und zieht ihn blitzschnell in den Raum hinein. In Bruchteilen von Sekunden macht`s ihm der Junge nach und hat den Zaghafteren, Fülligeren an der Soutane im Griff. Und noch ehe einer von beiden Studenten einen Schreckenslaut von sich geben kann, kriegen sie schon einen Faustschlag ins Gesicht verpaßt. Der Junge hat noch nie geboxt, in seine Knöchel schießt der Schmerz als er aufs schlecht rasierte Kinn seines Kandidaten trifft. Die Angst, die Wut, die Verzweifelung geben ihm Kraft. Und noch einmal ein Schlag und mit der anderen Hand zugleich den Arm auf den Rücken gedreht. Jetzt gibt es doch Schmerzenslaute. Mit dem Fuß tritt der Aschblonde die Tür zu und zieht eine Waffe aus der Jackentasche: „Kein Laut, werte Brüder,“ raunzt er. „Alle beide da in die Ecke. Dreht euch um, die Hände auf den Rücken!“
„In Gottes Namen,“ jeimelt der feistere. Der dürre Kandidat schweigt.
„Halt den Mund. Ich werd´ nicht zögern, zu schießen. Wir haben dann noch immer Zeit genug, uns aus dem Staub machen…“ und zu dem Jungen gewendet: “da in der Ecke liegt ´ne Wäscheleine. Binde denen damit die Hände auf dem Rücken.“
Der Junge greift sich die Plastikschnur und fesselt die beiden Kandidaten. Dann zwingt der Aschblonde sie auf den Boden und stopft ihnen, die sich alles gefallen lassen, Trockentücher, die liegen im Stapel auf einem Regal, in die Münder. Er nimmt dem Jungen die lange Schnur aus der Hand und windet sie weiter um die Oberkörper, die Hälse bis er an den Mündern anlangt. Jetzt können sie die Knebel nicht mehr ausspucken.
„Pakete fürs Seminar. Unfrankiert, Porto bezahlt der Empfänger,“ er grinst. „Das hält eine Weile!“
Der Junge ist völlig verblüfft über das, was er getan hat, so etwas hatte er sich nicht zugetraut. „Aber jetzt, „fragt er, „Was jetzt?“
„Jetzt muß ich dich wohl oder übel mitnehmen. Hier kann ich dich ja schlecht lassen…komm!“ Und er späht durch den Spalt der Tür. Die Luft ist rein, kein Verfolger zu sehen. Sie schlüpfen hinaus in die Gasse. Wie gut, daß der Himmel sich jetzt bezieht. Mairegen bringt Segen; stumpfgraue Wolken und dahinter der bedrohliche Widerschein der verborgenen Sonne, gleißend wie ein Hochofenabstich. Schon pladdert´s die dicken Frühlingstropfen lauwarm aufs Pflaster.
„Komm,“ sagt er nochmal und zieht den Zögerlichen am Ärmel vorwärts. „Nur zwei Straßen weiter!“
Sie schleichen noch bis zur Ecke, dann sind sie auf der ehemaligen Fußgängerzone angelangt und bewegen sich wie unbeteiligte Passanten. Hier ist schon seit Jahren nichts mehr ausgebessert worden, die Stadt verfällt. Vom Richtplatz sind erst wenige heruntergekommen, der beginnende Regen treibt sie gleich in die Häuser. Ausnahmsweise keine Soutane zu sehen.
Schon wird der Junge wieder am Ärmel gezogen in eine Seitengasse zu einer Treppe hinab, vor eine Eisentür. Die Inschrift Parkhaus Hotel – Saale kam man kaum noch lesen, so sehr ist die Farbe abgeblättert. Hier stellten früher, vor zwanzig Jahren, die zahlreichen Gäste ihre Wagen ab. Jetzt sind fast alle Buchten leer, Touristen gibt es kaum noch. Die Reisebranche ist zum Erliegen gekommen. Da ist nur der schwarze Mercedes des Monsignore: den erkennt der Junge und er weicht zurück. Der Monsignore und sein Assistent sind im Hotel abgestiegen. Es ist das beste im Ort und wird fast nur von geistlichen Herren frequentiert.
Der Junge mustert seinen Retter, der errät, was der Blick bedeutet und schüttelt den Kopf, „ich bin kein Priester oder Pater. Keine Sorge. Ich wohne hier im Hotel. Hatte hier zu tun in der Stadt… Das da ist mein Wagen,“ und er weist stolz auf einen Citroen, ein Oldtimer, bestimmt mehr als fünfundzwanzig Jahre alt, der wird längst nicht mehr hergestellt: weiß, geschwungen, französisch, eigenwillig.
Der Mann öffnet die Tür zu den Rücksitzen. „Da legst du dich jetzt drauf, bis ich zurückkomme. Ich wollte sowieso heut abend fahren, fahr ich eben etwas früher. Hier bist du sicher, hier wird keiner nach dir suchen. Ich hole meine Sachen, zahle meine Rechung und dann hauen wir ab!“
„Und wohin? Wo soll ich denn jetzt hin!“ Die erste Aufregung hat sich gelegt, jetzt begreift der Junge erst, was er vorhin nur unbedacht gesagt hat, er kann nicht mehr zurück. Man würde ihn verhaften und ohne Aufhebens in ein Umerziehungslager schaffen.
„Wie heißt du eigentlich?“ fragt ihn der Mann.
„Elian,“ sagt er, „eigentlich heiß ich Erich, aber ich hasse den Namen und Elian habe ich mal in einem Legendenbuch gelesen, der Name gefiel mir. Aber das ist jetzt völlig egal. Wo soll ich denn hin? Und wieso sollte ich mit Ihnen fahren?“
„Ich fürchte, du hast keine andere Wahl!“
Der Aschblonde streckt ihm die Hand entgegen, mit der er eben noch entschlossen die beiden Kandidaten geknebelt hatte. Eine große, schlanke Hand. „Willkommen,“ sagt er, „Willkommen im schwulen Maquis!“

a9

 by Wolfgang Brosche 2015

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